Gefangen in Flößberg - Moritz Grote - E-Book

Gefangen in Flößberg E-Book

Moritz Grote

0,0

Beschreibung

Das Außenlager Flößberg war von Dezember 1944 bis April 1945 als Außenstandort des Konzentrationslagers Buchenwald in Betrieb. Jüdische wie nichtjüdische Männer aus ganz Europa wurden hier für den Leipziger Rüstungskonzern HASAG ausgebeutet, misshandelt und getötet: »Ein Tag in Flößberg«, so ein ehemaliger Gefangener, »war wie ein ganzes Leben im Tod. Der Dreck, der Schlamm, die Qualen, die Brutalität, das war jenseits aller Vorstellungskraft.« Dieses Buch versucht, Flößberg als Teil des NS-Ausbeutungs- und Vernichtungssystems sichtbar zu machen. Es soll die Stimmen einiger der unzähligen Menschen, die hier zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, bewahren, und die Verantwortlichen im System verorten. Um diese Strukturen zu verstehen, braucht es mehr als nur den Blick auf einzelne Gewaltausübende und auf den Ort des Geschehens. Es braucht die Details, die Biografien, den Vergleich, um den beispiellosen Terror nachzuvollziehen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 936

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Moritz Grote / Wolfgang Heidrich

Gefangen in Flößberg

Die Geschichte des Buchenwalder Außenlagers 1944 bis 1945

Mit einer Einleitung von Stefan Hördler

Mit freundlicher Unterstützung von

© 2024 zu Klampen Verlag ∙ Röse 21 ∙ 31832 Springe ∙ zuklampen.de

Umschlaggestaltung: Stefan Hilden · München · hildendesign.de

unter Verwendung von Abbildungen der National Archives

and Records Administration

Eingangszitat: Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 47.

Abdruck des Zitats mit freundlicher Genehmigung des Verlags Brill | Fink.

Satz: Germano Wallmann ∙ Gronau ∙ geisterwort.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

ISBN Print 978-3-98737-017-5

ISBN E-Book-PDF 978-3-98737-399-2

ISBN E-Book-epub 978-3-98737-400-5

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen

insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen

gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹ http://dnb.dnb.de › abrufbar.

Wenn alles gesagt ist, bleibt das Desaster zu sagen, Ruin des Sprechens, Ohnmacht durch die Schrift, ein murmelnder Tumult: was restlos übrigbleibt (das Fragmentarische).

Maurice Blanchot

Statt eines Vorworts

Der Anfang vom Ende: das Konzentrationslagersystem und seine Außenlager in den letzten Kriegsmonaten 1944/45

»Es braucht sich überhaupt jetzt keiner mehr hier abzuhetzen, weil doch alles so viel kleiner und leichter geworden ist.«1 Mit diesen makabren Worten umschrieb der SS-Standortarzt in Auschwitz, Eduard Wirths, in einem Brief an seine Frau am 29. November 1944 die beginnende Auflösung des KZ-Komplexes Auschwitz und das Ende der massenhaften Tötungen in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau. Erst wenige Tage zuvor hatte Auschwitz-Birkenau am 25. November 1944 seinen Status als eigenständiges Konzentrationslager verloren.

Aufgrund des Kriegsverlaufs arbeitete die SS ab Herbst 1944 eilig an den Vorbereitungen für eine Räumung des Standorts – während vor einem polnischen Gericht ein erstes Verfahren gegen vier ehemalige SS-Männer und zwei Kapos des inzwischen befreiten KZ Lublin anlief. Ein letztes Mal strukturierte die SS den schrumpfenden Lagerkomplex Auschwitz um. Ende November 1944 erfolgte die Fusion von Auschwitz I (Stammlager) und II (Birkenau) zum KZ Auschwitz und von Auschwitz III (Monowitz) und allen Außenlagern zum KZ Monowitz. Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz von der Roten Armee befreit.

Noch im Herbst 1944 änderte die SS-Führung trotz aller Widersprüchlichkeit – und wohl primär aus utilitaristischen Gründen – die Kennzeichnung der jüdischen Häftlinge. Mit dem Vernichtungsstopp ordnete der Befehlshaber des KZ-Systems, SS-Gruppenführer Richard Glücks, Mitte November 1944 an, die »Kenntlichmachung jüdischer Häftlinge […] in Zukunft in der Weise vorzunehmen, daß über dem dreieckigen Kennzeichen der Häftlingsart ein schmaler gelber Streifen aufgenäht wird. Der gelbe Judenstern ist nicht mehr zu verwenden.«2 Stärker als zuvor sollten auch jüdische Gefangene mörderische Zwangsarbeit für die Rüstungsproduktion im Reich verrichten. Die Räumung des KZ-Komplexes Auschwitz lief derweil auf Hochtouren. Zehntausende von KZ-Häftlingen wurden in die verbliebenen Lager in das Reichsinnere deportiert.

Im Januar 1945 wurde Glücks, Chef der Amtsgruppe D (1939 bis 1942 Inspekteur der Konzentrationslager) im SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (SS-WVHA), für die Verleihung des Deutschen Kreuzes in Silber vorgeschlagen. Die Begründung listete die Verdienste auf, welche eine der höchsten Auszeichnungen im nationalsozialistischen Deutschland rechtfertigen sollte. Dazu gehörten die militärische und disziplinarische Führung von 40.000 Männern, die in den SS-Bewachungsmannschaften zusammengeschlossen waren, sowie die Verantwortung für 15 Konzentrationslager und 500 Außenlager mit vorgeblich 750.000 Gefangenen. In weniger als einem Jahr hatte sich die Zahl der Insassen mehr als verdoppelt. Nachdem das SS-WVHA im März 1944 22 Hauptlager mit 165 Außenlagern und etwa 300.000 Häftlingen verzeichnet hatte, waren es im August 1944 schon 524.000 Häftlinge. Mehr als 250.000 der nachweislich über 700.000 im Januar 1945 registrierten KZ-Häftlinge überlebten die Befreiung der Lager nicht.

Es ist diese Konstellation, in der mit der Einrichtung des Buchenwalder Außenlagers Flößberg Ende November 1944 begonnen wurde und einen Monat später die ersten KZ-Häftlinge vor Ort eintrafen. Nur drei Tage vor dem Jahreswechsel erreichten 150 fast ausschließlich jüdische Männer aus Ungarn via Buchenwald das Außenlager. Das Hauptlager Buchenwald fungierte, wie auch für das Gros der Deportationen in die übrigen nahezu 140 Außenlager, als zentrale Drehscheibe. Zur Zwangsarbeit selektierte Gefangene transportierte die SS mehrheitlich in das seit 1944 explodierende Netz von Außenlagern, vermeintlich arbeitsunfähige Insassen zurück in das Hauptlager. Weibliche Häftlinge aus den Buchenwalder Außenlagern, die durch Schwangerschaft, Krankheit, Erschöpfung oder aus anderen Gründen ihren Wert für SS und Unternehmen verloren hatten, wurden anfangs überwiegend nach Ravensbrück und später nach Bergen-Belsen abgeschoben. »Um eine unnötige Belastung des Betriebes mit körperlich mangelhaftem Menschenmaterial und eine dadurch bedingte Anhäufung von [A]rbeitsunfähigen zu vermeiden«3 – wie es bereits Ende 1943 ein führender SS-Hygieniker nach einer Besuchsreise im Buchenwalder Außenlager Dora menschenverachtend formuliert hatte –, separierte das verantwortliche Lagerpersonal die Gefangenen nach ideologischen Prämissen und nach Nützlichkeitserwägungen, nach Bauhäftlingen und den häufig besser gestellten Fertigungshäftlingen für die eigentliche Produktion, nach Gesundheitszustand, Qualifikation und zahlreichen anderen Kategorien. Die Partialisierung der Lager in mehrere Räume, die gezielte Ermordung von Kranken und Arbeitsunfähigen wie auch das Sterbenlassen durch Unterlassung dienten in diesem Zusammenhang sowohl der Konsolidierung überbordender Lagerkomplexe als auch der rassistisch und zunehmend utilitaristisch ausgerichteten Auslese der noch als brauchbar angesehenen sowie der Ausmerze der als unbrauchbar angesehenen Insassen.

Inmitten dieses exploitativen und mörderischen Systems von Zwangsarbeit, Gewalt, Mord und Massensterben entstand das Außenlager Flößberg. Die dortigen Häftlinge waren größtenteils jüdischer Herkunft und teils über das Ungarn-Programm in das KZ-System verschleppt worden. Allein zwischen Mai und Juli 1944 deportierten SS und Polizei mehr als 430.000 Menschen aus Ungarn nach Auschwitz, mindestens 325.000 Männer, Frauen und Kinder wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau ermordet. Nur wenige Tage vor Ankunft des ersten Transports aus Ungarn in Auschwitz-Birkenau hatte SS-Chef Heinrich Himmler die Überstellung von 200.000 Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager angeordnet, um sie bei kriegswichtigen Aufgaben einzusetzen. Infolge der hohen Mordziffer löste Himmler seine vollmundige und für zahlreiche NS-Größen zugleich ungewollte Ankündigung nicht ein. Denn damit kamen allein 100.000 Jüdinnen und Juden aus Ungarn in ein angebliches judenfreiesReich und KZ-System. Weitere Sondertransporte aus Ungarn folgten nach Juli 1944, nun häufig nicht mehr über Auschwitz, sondern auf direktem Wege in die Hauptlager. Die meisten dieser Insassen aus Flößberg waren Opfer der Deportations- und Mordmaschinerie nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen im März 1944.

Das Außenlager Flößberg war Teil eines Außenlagerverbundes im Großraum Leipzig, der KZ-Zwangsarbeit für den Rüstungskonzern HASAG bereitstellte. Der Verbund bestand aus Frauen- und Männeraußenlagern, die wiederum alle ab Spätsommer 1944 dem KZ Buchenwald unterstanden. Die Zusammenfassung diverser Außenlager und deren zentrale Lenkung durch einen SS-Führer – häufig als Stützpunktleiter bezeichnet – war eine Entwicklung des letzten Kriegsjahres, um zum einen lokale Strukturen durch neue Mittelinstanzen besser koordinieren zu können und zum anderen den organisatorischen Bedürfnissen der Unternehmen stärker Rechnung zu tragen, in diesem Falle also die HASAG-Außenlager unter einem Dach zusammenzuführen.

Eine nicht unwesentliche Zäsur bildete in diesem Zusammenhang die Reorganisation des KZ-Systems zum 1. September 1944. Auf mehreren Ebenen ordnete die SS-Führung das Lagergefüge neu. Erstens wechselten zahlreiche Frauenaußenlager – so auch die HASAG-Lager Altenburg, Leipzig-Schönefeld und Schlieben – ihre Zuständigkeit vom bis dahin zentralen Frauenkonzentrationslager Ravensbrück zu anderen Lagerkomplexen, darunter vor allem Buchenwald und Flossenbürg wie auch Sachsenhausen, Neuengamme, Dachau und Mauthausen. Die Zuständigkeitswechsel von Außenlagern ab September 1944 stellten über Ravensbrück hinaus eine Flurbereinigung für das gesamte KZ-System dar. Vordergründiges Ziel des SS-WVHA war eine Neuzuordnung von Außenlagern der Rüstungsproduktion, in denen Frauen zum Einsatz kamen oder kommen sollten. Ausschlaggebend waren dabei nicht nur geografische Entfernungen zum jeweiligen Hauptlager, sondern vor allem eine Priorisierung nach verwaltungsrationalen Gesichtspunkten der privaten Rüstungsindustrie. So wurde der HASAG-Konzern fortan primär durch das KZ Buchenwald verwaltet, die Arado Flugzeugwerke GmbH beispielsweise dagegen durch das KZ Sachsenhausen. Im Falle des Außenlagers Flößberg erklärt sich dadurch zugleich die Verantwortlichkeit des KZ Buchenwald, obgleich KZ-Außenlager im sächsischen Raum vielerorts Teil des KZ-Komplexes Flossenbürg waren.

Zweitens wurden die seit Januar 1944 sukzessive in das KZ-System versetzten Soldaten der Luftwaffe und des Heeres zum 1. September 1944 als neue Wachmannschaften in die SS-Totenkopfverbände übernommen und der SS- und Polizeigerichtsbarkeit unterstellt. Soldaten der Wehrmacht (einschließlich der Marine) stellten ab Sommer 1944 weit mehr als 40 Prozent aller Wachmannschaften in den Konzentrationslagern. Weitere über 40 Prozent rekrutierten sich aus volksdeutschen SS-Freiwilligen insbesondere aus Rumänien, Ungarn, Kroatien und der Slowakei. Hinzu kamen fremdvölkische Hilfswillige, zumeist sogenannte Trawniki-Männer, und andere Gruppen, die in der Gesamtheit von weit über 90 Prozent ein sehr heterogenes, multinationales und multiethnisches Bild des Lagerpersonals formten. An der Behandlung der Gefangenen, deren Lebensumständen und der beständig steigenden Todesrate änderte dies aber nichts, was essenzielle Fragen nach einer breiten Beteiligung an den NS-Verbrechen über ideologische Manifestationen hinaus aufwirft. Das Außenlager Flößberg, in dem nachweislich volksdeutsche SS-Freiwillige und Wehrmachtsoldaten der Bewachung angehörten, steht stellvertretend für diese – letztlich auch personelle – Transformation im letzten Kriegsjahr.

Der Blick auf die Akteure in Flößberg und anderen Außenlagern tangiert unterdessen eine zentrale Frage, nämlich jene nach der Rolle der deutschen Gesellschaft im Umfeld dieser Lager und der Interaktion von Räumen der Gewalt mit dem öffentlichen Raum. Diverse Formen der Zwangsarbeit, ob KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene oder sogenannte zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, ferner Tausende Einsatzstellen und Unterkünfte für diese Menschen, Hunderte KZ-Außenlager durchdrangen den öffentlichen Raum, waren mit dem Alltag der deutschen Kriegsgesellschaft eng verflochten und ein tägliches und sichtbares Massenphänomen. Auch das Außenlager Flößberg war mit seiner Lage auf einem Feld an der Straße zwischen Flößberg und Beucha gut einsehbar. Warum blieben Unterstützung und Zustimmung eines verbrecherischen Systems bis zum Ende auf breiter Basis bestehen? In welcher Form agierten und beteiligten sich weite Teile der deutschen Gesellschaft an der Perpetuierung und Aufrechterhaltung des NS-Systems und von Räumen der Gewalt wie dem Außenlager Flößberg? Vielleicht liegt in diesen Fragen und kritischen geschichtswissenschaftlichen Reflektionen die größte Bedeutung von Mikrostudien wie jene von Moritz Grote und Wolfgang Heidrich zum KZ-Außenlager Flößberg. Obgleich das Bestehen nur wenige Monate dauerte, steht das Lager stellvertretend für den Alltag von Diskriminierung, Ausgrenzung, Ausbeutung, Gewalt und Tod inmitten der deutschen Gesellschaft zwischen 1933 und 1945.

Stefan Hördler

Georg-August-Universität Göttingen/University of Huddersfield

Prologische Anmerkungen

Dieses Buch richtet sich an das wissenschaftliche Publikum und an die Leserschaft, die am HASAG-Standort Flößberg und an den Zusammenhängen des NS-Lager- und Ausbeutungssystems interessiert sind. Um der inhaltlichen Komplexität Rechnung zu tragen und gleichzeitig Verständnis für die strukturellen Verhältnisse zu schaffen, werden die relevantesten Institutionen und ihre Verantwortungsbereiche passend zu den jeweiligen Passagen angerissen – wissend, dass eine weit gefasstere Darstellung der Funktionsweisen in dieser Veröffentlichung nicht möglich ist. Dementsprechend liegt der Fokus auf den für das KZ- und Zwangsarbeitssystem entscheidenden Akteuren. Der Erkenntnis geschuldet, dass sich während der NS-Herrschaft Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten verschoben und reorganisierten, steht der Zustand während der Endphase des NS-Regimes 1944 bis 1945 im Mittelpunkt. Das polykratische System mit seinen gleichzeitig existierenden, ergänzenden und konkurrierenden Machtstrukturen entwickelte sich speziell in den letzten Kriegsjahren hin zu einem dynamischen Netz aus Organisationen, Ministerien, Militär und Wirtschaft: »Die Praktiker der Gewalt werden mehr und mehr Unternehmer und die Unternehmer Praktiker der Gewalt.«4 Letzteres galt besonders für das Rüstungsunternehmen HASAG, das das Außenlager Flößberg unter Verwaltung des KZ Buchenwald mitsamt einem angeschlossenen Zivilarbeitslager zur Ausbeutung und Zerstörung von Menschen benutzte.

Dieses Buch ist meinem Urgroßvater Max Michaelis und allen anderen Flößberg-Gefangenen gewidmet, die hier von den Praktiker*innen und Unternehmer*innen der Gewalt misshandelt wurden, gestorben sind und überlebt haben.

Moritz Grote

Bezeichnung und Bedeutung – die Wahl der Wörter

Die Möglichkeiten der Kontextualisierung von NS-Sprache und der Einordnung von kategorisierten Personen(-gruppen) sind das Fundament der reflektierten Auseinandersetzung mit den Ausbeutungs- und Vernichtungspraxen – sie sollen auch als Wegweiser dienen, die Entmenschlichung nachvollziehen zu können.

»We were called prisoners for no reason because we were not really prisoners. We did absolutely nothing wrong. […] The only thing we have done wrong was that we were born Jewish«5: Der Flößberg-Gefangene Jack Fields berührt mit dieser Aussage den komplexen Themenbereich der Zuschreibungen für Personen, die ins KZ- und Lagersystem deportiert wurden. Um sowohl den betroffenen Personen(-gruppen) größtmögliche Gerechtigkeit widerfahren zu lassen als auch den aktuellen Forschungsstand zu berücksichtigen, ist es erforderlich, die Begriffszuschreibungen zu diskutieren und, zumindest für diese Publikation, thematisch zutreffende Termini zu konstruieren. Rekurriert wird auf die Ausführungen von Prof. Dr. Mark Spoerer,6 deren Weiterentwicklung durch Prof. Dr. Marc Buggeln7 und die zusammenfassende Darstellung von Prof. Dr. Jens-Christian Wagner.8 Um auf die Begriffszuschreibungen einzugehen, die für das Verständnis in den weiteren Kapiteln erforderlich sind, wird zunächst die Verwendung des allgemein gebräuchlichen Terminus (KZ-)Häftling problematisiert: In der Folge wird stattdessen der Terminus (KZ-)Gefangener verwendet. Das Wort Häftling kann die mindestens hintergründige Annahme suggerieren, dass die Personen ins beziehungsweise innerhalb des KZ-Systems aus einem wie auch immer argumentierten Grund zu Recht deportiert oder verschleppt und dort gefangen gehalten wurden. Dem war selbstverständlich ausschließlich in der Ausbeutungs- und Vernichtungslogik des NS-Regimes so. (KZ-)Gefangener hingegen soll das faktische Dasein in den Mittelpunkt stellen. Dementsprechend wird auch der BegriffFunktionshäftling veröffentlichungsinhärent in Funktionsgefangener abgewandelt.9

Weitere Differenzierungen der einzelnen KZ-Gefangenengruppen (als zugewiesene Kategorien) sind sicher noch zu vertiefen. So werden die von Spoerer diskutierten und von Buggeln weiterentwickelten Begriffszuschreibungen der slave worker10 beziehungsweise Sklavenarbeit mit hoher Sterblichkeitsrate11 betrachtet und unter anderem auf die Personengruppen im Außenlager Flößberg modifiziert.

Ähnlich komplexe Entscheidungsfindungen sind für die Bezeichnungen der Lagerformen notwendig. So werden die beiden Lagerorte in den Gasthöfen in Beucha und Flößberg als Zivilarbeitslager bezeichnet – die dort und bereits ab 1940 im Ort untergebrachten Personen werden zunächst übergreifend als ausländische Zivilbeschäftigte12 definiert, was aber bezogen auf die einzelnen Herkunftsregionen und die dynamischen Veränderungen in der rassistisch-ideologischen Kategorisierung der Personen bis zum Kriegsende noch zu differenzieren ist. Gleiches gilt für die Einordnung von Zwangsarbeit, die praktisch alle Personen(-gruppen) betraf.13 Das Zivilarbeitslager und damit auch die ausländischen Zivilbeschäftigten unterstanden dem jeweiligen Unternehmen, hier der HASAG, beziehungsweise der Deutschen Arbeitsfront (DAF)14 und damit dem Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Fritz Sauckel, der mit seiner Behörde für die Ausbeutung aller ausländischen Zivilbeschäftigten verantwortlich war.15

Die Lager an den HASAG-Standorten im Distrikt Radom16 werden als Zwangsarbeitslager für Jüd*innen bezeichnet, da im Gegensatz zu den Zivilarbeitslagern grundsätzlich andere Zustände und extremere Formen der Gewalt vorherrschten, die auch ohne direkte Anbindung ans KZ-System ähnliche Ausprägungen annahmen. Gegenüber Zivilarbeitslagern und anderen Zwangsarbeitslagerformen waren die betroffenen Personengruppen ausschließlich Jüd*innen, die neben den Sinti*zze und Rom*nja die Kerngruppe der NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik bildeten.17 Zwar formten keine SS-Organe Aufsichts- und Terrorstrukturen unmittelbar in den Lagern; trotzdem standen die ausgebeuteten Jüd*innen unter Kontrolle der SS. Im Fall der HASAG-Zwangsarbeitslager für Jüd*innen war das der SS- und Polizeiführer18 im Distrikt Radom und spätere SS-Brigadeführer, Herbert Böttcher, mit seiner Behörde in der gleichnamigen Distrikthauptstadt. Die HASAG musste die Jüd*innen von der SS mieten – ein Prinzip, das auch bei anderen Unternehmen Anwendung fand. Die begriffliche Einordnung dieser Personen wird im Verlauf herausgearbeitet. Auf die übergreifende Verwendung Zwangsarbeiter*in wird im Gesamtkontext verzichtet, da die verschiedenen Aspekte und Untergliederungen der Arbeitsbedingungen erörtert werden sollen. Es handelte sich aber bei allen Zuständen – auch bezogen auf das Zivilarbeitslager in den Gasthöfen in Flößberg und Beucha – mindestens um zwangsarbeitsähnliche Arbeitsstrukturen. Ebenso wird versucht, die in den Lagerexkursen vorgestellten und bis dato wenig erforschten Lager unter diesen Aspekten einzuordnen.

Die in den zwei Kriegsgefangenen-Arbeits-Kommandos in Flößberg zusammengefassten sowie ausdrücklich als solche beschriebenen Personen werden dementsprechend als Kriegsgefangene bezeichnet, die ebenfalls Zwangsarbeit verrichten mussten. Auch bei den ausländischen Zivilbeschäftigten und Kriegsgefangenen, die nicht Teil des Außenlagers waren, soll diskutiert werden, welche Zuschreibungen den Realitäten der Arbeitsverhältnisse am nächsten kommen. Da im Außenlager Flößberg (wie auch im Zivilarbeitslager) ausschließlich Männer ausgebeutet, misshandelt und getötet wurden, wird der insgesamt relevante geschlechterspezifische Unterschied im Kontext anderer Lager und (Zwangs-) Arbeitszustände nur angeschnitten.

Anschließend an die Begriffszuschreibungen und deren Abwägung zu den Personenbezeichnungen im Außenlager und im Zivilarbeitslager werden weitere Termini im Verfolgungs-, Ausbeutungs- und Lagersystem festgelegt: deportieren, verschleppen und treiben werden äquivalent verwendet, um die gewaltvolle Einführung ins Lager- und KZ-System beziehungsweise den Weitertransport zu beschreiben. Sofern bekannt, wird deportieren bevorzugt benutzt, um eine erste Lager beziehungsweise KZ-Station zu beschreiben. Für den Weitertransport innerhalb des Systems wird verschleppen präferiert. Die gleiche Vorgehensweise wird auch auf Personen angewandt, die zur Zwangsarbeit aus ihren Herkunftsregionen entfernt wurden.19

Als Endpunkt der Existenz von Lagern und anderen Zwangsorten wurde in der NS-Sprache mitunter der Begriff Evakuierung verwendet und auch in der aktuellen Forschung weiter benutzt.20 Anstelle der als euphemistisch eingeordneten Zuschreibung fokussiert sich der Gebrauch auf den Terminus Auflösung eines Lagers. Somit wird der Begriff Evakuierungstransport für die Verschleppung vom Außenlager Flößberg ins KZ Mauthausen ebenfalls abgelehnt, auch wenn er »aufden engen Zusammenhang zwischen den Kriegshandlungen und der Räumung der Konzentrationslager«21 verweist. Trotz der historischen Verwendung, bei der der Begriff Evakuierung schon lange vor der Zeit des NS-Regimes teilweise mit Zwang verbunden gewesen war, überwiegt der Wortmissbrauch, der dementsprechend nicht reproduziert werden soll. Zudem ist Evakuierung im aktuellen Sprachgebrauch mit Rettungsmaßnahmen verbunden – die Evakuierung »wird [also] zum Schutz der Evakuierten dann, wenn ihnen eine Gefahr droht; diese Bedeutung erfährt bei der […] euphemistischen Verwendung eine Umkehrung: Hier verlieren die Evakuierten den Schutz und werden in die Gefahr transportiert«.22 Dazu exemplarisch der eingangs erwähnte Böttcher über durchgeführte Deportationen von Jüd*innen aus dem Distrikt Radom vor allem ins Vernichtungslager Treblinka: »Die Erfahrungen der letzten Wochen haben gezeigt, daß gerade aus den kleinen jüdischen Wohnbezirken […] Juden, um sich der Evakuierung zu entziehen, flüchten.«23 Die Gefahr war hier der Tod, die Flucht vor der Evakuierung die versuchte Rettung.

Um die Komplexität der jeweiligen Realitäten der KZ- und Außenlagerzustände zu berücksichtigen, die sich mit fortschreitendem Kriegsverlauf, mit Entscheidungen auf höheren und höchsten Ebenen und mit dem Handeln der lokalen Gewaltakteure dynamisch veränderten, wird von weiteren übergreifenden Beschreibungen wie Todesmarsch abgesehen. Vielmehr sollen die Verhältnisse während des Transports von Flößberg, der im KZ Mauthausen ankam, und während des Marsches aus dem Außenlager Bunzlau I, von dem Gefangene in Flößberg zurückgelassen wurden, so detailliert wie möglich beschrieben werden.24 Das schließt eine Einordnung der Verschleppungen in die bestimmenden Zeitabschnitte des KZ-Systems selbstverständlich nicht aus; diese werden immer mitgedacht, denn: »Was in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 als ein Schritt aus wirtschaftlichen Interessen begann, um die Arbeitskraft der Lagerhäftlinge um jeden Preis zu bewahren«25, führte insbesondere ab 1945 mehr und mehr zu einem eskalierten Verschleppen mit willkürlichen und/oder gezielten Tötungen. Erfolgten die ersten größeren Verschleppungen mit anschließenden Auflösungen aus dem KZ Lublin26, den KZ im Baltikum sowie den KZ Herzogenbusch (Vught) und Natzweiler-Struthof bereits ab Frühjahr bis Frühherbst 1944 zunächst »aus Sicherheitsgründen und ökonomischen Erwägungen«27, verschoben sich die Beweggründe in den nächsten zwei Phasen sukzessive. Mit den Auflösungen der KZ Auschwitz28, Groß-Rosen und Stutthof und deren zugehörigen Außenlagern Anfang 1945 wurden die Gefangenen sowohl zu Fuß als auch per Zug in die KZ und Außenlager vorzugsweise im alten Reichsgebiet verschleppt – hier vornehmlich aufgrund der heranrückenden sowjetischen Einheiten. In einer letzten Phase wurden Anfang April die zentralen KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora aufgelöst, wobei die Gefangenen in die weiterhin bestehenden KZ im Süden (Flossenbürg, Dachau, Mauthausen und als Mischform auch Theresienstadt29 – in Teilen auch mit zugehörigen Außenlagern) beziehungsweise in die KZ Sachsenhausen, Ravensbrück und nach Bergen-Belsen30 getrieben werden sollten.31 Was diese Auflösungsprozesse aber speziell für Flößberg bedeuteten, lässt sich erst in der genauen Betrachtung nachvollziehen. Es ist zudem diskussionswürdig, ob diese Prozesse in einem ersten Schritt nicht grundsätzlich lagerindividuell beschrieben werden sollten, ohne dass eine direkte übergeordnete Kategorisierung stattfindet.

Formalia

Das Gendersternchen zur Verdeutlichung mehrerer Geschlechter wird verwendet, wenn entweder nachweislich oder wahrscheinlich sowohl Frauen als auch Männer gemeint sind. Wird es nicht benutzt, bestanden die Personengruppen ausschließlich aus (in den Quellen so vermerkten) Männern oder Frauen. Bei der Schreibweise der Gefangenennamen werden die Namen verwendet, die die Personen nach Kriegsende angenommen haben. In den Fußnoten wird zu Recherchezwecken auf die Namen verwiesen, die in den Dokumenten der Lager-SS des Außenlagers Flößberg, des KZ Buchenwald oder früherer Lager- beziehungsweise KZ-Stationen benutzt wurden. Sind nur die Namen aus den Dokumenten bekannt, werden diese gebraucht – wissend, dass hier Fehler in der Schreibweise auftauchen können. Ortsangaben werden mit den damaligen deutschen Schreibweisen genannt, die aktuellen Bezeichnungen werden nach einem Schrägstrich ergänzt.32 Sind zweisprachige Ortsbezeichnungen auch heute in Verwendung, wird mit einer Klammer angeschlossen.

Begriffe, die in Zitaten im Fließtext auftauchen und sich mit den genannten Anpassungen überschneiden, werden beibehalten. Das gilt ebenfalls für einzelne antisemitische, rassistische und anderweitig diskriminierende NS-Begriffe und Bezeichnungen für Organisationen und Institutionen nebst deren Abkürzungen, da sonst ein sinnzusammenhängendes historisches Verständnis nicht möglich ist.33 Diese Termini werden jeweils zugehörig erläutert. Schreibweisen innerhalb von Zitaten, die auf die Verwendung von fehlenden Umlauttasten (Ä, Ö, Ü) zurückzuführen sind, werden in Hinblick auf die Lesbarkeit angepasst. Alle Rechtschreib- und Grammatikfehler werden beibehalten, ohne darauf hinzuweisen. Wenn zu den Archivquellen in den Fußnoten keine Blatt- oder Seitenzahlen vorhanden sind, wird auf den Zusatz unpagiert verzichtet. Sofern Videointerviews, Erinnerungsberichte oder Literatur auf Englisch vorliegen und Zitate im Fließtext auf Deutsch auftauchen, wurden sie vom Autor (Grote) übertragen oder es wird auf die übersetzenden Personen verwiesen. Ersteres betrifft die Videointerviews aus dem Visual History Archive der USC Shoah Foundation und dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies sowie die Erinnerungsberichte aus A Drop in the Sea (Avrohom Schonberger), Between Two Worlds (Israel Jacob Mittelberg), Carved in Stone (Manny Drukier) und Wolf (Zeev Scheinwald). Um ausufernde Wiederholungen in den Fußnoten zu vermeiden, wird dementsprechend nicht jedes Mal darauf verwiesen, sondern nur bei anderen Ursprungssprachen ein Vermerk hinzugefügt. Einzelne weitere Übertragungen aus dem Englischen, Tschechischen und Französischen werden mit Verweis auf den Autor bei der Erstnennung jeweils genannt, danach nicht mehr. Bei Übertragungen aus mehreren/anderen Fremdsprachen hin zum Deutschen wird auf die unterstützenden Personen verwiesen.

Gerade die intensive Beschäftigung mit der NS-Sprache, deren Abwandlungen und Weiterverwendungen im Aufarbeitungskontext sollte elementar bleiben – »We were called prisoners for no reason« –; die Wörter sind die semantische Eskalation von Ausbeutung und Vernichtung und »können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da«.34

I

Flößberg als Rüstungsstandort und Teil des nationalsozialistischen Lagersystems

1. Ausbeutung und Provinz – was ist Flößberg?

Flößberg, heute. Ort in der Peripherie südöstlich von Leipzig. 593 Menschen auf 7,63 Quadratkilometern. Zwischen Wohnhäusern und an einem Gasthofgebäude unterhalb des oberen Ritterguts vorbei fließt die Eula, durchtrennt das Dorf. Das Rittergut Flößberg heißt Rosenschloss. Paare heiraten. Firmen feiern Jubiläen. Am Aufbauweg parallel zum Fluss spielt der SV 1900 Flößberg gegen den FSV Kitzscher Fußball. Auf der anderen Flussseite besuchen Kinder die Kita Zwergenland. Die Freiwillige Feuerwehr trifft sich im Gerätehaus.

Die Bundesstraße 176 kreuzt die Eula, verbindet das Dorf. Sie heißt Straße des Friedens. Zwischen dem Rosenschloss und dem Sportplatz liegt das Blumenland Kröber an der Straße des Friedens. Auf der anderen Flussseite führt sie vorbei an einer Bäckerei zum Zwergenland. Die Straße des Friedens macht Richtung Borna einen Knick, wo der Beuchaer Weg beginnt, der zur Waldsiedlung und in Beucha zur Flößberger Straße wird. Oberhalb der Flößberger Straße liegt das Rittergut Beucha.

Die Eula kreuzt die Flößberger Straße und fließt weiter in die Wyhra, die Pleiße, die Weiße Elster, die Saale, die Elbe, die Nordsee. Die Straße des Friedens führt an Borna vorbei über Sachsen-Anhalt bis Thüringen.

Die Strecke zwischen Flößberg und Beucha hat verschiedene Namen. Die verschiedenen Namen durchschneiden Felder links und rechts. Die verschiedenen Namen schneiden zwei Wohnhäuser neben den Feldern und vor dem Forst. Hinter den Wohnhäusern ist der Forst.

* * *

Flößberg, Ende 1944. Als Vertreter des Rüstungskonzerns HASAG mit Sitz in Leipzig hier am 29. November 1944 ein angrenzendes Feldgrundstück von einer Hebamme in Besitz nahmen, muss die Planung zum Aufbau eines Außenlagers im Bereich des Großen Fürstenholzes bereits weit fortgeschritten sein. Dorfpfarrer Erich Senff, Augenzeuge und Verfasser umfangreicher Tagebucheinträge, notierte:

Dort sollen in den nächsten Tagen Baracken errichtet werden. Wird das ein Ausweichlager der Hasag? Auch Rittergutsflur wird dazu verwendet. Das ist eine unerfreuliche Nachbarschaft […]. Das fremde Volk wandert auch von Hasag-Arbeitsstelle gen Flößberg. Im Dunkeln will Käthe nicht mehr von Beucha kommen.35

Dem Chronisten wie auch der restlichen Dorfbevölkerung dürfte aber nicht entgangen sein, dass das »fremde Volk« bereits seit 1940 in ihren landwirtschaftlichen Betrieben und in den beiden Teilen des Ritterguts Flößberg zur Arbeit gezwungen wurde. Zu den ausländischen Zivilbeschäftigten aus der Sowjetunion, Polen, Belgien und Frankreich36 kamen noch italienische Militärinternierte und polnische Kriegsgefangene, die in zwei Kriegsgefangenen-Arbeits-Kommandos in Baracken am Großen Fürstenholz sowie mutmaßlich in der Revierförsterei und dem Rittergut Flößberg untergebracht wurden.37 Als Kommandoführer fungierten zivile Personen aus der Umgebung, wobei sich die Kriegsgefangenen hauptsächlich gezwungen sahen, Forstarbeiten durch- und landwirtschaftliche Tätigkeiten auszuführen.38 Direkt zuständig war das Forstamt Glasten, letztlich verantwortlich das Oberkommando der Wehrmacht. Nach beinahe fünf Jahren außerkonzenträrer Ausbeutung wurden die Vorbereitungen für die Errichtung des letzten Außenlagers im HASAG-KZ-Buchenwald-Komplex39im November 1944 offensichtlich. In den Gasthöfen in Beucha und Flößberg begann die Einrichtung von Zivilarbeitslagern, die unter dem Gemeinschaftslager Eula firmierten und in denen Zivilbeschäftigte aus Italien, Polen, der Sowjetunion, der vormaligen Tschechoslowakei, den Niederlanden, Belgien und Kroatien untergebracht wurden. Diese wiederum wurden zu vorbereitenden Arbeiten und zur Errichtung der Produktionsstätten gezwungen – und später selbst dort eingesetzt.

Die Zugehörigkeiten des Personals zwischen dem Gemeinschaftslager Eula und dem Außenlager gestalteten sich im Verlauf fluide: HASAG-Werkschutz, Angestellte von Subunternehmen und einzelne HASAG-Angehörige wurden mindestens im Gemeinschaftslager Eula versorgt und in geringer Anzahl auch untergebracht – definitiv tätig waren sie auf der Baustelle, an den Produktionsstätten und im Außenlager.40 Die KZ-Wachmannschaft, das höhere SS-Personal sowie eine dorthin versetzte SS-Pioniereinheit des SS-Pionier-Ausbildungs- und Ersatzbataillons 1 Dresden sind im Außenlager, auf der Baustelle und an den Produktionsstätten selbst zu verorten, wobei die KZ-Wachmannschaft und das höhere SS-Personal größtenteils beim Außenlager verblieben.

Das Zivilarbeitslager stand unter HASAG-Kontrolle, was auch Erich Ulbricht erfahren musste. Als KPD-Mitglied, Nachkriegsstadtrat und stellvertretender Bürgermeister von Borna wurde er nach Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen im November 1944 als Angestellter des Subunternehmens der HASAG, Franz Wendt, dem Zivilarbeitslager zugewiesen und erlebte die Aufbauarbeiten und die späteren Einsätze im Außenlager mit:

Auf der Baustelle gemeldet, sah ich, was los war. Ein KZ mit elektrischem Drahtzaun. Auffallend war, dass ich mich beim Lagerleiter, einem SS-Mann, melden musste und mir Schweigepflicht über alles auf der Baustelle übertragen wurde. Von meiner Firma wurde mir die gesamte Lagerung und der Transport der Baumaterialien übertragen.41

Die Kontinuität der Personaldynamik und die Verschleppung der Zivilbeschäftigten innerhalb des Zivilarbeitslagersystems der HASAG – zuvor waren bereits an den anderen Standorten der HASAG ähnliche Konstrukte aufgebaut worden – stellten so in Flößberg die organisatorischen Eckpfeiler vor der Inbetriebnahme des Außenlagers.42 Die dazu notwendigen Erfahrungen und Verflechtungen der HASAG im Rahmen von Zwangsarbeit mit Subunternehmen, dem SS-WVHA43 und der Lager-SS44 kulminierten über die Schnittstelle der lokalen HASAG-Bauleitung in der Errichtung und Inbetriebnahme des Außenlagers Flößberg und im eigentlichen Ziel. Fortan sollte die Herstellung von Panzerfäusten durch Verschleppung und Ausbeutung von Menschen, wie sie bereits in den HASAG-Werken im Distrikt Radom und in den anderen Außenlagern des HASAG-KZ-Buchenwald-Komplexes erprobt war, im Mittelpunkt stehen. Demütigung, Misshandlung und Tötung waren Teil des Systems.

* * *

Flößberg, 28. Dezember 1944. Der Tag markiert den Beginn der zentralen Phase des Terrors. 150 Personen trafen am Außenlagergelände ein. Von Budapest aus waren die jüdischen Männer während eines mehrwöchigen Transports zunächst ins KZ Buchenwald verschleppt worden und erreichten per Zug über Leipzig Flößbergs Nachbarstadt Bad Lausick, von wo sie mit Bussen nach Flößberg transportiert wurden. Ebenso Teil des Transports waren drei bereits zuvor im KZ Buchenwald festgehaltene Personen, die im Außenlager als Funktionsgefangene benutzt werden sollten.45 Dass die Aufbauarbeiten neben der für die Lagerarchitektur notwendigen Sicherungsmaßnahmen wie Stacheldrahtumzäunungen zumindest in provisorische Unterkünfte für die Gefangenen dieses Transports mündeten, führte Avrohom Schonberger46 an, der aus Budapest verschleppt worden war:

Hinter einer Häuserreihe lag das Lager, das aus vier Baracken bestand – und wir waren die ersten Bewohner. Baracken Nummer 1 und Nummer 2 waren rechts nebeneinander, die Baracken Nummer 3 und Nummer 4 direkt gegenüber, in einem Abstand von etwa 30 Metern nebeneinander. Sie waren bis auf jeweils zwei kleine Feuerstellen leer.47

Die Verhältnisse waren dabei bereits zu Beginn von Terror geprägt. Schonberger über seinen ersten Tag:

Wir wurden zum nahegelegenen Wald geführt und für die Arbeit eingeteilt. Hier mussten wir bis zu zwölf Meter lange Baumstämme von einer Stelle zur anderen tragen. Diese Arbeit war sehr schwierig, denn immer nur ein paar von uns sollten einen Stamm tragen. Das größere Problem war allerdings, dass jeweils ein SS-Mann zu vier von uns zugeordnet war. Ihr liebster Zeitvertreib war es, uns mit großen Stöcken auf den Rücken zu schlagen. Inmitten der Schreie und des Weinens nahm die Arbeit ihren Lauf.48

Bis zur Auflösung und anschließenden Verschleppung am 13. April 1945 durchliefen 1982 Männer das Lager.49 Zu der großen Zahl an polnischen Juden und als ungarisch kategorisierte Juden50 kamen Juden und politische51 Gefangene unter anderem aus dem Baltikum, Polen, der Tschechoslowakei, Frankreich, Belgien, Griechenland, den Niederlanden und dem Deutschen Reich, klassistisch-biologistisch52 verfolgte Personen sowie ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Die Lagerstationen waren bei den polnisch-jüdischen Personen häufig HASAG-intern: Nach Auflösung der Standorte im Distrikt Radom wurde ein großer Teil in die Lager des HASAG-KZ-Buchenwald-Komplexes verschleppt. Die Taktung der eintreffenden Transporte gestaltete sich dabei unregelmäßig, aber der Terror maximierte sich. Paul Liebhard, der am 2. Februar über den HASAG-Standort in Częstochowa und das KZ Buchenwald in Flößberg eintraf: »Als wir ankamen, stellten wir schnell fest, dass es das schlimmste Lager war, in dem wir bisher gewesen waren. Leute starben dort auf dem Weg zur Arbeit, bei der Arbeit, auf dem Weg von der Arbeit – sie starben wie die Fliegen.«53

Mit der eigentlichen Gesamtproduktion der Panzerfäuste wurde erst am 19. März begonnen, wobei die Herstellung von Sprengköpfen im Rahmen einer Testphase bereits im Februar angelaufen war.54 Die Gefangenen mussten neben der Verrichtung von Gleisbau- und Forstarbeiten unter anderem auch die Lagerhalle und die Produktionsstätten aufbauen. Dass das sich wandelnde Kriegsgeschehen in der Endphase und die damit verbundenen Auflösungen der KZ und ihrer Außenlager auch auf Flößberg Einfluss hatten, bestätigen vor allem die letzten beiden eintreffenden Personengruppen: der Ende Februar vom KZ Buchenwald ankommende Transport, in dem sich auch Gefangene aus dem KZ Groß-Rosen befanden, sowie ein Marsch im Nachgang an die Auflösung des Außenlagers Bunzlau I in Richtung KZ Mittelbau-Dora, von dem Personen auf der Wegstrecke im Außenlager Flößberg verblieben.55

Die Gefangenen selbst wie auch die einzelnen Transporte bekommen Raum durch biografische Porträts und werden in statistischen Erhebungen zu Überlebens- und Todesraten der zugewiesenen Kategorien und Herkunftsregionen besprochen. Auf dieser Basis kann auch diskutiert werden, inwieweit antisemitische und rassistisch-ideologische Motive im Umgang mit den einzelnen Personengruppen in der Endphase des KZ-(Außenlager-)Systems eine Rolle spielten und ob ökonomisches Gewinnstreben und Vernichtung in Einklang gebracht werden konnten beziehungsweise sollten.56 Die differenzierte Darstellung der Organisation des Lagerpersonals, das sich heterogen in verschiedenen Verantwortungs- und Herkunftsgruppen ausprägte, ist für das Gesamtverständnis gleichsam bedeutend. Denn nur durch die Auseinandersetzung mit einzelnen Verantwortlichen der KZ-Wachmannschaft und dem SS-Führungspersonal, der SS-Pioniereinheit sowie dem HASAG-Personal mit Werkschutz und den Angestellten der Subunternehmen lässt sich das Außenlager Flößberg im Zusammenhang des HASAG-KZ-Buchenwald-Komplexes verstehen und mit der Endphase des KZ-Systems 1944/1945 und der Aufrechterhaltung der Zwangsarbeits- und Vernichtungspolitik in Kontext setzen.

* * *

Flößberg, 13. April 1945. Mit der Auflösung des Außenlagers ging der Terror in die finale Phase. Die 1144 überlebenden Gefangenen wurden vor Ort in geschlossene Viehwaggons getrieben und per Zug durch das heutige Tschechien ins KZ Mauthausen verschleppt.57 Die katastrophalen Verhältnisse, auch was Versorgung und Hygiene am Standort Flößberg angingen, eskalierten während des Transports weiter. Nahrungsrationen existierten faktisch nicht mehr; die Gefangenen waren auf einzelne Zuckerportionen angewiesen, die sie neben spärlichen Nahrungszuwendungen der tschechoslowakischen Bevölkerung während Stopps auf der Route zugewiesen bekamen. Diese Halte waren unter anderem notwendig, da durch alliierte Bombenabwürfe immer wieder Gleise freigeräumt werden mussten, was die Gefangenen genauso übernehmen mussten wie die Entfernung der Leichen aus den anfangs überfüllten Waggons. Doch nicht nur wegen dieser Zustände starben Hunderte Gefangene – die SS-Begleitmannschaft um den ehemaligen Kommando- und SS-Oberscharführer Heinrich Lütscher war auch für gezielte Tötungen verantwortlich. Zusammen mit angehängten Waggons mit Frauen aus den Flossenbürger Außenlagern Venusberg und Freiberg erreichte der Zug schließlich in der Nacht zum 29. April 1945 die Bahnstation in St. Georgen an der Gusen.58 Von dort wurden die überlebenden Personen ins nahe gelegene KZ Gusen59 rangiert und die restliche Strecke ins KZ Mauthausen getrieben, wo an den ersten Tagen nach Ankunft weitere Gefangene aufgrund der Verhältnisse vor Ort und der jahrelangen Misshandlungen starben.

* * *

Flößberg ab 13. April 1945. Nachdem die Auflösung des Außenlagers aufgrund der herannahenden US-Truppen notwendig geworden war, wurden die Anlagen, Gebäude und Baracken als Resultat von Plünderungen seitens führender HASAG-Angestellter, Unternehmen aus der Umgebung und der Bevölkerung größtenteils zerstört vorgefunden. Zwar passierten Soldaten des 27th Armored Infantry Battalions der 9th Armored Division Flößberg am 14. April, der HASAG-Standort blieb aber zunächst unentdeckt.60 Erst das 741st Tank Battalion der 2nd US Infantry Division fand in der letzten Aprilwoche die partiell geplünderten Produktionsanlagen sowie Teile der Massengräber und begann mit der Dokumentation. Die Leichen wurden auf US-Befehl vor allem von ehemaligen HASAG-Angestellten sowie Männern aus Beucha und Borna exhumiert, um sie in der nahe gelegenen Kreisstadt zu bestatten, wo sich auch die lokale US-Militärregierung befand. Im Anschluss wurde schließlich die männliche Bevölkerung vernommen.61

Was wussten also die Menschen vor Ort und wie verhielten sie sich? Die Existenz des HASAG-Standorts war bekannt.62 So konnten neben alltäglichen Beobachtungen auch einzelne Verbrechen bezeugt werden. Der damals 14-jährige G. S. zu eskalierter Gewalt63 im Februar 1945, während er mit einem Freund die Strecke am Außenlager vorbei von Flößberg nach Beucha ging:

Das Abladen [von Paraffinplatten von LKWs] bewachten fünf oder sechs SS-Leute, die kaum älter als 20 Jahre waren. Beim Heruntergehen rutschte ein Häftling aus, fiel hin und die Paraffinplatten zerbrachen in viele Teile. Als er mit einigen mühsam zusammengerafften Teilen zum LKW kam, brüllte ihn ein SS-Bewacher an und versetzte ihm mit einer keulenartigen langen Baumwurzel einen Hieb auf den Rücken. [Nach einem zweiten Schlag] stürzte der Häftling zu Boden und erhielt im Liegen mehrere weitere Schläge. Diese waren so heftig, dass er sich nicht mehr bewegte.64

Eine allgemeine Auseinandersetzung mit den Geschehnissen während der Existenz des Außenlagers innerhalb der Dorfgemeinschaft und der direkten Umgebung wird allerdings noch zu diskutieren sein. Der Umgang mit dem Terror in der Nachbarschaft und dem Außenlagergelände selbst veränderte sich die folgenden Jahrzehnte systembedingt. Wurde die Erinnerung während der SED-Herrschaft ideologisch verzerrt – die Planung eines Ehrenhains für die Opfer des Faschismus begann bereits Mitte 1946, bei dem der Gedenkstein ausschließlich an politische Gefangene erinnern sollte –, geriet die Geschichte des Außenlagers, unterbrochen vom Engagement Einzelner, mehr und mehr in Vergessenheit.65 Mit den Gründungen von Initiativen und Vereinen vor Ort in den 2000er Jahren wurde das Außenlagergelände dann zu einer der zentralen regionalen Gedenkstätten. Neben der Neugestaltung des Gefangenenfriedhofs und Errichtung von Schautafeln wird auch in Kooperation mit lokalen Jugendgruppen gegen das Vergessen gearbeitet.

Dabei zeugen nicht nur die Schändung des Friedhofstors Mitte 2011 mit Hakenkreuzen und dem Spruch »Der Jude Sieg mit der Lüge und stirbt mit der Wahrheit«66 sowie die Hakenkreuzschmiererei auf einer Infotafel im Mai 2023 von der Notwendigkeit dieser Arbeit.

* * *

Flößberg. An der Strecke zwischen Flößberg und Beucha war der Terror. Der Terror durchschnitt die Felder links und rechts. Der Terror war hinter und neben den Feldern. Hinter den Feldern war der Terror im Forst.

Die Verantwortlichen müssen benannt, das System erkannt und die Wörter von denen, die dort waren, erhalten werden. Der Terror darf nicht Fragment bleiben. Darum dieses Buch.

2. Die HASAG – von Lampen zum Lagersystem

2.1 Die Hugo Schneider AG

Als Hugo Schneider 1863 in den Handwerksbetrieb von Ernst Häckel einstieg, war noch nicht abzusehen, in welche Richtung sich das Unternehmen entwickeln sollte. Angefangen mit der Produktion von »Ligroine-, Solar- und Petroleumlampen«67 in Reudnitz bei Leipzig, verlagerte sich der Firmensitz 1905 nach vorheriger Umwandlung in die Hugo Schneider Aktiengesellschaft (HASAG) im Jahr 1899 nach Leipzig-Paunsdorf, wo er bis zur Demontage und Löschung des Unternehmens unter der sowjetischen Militäradministration 1948 verbleiben sollte.68 Konzentrierte sich die Produktion der HASAG bis zur Jahrhundertwende vor allem auf Petroleumbrenner, erweiterte sich das Portfolio bis zum Beginn des 1. Weltkriegs. Die nun »bedeutendste Spezialfabrik für alle Arten von […] Gasglühlichtbrennern sowie für […] Spiritusapparate, Kosmosbrenner, Hängelampen mit Metall- und Glassbassins [und] Tisch-, Wand-, Hand- und Autolampen«69 war in der Lage, weiter zu expandieren.

Der gleichzeitige Bedarf an Material für die Herstellung der Produkte bewegte »die Firma, auch die Messingproduktion an sich zu ziehen«.70 Möglich geworden war dieser Schritt bereits teilweise vor Beginn des 1. Weltkriegs mit der Gründung beziehungsweise Übernahme von Lampen- und Metallwarenfabriken in Warschau und Berlin. Das Kapital für die Ausweitung der Produktion und Standorte war bereits mit der Übernahme von Firmenanteilen im Rahmen der Umwandlung in die Aktiengesellschaft vorhanden. So besaßen nun die Allgemeine Deutsche Credit-Anstalt (ADCA), die Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) und die Privatbank George Meyer rund ein Drittel des Unternehmens. Nach der Umstellung der Produktion auf Rüstungsgüter und hier vor allem auf Infanteriemunition zu Beginn des 1. Weltkriegs konnten sich die Aktionäre »traumhafte Profite«71 sichern, die vor allem mit der Fertigung für die Rüstungswirtschaft zusammenhingen. Die Erfahrung dieses maximalen ökonomischen Erfolgs durch die Herstellung von Munition stellte so einen Schlüsselmoment für die weitere Entwicklung der HASAG dar. Noch während des Kriegs wurden metallverarbeitende Betriebe in Berlin, Leipzig und Halle übernommen, um so die eigene Produktion sicherstellen zu können.72 Lief in den 1920er Jahren zunächst die Herstellung der ursprünglichen Erzeugnisse wie Autolampen, anderer Scheinwerfer und Spirituskocher weiter, veränderten sich auch im Zuge der Weltwirtschaftskrise die Eigentümerverhältnisse. So finanzierte ab 1926 ein Konsortium aus Dresdner Bank, Danat-Bank und ADCA mehrheitlich die weitere Entwicklung der HASAG mit – nach Fusion der beiden erstgenannten Kreditinstitute im Jahr 1932 teilten sich die Dresdner Bank als Hauptaktionärin und die ADCA die finanzielle Verantwortung.73

Während die »Produktpalette […] um Suchscheinwerfer, Manometer, Rasierapparate, Feuerzeuge und Fertigteile aus Kunstharzstoffen erweitert«74 wurde – wahrscheinlich auch, um dem verminderten Export im Zuge der Weltwirtschaftskrise entgegenzuwirken und die Erzeugnisse zu modernisieren –, stieß am 1. Oktober 1931 Paul Budin75 in den Vorstand der HASAG. Der im Verlauf von Himmler bis zum SS-Obersturmbannführer beförderte Kaufmann lenkte als späterer Generaldirektor das Unternehmen ganz im antisemitischen und rassistisch-ideologischen Sinn. Nachdem nach NS-Herrschaftsbeginn zunächst alle »jüdischen Aufsichtsratsmitglieder aus dem Vorstand«76 entfernt worden waren, entstanden weitere Werke, die nun »ausschließlich der Munitionsproduktion dienten«.77 Finanziert durch die Dresdner Bank und die ADCA unter Vorsitz des Aufsichtsrats Dr. Ernst Schoen von Wildenegg78 wurden Betriebsstätten beziehungsweise Erweiterungen unter anderem in Leipzig-Schönefeld, Altenburg, Meuselwitz und Taucha errichtet.79 Bis Kriegsende sollten auch Werke in Schlieben, Colditz und Flößberg folgen.

Abb. 1: HASAG-Aktie. Unterschrieben haben Dr. Ernst Schoen von Wildenegg als Aufsichtsratsvorsitzender sowie Paul Budin, Hans Führer, Dr. Georg Mumme und Gustav Adolf Hessen für den Vorstand.

Abb. 2: HASAG-Gründer Hugo Schneider und Generaldirektor Paul Budin.

Um die Produktion von Minen, Granaten sowie Gewehr- und Pistolenmunition und Bordwaffen für Kampfflugzeuge zu gewährleisten und die Gewinnmargen so hoch wie möglich zu treiben, benutzte die HASAG im alten Reichsgebiet mindestens ab 1940 »männliche und weibliche deutsche und ausländische Zwangsverpflichtete sowie Kriegsgefangene mehrerer Länder«.80 Für die Unterbringung wurden eigens errichtete oder zweckentfremdete Gebäude in unmittelbarer Nähe der Werke verwendet. Dieses erste und auch bis Kriegsende fortlaufende Lagersystem war bezogen auf die ausländischen Zivilbeschäftigten schwerpunktmäßig HASAG-intern, wobei das Unternehmen mit diversen NS-Organisationen wie der DAF, den Behörden in den besetzten Gebieten und anderen Betrieben und Subunternehmen interagierte. Noch entscheidender sollte jedoch die Vernetzung mit dem SS-WVHA, der Lager-SS und dem Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion81 werden.

2.2 Die HASAG-Standorte im Distrikt Radom – Zwangsarbeit und Expansion

Der Überfall auf Polen im September 1939 brachte die HASAG aber zunächst in die Position, ihre Gewinnmöglichkeiten weiter zu steigern. Ein neuer geografischer Schwerpunkt der Munitionsproduktion sollte bis Januar 1945 nun an Standorten im Distrikt Radom liegen. Bereits im Sommer 1940 wurde die vollständige Verwaltung der ehemaligen staatlichen Munitionsfabriken im polnischen Skarżysko-Kamienna der HASAG kommissarisch übertragen.82 Dass »›[d]ie wirtschaftlichen Kräfte des Landes […] voll und ganz in den Dienst der deutschen Kriegswirtschaft gestellt [werden]‹«83, galt auch und insbesondere für die Werke im damaligen Distrikt Radom, die nun umstrukturiert und so gewinnbringend wie möglich ausgebeutet werden sollten. So konnte sich die HASAG neben der Munitionsfabrik in Skarżysko-Kamienna auch die Munitionsfabrik Granat in Kielce mitsamt Hütten und die Eisenhütte Raków im heutigen Częstochowa einverleiben – im Verlauf ergänzt durch die dortigen Betriebe Pelcery/Apparatebau, Warta und Częstochowianka.84 Das bereits zuvor in den HASAG-Werken im heutigen Sachsen, Thüringen und Brandenburg etablierte System der Ausbeutung von ausländischen Zivilbeschäftigten erreichte nun im Distrikt Radom eine zweite Stufe.

Am Beispiel des Standorts in Skarżysko-Kamienna, der sich während seiner Existenz bis Sommer 1944 in Werk A, Werk B und Werk C ausprägte, kann das HASAG-Zwangsarbeitssystem verdeutlicht werden, denn ähnliche Strukturen lassen sich für die Standorte in Kielce und Częstochowa erkennen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Zustände an den Standorten deckungsgleich waren.85 Neben regulären reichsdeutschen Angestellten besonders in Führungspositionen arbeiteten zunächst vor allem nichtjüdische Pol*innen in der Produktion von unter anderem Granaten, Infanteriemunition und Minen – üblich jeweils in Zwölf-Stunden-Schichten. Ihr Lohn lag 15 bis 35 Prozent niedriger als der der reichsdeutschen Belegschaft.86 Mit dem steigenden Bedarf an ausländischen Zivilbeschäftigten besonders in der Rüstungsindustrie und in Anbetracht des gleichzeitigen Personaldrucks durch die Wehrmacht wurden so vermehrt nichtjüdische Pol*innen ins alte Reichsgebiet getrieben.87 Die fehlenden Arbeitskräfte im Generalgouvernement mussten dementsprechend so kostengünstig wie möglich ausgeglichen werden. Was nun folgte, entsprach der Ausbeutung von Jüd*innen und dem Auf- und Ausbau eines HASAG-internen Zwangsarbeitslagersystems für Jüd*innen an den drei Standorten im Distrikt Radom.88 Die jüdische Bevölkerung der Umgebung – bereits ab Herbst 1939 schrittweise ihrer Rechte beraubt, indem sie in NS-Ghettos89 und Zwangsarbeitslager getrieben und als Arbeitsjuden90 zur Zwangsarbeit eingesetzt worden war91 – wurde nun sukzessive in die Lager der HASAG verschleppt.92 Diese Praxis war dabei nicht nur auf die jüdische Bevölkerung des Distrikts Radoms beschränkt, denn auch aus den anderen Distrikten des Generalgouvernements wurden Menschen an den HASAG-Standorten ausgebeutet.93

Einer von ihnen war der spätere Flößberg-Gefangene Samuel Lustiger, der Anfang 1942 nach Skarżysko-Kamienna verschleppt und dort dem Werk C zugeteilt wurde:

Wir mussten die Kleidung tragen, die wir hatten. Später bekamen wir dann die Sachen von den gestorbenen Menschen […]. In den Baracken, in denen wir untergebracht waren, war es kalt, wir hatten nur eine Decke […]. Wir sprachen aber die meiste Zeit nur über Essen, wir dachten an nichts anderes, nicht an unsere Väter und Mütter, nur ans Essen […]. Die Frauen waren hier in getrennten Baracken untergebracht. Einige von ihnen mussten Minen herstellen. Die Minen waren gelb, alles war gelb, die Frauen sahen aus wie gelbe lebende Tote. Sie hatten keine Kleidung an, weil alles verbrannt war, deshalb zogen sie sich die Säcke an, in denen sich das Pulver befunden hatte.94

Zusätzlich zu den Jüd*innen aus dem Generalgouvernement kamen Mitte 1943 Transporte aus dem KZ Lublin in Skarżysko-Kamienna an.95 Wie genau diese Verschleppungen zu Stande gekommen waren, ist bisher nicht sicher zu belegen, sind die Gefangenen doch Eigentum der Lager-SS beziehungsweise des SS-WVHA gewesen und hatten vor Ort letztlich unter Befehlsgewalt des SS- und Polizeiführers des Distrikts Lublin, SS-Gruppenführer Odilo Globocnik, gestanden.96 Unter den insgesamt mehr als 2000 größtenteils jungen und somit als arbeitsfähig auszubeutenden Personen befanden sich auch Dr. Israel Rotbalsam, Israel Jacob Mittelberg und Eddie Bachner, die später ins Außenlager Flößberg verschleppt werden sollten.97 Sie waren aus dem Warschauer NS-Ghetto zunächst ins Vernichtungslager Treblinka deportiert und von dort noch am selben Tag ins KZ Lublin verschleppt worden.98 Für die Transporte von letzterem Lager nach Skarżysko-Kamienna lässt sich mutmaßen, dass ökonomische Ausbeutungsgründe nach Absprachen zwischen der Lager-SS und der HASAG-Führung eine Rolle gespielt haben könnten.

Die Jüd*innen sahen sich hier mit dem von der HASAG installierten innerbetrieblichen Werkschutz konfrontiert, der als Terrorapparat für Misshandlungen, Selektionen99 und Tötungen unmittelbar verantwortlich war. Die HASAG-Zwangsarbeitslager für Jüd*innen waren dabei autonom und befanden sich nicht im Einflussbereich der Lager-SS; allerdings unterstanden sie, wie eingangs erwähnt, dem SS- und Polizeiführer des Distrikts Radom, Böttcher.

Diese Autonomie führte, neben der im Jahr 1939 festgelegten Implementierung eines Werkschutzes, zur Errichtung des innerbetrieblichen Terrorapparats.100 Denn anders als in KZ und deren Außenlagern existierte hier keine Lager-SS, die die Bewachung und Unterdrückung ausführen konnte. Dazu wurden zusätzlich auf Weisung des RSHA ab September/Oktober 1943 die Sicherheits- und nach Einwänden Böttchers auch die Ordnungspolizei101 als Aufsichtsorgane für Sicherheitsfragen der Lager bestimmt, um dem als unprofessionell eingeschätzten Werkschutz eine weitere Kontroll- und Repressionsinstanz hinzuzufügen.102

Trotzdem waren die uneinheitlich gekleideten und mit Gummiknüppeln, Pistolen und Karabinern bewaffneten Werkschutzangehörigen die zentrale Exekutive – neben zur Aufsicht gezwungenen jüdischen Personen, die mal als Lager-, mal als Judenpolizei bezeichnet wurden.103 In den Werken in Skarżysko-Kamienna setzten sie sich aus »180 Mann, darunter 28 Reichs- und 31 Volksdeutsche und 121 Ukrainer«104 zusammen. Diese Herkunftsstruktur kann stellvertretend für den Werkschutz an den Standorten in Kielce und Częstochowa wie später für den Werkschutz in den Betrieben gesehen werden, an die die Außenlager des HASAG-KZ-Buchenwald-Komplexes angeschlossen wurden. Auch ohne unmittelbare SS-Direktive in den Werken und Zwangsarbeitslagern für Jüd*innen bestimmten Misshandlungen und Tötungen die Arbeitsabläufe. Die SS und die Sicherheitspolizei105 trugen zwar die sicherheitspolitische Aufsicht über den Werkschutz106 – das antisemitische und rassistisch-ideologische NS-Konzept wurde aber auch eigenständig HASAG-intern auf die Jüd*innen angewendet und mit der Ausbeutung im Rahmen der Zwangsarbeit erweitert. Angeleitet wurden die jüdischen Männer und Frauen während der Arbeit von zivilem Fachpersonal, das sowohl aus dem Deutschen Reich als auch aus Polen stammte und sich aus HASAG-Angestellten und Angestellten von Subunternehmen zusammensetzte. HASAG-Angestellte in Leitungspositionen waren dabei gleichzeitig auch höherrangige SS-Angehörige und befehligten den innerbetrieblichen Terror oder waren selbst ausführend beteiligt. In Skarżysko-Kamienna waren das SS-Standartenführer Egon Dalski, der sich bis zu seiner Absetzung 1943 als Betriebsdirektor für die Verhältnisse vor Ort verantwortlich zeichnete,107 der Oberaufseher aller Lager und Leiter des Lagers, das zum Werk A gehörte, SS-Untersturmführer Anton Ipfling, und der Werkschutzleiter, SS-Hauptsturmführer Kurt Krause.108 Im zum Werk A gehörenden Lager war SS-Unterscharführer Maximilian Wunderle in einer Stellvertreterposition tätig. Er verblieb offenbar bis zur Auflösung des Standorts Ende Juli 1944 ebenda und sollte später auch in Flößberg in Erscheinung treten.109 Die herausgehobenste Stellung hatte wahrscheinlich SS-Obersturmführer Heinz Bretschneider, der als Direktor der HASAG ab Januar 1943 stellvertretender Geschäftsführer an den Standorten in Skarżysko-Kamienna und Leipzig war.110 Der unmittelbar Generaldirektor Budin unterstellte ehemalige Prokurist der HASAG war zudem ab 1944 stellvertretender Vorsitzender des Sonderausschusses Munition II111 und laut HASAG-Vorstand Gustav Adolf Hessen Leiter der HASAG-Abteilung Munition.112 Er sollte für Flößberg später die entscheidende Rolle auf Direktionsebene einnehmen.

Für das Gesamtverständnis des HASAG-KZ-Buchenwald-Komplexes und im Speziellen für das Zivilarbeits- und das Außenlager Flößberg ist der Fokus auf die Personaldynamik der HASAG-Angestellten entscheidend. Neben einzelnen Angehörigen des HASAG-SS-Personals wechselten nach Auflösung der Standorte im Distrikt Radom bis Januar/Februar 1945 auch Angehörige des Werkschutzes und Angestellte von Subunternehmen – von der HASAG für Hoch- und Tiefsowie Heizungsbauarbeiten herangezogen – in die Betriebe mit den neu errichteten Außenlagern. So waren das für Flößberg die Werkschutzangehörigen Gustav Märtins, Alexander Maas und Hermann Robert Lachmann, die zuvor an den Standorten in Kielce und Częstochowa eingesetzt worden waren;113 hinzu kam August Badura (Skarżysko-Kamienna).114 Innerhalb des Werkschutzes höchstrangig war der ehemalige Werkschutzleiter am Standort Kielce, Karl Berger, der am Standort Flößberg die gleiche Position einnehmen sollte.115 Auch zur Rolle von Bergers Vorgesetztem in Kielce, SS-Obersturmführer Axel Schlicht, wird bezogen auf Flößberg noch die Rede sein, wurde er doch von zwei Gefangenen im dortigen Außenlager gesehen.116 Die von der Bauunternehmung Franz Wendt aus Leipzig zuvor am Standort Częstochowa als Subangestellte verwendeten Gustav Feilscher und Gottfried Staubitzer können für den Standort Flößberg ebenfalls verifiziert werden.117 Die Mehrzahl der genannten und auch hier verantwortlichen Personen wurde im Rahmen der in der Sowjetischen Besatzungszone118 abgehaltenen Prozesse zu Verbrechen an den HASAG-Standorten im Distrikt Radom 1949 zu langjährigen Haftstrafen verurteilt beziehungsweise durch sowjetische Militärtribunale bereits 1946 hingerichtet.119 Verglichen mit der Gesamtzahl des verantwortlichen Personals entsprachen die Verurteilungen allerdings nur einem verschwindenden Teil der tatsächlichen Verbrechen und der dafür verantwortlichen Personen. Zudem wurde niemand von ihnen verifizierbar und explizit für NS-Unrecht in Flößberg verurteilt.

2.3 Die HASAG und das KZ Buchenwald – Zwangsarbeit und Maximierung

Das Vordringen der Roten Armee im Juli 1944 »bis an die östliche Grenze des Distrikts Radom«120 spiegelte nicht nur im Kleinen die Endphase des 2. Weltkriegs wider – auch für die dortigen HASAG-Standorte hatte der Kriegsverlauf folgenschwere Auswirkungen. Auf Anordnung des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD121 im Generalgouvernement, SS-Brigadeführer Walther Bierkamp, sollten auch alle Jüd*innen verschleppt werden, um so die ökonomische Ausbeutung weiter sicherzustellen.122 Sollte eine Verschleppung nicht mehr möglich sein, so waren sie »an Ort und Stelle zu ermorden und ihre Leichen zu beseitigen«.123 Das machte die Fortführung der Produktion, zunächst in Skarżysko-Kamienna und Kielce, unmöglich, da auch die Anlagen und Maschinen nicht den sowjetischen Einheiten überlassen und, wenn machbar, weiterverwendet werden sollten:

Herr Budin ist […] am 24.07. nach dem GG124 gereist, um sich persönlich zu informieren und die erforderlichen Anweisungen zu geben […]. Von der Belegschaft von Kamienna von ungefähr 8.600 Köpfen besteht etwa die Hälfte aus Juden. Diese müssen lt. Anordnung der SS beschleunigt abtransportiert werden, und zwar wohl überwiegend nach dem Werk Tschenstochau125. […] Werkzeugbau und Infanterie sollen nach Tschenstochau kommen, während die übrigen Anlagegegenstände nach Deutschland befördert werden sollen. Wo sie zur Aufstellung gelangen, steht im Augenblick noch nicht fest. Hierüber verhandelt Herr Budin mit den zuständigen Stellen.126

Der Bericht des HASAG-Aufsichtsratsvorsitzenden Schoen von Wildenegg verdeutlicht, dass es der HASAG um Generaldirektor Budin auch in der Endphase um die Fortsetzung der ökonomischen Ausbeutung und Profit- und Einflussmaximierung ging. Wenn nötig – ob aufgrund des Kriegsverlaufs oder der physischen und psychischen Zwangsarbeitsunfähigkeit der Jüd*innen –, waren Tötungen hier Teil des Ausbeutungssystems. Dass die Organisation, Umstrukturierung und Neuaufstellung der Zwangsarbeitslager für Jüd*innen hin zum Außenlagersystem als HASAG-KZ-Buchenwald-Komplex trotz der Kürze der verfügbaren Zeit und der Kriegsumstände möglich waren, zeigt die enge Vernetzung der HASAG-Führung um Budin »mit den zuständigen Stellen«, also der Lager-SS, dem SS-WVHA und auch dem Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion unter Speer

Die »Neu-Ordnung des KZ-Systems […] zeichnete sich [also] weniger durch irrationale ideologische, sondern mehr durch pragmatische utilitaristische Kriterien aus«127 – der HASAG-KZ-Buchenwald-Komplex kann als Teil davon gesehen werden. Während die Jüd*innen aus Skarżysko-Kamienna und Kielce Ende Juli bis Anfang August 1944 sowohl an den noch existierenden Standort in Częstochowa als auch ins KZ Buchenwald – zum Teil über das Zwangsarbeitslager Sulejów – und an den HASAG-Standort in Leipzig verschleppt wurden, blieben die Betriebe in Częstochowa bis Anfang Januar 1945 aufrecht. Hier übernahm Mitte Dezember 1944 dann die SS des KZ Auschwitz die Verwaltung der Zwangsarbeitslager für Jüd*innen, bis auch ein Teil der dort noch festgehaltenen Personen ins KZ Buchenwald und in die nun errichteten Außenlager des HASAG-KZ-Buchenwald-Komplexes beziehungsweise in die KZ Mittelbau-Dora und Groß-Rosen verschleppt wurden. Etwa 5200 von ihnen konnten in Częstochowa durch die Rote Armee befreit werden.128 Dass Budin offenbar bereits vor Auflösung der Standorte im Distrikt Radom mit Pohl zusammengetroffen war und im Rahmen der Schnellaktion Panzerfaust von Speer im September 1944 Befugnisse für die Expansion der Munitionsproduktion erhalten hatte,129 verdeutlicht die geordnete Planung hin zum Aufbau des Außenlagersystems.

So wurden Anfang Juli 1944 weibliche Gefangene aus dem KZ Ravensbrück ins HASAG-Stammwerk nach Leipzig-Schönefeld verschleppt, was die Inbetriebnahme des dortigen Außenlagers markierte, wobei das KZ Ravensbrück bis zum 31. August 1944 formell für die HASAG-Außenlager mit weiblichen Gefangenen zuständig blieb. Weitere Frauenaußenlager an den HASAG-Standorten in Schlieben, Altenburg, Taucha und Meuselwitz folgten bis Oktober 1944. Die Zuständigkeit der Außenlager in Leipzig, Schlieben und Altenburg wurde schließlich mit September 1944 dem KZ Buchenwald übertragen und an allen Standorten im heutigen Sachsen, Thüringen und Brandenburg bis Dezember 1944 ebenfalls Männeraußenlager eingerichtet – das letzte in Flößberg.130 Die veränderte Unterstellung der Frauen-Außenlager wurde von der HASAG in großem Maße mitgetragen, zumal deren Vertreter in den Rüstungsausschüssen saßen, auch wenn das Hauptargument die Dezentralisierung der im KZ Ravensbrück gebündelten Verwaltungsstruktur war. Dies stellte für die HASAG insofern eine Vereinfachung dar, als dass sie nun im Wesentlichen nur einen Ansprechpartner, nämlich SS-Obersturmführer Wolfgang Plaul, hatte, der als Stützpunktleiter131 aller Außenlager des HASAG-KZ-Buchenwald-Komplexes für die Verbindung zum Buchenwalder Hauptlager verantwortlich und in Personalunion auch Kommandoführer des Leipziger Frauen- sowie später auch des Männeraußenlagers war.

Die im Laufe der Existenz der Außenlager nach aktuellem Stand 11721 weiblichen und 6453 männlichen KZ-Gefangenen132 setzten sich nunmehr nicht nur aus Jüd*innen aus den HASAG-Standorten im Distrikt Radom zusammen. So trafen Ende 1944 auch Transporte mit als ungarisch klassifizierten jüdischen Personen im KZ Buchenwald ein, die zum Teil von dort in die Außenlager des HASAG-KZ-Buchenwald-Komplexes verschleppt wurden. Für das Außenlager Flößberg gilt hier der erste Transport mit 150 fast ausschließlich jüdischen Männern aus Ungarn am 28. Dezember 1944 als Ausgangspunkt für die Inbetriebnahme. Zusätzlich erreichten Transporte aus den KZ im heutigen Polen zunächst das KZ Buchenwald, die wiederum in die HASAG-Außenlager weitergeleitet wurden – Frontverschiebungen und Überbelegungen hatten bereits vor der Auflösung der KZ Auschwitz, Stutthof und Groß-Rosen und deren Außenlager weitere Verschleppungen ins alte Reichsgebiet beeinflusst. So wurde die KZ-Gefangenengesellschaft heterogener und bestand nun neben den Personen aus den HASAG-Zwangsarbeitslagern für Jüd*innen im Distrikt Radom und den als ungarisch zusammengefassten jüdischen Personen auch aus Jüd*innen aus West-, Süd- und Südosteuropa sowie aus dem Baltikum und dem Deutschen Reich. Hinzu kamen Kriegsgefangene und vormals Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion, politische Gefangene aus dem Baltikum, dem ehemaligen Jugoslawien, aus Polen und anderen europäischen Staaten, die neben den KZ im heutigen Polen auch aus den KZ Sachsenhausen, Ravensbrück oder Flossenbürg ins KZ Buchenwald und dann weiterverschleppt wurden. Ebenso erreichten klassistisch-biologistisch verfolgte Personen unter den zugewiesenen Kategorien asozial/arbeitsscheu und Justizgefangene als Berufsverbrecher die Außenlager. In die Frauenaußenlager in Schlieben, Altenburg und Taucha wurden zudem Sintize und Romnja verschleppt.133

Zentrale logistische und administrative Drehscheibe war das KZ Buchenwald.134 Das am 15. Juli 1937 eröffnete KZ bei Weimar entwickelte sich bis zur Befreiung der Gefangenen am 11. April 1945 durch US-Einheiten zu einem der größten KZ im alten Reichsgebiet. Die Gefangenen wurden insbesondere ab der Expansion des Zwangsarbeitseinsatzes 1942/1943 sowohl in Innen- als auch in Außenkommandos135 zur Zwangsarbeit genötigt. Die Lager-SS hatte dabei bereits vor der Errichtung der Außenlager des HASAG-KZ-Buchenwald-Komplexes Erfahrung in der Kooperation mit der Rüstungsindustrie. So wurden allein im März 1943 Außenlager bei der Erla Maschinenwerk GmbH in Leipzig, bei den Junkers Flugzeugwerken in Schönebeck und bei den Rautalwerken Wernigerode errichtet.136 Im KZ Buchenwald selbst administrierte neben Pister, Schwartz und Schiedlausky auch der Leiter der Standortverwaltung, SS-Sturmbannführer Otto Barnewald, die letzte große Gründungswelle von Außenlagern, bei der von Juli bis Dezember 1944 76 neue Standorte hinzukamen.137 Diese Expansion war dabei keinesfalls nur auf das KZ Buchenwald beschränkt, sondern stand symptomatisch für die Ausweitung des KZ-(Außenlager-)Systems in den letzten Kriegsjahren: »Ende 1943 existierten bereits fast 260 Haupt- und Außenlager, im Juli 1944 fast 600 und im Januar 1945 über 730.«138 Folglich waren alle errichteten Außenlager des HASAG-KZ-Buchenwald-Komplexes Teil dieser finalen Gründungswelle, die – multikausal ausgelöst – die weitere Ausbeutung, Misshandlung und Tötung der Gefangenen vorantreiben sollte.

Bezogen auf den HASAG-KZ-Buchenwald-Komplex können die notwendig gewordenen Auflösungen der HASAG-Zwangsarbeitslager für Jüd*innen ebenso als Motor zum Aufbau gesehen werden wie das verbrauchte Potenzial an ausländischen Zivilbeschäftigten und Kriegsgefangenen besonders in der zweiten Hälfte 1944,139 die, in angeschlossenen Zivilarbeits- und Kriegsgefangenenlagern untergebracht, ausgebeutet wurden. Das betraf selbstverständlich auch die Zivilarbeitslager an den HASAG-Standorten im heutigen Sachsen, Thüringen und Brandenburg, die bei Errichtung der Außenlager oftmals umstrukturiert weiterbestanden.

Im Gesamtzusammenhang des KZ-Systems in der Endphase 1944/1945 spielten Entscheidungen auf Ebene von Himmler und der Führung des SS-WVHA unter Pohl eine Rolle. Die bereits erwähnten Überbelegungen und im Verlauf auch kriegsbedingten Auflösungen besonders der KZ im heutigen Polen zwangen zum Handeln, um das KZ-System aufrechterhalten zu können. Die Gefangenen, die mit den Transporten in die KZ im alten Reichsgebiet und somit auch im KZ Buchenwald eintrafen, benötigten dementsprechend eine Unterbringung, die so in den Hauptlagern nicht vorhanden war. Dazu »drängten Himmler und Pohl unbeirrt auf die Erhöhung der Häftlingszahlen, um sie so rasch wie möglich der Rüstungsproduktion in den Außenlagern zur Verfügung zu stellen«.140 Dass diese Weisungen zu katastrophalen Zuständen auch im KZ Buchenwald führten, bestätigt die Aussage Pisters im Rahmen des Buchenwald-Hauptprozesses im Mai 1947:

Als die Häftlingstransporte aus dem Osten eintrafen, kontaktierte ich das Büro der Amtsgruppe D […] per Fernschreiben. Ich teilte mit, dass in Buchenwald keine neuen Transporte mehr aufgenommen werden können, da das Lager bereits überfüllt war […]. Glücks antwortete dann, dass alle anderen Lager auch voll seien und die Häftlinge aufgenommen werden müssen.141

Anders als noch in den HASAG-Zwangsarbeitslagern für Jüd*innen142gehörten die Gefangenen der Lager-SS und letztlich dem SS-WVHA unter Pohl. Hier war neben Glücks der bereits genannte Leiter des Amts D II, SS-Standartenführer Maurer, weisungsbefugt.143

Was die Ankunft im KZ Buchenwald für die Gefangenen bedeutete, kann nur individuell und fragmentarisch wiedergegeben werden. Der reguläre administrative Ablauf im KZ Buchenwald prägte sich aber wie folgt aus: