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Bestimmen unsere Gefühle unser Bewusstsein? Ist der Mensch zu rationalem und vernünftigem Handeln nur fähig, wenn er fühlt? Und wenn ja, welche Rolle spielen dann bewusste Prozesse, und wie werden sie im Gehirn umgesetzt? Der Portugiese Antonio Rosa Damasio, Professor für Neurologie und Psychologie an der University of Southern California, gilt weltweit als Koryphäe auf diesem Gebiet. Sein hochkomplexes Theoriegebäude liefert, evolutionstheoretisch begründet, plausible Erklärungen: Handfeste Befunde zeigen, dass emotionale Reaktionen des Organismus entscheidenden Einfluss auf unsere Verstandesstrategien ausüben. Eine Trennung von Körper und Geist gibt es demnach nicht. Vielmehr schließen wir bei jeder Entscheidung auf der Grundlage vorheriger Erfahrungen alle emotional nicht akzeptablen Varianten aus. Allerdings bleibt auch Damasios Theorie nicht ohne Kritik. Nadine Schumann beleuchtet Damasios Standpunkt aus philosophischer Perspektive und referiert Kritikpunkte. Nur im interdisziplinären Diskurs, so Schumann, werden Philosophen, Neurowissenschaftler und Evolutionsbiologen zu einer Synthese gelangen.
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2013
Nadine Schumann
Gefühl und Rationalität. Eine philosophische Untersuchung zur Theorie Antonio Damasios
© Tectum Verlag Marburg, 2010
ISBN 978-3-8288-5654-7
Bildnachweis Cover: Gestaltung Gabi Schluttig
(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-2238-2 im Tectum Verlag erschienen.)
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Einleitung
I. Organismus und Emotion
I.1. Begriffsklärung
I.1.1. Organismus
I.1.2. Homöostase
I.1.3. Emotion
I.2. Die eigentlichen Emotionen (the emotions-proper)
I.2.1. Hintergrundemotionen (background emotions)
I.2.2. Die primären Emotionen (primary emotions)
I.2.3. Soziale Emotionen (social emotions)
I.2.4. Sekundäre Emotionen (secondary emotions)
I.3. Mechanismen der Emotion
I.3.1. Damasios Arbeitshypothese in Form einer Definition
I.3.2. Die Hirnmechanismen der Emotion
I.4. Diskussion
II. Gefühle, Bewusstsein und Selbst
II. 1. Gefühle
II.1.1. Definition
II.1.2. biologische Voraussetzungen
II.1.3. Gefühl – feeling an emotion
II.1.4. Der Empfindungsprozess (process of feeling)
II.1.5. Die Spielarten des Gefühls(varieties of feeling)
II.1.6. Hintergrundgefühle (background feelings)
II.2. Organismus und Objektrepräsentation
II.2.1. Organismus-Objekt-Relation
II.2.2. Notwendigkeit für ein neuronales Muster zweiter Ordnung
II.2.3. Vorstellung
II.2.4. Repräsentation
II.3. Damasios Konzept von Bewusstsein
II.3.1. Was ist Bewusstsein?
II.3.2. Kernbewusstsein (core consciousness)
II.3.3. Erweitertes Bewusstsein (extended consciousness)
II.4. Auf der Suche nach dem Selbst
II.4.1. Stabilität als Notwendigkeit
II.4.2. Proto-Selbst (proto-self)
II.4.3. Kern-Selbst (core self)
II.4.4. Autobiographisches Selbst
II.4.5. Autobiographisches Selbst, Identität und Personalität
II.5. Denken und Entscheiden – Theorie der somatischen Marker
II.6. Gefühle fühlen (feeling feelings)
II.7. Zwischenresümee
III. Kritische Betrachtung des Theoriekonzeptes von Damasio
III.1. Offene Fragen/Kritikpunkte
III.2. Von der Emotion zum menschlichen Gefühl
III.2.1. Phylogenetische Aspekte der Evolution
III.2.2. Ontogenetische Aspekte der Evolution
III.3. Kritik neurowissenschaftlicher Konzepte
III.4. Ontologischer Monismus und methodologischer Aspektdualismus
III.4.1. Begriffsklärung
III.4.2. Identitätstheorie
III.4.3. Einwände gegen die Identitätstheorie
III.4.4. Beobachterperspektive
III.4.5. Die Perspektive der ersten Person
IV. Schluss
V. Literatur
Antonio R. Damasio ist einer der populärsten Neurobiologen unserer Zeit, der nicht nur neurophysiologische Daten gesammelt, sondern auch eine umfangreiche Theorie zu Emotion, Gefühl und Bewusstsein entwickelt hat. Dabei liegt folgende Grundthese zugrunde: Emotionen und Gefühle verhindern nicht die Arbeit der Vernunft, sie sind ein integraler Bestandteil der Verstandesmechanismen. Eine wirksame Anwendung von ‚Verstandesstrategien‘ hängt im Wesentlichen davon ab, Emotionen empfinden zu können. Rationalität kann sowohl durch zu starke als auch durch fehlende Emotionalität gestört sein. Die Theorie von Damasio besitzt durch zahlreiche Studien von Fallbeispielen und die Fülle an neurophysiologischen Daten ein sehr hohes Erklärungspotential. Das systematisch, neurophysiologisch und evolutionsbiologisch eingebettete Theoriegebäude kann die an sich starke Grundthese gut begründen. Leider gibt es wenige Kritiken zu Damasios Theorie, was meinen Einordnungsversuch in die aktuelle philosophische Diskussion erschwert. Dazu kommen einige begriffliche Schwierigkeiten, welche hauptsächlich aus den unterschiedlichen Herangehensweisen (z. B. in Bezug auf Begriffe wie Emotion und Bewusstsein) von Neurowissenschaften und Philosophie resultieren.
Kapitel I und II beinhalten die Darstellung der Theorie Damasios. Im ersten Kapitel werde ich die Grundzüge des Emotionskonzeptes bezüglich des Organismus herausarbeiten. Im zweiten Kapitel sollen Damasios Hypothesen zu Gefühl, Bewusstsein und Selbst dargestellt werden, wobei die Betrachtung der Organismus-Objekt-Relation und die Theorie der somatischen Marker besondere Beachtung erfährt.
Kapitel III beschäftigt sich hauptsächlich mit der kritischen Auseinandersetzung und der Einordnung der Theorie Damasios. Dabei werde ich anfangs einige Kritikpunkte und offene Fragen besprechen. Da Damasios Konzept in die Evolutionstheorie eingebettet ist, werde ich kurz die Grundzüge der Evolution beleuchten und sowohl auf phylogenetische als auch ontogenetische Aspekte eingehen, um so seine Argumentation zu prüfen.
Im Allgemeinen wird Neurowissenschaftlern der Vorwurf gemacht, Begriffe leichtfertig zu verwenden, und damit falsche Schlüsse zu ziehen. In diesem Sinne werde ich die Kritik neurowissenschaftlicher Theorien hervorheben und für einen transdisziplinären Ansatz plädieren. Die Einbeziehung neurowissenschaftlicher Untersuchungen scheint für die Philosophie des Geistes unabkömmlich. Damasio vertritt eine monistische Position, wobei er eine Erklärung mentaler Zustände und Ereignisse aus neurophysiologischer Perspektive für prinzipiell möglicherachtet. Aus diesem Grund halte ich eine Auseinandersetzung mit der Identitätstheorie für angebracht, und ich werde die Vorzüge und Einwände, welche im Rahmen der zeitgenössischen Philosophie des Geistes im Bezug auf die Identität mentaler und physischer Zustände hervorgebracht wurden, kurz besprechen. Abschließend möchte ich auf den methodologischen Aspektdualismus eingehen, um eventuelle Grenzen der Erforschung von Emotion, Gefühl und Bewusstsein aufzuzeigen.
Der Ausdruck Organismus ist seit dem 18.Jh. überall gebräuchlich und geht in seinen Ursprüngen auf Aristoteles und die Vorsokratik zurück. Der Begriff wird im Allgemeinen für Systeme gebraucht, die als ganzheitlich, hierarchisch gegliedert und zielgerichtet gekennzeichnet werden sollen.1 Nicht nur Biologie und Medizin, sondern auch zahlreiche andere Wissenschaften beschäftigen sich mit Organismen, sei es im Bezug auf Lebewesen, Universum oder Gesellschaft. Antagonistisch zum Organismus wird üblicherweise der Mechanismus gesetzt, der sich als stabiles System (im absoluten Sinne) darstellt. Organismen hingegen zeichnen sich dadurch aus, dass sie, im Labilen verweilend (relative Stabilität), ständig nach einer Aufrechterhaltung von Stabilität streben. Obwohl die Begriffe Organismus und Mechanismus im Gegensatz zu stehen scheinen, soll eine theoretische Betrachtung von Organismen nur in der vereinten Darstellung von ,kausalen‘ Mechanismen und organisch-teleologischen Prozessen sinnvoll sein. Dass biologische Systeme grundsätzlich teleologisch sind, ist zwar eine weit verbreitete Annahme, allerdings ist diese nicht unumstritten.2
Mit dem 20. Jh. setzt sich eine Definition von lebenden Organismen durch, die maßgeblich auf Ludwig von Bertalanffy zurückgeht. Er bestimmt einen lebenden Organismus als ein in hierarchischer Ordnung organisiertes System einer großen Anzahl verschiedener Teile3. Es handelt sich um ein offenes System, welches sich aufgrund seiner Systembedingungen im Wechsel der Bestandteile erhält, was nur durch den Bezug auf das Ganze möglich ist. In der allgemeinen Systemtheorie entwickelt Bertalanffy die Idee des Fliessgleichgewichtes, welches einem lebenden Organismus gestatten soll sich selbst zu organisieren und zu regulieren (homöostatisches Fließgleichgewicht).4
Die Homöostase ist auch für Damasio das grundlegende strukturierende Prinzip zur Selbsterhaltung eines lebenden Organismus (nähere Erläuterungen in Kap.I.1.2.). Damasio definiert einen Organismus über die Körpergrenze, er unterscheidet zwischen Innenwelt, dem internen Zustand innerhalb der Körpergrenze, und Außenwelt (extern). Im Kampf ums Überleben steht der Erhalt bzw. die Stabilisierung interner Zustände im Vordergrund.
The specifications for survival that I am describing here include: a boundary; an internal structure; a dispositional arrangement for the regulation of internal states that subsumes a mandate to maintain life; a narrow range of variability of internal states so that those states are relatively stable.5
Da ein Organismus als offenes System organisiert ist, steht dieser ständig mit der Umwelt in Kontakt. Einflüsse dieser Art zwingen den Organismus zu permanenter Regulation interner Zustände. Je komplexer Organismen und Umwelten sind, desto höher werden die Anforderungen an die notwendige Regulierung von Lebensprozessen. Dabei ist die Homöostase das grundlegende Funktionsprinzip lebender Organismen.
I.1.2. Homöostase
Homöostase6(griech. μoιoστάση – Gleich-Stand) bezeichnet die Gesamtheit der koordinierten und weitgehend automatischen physiologischen Reaktionen, die erforderlich sind, um in einem lebenden Organismus stabile innere Zustände hervorzurufen. Ziel dieser Funktion ist die Aufrechterhaltung eines inneren Gleichgewichts, welches eine relative Stabilität des organismischen Systems bedeutet. Emotionen werden von Damasio als Teil der automatischen und grundlegenden Mechanismen zur Steuerung des organismischen Lebens begriffen. Dabei treten sie in eine Reihe mehrerer verwandter Reaktionen, die ebenfalls an der Regulation und Sicherung des Überlebens eines Organismus (z. B. Immunsystem) beteiligt sind. Alle lebenden Organismen, von der Amöbe bis zum Menschen, besitzen Mechanismen der Homöostase. Grundprobleme wie z. B. die Suche nach Energiequellen, Aufrechterhaltung des inneren chemischen Gleichgewichts etc., werden gelöst, ohne auf Denkprozesse angewiesen zu sein. Um die Ebenen automatischer homöostatischer Steuerung (vom Einfachen zum Komplexen) zu veranschaulichen, gebraucht Damasio das Baummodell (s. Abb.17).8
Auf den niedrigsten Zweigen werden Stoffwechselprozesse, Grundreflexe und Immunsystem angesiedelt. Zum Stoffwechsel gehören Prozesse, die mit Hilfe von chemischen und mechanischen Komponenten (z. B. endokrine/hormonale Sekretion, digestive Muskelkontraktion) das Gleichgewicht des inneren chemischen Milieus aufrecht erhalten. Grundreflexe wie die Schreckreaktion- oder Tropismen oder Taxes zur Vermeidung von extremer Hitze oder Kälte tragen zur Stabilisierung des inneren Milieus bei. Das Immunsystem dient der Stabilisierung insofern, als dass es als ,erste Verteidigungslinie‘ des Organismus einer Bedrohung von außen oder innen entgegenwirkt.
Den mittleren Zweigen werden Verhaltensweisen zugeordnet, die mit dem Konzept von Lust (Belohnung) und Unlust (Schmerz und Bestrafung) verknüpft sind. Für Damasio gehören Annäherungs- oder Vermeidungsverhalten des gesamten Organismus in Reaktion auf ein spezifisches Objekt oder eine bestimmte Situation zu einer hochinteressanten Gruppe von Mechanismen. Das Empfinden von Schmerz oder Lust ist allerdings nicht die Ursache des Schmerz- oder Lustverhaltens und keineswegs notwendige Voraussetzung für das Auftreten typischer Verhaltensweisen. Selbst sehr einfache Lebewesen führen diese Verhaltensweisen aus, ohne dass ein ,Fühlen‘ als wahrscheinlich angesehen werden könnte.
Auf der nächsthöheren Ebene siedelt Damasio Triebe und Motivationen an, welche beispielsweise Hunger, Durst, Neugier und Erkundungsdrang, Spiel und Sexualität umfassen. Die eigentlichen Emotionen werden auf der oberen Ebene angesiedelt, Damasio beschreibt sie als „the crown jewel of automated life regulation: emotions in the narrow sense of the term – from joy and sorrow and fear, to pride and shame and sympathy“.9 Die obersten Spitzen und Triebe des ,Baumes‘ sind die Gefühle, und nicht die Emotionen, welche im nächsten Kapitel besprochen werden sollen.10
Die homöostatischen Mechanismen sind weitgehend genetisch determiniert, und es kann davon ausgegangen werden, dass sie von Geburt (eigentlich von Befruchtung) an aktiv sind. Sie steuern kontinuierlich die Lebensvorgänge in jeder Zelle des Organismus.11 Damasio benennt eine einfache Vorkehrung, die bei dieser Steuerung behilflich sein soll: Die Registrierung einer Veränderung im Organismus, die gleichzeitig ein entsprechendes Verhalten des Organismus nach sich zieht. Voraussetzung für diese Vorkehrung ist erstens, dass sich etwas intern (z. B. chemisches Milieu) und extern in der Umwelt des Organismus ändert, und zweitens, dass diese Modifikationen in der Lage sind, das Leben des Organismus selbst zu verändern. Durch die Registrierung der Veränderungen und die Verhaltensreaktion des Organismus wird eine möglichstvorteilhafte Situation für die Selbsterhaltung und für ein optimales Funktionieren angestrebt. Damasio behauptet, dass alle Reaktionen nach dieser Maßgabe funktionieren.12
Abb. 1: Ebenen homöostatischer Steuerung, vom Einfachen zum Komplexen
Für alle regulativen Reaktionen der Homöostase, von der niedrigsten bis zur höchsten Ebene, gilt das Prinzip der Verschachtelung (nesting principle). Einfache Reaktionen sind als Teilelemente in komplexere Reaktionen eingebunden. So sind die Mechanismen aller niedrigeren Ebenen – Reflexe, Immunantworten, Stoffwechselsteuerung, Schmerz- und Lustverhalten, Antriebe – teilweise in den Mechanismen der höheren Ebenen enthalten.13 Damasio betont, dass z. B. die Emotionen keinen neu entwickelten Prozess darstellen, sondern durch das Zusammenspiel einfacher Regulationsmechanismen dem selben übergeordneten Ziel, dem Überleben, dienen. Die Darstellung der Prozesse im Baummodell ist bewusst gewählt, das Prinzip der Verschachtelung kann miteinbezogen werden, indem alle Ebenen in wechselseitiger Kommunikation miteinander stehen.
I.1.3. Emotion
Unter dem Begriff der Emotion (lat.: ex „heraus“, motio „Bewegung, Erregung“) wird im Allgemeinen eine Gemütsbewegung, eine seelische Erregung, ein Gefühlszustand, ein Affekt verstanden. Wie schon allein die Anzahl der Beschreibungen erkennen lässt, handelt es sich um ein sehr komplexes Geschehen. Emotionstheorien sind vor allem in der Psychologie zu finden, spielen aber auch in zahlreichen anderen Wissenschaften eine große Rolle (Philosophie, Biologie, Soziologie, Verhaltensforschung, Neurologie u.a.).
In der Philosophie wird meist vom Affekt gesprochen. Die ersten Elemente einer Philosophie der Affekte finden sich bereits bei den Vorsokratikern. Später rückt Aristoteles die psychologische Erforschung der Affekte als erster in den Vordergrund. Dabei wird allerdings noch ein strenger Leib-Seele-Dualismus verfolgt. Affekte sind Bewegungen der Seele, die von Lust und Schmerz begleitet sind (Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Freundschaft, Hass, Sehnsucht, Eifersucht, Erbarmen).14 Die Untersuchung von Affekten zieht sich durch die gesamte Philosophiegeschichte bis hin zur Gegenwart.
Üblicherweise beinhaltet der Begriff der Emotion auch den des Gefühls. Aus erkenntnistheoretischen, methodischen und evolutionstheoretischen Gründen unterscheidet Damasio zwischen Emotion und Gefühl. Er versucht damit den Prozess der Gefühlsentstehung näher zu beleuchten (s. Kap.II.). In einer kurzen Beschreibung werden Emotionen als Akte oder Bewegungen definiert, die größtenteils öffentlich und sichtbar für andere sind. Sie schlagen sich in Stimme, Gesicht und in bestimmten Verhaltensweisen nieder.15 Dabei ist zu betonen, dass nicht alle Bestandteile des emotionales Prozesses sichtbar sind, einige lassen sich nur durch wissenschaftliche Hilfsmittel nachweisen (z. B. Hormontests, MRT, Hautwiderstandsmessung, etc.). Im Gegensatz dazu bleiben Gefühle im Verborgenen, sie sind nur ihrem Besitzer zugänglich. Emotionen bzw. die Verhaltensweisen oder Ausdrucksformen, die eine Emotion ausmachen, sind also beobachtbar und stehen somit einer objektiven Untersuchung zur Verfügung.
I.2. Die eigentlichen Emotionen (the emotions-proper)
Obwohl Damasio anerkennt, dass eine Klassifikation von Emotionen unangemessen ist, unterteilt er die eigentlichen Emotionen in unterschiedliche Klassen: Hintergrundemotionen, primäre Emotionen, soziale und sekundäre Emotionen.16 Allerdings sind die Grenzen zwischen den Kategorien durchlässig, die Unterscheidung erscheint dem Autor zur Erklärung und Beschreibung vorteilhaft.
I.2.1. Hintergrundemotionen (background emotions)
Hintergrundemotionen sind nach Damasio von äußerster Wichtigkeit. Sie unterscheiden sich von Stimmungen, welche man als Fortdauer einer Emotion über einen längeren Zeitraum (Stunden oder Tage), oder auch als eine häufig wiederkehrende Emotion beschreiben kann. Hintergrundemotionen sind, so Damasio, die Konsequenz bestimmter Kombinationen von einfacheren regulativen Funktionen (homöostatische Prozesse), die ineinander verschachtelt sind (s.o.). „Background emotions are composite expressions of those regulatory actions as they unfold and intersect moment by moment in our lives.“17 Sie bleiben unvorhersagbar und sind das Ergebnis mehrerer gleichzeitig ablaufender Regulationsprozesse. Hintergundemotionen sind beobachtbar, sie schlagen sich in Körperhaltung (angespannt, entspannt), Mimik und Gestik, und in der Prosodie (Sprachmelodie) nieder, und drücken Wohlbefinden oder Unbehagen aus.18
I.2.2. Die primären Emotionen (primary emotions)
Primäre Emotionen umfassen auffällige Emotionen wie Furcht, Wut, Ekel, Überraschung, Traurigkeit und Glück. Die genaue Anzahl schwankt je nach Autor.19 Damasio beschreibt die primären Emotionen als ,frühe‘ Emotionen, sie bilden den Grundapparat emotionaler Verhaltensweisen.20 In seiner weiterführenden Definition orientiert er sich an William James, er beschreibt die primären Emotionen (Furcht, Wut, Ekel, Überraschung, Traurigkeit und Glück) als angeborene, präorganisierte, Jamessche Emotionen. Bestimmte Reizmerkmale der Furcht (bedrohliche Reize wie Größe, Brummen, etc.) bewirken bestimmte Körperzustände und Verhaltensweisen, die durch angeborene dispositionelle Repräsentationen ausgelöst werden (z. B. duckt sich ein Küken, wenn ein Adler mit großer Spannweite kreist).21
Diese Emotionen sollen sich an Menschen aller Kulturen und sogar an Tieren beobachten lassen. Damit klassifiziert Damasio die primären Emotionen als universell und folgt damit Charles Darwin und Paul Ekman, einem Forscher, der sein ganzes Leben der Emotionsforschung widmete. Darwin und Ekman vertreten die Hypothese der genetisch determinierten, universellen Basisemotionen, die unabhängig von Kulturen existieren sollen.22 Selbst die Umstände, die diese Emotionen und die ihnen zugrunde liegenden Verhaltensweisen auslösen, sollen sich in verschiedenen Kulturen und Arten ähneln.23 Ich werde sowohl die Frage nach der Universalität von Emotionen, als auch die Definition von primären Emotionen als Jamessche Emotionen in der Diskussion am Ende des Kapitels noch einmal aufgreifen.
Neben den primären Emotionen unterteilt Damasio in soziale und sekundäre Emotionen. Anfänglich könnte man meinen, es handle sich um eine Kategorie von Emotionen, doch scheint Damasio hier differenziert zu haben. Die Klasse der sozialen Emotionen findet sich lediglich im letzten Werk („Looking for Spinoza“), während die Kategorie der sekundären Emotionen nur im ersten Werk („Descartes' Error“) eingeführt wird. Aus diesem Grund werde ich diese Begriffe getrennt verwenden. Fraglich ist jedoch, inwieweit die sekundären Emotionen in die ,große Theorie‘ einzuordnen sind, wenn sie im letzten Werk, welches sich hauptsächlich mit Emotionen und Gefühlen beschäftigt, keine Erwähnung mehr finden.
I.2.3. Soziale Emotionen (social emotions)
Soziale Emotionen sind Mitgefühl, Verlegenheit, Scham, Schuldgefühl, Stolz, Eifersucht, Neid, Dankbarkeit, Bewunderung, Entrüstung und Verachtung.24 Diese Emotionen unterliegen ebenfalls dem Prinzip der Verschachtelung. Regulative Reaktionen und Elemente der primären Emotionen bilden in unterschiedlichen Kombinationen Teilelemente der sozialen Emotionen. Beispielsweise übernimmt die soziale Emotion der Verachtung das Mienenspiel der primären Emotion Ekel, die sich in Verbindung mit der automatischen und effektiven Ablehnung potenziell giftiger Nahrungsmittel entwickelt hat. Die Verschachtelung sei, so Damasio, sogar in der sprachlichen Beschreibung von Verachtung deutlich (man fühle sich angeekelt). Elemente von Lust und Schmerz ließen sich hier ebenfalls erkennen.25
Soziale Emotionen bleiben nicht auf den Menschen beschränkt. Viele Tiere, die in Gruppen leben, zeigen soziales Verhalten. Damasio geht davon aus, dass auch soziale Emotionen größtenteils durch das Genom festgelegt sind und zu den vielen weitgehend angeborenen, automatischen Mechanismen der Lebenssteuerung gehören.
I.2.4. Sekundäre Emotionen (secondary emotions)
Die sekundären Emotionen entwickeln sich mit der Ontogenese, Damasio beschreibt diese im Gegensatz zu den ,frühen‘ primären Emotionen als „adult emotions“26. Sie treten auf, sobald wir Empfindungen haben und systematische Verknüpfungen zwischen Kategorien von Objekten und Situationen einerseits und primären Emotionen andererseits herstellen können.27
In seiner Darstellung erläutert Damasio die neuronalen Prozesse der sekundären Emotionen. Ich möchte diese hier nicht weiter thematisieren, da eine detaillierte Beschreibung nur Verwirrung stiften würde. Zu betonen ist, dass Damasio Phänomene wie z. B. das der Emotionsregulation ausspart. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Damasio in seinen nachfolgenden Arbeiten die Behandlung der sekundären Emotionen weglässt. Das Problem der Emotionsregulation wird in der gegenwärtigen Debatte in den Vordergrund gerückt, es kursieren die unterschiedlichsten Ansätze und Perspektiven, Methoden und Experimente. Damasio geht auf diesen Sachverhalt nur geringfügig ein und darin erweist sich m. E. die Schwierigkeit im Umgang mit den hier klassifizierten sekundären Emotionen.28
I.3. Mechanismen der Emotion
Im weiteren Verlauf seiner Erörterung gibt Damasio die Unterscheidung der Emotionstypen wieder auf und spricht fortwährend allgemein von den eigentlichen oder echten Emotionen (emotion-proper).29 Weiterhin räumt er ein, dass manche Emotionsreaktionen vielmehr bedürfen als der bloßen genetischen Determination. Beispielsweise erfordert Furcht vor Schlangen nicht nur das Sehen einer Schlange, sondern auch das Erkennen der Furcht im Gesichtsausdruck eines Gruppenmitglieds (meist der Mutter). „Once is enough for the behaviour to kick into gear, but without this ,once‘ the ,innate‘ behaviour is not engaged.“30 Ähnliches gelte auch für die sozialen Emotionen (Prägung).
I.3.1. Damasios Arbeitshypothese in Form einer Definition
Um sowohl eine spezifische, als auch umfassende Beschreibung der eigentlichen Emotionen zu liefern, schickt Damasio folgende Arbeitshypothese voraus:
1. An emotion-proper, such as happiness, sadness, embarrassment, or sympathy, is a complex collection of chemical and neural responses forming a distinctive pattern.
2. The responses are produced by the normal brain when it detects an emotionally competent stimulus (an ECS), the object or event whose presence, actual or in mental recall, triggers the emotion. The responses are automatic.
3. The brain is prepared by evolution to respond to certain ECSs with specific repertoires of action. However, the list of ECSs is not confined to those prescribed by evolution. It includes many others learned in a lifetime of experience.
4. The immediate result of these responses is a temporary change in the state of the body proper, and in the state of the brain structures that map the body and support thinking.
5. The ultimate result of the responses, directly or indirectly, is the placement of the organism in circumstances conducive to survival and well-being.31
Diese Definition enthält mentale, neuronale und physiologische Elemente, eine evolutionäre Perspektive und eine Formulierung des funktionalen Zweckes. Nach Damasio beginnt der emotionale Reaktionsprozess mit einer Einschätzungs-Beurteilungs-Phase (appraisal-evaluation phase), ein emotional besetzter Stimulus wird vom Organismus mittels Gehirn entdeckt. Eigentlich ist die Einschätzungsphase ein Prozess, der zur Emotion führt und nicht die eigentliche Emotion selbst. Dennoch bezieht der Autor diese Phase mit ein, da ein Auslassen den tatsächlichen Wert der Emotion verschleiern und nicht erhellen würde. „Leaving out appraisal also would render the biological description of the phenomena of emotion vulnerable to the caricature that emotions without an appraisal phase are meaningless events.“32
I.3.2. Die Hirnmechanismen der Emotion
Emotionen sind für Damasio ein natürliches Mittel die Innenwelt und Umwelt des Organismus zu beurteilen und angemessen darauf zu reagieren. Der Organismus ist in der Lage den aktuellen Zustand der Innenwelt (des Körpers, chemisches Milieu) und Veränderungen in seiner Außenwelt mittels Gehirn wahrzunehmen.
Die Bewertung durch den Apparat der Emotionen wird als natürlich, unabhängig vom Bewusstsein, vorausgesetzt, „and the apparatus of the conscious mind thinkingly coevaluate“33. Obwohl wir in der Tat in vielen Fällen die Objekte, die Emotionen hervorrufen, einer bewussten Bewertung unterziehen, steht für Damasio hier eine unbewusste Einschätzung durch den Organismus im Vordergrund der Betrachtung. Die emotionale Reaktion wird durch einen emotional besetzten Stimulus (Definition als Objekt) ausgelöst. Die auftretende Emotion ist das Ergebnis einer Situationseinschätzung durch den Organismus. Es scheint irrelevant, inwieweit sich der Organismus selbst über dieses Objekt bewusst ist.
„The appearance of an emotion depends on a complicated chain of events.“34 Nach Damasio beginnt der Emotionsprozess mit dem Auftreten des emotional besetzten Reizes. Damasio beschreibt dies neurobiologisch als Darbietungsphase (presentation stage of the process). Vorstellungen (images), die sich auf einen emotional besetzten Stimulus beziehen, werden in einem oder mehreren sensorischen Verarbeitungssystemen des Gehirns gleichzeitig repräsentiert (z. B. in visuellen und auditorischen Regionen).
Regardless of how fleeting the presentation, signals related to the presence of that stimulus are made available to a number of emotion-triggering sites elsewhere in the brain. You can conceive of those sites as locks that open only if the appropriate keys fit.35
Die emotionsauslösenden Regionen aktivieren die emotionsausführenden Regionen, die an anderen Stellen im Gehirn lokalisiert sind. Letztere hält Damasio für „the immediate cause of the emotional state that occurs in the body and in the brain regions that support the emotion-feeling process“36. Dieser Prozess kann durch Echoschleifen verstärkt werden, oder abklingen. Aus neuroanatomischer und neurophysiologischer Sicht beginnt der Prozess mit der Sendung spezifisch konfigurierter Nervensignale (ausgehend von visuellen Kortexarealen mit neuronalen Mustern, die z. B. der raschen Annäherung eines gefährlichen Objekts entsprechen), die parallel über mehrere Bahnen an mehrere Gehirnstrukturen geschickt werden. Einige der empfangenden Strukturen (z. B. Amygdala) reagieren mit Aktivität, sie werden durch die bestimmte Konfiguration der Nervensignale angesprochen (Schlüssel-Schloss-Prinzip). Daraufhin senden diese Areale Signale an andere Hirnregionen, „thus giving rise to a cascade of events that will become an emotion“37.
Damasio vergleicht den Emotionsprozess mit der Immunantwort, beide Prozesse seien formal prinzipiell gleich und ebenso nützlich: „In the case of emotion the ,antigen‘ is presented through the sensory system and the ,antibody‘ is the emotional response. The ,selection‘ is made at one of several brain sites equipped to trigger an emotion“38. Damasio argumentiert, dass erfolgreiche Lösungen, wie die Immunantwort, sich aufgrund ihrer Nützlichkeit in der Evolution bewährt haben, und dies im Prinzip für die Emotion ebenfalls zutrifft. Die Natur sei nicht sehr erfinderisch.
a. Die emotionsauslösenden Gebiete
Als emotionsauslösende Gebiete konnten die Amygdala (Mandelkern) im limbischen System, der ventromediale präfrontale Cortex, weitere Frontalregionen im supplementären motorischen Areal und der Gyrus cinguli identifiziert werden (s. Abb. 2)39. Es ist zu betonen, dass es sich nicht um die einzigen Triggerorte handelt, sie sind bisher lediglich am besten untersucht. Diese Auslöseregionen reagieren sowohl auf natürliche als auch auf künstliche Reize. Ein natürlicher Reiz wird von Damasio als ein elektrochemisches Muster beschrieben, welches das Substrat eines Vorstellungsbildes in unserem Geist bildet (häufig visueller oder akustischer Reiz). Ein künstlicher Reiz ist beispielsweise ein elektrischer Impuls, der von außen ins Gehirn geleitet wird. Die Regionen reagieren nicht stereotyp auf Reize, multifaktorielle Einflüsse können die Aktivität stets verändern.
Zur Funktionsweise und Beschaffenheit der Amygdala gibt es eine Masse von Untersuchungen und Experimenten.40 Die Ergebnisse dieser Studien lassen die Schlussfolgerung zu, dass die Amygdala eine wichtige Schnittstelle zwischen emotional besetzten Reizen (visuell, akustisch) und der Auslösung von Emotionen ist.41 Ein größerer Teil der Neuronen in diesem Gebiet spricht auf unangenehme Reize an. Die ,Entdeckung‘ emotional besetzter Reize erfolgt sehr rasch, sie müssen nicht ,ins Bewusstsein‘ treten (nähere Ausführungen zum Bewusstsein in Kap.II.3.).
Abb. 2: Emotionsauslösende Regionen
Besonders eindrucksvoll ist die Entdeckung, dass Patienten mit einer Schädigung des Hinterhaupts- oder Scheitellappens des Gehirns, welche einen kompletten Gesichtsfeldausfall hervorruft, trotzdem in der Lage sind emotional zu reagieren. „The value of this ,bypass‘ biological arrangement is apparent: whether one is paying attention, emotionally competent stimuli can be detected. Subsequently, attention and proper thought can be diverted to those stimuli.“42 Wir können also emotional besetzte Reize erfassen ohne unsere Aufmerksamkeit bewusst auf diese zu richten. Eine weitere wichtige Auslöseregion ist die ventromediale präfrontale Region des Frontallappens (Stirnhirn). Dieses Gebiet ist, so Damasio, darauf spezialisiert die emotionale Bedeutung von komplexeren Reizen zu ,entdecken‘. Komplexere Reize können Objekte und vor allem Situationen sein, die natürlich wie erlernt (konditioniert) soziale Emotionen auslösen können. Zur Unterstützung dieser Behauptung führt Damasio Forschungsergebnisse an, die gezeigt haben, dass eine Schädigung des Frontallappens die Fähigkeit zu emotionalen Reaktionen sozialer Art, wie Verlegenheit, Schuldgefühl oder Verzweiflung, stark einschränkt.43 Diese Beeinträchtigungen wirken sich nachteilig auf das soziale Verhalten dieser Personen aus. Untersuchungen ergaben, dass zahlreiche Neuronen in der rechten Frontalregion eher auf unangenehme als auf angenehme emotionale Inhalte von Bildern reagieren. Die Rechts-Links-Asymmetrie der Gehirnhälften ist hier sehr auffällig.44
b. Die emotionsausführenden Gebiete
Die Aktivität der emotionsauslösenden Regionen wird über neuronale Verbindungen in die ausführenden Gebiete übertragen. Bislang konnten folgende Regionen identifiziert werden, die maßgeblich an der Ausführung von Emotionen beteiligt sind: der Hypothalamus, das basale Vorderhirn und einige Kerne im Tegmentum des Hirnstamm. Gerade der Hypothalamus spielt eine wichtige Rolle.45 Die Ausschüttung chemischer Stoffe, wie z. B. Oxytocin und Vasopressin, die mittels des hinteren Hypophysenlappens (Neurohypophyse) freigesetzt werden, unterliegtder Kontrolle von Hypothalamuskernen. Einige emotionale Verhaltensweisen (z. B. Pflegetrieb und Bindungsverhalten) hängen von der rechtzeitigen Verfügbarkeit entsprechender Hormone in den Gehirnstrukturen ab. Das basale Vorderhirn und die Hirnstammkerne des Tegmentums scheinen eng zusammenzuarbeiten. So werden z. B. Stoffe wie Dopamin und Serotonin, die auch auf die neuronale Aktivität einwirken, im Bereich des Hirnstamms freigesetzt. Verhaltensweisen, die als lohnend oder angenehm empfunden werden, hängen allerdings von der Verfügbarkeit des Dopamins im basalen Vorderhirn ab. Die Hirnstammkerne sind für die Steuerung der Bewegungen von Gesicht, Zunge Rachen und Kehlkopf verantwortlich. „The complex repertoires of actions we observe are the result of the exquisite coordination of the activities of those nuclei that contribute parts of execution in a well-concerted order and concurrence.“46
Für Damasio zeichnen sich alle Emotionen dadurch aus, dass mehrere Salven neuronaler und chemischer Reaktionen über einen gewissen Zeitraum und in bestimmten Mustern auf das innere Milieu, die inneren Organe und den Bewegungsapparat einwirken. Eine Emotion ist demnach immer eine Veränderung des Körperzustandes. „In a parallel set of commands the brain structures that support image-production and attention as well; as a result, some areas of the cerebral cortex appear to be less active, while others become especially so.“47
Um eine überschaubare Beschreibung des Emotionsprozesses zu liefern, fasst Damasio den Mechanismus in einer einzigen Ereigniskette zusammen. Gleichzeitig betont er allerdings, dass sich der Prozess in Wirklichkeit zu mehreren parallelen Ereignisketten ausbreitet, die sich gegenseitig verstärken oder auch hemmen können.48 Der ursprünglich (verantwortliche) emotional besetzte Reiz kann nämlich den Abruf anderer, verwandter Reize aus der Erinnerung (Assoziationsketten) bewirken, welche ebenfalls emotional besetzt sind.
Relative to that initial stimulus, the continuation and intensity of the emotional state is thus at the mercy of the ongoing cognitive process. The contents of the mind either provide further triggers for the emotional reactions or remove those triggers, and the consequence is either the sustaining or even amplification of the emotion, or else its abatement.49
Damasio beschreibt hier eine zweigleisige Entwicklung von Emotionen. Einerseits impliziert diese den Strom (flow) der mentalen Inhalte, der die auslösenden Reize der emotionalen Reaktionen mit sich führt, und andererseits „the executed responses themselves, those that constitute emotions, which eventually lead to feelings“50. Die Kette beginnt laut Damasio also mit der Auslösung der Emotionen, setzt sich mit der Ausführung fort und mündet in der Schaffung einer körperlichen Entsprechung für das Gefühl in den entsprechenden somatosensiblen Regionen.
Fallbeispiel
Um diese These zu stützen, führt Damasio einige Fallbeispiele aus neurologischen Studien an. Er berichtet z. B. von einer Frau, die an Parkinson erkrankt ist.51
