GegenMord - Frank Barsch - E-Book

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Frank Barsch

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Beschreibung

Wie ist es zu erklären, dass Mord und Totschlag in den Buchhandlungen förmlich aus den Regalen quellen, im Fernsehen die besten Sendeplätze belegen und bei Streamingdiensten ganz weit oben rangieren? Wenn man den Krimi genauer unter die Lupe nimmt, wird ziemlich schnell klar, dass er nicht das ist, was er vorgibt zu sein. Der Krimi, das zeigt dieser spannende und unterhaltsame Essay, ist viel gefährlicher, als man denkt.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2022

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edition

poetage

Über dieses Buch

Wie ist es zu erklären, dass Mord und Totschlag in den Buchhandlungen förmlich aus den Regalen quellen, im Fernsehen die besten Sendeplätze belegen und bei Streamingdiensten ganz weit oben rangieren? Vielleicht liegt es daran, dass jeder Krimi eine verborgene Geschichte erzählt, die von den Leserinnen und Lesern zusammensetzt werden muss. Aber dieses Rätselspiel ist nur ein Grund für den Erfolg des Genres. Denn im Krimi selbst verbergen sich noch ganz andere Geheimnisse und Geschichten. Wenn man ihn etwas genauer unter die Lupe nimmt, wird ziemlich schnell klar, dass der Krimi nicht das ist, was er vorgibt zu sein oder was diejenigen behaupten, die Krimis schreiben, produzieren und verkaufen. Der Krimi, das zeigt dieser spannende und unterhaltsame Essay, ist viel gefährlicher, als man denkt.

Frank Barsch

Gegen Mord

Was Sie über Krimis wissen möchten

Essay

edition poetage

© 2022

Herstellung: tredition, Hamburg

Man muss sich die Qualen eines wirklichen Strafjuristen beim Betrachten dieser Filme ungefähr so vorstellen, wie das Leiden einer Internistin oder eines Pflegedienstleiters beim Betrachten der ,Schwarzwaldklinik‘.

Thomas Fischer,

Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof

in Karlsruhe über Fernsehkrimis

Inhalt

Vorwort

Die Krimi-Verschwörung

Oder: Was Sie nicht zu fragen wagen

Ein Anfangsverdacht

Marple, Mankell und Maigret: Wie es zu diesen Ermittlungen kam

Die fesselnde Moralmaschine

Das Versprechen: Was am Krimi so gefährlich ist

Der Krimi und die Aufklärung

Burkhard Spinnen und ein Tatort: Ja, was lernen wir denn?

Das Geheimnis des Krimis

Friedrich Schiller, Heinrich von Kleist und E.T.A. Hoffmann: Die spannende Seite des Erzählens

Das Genre und seine Muster

Zwischen Hitchcock und Chabrol: Was Krimis sind und wie sie sich entwickeln

Wenn Überwachung nur unterhält

Edward Snowden lässt grüßen: Über den Krimi und einen Datenskandal

Gar nicht so einfach

Darf es ein Fitzek mehr sein?: Der Krimi und sein Verhältnis zur Gewalt

Wissen Sie denn, was Sie tun?

Dominik Graf, Wolfgang Schorlau und Jan Seghers: Die Irrtümer der Krimiautoren und Kritiker

Vorwort

Die Krimi-Verschwörung

Oder: Was Sie nicht zu fragen wagen

Der Krimi in all seinen Spielarten und Formen vom Kinderkrimi bis zur Streaming-Serie erlebt seit einiger Zeit einen erstaunlichen Boom. Würde ein Außerirdischer durch unsere Verlags- und Onlineprogramme zappen, käme er schnell zu dem Schluss, dass es in unserer Kultur nichts Wichtigeres gibt als Mord, Totschlag, Ermittlung, Polizei und Justiz.

Mit diesem goldenen Zeitalter der Kommissare und Detektive geht eine These einher, die immer öfter zu hören ist: Der Krimi sei der Gesellschaftsroman der Gegenwart. Seriöse Argumente, belastbare Fakten, Beweise, oder zumindest Indizien, die diese Behauptung stützen, werden allerdings so gut wie nie mitgeliefert. Außerdem scheint niemand eine naheliegende, sich bei so weitreichenden Aussagen aufdrängende Frage zu stellen: Warum ist der Krimi seit Jahren so erfolgreich? Wie kam es dazu, dass er andere literarische Bereiche wie zum Beispiel die Kinder- und Jugendliteratur mit seinen Erzählweisen dominiert?

Die letzte von Verkaufsförderung und Lobbyeinfluss unabhängige Ermittlung zur Causa „Krimi” liegt fast vierzig Jahre zurück. Das müsste uns misstrauisch machen. Wer verbirgt sich hinter diesem Schweigekartell? Wer hat so starke Motive und Interessen, den Krimi zu einem Cold-Case zu erklären? Handelt dieser sogenannte Gesellschaftsroman eigentlich noch von einer auf Recht und Gesetz basierenden Gesellschaft? Oder propagiert er schon einen halbwegs sympathischen Überwachungs- und Polizeistaat? Bei so viel Anfangsverdacht ist es an der Zeit, ein Verfahren zu eröffnen und eine neue Ermittlung einzuleiten. Unerschrocken, schonungslos.

Die hier versammelten Nachforschungen folgen klar formulierten Fragen: Was sagt der Erfolg des Krimis über unsere Gegenwart aus? Warum ist ausgerechnet dieses Genre so erfolgreich? Welche Absichten verfolgen die Autorinnen und Autoren? Welche Spuren hinterlässt die ständige Wiederholung dieses Erzählmusters bei Lesern und Zuschauern? Wie wird Gewalt in Krimis dargestellt und wie wirkt sich diese Darstellung aus? Welchen Einfluss auf unsere Erwartungen an Erzählungen und Geschichten hat die Omnipräsenz des Krimis? Wie beeinflussen dieses Genre und seine medialen Formate unsere Wahrnehmungsfilter, unser Weltbild und unser Verhalten? Aus welchen Perspektiven kann man den Krimi betrachten und in welche Kontexte kann man ihn stellen.

Ein Anfangsverdacht

Marple, Mankell und Maigret: Wie es zu diesen Ermittlungen kam

Es gibt kein Entkommen, der Krimi ist überall. Egal, ob für Leser, Kinogänger, Streamer, Fernsehzuschauer oder Radiohörer. Der Krimi ist derart attraktiv, dass sich Oberbürgermeister über parteipolitische Gräben hinweg verständigen und mit ihren Städten gemeinsam eine Bewerbung für den „Tatort“ abgeben. Mord und Totschlag, so das Kalkül, wird Touristen anziehen. Die können dann von speziellen Krimi-Führern tiefer in die dunklen Seiten ihres Urlaubsziels eingeweiht werden. Selbst Anbieter altehrwürdiger Studienreisen ersetzen ihre kulturellen Ziele durch Wanderungen in der Bretagne auf den Spuren von Kommissar Dupin.

In Grundschulen gelten Kriminalliteratur und „detektivisches Lesen“ schon länger als geeignetes Mittel zur Förderung der Lesemotivation. Den gleichen Kindern werden mit „Lernkrimis“ im Fremdsprachenunterricht Vokabeln untergejubelt. Was daran auszusetzen ist? Vielleicht wird damit ganz nebenbei eine bestimmte Denkfigur in die noch sehr plastischen Kindergehirne eingepflanzt. Erwachsenen bieten Literaturvermittler abendfüllende Lesungen mit Spannungs-, Spiel- und Gourmet-Elementen an, ganze Festivals werden flankiert von den immer gleichen Interviews mit hartgesottenen Weintrinkern, Schlapphüten und Crime-Queens. Liegt es also nicht nahe, zu fragen, warum sich dieses Medienschema mit seinen privaten und all umfassenden Verschwörungen immer tiefer in unserem Alltag manifestiert?

Die Antworten der Autorinnen und Autoren auf Fragen nach der Funktion und dem Erfolg von Kriminalromanen, beziehungsweise Thrillern bleiben trotz dieser medialen Dauerpräsenz eher vage. Gern geredet wird über Handwerk, Themen, Plotstrukturen, Figuren, Schauplätze, Realismus, Gewalt, Gesellschaftskritik und Gesellschaftsroman. Selten hingegen über eine dazugehörende Poetik oder Ästhetik. Diese Reflexionsschwäche könnte einen aufmerksamen Zuhörer zu dem Verdacht verleiten, dass Autoren von Kriminalliteratur nicht wirklich wissen, was sie tun und mit ihrem Tun anrichten; dass sie schreiben, was sie schreiben, weil zur Zeit irgendwie alle Krimis und Thriller schreiben, kaufen und lesen.

Wer vor dem Hintergrund dieser gut geschmierten Maschinerie ernsthaft die Qualität, Wirkung oder gesellschaftliche Funktion von Kriminalliteratur anspricht, wird schnell in eine heimtückische Zwickmühle geraten. Einerseits wehren sich sowohl Autorinnen und Autoren von als auch Expertinnen und Experten für Kriminalliteratur vehement dagegen, dass Kriminalliteratur trivial sei. Sie sei genauso künstlerische, intelligente und engagierte Literatur wie „die Literatur“. Ja, es könne sowieso nur eine Literatur geben und die Kriminalliteratur sei logischerweise ein Teil davon. Wendet man nun aber die für diese eine Literatur gängigen Kriterien auf die Kriminalliteratur an, beklagen sich die gleichen Autoren und Experten darüber, dass die Bewertung auf falschen Voraussetzungen beruhe, denn Kriminalliteratur müsse erst einmal als das betrachtet werden, was sie sei, nämlich Kriminalliteratur. Innerhalb des Genres könne dann zwischen authentischer, literarischer, schlechter und guter Kriminalliteratur unterschieden werden.

Krimi und Thriller dominieren mit ihren zahlreichen Spielarten nicht nur die Buchläden, auch die Fernsehredakteure scheinen sie zur Leiterzählung der Gegenwart auserkoren zu haben. Das Radio zieht gerade mit einer Runderneuerung seiner Sendungen nach. Immer häufiger hört man von Autorinnen und Autoren, dass Sie von Verlegerinnen und Verlegern, Redakteurinnen und Redakteuren dazu aufgefordert werden, die von ihnen angebotenen Themen doch zu einem Krimi zu verarbeiten. Wäre allein das nicht Grund genug, die Kriminalliteratur und die davon im Medienverbund abgeleiteten Schemata und Formate von ganz verschiedenen Seiten unter die Lupe zu nehmen und das Sprechen darüber nicht den eingeschworenen Expertinnen und Experten zu überlassen?

„Krimi“ bedeutet hier, sehr weit gefasst, eine Rätsel- und Actionerzählung in verschiedenen Medien und Formaten, die um Verbrechen, deren Darstellung, Aufklärung oder Verhinderung kreist. Also das, was Buchläden in den Regalen mit dem Schriftzug „Krimi“ und „Thriller“ anbieten und im Fernsehen von morgens bis spät in die Nacht unter diesen beiden Bezeichnungen läuft.

Es war einmal …

Die Geschichte und damit die wachsende Problematik des Krimis lässt sich kurz und gut anhand der Helden skizzieren, die dem Leser zur Identifikation angeboten werden. Ende des 19. Jahrhunderts hat der geniale bürgerliche Scharfsinnsheld Sherlock Holmes seinen Auftritt. Ihm folgt mit Jane Marple eine nette Dame von nebenan, die eine Art Schlüssellochermittlung propagiert. In den USA setzt zur gleichen Zeit der unerschrockene Kleinunternehmer Philip Marlow seine Sprache als Waffe gegen korrupte Biedermänner ein und in Frankreich sorgt ein autoritärer aber verständnisvoller und in jeder Situation kleinbürgerlicher Jules Maigret dafür, dass die sieben Todsünden in Paris nicht überhand nehmen. Alle Ermittler, das ist bis heute so, vertreten vier Kardinaltugenden: Tapferkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Klugheit. Die christlichen Zusätze Glaube, Liebe, Hoffnung sind bei Maigret am deutlichsten ausgeprägt. Aber auch unter der rauen Schale von amerikanischen Privatdetektiven durchaus vorhanden.

Spätestens mit den Schweden Maj Sjöwall und Per Wahlöö bekommt der Krimi eine neue Dimension. Mitte der sechziger Jahre versucht das Schwedenduo die weit verbreitete Leserbindung des Genres zu nutzen und mit verunsichernder Gesellschaftskritik zu kombinieren. Der Krimi wird politisch engagierte Literatur und führt zu dem bis heute geltenden Kurzschluss, dass jeder Krimi engagierte Literatur sein kann. Der unkaputtbare „Tatort“ ist das schönste Beispiel für diesen Irrtum. Wo sonst treten kaum verblümte Affirmation, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Autoritätsgläubigkeit so selbstverständlich in der Aura des kritischen Engagements auf wie hier?

Begünstigt wird diese Haltung durch eine Entwicklung in den neunziger Jahren, in denen die Grenzen zwischen „Ernster Literatur“ und „Unterhaltungsliteratur“ von zwei Seiten eingerissen wurden. Einerseits forderte ein Teil der deutschen Literaturkritik Romane, die lesbarer und damit auch verkäuflicher seien, andererseits verändert die Postmoderne das Verhältnis zwischen sogenannter U- und E-Literatur. Da Geschmack immer soziokulturell geprägt sei, so die Argumentation, sei es auch nicht einzusehen, warum aufgrund dieser Prägung eine derartige Hierarchie aufrechterhalten werde.1

Soweit so gut. Denn Krimis können durchaus kunstvoll erzählt werden, literarische Muster weiterentwickeln und kritische Inhalte transportieren. Und das, was von Literaturexperten als Ernste Literatur geadelt wird, kann langweilig, uninspiriert und affirmativ sein. Was aber, wenn das Meta-Thema, dass Geschmack soziokulturell geprägt wird, während dieser Frischzellenkur abhanden gekommen ist, und die Rolle der Literaturkritik aus Mangel an Relevanz so aufgehübscht und trivialisiert wurde, dass sie mittlerweile der Verkaufsförderung ziemlich nahe kommt?

Aber zurück zu den Helden des erfolgreichen und gewinnbringenden Medienschemas Krimi. Mit dem schwedischen Paradigmenwechsel geht eine Veränderung des Helden einher. Waren Marple, Marlow und Maigret noch Charaktere ungebrochenen Selbstbewusstseins und klarer Autorität, bekommen die Helden in Krimis, die sich als realistisch verstehen, Risse: Scheidung, Generationenkonflikte mit den Eltern und den Kindern, Alkohol wird zum Problem, das Übergewicht, die Stellung im Team, Depressionen stellen sich ein und Zweifel an der eigenen Rolle. Kurt Wallander repräsentiert mit diesen Attributen den Typus, der uneingeschränkt die Jahrtausendwende beherrscht. Er ist wie seine Vorgänger klug, tapfer und gerecht. Aber die neuen Themen sind seine verlorene Hoffnung und sein schwindender Glaube an das schwedische Gesellschaftsmodell. Trotzdem bleibt er ein leuchtendes Vorbild und ein bewundernswerter Funktionär des Status Quo. Denn die Romane Mankells sind in ihrem Kern Heiligenlegenden. Wallander ist ein Märtyrer der postmodernen Arbeitswelt. Denn nur Arbeit kann das in Unordnung geratene System im Gleichgewicht halten. Dafür gibt Kurt alles: sein Privatleben, sein persönliches Glück, seinen Körper. Ein Held der Arbeit und gleichzeitig ein Märtyrer des Staates. Und das alles, meint Henning Mankell, sei gesellschaftskritisch und politisch engagiert.

Ähnlich absurd klingen die politischen Absichten deutscher Krimiautoren der Gegenwart. Wolfgang Schorlau, der Regisseur Dominik Graf und einer der schärfsten Polemiker gegen die lahmen deutschen Dichter der achtziger Jahre, Matthias Altenburg, erklären in Interviews, ihre Krimis hätten die Funktion des Journalismus übernommen. Außerdem vertreten sie die Meinung, dass nur noch Krimis in der Lage seien, gesellschaftlich relevante Themen literarisch zu behandeln.2

Vielleicht ist angesichts einer so steilen These die ästhetische Gegenüberlegung von Karl-Heinz Bohrer nicht ganz uninteressant: Alles Stoffliche und damit das immer wieder herbeigeredete realistische Erzählen, führt er aus, sei für einen ehrgeizigen Autor bedeutungslos geworden. Denn diese Funktion habe der Journalismus übernommen.3 So gesehen erscheint die pauschale Medienschelte der drei erwähnten Autoren in einem theoretischen Gegenlicht: Vielleicht realisieren sie tatsächlich nicht, dass sie viele ihrer Stoffe aus dem schöpfen, was Journalisten ermittelt haben. Oder sie diskreditieren, was sich strafverschärfend niederschlagen würde, gezielt und vorsätzlich einen medialen Konkurrenten.

Spuren und Indizien

In „Was wird Literatur“, einem 2001 erschienenen Großessay des Literaturkritikers Lothar Baier, finden sich eine ganze Reihe von Ansätzen, die jenseits der alten Gegensätze U- und E-Literatur liegen und dem Nachdenken über den Erfolg der Kriminalliteratur dienen können.4 Baier greift bei seiner Betrachtung der Gegenwartsliteratur eine These auf, die sich mit „ersehnter Gefährlichkeit“ zusammenfassen lässt, eine These, die sich mit den Untersuchungen des amerikanischen Psychologen Steven Pinker deckt. Baier geht allerdings über die psychologische Dimension hinaus, wenn er konstatiert, dass diese Sehnsucht nach konsumierbarer Gefährlichkeit, die sich in der Literatur spiegelt, vornehmlich in Gesellschaften auftrete, in denen existenzielle Mängel kein literarisches Thema mehr seien. Für den Kriminalroman hat Dieter Wellershoff schon 1973 in diese Richtung ermittelt.5 Aber zurück zu Lothar Baier: Dieser Wunsch nach medial konsumierbarer Gefährlichkeit könne ein Grund für die Störung des gesamten literarischen Stoffwechsels sein. Schließlich mache die Literatur und das Erzählen einen wichtigen Teil der „reflexiven Subjektivität“ einer Gesellschaft aus.

Folgt man dem Soziologen Zygmunt Bauman6 ist das zur Zeit eine Gesellschaft, die von folgenden Faktoren geprägt ist. Erstens: einer Flüchtigkeit der sozialen Formen, zweitens: einem Abbau staatlicher Sicherungssysteme, drittens: der Dominanz eines Denkens in kurzfristigen Prozessen, viertens: einem Abwälzen dieser strukturellen Veränderungen auf die Verantwortlichkeit des Einzelnen und fünftens: einem Auseinanderfallen von Macht und Politik. Dieser Zustand werde „zu einer Quelle tiefer und im Prinzip unbezähmbarer Ungewissheit“. Er führe zu Ängsten, die nicht konkret lokalisierbar seien und auf die man nicht mehr direkt reagieren könne.

Vielleicht ist die Inflation eines Genres, in dem sich Angst und Moral sowohl global als auch regional verdichten, ein Symptom dieser gestörten reflexiven Subjektivität. Oder spiegelt sich darin schon der Wunsch, nach einer Instanz, die sich dieser Probleme und Ungewissheiten für uns annimmt. Kurt Wallander, der Bürokraten-Ritter wäre dann nicht nur ein Vor-, sondern auch ein Wunschbild.

Doch wie sieht die gegenwärtige Subjektivität eigentlich aus? Persönlichkeitsstile, so der Psychologe Christian Kohlross, entwickeln sich beim Aufeinandertreffen von Wünschen und der Wirklichkeit.7 Auch Gesellschaften könnten hysterische, zwanghafte, schizoide oder depressive Züge ausprägen. Und diese, könnte man mit Lothar Baier hinzufügen, erscheinen dann in der Literatur. Mehr oder weniger reflektiert.

Hysteriker, so Christian Kohlross, leben durch den Blick des Anderen, sie wünschen sich Aufmerksamkeit, Anerkennung und grenzenlose Freiheit, fürchten die Langeweile und das Eindeutige. Der Preis: im Hysterie-Modus verliert der Einzelne seine Urteilskraft und stellt alles, worauf er sich selbst festlegen könnte, unter Ideologieverdacht. Gesellschaftlich hysterisch sei, so Kohlross, eine hypnotische Dauerinduktion von Bildern, Informationen und Meinungen durch Medien, die eine „Konsensustrance“ (Charles Tart) erzeuge. Die dadurch entstehenden Sehnsüchte seinen unerfüllbar. Sie und die daraus hervorgehenden Frustrationen ergeben eine Mischung, die das eigentliche Symptom dieser Gesellschaften sei.

Zwanghafte hingegen agierten auf der Basis bekannter Tugenden: Leistung, Gewissenhaftigkeit, Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein. Sie wünschen sich Ordnung und versuchen diese in dem sie umgebenden hysterieverdächtigen Chaos herzustellen. Da es eine absolute Ordnung aber nicht gibt, muss die Kontrolle ständig erhöht werden. Ein Teufelskreis, der sich gesellschaftlich in der Rolle des Rechtssystems und einer Überbetonung von Haftungs- und Strafrecht spiegele. Ein Bereich also, mit dem sich Krimis und deren Rezipienten täglich intensiv auseinandersetzen.

Schizoiden wiederum fehle die Fähigkeit zur Empathie. Sie sind selbst- und machtbezogen und leben auf Kosten Anderer. Das beschreibt wahrscheinlich nicht zufällig einen bestimmten Typ von Psycho-Verbrecher, der spätestens seit den neunziger Jahren in Thrillern sehr beliebt ist. Mit den Attributen „durchsetzungsstark“, „erfolgreich“ oder „cool“ nähern wir uns der Beschreibung von Managern, Oligarchen, Politikern, ja sogar Präsidenten.

Soweit die Theorie. Und die Realität? Zwei Profiler vom Münchner Polizeipräsidium und der Psychologe Sven Litzcke von der Hochschule Hannover untersuchten in einer Langzeitstudie Tötungsdelikte. Das Ergebnis: Den hochintelligenten Psychokiller aus dem Krimi, der uns mit seinen Morden etwas mitteilen will, gibt es nicht.8 Aber warum sind sie dann – abgesehen von ihrer dramaturgischen Funktion in der Kriminalliteratur – zu einem so dominanten Motiv aufgestiegen und zum Gegenstand des literarischen Stoffwechsels und der gesellschaftlichen Selbstreflexion geworden? Ist das nur ein Spiel, das sich losgelöst von der Realität innerhalb eines Genres entwickelt? Oder thematisieren diese Krimis seit den 90er Jahren das Symptom einer zunehmenden schizoiden Gesellschaftsstörung?

Es fehlen noch die Depressiven. Damit sind wir auf der Opferseite angekommen. Sie berufen sich, so Kohlross, auf ihre „erlernte Hilflosigkeit“. Die Welt ist sinnlos und leer. Sie ist aber auch hoffnungs-, utopie-, ja generell alternativlos. Ein Modell, dem die meisten Krimis mit ihren finsteren Geschichten und depressiven Charakteren spätestens seit der Jahrtausendwende zu gehorchen scheinen.

Gibt es trotzdem, wie der Krimi-Experte Thomas Wörtche behauptet, subversive Krimis, die dem Publikum eine ästhetische und soziale Horizonterweiterung ermöglichen? Seiner Meinung nach zeichnen sich diese dadurch aus, dass sie nicht „sytemfromm“ daherkommen, da sie zeigen, wie kriminell, bürokratisch und politisch verkrustet der Polizeiapparat sei.9 Aber ist hier der Igel nicht schneller als der Hase? Gehören genau diese Verschwörungskrimis nicht längst zu der medialen Konsensustrance? Indem sie Kontrolle durch nur noch mehr Kontrolle propagieren, sind sie Teil eines hochtourigen systemfrommen Kreislaufs. Sie halten die Leser im Modus der Alternativlosigkeit, während sich Autoren, Verleger, Lektoren, Redakteure, Herausgeber, Kritiker, Buchhändler und Programmdirektoren eine nette Absolution erteilen. Sie erlösen nicht nur sich selbst von jeder Verantwortung, sondern entlassen auch den Leser daraus. Zur Zeit vorzugsweise in der Rolle des Depressiven. Kurz: Krimi ist gesellschaftlich gesehen ein postmoderner Ablasshandel, ein prima Geschäft mit der Verdrängung.