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Ruth studiert für das Lehramt in München, als sie Fernando kennen lernt. Er wird ihre große Liebe, die sie ihr ganzes Leben begleitet, auch als Fernando sie für seine Verlobte in Chile verlässt. Ruth heiratet den Anwalt Reinhard und hat mit ihm zwei Kinder. Für Ruth ist diese Ehe eine Notlösung. Sie wird nicht glücklich mit ihrem Mann. Auch die beiden Kinder ändern nichts daran. Als Reinhard hinter Ruths Geheimnis kommt verlangt er die Scheidung. Sie zieht aus Reinhards Haus aus. Die Kinder bleiben beim Vater. Ruth mietet eine kleine Wohnung. Während einer Reise mit ihrer Freundin nach Spanien beschließt Ruth, sich auf die Suche nach Fernando zu begeben.
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Christine Jörg
Geh in die Wueste
Ich vermisse dich
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Als der Wecker um sechs Uhr läutet ist für es Ruth eine Erlösung. Sie hat sehr unruhig geschlafen. Hat sie überhaupt geschlafen? Sie fühlt sich wie gerädert.
Gestern Abend hatte sie Baldrianpillen eingenommen. Die Wirkung blieb jedoch aus. Das bildet sich Ruth zumindest ein.
Sie ist zu aufgeregt vor dem großen Treffen heute. Wie kann man sich mit sechsundvierzig noch so kindisch benehmen. Sie versteht sich selbst nicht. Trotzdem hat sie zu einem Treffen eingewilligt.
Schnell duscht sie und zieht sich an. Gestern hat sie bereits die Kleidung bereit gelegt. Eine Stunde hatte sie ratlos und suchend vor ihrem Kleiderschrank gestanden. Heute fragt sie sich, ob sie die richtige Kleidung ausgesucht hat, doch es bleibt keine Zeit nochmals von vorne anzufangen. Es muss passen. Ist auch besser so!
Obwohl sie keinen Hunger hat, zwingt sie sich eine Tasse Milch zu trinken und ein Marmeladenbrot zusammen mit der Milch hinunterzuwürgen. Sie hat es sich angewöhnt, nach Möglichkeit, nicht ohne Frühstück aus dem Haus zu gehen. Daran hält sie sich auch heute Morgen.
Zähne putzen. So, jetzt die Zahnbürste und Zahncreme in die Reisetasche und fertig!
Noch einmal macht sie eine Runde durch die Drei-Zimmer-Wohnung, kontrolliert ob alle Geräte ausgeschaltet sind. Dann nimmt sie den Schlüssel, ihre Reisetasche, die Handtasche und die Bauchtasche, oder Wimmerl, wie man so schön sagt, und verlässt die Wohnung. Sorgfältig verriegelt sie die Türe und begibt sich zu Fuß zum Bahnhof. Die große Reisetasche zieht sie auf Rädern hinter sich her.
*
In München ging sie früher auch immer zu Fuß oder fuhr mit U-Bahn und Bus. Auto hatte sie damals, während ihrer Studienzeit, keines. Sie hatte es auch nicht vermisst.
Ruth hat den Eindruck, dass ihr Leben erst im Frühjahr 1992 in München begann, damals als sie Fernando zum ersten Mal begegnete. Für Ruth war es Liebe auf den ersten Blick. Sie bildete sich sogleich ein der Liebe ihres Lebens begegnet zu sein.
Zum ersten Mal trafen sich die Beiden in der Kneipe La Peseta Loca. Für Ruth war es stets der Ort, an den sie Latinos treffen und gute lateinamerikanische Musik hören konnte.
Oft kam sie mit den Gästen, meist Latinos, ins Gespräch. Für die Lateinamerikaner war es der Treffpunkt mit der Heimat. Ruth diskutierte gerne mit diesen Menschen. Auf Spanisch, natürlich!
Sie studierte zwar die Hauptfächer Englisch und Erdkunde für das Lehramt. Jedoch war Spanisch ihr Lieblingskind. Deswegen hatte sie an der Uni zusätzlich Spanischkurse belegt. Sie verliebte sich in alles was in irgendeiner Art mit Spanisch und der spanischsprachigen Kultur zu tun hatte. Essen, Literatur, Musik, Länder und Leute. Einfach alles saugte sie in sich hinein und fühlte sich wohl dabei.
Mit ihrer Schulfreundin und damaligen Mitbewohnerin der Wohngemeinschaft, Gabi, ging sie regelmäßig in ihre Lieblingskneipe.
An einem dieser Abende, Mitte April, begegneten die Freundinnen Fernando. Ruth diskutierte in dem Augenblick mit Atilio, den sie bereits kannte. Zusammen mit Fernando und Oscar spielte er in einer Gruppe für lateinamerikanische Musik. Das Trio konnte sich nicht auf eine Musikrichtung einigen, also spielten sie verschiedenartige Musik aus verschiedenen Ländern Mittel- und Südamerikas. Das kam bei den Gästen besonders gut an.
Fernando hörte, wie Atilio und Ruth Spanisch sprachen und mischte sich ein. Im ersten Augenblick waren sowohl Atilio, als auch Ruth über Fernandos Einwurf und Einmischung überrascht. Aber schnell bezogen sie ihn in die Diskussion mit ein.
Die Gruppe trat auf. Ruth und Gabi hörten, wie üblich, aufmerksam zu. Einige Passagen kannte Ruth schon und sang mit.
Während des Auftritts blieb Ruth genügend Zeit Fernando zu inspizieren. Er war etwas größer als sie. Eigentlich schade, dass er nur ein bisschen größer war, denn normalerweise zog sie richtig große Männer, so ab ein Meter fünfundachtzig, vor. Aber man konnte eben nicht alles haben. Einen großen, dunkelhaarigen, der auch noch Spanisch sprach. Das war wohl zu viel des Guten. Auf jeden Fall hatte Fernando dunkles, gelocktes, fast zotteliges, Haar, das einen Haarschnitt vertragen hätte. Die Haut des rundlichen Gesichts war getönt. Die indianischen Vorfahren ließen sich nicht verleugnen. Am meisten beeindruckten die großen, schwarzen Augen in dem Gesicht. Ruth hatte Mühe, nicht ständig in diese wunderschönen Augen zu starren.
Sie betrachtete Fernando unverhohlen. Bestimmt war er beim Musizieren mit den Freunden auf der Bühne abgelenkt und bemerkte nicht wie sie ihn taxierte. Ruth fuhr in aller Ruhe mit der Bestandsaufnahme fort. Fernando hatte volle Lippen, die er, wie die meisten Menschen, deren Muttersprache Spanisch war, viel bewegte, um seine Aussprache deutlich zu machen. Er trug ein Hemd, das er in die Jeans gesteckt hatte. Ruth vermutete, dass er eher schlank war, doch konnte das Hemd auch ein kleines Bäuchlein verbergen, aber viel war es bestimmt nicht. Alles in allem gefiel ihr durchaus, was sie zu sehen bekam.
Als der Auftritt einschließlich der Zugaben beendet war, setzten sich die drei Musiker zu den jungen Frauen an den Tisch. Gemeinsam genehmigten sie sich einen letzten Umtrunk und verließen das Lokal.
Fernando begleitete die Frauen nach Hause. Vor der Haustüre bat er Ruth um ihre Telefonnummer. Bereitwillig schrieb sie sie auf einen Zettel, den Fernando ihr reichte und händigte ihm das Papier und den Stift aus. Fernando versprach, sich zu melden.
Ruth war überglücklich. In Fernando hatte sie sich vom ersten Augenblick an verliebt. Sie musste nur noch herausbekommen, was er studierte oder arbeitete. Und vor allem, wie lange er in Deutschland blieb. Wenn er in ein oder zwei Monaten abreiste, lohnte es sich nicht, Zeit in eine Beziehung zu investieren.
Ihr Auserwählter hatte den ersten Schritt getan und von ihr die Telefonnummer erbeten. Alles Weitere würde folgen.
Erst dann, als Fernando weggegangen war, wurde Ruth klar: Von ihm hatte sie nichts! Sie konnte ihn also nicht erreichen. Hoffentlich meldete er sich. Sofort beruhigte sie sich wieder, weshalb wollte er ihre Telefonnummer, wenn er sich dann nicht mehr meldete?
Selten hat sie sich sofort derart stark zu einem Menschen hingezogen gefühlt. Die interessanten Ideen, die er während des Gesprächs entwickelt hatte, gefielen ihr und überzeugten sie. Nicht nur die Augen hatten eine große Ausstrahlung, auch seine warme, melodische Stimme wirkte anziehend um nicht zu sagen sexy.
Was wird die Zukunft bringen? Meistens hielten sich die Studenten aus Mittel- und Südamerika nur begrenzte Zeit in Deutschland auf. Sie bezogen ein Stipendium. Wie lange, also würde Fernando im Land bleiben? Hoffentlich recht lange, damit sie genügend Möglichkeit hatten, sich eingehend kennen zu lernen.
Vielleicht wurde ihre Beziehung so intensiv, dass er das Land gar nicht mehr verlassen wollte und bei ihr blieb. Aber das waren nur Hirngespinste und Zukunftsmusik, sie wusste das. Schließlich hatte sie andere Latinos getroffen. Nur ganz wenige kehrten nicht in ihre Heimat zurück.
Oft verlangten auch die Familienbande, dass sie in die Heimat zurückkehrten. Einige waren bereits verlobt oder hatten feste Bande. Vielleicht blieben sie auch deshalb in Deutschland in Cliquen zusammen. Im Augenblick wusste sie zu wenig über den Mann ihrer Träume.
Sie war nicht abgeneigt, Deutschland nach ihrem Studium den Rücken zu kehren und mit ihrer großen Liebe in ein anderes Land auszuwandern.
Im Augenblick hieß für Ruth abzuwarten, bis Fernando sich meldete. Dann würde sie seine Telefonnummer erfragen. Und auch seine Adresse!
*
Eine Woche später, für Ruth erschien es wie eine Ewigkeit, stand Fernando vor der Türe.
Gabi hatte ihm geöffnet. Ruth kehrte gerade von der Uni zurück. Als sie Fernando im Gang stehen sah, klopfte ihr Herz wild.
„Hola, Ruth“, meinte Fernando lächelnd und selbstverständlich in Spanisch. „Willst du mit mir Essen gehen?“
„Hola Fernando“, gab Ruth ebenfalls in Spanisch überrascht zurück, „schön, dass du vorbeikommst. Ja, wir können essen gehen.“ Sie ging auf ihn zu und küsste ihn auf beide Wangen, wie das in diesen Kreisen üblich war.
Diesmal schien Fernando etwas erstaunt, hatte sich aber gleich wieder unter Kontrolle.
„Ich räume nur meine Bücher weg“, erklärte Ruth, während sie geradeaus auf ihr Zimmer zuging. Sie öffnete die Türe. „Komm rein“, forderte sie ihn auf und unterstrich mit einer Kopfbewegung ihre Einladung.
Fernando schien zu zögern, betrat dann jedoch das Zimmer.
Etwas hilflos stand der junge Mann im Zimmer, bis Ruth ihn aufforderte: „Setz dich doch.“ Dabei machte sie mit der rechten Hand eine einladende Geste zum einzigen Sessel, der im Zimmer stand.
*
Fernando ließ sich in den Sessel fallen.
Während Ruth ihre Sachen auf den Schreibtisch legte, schaute sich der Gast neugierig in ihrem Zimmer um.
Rechts von ihm stand der Schreibtisch, direkt unter dem Fenster. Auf der linken Seite war ein buntes Sofa, das abends wahrscheinlich als Bett umgebaut wurde. Gegenüber, hinter der Zimmertüre verbarg sich die große Schrankwand. Im Zimmer herrschte ein gemütliches Durcheinander. Auf dem kleinen Tisch vor dem Sessel befand sich eine Schale in der zwei Äpfel und eine Birne lagen. Zwischen Sofa und Türe stand ein kleiner Nachttisch, auf dem ein Lämpchen, Wecker und ein Buch Platz gefunden hatten. Der alte, wuchtige Schreibtisch dominierte das ganze Zimmer. Auf der einen Seite hatte Ruth ihre HiFi-Ecke installiert. Fernseher gab es in diesem Raum nicht.
Nachdem er das Zimmer taxiert hatte, ließ Ruth ihm noch Zeit. Er konnte sie also eingehender betrachten. Sie war beinahe so groß wie er selbst. Schlank, zu schlank. Für Fernandos Geschmack fast zu schlank. Das halblange Haar war rotblond und umgab in lockeren Naturlocken den Kopf. Sommersprossen zierten das Gesicht. Fernando vermutete, dass es in der Sonne noch ein paar mehr würden. Besonders beeindruckend fand er jedoch die grünen Augen, die von langen, dunklen, gebogenen Wimpern umrahmt waren. Ruth schien legere Kleidung zu lieben. Sie trug blaue Jeans und einen viel zu großen, grünen Pullover. Fernando verstand nicht, weshalb sie ihre Figur versteckte. Man konnte nur erahnen, dass sie mager war. Schließlich riss er sich vom Anblick los.
„Wohnst du schon lange hier?“, erkundigte er sich, während Ruth mit dem Rücken zu ihm am Schreibtisch stand.
„Seit zwei Jahren“, antwortete sie und drehte sich zu ihm um. „Gabi kenne ich schon seit dem Gymnasium und irgendwann hatten wir das Glück, die Wohnung zu ergattern.“
*
„Schön“, stellte Fernando anerkennend fest und nickte kaum merklich.
Ruth beschloss die Gelegenheit sofort beim Schopf zu packen. Sie wollte an Fernandos Adresse kommen.
„Und wo wohnst du?“, fragte sie, während sie sich langsam dem Sessel näherte. „Du hast mir gar nicht deine Adresse gegeben.“
„Ja, ich weiß“, Fernando zuckte die Schultern, „ich wohne da, wo jeder lateinamerikanische Praktikant wohnt. In einem Wohnheim, in dem man kein Wort Deutsch, aber dafür perfekt Spanisch in allen Dialekten aus den verschiedenen Ländern lernen kann.“
„Das ist frustrierend“, bemerkte Ruth, die nun direkt vor Fernando stand. „Und wo ist das Wohnheim?“
„In der Schleißheimer Straße“, war die kurze Antwort. „Leider ist es ziemlich schwierig etwas anderes zu finden, besonders, wenn man nur ein knappes Jahr in Deutschland bleibt. Also gibt man sich mit dem zufrieden, was einem zugewiesen wird.“
„Hast du auch eine Telefonnummer?“, hakte Ruth sofort nach, bevor sie vom Thema abkamen. Natürlich hatte sie die Information, dass Fernando nur ein Jahr in Deutschland verweilen würde sofort registriert. Schade, dachte sie sich.
„Ach, das ist so eine Sache“, stöhnte Fernando und holte sie aus ihren Gedanken. „Ein Telefon für alle. Meistens ist niemand da, der abnimmt, und geht doch einer ans Telefon, macht er sich nicht die Mühe die gewünschte Person zu suchen, sondern sagt einfach, sie sei nicht da.“
„Unverschämt!“, ereiferte sich Ruth.
„Es gibt keinen regulären Telefondienst“, meinte Fernando nur, „deswegen habe ich dir weder meine Adresse noch meine Telefonnummer gegeben. Ich hätte es dir gleich erklären sollen. Aber gib mir mal einen Zettel“, gleichzeitig streckte Fernando unerwartet die rechte Hand aus und berührte flüchtig Ruths linke, „dann schreibe ich dir die Adresse und Telefonnummer trotzdem auf.“
Als Fernando ihre Hand berührte, durchzog Ruth ein warmes Gefühl. Es dauerte nur Sekunden! Dann tat sie, wozu sie aufgefordert worden war und holte Zettel und Stift.
Ruth reichte ihm beides. Er schrieb seine Daten auf und gab Papier und Kugelschreiber zurück.
„So“, sagte Ruth munter, „wenn du willst, können wir gehen. Ich bin fertig.“
Fernando erhob sich gemächlich und ging langsam zur Zimmertüre. Dort blieb er kurz stehen, drehte sich um und schaute Ruth fest in die Augen. Diese wäre beinahe in ihn gerannt. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Fernando an der Türe anhielt. Jetzt stand sie ganz nah vor ihm.
Fernando lächelte sie an, drehte sich wieder um und öffnete die Türe.
Was war das denn, stellte sich Ruth die Frage. Da sie keine Antwort darauf kannte, folgte sie dem Mann schweigend.
„Wir gehen essen“, rief sie Gabi kurz zu, die sie links durch die offene Türe in der Küche hantieren sah.
„Viel Spaß und guten Appetit“, war die Antwort. Schon waren Ruth und Fernando geradeaus durch die Wohnungstüre verschwunden.
Weit wollten sie nicht gehen, also entschieden sie sich für die Pizzeria um die Ecke. Die kleinen Tische waren alle besetzt, deshalb mussten sie sich zu einem anderen Paar setzen. Als Fernando ihr den Stuhl zurechtrückte, konnte Ruth es nicht glauben. So gute Manieren hatte sie Fernando nicht zugetraut. Dass er ihr die Restauranttüre aufgehalten hatte, okay, aber Stuhl zurechtrücken und sich erst setzen, als sie saß! Sie dachte bislang, das machten nur die alten Männer. Ruth fühlte sich plötzlich damenhaft.
Die Unterhaltung wurde auf Spanisch geführt und Fernando wunderte sich über Ruths ausgezeichnete Sprachkenntnisse.
Auch er schien neugierig zu sein und wollte einiges über Ruth wissen. Was sie studierte, Geschwister und noch einiges mehr. Sie erzählte, dass sie fürs Lehramt studierte.
Ja, Lehrer brauchte man immer, meinte er. Als Ruth ihm erzählte, dass sie nicht wusste, ob sie wirklich eine Planstelle bekommen würde, wenn sie einmal mit dem Studium und der Referendarzeit fertig war, sagte Fernando spontan. „Dann kommst du nach Chile, da findet sich immer etwas.“
Ruths Herz begann heftig zu schlagen. Konnte es sein, dass es auch bei Fernando Liebe auf den ersten Blick war? Oder hat er das mit Chile nur so dahin gesprochen? Sie beschloss im Augenblick nicht nachzuhaken und der Aussage nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Doch es war, wie in nordamerikanischen Filmgerichten, wenn der Verteidiger oder der Staatsanwalt etwas sagte, und der Richter dann die Geschworenen bat, das Gesagt nicht zur Kenntnis zu nehmen. So kam Ruth Fernandos Satz, dass sie in Chile unterrichten konnte, immer wieder in den Sinn. Klar, sie kannte Fernando zu wenig, aber wenn man verliebt war, spielte das keine Rolle.
Von Fernando erfuhr sie, dass er für ein zehnmonatiges Praktikum bei Siemens nach München gekommen war. Er war bei Siemens in Chile bereits angestellt, jedoch wurde ihm dort nahegelegt, das Praktikum in Deutschland zu absolvieren.
Seit drei Monaten war er nun in München und würde noch sieben bis acht Monate bleiben. Dann musste er zurück.
„Und gefällt es dir hier“, wollte Ruth wissen und schaute von ihrer Pizza hoch.
Fernando antwortete nicht sofort, doch dann hob auch er den Kopf und schaute Ruth in die Augen. „Ich weiß nicht recht. Bei den Deutschen fehlt ein wenig die Herzlichkeit. Jeder arbeitet vor sich hin, geht nach Hause und das war’s dann. Bei uns in Chile geht man ein wenig aus und diskutiert und trinkt etwas zusammen. Hier ist es schwierig Kontakt zu bekommen.“
„Ich denke, da muss ich dir leider recht geben“, gestand Ruth ein. „Und von Siemens? Hast du keine Freunde und Arbeitskollegen, die sich um dich kümmern?“
„Das ist es ja eben“, erklärte Fernando ruhig, „jeder kehrt nach der Arbeit sofort nach Hause zurück. Deswegen bin ich immer mit Freunden von Süd- und Mittelamerika zusammen.“
„Das ist ja gut und recht“, wandte Ruth ein, „aber Deutsch lernst du dabei nicht viel.“
„Ja“, gab Fernando mit traurigem Gesicht zu, „ich dachte nicht, dass es so schwierig sein würde.“
„Dann sollten wir nicht Spanisch miteinander sprechen“, gab Ruth zu bedenken und zog die Augenbrauen hoch.
„Eigentlich nicht“, Fernando war einer Meinung mit ihr, „aber du sprichst so gut und ich höre dir gerne zu, wenn du Spanisch sprichst.“
„Das ist ein Grund, aber kein Hindernis“, sagte Ruth streng. „Von jetzt an sprechen wir Deutsch.“
„Bitte nicht jetzt und hier“, flehte Fernando in gebrochenem Deutsch und legte dabei seine rechte Hand auf Ruths linke.
Die Gabel, die Ruth in der Hand hielt, fiel krachend auf den Teller. Beide erschraken und begutachteten ob Schaden entstanden war. Peinlich berührt schaute Ruth in die Runde. Einige Gäste von den umliegenden Tischen hatten neugierig zu ihnen herübergestarrt. Gleich darauf schauten sich Ruth und Fernando wieder an und lächelten.
Oh, du meine Güte, diese schönen Augen! Kein Wunder, dass ich mich sofort in ihn verknallt hatte. Das war verrückt. Ruth entzog Fernando die Hand nicht. Der hielt sie weiterhin fest, zog sie schließlich an seine Lippen und setzte sie sanft darauf. Ruth fühlte wie eine Gänsehaut über ihren Arm und dann über den ganzen Körper wanderte. Zum Glück trug sie lange Ärmel, so fiel es nicht auf. Jetzt nur nicht rot werden, befahl sie sich.
Als sie mit Essen fertig waren, blieben sie noch ein wenig sitzen und unterhielten sich. Fernando wollte für beide bezahlen, doch Ruth lehnte das ab.
„Ruth“, beharrte Fernando, „ich habe dich eingeladen. Also!“
„Ich möchte das nicht“, widersprach Ruth, „schließlich bist du auch Student und musst dein Geld zusammenhalten.“
„Trotzdem, heute ich bin dran“, dabei legte Fernando wieder seine rechte Hand auf Ruths linke, „und nächstes Mal du. Okay?“
Ruth ließ sich breitschlagen. Schließlich wollte sie hier keinen Zwergenaufstand veranstalten.
Dann verließen sie die Pizzeria und gingen ein wenig spazieren.
„Kannst du auch länger in Deutschland bleiben, wenn du möchtest?“, erkundigte sich Ruth wie nebenbei. Sie hütete sich sorgsam, sich dem Angebeteten zu nähern. Er sollte ihre Erregung nicht spüren.
„So einfach ist das nicht“, erklärte Fernando und griff plötzlich und unerwartet nach ihrem Arm, als sie, ohne auf die rote Fußgängerampel zu achten, auf die Straße trat, um sie zu überqueren. „Gib mir deine Hand, auf dich muss man aufpassen wie auf ein kleines Kind.“ Damit ergriff er entschlossen ihre Hand und ließ sie auch nicht mehr los, als sie sicher die andere Straßenseite erreichten.
Ruth schwebte im siebten Himmel. Nun ging sie Hand in Hand mit ihrem Liebsten durch die Straßen. Das hätte sie sich nicht träumen lassen.
„Ja, also mit dem in Deutschland bleiben ist das so eine Sache“, fuhr Fernando nun unbeirrt fort. „Wir bekommen ein Visum für die Zeit, die die Firma beantragt. Und danach müssen wir wieder gehen. Zu einer Verlängerung eines Praktikumsvertrags kommt es so gut wie nie.“
Ruth wurde ein wenig traurig. Wie sie schon befürchtet hatte, war es also nur eine Liebesgeschichte auf Zeit. Sie beschloss die Monate mit Fernando bis auf die letzte Minute voll auszukosten. Dann würde man weitersehen.
Nachdem sie eine große Runde Händchen haltend spaziert waren, begleitete Fernando Ruth nach Hause. Unten vor der Haustüre verabschiedete er sich von ihr, indem er ihr einen Kuss jeweils auf die rechte und linke Wange drückte. Ruth hätte mehr erwartet, aber sie wollte nicht alles auf einmal fordern. Fernando sollte einen guten Eindruck von ihr haben, darauf legte sie großen Wert.
„Hast du am Freitag Zeit?“, wollte Fernando wissen, bevor er ging.
„Nein, leider fahren Gabi und ich nach Hause“, Ruth zog, wie um sich zu entschuldigen, die Schultern hoch.
„Und wann kommst du zurück?“, Fernando ließ nicht locker. Auch ihre linke Hand hielt er immer noch fest.
„Ja, normalerweise am Sonntag, so gegen zehn Uhr abends“, antwortete Ruth wahrheitsgemäß.
„Aha.“ Die Enttäuschung war Fernando förmlich ins Gesicht geschrieben. „Dann wird es nichts mit einem gemeinsamen Wochenende.“
„Leider nicht“, auch Ruth war traurig, aber sie konnte die Fahrt nach Hause nicht mehr verschieben. Schließlich hatte sie sich mit Freunden verabredet. Außerdem wollte sie Wäsche waschen und Mamas Vorratskammer erleichtern.
„Also“, Fernando löste sich nur ungern von ihr. „Dann melde ich mich nächste Woche wieder. Qué nos vemos!“, war das Letzte, was Ruth von ihm hörte, dann war er auch schon weg. Sie hatte nicht einmal mehr Zeit ihm Danke zu sagen und Gute Nacht zu wünschen.
Betreten stieg sie die Stufen in den zweiten Stock hinauf und mit hängendem Kopf schloss sie die Wohnungstüre auf. Gabi war nicht zu sehen. Besser so!
Ruth eilte sofort in ihr Zimmer und verriegelte die Türe. Kurz danach klopfte es. Die Klinke bewegte sich.
„Hey, Ruth“, hörte sie Gabis Stimme durch die verschlossene Türe.
Ruth überlegte sich, ob sie der Freundin die Türe öffnen sollte oder besser nicht. Schließlich entschied sie sich dafür. Sie erhob sich und ging zur Tür. Langsam drehte sie den Schlüssel im Schloss. Gabi stand vor ihr und schaute sie neugierig an.
„Was ist passiert?“, wollte die Freundin sofort wissen.
„Nichts“, Ruth schüttelte den Kopf, „wir haben gegessen und uns unterhalten. Es war schön. Dann sind wir spazieren gegangen, auch das war okay. Als er dann unten vor der Türe erfahren hat, dass ich am Wochenende nicht da bin, hat er nur gesagt, er meldet sich, und weg war er.“
„Aha“, war alles was Gabi sagen konnte oder wollte. „Na ja, wenn er sagt, er meldet sich, dann wird er es auch tun. Hat er ja heute auch gemacht.“
„Ja“, überlegte Ruth, „aber das war doch etwas anderes. Wir hatten uns nur einmal gesehen. Er denkt bestimmt, ich fahre nach Hause und habe da einen Freund.“
„Vielleicht“, bestätigte Gabi, „dann musst du es ihm eben erklären.“
„Du hast leicht reden“, fuhr Ruth etwas verärgert ihre Freundin an. „Was soll ich denn machen, wenn er sagt, er wohnt in einem Wohnheim für ausländische Studenten und ans Telefon würde sowieso niemand gehen. Und wenn einer abhebt, ruft er nicht die gefragte Person.“
„Ist jetzt auch egal“, versuchte Gabi ihre Freundin zu beruhigen, „ändern kannst du es heute Abend auch nicht mehr.“
„Genauso ist es“, dabei ließ sich Ruth schwer in den Sessel fallen, in dem vor ein paar Stunden Fernando gesessen hatte.
„Wenn er sich nicht mehr meldet, musst du eben zu dem Wohnheim fahren und mit ihm reden. Eine andere Lösung sehe ich nicht“, schlug Gabi vor.
„Ich laufe ihm doch nicht nach“, sagte Ruth, der Tränen in die Augen traten, patzig.
„Wie du meinst. Und wie ist er sonst?“, Gabi war neugierig geworden und setzte sich zu Ruth auf die Sessellehne.
„Ich bin total in ihn verliebt“, mit verträumten Augen starrte Ruth an Gabi vorbei ins Leere.
„Gut“, sagte Gabi nüchtern und stand wieder auf. „Dann brauche ich nicht weiter zu fragen, wie er ist, weil ich doch keine objektive Antwort von dir bekomme.“
Ruth schien sie nicht zu hören, denn sie sagte: „Und wie er meine Hand genommen hat.“
„Ach!“, rief Gabi verwundert aus, „Händchen gehalten habt ihr auch schon!“
Das Läuten des Telefons riss Ruth aus ihren Gedanken. Sie wollte aufspringen, doch sie ließ sich einfach wieder in den Sessel zurückfallen als sie sah, dass Gabi zum Telefon rannte und sich meldete.
„Ruth“, hörte sie ihren Namen, „für dich.“
„Wer ist es?“, Ruth hatte keine Lust auf ein Telefongespräch mit irgendjemandem. „Ich bin nicht da“, rief sie zurück.
„Nein, das sage ich jetzt nicht“, widersetzte sich Gabi.
Langsam und unwillig erhob Ruth sich trotzdem und ging ans Telefon.
„Ja“, sagte sie lustlos. Doch dann stellte sie sich plötzlich stramm hin und begann zu strahlen.
„Ruth“, hörte sie Fernandos Stimme, „ich möchte mich bei dir entschuldigen, weil ich vorhin einfach verschwunden bin. Aber ich war so enttäuscht, dass du am Wochenende nicht da bist.“
„Ist schon in Ordnung“, Ruths Welt sah rosarot aus.
„Weißt du?“, fuhr Fernando fort, „ich habe vergessen, dass du hier in der Nähe wohnst und natürlich am Wochenende nach Hause fährst.“
„Ich fahre nicht jedes Wochenende nach Hause“, klärte Ruth ihn auf, „aber für dieses ist alles schon geplant.“
„Wann kommt denn euer Zug am Sonntagabend an?“, erkundigte sich Fernando nun, „ich hole euch ab.“
„Um21:50Uhr am Hauptbahnhof“, sagte Ruth prompt.
„Ich werde zur Stelle sein“, bestätigte Fernando nochmals. „Und Ruth...“
„Ja, Fernando“, säuselte diese.
„…vielen Dank für den schönen Abend“, sagte er lachend.
„Wenn sich hier einer bedankt“, meinte Ruth nun, „dann bin ich das. Es war wirklich ein schöner Abend.“
„Freut mich“, stellte Fernando fest. „Wir sehen uns also am Sonntagabend.“
„Ja, ich freue mich schon“, gestand Ruth ihm.
„Ich auch“, erwiderte Fernando, „und schönen Abend noch.“
„Ja, dir auch“, gab Ruth zurück. Fernando hängte ein. Auch Ruth legte langsam und nachdenklich den Hörer auf die Gabel.
„Siehst du“, stellte Gabi lächelnd fest, „er meldet sich doch. Und du überlegst schon Wenn und Aber.“
„Oh, ja“, Ruth packte Gabi bei den Schultern und begann mit ihr im Flur zu tanzen. „Er hat sich gemeldet, er hat sich gemeldet. Ich bin verliebt“, sang sie und ließ Gabi nicht mehr los. Diese befreite sich mühselig und begab sich in sichere Entfernung vor Ruth um nicht noch einmal herumgewirbelt zu werden.
Inzwischen hat Ruth den Bahnhof erreicht. Sie begibt sich in die Halle, zieht ihre Brille aus dem Etui und studiert den Fahrplan. Schon seit zwei Jahren benötigt sie eine Brille zum Lesen. Es stört sie zwar, aber ändern kann sie die Tatsache nicht. Die Fahrkarte hat sie bereits in der Tasche. Sie hat sie am Vortag gekauft. Nun muss sie nur herausfinden, auf welchem Gleis der Zug abfährt.
Noch hat sie zehn Minuten Zeit und schlendert in die Bahnhofsbuchhandlung. Zeitschrift möchte sie keine kaufen, doch einen Blick kann man wagen.
Die Tageszeitung hat sie in der Tasche und auch ein Buch. Schließlich hat sie genügend ungelesene Bücher zu Hause. Also wird nichts gekauft.
Langsam verlässt sie die Buchhandlung, steigt die Stufen in der Unterführung hinunter, durchquert den Tunnel und nimmt langsam Stufe um Stufe auf der anderen Seite. Nun steht sie auf dem Bahnsteig. Einige Frühaufsteher, die zur Arbeit fahren wollen, lungern mit verschlafenen Gesichtern herum und warten, genau wie Ruth, auf den Zug.
*
Nachdem Fernando Ruth und Gabi am Sonntagabend vom Bahnhof abgeholt hatte, blieb er die Nacht bei Ruth.
„Ihr seid wirklich wie für einander geschaffen“, stellte Gabi einmal überraschend fest. Sie, die immer einen so kühlen und überlegten Kopf hatte, schien ebenfalls davon überzeugt zu sein, dass Ruth und Fernando noch einen langen, gemeinsamen Weg vor sich hatten.
Nach einem Monat einigten sich die Frauen darauf, es sei vernünftiger Fernando einen eigenen Wohnungsschlüssel zu überlassen, da er inzwischen mehr Zeit bei Ruth verbrachte als in seinem Zimmer im Wohnheim.
„Was, das ist dein Zimmer!“, rief Ruth an dem Tag, als Fernando sie mit ins Wohnheim nahm und ihr zeigte, wo er hauste.
„Kein Wunder, dass es dir hier nicht gefällt“, stellte sie nüchtern fest. „Das ist ja fast wie in einer Gefängniszelle.“
„Na ja, so schlimm ist es vielleicht nicht“, milderte Fernando das Urteil ab, „aber gemütlich ist es auch nicht gerade.“
„Das kann man wohl sagen“, sagte Ruth und drückte Fernando einen dicken Schmatz auf die Wange.
„Einen Vorteil hat das Wohnheim aber auch“, gab Fernando zu bedenken, „hier habe ich Atilio und Oscar kennen gelernt.“ Er streichelte ihr über die Wange. „Und über Atilio konnte ich dich treffen. Also hat es sich gelohnt, dass ich im Wohnheim abgestiegen bin.“
„Oh ja“, erwiderte Ruth mit sanfter Stimme, „das war der schönste Moment in meinem Leben.“
„Und es wird noch viele schöne Stunden geben“, Fernando legte die Arme um Ruth und zog sie fest an sich.
Meistens hielt sich das Paar in Ruths und Gabis Wohnung auf. Es war angenehmer und gemütlicher dort.
Gabi hatte sich ebenfalls verliebt und war am Wochenende kaum noch in München. Waren sie und ihr Freund Stefan jedoch in der Stadt, planten die zwei Paare gemeinsame Unternehmungen. Schnell hatte Ruth festgestellt, dass Fernando ausgezeichnet kochte und ließ sich von ihm die ausgefallensten Gerichte vorsetzen. Sie wurde regelrecht zur Feinschmeckerin.
Natürlich hatten Fernando und seine Freunde hin und wieder Auftritte zu denen Ruth sie gerne begleitete.
Der Sommer nahte. Die Tage wurden länger. Zusammen mit Fernando, manchmal schloss sich Atilio an, ging Ruth in den Straßen von Haidhausen joggen.
Oft trafen sie sich mit anderen Latinos am Chinesischen Turm im Englischen Garten oder sonst in einem der Biergärten Münchens.
Als das Wetter richtig sommerlich wurde, musizierten die drei Freunde Fernando, Atilio und Oscar im Englischen Garten. Sehr zur Freude der Spaziergänger.
Ruth war glücklich. Leider nahten die Semesterferien und sie musste nach Kempten zurückkehren. Schon vor einem Jahr hatte sie sich um einen Ferienjob als Verkäuferin beworben, den sie nun wohl oder übel antreten musste.
Inzwischen hatte Ruth ihre Eltern in ihr Verhältnis mit Fernando eingeweiht.
„Ruth, du solltest dir das gut überlegen“, war das Erste, was ihrer Mutter einfiel.
„Mama“, beschwichtigte Ruth ihre Mutter, „wir lieben uns.“
„Was ist schon Liebe?“, wollte Ruths Mutter wissen, „die vergeht und was dann?“
„Wieso sagst du das?“, Ruth wurde ärgerlich. „Du kennst ihn doch überhaupt nicht. Bist du neidisch?“
„Sag mal, wie redest du mit deiner Mutter?“, Ruth hatte nicht bemerkt, wie ihr Vater die Küche betreten hatte.
„Stimmt doch“, sagte Ruth trotzig. Beinahe wäre sie mit dem Fuß aufgestampft wie ein kleines Kind.
„Ihr könnt doch Fernando nicht aburteilen“, fuhr Ruth verärgert fort, „nur weil er Chilene ist.“
„Das will auch keiner“, mischte sich die Mutter wieder ein, „aber er ist weit weg, wenn er in seine Heimat zurückkehrt. Das musst du bedenken.“
„Ja“, lenkte Ruth ein, „das stimmt schon, aber er ist wirklich ein lieber Mensch.“
„Sag ihm doch einfach, er soll dich hier besuchen, wenn du in den Semesterferien in Kempten arbeitest“, schlug der Vater vor.
„Mach ich auf jeden Fall“, erwiderte Ruth freudig und drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange.
Als Ruth nach diesem Wochenende, wie üblich abends mit dem Zug nach München zurückkehrte, erwartete Fernando sie am Bahnhof. Zuerst schloss er sie in seine Arme und küsste sie, dann nahm er ihr die Reisetasche ab und beide gingen Hand in Hand zur S-Bahn.
„Meine Eltern wollen dich kennen lernen“, erzählte ihm Ruth freudestrahlend, kaum waren sie in die S-Bahn eingestiegen und hatten Platz genommen.
„Meinst du, das ist eine gute Idee?“, gab Fernando zu bedenken.
Ruth war über Fernandos Reaktion verblüfft. Was sollte denn das? „Natürlich ist das eine gute Idee. Wieso fragst du?“
„Nun ja, wir kennen uns noch nicht lange“, überlegte Fernando, „und überhaupt, bei uns stellt man seinen Freund erst den Eltern vor, wenn man sicher plant, sich zu verloben.“
„Das ist bei euch“, meinte Ruth und puffte ihn mit der Faust leicht auf die Brust, „aber nicht hier.“ Insgeheim hoffte sie jedoch, dass es irgendwann auf eine Verlobung hinauslaufen würde. Und das noch vor Fernandos Abreise nach Chile. Fernando erzählte sie selbstverständlich nichts davon.
„Mal sehen“, sagte der junge Mann zurückhaltend.
Ruth, die sich eine freudigere Reaktion erhofft hatte, konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen, deswegen schaute sie aus dem Fenster in den finsteren Tunnel der S-Bahn und biss sich auf die Lippen. Auf keinen Fall wollte sie hier und jetzt zu heulen anfangen.
Fernando schien Ruths Erregung und vor allem Enttäuschung zu spüren, denn er nahm ihre Hand und drückte sie fest.
„Natürlich besuche ich dich, während der Semesterferien“, sagte er mit weicher Stimme, hob ihre Hand an seine Lippen und drückte einen zarten Kuss darauf. „Ich hätte dich auch ohne Einladung deiner Eltern besucht.“
Ruth schaute durch einen Tränenschleier auf Fernando und lächelte ihn scheu an. Er legte den Arm um ihre Schulter, doch sie kamen schon an den Rosenheimer Platz. Beide erhoben sich. Fernando nahm die Tasche auf und sie verließen die S-Bahn.
In der Wohnung waren sie alleine, da Gabi bei ihrem Freund verweilte und erst am Dienstag zurückkehren würde.
Fernando stellte nur die Tasche neben der Wohnungstüre ab und schob die Türe mit dem Gesäß zu. Dann beugte er sich herab, hob Ruth hoch und trug sie ins Zimmer. Sie lachte und versuchte sich scheinbar zu wehren, doch erfolglos.
„Ein Wochenende ohne dich, das ist einfach zu lange“, sagte Fernando mit rauer Stimme. Er stellte sie in Ruths Zimmer auf den Boden und nahm sie ganz fest in die Arme.
„Ja, viel zu lange“, hauchte Ruth nur, denn Fernando drückte ihr einen Kuss auf den Mund. Langsam strichen sie sich die Kleidung vom Körper und liebkosten sich.
Irgendwann landeten sie auf dem Teppich und liebten sich hingebungsvoll. Fernando war nicht ihr erster Mann, doch empfand sie den Sex mit ihm als besonders schön und sie genoss es jedes Mal in seinen Armen zu liegen.
„Oh, mein Liebster“, hauchte sie nun, „wie werde ich es ohne dich nur aushalten?“
„Wieso?“, wollte Fernando wissen und nagte zärtlich an ihrem Ohr, „ich bin doch da.“
„Ja“, Ruth drehte sich ihm zu und schaute ihn eingehend an. „Aber deine Zeit hier ist begrenzt. Und dann wirst du weit weg sein. Unerreichbar! Es macht mich jedes Mal verrückt, wenn ich darüber nachdenke.“
„Denk einfach nicht dran“, schlug Fernando vor und spielte mit ihren Brustwarzen.
„Ich muss aber ständig daran denken“, gestand Ruth. „Es ist nun einmal so.“
„Ach, Ruth“, stöhnte Fernando, „musst du alles vermiesen? Lass uns doch einfach die Zeit genießen, die wir zusammen sein können. Später wird man weitersehen.“
„Fernando, ich liebe dich“, meinte Ruth eindringlich und fuhr mit ihrem Zeigefinger über seine vollen Lippen. „Du bedeutest mir sehr viel.“
„Aber mein Herzchen, ich liebe dich auch“, bestätigte ihr Fernando, nachdem er sanft auf ihren Finger gebissen hatte. „Und du weißt, dass du mir viel bedeutest. Genau deswegen genieße ich jetzt jede einzelne Minute mit dir. Mehr können wir doch gar nicht tun. Komm, lass dich streicheln. Ich habe so sehr Lust auf dich.“
Immer noch auf dem Teppich liegend liebten sie sich erneut. Diesmal war Ruth jedoch nicht bei der Sache, weil sie immer daran denken musste, dass ihre gemeinsame Zeit mit Fernando in München sehr gegrenzt war, und dass er dann weit weg von ihr sein Leben führen würde.
Nachdem sie sich zum zweiten Mal geliebt hatten, erhoben sie sich. Ruth ging nackt in den Gang, holte die Reisetasche und räumte sie endlich aus. Natürlich hatte ihre Mutter wieder feine Sachen zum Essen mitgegeben. Das war so üblich.
Fernando folgte ihr bekleidet mit ihrem Bademantel, als sie die Lebensmittel in die Küche trug. Er stellte sich hinter sie und küsste sie auf den Nacken. Ruth drehte sich zu ihm um und wieder lagen sie sich in den Armen.
Ein drittes Mal liebten sie sich in der Küche auf der Arbeitsplatte.
„Wir müssen verrückt sein“, stellte Ruth atemlos fest.
„Wieso, ist doch schön“, meinte Fernando schlicht, löste sich von ihr und betrachtete sie eingehend. „So einen schönen Körper bekommt man nicht alle Tage zu sehen, anzufassen und zu lieben.“
Ruth boxte ihn. Fernando lachte und küsste sie auf die rechte Brust. Beide verließen die Küche und gingen nacheinander duschen.
Danach begaben sie sich brav ins Bett. Sie lagen sich noch ein wenig den Armen, doch an Sex dachten sie nicht mehr. Bald schlief das Paar zufrieden ein.
*
Zwei Wochen später begannen die Semesterferien. Ruth würde sieben oder acht Wochen arbeiten. Mit Fernando vereinbarte sie, dass sie sich ein Wochenende in München und eines in Kempten treffen würden. Es kam natürlich immer drauf an, ob Fernando mit seiner Gruppe auftreten musste.
„Du kannst in der Zeit hier in der Wohnung bleiben“, bot Ruth ihm an. „Mit Gabi ist es abgesprochen.“
„Nein, das möchte ich nicht“, wehrte Fernando ab. „Ich bleibe lieber im ungemütlichen Wohnheim.“
„Gut“, sagte Ruth nur schulterzuckend, „den Schlüssel hast du.“
Für Ruth war es ein trauriger Augenblick, als Fernando sie am Sonntagnachmittag zum Bahnhof brachte und alleine winkend auf dem Bahnsteig zurückblieb. Sie setzte sich auf ihren Platz und schaut teilnahmslos auf die vorbeirasenden Häuser vom Stadtrand Münchens.
Am Montag trat sie, wie schon während der vergangenen Semesterferien ihre Aushilfsstelle als Verkäuferin in einem Schuhladen an.
Am Mittwochabend rief Fernando Ruth bei ihren Eltern an.
„Hola, querida“, begann er das Gespräch, als Ruth den Hörer aus der Hand ihrer Mutter erhielt. „Qué tal?“
„Mir geht es gut, mein Liebling“, erwiderte Ruth brav, „und dir?“
„Ja, auch. Du fehlst mir“, gestand Fernando.
„Du mir auch“, pflichtete Ruth bei, „wann kommst du am Wochenende?“
„Deswegen rufe ich an“, Ruth spürte, wie Fernando zögerte, „wir müssen am Samstag auftreten. In La Peseta Loca ist jemand ausgefallen, und sie haben uns gebeten, einzuspringen.“
„Ach, nein“, rief Ruth aus. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Ja, leider“, sagte Fernando. „Wir können das Treffen um ein Wochenende verschieben, wenn es deinen Eltern recht ist.“
„Muss es ja“, Ruth wurde fast garstig. „Dann komme ich am Samstag nach der Arbeit nach München.“
„Machst du das wirklich?“, Fernandos Stimme klang hoch erfreut.
„Ja“, erwiderte Ruth, „ich nehme den Zug um halb fünf, dann bin ich um sechs da.“
„Ich weiß nicht, ob ich dich abholen kann“, gab Fernando zu bedenken. „Wir müssen ein wenig proben.“
„Ich finde den Weg“, sagte Ruth nur, „schließlich wohne ich lange genug in der Gallmayrstraße.“
„Wir treffen uns am besten in La Peseta“, schlug Fernando munter vor.
„Okay“, antwortete Ruth.
„Muy bien“, stellte Fernando fest, „Grüße deine Eltern unbekannterweise von mir, und ich entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten. Tschüs, meine Liebste.“
„Tschüs, te quiero“, rief Ruth kurz, doch sie war sich nicht sicher, ob Fernando die letzten Worte gehört hatte.
„Mama“, Ruth ging in die Küche. „Fernando kann am Wochenende nicht kommen. Sie haben einen Auftritt. Ich werde am Samstag direkt nach der Arbeit nach München fahren.“
„Lohnt sich das denn?“, wollte ihre Mutter wissen.
„Für Fernando lohnt sich das immer“, stellte Ruth nüchtern fest und hatte ihre Enttäuschung während des Telefongesprächs schon vergessen.
„Sag mal, Ruth“, hörte sie ihre Mutter sagen. „Hier gibt es doch das Haus International. Da könnten deine Freunde auch auftreten. Du solltest nachfragen.“
„Und wo sollen die drei übernachten, wenn sie von München kommen?“, Ruth schaute ihre Mutter fragend an.
„Na, hier bei uns“, meinte die nur. „So viel Platz haben wir schließlich und es wäre nur für ein Wochenende.“
„Ja“, Ruth fand die Idee gar nicht mehr so schlecht. „Ich frage im Haus International nach. Dann kann ich das Thema am Wochenende bei den Dreien erwähnen.“
Am Samstag war Ruth zwar erledigt von der Arbeitswoche, trotzdem fuhr sie, wie sie es mit Fernando vereinbart hatte, nach München.
Zu ihrer Überraschung holte ihr Liebster sie vom Bahnhof ab. Sie fiel ihm um den Hals und sie küssten sich.
„Ich habe nicht viel Zeit“, erklärte Fernando, als sie in der S-Bahn saßen. „Ich muss gleich zur Peseta. Die anderen warten auf mich.“
„Kann ich meine Tasche in die Wohnung bringen?“, wollte Ruth wissen, „dann komme ich gleich mit.“
„Ja“, meinte Fernando lächelnd. „So viel Zeit muss sein.“
Ruth öffnete die Wohnungstüre, ging sofort in ihr Zimmer und stellte die Tasche in eine Ecke. Fernando folgte ihr, drehte sie zu sich um, legte seine Arme um sie und küsste sie lange. Doch dann besannen sie sich auf die Verabredung mit Atilio und Oscar. Sie lösten sich voneinander und verließen die Wohnung beinahe fluchtartig.
„Hola, amigos!“, wurden Fernando und Ruth lautstark von Atilio und Oscar begrüßt. Sie gaben sich, wie es üblich ist, Küsschen rechts und links auf die Wange.
Die Proben begannen und Ruth hörte dem Trio interessiert zu. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie schrecklichen Hunger hatte. Sie wartete jedoch, bis die drei Männer ihre Proben beendet hatten.
Der Wirt, selbst ein halber Latino, stellte ihnen Empanadas mit Hackfleischfüllung hin. Die Fleischtaschen waren gut gewürzt und Ruth bekam Durst. Die anderen schien das Pikante nicht zu stören. Als Ruth nach Trinken verlangte, lachten sie nur und erklärten ihr, es sei besser zuerst Brot zu essen, als das Feuer im Mund durch ein Getränk löschen zu wollen.
Während sie beim Essen saßen, erzählte Ruth vom Internationalen Haus in Kempten.
„Ich habe dort nachgefragt“, erklärte sie, „die wären durchaus an einem Auftritt von euch interessiert.“
„Was?“, lachte Atilio, „bist du jetzt unser Impresario?“
Oscar und Fernando schauten etwas pikiert.
„Und wie soll das gehen?“, wollte Oscar ärgerlich wissen. „Wir fahren am Abend hin, treten auf und hauen wieder ab. Wie weit ist der Ort überhaupt weg?“
„Na ja“, Ruth war unsicher geworden, „eineinhalb Stunden mit dem Zug oder Auto.“
„Und das für einen Auftritt“, ungläubig schüttelte Atilio den Kopf.
Ruth wurde ärgerlich. „Aber ihr lasst mich ja nicht ausreden“, sagte sie schnell, „ihr könntet bei uns übernachten. Bestimmt wäre es möglich zwei Abende zu arrangieren. Dann würde sich die Sache doch lohnen. Oder?“, setzte sie vorsichtig hinzu. Sie konnte nicht verstehen, weshalb die Freunde ihren Vorschlag so vehement ablehnten. Schließlich hatte sie es nur gut gemeint und wollte den Dreien zu mehr Taschengeld verhelfen.
„Frag doch mal.“ Fernando mischte sich erst jetzt ins Gespräch ein.
„Gut“, sagte Ruth nur. Sie war beleidigt. Etwas mehr Begeisterung hatte sie seitens der drei Männer erwartet.
Der Abend verlief nach dieser kleinen Auseinandersetzung friedfertig. Fernando, Atilio und Oscar traten erst gegen halb zwölf Uhr auf. Also hatten sie Gelegenheit, ihre Mitstreiter anzuhören. Die waren nicht schlecht, doch als das Trio auftrat, gab es anhaltenden Applaus. Sie waren inzwischen in Insiderkreisen gut bekannt. Auch die Zugaben wollten nicht enden.
Nach der Vorstellung blieben sie zu einem Umtrunk in der Peseta Loca und kehrten erst gegen drei Uhr nach Hause zurück. Atilio, der als einziger ein Auto besaß, fuhr zuerst Fernando und Ruth nach Hause. Die beiden Männer, Oscar und Atilio wohnen im gleichen Wohnheim.
Ruth und Fernando waren zum Umfallen müde. Sie kuschelten sich aneinander und schliefen friedlich ein.
*
Das nächste Wochenende besuchte Fernando Ruth. Er kam schon am Freitagabend mit dem Zug. Ruth war natürlich erfreut. Für sie stand es fest, sie stellte ihren Eltern ihren Zukünftigen vor. Auch wenn einige das anders sahen.
Ruth parkte das Auto ihres Vaters am Bahnhof. Natürlich war sie viel zu früh dran. Zunächst blieb sie im Auto sitzen und hörte Radio. Zehn Minuten vor Ankunft des Zuges aus München verließ sie den Wagen und schaute auf dem Fahrplan nach dem Gleis. Gerade, als sie zum Bahnsteig kam, hörte sie die anonyme Stimme aus dem schrecklichen Lautsprecher. Der Zug hatte zehn Minuten Verspätung. Scheiße, ist das erste, was Ruth durch den Kopf schoss. Sie schaute auf ihre Armbanduhr, verglich sie mit der Bahnhofsuhr. Es änderte nichts: zehn Minuten blieben zehn Minuten. Nervös lief sie in langsamen Schritten auf dem Bahnsteig entlang. Nach dem zehnten Mal kannte sie jedes Steinchen, jedes Loch auf dem Bahnsteig. Auch das Angebot des Automaten hatte sie inzwischen auswendig gelernt. Sie überlegte, wie die Chips wohl aussahen, wenn sie von oben bis zur Öffnung nach unten fielen.
Noch fünf Minuten! Zum Auto zu gehen, lohnte sich nicht mehr. Ruth trug nur ein dünnes T-Shirt. Die Jacke lag im Auto. Sie begann zu frieren. An den Armen bildete sich Gänsehaut.
Da, endlich wurde die Ankunft des Zuges angesagt.
Was, wenn Fernando nicht im Zug saß? Ruth verwarf diesen entsetzlichen Gedanken sofort wieder. Er würde kommen, schließlich hatte er es versprochen.
Natürlich stieg Fernando, wie verabredet, aus diesem Zug. Sie begrüßten sich freudig. Hand in Hand gingen sie zum Auto, das Ruths Vater seiner Tochter großzügig überlassen hatte.
Mit zittrigen Händen fuhr sie das Auto vorsichtig durch Kemptens Straßen bis zum Elternhaus in Krugzell. Ruth hatte keine große Fahrpraxis und die Tatsache, dass Fernando neben ihr saß, steigerte die Nervosität. Außerdem musste sie sich nicht nur auf den Verkehr, sondern auch noch auf das Gespräch mit ihm konzentrieren. Trotz all dieser Anstrengungen kamen sie heil in Krugzell an.
Ihre Eltern waren natürlich neugierig den jungen Mann kennen zu lernen, der das Herz ihrer Tochter erobert hatte.
Vater und Mutter erwarteten den Freund ihrer Ältesten schon in der Haustüre. Sowohl der Vater, als auch die Mutter hatten sich zur Feier des Tages herausgeputzt. Ihre Mutter war sicherlich direkt aus der Küche gekommen, trotzdem hatte sie es sich nicht nehmen lassen, zur Begrüßung des Gastes die Schürze abzunehmen.
Ruth war diese feierliche Art der Begrüßung peinlich, aber ändern konnte sie es nicht.
„Herzlich Willkommen“, sagten sie wie aus einem Mund, so als hätten sie das vorher einstudiert.
„Guten Abend“, antwortete Fernando artig mit seinem unverkennbaren Akzent. „Ich danke Ihnen herzlich für die Einladung. Ruth hat viel von Ihnen erzählt.“
„Es ist vielleicht übertrieben“, lächelte der Vater freundlich, „aber nett, dass Sie das sagen.“
„Jetzt kommt erst einmal rein“, die Mutter trat von der Haustüre zurück, damit Fernando und Ruth eintreten konnten. „Ich bin mir sicher, Sie haben Hunger“, fügte Ruths Mutter sofort hinzu. „Wir können gleich essen.“
„Sehr freundlich von Ihnen“, meinte Fernando höflich.
„Komm, ich zeig dir dein Zimmer“, Ruth nahm Fernando bei der Hand und zog ihn mit sich die Treppe hoch, zu den Schlafzimmern. Dort öffnete sie eine Türe und deutete mit einladender Geste hinein.
„Hier ist dein Reich“, damit schob sie ihn ins Zimmer.
Fernando schaute sie verständnislos an. „Und wo schläfst du?“
„Meine Eltern sind etwas konservativ“, gestand Ruth nun kleinlaut. „Sie wissen zwar, dass wir in München miteinander schlafen, doch unter ihrem Dach dürfen Unverheiratete das nicht. Sie behaupten, es ist nicht gut, wenn die Nachbarn reden, dabei sehen die doch gar nicht ins Haus. Es gibt eben gewisse Spielregeln hier im Haus, sagt mein Vater. Lassen wir ihm die Freude. So kann er den Schein wahren.“
Fernando lachte leise. „So ist das bei uns auch. Das heißt, normalerweise stellt man die Frau oder den Mann erst vor, wenn man sich verloben will.“
Da war es wieder. Das war genau das, was Fernando schon einmal gesagt hatte. Sie hoffte immer, dass sie sich verlobten, bevor Fernando nach Chile zurückkehrte und mit derartigen Äußerungen zerstörte er ihre Hoffnungen. Noch hatte sie Zeit, Fernando davon zu überzeugen, dass sie die richtige Frau für ihn war. Dazu musste sie sich von ihrer besten und vernünftigsten Seite zeigen. Von ihrer Schokoladenseite eben.
„So, hier sind Bad und Toilette“, wollte sie ihn aus dem Zimmer ziehen, doch Fernando hielt sie fest, schnell schob er die Zimmertüre zu, zog Ruth an sich und küsste sie fest auf die Lippen. Dann ging er zur Türe und öffnete sie, so als wäre nichts geschehen. Er drehte sich nochmals kurz zu ihr um und lächelte sie verschmitzt an.
Ruth machte zwei Türen auf und zeigte ihm, wie angekündigt, Toilette und Badezimmer. Nun gingen die Beiden Hand in Hand die Treppe hinunter ins Esszimmer. Der Tisch war bereits gedeckt. Ruth ließ Fernando bei ihrem Vater, der schon zu warten schien und ging in die Küche zu ihrer Mutter.
Ruth schnüffelte in die Luft und roch, dass ihre Mutter gefüllte Paprikaschoten zubereitet hatte.
„Hm, Mama“, hielt sie nochmals die Nase in die Luft, „das riecht aber gut.“
„Ja, meinst du?“, ihre Mutter schien etwas unsicher, „isst Fernando das?“
„Aber sicher Mama“, Ruth streichelte ihrer Mutter den Rücken. „Du kochst ausgezeichnet, weshalb sollte Fernando das nicht mögen?“
„Na ja“, sie zögerte immer noch und zuckte mit den Schultern, „wie soll ich den jungen Mann denn ansprechen?“
„Am besten bei seinem Namen“, sagte Ruth kurz, „einfach Fernando.“
Ruth nahm die Schüssel mit dem dampfenden Reis und trug sie ins Esszimmer. Dort saßen Fernando und ihr Vater bereits am Tisch und unterhielten sich angeregt. Beide hatten eine Flasche Weizenbier und das dazugehörige Glas vor sich stehen. Die Männer hatten schon begonnen das Bier ins Glas zu gießen.
Im Augenblick schienen sie den Rest Bier in der Flasche vergessen zu haben, denn beide prosteten sich zu und nahmen einen kräftigen Schluck aus dem hohen Weizenglas.
Zum ersten Mal hörte Ruth Fernando wirklich Deutsch sprechen. Mit Gabi war ihr das nie richtig aufgefallen. Doch hier ging es um technische Dinge. Nun konnte Ruth feststellen, dass Fernando sich in diesem Bereich durchaus korrekt ausdrücken konnte. Nun ja, in Ruths Vater, der früher KFZ-Mechaniker war und jetzt als Industriekaufmann arbeitete und nach wie vor mit technischen Dingen zu tun hatte, traf Fernando auf einen Kenner der Fachausdrücke.
Ruths Mutter kam mit den Paprikaschoten zum Esstisch und begann zu servieren. Als alle am Tisch saßen und sich guten Appetit gewünscht hatten, stürzten sich die vier hungrig auf das Essen. Schweigen herrschte am Tisch.
Nachdem Fernando mehrere Bissen probiert hatte, lächelte er Ruths Mutter freundlich an und meinte: „Das schmeckt sehr gut. Sie kochen wirklich ausgezeichnet. Das Rezept müssen Sie mir geben.“
