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Marianne lebt in einer unglücklichen Beziehung mit Franzi. Bei einem Fahrradausflug begegnet ihr Gerd, zu dem sie sich bald hingezogen fühlt. Somit stellt sich die Frage, ob sie tatsächlich weiterhin in ihrer jetzigen Beziehung verharren soll. Gerd erfährt von ihrer Liaison. Sie bricht mit Franzi und zieht aus. Sie flüchtet sich in die Einsamkeit. Zufällig treffen sich Marianne und Gerd auf einer Reise nach Madeira und das neue, holprige, jedoch gemeinsame Leben nimmt seinen Lauf.
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Seitenzahl: 544
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Christine Jörg
Liebesblues
Ein neues Leben
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Impressum neobooks
Wie so oft an einsamen Wochenenden radelt Gerd alleine über Stock und Stein. Viele Freunde hat er seit seiner Scheidung vor einigen Jahren nicht mehr.
Bei seiner Scheidung damals, vor sechs Jahren, war für ihn eine Welt zerbrochen, die er nicht mehr aufbauen konnte oder die er nicht mehr aufbauen wollte. Freilich, es gibt immer wieder Bekanntschaften und Liebschaften in seinem Leben, doch ab einem gewissen Punkt verlassen ihn die Freundinnen. Oft hat er selbst kein Interesse die Beziehung weiterzuführen. Und er steht einmal mehr alleine da. Seine Freunde haben meist feste Lebensgefährtinnen oder sind gar verheiratet, so bleibt für ihn nicht viel Platz. In einen Club oder Verein will er nicht eintreten. Seit sechs Jahren vermeidet er es, sich in irgendeiner Weise zu binden. Egal an was oder wen.
Allein bewohnt er ein großes Haus, eine Reliquie seiner gescheiterten Ehe. Zwar wird das Haus und vor allem sein Haushalt von seiner guten Seele, der Haushälterin, geführt, doch fühlt er sich oft verloren und einsam, so dass er sich, wann immer es nur möglich ist, auf seinen Drahtesel schwingt oder sich anderweitig körperlich und sportlich betätigt. Zwischendurch fährt er nach München, Augsburg und Ulm zu Theater- und Konzertbesuchen.
Auch jetzt, am Ostersonntag ist wieder so ein einsamer Tag. Der Himmel sieht zwar nicht besonders einladend aus, doch er beschließt trotzdem eine kurze Radtour von Waltenhofen nach Oberstdorf und zurück zu unternehmen.
Auf dem Hinweg läuft alles glatt, doch als er sich zum Rückweg anschickt, beginnt es leicht zu regnen. Es hindert ihn nicht daran weiterzufahren. Man ist schließlich nicht aus Zucker. Und überhaupt, was bedeutet denn schon ein Regenguss?
Bei Immenstadt wird der Regen stärker, doch Gerd ignoriert zunächst die Wasserflut von oben. Die Tropfen prasseln immer kräftiger auf ihn herab. Seine Brille ist voll von Regentropfen. Aus diesem Grund beschließt er in einem verfallenen Stadel Unterschlupf zu suchen. Zwar ist er schon nass und es hätte nichts mehr ausgemacht, die kurze Strecke nach Hause zu fahren, doch er steigt ab und stellt sein Fahrrad an die Außenwand der Hütte.
Vorsichtig, um nicht über ein unvorhergesehenes Hindernis zu stolpern, tritt er ins dunkle Innere des Stadels ein. Er stellt fest, das Dach ist an einigen Stellen leck, doch schließlich findet er hinten im Dunkeln einen trockenen Unterschlupf. Hier will er abwarten, bis der Regen nachlässt.
*
Schon seit einiger Zeit hat Marianne sich auf gemütliche freie Osterfeiertage mit Franzi gefreut. Doch als sie am Gründonnerstag von der Arbeit gerädert nach Hause zurückkehrt, liegt Franzi mit Fieber im Bett.
Also ist an die Tagesausflüge und Bummeln, wie sie es geplant haben, nicht mehr zu denken.
Am Ostersonntag fällt Marianne die Decke auf den Kopf. Sie muss raus und etwas unternehmen, ob nun Franzi krank ist oder nicht. Immer kann sie nicht Rücksicht nehmen. Schließlich ist in fast allen Fällen Marianne diejenige die Rücksicht nimmt. Meistens gibt sie bei Streitereien oder Unstimmigkeiten nach, nur damit der Haussegen nicht schiefhängt. Sie legt Wert auf ein harmonisches Zusammenleben, was man von Franzi nicht immer behaupten kann.
Heute also holt Marianne ihr Fahrrad aus dem Keller und beschließt eine kleine Radtour zu unternehmen. Weit will sie nicht fahren. Auch die Wettervorhersage ist nicht rosig. Sie braucht schlicht und einfach frische Luft um die Nase. Nur die Spaziergänge mit ihrem Hund genügen Marianne nicht. Die ganze Woche verbringt sie tagsüber im Büro, da braucht sie am Wochenende Bewegung.
Ihr Weg führt Marianne auf dem Illerdamm nach Kempten. Die Winterpause ist zu Ende. Also genau das Richtige um in Radlerform zu kommen.
Marianne ist schon auf dem Rückweg, als der Himmel sich öffnet und seine Tränen fallen lässt. Schwarz ist das Firmament schon längere Zeit, doch sie hat gehofft, auch den Heimweg trocken überstehen. Aber es soll nicht sein. Das Glück scheint ihr dieses Wochenende nicht hold zu sein. Erst Franzi krank, dann auch noch der heftige Regen!
Bei der ersten Möglichkeit, die sie ausmacht beschließt Marianne sich unterzustellen. Sie entdeckt einen Stadel. Als sie sich nähert, stellt sie fest, dass sie nicht die Erste ist, die hier Unterschlupf sucht. Ein Fahrrad steht bereits da. Was heißt hier Fahrrad? Eine Luxusmaschine! Zumindest verglichen mit ihrem alten Drahtesel. Jetzt hat sie keinerlei Lust auf Gesellschaft jeglicher Art, doch im Augenblick hält Marianne es für sinnlos weiterzufahren. So wie es im Moment gießt!
„Kommen Sie nur herein“, begrüßt sie sofort eine freundlich klingende Männerstimme.
Zwar weiß Marianne, dass sich schon eine Person im Inneren des Unterstandes befindet, trotzdem zuckt sie zusammen.
Zögernd folgt sie der Aufforderung und bringt nur ein: „Entschuldigung“, hervor.
„Na, Sie hat es auch toll erwischt“, stellt die Stimme aus dem Hintergrund fest und fügt hinzu, „bleiben Sie nicht an der Türe stehen, dort ist das Dach undicht.“
Marianne bewegt sich immer noch nicht. Am liebsten wäre sie sofort wieder aus der Hütte gelaufen. Doch da hört sie den Mann, den sie nicht ausmachen kann, auffordernd sagen: „Kommen Sie schon herein! Haben Sie keine Angst, ich beiße nicht.“
Langsam gewöhnen sich ihre Augen an die Dunkelheit des Stadels. Nun kann sie am anderen Ende einen Mann unbestimmten Alters, etwas größer als sie selbst, ausmachen.
Zögernd tritt sie weiter in die Hütte ein. Schließlich ist sie kein kleines Mädchen mehr, weshalb ist Marianne nur immer so überaus vorsichtig, um nicht zu sagen ängstlich?
Schon nach ein paar vorsichtigen Schritten bekommt sie die ersten Tropfen vom undichten Dach auf ihrem nassen Kopf zu spüren. Nochmals sagt sie sich, es ist ausgemachter Quatsch, hier angehalten zu haben. Sie hätte genauso gut direkt nach Hause fahren können. Schließlich ist sie schon nass. Was kann sich daran noch ändern? Im Gegenteil, wenn sie jetzt hier in diesem Stadel herumsteht und darauf wartet bis der Regen nachlässt, wird sie sich erkälten. Ihr wird unweigerlich kalt. Aber nun ist es zu spät. Zudem hätte komisch ausgesehen, wenn sie schlagartig die Flucht ergriffen hätte. Deshalb zwingt sie sich, so ruhig und sicher wie nur möglich auf den Mann zuzugehen. Er wird ihr schon nicht den Kopf abbeißen, wie er sich ausgedrückt hat.
„Grüß Gott“, ist das Erste, was ihr als Gruß einfällt. Wie üblich benimmt sie sich wie die Dame von Welt, die sie noch nie war. Sie macht sich lächerlich wie immer. Egal wo sie ist, sie ist und bleibt der Trampel, der Elefant im Porzellanladen. Lockere Umgangsformen liegen ihr nicht. Alles in ihr verkrampft sich sofort.
„Leider kann ich Ihnen keine Jacke umhängen, wie das in Filmen geschieht“, meint der Mann nun lachend, „ich habe nämlich auch nur meine nasse Radlerkluft an.“
„Das macht nichts“, gibt sie zur Antwort, „schließlich bin ich selbst schuld, wenn ich nass geworden bin. Ein Blick zum Himmel und ich hätte wissen müssen, dass Regen kommt und ich wäre zu Hause bleiben können.“
„Oh, das wäre aber schade gewesen“, fährt der Fremde unbeirrt fort, „dann hätten wir uns nicht in diesem romantischen Stadel getroffen.“ Marianne hört ihn leise lachen. Sie tritt fröstelnd einen Schritt zurück.
Ist das witzig sein oder was, fragt sie sich. Sie sollte einfach kehrtmachen und ihr Hinterteil wieder aus der Hütte bewegen, doch sie starrt ihn nur dümmlich an. Eine passende Antwort fällt ihr wie üblich nicht ein. So war es immer mit ihr. Vielleicht bewundert sie deswegen Franzi so sehr. Ja, der eine redet gewandt und gibt Kontra, und der andere steht immer nur da und staunt, wie jemand so geistreich ist. Marianne beneidet schlagfertige Menschen. Sie schaut zu diesen Leuten auf. Wenn sie ganz ehrlich ist, auf Franzi ist sie richtig stolz. Vielleicht aber ist es die Schlagfertigkeit der anderen, die Marianne letztendlich lähmt und sie sogar rede- und denkfaul macht.
*
Was ist das nur für eine schüchterne oder soll ich vielleicht sagen, verklemmte, Frau, denkt Gerd. Dabei sieht sie, so wie er es erahnt doch recht passabel, ja sogar anziehend aus. Auf seine ganzen geistreichen Reden geht sie nicht ein. Oder sind seine Reden vielleicht nicht geistreich? Wie kann er sonst noch versuchen, sie aufzuheitern? Vielleicht sollte er sie dazu überreden mit zu ihm zu kommen. Er könnte ihr von seiner Kleidung leihen.
*
Immer noch starrt Marianne den fremden Mann an. Er sieht ganz ordentlich, zwar nass, aber normal aus. Sie nimmt an, dass er Anfang bis Mitte Vierzig sein mochte. Wie schon erklärt, ist er etwas größer als sie selbst, also größer als ein Meter fünfundsechzig. So gesehen ist es nicht schwierig größer als sie zu sein. Mit eins fünfundsechzig überragt sie nicht gerade die anderen Menschen.
Um nicht immer den Fremden anzustarren wendet sie sich um und blickt durch die einzige Öffnung, die als Fenster dient.
Sie will nicht ewig schweigen, also sagt sie: „Es scheint jetzt weniger zu regnen. Ich glaube, ich breche wieder auf.“
„Sie holen sich den Tod, wenn Sie jetzt weiterradeln“, wirft der Mann sofort ein. „Wo wohnen Sie denn? Ich kann Sie nach Hause bringen.“
Nun kann Marianne nicht umhin. Sie grinst ihn an und fragt: „Sie wollen mich nach Hause bringen? Wie denn? Mit Ihrem Fahrrad? Das kann ich allein! Meins steht nämlich auch draußen vor der Tür, direkt bei Ihrem.“
„Nein, nein“, wehrt er schnell ab und muss lachen, „so habe ich das nicht gemeint. Ich habe mein Auto in Waltenhofen stehen. Es ist vernünftiger mit mir zu kommen. Sie bekommen trockene Kleidung, und ich fahre Sie danach mit dem Wagen nach Hause. Ist das nicht ein gutes Angebot? Ich wollte Ihnen aber keineswegs zu nahe treten“, versucht er zu erklären.
*
Man muss bei dieser Frau gewaltig aufpassen, damit sie nichts in den falschen Hals bekommt, stellt Gerd fest. Weshalb ist sie nur so überempfindlich? Vielleicht hat sie einschlägige, schlechte Erfahrungen gesammelt. Ein Reiz für ihn! Schon lange hat er sich nicht mehr derartig für eine Frau und deren Wohl interessiert. Diese kratzbürstige Person stellt für ihn eine Herausforderung dar.
*
Genau den Eindruck, dass er ihr zu nahe treten will, gewinnt Marianne. Doch das gesteht sie ihm nicht und so sagt sie: „Ich muss nach Immenstadt.“ Weshalb sie ihm das erzählt weiß sie nicht. Schließlich möchte sie nicht von ihm nach Hause gebracht werden. Aber nun ist es geschehen. Schon wieder reagiert sie falsch. Sie ist unfähig sich durchzusetzen. Ein klares Nein hätte genügt um alleine nach Hause zu radeln. Wann wagt sie es endlich klar Nein zu sagen? Marianne ist ärgerlich mit sich selbst.
„Na, sehen Sie“, meint Gerd sofort, „dann ist mein Auto tatsächlich näher. Also abgemacht, ich bringe Sie nach Hause.“
„Nein, danke“, wehrt sie schwach ab, „es geht schon.“ Marianne hat noch nie ein selbstbewusstes Auftreten gezeigt. So auch heute nicht. Dieser Mann überrumpelt sie einfach. Sie bemerkt es und wehrt trotzdem nicht ab.
„Keine Widerrede“, wendet er sofort ein.
Also hält sie den Mund und beschließt noch etwas abzuwarten. Leider friert sie immer mehr und beginnt leicht zu zittern. Sie versucht sich zusammenzureißen, doch es gelingt ihr nicht. Ihr ganzer Körper ist mit einer Gänsehaut überzogen, ihre Brustwarzen drücken sich an ihrem durchnässtes T-Shirt ab. Damit er es nicht sieht verschränkt sie die Arme in Brusthöhe. So verhindert sie gleichzeitig ein allzu heftiges Zittern.
*
Meine Güte wie sie zittert. Sie tut Gerd Leid. Am liebsten hätte er sie in die Arme genommen und warm gerieben, doch er hütet sich vor jeglichem Annäherungsversuch. Sein Gefühl sagt ihm, dass dies sofort in einem Fiasko endet und genau das ist zu vermeiden. Er hat fest beschlossen alles daranzusetzen, sie wiederzusehen. Vorsicht ist also geboten! Er kann es nicht genau sagen, doch irgendetwas an dieser Person zieht ihn wie einen Magnet an. Gibt es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick wirklich? Vor allem, was hat er schon von ihr gesehen? Gesprochen hat er auch nicht mit ihr. Langsam fragt er sich, ob er überhaupt noch bei Trost ist. Was will er von ihr? Das Unbekannte erforschen? Man wird sehen.
Als Marianne immer noch nicht den Mund aufmacht, sagt er entschlossen: „Also abgemacht. Warten wir ein bisschen, vielleicht beruhigt sich der Regen ein wenig. Übrigens, wenn wir schon unser Leid teilen müssen, will ich mich wenigstens vorstellen. Gerd Malmann.“
„Marianne Kleiner“, automatisch gibt sie ihren Namen bekannt, obwohl sie das gar nicht will. Was geht es ihn schon an wie sie heißt, schließlich interessiert sie der gute Mann nicht. Trotzdem stellt sie sich vor.
„Sehr erfreut, Marianne“, antwortet er fröhlich.
*
Er geht ihr langsam auf die Nerven. Weshalb kann er nicht in Ruhe warten bis es aufhört zu regnen. Und vor allem den Mund halten? Sie hat ihn doch gar nichts gefragt. Zudem verspürt sie keine Lust mit ihm Smalltalk zu führen. Über was auch? Phrasen über das Wetter wie die Engländer? Sie sind nicht in England, wo man sich gerne über das Wetter unterhält. Das hat sie sich zumindest sagen lassen. Wieder macht sie sich Vorwürfe, dass sie überhaupt hier angehalten hat. Sie friert zunehmend und kann das heftige Zittern nicht mehr unterdrücken.
Natürlich bleibt Gerd Mariannes Zittern nicht verborgen. So wie er sie ständig anstarrt! Er bietet trotz aller Vorsicht, die angebracht ist an: „Soll ich Sie ein wenig warm reiben? Sie erkälten sich noch.“
„Nein, danke, es geht schon“, antwortet sie diesmal schnell und bestimmt. Weshalb soll sie sich von einem wildfremden Mann anfassen lassen? So sehr friert sie nun doch nicht.
Eine Zeit lang stehen sie schweigend da. Wie lange kann sie nicht sagen. Sie hat keine Uhr dabei. Inzwischen weiß sie nicht mehr, wie kalt ihr wirklich ist. Entsetzlich kalt einfach! Sie hofft nur, sie wird vor lauter Zittern nicht vom Rad stürzen, wenn sie später losfährt.
Schließlich legt sich der Regen ein wenig, deshalb schlägt Gerd vor:
„Lassen Sie uns fahren.“ Er ergreift ihren Ellbogen, bevor sie abwehren kann und führt sie hinaus. Die Fahrräder triefen. Nass wie sie ist, kann es ihr jedoch egal sein, ob sie sich auf den durchweichten Sattel setzt oder nicht. Doch dieser fürchterlich, hilfreiche Mensch ist schon dabei den Sattel mit einem Taschentuch zu säubern. Erst dann trocknet er den eigenen Sattel ab. Ein Kavalier eben!
Sie steigen auf. „Folgen Sie mir!“, fordert er sie auf, bevor sie die Flucht ergreifen kann und tatsächlich, brav, wie ein Hund, folgt sie ihm.
Der große Unbekannte steuert Waltenhofen an. Marianne beginnt sich Fragen zu stellen. Wo hat dieser Mensch eigentlich sein Auto abgestellt?
Gerd setzt zielstrebig seinen Weg fort. Als Marianne das berühmte Licht aufgeht ist es bereits zu spät. Der gute Mann ist an seinem Ziel, nämlich bei sich zu Hause angekommen.
Scheiße, ist der erste Gedanke, der Marianne jetzt durch den Kopf schießt. Sie macht sich Vorwürfe. Jedes kleine Kind weiß doch, dass man fremden Männern nicht folgen darf. Ist sie ein kleines Kind? Nein, sie ist eine ausgewachsene, aber offensichtlich nicht erwachsene, dreißigjährige Frau. Eine Blöde, wie sich jetzt wieder zeigt, aber immerhin… Marianne ist über ihre enorme Dummheit so schockiert und derart mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie gar nicht mitbekommt, dass der Mensch sie anspricht.
„Wie bitte?“, fragt sie. Wenigstens diese Höflichkeitsfloskel kommt ihr über die Lippen und nicht das tölpelhafte ‚Was’.
Gerd tritt näher. Marianne will schon zurückweichen, als er wieder stehen bleibt und sagt: „Ich denke, wir trinken einen Tee. Sie bekommen von mir trockene Kleidung. Irgendetwas wird schon passen. Und dann fahre ich Sie nach Immenstadt.“
„Nein, danke“, winkt Marianne schnell ab und will sich schon auf ihr Rad schwingen und die Flucht ergreifen.
Dieser unverschämte Mann stellt sich ihr in den Weg. Sie kommt nicht an ihm vorbei. Beschwichtigend hebt er die Hände, die Handflächen ihr zugewandt:
„Also gut, keinen Tee oder Kaffee. Ich habe verstanden. Egal wie, ich ziehe mich um. Ihnen bringe ich eine Wolldecke. Damit wickeln Sie sich ein und setzen sich ins Auto. Ich bin gleich zurück.“
Marianne ist wieder abgestiegen. Artig wartet sie bis der Mann mit der Wolldecke zurückkehrt. Inzwischen hat sie wieder zu zittern begonnen.
Während er ihr die Decke reicht, nimmt er ihr das Fahrrad ab und lehnt es an den Gartenzaun. Dann öffnet er die Beifahrertüre des Autos und wartet bis Marianne eingestiegen ist.
„Ich bin gleich wieder da“, damit schlägt er die Autotür zu und hastet ins Haus.
Marianne sitzt alleine im Auto. Arm ist der Mensch bestimmt nicht. Mercedes! Nicht gerade der Kleinste, wie sie vermutet. Das Haus? Na ja, wenn es ihm gehört, ist es nicht von schlechten Eltern.
Trotzdem bedauert sie, nicht gleich vom Unterschlupf nach Hause geradelt zu sein. Franzi wird wütend sein, wenn sie so spät heimkommt. Marianne wollte nicht so lange wegbleiben. Und Mäxchen, ihr Hund, der muss Gassi gehen.
Sie ist noch in Gedanken versunken, als Gerd in blauen Jeans und knallroter Regenjacke erscheint. Er schnappt das Fahrrad und klemmt es im Kofferraum fest. Marianne steigt nicht aus um zu sehen wie er das macht. Sie wartet einfach nur ab.
Gerd steigt ein. „Na, Sie zittern ja immer noch.“ Er startet das Auto und schaltete die Heizung auf Hochtouren. Zunächst kommt jedoch kalte Luft aus der Belüftung. Doch bald wird es warm. „Schließlich wollen wir nicht, dass Sie sich erkälten“, erklärt er ihr mit einem freundlichen Lächeln.
Was geht ihn ihre Gesundheit an? Er ist schließlich auch nass geworden und ihr ist dies im Grunde genommen vollkommen egal. Diese Gedanken schießen Marianne durch den Kopf.
Während er fährt kann Marianne es nicht unterlassen, ihn von der Seite zu mustern. Eigentlich sieht er gar nicht übel aus. Der erste Anblick aus dem Stadel bestätigt sich. Sein Haar ist leicht ergraut und auf der Stirn haben sich ein paar Falten eingeprägt. Seine Augen, das hat sie vorhin gesehen, sind bernsteinbraun. Schöne Augen, findet sie. Er ist eher schlank und hat für ihre Begriffe unwahrscheinlich schöne Hände. Ja, hässlich ist er nicht. So viel zu dem Thema.
Sie sind beinahe in Immenstadt angekommen, als er das Schweigen bricht: „Haben Sie Lust heute Abend mit mir Ihre Rettung aus den Fluten des Platzregens zu feiern?“ Er schaut kurz zu ihr hinüber.
Zuerst starrt Marianne ihn erstaunt von der Seite an, dann wird sie rot, das fühlt sie und schließlich antwortet sie: „Tut mir leid, aber ich habe noch einiges zu erledigen. Da sind die Kinder zu versorgen, die sicherlich auch durchnässt vom Fußball nach Hause kommen werden und dann muss ich trotz des Wetters den Hund spazieren führen. Aber vielen Dank für das Angebot.“ Weshalb ihm Marianne etwas von Kindern, die sie gar nicht hat, vorgaukelt, weiß sie nicht. Sie nimmt einfach an, dies soll zur Abschreckung dienen. Welcher Mann interessiert sich schon für eine Frau mit Anhang?
Dafür erklärt sie ihm, wie er sie in die Nähe des Hauses bringen kann. Als sie dort ankommen, macht sie sofort Anstalten auszusteigen, als er ihr sagt: „Vielleicht können wir uns ein andermal treffen.“ Er lehnt sich zu ihr hinüber. Marianne nimmt schon das Schlimmste an. Die rechte Hand liegt bereits auf dem Griff um die Türe zu öffnen. Trotzdem wartet sie ab, als er das Handschuhfach aufmacht, nach einem Etui greift, ihm eine Visitenkarte entnimmt und diese Marianne in die Hand drückt. Sie greift nach ihr, hat jedoch nicht die Zeit, die Karte anzusehen und steigt sofort aus. Er tut es ihr gleich und holt ihr Fahrrad aus dem Kofferraum.
Währenddessen sagt er: „Rufen Sie mich doch bitte an, wenn Sie etwas mehr Zeit haben.“
„Werde ich machen“, verspricht Marianne leichtfertig, „und nochmals vielen Dank fürs Nachhause bringen.“
„Nehmen Sie gleich ein heißes Bad“, rät er ihr, „sonst erkälten Sie sich richtig.“
„In Ordnung“, antwortet sie, „Auf Wiedersehen!“ Damit verschwindet sie im Haus ohne sich nochmals umzudrehen.
*
Schnell schiebt sie ihr Fahrrad in den Keller. Dort schaltet sie das Licht an und liest die Karte, auf der steht „Dr. Gerd Malmann, Pharmazeut, geschäftliche und persönliche Anschrift und Telefonnummer in Kempten und Waltenhofen.“ Der Mann leitet eine Apotheke in Kempten. Auch das ändert nichts an der Tatsache, dass sie sich nicht bei ihm melden wird. Weshalb auch? Auf der anderen Seite ist für Marianne klar, dass sie Franzi nichts von der Begegnung erzählen kann und will. Diese Eifersuchtsszenen möchte sie sich ersparen. Immer noch weiß sie nicht, weshalb sie etwas von Kindern erzählt hat. Sie muss vollkommen verrückt geworden sein. In Wirklichkeit kann sie mit Kindern nicht umgehen und auch gar nichts mit ihnen anfangen. Für sie ist es jedes Mal schlimm, wenn jemand aus Franzis Familie mit Kindern zu Besuch kommt. Na ja, auf der anderen Seite spielt das auch keine Rolle, denn sie hat nicht vor, diesen Mann anzurufen.
Langsam steigt Marianne die Treppe zur Wohnung hoch. Als sie die Tür aufschließen will, öffnet Franzi ihr. Sie wird sofort umarmt und geküsst. Gleich wird sie gefragt, wo sie so lange geblieben ist, und weshalb sie nicht schon früher zurückgekehrt ist. Dass sie fürchterlich nass ist und so weiter. Dazwischen rast der Hund wie verrückt hin und her und hört nicht auf zu bellen. Franzi regt sich auf und blafft den Hund an. Marianne ärgert sich, weil sie genau weiß, dass Mäxchen Franzi ein Dorn im Auge ist. Ein Gewitter ist im Anzug. Es knistert in der Luft der Wohnung. Die Spannung lädt sich spürbar auf!
Marianne hat keine Lust auf irgendwelche Zärtlichkeiten einzugehen und verzieht sich sofort ins Badezimmer. Die Türe verschließt sie ausnahmsweise mit dem Riegel. Jetzt will sie allein sein. Franzis Gehabe geht ihr im Augenblick auf die Nerven. Noch bevor sie sich auszieht, lässt sie das Wasser in die Badewanne plätschern. Während warmes Wasser einläuft, setzt sie sich schon in die Wanne. Sie liebt es, wenn das Wasser langsam in der Wanne ansteigt und ihren Körper mit dem warmen Nass umhüllt. Es ist eine Wohltat. Ob Gerd jetzt wohl auch ein Bad nimmt.
Sie erschrickt über den Gedanken. Was interessiert sie dieser Kerl überhaupt. Weshalb geht er ihr nicht aus dem Kopf. Schließlich ist es sicher, dass sie sich nicht bei ihm melden wird. Sie kann nur hoffen, er kommt nicht auf die Idee, hier zu erscheinen.
Als sie den Wasserhahn zudreht, hört sie Franzis Gezeter vor der Tür laut und deutlich. Am liebsten hätte sich Marianne die Ohren zugestopft, doch sie hat nichts bei der Hand. Sie versucht einfach nicht hinzuhören, das ist jedoch ziemlich schwierig. Weshalb kann sie nicht eine Viertelstunde ihre Ruhe haben? Langsam wird ihr das alles zu viel. Das Wochenende ist versaut, durch Franzis Erkältung und nun auch noch dieser Affenzirkus!
Der Gedanke kommt ihr ab und zu, aber vielleicht sollte sie tatsächlich die Konsequenzen ziehen und sich von Franzi trennen. Seit einem Jahr sind es mehr Streitereien, als Liebe. Was ist aus ihrem Verhältnis geworden? Ein Alltagstrott. Genau das was Marianne verurteilt. Nach fünf Jahren sind ihre Liebe und Zuneigung abgenutzt und sie kann fast behaupten, verflogen. Was hindert sie also an einer Trennung? Es muss die Angst sein! Die Angst alleine zu sein, trotz allem! Die Angst vor Franzi selbst und die Angst dann ohne Wohnung dazustehen. Diese Wohnung gehört schließlich Franzi. Sie ist damals hier eingezogen. Aber von nun an wird sie Wohnungsanzeigen durchsehen. Das ist jetzt beschlossene Sache.
Vielleicht kann sie über ihren Arbeitgeber, die Bank, eine neue Bleibe finden. Weshalb nicht? Gleich am Dienstag wird sie sich darum kümmern.
Marianne ist noch ganz in Gedanken vertieft, als Franzi gewaltsam die Türe öffnet, ins Badezimmer stürmt und weiter wettert. Selbst hier hat sie kein Anrecht auf Zurückgezogenheit. Es ist nicht mehr zu ertragen und mit anzuhören. Wie hat sie das nur so lange ausgehalten? Franzis Dominanz wird von Tag zu Tag belastender. Ja, es ist nicht Mariannes Wohnung, doch sie bezahlt ihren Teil an der Miete. Aber immer hält Marianne den Mund und lässt die Vorwürfe über sich herunterprasseln. Sie fühlt sich nur unendlich müde und will ins Bett, doch das wird Franzi in diesem aufgewühlten Zustand sicher nicht zulassen. Marianne weiß das.
Auch der Hund hat sich mit seinem Gebell in die Tiraden eingemischt und will offensichtlich ein Wort mitreden.
Was soll sie jetzt unternehmen um ihre Ruhe zu bekommen?
Marianne steigt entnervt aus der Wanne und lässt Franzi einfach schimpfen. Scheinbar taub greift sie nach dem Handtuch, das ihr normalerweise immer gereicht wird und trocknet sich ab. Auch auf diese Hilfestellungen scheint sie heute verzichten zu müssen.
Die Auseinandersetzungen mit Franzi werden in letzter Zeit zu häufig. Marianne muss diesem grausamen Spiel ein Ende bereiten. Der Gedanke an eine Trennung bietet sich an. Schließlich sind sie nicht verheiratet und es wird bei einer Trennung keine gravierenden Streitpunkte geben. Jeder hat sein eigenes Einkommen. Marianne muss sich allen Ernstes mit der Angelegenheit einer Wohnung befassen. Es ist dringlicher denn je.
Nackt, so wie Gott sie geschaffen hat, geht sie ins Schlafzimmer, holt sich einen Schlafanzug aus dem Schrank und legt sich, ohne ein weiteres Wort, ins Bett. Auch hier ist Marianne heute nicht vor Franzis Wut sicher. Weiterhin muss sie sich dieses fürchterliche Schimpfen und Toben anhören.
Sie steht wieder auf, zieht sich über den Schlafanzug einen Jogginganzug und beschließt mit dem Hund eine Runde zu gehen. Vielleicht ist danach wieder Ruhe.
Wie kann ein Mensch, den man geliebt hat, so launisch und böse werden? Inzwischen ist sich Marianne sicher, die Liebe ist erloschen. Sie weiß jetzt, dass sie mit Franzi einen gewaltigen Fehlgriff getan hat.
Draußen regnet es zwar noch, aber sie hat ihre Haare nach dem Baden nur mit dem Handtuch getrocknet. Es spielt jetzt keine Rolle, dass sie keinen Schirm mitgenommen hat.
Fast eine Stunde ist Marianne mit dem Hund Gassi. Er freut sich natürlich riesig.
Als sie nach Hause zurückkehren hat Franzi sich beruhigt. Marianne muss sich mit Umarmungen begrüßen lassen. Auch heißer Tee steht auf dem Tisch. Anscheinend soll Marianne versöhnlich gestimmt werden.
Na ja, gegen Tee hat sie im Prinzip nichts einzuwenden. Stumm setzt sie sich an den Tisch. Nun wird Marianne von Franzi auf freundliche Art bedrängt. Sie freut sich, wenn die Feiertage vorbei sind, denn dann muss Franzi wieder auf Achse. Sie hat die Wohnung fünf Tage lang für sich. Das ist erholsamer.
Schade um Ostern, Marianne hat sich so darauf gefreut, aber diese kleinen Freuden werden in letzter Zeit systematisch zerstört.
Am Abend lassen sie sich vom Fernseher berieseln. Zu irgendeinem Gespräch ist Marianne jegliche Lust vergangen.
Die Nacht verbringt Marianne in ihrem eigenen Zimmer auf einem Sofa. So hat sie wenigstens ihre Ruhe.
*
Schon auf dem Nachhauseweg denkt Gerd viel über Marianne nach. Er glaubt sich in sie verschaut zu haben. Auch der vorsichtige Seitenblick, den sie ihm im Auto zugeworfen hat ist ihm nicht entgangen.
Freilich vermutet er jetzt schon, sie wird sich nicht bei ihm melden, doch er hat das Wort Hund in seinem Gedächtnis gespeichert. Wer einen Hund hat, der führt ihn auch abends spazieren. Nun heißt es nur in Erfahrung zu bringen, wann sie ihren Hund Gassi führt. Doch nichts ist unmöglich, wenn man nur den Willen aufbringt. Und den möchte er aufbringen. Er wird also an einem Abend während der Woche Wache stehen und warten bis Marianne aus dem Haus tritt. Dann spricht er sie an und will sie vielleicht einladen, mit ihm etwas zu trinken. Falls sie alleine, das heißt nur in Begleitung des Hundes ist.
Der Gedanke, dass Marianne Kinder hat stört ihn nicht im Geringsten. Nun hofft er nur, sie hat keinen Ehemann dazu. Der Rest wird sich schon geben. Dann hätte er endlich das Leben in seinem Haus, von dem er immer geträumt hat. Ein Traum, der sich seit seiner Scheidung zerschlagen hat.
Auf jeden Fall muss er alles daransetzen, Marianne davon zu überzeugen, dass er ist der richtige Mann für sie ist.
Als Gerd nach Hause kommt, befolgt er selbst die Ratschläge, die er ihr gegeben hat. Er lässt sich zu allererst ein Bad einlaufen und setzt sich ungestört und in aller Ruhe in die Wanne. Wer hätte ihn auch stören sollen? Es ist niemand da!
Was macht Marianne jetzt wohl? Denkt sie vielleicht ein wenig an ihn. Der heimliche Blick, den sie ihm zugeworfen hat haftet fest in seinem Gedächtnis. So uninteressiert, wie sie sich gab, ist sie offensichtlich doch nicht. Er wird die Hoffnung nicht aufgeben.
*
Am nächsten Morgen, Ostermontag, geht Marianne wie üblich mit dem Hund raus. Als sie wiederkommt, steht das Frühstück bereits auf dem Tisch. Marianne soll mild gestimmt werden.
Franzi schlägt vor, ins Kino zu gehen und anschließend ins Restaurant zum Essen. Um nicht wieder angefallen zu werden, stimmt Marianne dem Vorschlag zu. Es wird ein geruhsamer und ruhiger Tag.
Die Feiertage sind vorbei. Schnell kehrt der Alltagstrott ein. In der Immobilienabteilung der Bank gibt Marianne an, auf der Suche nach einer Wohnung zu sein. Man verspricht ihr, sie zu benachrichtigen, sobald sich etwas Passendes findet. Bis dahin bleibt Marianne Zeit sich zu überlegen, wie sie diese Nachricht Franzi beibringt. Ihr Zusammenleben muss ein Ende finden. Sie hat entsetzliche Angst vor dem Augenblick, aber es muss sein.
Morgens, mittags und abends dreht Marianne regelmäßig ihre Runden mit dem Hund. Ganz klar, Mäxchen war Mariannes Haustier, als sie bei Franzi einzog. Franzi hat den Hund nur der Lebensgefährtin zuliebe akzeptiert. Normalerweise macht sich Franzi nichts aus Tieren. Sicherlich auch, weil sie zu viel unterwegs ist. So genau weiß Marianne das nicht.
Zwei Wochen sind seit ihrer Begegnung mit diesem Malmann vergangen. Marianne denkt nur noch selten an ihn. Sie wird sich nicht bei ihm melden. Und er auch nicht bei ihr, denn er hat keine Telefonnummer. Ihren Nachnamen hat er bestimmt schon lange vergessen. Marianne nimmt sich vor, nun keinen Gedanken mehr an den Stadel und das Danach zu verschwenden.
*
Einige Tage wartet Gerd auf einen Anruf von Marianne. Doch wie er erahnt hat: Der kommt nie! Erstens ist sie dazu bestimmt zu schüchtern, zweitens gibt es sicherlich jemanden in ihrem Leben. Es ist kaum vorstellbar, dass Marianne gerade auf den alten Knacker namens Gerd Malmann wartet.
Einen Versuch ist es ihm trotzdem wert, ihr den Hof zu machen, wie man so schön altmodisch sagt. Außerdem, er kann sie doch ausspionieren! Immerhin weiß er, in welchem Haus sie wohnt. Wenn sie alleine mit dem Hund aus dem Haus tritt, spricht er sie an. Sollte jedoch jemand dabei sein, setzt er sich in sein Auto, fährt nach Hause und lässt die Angelegenheit für immer ruhen.
Am Montag- und auch Dienstagabend, nachdem er die Apotheke abgeschlossen hat, legt er sich vor Mariannes Haus auf die Lauer. Wann geht man normalerweise mit dem Hund abends aus dem Haus? Als Frau? Er vermutet, das wird zwischen neun und halb zehn Uhr sein. Also will er sich ab halb neun vor dem Haus auf Wachposten begeben. Am Dienstag hat er Glück!
*
Am Dienstagabend, zwei Wochen später, geht Marianne wie gewohnt, gegen halb zehn mit dem Hund auf die Straße. Wie üblich ist sie in Gedanken vertieft, als sie von hinten eine, wie ihr scheint, bekannte Männerstimme, anspricht.
Sie zuckt zusammen, bleibt wie versteinert stehen und dreht sich anschließend langsam auf den Absätzen zu dem Mann um.
Es ist tatsächlich ihr Retter in der Not von Ostern. Hätte Marianne nicht den Hund an der Leine gehabt, sie wäre sicherlich schnell verschwunden, doch so bleibt sie wie angenagelt vor dem bekannten Fremden stehen. Was will der nur von mir, denkt sie verängstigt. Normalerweise verteidigt Mäxchen sie vehement, wenn sie angemacht wird. Hier verhält er sich absolut ruhig. Der Verräter!
*
Meine Güte, wie ist sie schreckhaft, schießt es Gerd durch den Kopf, als er sie anspricht.
„Guten Abend, Marianne“, sagt er sogleich, „wie geht’s?“.
Und bevor sie zu Wort kommen kann, fährt er fort: „Ich habe auf Ihren Anruf gewartet. Aber ich nehme mal an, Sie hatten überhaupt nicht vor, mich anzurufen oder wollen mir jetzt sagen, Sie haben ganz einfach meine Karte verloren.“
„Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe“, gibt Marianne kratzbürstig zurück, dreht sich um und zerrt Mäxchen hinter sich her.
„Das kann ich aber nicht“, antwortet er, „schließlich habe ich Sie vor dem Ertrinken im Platzregen errettet und nun fühle ich mich für Sie verantwortlich. Deshalb musste ich jetzt nachsehen, wie es Ihnen geht. Lassen Sie dem armen Hund doch die Möglichkeit zu pinkeln. Ihm platzt bestimmt gleich die Blase.“
„Was geht Sie mein Hund an? Und woher wissen Sie überhaupt, dass ich um diese Zeit draußen bin?“, nun ist sie neugierig geworden.
„Das wusste ich gar nicht“, gibt er leichtfertig zu, „doch Sie hatten etwas von einem Hund erzählt und da habe ich eins und eins zusammengezählt und bin zu folgendem Schluss gekommen: Hunde werden in der Regel auch abends noch Gassi geführt. Und so wie ich Sie eingeschätzt habe, war ich mir sicher, dass Sie das ebenfalls tun. Also bin ich abends gekommen.“
„Und wie zufällig sind Sie um halb zehn hier gewesen?“ Weshalb lässt sie sich auf dieses sinnlose Gespräch überhaupt ein? Sie braucht ihm doch nur den Rücken zuzukehren und wegzugehen. Irgendwann würde er bestimmt bemerken, dass sie nichts von ihm wissen will.
*
Gerd weiß sofort, er muss vorsichtig sein, wenn er sie nicht vergrämen will. Nur nicht gleich die äußersten Mittel anwenden. Er beschließt, ihr einfach nur nachzugehen. Schließlich hat sie es nicht ernsthaft abgelehnt mit ihm zu sprechen, auch wenn sie scheinbar desinteressiert mit ihrem Hund weitergeht. Das ist nur gespielt, dessen ist er sich gewiss.
Mäxchen schlendert weiter. Marianne folgt ihm und ihr folgt Gerd. So, als besäße sie einen zweiten Hund, läuft er ihr nach. Doch dieser „Hund“ hat die Eigenart, er kann sprechen und deshalb hört sie ihn sagen: „Nein, ganz so war das nicht.“ Jetzt muss Marianne stehen bleiben, denn Mäxchen hat beschlossen gerade an dieser Stelle zu schnüffeln. Das lässt Gerd Zeit sich ihr zu nähern und weitere Erklärungen abzugeben.
„Also, um ehrlich zu sein“, fährt er nun fort, „ich war gestern auch schon hier, muss Sie jedoch verpasst haben. Heute bin ich seit halb neun Uhr auf Posten und warte. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie lange in diesem Fall eineinhalb Stunden dauern.“ Marianne nimmt an, er will ihr Mitleid erheischen, doch damit kann sie ihm nicht dienen. Schließlich hat niemand von ihm verlangt diese Plage auf sich zu nehmen. Deshalb beschließt Marianne überhaupt nicht zu antworten und hofft, er lässt sie bald in Ruhe. Jedoch, sie hat sich getäuscht, denn er weicht nicht von ihrer Seite und redet so, als hätte er von ihr gar keinen Kommentar erwartet, weiter.
„Na ja“, seufzt er, „ich hab’s ja gern getan. Schließlich wollte ich Sie unbedingt wiedersehen, und da ich inzwischen zu der Überzeugung gekommen bin, Sie rufen mich nicht an, habe ich beschlossen dem Schicksal etwas auf die Sprünge zu helfen. Ich habe mich auf die Lauer gelegt, wenn Sie mir diesen Vergleich erlauben.“
Marianne lässt auch dies durchgehen, wenn sie nur später ihre Ruhe hat. Sie verweigert weiterhin jede Bemerkung. Noch immer hat sie nichts zu sagen. Er hat auch keine Fragen gestellt, sondern nur seine Feststellungen mitgeteilt. Will er sie damit beeindrucken? Marianne jedenfalls lässt es kalt.
Trotzdem fährt er fort: „Hören Sie mal, da ich so lange auf Sie gewartet habe, könnten Sie wenigstens ein Gläschen mit mir trinken. Als Entschädigung. Meinen Sie nicht auch?“
Hier ist sie also die Frage. Nun muss Marianne wohl oder übel doch etwas sagen. Auf der einen Seite hat sie keine Lust mit ihm etwas zu trinken, auf der anderen Seite, was soll sie jetzt alleine zu Hause anstellen? Außerdem ist jedes Mittel gut, wenn sie ihn danach nur loswird. Vielleicht ergibt sich eine die Möglichkeit, ihn in der Kneipe so zu schockieren, dass er sich nicht weiter für sie interessiert. Zudem ruft Franzi erst morgen an, es fällt also nicht auf, wenn sie nicht gleich nach Hause zurückkehrt. Das Handy lässt sie während der Spaziergänge mit Mäxchen zu Hause.
Gerade als ihr dieser Gedanken durch den Kopf geht, fällt ihr auf wie sehr Franzi ihr Leben bestimmt. Eigentlich ist Marianne völlig von dieser Person abhängig. Ein Grund mehr heute nicht sofort nach Hause zu gehen. Und so sagt sie, um sich nicht sofort mit allem einverstanden zu erklären:
„Das wird schwierig sein. Jetzt kann ich den Hund nicht nach Hause bringen, sonst weckt er die Kinder.“ Wenn sie schon einmal die Tour mit den Kindern angefangen hat, kann Marianne die Geschichte weiterspinnen. Was macht das noch aus?
„Ist nicht schlimm“, lenkt er sofort ein, „er ist doch ein lieber Kerl. Wir nehmen ihn mit. Wenn er mich bis jetzt nicht gebissen hat, wird er auch niemand anderen zwicken. Außerdem haben Sie ihn doch bestens in Griff.“
„Na ja“, zögert Marianne, „ich weiß nicht so recht.“ Immer dieses Zögern!
„Nur ein Gläschen“, schlägt er nun vor, „danach bringe ich Sie sofort wieder nach Hause. Das verspreche ich Ihnen hoch und heilig. Kommen Sie, steigen Sie ein.“ Inzwischen sind sie, Marianne weiß nicht wie, in der Nähe seines Autos angelangt. Bevor Marianne es sich anders überlegen kann, ergreift er ihren Ellbogen, führt sie zum Auto, hält ihr die Beifahrertür auf und lässt sie und Mäxchen einsteigen. Es gibt kein Entrinnen, aber vielleicht will sie das auch nicht.
Gemeinsam fahren in Richtung Marienplatz. In der Jahnstraße findet Gerd einen Parkplatz. Diesmal ist Marianne beim Aussteigen schneller als er. So kommt er trotz eines Sprints zu spät, um ihr den Wagenschlag zu öffnen.
„Man sieht, dass Sie nicht oft verwöhnt werden“, stellt er lachend fest, „Ihnen hat schon lange niemand mehr den Wagenschlag aufgehalten.“
„Um ganz ehrlich zu sein“, grinst sie, „das ist mir noch nie passiert. Aber ich bin sehr selbständig erzogen worden. Von daher hat mir diese Dienstleistung auch noch nie gefehlt.“
Bezüglich der selbständigen Erziehung ist Gerd sich nicht ganz so sicher, doch er hütet jetzt etwas zu diesem Thema zu sagen.
Gemeinsam spazieren sie zum Bistro Relax. Sie ergattern einen Tisch, den sie sofort in Beschlag nehmen. Mäxchen kann sich in eine Ecke verkriechen. Es ist nett hier. Wann hat sie zuletzt solch einen Ort aufgesucht? Marianne erinnert sich nicht daran. Mit Franzi geht sie selten aus. Und alleine? Nun ja, da hat sie nicht wirklich Lust. Warum soll sie sich alleine an einen Tisch setzen und sich anstarren lassen?
Kaum sitzen sie, nähert sich die freundliche Bedienung. Zuerst drückt sie Marianne die Karte in die Hand und dann Gerd. Ratlos beginnt Marianne in der Karte zu blättern. Essen will sie nicht. Und trinken? Nun ja, vielleicht eine Apfelsaftschorle. Sie weiß es nicht. Soll sie Gerd fragen? Nein, die Blöße will sie sich nicht geben.
Wie kommt sie nur auf den Einfall mit dem Vornamen an ihn zu denken. Na ja, heute ist alles durcheinander und Marianne tut Dinge, die ihr sonst nicht einmal im Schlaf einfallen. Wo soll das nur enden?
In ihre Gedanken versunken hört, sie Gerd sagen:
„Nur eine Empfehlung! Die Cocktails hören sich gut an. Studieren Sie die Karte in Ruhe“, rät er ihr noch.
Er hat Zeit. Das mochte ja sein, aber was ist mit ihr? Weshalb geht er immer von sich aus? Vielleicht hat sie gar keine Zeit und muss noch einiges erledigen. Genügt es nicht, dass Franzi über sie bestimmt? Muss es jetzt auch noch dieser Mensch sein?
Trotzdem schlägt Marianne gehorsam die Karte erneut auf und entdeckt die Cocktails mit deren ausführlicher Beschreibung. Wie soll sie sich hier zurechtfinden? Marianne ist bislang nicht bewusst, dass man so viele Flüssigkeiten zu Cocktails mischt. Sie hat alle Mühe zu einer Entscheidung zu kommen.
„Sagen Sie mal“, wendet sie sich ihrem Tischkollegen zu, „das gibt es doch gar nicht. So viele Mischungen!“
„Was meinen Sie, was man alles mischt und trinkt“, sagt er nur.
„Na ja, Sie sitzen ja wohl an der Quelle“, entgegnet sie trocken.
Er lacht und meint: „Was mir zeigt, dass Sie meine Visitenkarte wenigstens gelesen und nicht vergessen haben.“
Mist, nun hat sie, unbedarft wie sie ist, sich schon wieder verraten. Immer tritt sie ins Fettnäpfchen. Kann sie sich denn nie zusammenreißen?
„Sicher“, gesteht Marianne, „schließlich sind alle weibliche Wesen von Natur aus neugierig. Oder nicht?“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, überlegt er laut, „ich würde eher sagen, das bringt der Charakter mit sich. Ich bin auch von Haus aus neugierig. Das will ich ganz offen zugeben. Zum Beispiel bin ich sehr neugierig darauf, Sie näher kennenzulernen. Dafür würde ich einiges tun.“
Diese Neuigkeit ist nicht rosig für Marianne. Sie muss höllisch aufpassen. Der Mensch soll sich besser nicht in irgendetwas hineinsteigern. Aber wie soll ich ihn von seinem Vorhaben abbringen. Marianne fehlt es an Erfahrung in solchen Dingen.
Hoffentlich hat er jetzt nicht zu viel gesagt, denkt sich Gerd.
Noch immer ist Marianne mit dem Aussuchen eines geeigneten Getränks für sich beschäftigt. Die riesige Auswahl! Wie soll sie da zu einer Entscheidung kommen? Die alkoholisierten Getränke hat sie gleich abgehakt, da sich bei ihr, wie bei vielen Menschen alkoholisierte Mischungen ungünstig auswirken. Aber selbst bei nicht alkoholischen Getränken gibt es unzählig viele.
„Soll ich Sie beraten?“, bietet Gerd ihr an. Er hat ihr ratloses Gesicht bemerkt.
„Eigentlich möchte ich etwas ohne Alkohol“, erklärt sie ihm.
„Ich weiß ja nicht, ob Sie Kokos mögen und ein bisschen Alkohol ist drin“, sagt er und erwähnt den exotischen Namen des Getränks, Piña Colada.
Marianne liest nochmals die Beschreibung durch. Piña Colada! Hört sich gut an! Zwar mit Alkohol, aber wir wollen nicht so sein. Auf der anderen Seite wird auch eine Mischung aus Zitronen, Orangen und Grapefruit angeboten. Sie weiß es wirklich nicht. Egal, wie, sie sollte etwas bestellen und entschließt sich für den Kokoscocktail.
Weshalb hat sie immer Schwierigkeiten Entscheidungen zu treffen. Vielleicht ist sie durch Franzi derart beeinflusst, dass sie ein ganz willenloser Mensch geworden ist. Wie schrecklich! Sie muss dem unbedingt Abhilfe schaffen.
*
Gerd stellt sofort fest, dass sie offensichtlich nicht oft ausgeht. Bei zwei Kindern zu Hause ist das natürlich kein Wunder. Er beschließt sie dazu zu überreden, ab und zu mit ihm auszugehen. Es würde ihm erlauben, selbst öfters in ein Restaurant oder überhaupt auszugehen und Marianne käme aus ihrer Wohnung heraus.
*
Ihr Begleiter hat sich ein alkoholfreies Getränk ausgesucht. Schließlich muss er noch Auto fahren, meint er zur Erklärung. Ist ja nett, dass er so verantwortungsbewusst ist.
Die Bedienung kommt und nimmt die Bestellung entgegen.
Danach werden sie an ihrem Tisch alleine gelassen. Bestimmt dauert es bis die Cocktails gemixt werden.
„Ich freue mich, dass Sie mit mir gekommen sind“, sagt Gerd nun fröhlich. „Ich habe viel an Sie gedacht, seit wir uns im Regen getroffen haben.“
Was soll Marianne darauf antworten? Etwa, ich auch. Selbst, wenn es stimmt, wird sie es niemals zugeben. Oder hat sie tatsächlich oft an ihn gedacht? Nein, wenn sie ehrlich zu sich ist, eigentlich nicht. Vielmehr hat sie an die Probleme gedacht, die sie im Augenblick mit Franzi hat. Das ist schon genug. Mehr braucht sie im Moment nicht. Schließlich stellt sich immer noch die Frage wie sie sich aus der Beziehung löst.
Besser ist nichts zu antworten, sagt sich Marianne. So lügt sie wenigstens nicht. Obwohl es ihr erstaunlich leicht fällt diesen Mann anzulügen. Hoffentlich verstrickt sie sich nicht in Widersprüche.
„Wissen Sie“, fährt er fort, als er bemerkt, dass er von ihr keine Antwort zu erwarten hat, „ich glaube ganz einfach, ich habe mich in Sie verliebt.“
„So ein Quatsch!“, fährt ihn Marianne böse an und, „Sie kennen mich doch gar nicht.“ Ungläubig schüttelt sie den Kopf.
„Haben Sie noch nie etwas von Liebe auf den ersten Blick gehört?“, fragt er scheinbar naiv. Er blickt ihr direkt in die Augen.
Gerd weiß, er muss aufhören, wenn sie ihm nicht davonlaufen soll, doch ein unbekanntes Teufelchen reitet ihn. Er will die Situation bis zum Schluss auskosten. Hoffentlich bleibt sie sitzen. Im Augenblick wird sie langsam sauer. Er fühlt es. Also beschließt er zunächst den Mund zu halten.
Wie kann jemand nur so naiv sein. Liebe auf den ersten Blick! Das kommt ja direkt aus dem Groschenroman. Mit solch dummromantischem Gerede hat er bei ihr keine Chance.
Er hat bemerkt, dass sie erbost ist und fährt fort: „Ich wollte Sie in keiner Weise kränken. Es stimmt wirklich! Aber ich hätte das nicht sagen dürfen, Sie haben Recht. Es war geschmacklos. Bitte verzeihen Sie.“
Hoffentlich steht sie jetzt nicht auf und lässt Gerd alleine am Tisch sitzen. Er muss wirklich äußerst vorsichtig sein, damit er sie nicht mit unachtsamen Bemerkungen verärgert und vergrämt.
„Sie können mir doch nicht mit dieser naiven Tour kommen“, belehrt Marianne ihn immer noch erbost.
„Aber man kann doch wirklich sagen, dass im wahrsten Sinne des Wortes der Blitz eingeschlagen hat“, versucht er sich zu rechtfertigen. Mit einem herausfordernden Lächeln schaut er auf sie.
„Der Blitz hat offensichtlich Ihren gesunden Menschenverstand vernichtet“, gibt sie trocken zurück. Sie lacht nicht.
„Vielleicht“, gesteht er, „das ändert jedoch nichts an der Tatsache. Aber lassen wir das. Davon will ich nicht mehr sprechen. Wann gehen Sie mit mir zum Essen?“
„Hören Sie mal“, Marianne schaut ihn fragend an. Warum ist er so hartnäckig? Weshalb begreift er nichts? „Ich glaube, ich habe Ihnen schon erklärt, dass ich noch gewisse Verpflichtungen habe. Weshalb lassen Sie mich nicht in Ruhe. Was wissen Sie denn schon von mir, und von dem, was alles damit zusammenhängt?“
„Eben gar nichts“, gibt er freimütig zu, „deswegen möchte ich Sie ja auch näher kennenlernen. Bitte sagen Sie Ja und gehen Sie einmal mit mir zum Essen. Ich werde Sie auch nicht mehr in aufdringlicher Art und Weise belästigen. Nur einmal, bitte!“ Er faltet die Hände wie zum Gebet und fleht sie förmlich an. Auf Mariannes Gesicht erscheint ein kurzes Lächeln.
Er hält ein, denn die Bedienung bringt die Getränke. Die Cocktails sind interessant dekoriert. Sie hätte das Glas noch lange Zeit bestaunen können, so schön sieht es aus. Doch als sie wieder alleine am Tisch sitzen, prostet Gerd Marianne sofort zu und sie trinken.
„Schmeckt Ihnen der Cocktail?“, erkundigt er sich.
„Ja, sehr gut.“
„Also, wir waren bei einem Essenstermin stehen geblieben“, nimmt er dann das Gespräch wieder auf. „Wann?“, will er jetzt wissen.
„Gar nicht!“, sagt sie kurz und bündig. Das ist ja noch schöner, sich mit ihm zum Essen zu verabreden. Was soll das denn? Ist er endlich fertig damit, sie anzubaggern?
Doch schon fährt er fort. „Das können Sie mir nicht antun“, meint er mit scheinbar weinerlicher Stimme. „Bitte! Wenn Sie mir jetzt sagen wann und fahre ich Sie nachher brav nach Hause.“
„Ich kann zu Fuß gehen“, gibt Marianne sachlich zurück.
„Das weiß ich“, gesteht er scheinbar zerknirscht, „aber bitte sagen Sie nicht nein.“
„Wie wäre es am Freitag- oder Samstagabend?“, schlägt er vor.
Das sind für sie die schlechtesten Tage, denn da ist Franzi zu Hause. Sie kann nicht ohne plausiblen Grund wegbleiben.
„Nein“, sagt sie deshalb, „das Wochenende passt mir gar nicht.“
„Ich dachte nur wegen Ihrer Kinder“, gibt er zu bedenken. „Wie alt sind sie denn?“
Ja, wie alt sind Mariannes fiktive Kinder nun. Was ist ein günstiges Alter. Klein genug, damit sie noch ihre Hilfe und Obhut brauchen, aber doch groß genug, um sie abends auch mal für eine Stunde oder zwei allein zu lassen. Sie muss sich schnell etwas einfallen lassen. Wie alt sollen die Kinder also sein?
„Sie sind sieben und neun Jahre alt“, sagt sie entschlossen. Marianne wundert sich darüber, wie ausgekocht sie sein kann.
„Aha“, ist seine erste Feststellung, „und jetzt ist Ihr Mann bei ihnen?“
„Es gibt keinen Mann mehr“, erklärt sie schnell. Es ist offensichtlich, dass sie sich immer mehr in Lügenmärchen verstrickt. Sie kommt nie wieder heraus, wenn sie nicht schnellstens geht! Marianne bewegt sich auf gefährlichem Boden.
„Es tut mir Leid“, entschuldigt er sich sofort, „ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Haben Sie Junge und Mädchen?“
Was gehen ihn denn ihre Kinder an? Und trotzdem gibt sie zur Antwort: „Ja, die Ältere ist die Maike und der Junge heißt Alex.“ Erstaunlich, wie schnell ihr die Namen eingefallen sind. Es wird besser sein, sie schreibt sich Alter und Namen der fiktiven Kinder auf, damit sie sie nicht vergisst. Nur für den Fall
Wenn man erst einmal mit dem Lügen begonnen hat, fällt es einem gar nicht mehr schwer. So langsam kommt Marianne in Fahrt. Sie hat nie vermutet, dass der Mann derart leichtgläubig ist. Es ist wirklich ein Kinderspiel ihm einen Bären aufzubinden.
„Und Sie können Ihre Kinder alleine lassen?“, forscht er nun nach.
Das geht ihn überhaupt nichts an! Sie hat ihn schließlich auch nicht ausgefragt. Aber das kommt sicherlich daher, dass er sich für sie interessiert, Marianne jedoch vorgibt, sich nichts aus ihm zu machen. Das sind die feinen Unterschiede.
„Sie wissen, ich muss den Hund abends spazieren führen“, gibt sie zur Antwort, „deshalb wenden Sie sich, wenn wirklich etwas ganz Schlimmes geschieht, an die Nachbarin.“ Wirklich, Marianne ist verblüfft, wie leicht ihr die Reden über die Lippen gehen. Das war ihr bislang gar nicht bewusst! Nun ja, nur dieser Abend, dann hat alles ein Ende. Aber das Lügen kann zur Gewohnheit werden.
„Wann passt es Ihnen für ein Abendessen?“, bohrt er nun weiter.
Kann er sie nicht in Ruhe lassen? Er geht ihr gewaltig auf die Nerven! Weshalb gibt er sich nicht damit zufrieden, dass sie jetzt mit ihm hier sitzt. Damit hat sie doch ihre Schulden abgetragen, falls sie ihm überhaupt etwas schuldet. Marianne sieht wirklich keinen Grund mit ihm zum Essen zu gehen.
„Bitte, nur einmal“, drängt er weiter.
Mehr um ihre Ruhe zu bekommen, gibt Marianne schließlich nach und sagt nochmals: „Dieses Wochenende passt es mir nicht.“
„Was halten Sie denn von Donnerstag?“, schlägt er vor. „Können Sie Ihre Kinder alleine lassen?“
„Ich werde die Nachbarin fragen“, erklärt sie schnell. „Sie kommt bestimmt.“
„Ja, das wäre prima“, meint er freudig. „Um wie viel Uhr darf ich Sie abholen? Ist sieben Uhr recht?“
Nein“, wendet sie ein, „das ist mir zu früh. Halb acht oder acht Uhr. Vorher geht es nicht.“
„Gut“, gibt er sich sofort zufrieden, „dann acht Uhr. Wo möchten Sie denn gerne hin?“
„Ich kenne mich bei Restaurants nicht gut aus“, antwortet Marianne wahrheitsgemäß. „Ich lasse mich überraschen.“
„Kein Problem, ich kümmere mich darum“, meint er väterlich.
„Und Sie“, forscht sie nun nach, „Sie sind doch sicher verheiratet und haben einen Stall voller Kinder. In Ihrem Alter und in Ihrer Position.“ Bestimmt hat sie ihn jetzt erwischt. Nun ist es an ihm seine Lügenmärchen auszupacken. Dann sind sie quitt. So gesehen passen sie gut zusammen. Der eine lügt den anderen nach Strich und Faden an. Kann man so bestehen?
Zögernd beginnt er: „Ich war vor einiger, um nicht zu sagen langer Zeit verheiratet. Meine Ex-Frau hatte dann ihr Glück bei einem anderen gefunden und so haben wir uns schmerzlos getrennt. Kinder hatten wir keine. Also war das kein besonders großes Problem. Sie arbeitet als Ärztin und verdient ihr eigenes Geld und ich habe die Apotheke. So gesehen gab es nicht allzu viele Schwierigkeiten mit Unterhalt und Abfindung. Natürlich ist es immer schmerzlich für den, der auf der Strecke bleibt. Um ganz ehrlich zu sein, ich habe schon lange nicht mehr daran gedacht und noch viel weniger darüber gesprochen. Das ist nun einige Jährchen her. Seither gab es Freundinnen, aber keine feste Beziehung. Jetzt, nachdem ich Sie kennengelernt habe, scheint mir dies gerechtfertigt. Ich habe wohl wirklich auf Sie gewartet. Auch, wenn Sie das nicht hören wollen. Inzwischen bin ich fest davon überzeugt.“
Entweder lügt er besser als Marianne, oder es stimmt alles, was er sagt. Sie kann es kaum glauben. Wie kann jemand so stur sein und auf seiner irrigen Meinung beharren, auch wenn kein Echo zurückkommt? Was gefällt ihm nur an ihr? Wenn sie das nur wüsste, dann könnte sie diesbezüglich augenblicklich Gegenmaßnahmen ergreifen. Sie muss es schnell in Erfahrung bringen. Das hat oberste Priorität! Schließlich will sie den Mann möglichst schnell abservieren.
*
Nun hat Gerd Marianne erzählt und gestanden, dass auch er eine gescheiterte Ehe hinter sich hat, doch anstelle, dass sie offener wird, verschließt sie sich ihm weiter. Was kann er denn noch unternehmen? Eine andere Strategie muss her.
„Gerd“, Marianne spricht ihn sogar mit dem Vornamen an, „verbannen Sie mich aus Ihrem Gedächtnis. Es hat keinen Sinn. Ich habe im Augenblick genug andere Sorgen. Auf ein neues Verhältnis lasse ich mich nicht ein. Dafür habe ich wirklich keinen Kopf. Bitte verstehen Sie mich. Es geht einfach nicht. Steigern Sie sich nicht in etwas hinein, was nicht bestehen kann. Sie werden nur enttäuscht.“
Er ergreift ihre Hand und sagt. „Marianne, ich hatte eigentlich zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht an ein Verhältnis gedacht, sondern vielmehr an freundschaftliche Treffen. Ich habe den Eindruck, es tut Ihnen gut ab und zu auszugehen. Und weshalb nicht mit mir? Das ist mein Vorschlag. Was halten Sie davon? Außerdem, tut es Ihnen nicht gut, wenn Sie ab und zu eine Schulter haben an der Sie sich ausweinen können? Ich biete Ihnen meine Schulter an.“ Mit seiner linken Hand klopft er sich leicht auf die rechte Schulter während seine rechte nach wie vor die ihre hält.
Jetzt endlich entzieht Marianne ihm ihre Hand und lächelt: „Ist ja nett von Ihnen, dass Sie mir Ihre Schulter zum Ausweinen anbieten wollen, aber ich habe inzwischen gelernt mich alleine durchzuschlagen.“ Schulter! Ausweinen! Und sonst noch was? Innerlich schüttelt Marianne den Kopf.
Das ist ja wohl der größte Schwachsinn, den sie von sich gibt. Selbst durchschlagen! Es findet sich kaum jemand Unselbstständigeren als sie. Das stellt sie doch Tag für Tag, Stunde um Stunde unter Beweis. Franzi kann ein Lied davon singen. Alleine ist sie schon lange nicht mehr fähig eine wichtige Entscheidung zu treffen. Sie überlässt dies lieber anderen, die einen ausgeprägteren Willen haben, als Marianne selbst. An dem Tag, an dem sie sich von Franzi trennen wird, muss sie ihr ganzes Leben umkrempeln, aber doch jetzt nicht! Das ist vollkommen unpassend.
Trotzdem sagt er: „Ich glaube Ihnen gern, dass Sie sich alleine durchschlagen können, aber tut es Ihnen nicht auch gut, wenn Sie ab und zu jemanden haben, der Ihnen zur Seite steht. Sind Sie denn geschieden?“
Oh je, ist sie geschieden? Noch nicht! Sie ist im Augenblick noch nicht einmal getrennt. Zumindest nicht offiziell! Schließlich weiß Franzi noch nichts von Mariannes Vorhaben. Aber eines wird ihr heute Abend überdeutlich klar. Sie muss den Schritt ins kühle Nass wagen und sich endgültig auf eigene Füße stellen. Sie kommt nicht mehr darum herum.
Und so gibt Marianne zur Antwort: „Nein, noch nicht. Mein Mann hat uns fluchtartig verlassen, als die Kinder noch klein waren. Seither habe ich keine Nachricht von ihm, um mich von ihm scheiden zu lassen. Ich kann noch nicht einmal Unterhalt beanspruchen, da ich nicht weiß wo er ist. Deshalb musste ich früher ins Berufsleben zurückkehren als geplant. Heute bin ich froh, dass ich nur Erziehungsurlaub genommen habe und nicht die Stelle gekündigt hatte.“
„Wie machen Sie das denn mit den Kindern?“, will er nun wissen und ergreift wieder Mariannes Hand. Sie zuckt kurz, lässt ihre Hand jedoch liegen.
„Zu Beginn waren Sie bei der Nachbarin“, lügt sie weiter, „danach gingen sie vormittags in den Kindergarten und nachmittags betreute sie dieselbe Nachbarin. Jetzt sind sie in der Schule und nachmittags in der Kita oder die Nachbarin wirft ein Auge auf sie.“
„Ein Grund mehr, ab und zu mit mir ausgehen“, meint er jetzt, „damit Sie entspannen können. Schließlich können Sie doch nicht ewig diesem Druck ausgesetzt sein.“
Inzwischen haben sie ihre Getränke beinahe beendet und Gerd macht der Kellnerin ein Zeichen, dass sie bezahlen möchten. Gerd hat ihre Hand losgelassen, während er die Zeche bezahlt. Marianne zieht ihre Hand nicht weg. Deshalb ergreift Gerd diese sofort wieder, als die Bedienung ihnen den Rücken zudreht. Sie sitzen noch ein Weilchen. Er nimmt ihre Hand zum zweiten Mal. Aus irgendeinem Grund belässt Marianne ihre Hand in seiner, als er sie das zweite Mal ergreift. Jetzt erinnert sie sich daran und zieht ihre Hand fort. Um Gerds Lippen zeichnet sich ein kaum merkliches Lächeln. Er fordert zum Aufbruch auf.
„Sollen wir noch ein wenig mit dem Hund gehen?“, fragt er, als sie vor die Tür treten. Anscheinend kann er sich nicht von ihr trennen. Oder erwartet er sich mehr? „Wie heißt er eigentlich.“ Gerd beugt sich zu Mäxchen und tätschelt ihm den Kopf.
„Mäxchen“, gibt Marianne zur Antwort. Und: „Ja, wir könnten ihn noch ein wenig Gassi führen, schließlich war der Spaziergang vorhin zu kurz.“
Gemeinsam drehen sie eine weitere kleine Runde und reden über den schönen, sternenklaren Himmel. Anschließend fährt er Marianne nach Hause und setzt sie an der Haustüre ab. Er steigt mit ihr aus und erinnert sie an das Rendez-vous am Donnerstag.
Zum Abschied geben sie sich brav die Hand. Marianne bedankt sich für den Cocktail und den netten Abend. Anschließend steigt er ins Auto, wartet jedoch bis sie die Tür von innen geschlossen hat, und fährt ab. Marianne lehnt sich an die Wand neben der Haustüre und atmet zuerst tief durch.
In Gedanken versunken steigt sie die Stufen zur Wohnung hoch. Wie soll sie, aufgekratzt wie sie ist, heute Nacht überhaupt schlafen?
In der Wohnung angekommen, liest Marianne die restliche Tageszeitung. Vielleicht sind Wohnungen ausgeschrieben. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Immer noch ist Marianne schockiert über all die Lügen, die ihr so leicht über ihre Lippen gekommen sind. Bisher war sie sich dieser Art von Talenten nicht bewusst. Auf der einen Seite ist es beängstigend, auf der anderen Seite kann es jetzt sinnvoll sein, denn so lange sie keine Wohnung hat, darf sie Franzi von ihren Plänen nichts verraten. Sie konnte Franzi ein X für ein U vormachen, ohne die Miene zu verziehen. Die Kunst trainiert sie ausgiebig mit Gerd. Sie ist also gewappnet.
Sonst läuft sie Gefahr rausgeschmissen zu werden und auf der Straße zu sitzen. Die meisten Freunde, die sie haben, sind gemeinsame. Eigene Freunde hat Marianne schon lange nicht mehr. Wie soll sie im Notfall bei gemeinsamen Freunden unterkommen? Das ist ausweglos! Auf ihre Familie braucht Marianne nicht zu hoffen. Also ist Geheimniskrämerei angesagt, bis zur Lösung ihres Problems.
Oder Marianne versucht bei Gerd unterzukommen. Wenn das alles stimmt, was er erzählt hat, wohnt er derzeit alleine in dem großen Haus. Doch das ist die allerletzte Lösung, die Marianne in Betracht zieht. Was heißt in Betracht ziehen? Niemals!
Die Anzeigen in der Zeitung ergeben nichts. Marianne bereitet sich für die Nacht vor. Leider ist sie noch immer aufgekratzt. Wie kann ein Mann nur so ihre Sinne durcheinander bringen?
Obwohl sie hellwach ist, begibt sie sich ins Bett und beschließt im Buch, das auf ihrem Nachttisch liegt, zu lesen.
Sie liest lange, denn das Sandmännchen kommt einfach nicht zu Besuch. Diese Unruhe ist schrecklich! Wie soll Marianne morgen zur Arbeit gehen und konzentriert arbeiten? Um halb drei löscht sie schließlich das Licht und fällt in einen unruhigen Schlaf.
*
Schon auf dem Weg nach Hause geistert Gerd das Gespräch, das er mit Marianne heute Abend geführt hat, durch den Kopf. Er kann es sich nicht richtig erklären, aber irgendetwas ist mit ihr nicht in Ordnung. Bislang kommt er nicht darauf was es ist, doch er wird alles unternehmen, es herauszufinden. Seine Neugierde ist angeschürt.
Einmal ist sie recht offen und ein anderes Mal verschließt sie sich ihm plötzlich und abrupt wie eine Auster. Weshalb diese ständigen Wechselbäder des Gemüts?
