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Karl Dahmen, beliebt und bekannt aus der Beitragsreihe "Zeitreise" im NDR-"Schleswig-Holstein Magazin", kennt die geheimsten Geheimnisse des Nordens. In 100 spannenden Geschichten zeigt er nun die versteckten Winkel von Schleswig-Holsteins Geschichte genauso wie ihre größten Momente – war Sissi auch die Kaiserin von Schleswig-Holstein? Gibt es einen Vampir in Lübeck? Und wie hieß Max Planck wirklich?
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Geheimes
100 SPANNENDEGESCHICHTENAUS DEM NORDEN
Karl Dahmen
1Die Odyssee der Gemälde
2Jens Mungard und die Freiheit
3Sissi, unsere Landesmutter
4Ein Vampir in Lübeck
5Halbgötter in Weiß
6Der Vielfraß Paul Butterbrodt
7Gräfin Cosel, eine starke Holsteinerin
8Der Dithmarscher Friedrich Hebbel
9Udo Jürgens in der Probstei
10Der Märchendichter Andersen unterwegs
11Zuckmayer und sein »Sprotten-Athen«
12Revolte der Bäuerinnen
13Der Schweinepapst Heinrich Biehl
14Tod an der Küste
15Der Comic-Zeichner Rudolph Dirks
16Der Fotograf Friedrich Brandt
17König Waldemar und Amrum
18Bullensamen für den Frieden
19Als Abel Kain erschlug
20Erinnerung an Monte Cassino
21Atomkraftwerke im Wattenmeer
22KZ Kuhlen – das KZ der Kirche
23Der Mann, den die Nazis fürchteten
24Dänemark in der Karibik
25Ein Sturkopf in Asien
26Friedrich Engels und ein Lied
27Der Physiker Max Planck
28Vierbeinige Besatzungsmitglieder
29Der weibliche Karl May
30Amalie Dietrichs Grab in Rendsburg
31Ein Baum in Kiel und seine Geschichte
32Der falsche »Christian«
33Von Fehmarn nach Samoa
34Gottfried Benn macht Urlaub
35Die unsichtbare Mauer in Altona
36Barlachs verschwundene Skulpturen
37Der Sportler mit dem Holzbein
38Nelly Mann
39Stimmen der Heimat
40Husarenstück in der Nordsee
41Valeska Gert in Kampen
42Der Zeichner des Holocaust
43Friedrich Karl und die finnische Krone
44Wettlauf um Kiel
45Der Katinger Wald
46Vergangene Flugzeugträume
47Hindemith in Plön
48Der Reviervorsteher Wilhelm Krützfeld
49Schleswig-holsteinische Kommunisten in der UdSSR
50Jagd auf deutsche Fischer
51Gerd Ruge und das Kriegsende
52Hardy Krüger und Hans Söhnker
53Vater der Könige Europas
54Asmus Jepsens sinnloses Sterben
55Die Glocken der Kirche St. Nikolai
56Erich Koch und Rudolf Höß
57Die Geschwister »Geistkämpfer«
58Gustaf Gründgens in Kiel und Eckernförde
59Die rote Lilli
60Die Brüder von Bülow-Bothkamp
61Party im Landeshaus
62Der Atomfrachter »Otto Hahn«
63»Ventile auf« in der Geltinger Bucht
64Fehmarn und sein Retter
65Norwegen und Schleswig-Holstein
66Der Soldat Heinz Erhardt
67James Bond an der Ostseeküste
68Der Schüler Karl Lagerfeld
69Der Fotograf Theodor Möller
70Der schleswig-holsteinische Wald
71Helsinki 1952
72Über die Fehmarnsundbrücke nach Europa
73Timmendorfer Sand als Exportschlager
74Feenland kommt groß raus
75Die Heimatsuche von Hans Rosenthal
76Ein Armenasyl in Lübeck
77Transitland Schleswig-Holstein
78Büsumer Fischer im Pazifik
79Wie ein Plöner Insekten half
80Der Eiswinter 1962/63
81Martin Harries und die Howaldtswerft
82Die Eiderstedter und der Atommüll
83Der Landtag 1967
84Wie »Emma« geboren wurde
85Auf Eichen segeln
86Der Kapitän von Onassis
87Eine Bausünde auf Sylt
88Edvard Grieg in Kiel
89Vom Glück nackt zu sein
90Brandanschlag auf Axel Springer
91Daddeldu an der Kieler Förde
92Eine Bohrinsel für Abu Dhabi
93Die Olympischen Spiele in Kiel
94Lehrer mit Züchtigungsrecht
95Schiffe auf dem Deich
96Hamburger Original?
97Die ersten Schleswig-Holsteiner
98Massenangriff der Maikäfer
99Fast Erste Liga
100Die Welt zu Gast
Heute ist diese Odyssee fast vergessen, denn die Bilder hängen friedlich an den Wänden der Kieler Kunsthalle und schauen, wie seit Jahrzehnten und Jahrhunderten, »vor sich hin«. Aber es hätte nicht viel gefehlt, und sie wären geraubt, beschädigt und zerstört worden.
Es beginnt im Jahr 1937. Die Nationalsozialisten »säubern« deutsche Museen von allem, was sie für entartet halten. Aus Kiel werden Hunderte Bilder geraubt. Einige werden auf einer Ausstellung in München verhöhnt, andere verkauft, einige Bilder verbrannt.
Kiel ist im Zweiten Weltkrieg eine der ersten Städte, die von britischen Flugzeugen angegriffen wird. In der Fördestadt sind die wichtigsten Werften Deutschlands, ein lohnendes Ziel in den Augen der Alliierten. Bedroht sind auch die Kunstschätze der Kunsthalle. Ihr Direktor und seine Mitarbeiter beschließen daher, die kostbaren Gemälde in Sicherheit zu bringen. Sie werden auf viele Orte verteilt, sie reisen ins Amtsgericht nach Bordesholm, in eine Dorfschenke in Schuby, ins Jagdschloss am Ukleisee. Aber nicht nur Gemälde werden in Sicherheit gebracht, sondern auch Bücher und Akten. Dies scheint keinen Augenblick zu früh passiert zu sein, denn bald greifen immer mehr alliierte Bomberverbände die Werften-Stadt Kiel an – durch einen Bombentreffer wird dabei auch die Kunsthalle in Schutt und Asche gelegt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Verantwortlichen gedacht, dass die noch verbliebenen, wertvollsten Gemälde in den Bunkern der Stadt gut aufgehoben seien. Nun sehen sie ein, dass sie sich täuschen. Auch Kunstschätze wie das berühmte Porträt Bismarcks von Franz von Lenbach oder »Kaiser Rudolfs ritt zum Grabe« von Moritz von Schwind sollen nun Kiel verlassen. Sie werden nach Wien gebracht und im berühmten Schloss Belvedere gelagert, andere Bilder bringt man auf einige Güter in der Umgebung der Stadt.
1945 ist der Krieg zu Ende und Deutschland liegt in Trümmern. Die Alliierten durchkämmen das Land auf der Suche nach gestohlenen Kunstschätzen und finden dabei zum Beispiel die Bilder im Jagdschloss am Ukleisee. Die britische Besatzungsmacht bestimmt den Umzug der Gemälde nach Eutin. Das Verpacken und den Transport der Kunstschätze übernehmen britische Soldaten. Es heißt, einer von ihnen soll besonders kunstsinnig gewesen sein, seinen Namen weiß man leider nicht. Acht besonders wertvolle Gemälde werden beim Umzug nach Eutin gestohlen.
Noch schlimmer aber für die Mitarbeiter der Kieler Kunsthalle ist, dass sich zahlreiche Gemälde in Wien im russischen Sektor befinden. Die Sowjets fordern die Kieler Bilder als Wiedergutmachung für Zerstörungen der Nazis in ihrer Heimat. Ein zähes Ringen beginnt. 1955 unterzeichnet Österreich einen Staatsvertrag mit den alliierten Siegermächten und bekommt seine Unabhängigkeit zurück. Das ist auch für Kiel wichtig, denn somit stellt sich heraus, dass die eingelagerten Kunstwerke nach Kiel zurückkommen dürfen. Als erstes Gemälde atmet das Porträt der »Königin Christine« vom Eiderstedter Maler Jürgen Ovens wieder frische Luft, wie eine Kieler Zeitung schreibt. Über vereiste Straßen mussten die Kunstwerke im März 1956 gefahren werden, damit sie endlich an ihren angestammten Platz gelangen konnten, nach einer langen Odyssee.
Die Kunsthalle am Düsternbrookerweg 1 auf einer Postkarte, Hermann Edlefsen, um 1900
Am 18. Oktober 1939 liegt Jens Mungard bereits im Krankenbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Ein SS-Scharführer stellt eine Anfrage im Namen des Sylter Gefangenen an die Versorgungskammer. Er bittet »dem Pol. 1955 Mungart, Jens, Block 27, leihweise eine Brillenfassung auszuhändigen, da seine eigene zerbrochen ist.« Das ist eine der letzten Mitteilungen von Jens Emil Mungard, der heute als der wichtigste Dichter der friesischen Sprache gilt. Vier Monate später stirbt er mit 54 Jahren im KZ Sachsenhausen. Als Todesursache wird vom Lagerkommandanten Walter Eisfeld »Körperschwäche« angegeben. Der SS-Sturmbannführer gilt als äußerst brutal. Er wird kurz darauf ins KZ Neuengamme versetzt und stirbt dort, zwei Monate nach Mungard, an Lungenentzündung.
In Sachsenhausen geht das Leben eines widerspenstigen friesischen Dickkopfs zu Ende. Jens Emil Mungard ist ein eigenwilliger Mann und ein freiheitsliebender Friese. Sein »Friesisch-Sein« stellt er über alles. Auf dem Grabstein der Familie in Keitum steht ein Gedicht: »Harki Got, dö rogt, wik nemen – Fuar Hualevhair docht ek en bet, / Jaa, dit jeft rochtlik bluat Fortröt« – »Gehorche Gott, tue recht, weiche niemandem – Denn Halbheit taugt nicht ein bisschen, ja das gibt tatsächlich bloß Verdruss.«
Mit Halbheiten wollte Mungard nichts zu tun haben. Als Landwirt war er in der Heimatgemeinde auf Sylt angesehen, als friesischer Dichter misstrauten die Nachbarn ihm und feindeten ihn an. 1921 geht der elterliche Hof in Flammen auf. Mungard vermutet Brandstiftung, die Behörden geben sich bei der Aufklärung keine Mühe, es kommt nie heraus, wie das Feuer entstanden ist. Aber auch jetzt gibt Mungard nicht klein bei. Während andere auf der Insel ihr »Deutschsein« betonen, pocht er darauf, als Friese nicht dazuzugehören und schreibt einem Freund, dass er keine Hitlerhymnen schreiben werde, auch wenn es das einzige sei, was noch erlaubt ist und meint schließlich: »Es fehlt nur noch, dass mir die Finger abgehackt werden müssen«.
Jens Mungard kann keine Ruhe geben, auch nicht als er das erste Mal in Schutzhaft genommen wird, weil er das Ansehen des Deutschen Reiches im Ausland schädige, wie die Behörden meinen. 1938 bekommt er Schreibverbot. Mungard, beachtet es nicht, wird schließlich wieder verhaftet und diesmal nach Sachsenhausen verschleppt. Zu diesem Zeitpunkt lebt er schon nicht mehr in seiner friesischen Heimat, auf Sylt. Er ist geschieden und hat eine Wohnung in Flensburg – Rote Straße 36 (Rothestraße 36) steht in seinen Akten. Am 13. Februar 1940 stirbt Jens Emil Mungard und der Standesbeamte Griep schreibt als Todesstunde 8 Uhr dazu. Seine Asche wird nach Sylt zur Grabstätte auf den Friedhof von Keitum gebracht. Ein Mann, der lieber zerbrach, als sich zu biegen.
Kaum einer hat die Filme nicht gesehen – »Sissi« mit Romy Schneider in der Titelrolle gehört zum Inventar deutscher Fernsehkultur. Ihr Leben als Kaiserin von Österreich rührte Millionen zu Tränen. Und ein bisschen von diesem »Sissi-Glanz« gehört auch den Schleswig-Holsteinern. Elisabeth aus dem Hause Wittelsbach war durch die Heirat mit Kaiser Franz Joseph zur Kaiserin geworden, zugleich wurde sie zur Herzogin von Lothringen, zur Großherzogin der Toskana und Krakau, zur Großfürstin von Siebenbürgen, zur Herrin von Triest und, – streng genommen – 1864 auch zur Herzogin von Schleswig Holstein und Lauenburg.
1864 besiegen die Preußen und die Österreicher gemeinsam Dänemark, das nun die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an die beiden siegreichen Länder abgeben muss. Die Österreicher und Preußen einigen sich auf ein gemeinsames Kondominium, eine alte Herrschaftsform, deren Name sich aus dem Lateinischen ableitet und in etwa »gemeinsames Eigentum« bedeutet. Die drei Herzogtümer sollen von den beiden deutschen Staaten gemeinsam verwaltet werden. Der Kaiser von Österreich und auch der König von Preußen sind daher nun die Souveräne der drei Herzogtümer. Da es zwischen Österreich und Preußen eine heftige Rivalität um die Vorherrschaft in Deutschland gibt, kann die gemeinsame Verwaltung jedoch nicht lange gutgehen; man einigt sich 1865 darauf, dass offiziell zwar alles gemeinsam für Schleswig und Holstein entschieden wird, aber jeder Staat die Verwaltung für ein Herzogtum übernimmt. Preußen bekommt das Herzogtum Schleswig, Österreich das Herzogtum Holstein zugewiesen. Den Anspruch auf das Herzogtum Lauenburg verkauft Österreich für 2,5 Millionen Dänische Taler an Preußen. Kiel bleibt ein Sonderfall und gehört weiterhin zu beiden, Österreich ist für das Westufer, Preußen für das Ostufer zuständig.
Kaiserin Elisabeth von Österreich mit Edelweiß-Sternen im Haar, Porträt von Franz Xaver, 1865
Der Kaiser entsendet Ludwig von Gablenz als Statthalter und Preußen Edwin von Manteuffel als Gouverneur. Von Gablenz hat seinen Sitz in Kiel, von Manteuffel in Rendsburg. Auch wenn beide eigentlich die gleiche Funktion haben, sieht man bei den Bezeichnungen ihrer Ämter doch einen Unterschied: Während ein Gouverneur Leiter eines bestimmten Bereiches ist, vertritt ein Statthalter den Monarchen. Kaiser Franz Joseph I. sieht demnach das Gebiet als seinen Herrschaftsbereich an. Der Österreicher ist nun für die Verwaltung des Herzogtums Holstein zuständig, ob eine Genehmigung für eine neue Mühle oder die Anschaffung einer neuen Ankerkette für die Eiderschifffahrt am Schleswig-Holsteinischen Kanal, die Erlaubnis gab es mit kaiserlichem Stempel. Und wenn auch das verwaltungstechnische und juristische Verfahren insgesamt recht kompliziert ist und Sissi nicht nominell die Kaiserin von Schleswig und Holstein ist – für zwei Jahre ist sie doch zuständig für diese Bereiche und somit gewissermaßen Landesmutter.
1866 kommt es zum Bruch zwischen den beiden Siegermächten, die sich über die Herzogtümer zerstreiten. Es kommt zu einem neuen Krieg, aus dem schließlich Wilhelm I. von Preußen als alleiniger Herzog von Schleswig und Holstein hervorgeht.
»Nosferatu – Symphonie des Grauens« des Regisseurs Wilhelm Friedrich Murnau ist ein Film, der das »Grusel-Genre« bis heute bestimmt, mit einem Schauspieler in der Titelrolle, den sich kein Regisseur besser hätte ausdenken können: Max Schreck. Der Film hat 1922 Premiere in Berlin und gilt als Meilenstein des neuen Mediums »Film«.
In »Nosferatu« geht es um den jungen Makler Hutter, der in die Karpaten reist, um dem Grafen Orlok ein Haus in seiner Heimatstadt Wisborg anzubieten. Der Graf entpuppt sich als Vampir, der die Pest mit sich bringt. Er sieht ein Medaillon mit dem Bild der Ehefrau des jungen Mannes, Ellen, und reist nach Wisborg, um ihr nachzustellen. Schließlich opfert sich Ellen, um den Vampir zu töten.
Viele Szenen des Films werden in Schleswig-Holstein gedreht, beispielsweise eine der Reiseszenen. Hutter eilt dem Grafen nach, als dieser nach Wisborg aufbricht, um die Stadt und seine Frau vor dem Grafen zu warnen. Vor einer großen Eiche aber hat seine Kutsche einen Radbruch. Hutter springt heraus und hetzt zu Fuß weiter. Den Baum gibt es heute nicht mehr, aber bis 1932 war er der berühmteste Baum der Hansestadt Lübeck, die Israelsdorfer Eiche. Man nimmt an, dass die Eiche etwa genauso alt wie die Hansestadt selbst war. Kaum ein Baum wurde öfter fotografiert als dieser, das erste Mal bereits 1868. Nach einem Blitzschlag und der darauf folgenden unsachgemäßen Behandlung des Baums musste er 1932 durch die örtliche Feuerwehr gefällt werden. Es wären wahrscheinlich noch viel mehr Lübecker Schauplätze in dem Film vorgekommen, wenn sich nicht die Kirchengemeinde St. Aegidien geweigert hätte, ihre Kirche als Drehort bereitzustellen. So übernimmt die Marienkirche in Wismar diese Aufgabe, auf deren Turm Murnau auch die Anfangsszene dreht. 1960 lässt die DDR-Stadtverwaltung übrigens die Wismarer Marienkirche sprengen.
Die Israelsdorfer Eiche wurde fast 600 Jahre alt, Foto um 1892
Der Lübecker Aegidienkirchhof, in direkter Nachbarschaft zur Kirche St. Aegidien, ist jedoch in »Nosferatu« zu sehen. Hier wohnt Hutter mit seiner Frau Ellen. Ihnen gegenüber zieht im Film der unheimliche Graf ein. In Wirklichkeit liegen mehrere hundert Meter zwischen dem Aegidienkirchhof und den Salzspeichern an der Trave, in denen Max Schreck als Graf Orlok seine gruselige Behausung findet. Orlok hat die Pest nach Wisborg gebracht, nun sterben die Menschen an der Krankheit. Ihre Särge werden durch den Straßenzug Depenau gebracht. Heute ist die Straße mit den geduckten Backsteinbauten kaum wiederzuerkennen, denn große Teile Lübecks waren 1942, während des Zweiten Weltkriegs, bei einem britischen Bombenangriff zerstört worden.
Auch andere Teile des epochemachenden Films drehen die Filmemacher in Schleswig-Holstein, unter anderem am Elbufer in Lauenburg und vor allem auf der Nordseeinsel Sylt. Auf dem »Roten Kliff« sitzt Ellen auf einer Bank und schaut auf das bewegte Meer hinaus. Ihre Schwester, gespielt von Ruth Landshoff, einer Freundin von Klaus und Erika Mann, bringt Ellen einen Brief von Hutter. Fast an gleicher Stelle wird dann 20 Jahre später eine dramatische Szene für »Herrscher ohne Krone« gedreht, in dem O. W. Fischer Johann Friedrich Struensee, den Revolutionär am dänischen Königshof, spielt.
Nach Lübeck kommen inzwischen Touristen aus der ganzen Welt, um sich die Originalschauplätze aus »Nosferatu« anzuschauen.
Das ist nicht nur ein Sturm, das ist ein ausgewachsener Orkan, der 1980 den Ärzten der Kieler Universitätsklinik um die Ohren pfeift. Es geht der Verdacht um, dass an der Kinderklinik der Universität Menschenversuche durchgeführt wurden. »Spiegel«, »Zeit« und andere Zeitungen berichten, und in der »Tagesschau« wird ein Kommentar zu dem Vorwurf gesendet. Haben Professor Claus Simon und sein Team tatsächlich Forschung und Interessen der pharmazeutischen Industrie miteinander verknüpft?
Angestoßen hatte die Untersuchungen der FDP-Landtagsabgeordnete Martin Schumacher. Er sieht die Ärzteschaft als »Halbgötter in Weiß, die relativ unbehelligt forschen und jede Störung als Behinderung des Wissenschaftsbetriebs empfinden.«
Die Vorwürfe sind brisant. Haben die Mediziner wirklich Säuglingen Antibiotika gegeben, ohne dass diese tatsächlich krank waren? Die bei der Medikamentengabe erforderlichen Blutuntersuchungen sind zugleich Forschung für die Pharmaindustrie – und diese zahlt gut dafür. Der Jura-Professor Erich Samson meint, es seien zweifellos »Arzneimittelversuche« an lebenden Menschen gemacht worden, die hohe Zahl von Blutentnahmen sei sehr verdächtig. Bis zu 16-mal in sieben Stunden sollen von Säuglingen und Kleinkindern Blutproben genommen worden sein, schreibt der »Spiegel«. Die Öffentlichkeit ist empört. Es gibt internationale Abkommen, die nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus Menschenversuche untersagen, aber trotzdem scheint genau dies in Kiel passiert zu sein. Zuhilfe kommt den Kritikern auch ein Mediziner der Universität – Professor Othmar Wassermann, Vorsitzender der Promotionskommission der Medizinischen Fakultät. Er sagt noch heute, dass das Verhalten einiger Ärzte damals Körperverletzung gewesen sei. Bei jeder Behandlung eines Säuglings müssen die Eltern zuvor aufgeklärt werden, das aber wurde nicht gemacht. Wassermann spricht von Versuchen, die ethisch und juristisch nicht vertretbar gewesen seien. Das Handeln der Kollegen verurteilt er als »gewissenlose Industrieforschung«.
Kinder als Versuchskaninchen? Die Universität gibt eine Pressekonferenz, in der die Vorwürfe widerlegt werden sollen. Das Hauptargument ist, dass der »normale Mensch« das Handeln der Mediziner sowieso nicht verstehen würde. Es wird behauptet, die Ethikkommission, die fünf Jahre vor dem Vorfall an der Universität eingerichtet worden war, sähe kein Problem bei der Forschung. Stimmen kann dies so nicht, denn die Ethikkommission, die zu jenem Zeitpunkt zwar tatsächlich schon seit fünf Jahren bestand, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal zusammengekommen. Schließlich spricht ein Gutachten die Mediziner frei, nicht aus bewiesener Unschuld, sondern weil nicht genügend Beweise zu finden waren. Ein Jahr später setzt der damalige Kultusminister Peter Bendixen eine funktionierende Ethikkommission mit Kontrollfunktion ein. Menschenversuche sind nun tatsächlich nicht mehr möglich.
Der Verdacht aber, dass jahrelang an der Kieler Kinderklinik Experimente an Neugeborenen und Kleinkindern gemacht wurden, bleibt bis heute – und wurde nie widerlegt.
Wer kennt heute noch Frank Lentini? Er war ein italienisch-amerikanischer Jahrmarktdarsteller, der durch »eine Laune der Natur« drei Beine hatte. Seine Spezialität war es, mit dem dritten Bein einen Fußball zu schießen, weshalb er auch als der »dreifüßige Fußballspieler« berühmt wurde. Oder Josephine Clufullia? Die Schweizerin soll schon mit acht Jahren einen Vollbart gehabt haben und war auf Jahrmärkten und im Zirkus eine weltberühmte haarige Sensation. Und kennen Sie Paul Butterbrodt? Auch er war eine Sehenswürdigkeit.
Der Mann aus Heiligenstedten im Kreis Steinburg galt im 18. Jahrhundert als dickster Mann der Welt. Immerhin wog er 238 Kilogramm. Festgestellt wurde das Gewicht bei einem Besuch in Paris. Da fühlte sich Butterbrodt allerdings selbst zu leicht, denn er meinte, er hätte während der Reise 12 Kilogramm abgenommen durch das Essen in der französischen Hauptstadt, es gäbe zu viel »Confitüren und schlickerige Saucen«, die er nicht mochte. In Paris war er zu Besuch mit seinem Dienstherrn Otto von Blome, der dänischer Gesandter am Hof Ludwig XVI. war. Sieben Jahre später verlor derselbe König bei der Französischen Revolution unter der Guillotine den Kopf.
Paul Butterbrodt war tatsächlich »so hoch wie breit«. Bei einer Körpergröße von 1,89 Metern hatte er einen Bauchumfang von 1,84 Metern. Es soll eine Wette zwischen von Blome und König Ludwig gegeben haben, wer das größte Butterbrot herbeischaffen könne. Der holsteinische Gutsherr ließ schließlich Paul Butterbrodt auf einem von 12 Dienern getragenen Tablett hereintragen und gewann.
476 Pfund hat Paul Butterbrodt mit 50 Jahren gewogen, Porträt von 1786
Butterbrodt errang in Paris auch die Aufmerksamkeit einer später berühmten Bewunderin. Die Schweizerin Marie Grosholtz modellierte den dicken Mann aus Schleswig-Holstein. Er war in ihrer ersten Sammlung zu sehen, die sie 1802 in London unter dem Namen Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett präsentierte.
Als 1730 Paul Butterbrodt in Heiligenstedten geboren wird, sieht es zunächst nicht nach einer Karriere als Jahrmarktsensation aus. Er wird Brauer und Schankwirt, heiratet mit 23 Jahren die Tochter eines Grützenmachers und wird Vater von fünf Kindern. Am Anfang soll er ein schlanker, stattlicher Mann gewesen sein, aber irgendwann geht er aus den Fugen. Überliefert ist ein Frühstück von ihm in einem Wirtshaus am Markt in Heide. Da isst er eine ganze große Mettwurst, trinkt drei Liter Bier und eine ganze Flasche Kümmel. Auch liebt er es, Zucker in den Likör zu füllen. Für einen so dicken Mann wurde Paul Butterbrodt mit 63 Jahren ziemlich alt. Als er im eigenen Bett stirbt, müssen die Türpfosten seines Hauses herausgebrochen werden, um die Bahre herauszutragen.
Im 19. Jahrhundert ist Paul Butterbrodt das Sinnbild eines Vielfraßes. Eltern drohen ihren naschsüchtigen Kindern, dass sie sicher einmal so dick wie Paul Butterbrodt werden, wenn sie nicht aufpassen. Auch der Komponist Richard Wagner wird von seinem Stiefvater als Kind so gewarnt: »Mit Richard, glaub’ ich, hat auch keine Noth, der wird ein zweiter Paul Butterbrodt.«
August der Starke machte seinem Namen alle Ehre: Er konnte mit bloßen Händen ein Hufeisen verbiegen und zwischen den Fingern ein Münzstück knicken. Aber eine Frau aus Schleswig-Holstein hätte den Kurfürsten fast auf die Knie gezwungen. Anna Constantia von Brockdorf, die vom Kaiser zur Reichsgräfin von Cosel gemacht wird, hat es bis nach ganz oben geschafft – um dann allerdings tief zu fallen.
Die Gräfin Cosel auf einem Porträt eines unbekannten Malers, 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts
Geboren wird Anna Constantia 1680 auf Gut Depenau im Kreis Plön, mit 14 Jahren schickt man sie an den herzoglichen Hof nach Schloss Gottorf. Als Hofdame folgt sie der Herzogstochter Sophie Amalie nach Wolfenbüttel, muss dann aber mit 22 auf das Gut Depenau zurückkehren, weil sie schwanger geworden war.
1704, ein Jahr nach der Geburt des Kindes heiratet sie den älteren sächsischen Geheimrat Adolf von Hoym. Der will sich allerdings bereits ein Jahr später wieder von ihr scheiden lassen und klagt, dass sie gemein, herrschsüchtig und intrigant sei. Die Beweggründe ihres Noch-Ehemannes interessieren Anna Constantia zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, denn sie hat einen Mann kennengelernt, der ihr beste Aufstiegsmöglichkeiten bietet, den sächsischen Kurfürsten. August II. muss vernarrt gewesen sein in die schöne Holsteinerin. Der ehemalige Ehemann von Anna Constantia warnt den Kurfürsten zwar vor Annas Verschlagenheit, aber das interessiert den Kurfürsten nicht. Er macht sogar einen Vertrag mit der Depenauer Ritterstochter, um sie als Geliebte zu gewinnen. Mätressen sind im 16. und 17. Jahrhundert üblich für einen Herrscher; man gilt schon als Sonderling, wenn man keine hat. In dem Vertrag wird nicht nur ein Einkommen von 100 000 Talern und ein Rittergut versprochen, sondern außerdem, dass Anna Constantia ihre Position am Hof auch offiziell einnehmen dürfte, sollte die Kurfürstin sterben. 1706 lässt August sie vom Kaiser zur Reichsgräfin von Cosel ernennen. Niemand, außer August der Starke selbst, hat von nun an mehr Macht am Dresdner Hof als »die Cosel«. Drei Kinder bekommt sie mit dem mächtigen Kurfürsten, alle drei werden von ihm später als illegitime Nachkommen gut versorgt.
Aber Anna Constantia von Cosel macht sich nicht beliebt am Hof. Sie ist eine kluge Frau, spricht mehrere Sprachen und hat einen guten Blick für die Politik ihres Geliebten. Aber ebenso ist sie launisch, schnippisch und hochmütig. Sie rät ihm von vielen Unternehmungen ab, die dann auch tatsächlich schiefgehen. Vor allem im Umgang mit den polnischen Adligen macht er Fehler, meint sie. August II. ist seit 1697 polnischer König, muss seine Macht aber mit den Adligen des Landes teilen. Das gefällt ihm nicht, er will absoluter Herrscher des Landes werden. August versucht zu taktieren und begeht in den Augen von Anna Constatia größte Fehler. Ein Fehler ist beispielweise, dass er sich eine polnische Mätresse nimmt. Sie ist wütend und will den Kurfürst mit dem schriftlich fixierten Vertrag erpressen. Das wiederum lässt sich August nicht gefallen und setzt die Holsteinerin in der Festung Stolpen fest.
Fast 50 Jahre ist sie dort eingesperrt. 1765 stirbt Reichsgräfin von Cosel mit 84 Jahren. Der gemeinsame Sohn mit August dem Starken ist zu diesem Zeitpunkt schon der neue Herr auf Gut Depenau.
Er ist einer der berühmtesten deutschen Dichter und war doch sein Leben lang dänischer Untertan. Erst das Reisestipendium des dänischen Königs Christian VIII. ebnet ihm den Weg zum Schriftsteller-Dasein – Friedrich Hebbel. Gleichzeitig ist er ein großartiges Beispiel für einen Menschen, der sich selbst erfunden hat. Denn dass er eines Tages berühmt und eine der schönsten Frauen Wiens heiraten wird, hätte wohl niemand in Wesselburen in Dithmarschen gedacht. Hier wird er 1813 als Sohn eines missmutigen Tagelöhners geboren, von dem er meint: »Mein Vater hasste mich eigentlich«, und dass im Vater an Stelle der Seele die Armut wohne. Der unglückliche Mann stirbt jung und sein Sohn Friedrich Hebbel wird Diener im Haus des Kirchspielvogts, einer Art Behördenchef. Zunächst arbeitet er hier als Laufbursche, später als Schreiber. Die ganze Zeit muss Hebbel im Haus des Vogts unter der Treppe schlafen und sich eine Bettnische mit dem Kutscher Sievers teilen. Der große Vorteil der Arbeit: Hebbel hat unbegrenzten Zugang zur Bibliothek. Nach sieben kargen Jahren ist ihm klar, er will Schriftsteller werden. Einen ganz anderen Weg hingegen schlägt sein Bruder ein. Der Bruder lebt in ärmlichen Verhältnissen als Tagelöhner in Schacht bei Rendsburg. Friedrich Hebbel schreibt dazu in einem Brief an seine Frau: »Bittre Armuth; ein kleiner Haufen Kartoffeln unter dem Ofen, und Ehestreit darüber, ob für das nächste Geld noch mehr Kartoffeln angeschafft werden sollten, oder Holz und Torf.« Dieser Armut ist Hebbel durch Talent und Tatkraft entgangen.
Zunächst aber macht sich der 22 Jahre alte Hebbel 1835 nach Hamburg auf, um Schriftsteller zu werden. Er findet Unterstützer und hat bei aller Not auch das Glück, zur richtigen Zeit Menschen zu finden, die ihn aufnehmen, unterstützen oder sogar lieben, wie die Hamburger Näherin Elise Lensing. Wie wenig Geld er damals hat, zeigt eine Episode darüber, wie er unglücklich von München zurück nach Hamburg wandert. Nach dem 20-tägigen Gewaltmarsch erkrankt Hebbel lebensgefährlich. Elise Lensing pflegt ihn gesund. Seine Armut ist aber nicht das einzige Handicap, das er hat. Seine Aussprache ist einfach zu »nordisch-dithmarscherisch«. Die Menschen im Süden Deutschlands haben Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Vor allem in Wien, wo er zwei Jahrzehnte, bis zu seinem Tod, lebt.
Seine Aussprache verhindert zum Beispiel eine Karriere als Politiker. Im Bezirk Josefsstadt kandidiert Hebbel 1848 für einen Abgeordnetensitz in der Frankfurter Paulskirche. Ihm, dem vorgeworfen wird, wie ein Halb-Däne zu sprechen, scheint bei seiner Bewerbungsrede kein Mensch zuzuhören. Auf der anderen Seite rettet ihm seine Herkunft aber auch das Leben. Beim Großen Brand von Hamburg wird er von einem aufgebrachten Mob für einen Engländer gehalten, so heißt es. Jene wurden für das Feuer verantwortlich gemacht. Aber bevor er verprügelt werden konnte, spricht Hebbel plattdeutsch mit den Leuten und sie lassen ihn gehen.
In Wien heiratet er 1846 die berühmte Burg-Schauspielerin Christine Enghaus. Sie kommt ursprünglich aus Braunschweig und ist sicher seine raue, norddeutsche Aussprache gewohnt. In Wien schreibt er auch einige seiner berühmtesten Theaterstücke wie »Agnes Bernauer« und »Die Nibelungen«.
Klaus Groth lädt ihn 1863 ein, mit ihm durch das heimatliche Dithmarschen zu reisen, am besten während der Rapsblüte. Hebbel stimmt zu, aber bevor er in den Norden fahren kann, wird er krank und stirbt im Dezember 1863.
Später wird er sich vor allem an einen garstigen Gänserich erinnern, der ihn über den ganzen Hof seiner Großmutter scheuchte. Auch der große schwarze Hofhund seiner Oma jagte ihm einen gehörigen Schrecken ein – und dann auch noch die Prügeleien zwischen der Dorfjugend von Prasdorf und den Jungs in Probsteierhagen. So etwas kannte Udo Bockelmann aus Kärnten nicht, der als Udo Jürgens einer der bekanntesten deutschsprachigen Entertainer und Sänger mit mehr als 105 Millionen verkauften Tonträgern war.
Udo Bockelmanns (alias Udo Jürgens) erste Begegnung mit dem Norden findet unter denkbar schlechten Bedingungen statt: Nach dem Zweiten Weltkrieg bringt der Vater seine Familie nach Schleswig-Holstein, weil er Angst hat, dass Kärnten von sowjetischen Truppen besetzt wird. Dort in der Probstei, im kleinen Dorf Prasdorf, hat seine Schwiegermutter Lilli Arp einen Bauernhof. Hier findet Udo mit der Mutter und dem kleinen Bruder Unterschlupf. Für den Elfjährigen ist dieser Umzug ein Schock. Prasdorf gehört zur Sperrzone F der britischen Besatzungsmacht; von den Soldaten wird die Zone »Kral« genannt, zu der der Kreis Ostholstein und Teile der Kreise Plön und Eutin gehören. Sehr viele Menschen werden hier untergebracht, allein schon 750 000 Soldaten. In den meisten Bauernhäusern und Scheunen sind bereits Flüchtlinge aus Ostpreußen und Pommern einquartiert worden, und so bleibt den vielen Soldaten oft nichts anderes übrig, als in selbst gegrabenen Erdkuhlen unterzukommen, über welche sie ein Zelt spannen, während sie auf ihre Entlassung warten. Es gibt jedoch nicht nur viele Neuankömmlinge im »Kral«, die Bewohner selbst dürfen sich zudem kaum frei bewegen und kommen beispielsweise ohne Passierschein nicht aus der Zone hinaus.
