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Haben Sie Angst vor gentechnisch veränderten Menschen? „Wer die Möglichkeit zur Erschaffung von Übermenschen durch gentechnische Veränderungen in der befruchteten Eizelle ignoriert, könnte ebenso gut die Uhr anhalten, um der Zukunft zu entkommen!“ sagt der unter Pseudonym schreibende Romanautor. Diese „Übermenschen“ könnten unvorstellbare Fähigkeiten besitzen und schnell zur herrschenden Klasse aufsteigen, wenn es gelingt genetische Programme aus unserer tierischen Vergangenheit in den 98% ungenutzter Gene zu finden und zu aktivieren.
Der Roman beginnt mit einem landesweit im Fernsehen einer westlichen Großmacht übertragenen Empfang des Präsidenten zu Ehren des Ehepaares Agramoff. Der Starjournalist James Agramoff ist Nachkomme eines alten russischen Fürstengeschlechts und wurde monatelang von einer sozialistischen Supermacht unter dem fingierten Vorwand der Spionage festgehalten. Seine Frau Klara konnte schließlich mit einer spektakulären Aktion die dortigen Machthaber derart entlarven, dass seine Freilassung unvermeidlich wurde, was der Präsident bei diesem pompösen Empfang natürlich als sein Verdienst ausgibt. In den folgenden Monaten müssen sie in unzähligen Vorträgen und Fernsehinterviews immer wieder die gleichen Geschichten präsentieren, bis sie sich schließlich erschöpft in ihre einsame Villa in bewaldeten Bergen zurückziehen.
Klara will nun endlich schwanger werden und verzweifelt daran, dass dies immer wieder fehlschlägt. Auch die besten Spezialisten können der berühmten Frau nicht helfen. Ein alter Freund offenbart ihnen schließlich ein lange gehütetes Geheimnis. Er war viele Jahre zuvor unheilbar an Krebs erkrankt und dann durch Prof. Brookman, einen der größten Wissenschaftler des Landes, mit neuartigen Methoden gerettet worden. Daraufhin verkaufte der ehemalige Börsenspekulant seine Wertpapiere für mehrere hundert Millionen und begann ein neues Leben. Er besitzt ein kleines Schloss in der Nachbarschaft der Agramoffs und züchtet dort Bisons. Brookman verschwand jedoch plötzlich aus seinem Labor, zusammen mit einigen Mitarbeitern und allen Unterlagen. Es wird behauptet, sein Charterflugzeug sei über dem Meer abgestürzt. Nun erfahren die Agramoffs von ihrem Freund jedoch, dass es Hinweise darauf gibt, dass er im isolierten Himalaya-Königreich Amthum untergetaucht ist. Der Grund seiner Flucht bestand wohl in der Angst, dass seine Entdeckungen zur Erweckung von Erbinformationen aus der Genbibliothek der Evolution verheerende Folgen für die Menschheit haben würden.
Aufgrund ihrer weltweiten Bekanntheit gelingt es den Agramoffs in Amthum einzureisen und dort von Vertretern der Regierung und dem religiösen Führer des Landes empfangen zu werden. Sie erleben die telepathischen Fähigkeiten einiger Mönche, die sich durch „Dialoge ohne Worte“ ein Bild von ihrem Charakter und ihren Absichten machen. Schließlich fährt man sie nachts zu einem alten, in den Bergen verborgenen Kloster, unter dem ein riesiger hochmoderner Laborkomplex versteckt ist. Hier treffen sie tatsächlich Prof. Brookman, der Klaras Verzweiflung über ihre Unfruchtbarkeit und die Ergebnisse der telepathischen Analyse ihres Denkens und Fühlens bereits kennt. Er bietet ihr deshalb einen Eingriff an, der ihr Leben und die Welt der Wissenschaft verändern wird. Ohne Zögern begibt sie sich ganz in seine Hände...
Es gibt Menschen, die glauben, dass es sich bei diesem Roman um ein „Lit-Leak“ handelt. Mit anderen Worten, ein Insider verrät die schon lange im Geheimen durchgeführten Experimente zur gentechnischen Veränderung des Menschen an einen Schriftsteller.
Entsprechend dem Motto: „Testlauf statt Fehlkauf“ sind ausführliche Hintergrundinformationen auf www.fagulon.de zu finden. Das ungekürzte Hörbuch ist unter www.fagulon-shop.net erhältlich. Die ersten Kapitel kann man zudem kostenlos auf allen großen Podcast-Plattformen anhören.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Geheimprojekt Übermensch
Band I:
Die erste Eier-legende Frau
der Welt
FAGULON-Verlag, Berlin
Covergestaltung, Bildrechte und Satz: FAGULON-Verlag
© 2024 FAGULON-Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-941525-33-7
Inhalt
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
Dieser Roman ist nicht in der sonst üblichen
Vergangenheitsform, sondern im Präsens geschrieben. Dadurch werden die geschilderten Ereignisse
lebendiger, gegenwärtiger und miterlebbarer.
Die wörtliche Rede ist in diesem Buch bewusst in den Kontext der Absätze gestellt worden, um dem Sinnzusammenhang des Textes den Vorrang zu geben
»Meine Damen und Herren, seine Exzellenz der Staatspräsident und die First Lady!!« Der Ruf des befrackten, seriös graumelierten Protokollchefs des präsidialen Palastes lässt das Gewirr des murmelnden Orchesters der etwa 300 geladenen Gäste im Festsaal schlagartig verstummen, so als hätte ein Dirigent den Taktstock gehoben. Jetzt öffnet sich der Vorhang in Form einer, mit edlen Hölzern und Ornamenten verkleideten, Flügeltür. Der Präsident schreitet seinem strahlenden Lächeln hinterher. Es leuchtet wie ein Scheinwerfer, der durch den Nebel der veratmeten Luft der Wartenden schneidet.
Trotz seiner fast 70 Jahre ist sein Gang gerade, das volle Haar dezent mit Pomade in einen exakten Scheitel gezwungen. Die regelmäßigen Züge des ehemals prototypisch-schönen Gesichts haben durch die Jahre Falten erhalten, die mit kräftigen Strichen Charakter auf die ehemals so unverbindliche – vielleicht gerade deshalb so massenwirksame – Ausdrucksarmut seines Gesichtes zeichnen.
Neben ihm trippelt seine Frau. Sie ist zwei Köpfe kleiner. Mindestens eine Dose Haarspray haben ihre Stylisten wohl gebraucht, um die kunstvoll ondulierten Locken zu zementieren. Nun reichen deren ausladende Schwingungen wenigstens noch bis zur Schulter des jugendlichen Alten, dessen treueste Gefährtin sie nun schon seit frühester Jugend ist. Die kindliche Unschuld ihrer Vertrautheit, die Selbstverständlichkeit ihrer Kameradschaft ist es, die beide nicht einmal ahnen lässt, wie viel unfreiwillige Komik oftmals im Erscheinen dieses strahlenden Duos liegt.
Sie spielen nicht: Sie leben in einer heilen, klar strukturierten Welt. Das Kleid der First Lady scheint aus einer der glanzvollen Operettenaufführungen entlehnt, wie sie vor Jahrzehnten auf vielen Bühnen zu sehen waren. Bodenlang umhüllt das zarte Rosa des Abendkleides den kleinen, fast ausgemergelten Körper der Präsidentengattin. Über und über mit Pailletten und glitzernden Steinchen besetzt, funkelt sie im Lichte der Scheinwerfer der vielen Fernsehkameras bei jeder Bewegung. Sie erinnert deshalb auch an die weihnachtlichen Kaufhausdekorationen, draußen in den großen Supermärkten der Hauptstadt.
Nur die intellektuellen Zyniker, welche die feste Verwurzelung des Präsidentenpaares in ihrer überschaubaren Welt bürgerlichen Glückes neidisch beäugen, lassen sich diskret mit vielsagenden Blicken vernehmen. Aber auch ihr stummes Gemurmel wird schnell erstickt, wenn sie der leuchtende Strahl des präsidialen Blickes trifft, der die erlesenen Gäste - die sich im Halbkreis applaudierend aufgestellt haben – suchend ableuchtet. Er forscht nach den beiden Agramoffs, dem Journalistenehepaar, dessen Errettung eine willkommene Gelegenheit bietet, sich und seine Regierung feiern zu lassen. Sind die vielen Jahre vergessen, in denen der Präsident sich immer wieder kopfschüttelnd verständnislos ärgerte, wenn James Agramoff wieder einmal seine Reden oder politischen Handlungen in einer der führenden Zeitungen oder Nachrichtenmagazine mit ironischer Distanz seziert hatte?
Besonders das unausweichlich-sarkastische Bonmot am Ende solcher Artikel wurde oft zum geflügelten Wort – nicht nur bei den politischen Journalisten, sondern besonders bei Politikern der Opposition. Nicht selten wurden diese ›Petite Phrases‹ (im Journalistenslang ›PPs‹ genannt) monatelang als die knappste und witzigste Zusammenfassung eines eigentlich komplizierten Sachverhaltes in der politischen Debatte gebraucht. Das Echo dieser ›PPs‹ jagte die Berater des Präsidenten zuweilen wie ein kläffender Hund, der sich von Zeit zu Zeit auch ihr in Hosenbein verbiss und einfach nicht mehr loslassen wollte. In einer Zeit, wo die komplexen Lianengeflechte, die den politischen Urwald zusammenhalten und verstricken, nur noch wenigen Eingeweihten durchschaubar sind, hat der Kampf der ›Petite Phrases‹, der Bonmots, der geflügelten Worte, die Rolle der sachbezogenen und mühseligen politischen Auseinandersetzung eingenommen.
Auf diesem Gebiet war aber auch der Präsident – ein ehemaliger Moderator von bunten Fernsehshows mit Tanz, Unterhaltung (und ohne tiefere Bedeutung) – schon früh ein einsamer Virtuose geworden. Seiner Fähigkeit, die komplizierte Welt in einem Satz zu erklären und dabei mit den Scheinwerfern seiner strahlenden Aura den Nebel des Zweifels zu durchdringen, hatte ihm schon mehrere Wahlsiege eingebracht: Er würde wohl ewig Präsident bleiben, wenn er nicht – obwohl niemand ernsthaft damit rechnete – irgendwann einmal stürbe.
Jetzt hat der präsidiale Suchscheinwerfer die Agramoffs gefunden. Sie stehen in der Mitte des Halbkreises der immer noch applaudierenden Gäste. Es hat sich eingebürgert, dass der Applaus erst dann verstummt, wenn der Präsident anfängt, zu sprechen. Alles andere hätte ihn vielleicht enttäuscht. Irgendwie können auch seine eifrigsten Feinde es nicht übers Herz bringen, den Scheinwerfer seines Strahlens durch vorzeitig abklingenden Applaus zum Erlöschen zu bringen. Keiner der Anwesenden ist verpflichtet, so lange zu klatschen: Man lebt in einer stabilen und reichen Demokratie. Der Präsident kann niemand wirklich bedrohen, geschweige denn einsperren lassen. Aber irgendwie will jeder ›applaudieren müssen‹; zumindest hier im präsidialen Palast, in seiner altersmild leuchtenden Nähe, beobachtet von den vielen Fernsehkameras und der versammelten Elite des Landes.
Der Geldadel ist ebenso gekommen wie die Spitzen der politischen Aristokratie, von denen einige ihre Ämter schon so lange besetzen, dass die Unterschiede zu ererbten Pfründen kaum noch auszumachen sind. Wie fast immer auf derartigen Veranstaltungen fehlt der eigentliche Adel der menschlichen Gesellschaften: Wissenschaftler und Denker, deren Schöpfungen das Leben jedes Einzelnen revolutioniert (und oft genug gerettet) haben, ohne dass sich die meisten Menschen dessen bewusst sind. Die Machteliten fühlen in allen Ländern, dass bereits die physische Anwesenheit der Geisteseliten den scheinbaren Glanz ihrer Zusammenkünfte als Theaterzauber entlarven kann. Vielen der wirklichen Schöpfer der menschlichen Gesellschaft steht ihr reicher Geist so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass er in das Unterbewusstsein selbst der schlichtesten Gemüter eindringt und sich von dort aus als ein unbehagliches Gefühl des Durchschaut-Werdens ins Bewusstsein voranarbeitet, ohne dass man der so entstehenden Verunsicherung Einhalt gebieten könnte. Wer will sich diesem Gefühl schon freiwillig aussetzen? Da bleibt man doch lieber unter sich!
James und Klara Agramoff sind beide politische Journalisten und den hauptstädtischen Machteliten seit vielen Jahren bekannt. Besonders James ist wegen seiner tief grabenden Recherchen und seiner skalpellartigen Feder bei einigen gefürchtet, bei anderen geachtet. Klara hat lange die Rolle einer emsigen Zulieferin für die Arbeit ihres Mannes gespielt und gelegentlich versucht, durch eigene Artikel über neue Maler, Schriftsteller oder Regisseure aus dem Schatten ihres berühmten Mannes herauszutreten.
Seit einigen Monaten aber ist die etwas dickliche, mittelgroße 35-Jährige nun ein Star – nicht nur im eigenen Lande, sondern auf der ganzen Welt. Ihr forsch-mütterliches, rundes Gesicht und ihre rotbraune Pagenfrisur sind hunderten Millionen Fernsehzuschauern sehr vertraut geworden, als sie mit Richtmikrofon und Teleobjektiv bewaffnet in der Krone eines hohen Baumes hockte und so Bruchstücke eines der vielen Verhöre ihres Mannes durch einen hochrangigen Geheimdienstoffizier der feindlichen Großmacht einfangen konnte. Der unerreichte Höhepunkt dieses Tages: eine live Schaltung mit den größten internationalen Nachrichtensendern! Klara hing – leise ins Mikrofon flüsternd – im Geäst des Baumes. So kommentierte und übersetzte sie die Fetzen des Verhörs ihres Mannes, die man im wackelnden Teleobjektiv schemenhaft erkennen konnte. Hier und da wurden sogar einige Fragen und Antworten mit Hilfe des Richtmikrofons aus dem offenen Fenster der Zelle von James Agramoff eingefangen!
Noch nie hatte es eine so spektakuläre Reportage im Ringen der beiden Staaten gegeben. Tagelang wurde sie auf allen Kanälen wiederholt. Jede Nachrichtensendung auf der Welt zeigte längere Ausschnitte. Wer hatte sich je zuvor solch ein Bubenstück getraut? Wie konnte sie auf feindlichem Territorium der Allmacht von Hundertschaften lauernder Geheimdienstagenten entkommen? Wie gelang es ihr, aus dem überwachten Hotel zu entwischen und in die Nähe der Gefängnisfestung zu gelangen? Sie würde ihre Geschichte sicherlich bald erzählen.
Nur so viel war schon jetzt klar: Ihre Bilder aus dem Baum rasten um die Welt, drangen Minuten später auch in die Büros der ›Spin-Doctors‹ des Präsidenten. Jetzt waren neue Realitäten geschaffen. Die zurückhaltende Diplomatie, mit der man den – wegen angeblicher Militärspionage verhafteten – Journalisten Agramoff hatte schmoren lassen, war nun keine Handlungsoption mehr. Eine neue Strategie musste her: Der Präsident war zur Rettung von James Agramoff durch die Bilder aus der Krone einer alten Eiche gezwungen worden!
Klara Agramoffs Landsleute, die Journalisten und – durch sie dirigiert – der größte Teil der Weltöffentlichkeit jubelten: Niemals war jemand so weit, so clever und so schonungslos hinter die hohen Mauern und machtbewussten Fassaden der diktatorischen, gefürchteten und Geheimnis umwobenen Konkurrenzmacht eingedrungen. Die dicklich unscheinbare Klara Agramoff wurde in wenigen Tagen zur Heldin. So wie die Ehefrau eines, beim Herrscher in Ungnade gefallenen, fürstlichen Urahnen ihres Mannes, hatte auch sie ihre Sicherheit, vielleicht sogar ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um ihren Mann aus der Gefangenschaft zu befreien. Ihr Mittel war nicht duldsames Mitleiden, wie bei ihren Vorgängerinnen in der Reihe der liebenden Frauen der Agramoff-Fürsten. Klara hatte die Sprengkraft des symbolischen Bildes benutzt.
Im Schutze der Nacht war sie auf einen Baum geklettert, hatte das technische Team mit ihren Schnüren und Satellitenübertragungsgeräten in die benachbarten Büsche verwiesen. Klara war sich der Gefahr bewusst, dass man sie sofort nach ihrer Entdeckung aus dem gegenüberliegenden Geheimdienstgefängnis vom Baum herunter schießen könnte. Hinterher konnten sich die Verantwortlichen des diktatorischen Machtgefüges halbherzig entschuldigen; etwas von Spionage oder versuchtem Attentat, von Gefahr im Verzuge etc. verlauten lassen und ansonsten auf die rabenschwarze Nacht verweisen. In dieser Situation hätten die Wachen auf den Türmen innerhalb der hohen Mauern des Hochsicherheitsgefängnisses nur ihre Pflicht getan! Sie mussten ihren Oberst und den ausländischen Starjournalisten doch vor einem perfiden Attentäter schützen und hätten deshalb geschossen, bis ihre Magazine leer und die meisten Äste des Baumes zerfetzt gewesen wären. Dass dabei auch der Körper von Klara Agramoff durchlöchert zu Boden sinken würde, konnten sie doch nicht wissen! Wer sollte ihnen also eine solche Rettungsaktion übelnehmen, nur weil sie nicht ganz so verlaufen war, wie eigentlich beabsichtigt?
»Wohlan, endlich ein Mensch!«, hatte Napoleon angeblich ausgerufen, als ihm der alternde Goethe unter die Augen geschoben wurde. Dieser Satz ist als eine der klassischen ›Petite Phrases‹ in die Geschichte eingegangen – nicht zuletzt, weil die Eitelkeit des Dichterfürsten nicht müde wurde, diesen Ausspruch in Briefen an seine Zeitgenossen immer wieder zu zitieren. Eigentlich inhaltslos kann ein Satzfetzen durch die Umstände seiner Entäußerung und nachträgliche Deutungen eine Kraft gewinnen, die noch Jahrhunderte nachwirkt. An dieses Modell hatte sich einer aus dem Team der ›Spin-Doctors‹, der Redenschreiber und Psychotrainer des Präsidenten erinnert, als man eine Begrüßungsformel suchte. Mit ihr sollte der Präsident den Applaus durchschneiden und den Gestus bestimmen, mit dem er die Feier zur Rettung seines journalistischen Gegners aus monatelanger Haft der bösen Konkurrenzmacht zu vergolden dachte. Ach, wie hatte sich der Präsident gefreut, als er die Vorschläge seiner Medienberater zur Begrüßung der Agramoffs hörte! Sein Instinkt für die richtige Kombination von Bild und Wort war sicher. Allerdings haperte es inzwischen mit der Erfindung neuer, einmaliger und treffender Gesten. Auch er spürte: Hier musste wirklich Neues her. Die bereits bekannten Redewendungen würden bei einem solchen Ereignis enttäuschen. Ein neues Stück, ein gespanntes Publikum – da darf man nicht mit alten Kamellen auftreten!
»Millionen von Menschen wollen Ihnen in diesem Moment mit Hochachtung und Bewunderung die Hand drücken. Ich habe das Privileg, der Erste sein zu können!« Dutzende Fernsehkameras fahren ihren Zoom aus und vergrößern das Bild der fest verschlungenen Hände von Präsident und Bürger. Sie spiegeln das Strahlen seiner Augen, die auf James gerichtet sind, als hätte der Charmepolitiker noch nie ein menschliches Wesen gesehen; als sei niemand anderes außer ihnen beiden auf der Welt. Von dem Bewunderten ist auf den meisten dieser Bilder nur der Hinterkopf zu sehen. Von vorne sieht er etwas gequält aus, irritiert und verlegen. Ganz aufgesogen von der Aura dieses schlichten Präsidentengemütes, dessen Strahlkraft er sich jedoch nicht entziehen kann.
Kaum hat James einige Worte des Dankes für die Anstrengungen des Präsidenten zu seiner Befreiung gemurmelt, ermutigt ihn schon das leuchtende Nicken des erfahrenen Showmasters, fortzufahren. Der warmherzig grinsende alte Herr scheint zu verstehen und mehr wissen zu wollen. James weiß eigentlich nur zu genau, wie sehr dieser Polit-Patriarch unter Schwerhörigkeit leidet und vermutet, dass dieser nur Fragmente seiner Antwort versteht, wenn ihm seine treue First Lady nicht souffliert. In diesem Moment ist es egal. Er ist so umfangen vom wärmenden Charme dieses Mannes, dass er sich uneingeschränkt verstanden, aufgenommen und geachtet fühlt. Wie James mit ironischem Erschrecken später erzählte, ist in diesem Moment – ja sogar für den größten Teil des glamourösen Abendempfanges im Präsidentenpalast – seine jahrelange Aversion, vielleicht sogar Verachtung für diesen Mann und seine Politik, für die Mafia seiner Strippenzieher und die ihn unterstützende Geldelite, ausgelöscht.
»Sie haben die Strahlen Ihrer Liebe durch Gefängnismauern gesandt und in die ganze Welt gespiegelt!« Mit diesen Worten (Teil 2 der Liste der ›PPs‹ vom Klüngel der ›Spin-Doctors‹) begrüßt der Präsident nun Klara Agramoff. Er verbeugt sich tief und deutet einen eleganten Handkuss an. Mehrfach hatten seine Medientrainer ihm Videobänder vorgespielt, auf denen die elegant-französische Art des Handkusses ebenso zu sehen war, wie viele Beispiele der ungehörigen Entartung desselben, die allenthalben beobachtet werden können. Also reißt der Präsident Klaras Hand nicht nach oben, schmatzt auch nicht mit seinen Lippen einen Kuss auf ihren Handrücken. Nein, er beugt sich artig, behände, tief und haucht die Pantomime eines Kusses in Richtung ihrer unsicher-feuchten Hand.
Was sind das für Bilder, was für Texte! Bereits in diesen wenigen Sekunden hat sich die Suche der Fernsehmacher und Zeitungsredakteure nach geeigneten Aufmachern erledigt! Die Untertexte der Titelzeilen hat der Präsident mit seinem beiden ›PPs‹ geliefert; auch die Bilder dazu sind schon im Kasten. Ein Händedruck mit präsidialem Strahlen sowie der formvollendete Handkuss können unter diesen Schlagzeilen postiert werden. Wieder einmal lieben die von Zeitnot geplagten Journalisten ihren Präsidenten, der ihnen – wie schon so oft – die mühevolle Suche nach dem Aufmachertext und dem Bild auf der Titelseite abnimmt.
Die zierliche First Lady schließt sich den Glückwünschen ihres Gatten an. Sie umarmt James und Klara. Dabei glitzert nicht nur ihr Kleid: Auch ein paar kleine Tränen haben sich in den Augenwinkeln gesammelt. Die Agramoffs fühlen sich ganz aufgesogen von der Wärme des Präsidentenpaares. Man bedankt sich für deren Engagement bei der Rettung nach drei Monaten verzehrender Ungewissheit – mit der Aussicht auf lebenslange Haft in einem Arbeitslager, wie sie üblicherweise den ›überführten‹ Spionen in der fernen Großmacht drohen. Vergessen sind die wochenlangen Flüche, mit denen James den Präsidenten und seine Berater bedacht hatte, als er in seiner kalten Zelle einer Lungenentzündung entgegen zitterte, während sich immer deutlicher abzeichnete: Dies war kein Propagandaspiel! Die Geheimdienste pokerten hoch; seine Bewacher meinten es ernst! Hatte doch der Präsident erst vor kurzem die Begnadigung eines hochrangigen Spions verweigert, den man nun – durch die Inhaftierung von James unter ähnlichen Anklagen – freipressen wollte.
Das übliche Ritual: Keine Seite darf das Gesicht verlieren. Die Sandkastenspiele kleiner Jungen um die Abgrenzung ihrer Territorien wiederholen sich ständig auf der Bühne der Weltpolitik. Auf jeder Seite stehen alt gewordene Boys und beobachten, wer wohl obsiegen wird. Also kann man nicht nachgeben, selbst wenn einem das Spiel zu öde oder zu grausam geworden ist!
Deshalb hatte nicht der Präsident seine Rettung erwirkt, sondern Klara – mit ihren Bildern aus dem Gipfel des Baumes. Sie rasten um die Welt und zwangen ihn zum Handeln. Mehr noch aber verhöhnten sie die scheinbare Allmacht der Peiniger von James. Sie waren – inmitten ihrer Hauptstadt, im Innersten des größten Geheimdienstgefängnisses – vorgeführt worden. Schlimmer noch, nachdem Klaras Versteck enttarnt worden war, konnte man ihr zwar die Kameras, die Satelliten-Kommunikationseinrichtungen etc. wegnehmen, aber nicht die bereits live gesendeten Film- und Tondokumente. Sie selbst war durch ihr Bubenstück immun geworden. Wie hätte es ausgesehen, nun auch sie zu verhaften, als eine Art roher Rache dafür, lächerlich geworden zu sein? So weit kannten sich die Geheimdienstprofis in der Mechanik der veröffentlichten Weltmeinung aus, dass sie wussten, dass sie mit Klara keinen weiteren Märtyrer schaffen durften!
Außerdem hatte Klara in ihren ersten Verhören einen genialen Geistesblitz, wie er gelegentlich durch den Adrenalinstoß äußerster Erregung hervorgebracht wird. Sie behauptete, weit mehr Bilder und Tondokumente via Satellit an ihren Sender geschickt zu haben, als diejenigen, die tatsächlich weltweit im Fernsehen ausgestrahlt wurden. Angeblich hatte sie auch Sequenzen aus dem Verhör dokumentiert, in denen der Geheimdienstoberst James gegenüber bekannte, dass er von seiner Unschuld überzeugt sei, aber eine Verurteilung unausweichlich wäre, wenn der eigene Spion nicht gegen James ausgetauscht würde. Im Falle ihrer Verhaftung müsste ihr Sender diese Bilder natürlich ausstrahlen – bliebe sie aber frei, könne Klara garantierten, dass all diese Aufnahmen nach ihrer Rückkehr gelöscht würden. Das war ein erpresserisches Pokerspiel, aber die andere Seite verstand diese Sprache offensichtlich gut und wollte kein weiteres Medienspektakel riskieren.
Natürlich gab es diese Bilder und Tonbandaufzeichnungen nicht! Klara hatte alles live gesendet, was sie von ihrem Adlerhorst aus einfangen konnte. Sie war schon froh, dass wenigstens einige Bilder und Tonfetzen verwendbar waren. Die ganze Aktion hatte ja nicht mehr als 15 Minuten gedauert. Dann heulten schon die Sirenen von Geländewagen, welche die Umgebung des Gefängnisses mit Scheinwerfern absuchten und das versteckte Team auch bald gefunden hatten. Die Bildschirme der Geheimdienstzentrale präsentierten natürlich ständig alle internationalen Fernsehsender den wachsamen Augen der diensthabenden Offiziere, die prompt einen Großalarm auslösten.
Aber irgendwie war der Zorn darüber, dass der Präsident erst durch Klaras Bilder erpresst werden musste, sich für die Befreiung von James einzusetzen, von der strahlenden Aura des liebevoll parlierenden Präsidentenpaares, von den glanzvollen Lichtern des Ballsaales, vom andachtsvollen Lauschen der versammelten Geld- und Politaristokratie des Landes aufgesogen worden. Das bewusst miesepetrige Gesicht, die vorwurfsvollen Fragen und Anklagen, die sich James zurechtgelegt und mit Klara in langen nächtlichen Diskussionen erprobt und wieder verworfen hatte: Sie alle waren vergessen! Nichts davon wollte aus dem Nebel der Erinnerung auftauchen. Alles, was ihm einfiel, waren Bruchstücke, die ihm jetzt jedoch peinlich, deplatziert, undankbar oder kleinlich erschienen.
Er war doch gerettet worden, war berühmt, geehrt! Dieser Moment konnte die Startrampe einer Karriere sein, die ihn an die Spitze der Journalistenelite katapultierte. Keine mühseligen Recherchen mehr für einen größeren Artikel alle paar Wochen; keine Abhängigkeit von gelegentlichen Zusatzeinkünften; kein Ringen mehr mit den Konkurrenten und Neidern im eigenen Lager! Vorbei die entnervenden Diskussionen mit dem Chefredakteur, von dem die Aktionäre der Zeitung etwas mehr politisches Feingefühl im führenden Blatt des Landes forderten. Nun winkten die lukrativsten Jobs! Er konnte sich sogar von seiner Zeitung lösen, als freier Journalist und Buchautor vielleicht Millionen verdienen. Die wichtigsten Agenturen, die prominente Redner an Graduierungsfeiern von Universitäten und Jahresversammlungen großer Firmen vermitteln, hatten ihn schon kurz nach seiner Ankunft in der Heimat mit Anrufen bombardiert. Ein einziger solcher Auftritt konnte ihm so viel einbringen, wie er sonst in einem halben Jahr verdiente. Auch brauchte man vermutlich nicht viel Vorbereitung, konnte die gleiche Rede mit kleinen Variationen immer wieder halten! Die Kredite für das neue Haus im Wald waren drückend und man war ja auch nicht mehr der Jüngste!
Noch leichter fällt es Klara, sich in die Umarmungen der mütterlichen Präsidentengattin fallenzulassen. Bereits der Handkuss des alten Charmeurs hatte sie gründlich weichgeklopft. Es war der zweite in ihrem Leben. Der erste erfolgte – auf Anweisung – durch einen 14-jährigen, pickeligen Jungen in der Tanzschule.
Mit ihrer mutigen Aktion war sie schlagartig aus dem Schatten von James herausgetreten: Sie war eine Heldin, der Prototyp einer couragierten, liebenden Ehefrau geworden. Aus einer, unter hochragenden Büschen versteckten Primel war eine strahlende Rose in der vergoldeten Vase des Präsidentenpalastes geworden. Endlich kann auch sie damit rechnen, zu einer anerkannten politischen Journalistin zu werden. Vorbei die Zeit, in der sie sich mit Alkohol geschwängerten Malern oder Schriftstellern und Leder gewandeten Regisseuren herumschlagen musste, um aus deren lässigem Gemaule Interviewtexte zu extrahieren (oder zu komponieren), die wenigstens halbwegs Sinn ergaben! Jetzt waren auch keine empörten Anrufe dieser Künstler oder ihrer Agenten mehr zu befürchten, in denen sich diese über gravierende Missverständnisse der kleinen Journalistin beschwerten, mit Klagen drohten und ›Richtigstellungen‹ erzwangen!
Der Rausch des Momentes ergreift von den Agramoffs ganz und gar Besitz, als sich das Gespräch mit dem Präsidentenpaar dem Ende nähert. Nun beginnt der Marathon der Reden: James spricht nach dem Präsidenten, der – wie immer – kurz und charmant parliert, dabei allerdings nicht vergisst, seine ›PPs‹ mehrfach und in unterschiedlichen Phrasierungen und Varianten zu wiederholen, so dass sie auch in das Hirn des letzten Journalisten eingebrannt werden. Er hat sich nicht vergebens bemüht: Morgen werden alle Medien getreulich so berichten, wie es sich das Team seiner Berater vorgestellt hatte. Die kritischen Reflexionen, die noch wenige Tage vor der Befreiung der Agramoffs in den Zeitungen und Nachrichtensendungen dominierten, werden vergessen sein.
Stürmischer Applaus braust auf. Die Gäste erheben sich von ihren Plätzen, während der Präsident bescheiden versucht, der Begeisterung für seinen Auftritt Einhalt zu gebieten. Wieder gelingt ihm eine neue, geniale Geste: Er ergreift James’ widerstrebende Hand, zieht ihn aus seinem Stuhl und führt ihn untergehakt ans Rednerpult. Was soll jetzt noch das Manuskript, in dem James und Klara all die giftigen Anspielungen und Kritiken kunstvoll komponiert haben, die sie in ihren Vorbereitungen für den ›Small Talk‹ mit dem Präsidentenpaar nicht mehr unterbringen konnten?? Undankbar, stimmungstötend, miesepetrig und kleinkariert würde James erscheinen, wenn er nun seine Rede so vortragen würde, wie sie in den hitzigen, schlaflosen Nächten nach der Freilassung entworfen worden war. Wird ihn Klara für feige halten, wenn er jetzt davon abweicht? Sicher wird sie das, denn heute bietet sich eine einmalige Gelegenheit, all die Themen zu artikulieren, die beiden schon immer am Herzen lagen. Sie können die Gefangenschaft von James als direkte Folge der unsensiblen Machtpolitik des Präsidenten darstellen. Er hat die Rache der Konkurrenzmacht oft genug provoziert.
Zu den Leidtragenden gehörten die Agramoffs, die als offiziell akkreditierte Journalisten aus dem diktatorisch regierten Feindesland berichteten. Wie viele andere Menschen sind in den Mühlen der staatlichen Machtkämpfe zermahlen worden? Wie viele sind deshalb sinnlos gestorben? Die Sandkastenspiele von alternden Boys mit Todesfolge: Sie müssen endlich entlarvt werden!
Endlich hat sich James aus der Verzauberung der mit so viel Liebe und Glanz daher kommenden Macht befreit, steht am Rednerpult und hebt an zu sprechen. Zuerst der Dank. Die ersten Worte erscheinen ihm bereits zu warm, noch immer wirkt der Zauber des Moments. Jetzt aber zum Manuskript, einfach ablesen und nur wenig nach oben schauen: So wird es gehen – vielleicht nicht besonders elegant, aber der Zweck heiligt die Mittel!
James war schon als Junge ein schüchterner Intellektueller. Er hat seine Angst immer mit Geist und Arbeit überwunden – sie hat ihm aber auch oft die Augen geöffnet, wo andere nichts sahen. Mit Mitte 40 ist sein Gesicht schon mit markanten Falten gezeichnet, sein leicht ergrautes Haar beginnt sich zu lichten. Mit der randlosen Brille sieht er genauso aus, wie man sich den Chefarzt einer Kinderklinik vorstellt: Gebildet, kompetent, kunstsinnig, sensibel, professoral – dabei aber trotzdem elegant und etwas jungenhaft. Insgeheim hat er davon geträumt, Professor an einer kleinen Universität zu werden, zu schreiben und zu lehren und jeden Abend in sein sicheres Heim zurück zu kehren. Stattdessen jagte ihn sein Beruf um die Welt, zu Krisen, internationalen Konferenzen und Gipfeltreffen. So war auch seine Entsendung in die Hauptstadt der feindlichen Diktatur nur ein weiterer Mosaikstein im Bild eines willig Getriebenen, der sich eigentlich der nachdenklichen Stille seines heimischen Arbeitszimmers entgegensehnt. James ist nicht sehr groß, so dass nur sein Kopf hinter dem Rednerpult zu sehen ist, welches natürlich auf die imposante Statur des Präsidenten ausgerichtet wurde.
Er greift in die Brusttasche – nichts knittert dort. Dann langt er in die rechte und die linke Tasche seines Jacketts, auch nichts! Jetzt wird es langsam peinlich! Geschützt durch das hohe Rednerpult sucht er nun noch hektisch in den beiden Hosentaschen – auch nichts!! Wo ist das Manuskript der Rede seines Lebens? In Bruchteilen von Sekunden schießen ihm diverse Möglichkeiten durch den Kopf: Es könnte in der Hektik des Aufbruchs zu Hause vergessen worden sein oder noch im Auto liegen, wo er sich die Rede von Klara ein letztes Mal vorlesen ließ. Schließlich wird ihm klar, wo sich der Text befindet: in Klaras Handtasche! Sie hatte ihn nach der letzten Lesung im Auto dort verstaut. James wird bewusst, wie lächerlich es erscheinen würde, wenn er jetzt den langen Weg vom Rednerpult zurückginge, seiner Frau die Handtasche öffnete und das Manuskript herausholte, um mit den zerknitterten Zetteln zurück zu hetzen. Die Kameras werden erbarmungslos sein. Jede kritische Passage seiner Rede wird mit Bildern seines Suchens im Anzug, dem Rennen zur Handtasche und zurück unterlegt werden. Alle spüren dann, wie eifrig – vielleicht sogar wie eifernd – die Agramoffs diese Rede vorbereitet haben. Er wird in den Augen der Zuschauer nicht nur als undankbarer Spielverderber erscheinen, der sie des frohen Miterlebens einer Heldenehrung beraubt. Er wird auch kleinlich wirken. Die Aura dieses Momentes, die er noch für Monate und Jahre mit sich tragen könnte, wäre zerbrochen; mutwillig zerfetzt von einem Mann, der nicht einmal in der Lage ist, sich das Manuskript in den Anzug zu stecken!
Also spricht James Agramoff weiter – ohne Manuskript. Er dankt Klara, preist ihren Mut und ihre Liebe und hofft dabei inständig, dass ihm wenigstens die wichtigsten Passagen der gemeinsam ausgefeilten Rede wieder einfallen werden. In seinem Kopf ist aber blanke Leere: Keine Spur einer Erinnerung – ein benebelter Geist taumelt im hellen Licht der Scheinwerfer von Fernsehkameras.
»Vielleicht rettet mich ein humoriger Einstieg? So fangen doch die meisten guten Redner an, bevor sie zu ihrem eigentlichen Anliegen vordringen?«, denkt James, während er sich dem Mikrofon zuwendet.
»Sie alle wollen sicherlich zuvörderst eines erfahren: Was hat James Agramoff aus den drei Monaten Geheimdienstkerker gelernt?«, setzt er seine Rede fort. »Ich werde es verraten: Wenn Ihnen jemand einen verschlossenen Umschlag in die Hand drückt, machen Sie ihn sofort auf oder schmeißen Sie ihn in den nächsten Papierkorb. Wenn eine Bombe drin ist, wird Sie der Überbringer meistens davon abhalten, die Hülle aufzureißen, er würde ja sonst gleich mit zerfetzt. Nicht alle Boten finden daran Gefallen. Ist es aber nicht die angebliche Gedichtsammlung eines Kollegen, sondern ein Stapel von Fotos geheimer Militärbasen, dann ist es Zeit, sie ihm um die Ohren zu hauen. Daraus ergibt sich die zweite Lehre: In unseren Beruf vertraut man am besten nur seiner Frau und sonst niemand. Ich bin in die Falle eines Agenten getappt, der sich als aufstrebender Dichter tarnte.«
»Hätte ich in diesem Moment Klara an meiner Seite gehabt, wäre ich vielleicht nicht treuherzig – und mit dem verräterischen Umschlag in der Hand – in die Arme der im Hotel wartenden Geheimdienstler gelaufen! Erst bei meiner Verhaftung sah ich, dass sich darin keine Gedichte, sondern Fotos von Raketenstationen befanden.«
Mit gespielter Dramatik in der Stimme setzt James seine Rede fort: »Als wir uns zum ersten Mal mit Klaras Eltern trafen, hörte ich ihre Mutter in der Küche zu ihr sagen: ›Na, hast dir diesmal aber einen ganz netten Fisch an Land gezogen!‹ Ich war erlöst, so einigermaßen akzeptabel eingestuft zu werden. Vor einigen Wochen hat meine Frau die Angel ein zweites Mal ausgeworfen und mich mit Hilfe von Teleobjektiv und Satellitenverbindung aus dem Geheimdienstknast gezogen. Dadurch wurde die Rute an den Präsidenten weiter gereicht. Wie gut, dass er ein passionierter Angler ist – vielleicht säße ich sonst noch in zehn Jahren hinter rostigen Gittern!«
Der Saal lacht und applaudiert, als sich James nach diesen Worten vom Podium verabschiedet, seine Frau auf den Mund küsst und wieder neben ihr Platz nimmt. Einige Berater des Präsidenten lachen krampfhaft und leicht pikiert, aber man kann sich ja keine Blöße geben, wenn mindestens 20 TV-Kameras im Raum sind und nicht zu erkennen ist, wer einen grade groß auf der Linse hat!
Klara starrt entgeistert in James’ Gesicht: »Was ist mit unserer Rede, wieso hast sie nicht benutzt?«, zischelt sie und kann nur mühsam den Anschein erwecken, als würde sie zärtliches Liebes- und Dankesgeflüster in sein Ohr säuseln. Es wirklich schwierig, vor den aufgerissenen Augen der Teleobjekte mit seinem Ehemann zu streiten!
»Die Rede ist in deiner Handtasche vergraben! Es hätte zu lange gedauert, bis wir die Zettel wieder ans Licht befördert hätten«, flüstert er hektisch zurück. »Ich hab’ mich an nichts erinnern könnten – totaler Blackout …«, wispert James ihr dann in das andere Ohr, als sie sich umarmen. Die Gäste erheben sich zu stehenden Ovationen. Klara versteht ihn sofort und Tränen stehen in ihren Augen, als sie ihren empfindsamen und doch so mutigen Mann an sich drückt.
Fast alle sind erlöst. Viele erwarteten und befürchteten genau das, was Klara und James vorbereitet hatten: eine professoral-moralische Lektion über politische Kultur im Allgemeinen, sinnlose Machtdemonstrationen im Besonderen und die Versäumnisse der Regierung im Falle Agramoff. Man kannte James aus seinen Artikeln in den großen Zeitungen und Nachrichtenmagazinen. Er war unbestechlich, genau, integer und ging den meisten Menschen deshalb auch auf die Nerven. Seine professoralen Neigungen und die kühl zurückhaltende Ausstrahlung, die irgendwie daran erinnerte, dass er in gerade Linie von einem ehemals mächtigen, ausländischen Fürstenhaus abstammte, befremdeten seine Landsleute. Mit dieser Verlegenheitsrede wurde er jedoch plötzlich zu einem der Ihren.
Schicksalsschläge sind am besten zu überwinden, indem man wieder aufsteht, sich mit einem Witz den Staub aus den Kleidern klopft, den Kopf hoch aufrichtet und der Sonne entgegen schreitet: So agieren die Revolver schwingenden Helden im Film und so wollen die hier versammelten pragmatischen Erfolgsmenschen eigentlich auch ihre realen Vorbilder sehen. Mit seiner Verlegenheitsrede hatte James scheinbar seine fürstlich-professorale Lehrhaftigkeit abgelegt, mit zarten Fingern die Fusseln seiner Peiniger vom gediegenen Stoff seines Anzuges geschnipst und war davon geschritten. Eine ideale Rede zu diesem Anlass – aus diesem Mann könnte wirklich noch etwas ganz Großes werden!
Nun ist es Zeit, in den Bankettsaal zu wechseln. Wie immer bei solchen Anlässen sind dort runde Tische aufgebaut worden, die jeweils 12 Teilnehmern am festlichen Abendessen zu Ehren der Agramoffs Platz bieten. Riesige Kristall-Lüster erleuchten den Saal, dessen helle Wände mit vergoldeten Verzierungen bedeckt sind, die eine unentschlossene Mixtur verschiedener Stilepochen repräsentieren. Durch die geöffneten Vorhänge strahlt das glitzernde Licht von Gold und Kristall in den Park, der von einer leichten Schneedecke eingehüllt ist. Zufälligen Passanten mag das intensive Glühen des Palastes wie ein Bild aus einem Märchen erscheinen, dass wunderbar zur vorweihnachtlichen Stimmung der noch jungen Nacht passt.
Die Bedeutung der Gäste nimmt exponentiell mit der Entfernung ab, mit der ihr Tisch von dem des Präsidentenpaares aufgestellt ist. Er befindet sich in der Mitte des Saales. Als alle Platz genommen haben, erhebt sich der Präsident, um einen Toast auf die Ehrengäste auszubringen. James ist links von ihm platziert worden, während Klara rechts neben seiner Gattin sitzt.
»Wir haben einen Sieg errungen und wollen ihn feiern. Es ist nötig, immer wieder zu zeigen, dass uns niemand erpressen kann; dass eine mächtige Demokratie wie die unsere, jeder diktatorischen Macht überlegen ist. Die Freilassung unserer Freunde Klara und James Agramoff hat dies wieder einmal unter Beweis gestellt. Wir danken nicht nur dem Schöpfer für seine Gnade, sondern auch uns selbst. Die Standfestigkeit der Geheimdienste und der Regierung hat zu diesem Erfolg ganz entscheidend beigetragen! Wir senden auch heute Abend wieder eine wichtige Botschaft in die Welt: Unser wunderbares Land lässt sich nicht erpressen!«
Begeisterter Jubel. Alle erheben sich, ergreifen ihr Glas und prosten erst dem Präsidenten und dann ihren Tischnachbarn zu. So lassen auch James und Klara ihre Gläser klingen, obwohl in den wenigen Worten des Präsidenten all das zum Ausdruck kam, was sie an ihm und seiner Regierung verachten, manchmal sogar hassen: Selbstzufriedene Arroganz, die Illusion der Überlegenheit gegenüber allen Staaten und Regierungen, die unverschämte Vereinnahmung fremder Verdienste und eine Scheinheiligkeit, die schon zur zweiten Haut geworden ist und deshalb nur noch von wenigen der hier Versammelten als peinlich empfunden wird.
Es ist nicht nötig, den Agramoffs die am Präsidententisch versammelten Honoratioren vorzustellen; sie sind ihnen nur allzu gut bekannt. Direkt neben James sitzt der Chef der präsidialen Verwaltung, der auch der Meute der ›Spin-Doctors‹ vorsteht, die das öffentliche Erscheinungsbild des alten Charmeurs modellieren. Zusätzlich hat dieser Mann durch die Koordination der Fachabteilungen – die quasi als Nebenministerien fungieren – im Laufe der Jahre große Macht angehäuft, so dass ihn viele als den eigentlichen Gestalter der Politik im Lande ansehen. James ist nicht sein bester Freund. Einen Stuhl weiter ist der Chef des Geheimdienstes platziert worden; erst dann kommt der Außenminister. Rechts von Klara sitzt die Sozialministerin, eine emsige, aber politisch bedeutungslose Dame, die man auf der Straße für eine etwas verkniffene, mollige Grundschullehrerin halten würde.
Während das rasch hin und her huschende Personal die Vorspeisen aufträgt, wird ein leichter Weißwein ausgeschenkt. Der Präsident hält sich allerdings an Wasser: Er verträgt keinen Alkohol mehr. Vielleicht hatten seine früheren wilden Zeiten beim Radio und Fernsehen der Leber bereits einigen Schaden zugefügt. Anders verhalten sich dagegen die beiden links von James sitzenden Herren. Sowohl der Leiter der Präsidialverwaltung als auch der Stabschef sind als Genussmenschen bekannt. Als James aus den Augenwinkeln das eifrige Schaufeln und gelegentliche Schlürfen der beiden ergrauten, etwas fülligen Endfünfziger neben sich beobachtet, kommt ihm ein oft gebrauchter Aphorismus in den Sinn: ›Essen und Trinken ist die Erotik des Alters‹.
Es dauert nicht lange, da ist Klara in ein intensives Gespräch mit der Präsidentengattin verstrickt, in welches die Ministerin gelegentlich einfällt. Beide wollen jedes kleine Detail der Rettung von James erkunden: Wie ist sie auf den Baum gekommen? Was wäre, wenn man auf sie geschossen hätte? Wie stellt man über Satellit live Schaltungen her? Woher wusste sie, hinter welchem Fenster des Gefängnistraktes James verhört wurde? Hatte sie ihre Aktion vorher geprobt oder war es ein spontaner Einfall, auf den Baum zu klettern und dort Richtmikrofone und eine Kamera mit Teleobjektiv zu installieren? Hat Klara in den drei Monaten von James’ Gefangenschaft die Hoffnung verloren; war sie abends verzweifelt; hat sie oft geweint? Das Interesse der beiden Damen ist von so erregt mütterlicher Fürsorge getragen, dass Klara sich durchaus geehrt fühlt und freudig viele Einzelheiten berichtet, welche die Damen neben ihr mit großem Interesse aufsaugen.
James’ Konversation mit dem Präsidenten ist weniger ergiebig. Da dessen Frau beschäftigt ist, steht niemand zur Verfügung, um ihm die Worte seines Gegenüber in verkürzter Form zu wiederholen. Seine Schwerhörigkeit ist auf dem Hintergrund des Stimmengewirrs vieler Menschen besonders hinderlich. So versteht er nur wenig von dem, was James ihm sagt. Allerdings beschränkt man sich ohnehin auf allgemeine und höfliche Floskeln, die beide im Laufe ihres Lebens auf dem gesellschaftlichen Parkett so intensiv üben konnten, dass kaum auffällt, dass der Präsident redet und antwortet, ohne viel von James’ Bemerkungen hören zu können. Vermutlich wäre die Konversation ohne dieses Handicap auch nicht viel anders verlaufen!
Die anderen Gäste am präsidialen Tisch repräsentieren die bei solchen Anlässen übliche Mixtur: ein paar hohe Chargen der Regierung, dazu die Chefs des Verbandes der Journalisten und der Fernsehindustrie. Schließlich noch wichtige Unternehmer, die sich bei der Wiederwahl des Präsidenten verdient gemacht haben und von denen man wohl auch in Zukunft wirtschaftliche Assistenz bei der Erreichung von politischen Zielen erwartet. Die Befriedigung ihrer Bedeutungssehnsucht durch Platzierung am Präsidententisch ist wohl die Währung, in der man für ihre Unterstützung zahlt.
Für jeden Gang steht etwa eine Viertelstunde zur Verfügung. Jedes Mal wird ein anderer Wein gereicht. Nach einiger Zeit ist die Gesellschaft beim zartrosa Wildbraten angekommen, der natürlich mit einem kräftigen Rotwein verbunden wird. James hat mit den beiden Herren neben ihm einige Bemerkungen ausgetauscht, nachdem sich der Vorrat von Allgemeinplätzen erschöpfte, die er mit dem schwerhörigen Präsidenten austauschen konnte. Dieser hat sich inzwischen den Frauen rechts neben ihm zugewandt, denn seine Gattin beginnt, ihm die Abenteuer von Klara in eine akzentuierte Kurzfassung so zu übersetzen, dass sie sein Ohr erreichen können. Natürlich interessieren ihn diese Geschichten auch viel mehr als die Konversation mit James. Er kann so auch leicht der etwas angespannten Atmosphäre ausweichen, die naturgemäß dem Gespräch mit einem seiner schärfsten journalistischen Kritiker anhaftet, den er heute ehren und hofieren muss.
Da die Herren neben James bislang nicht nur jedes Weinglas genussvoll bis zur Neige geleert, sondern dem Geehrten auch ausreichend höfliche Aufmerksamkeit gewidmet haben, spinnen sie sich jetzt langsam in eine Unterhaltung ein, welche sich auf aktuelle Themen konzentriert, die eher administrativer Natur sind und James nicht besonders interessieren. Durch den Wein angeregt, wird aber der zunächst leise Tonfall von beiden unmerklich lauter, so dass James das Gespräch auch dann verfolgen kann, wenn er sich scheinbar ganz auf seinen Teller konzentriert.
»Wieso ist der Mann denn plötzlich verstorben?? Glauben Sie an einen Herzinfarkt? War der nicht kerngesund, so Anfang 50?? Wir wollten ihn gerade in die Mangel nehmen. 10 Millionen sind doch ein gutes Angebot – oder etwa nicht? Morgen sollte es losgehen. Heute früh höre ich, der Mann ist tot.« Der Strippenzieher der Politik des Präsidenten redet fast vorwurfsvoll auf den Geheimdienstchef ein, welcher versucht, sich zu verteidigen.
»Dieser Kerl ist doch erst vor ein paar Tagen aus dem Nichts erschienen. Viele Jahre sind seit dem Flugzeugabsturz und dem Brand vergangen. Das größte Genie der Menschheit … auch seine wichtigsten Mitarbeiter … tot. Man hat aber nie die Leichen gefunden, nicht einmal das Wrack im Meer! Plötzlich kommt einer von ihnen – ein Dr. Andersson – und behauptet, er sei nicht in dem Flugzeug gewesen … psychiatrische Erkrankung, Reisen, jahrelange Internierung in irgendeinem obskuren Land … alles sehr eigenartig. Wir hätten schon herausgekriegt, was wirklich los war!«
Der Leiter der Präsidialverwaltung fällt ihm ins Wort: »Wissen Sie eigentlich, dass wir vor rund sieben Jahren, also kurz vor dem Flugzeugabsturz dieses Jahrhundertgenies Brookman, noch mit ihm gesprochen haben? Irgendetwas hatte der Mann gefunden. Manche glauben, er wäre den wirklichen Geheimnissen des Genoms auf die Spur gekommen, könnte Menschen mit fast übernatürlichen Eigenschaften erschaffen ... Wenn diese Erkenntnisse nun einer feindlichen Macht in die Hand gefallen wären? Was ließe sich alles daraus machen? Andersson muss doch viel von den Forschungen dieses Mannes gewusst haben; er war einer seiner engsten Mitarbeiter. Warum haben Sie ihn denn bei seiner Familie wohnen lassen … Hätte man ihn nicht sofort an einem geheimen Ort internieren und ausquetschen sollen?«
Wieder muss sich der Geheimdienstobere verteidigen: »Was sollten wir denn machen? Der stand eines Tages bei seiner verarmten Frau und seinen drei Kindern vor der Tür. Wir haben das erst nach zwei Wochen gemerkt, als er sich telefonisch bei einem ehemaligen Agenten meldete, den er seit Schulzeiten kannte. Der hat uns dann alarmiert. Am nächsten Tag hatte er schon das Angebot. Es war klar, der würde reden: 10 Millionen! So konnte er alles wieder gut machen … Die sieben Jahre der Armut und Verzweiflung seiner Familie, die Treue seiner Frau, die Ausbildungskosten seiner Kinder begleichen und so sein schlechtes Gewissen – woher auch immer – abgelten.«
Diese und weitere Bruchstücke der Konversation fliegen an James vorbei, bis schließlich das Dessert gereicht wird. Wie bei solchen Anlässen üblich, gleicht es eher der Komposition eines abstrakten Malers, als einer süßen Nachspeise. Wie soll man denn die weit gestreuten Tröpfchen irgendeiner Komposition aus Portwein und Schokolode erschmecken können? Wie lassen sich die komplizierten Gitterstrukturen eines filigranen Gebäcks mit den Eishäufchen und farblich dazu passenden Beeren verbinden? Jedes Mal, wenn man einen der Minibausteine dieses Kunstwerks zum Mund geführt hat, fühlt man die Leere des erahnten Geschmackes, der einen hoffen lässt, man könne den Löffel noch einmal eintauchen – aber da ist nichts mehr! Etwas gelangweilt denkt James daran, einen Nachschlag zu bestellen. Natürlich hat ihn seine ausgiebige Erfahrung mit derartigen Regierungsbanketts gelehrt, dass ein solches Ansinnen recht befremdlich erscheinen dürfte.
Endlich wird der Empfang beendet: eine kurze Abschiedsrede des Präsidenten, Händeschütteln, beste Wünsche für die Zukunft ... Im Hinausgehen bilden sich Grüppchen, in denen man noch eine Weile parliert, bis sich der Pulk der wartenden Limousinen gelichtet hat. Eine größere Gruppe von Gästen hat sich um James und Klara versammelt, die Glückwünsche zu ihrer Rettung entgegen nehmen und immer gleiche Fragen mit scheinbarem Genuss beantworten.
Schließlich weist sie einer der Bediensteten darauf hin, dass die Regierungslimousine, die sie zu ihrem Appartement in der Hauptstadt bringen wird, schon seit einiger Zeit vorgefahren ist. Es ist Zeit zu gehen. Erlöst, aber auch etwas wehmütig verlassen die Agramoffs den Palast.
Wochen später sind die meisten Interviews gegeben. Auch der Parcours durch zahllose Talkshows ist absolviert. Die immer gleichen Fragen kratzten an der ewig gleichen Oberfläche. James und Klara hatten es schon lange aufgegeben, andere – oder auch nur originell variierte – Antworten auf den monotonen Strom der Fragen zu geben. Sie wiederholten also immer die gleichen Geschichten und Anekdoten und achteten darauf, dass ihre Antworten nur so lange dauerten, bis ein Assistent in der Ecke des Fernsehstudios wieder einmal das Schild mit der Aufschrift ›Werbung‹ hoch riss. Auch die Zeitungen hatten alle Aspekte des Falles Agramoff beleuchtet; den letzten Saft aus der Geschichte gequetscht und sich längst den neuen Krisen und Sensationen zugewandt.
Ruhe kehrt ein im Appartement der Agramoffs in der Hauptstadt. Endlich kann man wieder in die schöne weiße Villa zurückkehren, die beide vor einigen Jahren auf billigem Grund – inmitten entlegener Wälder, weit von der Metropole entfernt – gekauft hatten. Hier wollten sie später in Ruhe arbeiten und Kinder aufwachsen sehen, sobald sie nicht mehr durch die Welt getrieben würden. Klaras Kinderwunsch war im Laufe der letzten Jahre immer dringlicher geworden. Sie war auch die treibende Kraft hinter dem Hauskauf in der Einsamkeit bewaldeter Hügel.
Dort existiert ein Refugium wohlhabender Aussteiger, die ihre Briefkästen und Namensschilder am Rande der asphaltierten Straße haben, von wo ein Waldweg seinen Anfang nimmt, der erst nach mehreren hundert Metern den Blick auf das Haus freigibt. Man fühlt sich als enger Nachbar, wenn man nicht mehr als 10 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt lebt. Einige besitzen kleine Flugzeuge, mit denen sie morgens zur Arbeit in eine der großen, Hunderte Kilometer entfernten Metropolen fliegen. Die meisten aber haben sich vom hektischen Jagen ihrer früheren Berufe schon vor Jahren verabschiedet, züchten Rinder oder genießen den frühen Ruhestand.
Statt der eigentlich geplanten Artikelserie über die drei Monate hinter den Gittern der fernen eisigen Machtzentrale sind nur einige kleinere Reportagen von James und Klara erschienen, die jedoch weit hinter den Erwartungen ihrer politischen und journalistischen Freunde zurückblieben. Die persönliche und politische Abrechnung mit dem Präsidenten und seiner Regierung – die gnadenlose Aufzählung ihrer Versäumnisse in den meisten Bereichen der internationalen Politik – war ausgeblieben. Wer, wenn nicht die Agramoffs hätten gerade jetzt die moralische Autorität zu diesen Attacken gehabt? Warum sprachen sie nicht aus, was sie – und so viele andere – dachten oder fühlten?
Die peinliche Magie des großen Empfanges im Präsidentenpalast verfolgte beide noch immer. Wie konnte James seinen eigenen Auftritt Lügen strafen, indem er all die Analysen und Vorwürfe, die er eigentlich in seiner Rede zusammenfassen wollte, nachträglich schriftlich ausbreitete? Man würde glauben, dass er unter den strahlenden Augen des alternden Löwen nicht den Mut dazu hatte. Ein solches Verhalten musste schäbig, undankbar, ja sogar hinterlistig erscheinen. Welcher Journalist war je mit einem riesenhaften, landesweit im Fernsehen übertragenen Galabankett in Anwesenheit der Elite des Landes geehrt worden? Wer hätte sich zuvor ein solches Weihespiel der Macht für einen der penetrantesten Kritiker der Regierung vorstellen können?
Also beschließen die beiden, sich in ihr Haus zurückzuziehen und alles, was sie zur aktuellen Politik zu sagen haben, in einem größeren Zusammenhang darzustellen. Es soll eine Serie von Artikeln in ihrer, der wichtigsten Zeitung des Landes werden, die später die Grundlage eines Buches bilden kann. Aber endlich, erstmals seit vielen Monaten und mit Sehnsucht erwartet: Urlaub, Stille, Wald. Lange Gespräche mit anderen intellektuellen Einsiedlern, die sich in der gleichen Landschaft verwurzelt haben. Kaminfeuer, Wärme und Geborgenheit – das ist jetzt ihre tiefste Sehnsucht.
James ist von seiner Zeitung für ein halbes Jahr bei voller Bezahlung freigestellt worden; auch Klara wird für diese Zeit als freie Mitarbeiterin entlohnt. Man erwartet von beiden nichts anderes als ein wenig öffentlich bekundete Dankbarkeit, die dem Image des Blattes zugutekommt und erhofft sich die versprochenen Grundsatzartikel. Nun sind bereits vier Monate seit dem glamourösen Empfang im Präsidentenpalast vergangen und die Agramoffs können den größten Teil des Frühlings in ihrer umwaldeten Einsamkeit genießen, nachdem sie den Gewaltmarsch durch die Medien wacker durchgehalten haben.
Freunde aus der Nachbarschaft kommen häufiger zu Besuch. Man findet sich abends am Kamin in der Halle der Villa zusammen. Dieser riesige Raum ist mit hellem Holz getäfelt und zwei Stockwerke hoch. Gegenüber der Fenster- und Terrassenseite befindet sich eine Galerie, zu der eine Wendeltreppe hinauf führt. Von hier aus sind die Zimmer im zweiten Stock zu erreichen. Eigentlich ist das Haus für James und Klara viel zu groß. Die Kinderzimmer sind immer noch leer.
Die Agramoffs und ihre Freunde besprechen vor dem nächtlichen Feuer – in fast schläfrig-pedantischer Ruhe – die Dinge der Welt, verschweigen aber meist die Dinge des Herzens. Oft prägt James den Stil dieser Unterhaltungen. Er doziert nachdenklich und insistierend, nimmt sich aber auch in selbstironischer Bescheidenheit zurück, wenn er fühlt, dass er beginnt, Menschen zu belehren, denen er vielleicht besser zugehört hätte. So kommt es gelegentlich dazu, dass er nichts sagt; seine Gedanken für sich behält oder sie mit beredtem Schweigen von den anderen erahnen lässt. Man unterhält sich gerne mit kleinen Andeutungen und überlässt dem nachfolgenden Schweigen die Aufgabe, die erahnten Gedanken weiter zu spinnen. Auf diese Weise muss keiner Verstimmungen, befürchten. Die Isolation der Häuser voneinander und vom Rest der Welt macht die sonst so verbreiteten Rangordnungskämpfe obsolet. Es ist nicht nötig, die Schalen der äußeren Hülle zu polieren, um andere zu blenden.
Die vereinzelt im Umkreis von 50 Kilometern im Wald liegenden Häuser gehören fast alle Menschen, die den größten Teil ihres Lebens als Manager, Ärzte oder Diplomaten durch die Welt gejagt sind und denen sich schließlich immer unausweichlicher Fragen nach dem Warum und Wofür aufdrängten, so dass sie schließlich beschlossen, ihrem hektischen Rennen von Erfolg zu Erfolg Einhalt zu gebieten, eine Auszeit zu nehmen. Daraus wurde meist eine verlängerte Pause, eine veränderte Sicht auf das Leben und sich selbst und schließlich der Entschluss, aus der Berghütte in den Wäldern ein dauerhaftes Domizil zu machen.
Einige der besonders Wohlhabenden hatten nicht der Versuchung widerstehen können, das ehemalige Urlaubshäuschen abzureißen und sich kleine Paläste in die Idylle des alten Mischwaldes zu setzen. Was war dagegen zu sagen? Insbesondere, weil man nicht protzen konnte, denn keiner der nicht eingeladen war, bekam das Anwesen jemals zu Gesicht.
Diese abendlichen Gespräche haben James und Klara nicht nur geholfen, ihre Erlebnisse von verschiedenen Seiten zu beleuchten, sondern brachten auch reiche Ernte hinsichtlich der Artikelserie und des geplanten Buches. Langsam wird offensichtlich, dass die Ereignisse innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern der feindlichen Diktatur ihnen nicht nur weltweite Berühmtheit eingebracht haben, sondern auch eine gute Aussicht auf den Intercon-Preis eröffnen. Er ist die höchste Krone der Ehrung für Journalisten – das Äquivalent des Nobelpreises. Die Story ist da, alle Elemente der politischen Analyse sind festgezurrt und in langen Diskussionen mit den benachbarten Luxuseremiten von allen Seiten beleuchtet und abgeklopft. Sie haben die Meinungen von ehemaligen Botschaftern, von erfolgreichen Schriftstellern, von Ex-Managern großer internationaler Konzerne und von früheren Politikern aus ihrer Nachbarschaft gehört und zur Anreicherung oder Wertung ihrer eigenen Ideen verwandt. Ein so reiches Material kann seine Wirkung auf die Juroren des Intercon-Preises nicht verfehlen!
Der Frühling hat die Mischwälder der Umgebung in eine helle Pracht lindgrüner Blätter verwandelt. Die Chefredaktion drängt auf die versprochenen Artikel. Sie wollen die Serie ganz groß ankündigen, möchten vorher aber Manuskripte sehen. Auch sie spekulieren auf den Intercon-Preis, den Journalisten dieses Edel-Blattes vor 30 Jahren zum letzten Mal erhalten haben. Eine Demütigung, die nun endlich überwunden werden soll: Die Agramoffs müssen schnell liefern, denn das Komitee zur diesjährigen Preisverleihung wird bald zusammentreten. Bis dahin müssen die Artikel erschienen sein!
Jetzt erwacht der Jagd- und Karriereinstinkt bei James und Klara. Die ersten Frühlingswochen in der Einsamkeit ihrer Waldvilla – aber auch die Sympathie und kontemplative Verdauungshilfe durch Nachbarn und Freunde – haben die letzten Reste von Erschöpfung und Resignation verschwinden lassen. James hat sein Lauftraining wieder aufgenommen und ist schließlich soweit, am alljährlichen Marathonlauf in einer der größten Metropolen des Landes teilzunehmen. Seine Waden und Oberschenkel erregen – mit schön definierten Muskeln – so manch geheimen Neid männlicher Nachbarn, die nicht die gleiche sportliche Disziplin aufbringen.
Trotz seines durchtrainierten, drahtigen Körpers geht James immer etwas nach vorn gebeugt; hat deshalb von Ferne den Anschein eines alten Mannes, der er noch lange nicht ist. Vielleicht ist es ein Ausdruck seiner angeborenen Scheu, dass er so oft auf den Boden starrt, wodurch eine etwas gekrümmte Haltung unbewusst entsteht, die leicht missverstanden werden kann.
Seit sich die beiden entschlossen haben, ernsthaft an die dringlich gewordene Artikelserie zu gehen, sitzen sie Tag und Nacht beisammen: Klara tippt mit rasend schnellen Fingern, was James diktiert; fügt hier und da selbst einen Satz ein, den sie vor sich hinspricht und gleichzeitig tippt. Er trägt unglaublich alte und bereits löchrige Trainingshosen, die an den Knien und am Po breite Ausbeulungen haben. Es muss wohl vor Jahren ein recht billiger Einkauf gewesen sein!! Klara hat ihre sanften Anregungen, nun doch endlich die alten, labberigen T-Shirts und Trainingshosen wegzuwerfen und durch neue zu ersetzen, die seinen sportlichen Körper nicht so schrecklich verunstalten, schon lange aufgegeben. Offensichtlich sind James die alten Sachen – Zeugen von unendlich vielen einsamen Waldläufen – so lieb geworden, dass er sich nicht von ihnen trennen kann! Klara braucht nicht zu überlegen, ob ihr der Mann oder seine Umhüllungen wichtiger sind. Also akzeptiert sie sein Vogelscheuchen-artiges Erscheinungsbild, ohne auch nur ein einziges spitzzüngiges Wort fallenzulassen. Er bedankt sich für ihr taktvolles Verständnis mit Wärme und Kameradschaft. James ist auch nicht wirklich begeistert von den langen Folklorekleidern, die Klara fast ständig im Hause trägt. Sie hatte sich in diese Sachen vor vielen Jahren verliebt und kauft – zum Leidweisen von James – ganze Kofferladungen von neuen Kleidern dieser Art ein, wenn sie wieder einmal in der Nähe des Herkunftslandes ist, dessen Name James immer wieder vergisst, vermutlich auch vergessen will.
Wenn Klara seinen Text weiterdenkt, ist von James meistens ein zustimmendes Brummen zu hören, wonach er an ihre Formulierung anschließt und den Faden weiter spinnt. Der Dialog der beiden Stimmen vereinigt sich zu einem spannend und klar dahin fließenden Text, der den abenteuerlichen Rahmen ihrer Erlebnisse zu einer brillanten Analyse der Außenpolitik der Regierung und der tödlichen Gefahren bei der Eskalation von Machtspielen werden lässt.
Innerhalb von zwei Wochen ist eine Serie von sechs langen Artikeln fertiggestellt und per E-Mail an die Redaktion übersandt. Es dauert nur Stunden, bis die ersten begeisterten Anrufe von Kollegen, dem Chefredakteur, sogar von den Herausgebern eintreffen. Offenbar hatten alle dringend auf die lang ersehnten Manuskripte gewartet, so dass sie sofort nach ihrem Eintreffen breit gestreut wurden. In diesen Artikeln hat James auch diejenigen Gedanken untergebracht, die eigentlich in seiner Rede im Präsidentenpalast vorkommen sollten und deren Präsentation er sich aus nachvollziehbaren Gründen in Rahmen der aktuellen medialen Ausschlachtung seiner Erlebnisse verkniffen hatte.
Im Kontext dieser breit angelegten Artikelserie der Agramoffs erscheint die fundamentale Kritik an der Regierung, am Präsidenten, an der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes, an ihrer Kurzsichtigkeit und Renditementalität nicht mehr so kleinlich und rachsüchtig, wie sie in den Tagen nach ihrer Rettung gewirkt hätte. Auch sind die Zusammenhänge viel weiter gespannt; der Atem ihrer Gedanken reicht über den konkreten Anlass hinaus.
Wenn eine Artikelserie – insbesondere auf dem Hintergrund eines respektablen Lebenswerkes – jemals einen Intercon-Preis verdient hatte, dann wohl diejenige von James und Klara. Ihnen steht die Krönung als weltweit wichtigste Journalisten in diesem Jahr zu. Die Zeitung verdient es ebenfalls, diesen Lorbeer nach mehr als 30 Jahren endlich wieder an ihr Revers heften zu können! Keiner im Preiskomitee würde zu einem anderen Urteil gelangen können!
Genauso einhellig ist das Echo der Öffentlichkeit, nachdem die Artikel erschienen sind: Die Agramoffs gelten nun nicht mehr nur als die erretten Helden aus einem internationalen Agententhriller. Sie gaben auch ein wunderbares Beispiel für die Bändigung höchster Gefahr durch tätige Liebe. Zudem sieht man in ihnen, mehr als je zuvor, scharfsichtige politische Analysten und visionäre Vordenker für neue Strategien in der internationalen Politik. Alle Artikel erscheinen als gemeinsames Werk von James und Klara. Sie ist dadurch aus dem Schatten ihres Mannes herausgetreten, hat sich von den ›weichen‹ Themen in Kunst und Literatur verabschiedet und wird nun endlich in den erlauchten Kreis der politischen Journalisten eingelassen.
Wochen später sitzen James und Klara in der ersten Reihe eines prächtigen Opernhauses inmitten von 2000 geladenen Gästen und erwarten die Bekanntgabe des Gewinners des Intercon-Preises. Es gibt nur einen Preis. Man erlaubt keine Verdünnung der Ehre – und des hohen Preisgeldes – durch die Aufspaltung in zahllose Verästelungen unterschiedlicher Kategorien, wie es in der Film- oder Musikbranche zur Regel geworden ist: Hier gibt es keine Trostpreise. Der Gewinner ist der strahlende Sieger und die anderen vier Nominierten gehen leer aus!
Zu der erlesenen Gruppe der fünf Auserwählten für den diesjährigen Intercon-Preis zu gehören, wäre noch vor einem Jahr für die Agramoffs der einsame Höhepunkt, vielleicht sogar Abschluss ihrer Karriere gewesen. Danach hätten sie sich in die umwaldete Einsiedelei zurückziehen und freiberuflich arbeiten können. Waren die beiden Agramoffs doch in der Nachbarschaft erfolgreicher Aussteiger das einzige Paar, welches sich noch auf der Jagd nach neuen Glanzpunkten ihrer Karriere befand und in den Turbulenzen der Welt die eigene Haut zu Markte trug.
Jetzt aber hatten die Agramoffs ihre Nominierung als klare Selbstverständlichkeit zur Kenntnis genommen. James brachte eines Tages das Schreiben des Auswahlkomitees vom Briefkasten zum Frühstückstisch mit und reichte es wortlos an Klara weiter. »Na, geht doch …«, hatte sie mit einem schelmischen Grinsen reagiert; insbesondere, als sie ihre beiden Namen auf der Nominierungsliste sah.
Nunmehr war der Preis ihnen sicher. Die damit verbundene Prämie machte sie auf Jahre hin finanziell unabhängig. James konnte seinen Job bei der Zeitung aufgeben; man würde sich an das gemeinsame Buch machen und von dessen Einkünften – und den Erträgen zukünftiger Bücher – gut in der preiswerten Einsamkeit der Wälder leben können. Endlich nicht mehr rasen und gejagt werden; endlich die Aussicht auf Kinder, Familie, Geborgenheit und Wärme!
So sitzt nun Klara neben James wie eine Frau, die eben von ihrer lang ersehnten Schwangerschaft erfahren hat und mit jeder Faser des Körpers der Geburt eines süßen Winzlings entgegen fiebert. Gerötete Wangen, leicht antoupiertes Haar, ein langes schwarzes Kleid, viel mehr Schminke also sonst (man muss die Anforderungen der Fernsehkameras berücksichtigen) vervollständigen das Bild festlicher Erwartung. James greift in die linke Innentasche seines Anzuges.
»Na, knistert es diesmal, oder müssen wir in meiner Handtasche nachgraben?«, zwinkert ihm Klara leise zu.
»Nein, ist alles da«, antwortet James, nachdem er Papier erfühlt hat.
»Bitte hol es raus. Ich will sicher sein, dass du nachher nicht die Einkaufsliste vom Supermarkt hervor holst!«, fleht ihn Klara mit halb ernster, halb spöttischer Miene an. Tatsächlich, als James die zusammengefalteten Zettel hervorzieht und entfaltet, strahlt ihm der Text der Dankesrede entgegen! Vorsichtig verstaut er ihn wieder an gleicher Stelle. Klara strahlt von innen und fiebert dem nur wenige Minuten entfernten, erlösenden Öffnen des Umschlages mit dem Gewinner entgegen. Schon sieht sie James in seinem neuen Smoking die Treppen athletisch hinaufeilen. Ein professorales Gesicht, getragen vom sportlichen Körper eines passionierten Langstreckenläufers; die Lungen noch angefüllt mit dem würzigen Duft der Wälder, in die beide bald wieder zurückkehren werden.
»Meine Damen und Herren, der Gewinner ist …« Der große Mann der Außenpolitik, ein wirklicher Weiser unter den ›Elder Statesman‹ des Landes, leitet in diesem Jahr die Zeremonie und öffnet den Umschlag, während im Saal geräuschvolle Stille herrscht. »Der Gewinner ist … Michael Stevas!«
Wie eine Lawine rauscht dieser Name über die Agramoffs hinweg. Wie kann das möglich sein??? Warum nicht wir, die doch ein Anrecht auf diesen Preis haben, wie kaum ein anderer Journalist zuvor? Die meisten Fernsehkameras sind auf die Agramoffs gerichtet, während der Preisträger vom erstaunlich zurückhaltenden Applaus langsam in Richtung der Bühne geschoben wird. James und Klara wissen, dass jetzt jede Falte ihres Gesichts von argwöhnischen Teleobjekten abgelichtet und ausgeforscht wird. Sie applaudieren so heftig sie können, um ihr krampfhaftes Grinsen durch die Kräftigkeit ihres Handschlagens etwas abzumildern. So kann es gehen, nur weiter klatschen und klatschen, bis sich die Kameras endlich wieder auf die Bühne richten!
Schließlich ist das sezierende Martyrium der Enttäuschung überstanden, Michael Stevas erhält die Trophäe. In seiner Dankesrede berichtet er über das Wettrennen zur Aufklärung der menschlichen Erbinformation. Mit diesem Thema hatte er sich in den letzten Jahren in vielen profunden Artikeln beschäftigt. Heute richtet sich sein Augenmerk besonders auf die Konkurrenz zwischen privat und öffentlich finanzierten Gruppen. Es sind die menschlichen, aber auch die kommerziellen Aspekte, die im Vordergrund seiner Betrachtungen stehen.
Wie beiläufig erwähnt er aber auch, dass ihm nie richtig klargeworden ist, wieso immer von ›Aufklärung‹ des menschlichen Genoms gesprochen wird, wenn doch nur rund 23.000 aktive Gene gefunden wurden und von der übergroßen Zahl derselben keine Funktion bekannt ist. Ohnehin sind Gene ja nur die lineare Morsesprache eines Codes, der mehrfach übersetzt und modifiziert werden muss, um überhaupt irgendeine Funktion zu haben.
»Haben wir uns vielleicht zu früh gefreut?«, schließt Michael Stevas seine Betrachtungen ab. »Liegen die wirklichen Geheimnisse der Vererbung vielleicht gar nicht in den relativ wenigen Genen, die mit so viel Jubel und Geld sequenziert, aber längst nicht verstanden wurden? Kann durch sie das Geheimnis der Differenzierung eines hochkomplexen Organismus aus einem Haufen gleichartiger embryonaler Zellen erklärt werden? Warum machen diese 30.000 Gene eigentlich weniger als 2 % der Erbinformation aus, die in jeder einzelnen Zelle unseres Körpers gespeichert ist und bei der Zellteilung akribisch genau kopiert wird? Wofür sind eigentlich die anderen 98 % gut?«
Stevas letzter Satz lässt sein Auditorium etwas ratlos zurück. Alle hier hatten sich so an den Gedanken gewöhnt, nun sei die menschliche Erbinformation – und auch die vieler Tiere – erschöpfend verstanden, dass dieses ›Wissen‹ schon fast den Charakter eines Glaubenssatzes angenommen hat. Auch James ist irritiert. Klara interessiert kein Wort von alldem. Sie ist ganz mit sich beschäftigt.
Stevas ist ein bekannter und guter Journalist, einer der alten Garde. Vielleicht hatte man nicht nur seine Artikel über den Wettlauf um die menschlichen Gene auszeichnen, sondern auch sein Lebenswerk ehren wollen. Er ist also keine obskure, sondern eine ordentliche Wahl. Aber warum wurden die Agramoffs übergangen, obwohl doch alle Medien in den Wochen vor der Preisverleihung einen klaren Sieg des Paares vorausgesagt hatten?
»Heute Abend wollte Mark vorbeikommen; vielleicht können wir draußen grillen. Der Frühling geht langsam zu Ende – wir sollten die letzten milden Tage noch genießen, bevor wir wieder unter der Sommerhitze und der Mückenplage ächzen …« Halb Frage, halb Ankündigung gehen Klaras Worte an James vorbei, der mit abwesendem Blick vor einem Buchmanuskript sitzt. Seit Wochen erweckt er den Anschein, daran zu arbeiten.
»Kann ich Mark sagen, dass er kommen soll?«, fragt Klara und stellt ihm dabei eine Tasse Tee auf den Schreibtisch.
»Welcher Mark?«
»Mark Pringsheim, der ehemalige Innenminister! Du hast ihn immer das ›Schildkröten-gesichtige Orakel‹ genannt, wenn er in unserem Kamin rumstocherte, in die Flammen sprach und dabei seine politischen Zukunftsvisionen verströmte. Das flackernde Licht des Feuers veränderte seine Züge, so dass er wie eine 250-jährige, faltige Riesenschildkröte aussah.«
»Warum auch nicht, ein guter Anlass, auf andere Gedanken zu kommen ...«, dann beginnt James erneut in seinem Manuskripten zu blättern, um den Zustand geistesabwesender Trance zu verschleiern, mit dem er sich schon seit Wochen hinter seiner Trauer verkriecht. Er schämt sich ob seiner Betroffenheit – es war doch nur ein Preis. Sein Ruhm wird durch die Niederlage nicht geschmälert. Viele Zeitungen hatten sehr pointiert kritisiert, dass die Agramoffs übergangen worden waren. Manche Spekulation war aufgetaucht und wieder verschwunden – eigentlich hatte niemand eine Erklärung.
