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Ein Platz am Tisch bedeutet nicht, dass Ihre Stimme auch willkommen ist. Zu wissen, dass etwas nicht richtig ist, bedeutet nicht, dass es einfach ist, das auch zu äußern. Tatsächlich gibt es für viele von uns Gründe zu schweigen. Warum sollten Sie sich äußern, wenn Sie wissen, dass Ihre Meinung nicht angenommen wird und die Situation oft nur noch schlimmer macht?
In »Gehört werden« erläutert Elaine Lin Hering, warum wir gelernt haben zu schweigen, warum wir von der Stille profitieren und andere Menschen zum Schweigen bringen – und wie wir einen anderen Weg einschlagen. Sie zeigt, wie man unbewusste Muster erkennt und verändert, um bewusst zu entscheiden, wie wir privat und beruflich auftreten möchten. Nur wenn wir das Schweigen »verlernen«, können wir unseren Anliegen Gehör verschaffen und Talente freisetzen. Und anderen Menschen dabei helfen, dasselbe zu tun.
Mit Empathie, Klarheit und Einfühlungsvermögen führt Hering die Leser*innen durch Beispiele aus der Praxis und bietet einen konkreten Fahrplan, um dem Schweigen ein Ende zu setzen.
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2025
Wenn Sie einen Platz am Tisch einnehmen, bedeutet das nicht automatisch, dass Ihre Stimme dort auch willkommen ist. Zu wissen, dass etwas nicht richtig ist, bedeutet nicht, dass es einfach ist, das auch zu äußern. Tatsächlich gibt es für viele von uns Anreize, zu schweigen. Warum sollten Sie sich äußern, wenn Sie wissen, dass Ihre Meinung nicht angenommen wird und die Situation oft nur noch schlimmer macht? In Gehört werden erläutert Elaine Lin Hering, warum wir gelernt haben zu schweigen, warum wir von der Stille profitieren und andere Menschen zum Schweigen bringen – und wie wir einen neuen Weg einschlagen. Sie zeigt, wie man unbewusste Muster erkennt und verändert, um bewusst zu entscheiden, wie wir privat und beruflich auftreten möchten. Nur wenn wir das Schweigen »verlernen«, können wir unseren Anliegen Gehör verschaffen und Talente freisetzen. Und anderen Menschen dabei helfen, dasselbe zu tun.
Mit Empathie, Klarheit und Einfühlungsvermögen führt Hering die Leserinnen und Leser durch Beispiele aus der Praxis und bietet einen konkreten Fahrplan, um dem Schweigen ganz bewusst ein Ende zu setzen.
Elaine Lin Hering ist Dozentin, Rednerin und Autorin. Sie arbeitet mit Führungskräften zusammen, um Kompetenzen in den Bereichen Verhandlung, Kommunikation und Konfliktmanagement aufzubauen. Im Laufe ihrer Karriere hat sie auf sechs Kontinenten und mit einer Vielzahl von Kunden in Unternehmen, Behörden und gemeinnützigen Organisationen gearbeitet. Sie hat Politiker, Gewerkschaftsführer, Ausbilder an Militärakademien und Führungskräfte bei Fortune-500-Unternehmen weitergebildet. Zusätzlich zu ihrer Arbeit bei Triad ist Elaine Dozentin für Jura an der Harvard Law School mit Schwerpunkt auf den Themen Mediation und Verhandlung.
Elaine Lin Hering
Überwinde, was dich am Sprechen hindert, und stehe für dich und andere ein
Aus dem amerikanischen Englisch von Elisabeth Liebl
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »UNLEARNINGSILENCE. How to Speak Your Mind, Unleash Talent, and Live More Fully« bei Penguin Life, einem Unternehmen von Penguin Random House LLC, New York.
Alle Ratschläge in diesem Buch wurden von der Autorin und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung der Autorin beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Deutsche Erstausgabe September 2025
Copyright © 2024 der Originalausgabe: Elaine Lin Hering
Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe: Mosaik Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 Mü[email protected]
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Doreen Fröhlich
Umschlag: Sabine Kwauka
Umschlagmotiv: shutterstock/tamago design
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
GS · MW
ISBN 978-3-641-33381-2V002
www.mosaik-verlag.de
Für jeden Menschen, der zum Verstummen gebracht wurde:Möge dieses Buch Ihnen helfen, Ihr tiefinnerstes Selbst zu würdigen.
Einführung
Teil I Bewusstsein schaffen
1 Das erlernte Schweigen
2 Das Problem mit dem Schweigen
3 Wann Schweigen sinnvoll ist
4 Wie wir uns selbst zum Verstummen bringen
5 Wie wir andere mundtot machen
Teil IIAktiv werden
6 Finden Sie zu Ihrer Stimme
7 Wie Sie sich Gehör verschaffen
8 Wie Sie sich zu Wort melden
9 Wie Sie die Stimme anderer akzeptieren lernen
10 Wie Sie das System ändern
Zu guter Letzt
Gehört werden: Der Weg zur eigenen Stimme
Danksagung
Anmerkungen
Jedem war bewusst, dass es nicht okay war von ihm, meine Arbeit als die seine zu verkaufen. Schließlich war ich diejenige gewesen, die bis spät in die Nacht aufblieb, um sämtliche Berechnungen fertigzustellen. Ich war es gewesen, die sich mit den Investoren abgestimmt hatte. Ich war diejenige gewesen, die unzählige Seiten Notizen zu drei knappen Punkten zusammengefasst hatte, die man einprägsam in eine Präsentation packen konnte. Jeder wusste, dass es meine Arbeit war, die in diesem Projekt steckte.
Jeder bis auf den Manager, der die Entscheidungen traf.
Und doch sagte niemand auch nur ein Wort, als mein Kollege für meine Leistungen die Lorbeeren erntete.
Als der Manager seine brillante Arbeit lobte.
Als mein Kollege dafür befördert wurde.
Ich war so wütend. Auf ihn. Auf die anderen. Auf mich selbst. Warum hatte ich nicht protestiert? Warum hatte ich keinen Weg gefunden, die Anerkennung für mich zu reklamieren? Es war meine Arbeit. Meine ganze Arbeit.
Aber es hätte doch kleinlich gewirkt, wenn ich etwas gesagt hätte.
Wenn ich den Mund aufgemacht hätte, wäre ich keine Teamplayerin mehr gewesen.
Den Mund aufzumachen … hätte am Ende ja doch nichts gebracht.
Ich hasse es, für mich einzutreten. Es ist so ermüdend, und manchmal ist es auch entwürdigend. Man müsste den anderen haarklein auseinandersetzen, warum man denkt, was man denkt, um die eigene Existenz zu rechtfertigen. Und wenn niemand anderer den Mund aufmacht, fühlt es sich an, als begebe man sich direkt in die Schusslinie, ganz allein, ohne Deckung und unbewaffnet.
Aber wie heißt es doch so schön: Wenn du selbst nicht für dich eintrittst, wer soll es dann tun?
Vom Sprechtrainer in der Highschool, der mich anschrie: »Sprich lauter!«, über den Vorgesetzten an meiner ersten Arbeitsstelle, der mich aufforderte: »Sagen Sie uns, was Sie wirklich denken!« (nur um mir dann zu erklären, warum meine Ideen falsch waren): Hätte ich pro Person, die mir geraten hat, den Mund aufzumachen, nur zehn Cent bekommen, könnte ich mich längst zur Ruhe setzen.
Unglücklicherweise ist den Mund aufzumachen nicht ganz so einfach, wie lauter zu sprechen. Nicht jeder Mensch ist in der glücklichen Lage, dass er sagen kann, was er wirklich denkt.
Dabei würden Sie wohl nicht darauf kommen, dass ich Probleme habe, zu sagen, was ich denke.
Ich kann ausgezeichnete Uni-Abschlüsse vorweisen und lehre an einigen der besten Universitäten der Welt. Vor meinem Namen steht der Titel »Managing Partner« und dahinter die Buchstaben JD: juris doctor, also Doktor der Juristerei. Ich habe schon Vorträge vor bis zu 300 000 Zuhörern gehalten und verdiene meinen Lebensunterhalt mit Vorträgen und der Vermittlung von Führungsqualitäten.
Und vielleicht hätten Sie gar nicht erst überlegen müssen, ob ich Probleme damit habe, Anwältin in eigener Sache zu sein. Sie wären einfach davon ausgegangen, dass das der Fall ist.
Immerhin bin ich eine Frau, Asiatin und (vergleichsweise) jung. Das damit verbundene Klischee ist zutreffend und statistisch erwiesen: Als Berufseinsteiger sind Leute wie ich willkommen, bei der Beförderung auf einen Managementposten aber werden sie gewöhnlich übersehen. Die meisten nehmen an, dass wir fleißig sind und keine Probleme machen. Aber sie unterstellen uns auch, dass es uns an Visionen, Selbstbewusstsein, Kompetenz und Cleverness fehlt, um eine Führungsposition einzunehmen.
Ich kam in den 1980ern aus Taiwan in die Vereinigten Staaten. Man hat mir beigebracht, Leistung zu bringen, den Kopf einzuziehen und mich anzupassen. Dafür würde ich am Ende belohnt werden. Meine Geschichte unterscheidet sich nicht so sehr von der anderer Migranten. Unser Erfolgsrezept war es, guai zu sein, fügsam, und die Rollen auszufüllen, die man uns zugestand.
Ich bin das lebendige Beispiel für den Minderheitenmythos. Stabile Familie mit Vater und Mutter, eine glatte Einserstudentin, tolle Freunde. Ich studierte an der renommierten University of California in Berkeley, einfach weil es praktisch war, sich für eine Uni in der Nähe zum Heimatort zu entscheiden. Danach habe ich an der Harvard Law School studiert und gelehrt. Ich erfülle sämtliche Kriterien, die uns angeblich ein gutes Leben garantieren. In manchen Kreisen würde man von mir sagen, dass ich es geschafft habe. Worüber beklage ich mich dann?
Wenn Erfolg einzig darin bestünde, mit am Tisch zu sitzen, dann wäre ich erfolgreich.
Aber »mit am Tisch zu sitzen« heißt eben noch lange nicht, dass Ihre Stimme auch ein offenes Ohr findet.
So werde ich zum Beispiel immer dann gefragt, wenn es um die »Minderheitenperspektive« geht – als könnte ich für alle Frauen, People of Color und historisch unterdrückte Gruppen sprechen. Häufig bin ich nur Teil der Runde, damit die eigentlich Mächtigen sich gut fühlen (oder die Statistik im Jahresbericht für die Aktionäre sich aufhübschen lässt). Optisch sieht das Ganze dann zumindest ein bisschen diverser aus. Was aber nicht heißt, dass meine Meinung wirklich gefragt ist.
Ich bin ein Bauer im Spiel: anwesend, aber stumm.
Den Mund zu halten ist eine Überlebensstrategie, um nicht Zielscheibe negativer Kritik zu werden. Schweigen heißt, dass ich mich in den sogenannten »gesunden« Auseinandersetzungen, nach denen ich mich regelmäßig verletzt und durchgeschüttelt fühle, nicht zu Wort melde. Manchmal bedeutet den Mund halten auch schlicht die Möglichkeit, den Job zu behalten, der meinen Lebensunterhalt sichert.
Ich habe das Schweigen erlernt, verinnerlicht und wurde häufig dafür belohnt.
Ich habe schon an Teambesprechungen teilgenommen, in denen George meint, Chen solle die ganzen Berechnungen machen, weil Asiaten doch so gut in Mathe sind. Nicht zu fassen! Diese Klischees sind so alt und abgedroschen, dass sie mich an die Sitcoms aus den Achtzigern erinnern. Ich habe aber nichts gesagt, weil es nichts gebracht hätte, George zu verärgern. Es ist ja nur ein Witz. George ist eben George.[1] Außerdem: Geht mich das Ganze wirklich etwas an? Alles, was ich will, ist doch, dass die Arbeit gut läuft. Es ist so viel einfacher, sich bedeckt zu halten.
Aber wenn es mich nichts angeht, wen dann?
Vielleicht denken Sie jetzt ja: ›Ich würde etwas sagen. Jemand muss schließlich etwas unternehmen, sonst wird sich nie was ändern. So bin ich einfach. Ich tue, was richtig ist und setze mich auch für andere ein!‹
Aber würden Sie das wirklich tun?
Wenn Sie glauben, dass die neue Idee Ihres Chefs Ihrer Kollegin das Leben zur Hölle machen wird: Sagen Sie dann etwas? Wenn Sie wissen, dass das Team die Ziele für das vierte Quartal nie schaffen wird, weil sie einfach unrealistisch sind: Machen Sie den Mund auf? Wenn das, was Ihr Nachbar so treibt, fast schon kriminell ist: Sprechen Sie ihn darauf an? Wenn der Dekan Ihrer Universität etwas sagt, was die Studierenden herabsetzt: Weisen Sie ihn darauf hin? Wenn einer Ihrer Freunde in der Happy Hour einen rassistischen Witz reißt: Fahren Sie ihm dann über den Mund? Wenn es Sie schockiert, dass Ihr Partner oder Ihre Partnerin sich über den behinderten Nachbarn lustig macht: Äußern Sie Ihre Kritik?
Von diesen Menschen hängt es ab, dass Sie Ihr Gehalt bekommen und befördert werden. Oder dass Sie sich wohlfühlen. Ganz bestimmt war das doch nicht so gemeint, wie es sich angehört hat.
Oder etwa doch?
Auf Befragen geben die meisten Manager an, sie wünschten sich, ihre Mitarbeiter würden sie darauf hinweisen, wenn etwas schiefläuft. Arbeitgeber möchten, dass ihre Angestellten sie über eventuelle Sicherheitsmängel oder negatives Verhalten informieren, bevor das für das Unternehmen zum Problem wird. Und die meisten Menschen antworten auf die Frage, ob sie sich ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Freunden und Partnerinnen wünschen, mit Ja. Um in all diesen Beziehungen tatsächlich gehört, gesehen und akzeptiert zu werden, müssen wir sagen, was wir denken.
Aber wie viele von uns tun das tatsächlich?
Denn es gibt gerade genug Anreize, stumm zu bleiben. Menschen mit einer traditionell marginalisierten Identität empfinden die Vorstellung, zu sagen, was Sache ist, vermutlich als riskant und unangenehm. Aber wie können wir lernen, unsere Stimme zu erheben, wenn die Welt uns immer wieder signalisiert, das doch bitte bleiben zu lassen? Schweigen verheißt Sicherheit und Selbstschutz. Sich selbst einen Maulkorb umzulegen fühlt sich vielleicht ungut an, aber vermutlich doch besser als die Reaktionen Ihrer Umwelt, die Sie zu spüren bekommen, wenn Sie Klartext reden. Warum also sich dem emotional aussetzen, wenn man doch weiß, dass dies nicht geschätzt wird und man seine Lage möglicherweise verschlechtert, statt sie zu verbessern?
Und doch: Individuell und kollektiv hängen Sicherheit, Wohlbefinden und Fortschritt am Ende davon ab, dass wir Kante zeigen. Was aber heißt das nun für uns?
Dies ist ein Buch über das Verstummen. Es geht darum, wie wir unsere Stimme zum Schweigen gebracht haben, wie wir davon profitierten, dass wir uns und andere mundtot gemacht haben – und wie wir uns anders entscheiden können. Dieses Buch handelt davon, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was wir erlernt haben; davon, uns von unbewussten Mustern zu verabschieden, damit wir bewusst entscheiden können, wie wir uns künftig zeigen wollen. Davon, wie wir unsere Talente erwecken, sagen können, was wir denken, sodass wir eine ganzheitlichere Version unser selbst sind – und auch anderen Menschen dazu verhelfen können.
Dies ist ein Buch für jene Menschen, denen man gesagt hat, sie müssten ihre Stimme erheben, um mehr Führungsqualitäten zu zeigen; die in Meetings offen ihre Meinung sagen und auch gehört werden wollen.
Ein Buch für alle die, die zum Verstummen gebracht wurden: denen man gesagt hat, sie seien nicht gut genug. Die jedes Wort, das sie an jemand anderen richten, jedes Wort darüber, was in ihnen steckt, auf die Goldwaage legen müssen. Die nicht einmal mehr wissen, wie ihre Stimme klingt, weil sie jahrelang niedergeschwiegen wurden.
Ein Buch für all jene Menschen, die gesehen und gehört werden, die Akzeptanz und Wertschätzung finden möchten. Denen mittlerweile klar ist, dass die Menschen um sie herum ihnen keine Unterstützung geben können, wenn sie ihnen nicht in aller Deutlichkeit signalisieren, in welcher Form das geschehen soll.
Dies ist aber auch ein Buch für wohlmeinende Führungspersönlichkeiten und Familienmitglieder, die ihre Sache in Zukunft besser machen möchten. Sie wollen unbedingt die Würde jedes einzelnen Menschen achten, aber Sie erkennen nicht, wie Ihr Handeln gerade jene Menschen zum Schweigen verurteilt, die Sie fördern möchten.
Ich spreche in diesem Buch immer wieder von »wir«, weil ich zu den Menschen gehöre, die zum Verstummen gebracht wurden. Aber auch zu denen, die – trotz bester Absichten – andere mundtot machen. Dieses Verstummen hat Folgen, die Menschen mit einer marginalisierten Identität am stärksten treffen. Trotzdem richtet sich dieses Buch an alle Menschen – denn ein gesünderer Umgang mit der eigenen Stimme fängt bei jedem Einzelnen an.
Schweigen ist per Definition eine Form von Abwesenheit – die Abwesenheit der Stimme. Abwesenheit einer Meinung, Abwesenheit des Lebens. Das Ganze beginnt so schleichend, dass wir es noch nicht einmal merken. Wir behalten unsere wahren Gedanken für uns und äußern sie in Gesprächen nicht. Stattdessen sagen wir Dinge, die andere unserer Meinung nach hören wollen. Aber weil wir mit unseren Gedanken hinter dem Berg halten und weil wir keinen Raum schaffen, wo Menschen ihre Ideen gefahrlos teilen können, geht uns beim Brainstorming so manche brillante Idee verloren. Oder bleibt die Warnung unausgesprochen, die uns viel Herzschmerz oder Kopfzerbrechen erspart hätte.
»Schweigen« heißt auch: Wir beißen uns um des lieben Friedens willen auf die Zunge. Wir wählen unsere Worte so, dass die Reaktion nicht heftiger ausfällt, als wir es verkraften können. Es heißt, die Rolle zu spielen, die man Ihnen zugedacht hat, und nicht die, die Sie gern spielen würden.
Das Verstummen geschieht, wenn man uns nicht erlaubt oder ermöglicht, ins Gespräch einzugreifen – weil dafür kein Raum ist, man uns nicht einlädt oder uns nicht für würdig erachtet. Zum Verstummen bringt man uns, wenn es heißt, wir sollten hübsch sein und ansonsten den Mund halten. Oder wenn man Ihnen zu verstehen gibt, dass Sie nur deswegen hier sind, weil man Sie noch nicht weggeschickt hat. Oder wenn niemand daran gedacht hat, Sie einzuladen, und Sie das Gefühl haben, besser nicht nachzufragen.
»Schweigen« heißt auch, dass uns die Luft im Raum fehlt, weil die Ansichten, Persönlichkeiten und Prioritäten der anderen alle Energie aufgebraucht haben. Es heißt, dass Stimmen sich überlagern, nur nicht die Ihre. Und dass es immer anstrengender wird, sich Gehör zu verschaffen.
Zum Verstummen gebracht werden Sie, wenn Sie selbst glauben, dass Ihre Idee es nicht wert ist, gehört zu werden. Weil die Stimme in Ihrem Kopf Ihnen sagt, das sei sowieso alles Quatsch – wie es die anderen Kinder getan haben, als Sie noch zur Schule gingen. Zum Schweigen verurteilt sind Sie auch dann, wenn Sie Informationen für sich behalten und Ihre Ansichten nicht teilen, weil es angeblich der Mühe nicht wert ist oder Sie die Konsequenzen fürchten.
»Schweigen« heißt, dass wir einen Teil unser selbst verstecken, weil er für andere nicht akzeptabel ist. Dass wir unser wahres Selbst verrenken und verbergen, wer wir eigentlich sind, um andere Menschen nicht mit etwas zu konfrontieren, was diese nervt. Dass wir unsere Würde drangeben, damit jemand anderes bekommt, was er will.
»Verstummen« bedeutet auch, dass Sie einen Raum schaffen möchten, in dem die Menschen sich sicher fühlen und das Wort ergreifen. Nur bringen Sie sie eben nicht dazu, das zu tun. »Stumm sein« heißt: Sie sagen, dass Ihnen Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion am Herzen liegen, und doch finden Sie keinen Weg, diese Dinge zu leben. Stumm sind Sie, wenn Sie das Richtige tun wollen, aber alles, was Sie anpacken, schiefläuft.
»Schweigen«: Das sind all die Botschaften über angemessenes, akzeptables und gutes Verhalten, die wir verinnerlicht haben – die wir im Laufe unseres Lebens erlernt haben, durch Dinge, die wir gesehen oder gehört haben und für die wir gelobt wurden.
Oft ist das Schweigen auch der Weg des geringsten Widerstands. Der viel zu häufig als der einzig gangbare erscheint. Die Gewohnheit, andere zum Schweigen zu bringen, ist uns so sehr zum Reflex geworden, dass wir vergessen haben: Wir haben eine Wahl. Wenn Sie gelernt haben, mit diesem Schweigen zu leben, dann wissen Sie nicht mehr, was stattdessen eigentlich möglich wäre.
Es gibt ein Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Geisteswissenschaftler haben seine Ursprünge ins Arabien des 9. Jahrhunderts zurückverfolgt. Damals wurden Reden und Schweigen erstmals in klingender Münze gemessen.[2] Und zweifellos gilt das Schweigen in alten Weisheitslehren als ebenso kostbar wie im modernen Leben. Im religiösen wie spirituellen Umfeld wird Schweigen regelrecht geübt. Die hinduistische Praxis des mauna ist das Gelöbnis, für eine bestimmte Zeit zu schweigen, um den Geist zur Stille zu bewegen. Für buddhistische Mönche ist das Schweigen ein Weg, rechte Rede und Gewaltfreiheit zu praktizieren. Auch Bibel und Koran weisen auf die Bedeutung des Schweigens hin und warnen vor den Gefahren einer losen Zunge. Schweigen ist die Grundlage der Achtsamkeit.
Studien zeigen, dass das stille Arbeiten den Geist weniger anstrengt und weniger Stress verursacht als das Arbeiten mit Hintergrundlärm.[3] Zwei Minuten der Stille können den Blutdruck senken und die Blutzufuhr zum Gehirn erhöhen.[4] Imke Kirste studiert regenerative Biologie an der Duke University. Sie fand heraus, dass zwei Stunden Stille pro Tag die Zellentwicklung im Hippocampus von Mäusen fördert. Dieses Gehirnareal steuert Lernen, Gedächtnisbildung und Emotionsregulierung.[5] Neurologen macht diese Entdeckung optimistisch, was die therapeutische Anwendung von Stille für die Regeneration von Gehirnschäden angeht.
Selbst im Disneyklassiker Bambi werden die Vorzüge des Schweigens gelobt: »Wenn du nichts Nettes sagen kannst, dann sag lieber gar nichts.« Aber wer entscheidet denn, was nett ist? Und was, wenn das, was ich sage und wie ich es sage, Ihnen eben nicht nett erscheint? Was dann?
Wenn das Schweigen so viele Vorteile bietet, warum sollten wir uns dann bemühen, es zu verlernen?
Viele Organisationen oder soziale Gruppen sind vergleichsweise homogen. Der Großteil der großen Unternehmen in der westlichen Welt ist immer noch vorwiegend Weiß. Und viele weltweit operierende Unternehmen werden immer noch von Weißen Männern geführt. Das Weiße Patriarchat – womit eine Organisationsform gemeint ist, in der vor allem Weiße Männer die Macht ausüben und deren Privilegien genießen – herrscht immer noch vor. Ja, genau, ich habe gerade geschrieben »Weißes Patriarchat«. Mir ist durchaus klar, dass ich Ihnen jetzt möglicherweise zu radikal erscheine oder zu politisch. Aber Homogenität bringt nun einmal Normen und Kulturen hervor, die keineswegs alle Identitäten umfassen. Selbst wenn einige nicht-Weiße und nicht-männliche Menschen mit am Tisch sitzen, wird deren Handeln (oder Schweigen) vermutlich die Normen der Mehrheit widerspiegeln – das ist konstruktionsbedingt.
Und die Frage, wer entscheidet, was angemessen und akzeptabel ist, bleibt nicht auf den Arbeitsplatz beschränkt. Wenn Sie Ihr Aussehen verändern, Ihre Ernährung und das, was Sie witzig finden – dann nimmt der Club Sie vielleicht auf, und auch der Freundeskreis wird Sie möglicherweise akzeptieren. Wir segregieren auf der Grundlage dessen, was wir verdienen, welche politischen und religiösen Ansichten wir haben und mit welchen Menschen wir Umgang pflegen. (Wirtschaftswissenschaftler und Soziologinnen hätten wohl lieber, dass ich hier von Kategorien spreche, in die wir unsere Mitmenschen »einsortieren«.[6] Aber wenn das Ergebnis unseres Handelns die Segregation ist, warum sollten wir dann selbst die Wirklichkeit zum Schweigen verurteilen.) Der Gemeinschaft, in der wir leben, unserem höchstpersönlichen »Dorf«, wohnt die Macht inne, gerade jene Teile unseres Selbst zu stärken oder aber totzuschweigen, die uns ausmachen.
Ich weiß das. Seit ich als Migrantin in die Vereinigten Staaten kam, befinde ich mich in einem kontinuierlich laufenden Selbstversuch zur maximalen Anpassung. Meine Eltern konnten sich aussuchen, in welchem Viertel sie leben wollten. Sie entschieden sich für die Weißen Vorstädte und gegen die ethnische Enklave. Und sie gaben mir einen westlichen Namen, damit mir bei der Anpassung nicht im Weg stehen würde, wie ich heiße. Und von dem einzigen nicht-Weißen Kind in der Schule wurde ich zur einzigen nicht-Weißen Partnerin in einem Consultingunternehmen.
Ich habe mir lange gesagt, meine Superkraft sei es, das perfekte Chamäleon zu sein – fähig, mich an alle Menschen anzupassen, die anders waren als ich. Das hieß: Ich besaß die Gabe, mit Straßenarbeitern im ländlichen Australien ebenso gut zusammenzuarbeiten wie mit Mikrokreditgebern in Tansania. Es hieß: Ich konnte jene Rollen spielen, die nötig waren, um auf Unternehmensvorstände zuzugehen und glaubwürdig zu wirken, auch wenn diese 40 Jahre älter waren als ich. Es bedeutete: Ich wusste, wie ich das Feedback, ich solle »mehr sein wie ein Mann«, zu nehmen hatte, als ich mit den Managern eines globalen Versicherungsunternehmens zu tun hatte. Ich wusste immer, wie ich mich für einen fremden Gaumen schmackhaft machen konnte.
Allerdings merkte ich bald, dass mir dabei etwas sehr Wichtiges abhandenkam.
Mein Ich. Meine Gedanken. Meine Gefühle. Meine eigenen Ideen. Meine urpersönliche Art, zu sein.
Ich habe mehr als zehn Jahre damit zugebracht, Workshops zu moderieren, Vorträge zu halten und Führungspersönlichkeiten zu zeigen, wie man Verhandlungen oder schwierige Gespräche führt, seinen Einfluss steigert sowie Feedback gibt und annimmt. Lauter Fähigkeiten, die für die Führung und die Arbeit in einer mehr und mehr automatisierten und zersplitterten Welt ganz entscheidend sind. Die Theorien und Methoden meiner Kollegen und Kolleginnen vom Harvard Negotiation Project sind absolut fundiert. Trotzdem habe ich mich immer gefragt: Warum verhandeln die Leute dann nicht wirklich oder führen besagte schwierige Gespräche? Warum gibt der Manager trotz aller Bitten seines Vorgesetzten oder der Personalabteilung dem Mitarbeiter dann kein Feedback? Stattdessen wird dieser wegrationalisiert oder zu einem anderen Manager abgeschoben. Warum beklagen wir uns bei unseren Freunden über andere Leute in der Kirchengemeinde, unserer Fußballmannschaft oder unseren Familien und reden nie direkt mit den Betreffenden über mögliche Probleme? Warum beschneiden wir ständig Teile unseres Ichs, um akzeptiert zu werden?
Die Antwort? Der allgegenwärtige Einfluss des Schweigegebots.
Jenes Schweigens, das wir alle erlernt haben, von dem wir immer noch profitieren und für das man uns lobt. Weil das Schweigen als angemessen und professionell gilt. Weil es uns ein besseres Resultat verschafft – oder uns hilft, kurzfristig Schmerz zu vermeiden. Wir schätzen das Schweigen, weil es uns vertraut ist. Als Bewältigungsmechanismus und als Strategie, um Ordnung zu halten. Das Schweigen beschert uns bekannte Resultate – vor allem persönliche Sicherheit und Wohlbefinden, auch wenn beides vergänglich ist. Wenn wir uns auf die Zunge beißen, gibt es an Thanksgiving keinen Streit – schließlich sehen wir die Leute ja erst im nächsten Jahr wieder, wenn wir Glück haben.
Diese unbewussten Verhaltensweisen rund um das Schweigen sind uns im Alltag selbstverständlich geworden. Aber wenn wir die Rolle nicht begreifen, die das Schweigen für unser Leben und unseren persönlichen Nutzen spielt, dann können wir uns auch nicht bewusst dagegen entscheiden.
Dabei ist unser eigenes Schweigen nur ein Teil des Puzzles. Ob wir es nun wollen oder nicht: Jeder und jede von uns bringt auch andere Menschen zum Verstummen.
Jetzt schütteln Sie vermutlich den Kopf: »So bin ich nicht! Ich bin nett, inklusiv und offen. Ich achte auf andere Menschen und baue sie auf. Ich mache doch niemanden nieder.«
Ich weiß, was Sie meinen. Aber wenn Sie ein Mensch sind, dann heißt das: An irgendeinem Punkt in Ihrem Leben haben Sie es anderen Menschen schon einmal schwer gemacht, ihre Meinung zu sagen. Wir alle haben das schon getan.
Ich bin die Erste, die das zugibt.
Fragt mich eine andere Mutter, welche Pläne ich für meinen Sohn in den Ferien habe, zucke ich mit den Schultern und sage, das wüsste ich noch nicht. Daraufhin kommt es wie aus der Pistole geschossen: »Sie wissen ja, dass man in die Lerncamps nicht so ohne Weiteres reinkommt.«
Und bevor ich darauf noch etwas erwidern kann …
»Die Naturwissenschaftsprogramme sind die besten. Dort gibt es sogar Bio-Essen zu Mittag.«
»Noch besser ist es, wenn Sie in das zweisprachige Programm kommen. Das fördert die Gehirnentwicklung.«
»Sie wollen doch, dass Ihr Sohn Erfolg hat, oder?«
Ich schalte auf Durchzug, weil ich für dieses Insistieren – so gut es auch gemeint ist – in meinem Leben keinen Platz habe. Als ich die Frau wiedersehe, gehe ich ein bisschen langsamer und gucke länger aufs Handy als unbedingt nötig, nur damit ich mich mit ihr nicht abgeben muss. Ich »vergesse«, auf ihre Nachrichten zu antworten.
Bin ich stolz darauf, dass meine Konfliktvermeidungstendenzen zum Vorschein kommen? Ganz sicher nicht.
Ist das kleinlich von mir? Vielleicht.
Aber brauche ich noch einen Menschen, der mir ständig völlig zusammenhanglos ungebeten Ratschläge erteilt? Nein.
Das Schweigen erlaubt mir, die Dame dort zu halten, wo ich sie haben möchte – auf Abstand.
Wir alle haben schon mal signalisiert, dass wir keine Lust haben, uns anzuhören, was unser Gegenüber zu sagen hat. Vielleicht, weil diese Person einfach falschlag. Oder wir mit dem Gesagten nicht einverstanden waren. Oder weil ihre Worte uns verärgert und verletzt haben. Vielleicht aber war es auch die zwölfte Frage in vier Minuten, und wir hatten wirklich nicht mehr den Nerv für noch ein »Warum?«. (Liebe Eltern kleiner Kinder: Ich bin da ganz auf Ihrer Seite!)
Absicht oder nicht – wir alle haben andere Menschen schon einmal zum Schweigen gebracht. Ich meine das auch gar nicht als Kritik. Ich möchte nur unser Bewusstsein dafür schärfen, sodass wir eher als die Menschen auftreten können, die wir sein wollen, und Räume schaffen, in denen Zusammengehörigkeit, Würde und Gerechtigkeit gelebt werden.
Um das Verstummen zu verlernen, um zu lernen, zu hören und gehört zu werden, braucht es sowohl eine gewisse Bewusstheit dafür als auch ein Handeln. Daher umfasst dieses Buch zwei Teile.
Im ersten Teil geht es darum, das Bewusstsein für die individuellen und kollektiven Mechanismen des Verstummens zu steigern, die uns umgeben und unseren Alltag prägen. In Kapitel 1 bis 5 erwerben Sie ein grundlegendes Verständnis für das erlernte Schweigen, damit Sie erkennen, wie wir uns selbst und andere zum Verstummen bringen. Der zweite Teil des Buches präsentiert praxisorientierte Strategien, mit denen Sie Ihre Stimme lebendig werden lassen. Und Sie lernen, wie man Familien, Teams und Gemeinschaften aufbaut, die Unterstützung bieten, statt andere totzuschweigen. Kapitel 6 bis 10 zeigen Ihnen, was Sie anders machen können.
Wenn Sie – wie ich – ein handlungsorientierter Mensch sind, dann habe ich eine Bitte an Sie: Bitte überspringen Sie die ersten fünf Kapitel nicht, nur um alsgleich zur Tat zu schreiten! Verhaltensänderungen, die nicht auf einem gründlichen kognitiven und emotionalen Verständnis dessen fußen, was hier auf dem Spiel steht und warum eine Veränderung sinnvoll ist, bleiben irgendwie leer – und haben gewöhnlich auch keinen nachhaltigen Effekt. Raum für Ihre Stimme und die Ihrer Mitmenschen zu schaffen ist nicht nur eine Frage der richtigen Worte. Wenn wir unsere Gewohnheiten rund um das Verstummen verlernen wollen, brauchen wir ein grundlegendes Verständnis dafür, warum das Schweigen problematisch ist. Und es braucht die Bereitschaft jedes Einzelnen, die persönlichen und sozialen Unannehmlichkeiten auszuhalten, die sich unweigerlich einstellen, wenn wir neue Reflexe entwickeln wollen. In Kapitel 1 bis 5 werde ich so deutlich und so mitfühlend, wie es mir möglich ist, uns zu dieser Einsicht verhelfen.
Eine Bemerkung vorweg
Ich hatte die einzigartige Ehre, Gespräche in Gang zu bringen, wie sie Menschen im Normalfall nicht führen. Ob es nun um die ungefilterte Meinung von Arbeitnehmern über ihre Vorgesetzten ging oder um Team-Meetings, in denen einschneidende Entscheidungen getroffen wurden. Mitunter hatte ich auch mit Menschen zu tun, die nicht wussten, dass ich zweisprachig bin, und sich untereinander in einer dieser Sprachen unterhielten, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ich habe also erlebt, was Menschen wirklich denken und empfinden.
Dieses Buch ist eine Mischung aus Fallstudien, Forschungsarbeiten und persönlichen Erfahrungen. Die Fallstudien beruhen auf Beobachtungen meinerseits, Berichten anderer Menschen und Gesprächen, an denen ich teilgenommen habe. Des Weiteren werde ich Beispiele von Situationen bringen, die sich zwischen Freunden, Angehörigen, Kolleginnen und Gemeindemitgliedern zugetragen haben. Sie wirken auf den ersten Blick recht unschuldig, doch auf den zweiten zeigen sie deutlich, wie weit sich das Schweigen in unserem Leben schon ausgebreitet hat.
Jeder von uns besitzt viele Identitäten: Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Alter, Bildungsstand, Geburtsreihenfolge und so weiter. Wo eine spezifische Identität für die Fallstudie von Bedeutung ist, weise ich darauf hin. Das heißt, dass ich die ethnische Zugehörigkeit der Beteiligten nenne und sie mit einem Großbuchstaben versehe: »Weiß«, zum Beispiel. Wo die Identität für die Fallstudie kein bestimmender Faktor ist, lasse ich diesen Zusatz weg, um die Universalität unserer menschlichen Erfahrung zu unterstreichen. Auch wenn die genannte Identität nicht die Ihre sein sollte, möchte ich Sie bitten, sich zu überlegen, ob die geschilderte Dynamik für Sie und Ihr Umfeld von Bedeutung ist.
Wenn wir gehört werden wollen, wenn wir Räume schaffen möchten, in denen andere Menschen gehört werden, müssen wir begreifen, wie Macht, Identität, Privilegien und erlernte Muster uns zum Verstummen bringen. Wir müssen darauf achten, dass alle ihre Stimme erheben können, indem wir die Funktion offenlegen, die das Schweigen hat. Wir müssen unsere Beziehung zum Verstummen verstehen und aktiv darauf reagieren. Wir müssen verlernen, wie wir uns selbst und andere der Stimme berauben. Wir müssen das Schweigen verlernen.
»Ich will nicht in Tante Beccas Haus gehen. Dort riecht es!«, protestierte der fünf Jahre alte Charlie.
Charlies Mama brachte ihn flugs zum Schweigen. »Still, Charlie. Sei nett.«
»Aber es stimmt doch«, quengelte er weiter.
Charlies Mutter überlegte kurz.
Es stimmte tatsächlich. Weder die industrietauglichen Lufterfrischer noch die schicken neuen Geruchskiller, die sie beim Shoppingkanal bestellt und Becca mitgebracht hatte, konnten den Katzengeruch überdecken. Wenn sie ehrlich war, ging auch sie nicht so gern zu Becca.
»Ruhe jetzt, Charlie«, sagte sie trocken. »Becca gehört zur Familie. Wir müssen gehen und sie besuchen.«
»Aber ich mag nicht.«
»Spielt keine Rolle. Wir gehen trotzdem hin.«
Charlie zog einen Flunsch, aber natürlich folgte er seiner Mutter.
Wie Charlie hegen auch wir in unseren frühen Lebensjahren bestimmte Ideen und Vorlieben darüber, wo wir gern hinwollen, was wir am liebsten tun oder welche Umgebung uns am besten gefällt. Aber mit der Zeit lernen wir im Namen von Anstand und Respekt, uns still zu verhalten. Wir lernen vor allem, dass solchen Gedanken letztlich keinerlei Bedeutung zukommt. Familie und Freundeskreis bestärken uns darin, diese Regeln einzuhalten, bis sie im Geiste dessen, was als gut, angemessen oder normal gilt, in Stein gemeißelt sind. Wir bilden automatische Gewohnheiten aus, indem wir uns und andere aufgrund individueller, struktureller, sozialer und intrapersoneller Erfahrungen zum Schweigen verdammen.
In diesem Kapitel wird es darum gehen, welche Rolle das erlernte Schweigen in all den oben genannten Lebensbereichen spielt, damit Sie verstehen, wie es Ihren Alltag beherrscht. Meine Hoffnung ist, dass so Regeln und Gewohnheiten, denen wir vielleicht unbewusst folgen, ans Licht des Bewusstseins gehoben werden, sodass wir fundiert entscheiden können, ob sie uns auch heute noch gute Dienste leisten.
Was heißt es, seine Stimme zu erheben?
Zunächst einmal ist es das Gegenteil von Schweigen.
Aber das bedeutet mehr, als dass Sie nur zwischendrin mal ein paar Worte in ein Gespräch einfließen lassen. Seine Stimme zu erheben heißt, dass wir unsere Überzeugungen, Werte, Meinungen, Ansichten und damit unsere Einzigartigkeit ausdrücken. Zur eigenen Stimme zu finden bedeutet, dass wir mit unseren Gedanken, Ideen und Taten die Welt um uns herum beeinflussen, weil unsere Überzeugungen in unseren Worten und Handlungen ihren Ausdruck finden. Wenn wir unsere Stimme erheben, tun wir das in der Freiheit, zu glauben, auszusprechen und zu leben, was wir und nicht jemand anderer für richtig halten. Eine Stimme zu haben heißt, dass wir eine Rolle spielen bei den Entscheidungen über unser Leben und das der Menschen in unserer Umgebung. Letztlich ist unsere Stimme das, worin wir Zeit, Energie und Mühe investieren.
Jeder und jede von uns hat eine ganz eigene Beziehung zum Schweigen. Sie hat sich entwickelt auf dem Boden der Botschaften, die wir über die Jahre verinnerlicht haben und die damit zusammenhängen, wann, wo, wie und mit wem wir bestimmte Seiten von uns teilen. Wenn wir nicht verstehen, wie wir durch unser Stummbleiben beeinflusst werden, hat es Macht über uns – eine unsichtbare Kraft, die unser Leben steuert und die wir weder kontrollieren noch gestalten können.
Fangen wir jedoch an, die Konturen unserer momentanen Beziehung zum Schweigen nachzuziehen, dann können wir uns fragen, ob uns das Erlernte noch nützlich ist, ob wir mit der ein oder anderen Regel experimentieren wollen oder welche wir gern ganz aus unserem Leben streichen würden. Aus dem Schweigen herauszutreten heißt nicht, dass wir alles, was wir gelernt haben, abschütteln oder dass wir künftig alles heraussprudeln, was uns auf der Zunge liegt. Es geht vielmehr darum, uns bewusst zu machen, welche »Schweigegebote« wir uns auferlegt haben, damit wir beurteilen können, ob wir sie weiter befolgen oder weiterentwickeln wollen.
Ich kenne keinen anderen Weg, das Schweigen abzulegen, als es zu erforschen und in unser Tun einzukalkulieren.
Wir werden uns nun die unzähligen Gelegenheiten vornehmen, bei denen wir langsam, aber sicher lernen zu verstummen. Dazu möchte ich Sie bitten, über folgende Punkte nachzudenken: Welche Regeln haben Sie verinnerlicht bezüglich der Fragen, wer seine Stimme erheben darf und wessen Stimme zählt? Welche automatischen Reflexe und Gewohnheiten haben Sie in Bezug auf Ihre eigene Stimme und die anderer Menschen entwickelt? Dienen diese Gewohnheiten heute noch dem Menschen, der Sie sind und der Sie sein wollen?
Was das sonntägliche Essen mit ihrer italo-irisch-amerikanischen Familie anging, war Simone immer hin- und hergerissen. Auf der einen Seite waren da ihre Cousinen und Cousins, mit denen sie gern Verstecken spielte. Und sie mochte dieses Haus, wenn es von Menschen wimmelte und verführerische Küchendüfte durch die Räume zogen. Jedes Mal wartete sie voller Ungeduld, dass ihre Großmutter ihre fantastische Sonntagssauce auftischte, ein Geheimrezept, das sie ihr irgendwann vererben wollte.
Gleichzeitig waren diese Besuche schwierig. Niemand wusste, wann der Großvater in die Luft gehen würde, und wenn ja, warum. In einer Minute war er lieb und knuffig und ließ die Kinder auf seinem Schoß sitzen, während er so tat, als wäre er Santa Claus. Im nächsten Moment mutierte er zum alten Ekel, dem niemand etwas recht machen konnte. Die Familie witzelte immer, man müsse den Opa ausreichend mit Snacks versorgen, damit er nicht von Hunger geplagt reizbar werden würde.
Als Simone ihren Vater mal fragte, warum ihr Großvater so war, antwortete er nur: »Opa ist eben kompliziert.«
Eines Sonntags saßen alle beim Abendessen, und Simone erzählte von ihrem neuen Fahrrad. Ihr Vater hatte extra gespart, sodass sie genau das Rad bekam, das sie sich gewünscht hatte – eines mit roten Wimpeln, Seitenständern und einer glänzenden Glocke. Das Fahrrad war das Schönste, was sie je gesehen hatte, und jedes Mal, wenn sie damit gefahren war, putzte sie es eifrig, damit es immer tipptopp aussah.
Der Großvater, der Simones begeistertem Bericht zugehört hatte, schimpfte schon los, kaum dass sie fertig war: »Jetzt gib doch nicht so an, Simone.«
Simone wollte eigentlich sagen, dass sie gar nicht angeben wollte. Sie wollte die anderen nur an ihrer Freude teilhaben lassen. Sie war so dankbar für dieses Geschenk. Und dass es total unfair sei, wenn Opa sie deswegen runterputzte. Aber sie wusste es besser. Sie hatte mehr als einmal bei anderen Verwandten erlebt, was passierte, wenn man Opa widersprach. Das ging nie gut aus.
Und schon nahm der Opa Simones Vater ins Gebet: »Wieso verwöhnst du sie dermaßen? Das macht sie nur schwach.«
Simone sah, wie ihr Vater dem boshaften Blick ihres Großvaters auswich und nickte, weil er das Gespräch am liebsten beendet hätte.
Aber Opa hörte nicht auf zu zetern. »Hörst du, was ich sage, mein Junge? Du solltest Kinder nicht zur Schwäche erziehen. Wir brauchen nicht noch mehr verzogene Bälger in dieser Familie.«
Diese Worte beleidigten jeden Einzelnen, der an diesem Tisch saß. Verdrossen schlug Simones Vater vor, man möge das Dankgebet fürs Essen sprechen.
Niemand von uns kommt mit reflexhaftem Schweigen zur Welt. Aber wie Simone lernen wir es recht schnell.
Als Babys haben wir geweint. Wir weinten, wenn wir etwas brauchten oder aufgebracht waren. Wir weinten, um zu kommunizieren. Mittlerweile weiß man, dass Babys aufhören zu weinen, wenn niemand darauf reagiert, weil sie lernen, dass es keinen Sinn hat, auf Abhilfe zu warten.[1] Die meisten von uns wurden beruhigt, zum Schweigen gebracht (verständlicherweise!) und getröstet. Früher oder später sagte man uns, dass große Jungs und Mädchen nicht weinen. Man brachte uns bei, dass wir unsere Bedürfnisse und Emotionen unterdrücken oder regulieren sollten.
Das haben wir weiter geübt und gelernt, während wir heranwuchsen. Wir haben die Reaktionen der Menschen um uns herum registriert, vor allem in unserer Ursprungsfamilie. Hat man Sie gelobt, wenn Sie sich gut benommen und Ihre Bedürfnisse beziehungsweise Wünsche nicht ausgedrückt haben? Überlegen Sie mal: Worüber konnten Sie in Ihrer Ursprungsfamilie sprechen und worüber nicht? Übers Wetter, übers Mittagessen, über alles, was dort gern gehört wurde? Typisch und sehr sicher. Über die Nachrichten, über ein Buch, das Sie gelesen haben, über einen Radiobeitrag? Meistens immer noch sicher. Über Politik, Religion, Gewicht, Geld, Beziehungen, Gefühle und alles, was Sie wirklich dachten? Oft schwierig, wenn Sie unbeschadet aus dem Gespräch hervorgehen wollten.
Auch Generationenunterschiede haben unser erlerntes Schweigen geprägt. 1951 erschien im Time-Magazin ein Artikel, der die zwischen 1920 und 1945 Geborenen zum ersten Mal als Silent Generation, als schweigende Generation, bezeichnete.[2] Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg führten dazu, dass die Menschen in aller Welt lernten, sich ins Zeug zu legen und den Mund zu halten. Die Kindheit dieser Generation war beherrscht von strenger Disziplin und von der Vorstellung, Kinder »sollte man sehen, aber nicht hören«.[3] In den Vereinigten Staaten hatten der parlamentarische Ausschuss für unamerikanische Umtriebe und die Hexenjagd von Senator McCarthy auf Bürger, die politisch als nicht loyal galten, ebenfalls den Effekt, viele Menschen zum Schweigen zu bringen.[4] Von der Regierung bis Hollywood verloren Menschen ihren Ruf und ihre Arbeit, wenn man sie kommunistischer Machenschaften verdächtigte. Also hielten die Leute den Mund und redeten nur, wenn sie gefragt wurden, damit man ihnen nicht Dinge vorwerfen konnte, die sie nicht getan hatten. Doch nicht einmal wenn die Leute ihre Arbeit wortlos verrichteten und sich völlig unauffällig verhielten, bewahrte sie das vor dem Vorwurf mangelnder Treue zu den Vereinigten Staaten von Amerika.
Wir haben gelernt, worüber wir reden dürfen und mit wem. Wir haben dies aus den Reaktionen anderer Menschen geschlossen, der Tatsache, wie oft wir mundtot gemacht wurden und wie viel Wut wir mit unseren Äußerungen ausgelöst haben. Wir haben auch gelernt, wann wir besser schweigen sollten, weil die Menschen um uns herum auf eine bestimmte Weise reagiert haben. Wir haben gelernt, wann und wo wir schweigen mussten, weil unser Verhalten durch Belohnung gesteuert wurde. Und natürlich haben wir auch beobachtet, wie das Verhalten unserer Mitmenschen ankam.
Was Simone über das Schweigen beim sonntäglichen Familienessen lernte, war ihr auch in der Schule nützlich. In ihrem Zeugnis hieß es immer wieder, sie sei ausgesprochen folgsam und höre aufmerksam und respektvoll zu. Daher sei sie eine gute Schülerin.
Der Kommentar ihres Lehrers ist aufschlussreich. Simone galt nicht als gute Schülerin, weil sie klug und fleißig war oder immer die richtige Antwort gab. Ihrem Lehrer zufolge war Simone gut in der Schule, weil sie gehorsam war und im Klassenzimmer keinen Ärger machte. Sie konnte das Einmaleins vorwärts und rückwärts auswendig aufsagen. Sie konnte die Antworten liefern, die der Lehrer von ihr erwartete. Ihre Belohnung für das Auswendiglernen und das Nachplappern war, dass der Lehrer sie schätzte und für gut hielt. Ihr Gehorsam – ihr Schweigen – war ihr größter Trumpf. Sie erfüllte die strukturellen Erwartungen, dass Kinder still sein und sich gut benehmen sollten.
Ihr Klassenkamerad Henry hingegen war neugierig. Er hatte ständig Fragen. Wenn der Lehrer ihn bat, ein Land in Südamerika zu benennen, antwortete Henry: »Bolivien! Wussten Sie, dass Bolivien die größte Salzebene auf der Welt besitzt? Und dass das Wasser in der Regenzeit die Salzpfanne in einen riesigen Spiegel verwandelt?«
»Das reicht jetzt, Henry«, antwortete der Lehrer. »Wir wollten ja nur den Namen des Landes wissen.«
Frustriert biss Henry sich auf die Lippen. Er fand es so toll, dass er über die Salzebenen Bescheid wusste. Die Familie seiner Mutter stammte von dort. Endlich hatte er eine Frage beantworten können, die der Lehrer stellte. Jetzt aber stiegen ihm Tränen in die Augen, und sein Kinn fing an zu zittern.
»Haha! Henry heult wieder«, spottete eines der Kinder in der Klasse.
»Lasst ihn in Ruhe«, sagte der Lehrer.
Kinder stellen ungefähr 125 Fragen pro Tag, Erwachsene höchstens sechs. Irgendwo zwischen der Kindheit und dem Erwachsensein bringen wir unsere Neugier zum Schweigen.[5] Wie Henry lernen wir, uns an die Regeln zu halten. Wir lernen die Normen, die den Raum abstecken, den wir einnehmen dürfen. Wir hören auf zu fragen, weil es die Autoritätsfiguren in unserem Umfeld nervt, weil es uns Ärger einbringt und für die standardisierten Prüfungen nicht nötig ist. Wir lernen, nicht selbst zu denken, sondern den Output zu produzieren, den die Leute hören wollen.
Schulsysteme sind so gestaltet, dass sie eine vergleichsweise kleine Menge an Fähigkeiten und Ausdrucksformen fördern, die den Stärken einiger weniger Schüler zugutekommen. Musik und Kunst zählen zu den weniger wichtigen Nebenfächern, die als Erstes gestrichen werden, wenn das Budget knapp ausfällt. Und man ermutigt uns auf subtile Weise, unsere Einzigartigkeit totzuschweigen, um in die Schablone dessen zu passen, was im Klassenzimmer als gut gilt. Wir werden Zeugen, wie Menschen, die den vorherrschenden Erwartungen nicht entsprechen, gerügt werden, wie man ihnen das Etikett »gefährdet« aufdrückt und sie an den Rand drängt, weil sie angeblich »ungenügend« sind.[6] Und so verinnerlichen wir, dass nur bestimmte Stimmen wirklich zählen, und wir fangen an, unsere Kreativität im Keim zu ersticken.
Zur Verteidigung der Lehrer
Viele Lehrende leisten Unglaubliches, da sie Raum schaffen für Neugier und Mut, was wiederum die individuelle Einzigartigkeit ihrer Schülerschaft stärkt. Die meisten Menschen, die ich kenne (mich eingeschlossen), erinnern sich an einen Lehrer oder eine Lehrerin, die ihr Leben beeinflusst und dazu beigetragen hat, dass sie wurden, wer sie sind. Das ist das Geschenk eines guten Unterrichts.
So weit, so gut. Doch um die Komplexität strukturellen Schweigens zu begreifen, müssen wir erkennen, vor welchen strukturellen Herausforderungen Schulen im Allgemeinen stehen. Lehrende sind häufig unterbezahlt und überstrapaziert. Daher bemühen sie sich in der Hauptsache darum, dass ihre Schüler und Schülerinnen die Standardtests bestehen, die in den USA über die Finanzierung der Schule entscheiden. Alles – von der Klassengröße, der Finanzierung und dem politischen Druck von außen – trägt dazu bei, dass Lehrer und Lehrerinnen heutzutage wahre Wunder wirken müssen. Wenn ich hier darauf hinweise, wie traditionelle Wissensvermittlung manche Schüler unterstützt und die anderen zum Schweigen verdammt, dann ist das kein Angriff auf das Lehrpersonal in den Schulen. Schließlich haben auch sie das Stummsein erlernt. Mir geht es vielmehr darum, wie wir unsere Institutionen so verändern, dass sie die Menschen ermutigen, zu ihrer Stimme zu stehen – seien es nun Schüler und Schülerinnen, Studierende, Lehrende und alle Generationen, die nach uns kommen. Ich möchte alle einladen, solche Räume des Mutes zu schaffen – Klassenzimmer, in denen niemand einen Teil ihrer oder seiner selbst an der Tür abgeben muss, in denen jeder und jede dazugehört und gehört wird, wo es sicher ist, neue Dinge auszuprobieren, und wo wir Diskussionen für normal halten und besprechen, womit wir uns unwohl fühlen.[7]
Schüler und Schülerinnen in traditionellen Klassenzimmern lernen durch Lesen und Zuhören, nicht durch Diskussionen. Aber Studien zeigen ganz eindeutig, dass dort, wo das Auswendiglernen und Wiederabspulen von Inhalten belohnt werden, die Fähigkeit zum kritischen Denken auf der Strecke bleibt.[8] Menschen, die anders geartete Ansichten äußern, werden als streitsüchtig, problematisch oder schwierig eingestuft. Dieser Lernansatz verstärkt lediglich die Norm, dass wir nur dann sprechen sollten, wenn wir gefragt werden, vor allem, wenn es um den Umgang mit Autoritätsfiguren geht. Kreativität, Zusammenarbeit, Kommunikation und selbstbestimmtes Lernen geraten ins Hintertreffen – ausgerechnet jene Fähigkeiten, die für das Leben und Arbeiten im 21. Jahrhundert als entscheidend betrachtet werden.[9]
Dabei ist das Lernen ohnehin eine Problemzone. Wir können nicht lernen, wenn wir uns dumm vorkommen, wenn wir Fragen stellen oder wenn unsere Ansichten und Erfahrungen abgewertet werden. Wenn man uns vermittelt, dass unsere Begeisterung und unser familiärer Hintergrund unwillkommen sind, dann fühlen wir uns wie Henry selbst unwillkommen.
Außerdem erfahren Schulkinder oft nicht die ganze Wahrheit. Wie die meisten meiner Altersgenossen habe ich aus den Geschichtsbüchern in der Grundschule gelernt, dass Kolumbus’ Entdeckung Amerikas eine Großtat war und er ein Held, den man bewundern sollte. Das achtjährige Mädchen, das ich war, hat nichts davon mitbekommen, dass man Vergewaltigung, Ausbeutung und Mord an den indigenen Völkern darin praktischerweise einfach unter den Tisch kehrte. Wie ich merken Schüler und Schülerinnen (und häufig auch Eltern) nicht, dass man die Vielfalt der Stimmen auch dann erstickt, wenn man sich einfach nur auf den Lehrplan mit seinen zahlreichen Auslassungen verlässt.
Die Menschen und Organisationen, die den Lehrplan und seine Inhalte erstellen, haben die Macht, uns jene Version der Geschichte zu erzählen, die sie uns sehen lassen wollen. Die Repräsentation verschiedener Identitäten in den Lehrmaterialien signalisiert den Schülern und Schülerinnen, was die Gesellschaft in puncto sozialer Identität von ihnen und anderen erwartet.[10] Nicht über Privilegien, ethnische Zugehörigkeit, Klasse, Religion, Geschlecht, sexuelle Identität und körperliche beziehungsweise geistige Beeinträchtigungen zu sprechen lässt diese Teile unseres Lebens und der Geschichte ja nicht verschwinden. Wenn wir sie aber totschweigen, dann bedeutet das, dass wir sie nicht anerkennen. Sie zählen also nicht, und die Menschen, die davon betroffen sind, auch nicht.
Und das gilt ja nicht nur für die Schule. Wir nehmen diese Lektionen schließlich mit ins Leben.
Unsere die Regeln brav befolgende Simone sollte Jahre später ein recht rüdes Erwachen erleben. Ihr Chef hatte ihr gesagt, sie solle zu ihm kommen, wenn es Probleme gäbe, und zwar bevor diese sich verschlimmerten. Aber als sie ihm sagte, dass sie die im Unternehmen etablierten Deadlines für nicht haltbar hielt, meinte er nur: »Sorgen Sie einfach dafür, dass es klappt.«
In der Arbeit ein Anliegen vorzubringen kann sich als schwierig erweisen. Die meisten Chefs und Führungspersonen sind ja der Meinung, dass sie für eine Kultur des Dialogs eintreten: »Sagen Sie mir, was los ist, bevor wir in eine echte Krise schlittern.« Aber meist vermitteln sie nebenher subtile Botschaften, was sie wirklich hören möchten. Ob es in Ordnung ist, Kritik wegen ungleicher Bezahlung, sexueller Belästigung, Frauenfeindlichkeit oder den Quartalszahlen zu äußern, hängt letztlich von der Reaktion des Managers ab. Wenn das Management auf die Sorgen seiner Mitarbeitenden mit Ablehnung oder Wegschauen reagiert, dann glauben die Angestellten schnell, dass es das Risiko nicht wert ist, den Mund aufzumachen.[11] Normen wie diese fördern eine Kultur des Schweigens im gesamten Unternehmen, die man fachsprachlich als organizational silence bezeichnet. Der Begriff drückt aus, dass zur Sprache gebrachte Probleme nicht behandelt werden und dass es im Unternehmen als gefährlich gilt, seine Meinung zu sagen.[12]
Implizit lernen wir also, dass wir unsere Gedanken für uns behalten müssen, um unseren Job nicht zu verlieren und gute Beziehungen zu anderen Menschen zu haben. Und wir geben diese Mentalität auch an andere Menschen weiter. Letztlich lernen wir, dass Schweigen die Antwort auf Kontroversen und Konflikte ist.
Jess traf sich mit dem Freund eines Freundes, um beruflich zu netzwerken. Als sie auf dem Parkplatz ankam, stellte sie fest, dass die Parkuhr nur Münzen annahm. Sie hatte aber kein Kleingeld, also schlug der Freund eines Freundes vor, sie solle mit ihm auf sein Hotelzimmer kommen, da hätte er Münzgeld. Kaum im Zimmer, stürzte er sich auf sie. Sie schrie immer wieder laut »Nein«, aber er ließ sie einfach nicht los. Danach hielt er sie fest, bis sie versprochen hatte, niemandem etwas von dieser Sache zu erzählen.
