Geist & Leben 1/2021 - Verlag Echter - E-Book

Geist & Leben 1/2021 E-Book

Verlag Echter

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Beschreibung

Ein österlicher Vorausblick auf die Auferweckung des Lazarus von Sr. Margareta Gruber OSF eröffnet den neuen Jahrgang 2021. In diesem Heft werden uns unter "Nachfolge" mit Beatrix von Nazareth und Maria Skobtsova von Rob Faesen SJ und Iuliu-Marius Morariu zwei im deutschen Sprachraum nicht allzu bekannte Heilige vorgestellt. Während Beatrix von Nazareth im 13. Jh. in Lüttich wirkte und zu den ersten gehörte, die in Europa mystische Schriften in ihrer Muttersprache verfasste, widmete die orthodoxe Nonne und Märtyrerin Maria Skobtsova ihr Leben dem mutigen Einsatz für verfolgte Jüdinnen und Juden im Paris des Zweiten Weltkrieges. Henri de Lubac setzte sich ebenso kritisch mit dem Naziregime und dessen menschenverachtender Ideologie, die für ihn mit dem christlichen Glauben unvereinbar war, auseinander. Zum Gedenken seines 125. Geburtstages widmet ihm Dominik Arenz einen Beitrag, der angesichts des gegenwärtigen Aufwinds rechtsextremer Bewegungen auch in unsere Zeit hineinspricht. Jürgen Henkel eröffnet die Rubrik "Kirche", indem er den Leser(inne)n einen spannenden Einblick in die historischen wie aktuellen Kontexte orthodoxer Theologie und Spiritualität in Rumänien gewährt. Stefan Gärtner wiederum beleuchtet das noch kaum aufgearbeitete Problem physischer und psychischer Gewalt gegen Mädchen in Orden aus niederländischer Perspektive und weist darauf hin, dass Frauen als Täterinnen in der MHG-Studie nicht aufscheinen. Im Anschluss an den in GuL 3/2019 erschienenen Beitrag "Charismatisierung der katholischen Kirche? Eine kleine theologische Bestandsaufnahme" von Christoph Amor wirft Anne Koch einen religionswissenschaftlichen Blick auf das Phänomen "Neue Geistliche Bewegungen". Schließlich rekonstruiert Eduard Geissler das historisch spannungsreiche Verhältnis von Jesuiten und Täufergemeinden in Tirol und würdigt wichtige Schritte im Versöhnungsprozess. In der "Jungen Theologie" präsentiert Benedikt Collinet erste Erkenntnisse des an der Universität Innsbruck verorteten FWF-Forschungsprojekts "Karl Rahner und die Bibel", das Rahners theoretischen wie praktischen Zugang zur Bibel anhand seines Gesamtwerkes untersucht. Die "Reflexion" ist in diesem Heft ganz und gar von Lyrik durchdrungen: Während Paul Deselaers Gott als "Wunder" im Werk Richard Exners und der Herausforderung des Dichtens "nach Auschwitz" nachgeht, interpretieren Eckhart Nordhofen und Michael Mertes das Sonett "An ein Götzenbild" Luis de Góngoras. Dabei zeigen sie interessante Parallelen zur nachexilischen biblischen Götzenkritik auf. Schlussendlich stellt Niklaus Kuster OFMCap die ersten 27 Bände der seit 2004 im Echter Verlag erscheinenden Buchreihe "Franziskanische Akzente", die von Helmut Schlegel und Mirjam Schambeck herausgegeben wird, vor.

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Inhalt

Heft 1 | Januar-März 2021

Jahrgang 94 | Nr. 498

Notiz

Lazarus. Die Hauptprobe der Auferstehung JesuMargareta Gruber OSF

Nachfolge

Widerstand aus Liebe. Zum 125.Geburtstag des Jesuitenpaters Henri de LubacDominik Arenz

Leben in Gott.Beatrix von NazarethRobertus Faesen SJ

Maria Skobtsova (1891–1945). Zwischen Literatur und gelebter NächstenliebeIuliu-Marius Morariu

Nachfolge | Kirche

Orthodoxe Spiritualität in Rumänien. Historische und aktuelle KontexteJürgen Henkel

Gewalt gegen Mädchen in Orden. Niederländische Erkenntnisse und die deutsche DebatteStefan Gärtner

Ästhetik und Milieu. Neue Geistliche Bewegungen in religionswissenschaftlicher PerspektiveAnne Koch

Jesuiten und TäuferEduard Geissler

Nachfolge | Junge Theologie

Zur Bibelauslegung in Karl Rahners frühen PredigtenBenedikt Collinet

Reflexion

„… deine an unserem Leben hängenden Worte“. Das eine Wunder, GOTT, im Werk des Lyrikers Richard ExnerPaul Deselaers

„An ein Götzenbild“. Anmerkungen zu einem Sonett Luis de GóngorasEckhard Nordhofen, Michael Mertes

Lektüre

Franziskanische Akzente. Spiritualität handlich und praktischNiklaus Kuster OFMCap

Buchbesprechungen

Impressum

GEIST & LEBEN – Zeitschrift für christliche Spiritualität. Begründet 1926 als Zeitschrift für Aszese und Mystik

Erscheinungsweise: vierteljährlichISSN 0016–5921

Herausgeber:

Deutsche Provinz der Jesuiten

Redaktion:

Christoph Benke (Chefredakteur)

Britta Mühl (Lektorats-/Redaktionsassistenz)

Redaktionsbeirat:

Bernhard Bürgler SJ / Wien

Margareta Gruber OSF / Vallendar

Stefan Kiechle SJ / Frankfurt

Bernhard Körner / Graz

Edith Kürpick FMJ / Köln

Ralph Kunz / Zürich

Jörg Nies SJ / Stockholm

Klaus Vechtel SJ / Frankfurt

Redaktionsanschrift:

Pramergasse 9, A–1090 Wien

Tel. +43–(0)664–88680583

[email protected]

Artikelangebote an die Redaktion sind willkommen. Informationen zur Abfassung von Beiträgen unter echter.de/zeitschriften/geist-und-leben. Alles Übrige, inkl. Bestellungen, geht an den Verlag. Nachdruck nur mit besonderer Erlaubnis. Werden Texte zugesandt, die bereits andernorts, insbesondere im Internet, veröffentlicht wurden, ist dies unaufgefordert mitzuteilen. Redaktionelle Kürzungen und Änderungen vorbehalten. Der Inhalt der Beiträge stimmt nicht in jedem Fall mit der Meinung der Schriftleitung überein.

Für Abonnent(inn)en steht GuL im Online-Archiv als elektronische Ressource kostenfrei zur Verfügung. Nichtabonnent(inn)en können auf das Online-Archiv der letzten drei Jahrgänge kostenfrei zugreifen. Registrierung auf echter.de/zeitschriften/geist-und-leben.

Verlag: Echter Verlag GmbH,

Dominikanerplatz 8, D–97070 Würzburg

Tel. +49 –(0)931–660 68–0, Fax +49– (0)931–660 68–23

[email protected],www.echter.de

Visuelle Konzeption: Atelier Renate Stockreiter

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Bezugspreis: Einzelheft € 12,50

Jahresabonnement € 42,00

Studierendenabonnement € 28,00

jeweils zzgl. Versandkosten

Vertrieb: Zu beziehen durch alle Buchhandlungen oder direkt beim Verlag. Abonnementskündigungen sind nur zum Ende des jeweiligen Jahrgangs möglich.

Notiz

Margareta Gruber OSF | Vallendar

geb. 1961, Dr. theol., Professorin für Exegese des Neuen Testaments und Biblische Theologie, Beiratsmitglied von GEIST & LEBEN | [email protected]

Lazarus

Die Hauptprobe der Auferstehung Jesu

Vier Tage liegt Lazarus bereits im Grab, als Jesus in Betanien ankommt. Damit wird sichergestellt, dass ein Scheintod ausgeschlossen ist. Das jüdische Trauerritual ist voll im Gang; sieben Tage lang werden im Judentum (bis heute) die Trauernden von ihren Angehörigen und Freund(inn)e(n) besucht, die damit ein wichtiges Werk der Nächstenliebe verrichten (vgl. etwa Ijob 2,11.13). Jesus ignoriert diese Pflicht der Freundschaft und Pietät jedoch auf irritierende Weise: Als er hört, dass Lazarus krank sei, wartet er noch zwei Tage, bis er nach Betanien aufbricht (Joh 11,6); es wirkt fast so, als wolle er sichergehen, dass Lazarus auch tatsächlich stirbt. Den Jüngern teilt er – für sie rätselhaft – den Grund seines merkwürdigen Verhaltens mit: Durch den Tod des Lazarus soll der Sohn Gottes verherrlicht werden (11,4).

In Betanien sind die beiden Schwestern Maria und Marta. Maria ist zu Hause bei den Angehörigen, die sie trösten. Es ist zu vermuten, dass dieser Trost im Zuspruch der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten besteht, an die die Juden pharisäischer Richtung zurzeit Jesu glaubten. Mit dieser Vorstellung ihres Glaubens läuft Marta Jesus entgegen; sie macht ihm jedoch zunächst Vorhaltungen: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ (Joh 11,21) Jesus tadelt sie nicht, sondern geht auf sie ein und führt sie Schritt für Schritt von ihrem Glauben an die „Auferstehung am letzten Tag“ zu einer völlig neuen Glaubenserkenntnis: Die Auferstehung findet nicht in der Zukunft statt, sondern jetzt, im Angesicht Jesu! Kein dramatisches Geschehen, in dem die Toten von Gott aus den Gräbern gerufen werden, sondern eine Begegnung mit einem, der sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“. „ICH BIN“ – eine Aussage von großer Souveränität und Freiheit. Das hat im Alten Testament schon einer gesagt, ein für alle Mal. „Ich bin, der ich bin“ – das war Gottes Selbstvorstellung an Mose (Ex 3,14). Und nun steht Jesus da und sagt das über sich selbst!

Dieses Ich-bin-Wort Jesu in Joh 11,25 f. ist das Zentrum der Erzählung: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ Auferstehung und Leben erklären sich gegenseitig und beide bedeuten dasselbe: Lebensverbindung mit Jesushier und jetzt, im Glauben an ihn. Der „jüngste Tag“, der hier der „letzte Tag“ genannt wird, ist für das Johannesevangelium also dort, wo Jesus ist. Dieses „geistliche Leben“ ist für das Evangelium das eigentliche Leben, das den irdischen Tod gewissermaßen „überlebt“ und diesem Tod eine fast nebensächliche Bedeutung zumisst. Welch gewaltige Herausforderung angesichts eines Toten, der bereits vier Tage im Grab liegt! Die Situation, die das Johannesevangelium zeigt, ist also ungemein vielschichtig und spannend: Da steht eine Trauernde vor Jesus; der Tote liegt in „Riechweite“ in seinem Grab. Und Jesus sagt ihr gerade nicht, dass der Tote auferstehen wird, sondern dass er selbst, Jesus, die Auferstehung und das Leben ist, und dass der irdische Tod angesichts dieser Realität seine Bedeutung verliert. Als Marta diesen Glauben bekennt, ruft Jesus den Toten aus seinem Grab!

Lazarus, der Gestorbene, kommt heraus, „seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt“ (Joh 11,44). Wie soll man sich dieses Herauskommen vorstellen? Schwebend? Sackhüpfend? Diese absurde Vorstellung weist darauf hin, dass es um eine ganz andere Art der Auferstehung gehen muss. Warum überhaupt erweckt Jesus den Lazarus, der ja nur aus dem Grab kommt, um ein zweites Mal zu sterben? Der Evangelist lässt die Mörder ja bereits im Hintergrund agieren (Joh 12,10). Darf Jesus das einem Freund wirklich antun? Jesus hat seinen Jüngern bereits gesagt, warum er dieses tief verstörende Zeichen vollbringt. Er wird es später für Marta wiederholen: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ (Joh 11,40) Die „Herrlichkeit Gottes“ bezieht sich im Johannesevangelium jedoch nicht auf die Auferweckung des Lazarus, sondern einzig auf den Tod und die Auferweckung Jesu. Also macht Jesus gewissermaßen an Lazarus vor, was der Vater an ihm, Jesus, tun wird. Er bereitet seine Freund(inn)e(n) damit auf die Erschütterung seines Todes und die noch größere Erschütterung seiner Auferstehung vor, die große Glaubensprobe, die noch vor ihnen liegt. Die Erweckung des Lazarus ist gewissermaßen die Hauptprobe der Auferstehung Jesu! Das Evangelium betont stark die innere Erregung und Erschütterung, die Jesus vor dem Grab des Freundes ergreift, so dass er sogar weint (Joh 11,33–38). Dies ist sicher ein Zeichen für seine menschliche Liebe zu Lazarus und seinen Schwestern. Doch im Grunde richtet sich seine zornige Erregung gegen die Macht des Todes, die die Menschen im Griff hat und die zu brechen Jesus antritt. So stellt das Evangelium seinen Leser(inne)n nicht die Frage: Glaubst du, dass Jesus Lazarus aus dem Grab geholt hat? Die Frage lautet vielmehr: Glaubst du, dass Gott diesen Jesus, der für Lazarus und alle seine Freund(inn)e(n) in den Tod gegangen ist, auferweckt hat? Und dass deshalb der Tod auch nicht das letzte Wort über dein Leben ist?

Dominik Arenz | Köln

geb. 1981, Dr. theol., Referent in der Schulabteilung des Erzbistums Köln

[email protected]

Widerstand aus der Liebe

Zum 125. Geburtstag des Jesuitenpaters Henri de Lubac

Am 20. Februar 1896, vor 125 Jahren, wurde Henri Marie-Joseph Sonier de Lubac, der spätere Jesuitenpater, Theologieprofessor, Konzilsperitus und Kardinal, in Cambrai geboren. Am 4. September 1991, vor 30 Jahren, starb er in Paris. Dazwischen liegen 95 Jahre Theologie und Leben. Beides gehörte für de Lubac eng zusammen, wuchs er doch in einem Milieu auf – sowohl seitens des Elternhauses, als auch durch seine jesuitische Schulausbildung –, das von Katholizität und sozialer Verantwortung geprägt war. Und in dieser Einheit entwickelte er – reichlich inspiriert durch christliche Denker von den Kirchenvätern bis hin zu den Philosophien Maurice Blondels oder Gabriel Marcels – eine Theologie, die sich in der Zeit bewährt und zu Aufbrüchen der Theologie im 20. Jahrhundert geführt hat.

Glauben aus der Liebe – so übertitelte Hans Urs von Balthasar ab der zweiten Auflage seine Übersetzung des Erstlingswerks de Lubacs, Catholicisme, um den Impetus des Werks zwischen Glauben und sozialer Verantwortung ins Wort zu bringen. In Analogie sei dieser Beitrag mit Widerstand aus der Liebe überschrieben, weil der „geistliche Widerstand“ (résistance spirituelle) de Lubacs zur Zeit des Vichy-Regimes aus der Liebe zum Nächsten, zur Kirche und v.a. zu Christus erwächst. Als Erinnerung an die Person und das Wirken Henri de Lubacs soll im Folgenden dieser Widerstand aus der Liebe skizziert werden. Er ist beispielhaft für seine zugleich mystische, soziale und eschatologische Theologie, die alle Bereiche der menschlichen Existenz umgreift.

Ideologischer Ernstfall: Antisemitismus und Nationalsozialismus

Am 22. Juni 1940 unterzeichnet Frankreich bei Compiègne den Waffenstillstand mit Hitlerdeutschland. Maréchal Pétain handelte diesen Waffenstillstand aus, der den Franzosen die Teilung ihres Landes in eine von Deutschen besetzte Zone im Norden und eine unbesetzte Zone im Süden auferlegte. In der unbesetzten Zone, die sich von Vichy und Lyon bis zum Mittelmeer erstreckte, wurde er Regierungschef des so genannten État français und beendete damit die Dritte Republik Frankreichs. Das so genannte Vichy-Regime unter seiner Führung stand den Deutschen nahe, was sich z.B. an der Verschärfung antijüdischer Gesetze schon im Oktober 1940 und im Juni 1941 zeigte. Hier beginnt die Formierung des Widerstands.

Für Henri de Lubac und viele andere Jesuiten mit ihm, v.a. Pierre Chaillet, Gaston Fessard und Yves de Montcheuil, war die Zeit der Besatzung Frankreichs der existentielle und ideologische Ernstfall ihrer Verantwortung als Christen – existentiell, weil das Leben vieler Mitbürger(innen) sowie dann auch ihr eigenes verfolgt und bedroht war, ideologisch, weil der soziale und universelle Charakter der Theologie, die gottgegebene Würde jedes Menschen und das Band der Einheit zum Judentum fundamental in Frage gestellt wurden – zumal durch das Schweigen vieler Kirchenoberen (s.u.). Angesichts dieses Ernstfalls ging de Lubac mit anderen in Lyon, damals zugleich „Hauptstadt des Elends und der Hoffnung“1, in einen geistlichen Widerstand, der den politischen Widerstand nicht nur in der Unbesetzten Zone unterstützte.2 Er kulminierte zuerst im Brief de Lubacs an die Ordensoberen vom 25. April 1941 und ging kontinuierlich weiter, v.a. mit der Herausgabe und Verbreitung u.a. der Cahiers clandestins du Témoignage chrétien (ab November 1941). In den Schriften dieser Zeit beschäftigt sich de Lubac intensiv mit nichtchristlichen und atheistischen Denkern und scheut auch nicht die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Theoriegebäude.3 Dabei markiert Henri de Lubac insbesondere drei Kriterien aus der christlichen Theologie, die den Einsatz für die verfolgten Juden und die Ablehnung des Nationalsozialismus zwingend erfordern: (1) die Einheit des Menschengeschlechts, (2) die Einheit der Hl. Schrift und somit die Untrennbarkeit von Christentum und Judentum sowie (3) die Berufung der Kirche in der Welt. Alle drei Aspekte sind zugleich Schwerpunkte der Theologie Henri de Lubacs, die er in Catholicisme (1938) und in seinen späteren Werken entfaltete.

Einheit des Menschengeschlechts: Das Mysterium des neuen Menschen

1938 veröffentlicht Henri de Lubac, damals Professor für Fundamentaltheologie an der Universität in Lyon, seine erste Monographie: Catholicisme über die sozialen Aspekte des Christentums und die Universalität der Kirche, die sie ja mit ihrer Bezeichnung als katholisch bereits im Namen trägt. Der erste Teil des Buches handelt von der christlichen Überzeugung, dass die Menschheit einen gleichen Ursprung und eine gleiche Bestimmung hat. Wie sich die ursprüngliche Einheit in Adam und der in der Schöpfungserzählung markierten Gottebenbildlichkeit jedes Menschen manifestiert, so ereignet sich in Jesus Christus als neuem Adam die Wiederherstellung und Vollendung dieser Einheit. Sie gebiert einen neuen Menschen – versöhnt mit dem Menschen und mit Gott: „Dieses Geheimnis des neuen Menschen ist recht eigentlich das Mysterium Christi“4, wie später auch die Pastoralkonstitution Gaudium et spes des Zweiten Vatikanischen Konzils unterstreichen wird (vgl. GS 22). Der Gedanke der Einheit der Menschen ist grundgelegt im innersten Mysterium des Christentums, der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus.

Im Aufruf an seine Vorgesetzten vom 25. April 1941 diagnostiziert Henri de Lubac das „virus hitlérien“ in einer doppelten, zersetzenden Symptomatik, dem Antisemitismus (s.u.) und der Entwürdigung des Menschen als Person.5 Gegen den Nationalsozialismus, der aus Menschen „Termiten“ mache, die gleichförmig marschieren und nur ihre Arbeit im und für den Hügel verrichten, gelte es, eine menschliche Revolution (révolution humaine) zum Leben zu erwecken. Sie müsse das Wesen der menschlichen Person sowie ihre notwendigen Bande zu den anderen Menschen und zu Gott wieder ins Zentrum der Gesellschaft rücken.6 Denn das Wesen der menschlichen Person macht nach de Lubac gerade die Spannung aus zwischen der Würde des individuellen Personseins, das in der christlichen Tradition durch die Verankerung der Seele in Gott und die Gottebenbildlichkeit beschrieben wird, und der radikalen Verwiesenheit auf die menschliche Gemeinschaft (irdisch und eschatologisch) sowie auf die Gemeinschaft mit Gott, die der Heilige Geist weitend schafft.7

Seinen Aufruf zu einer menschlichen Revolution adressiert Henri de Lubac nicht nur an Christ(inn)en und Vertreter der Kirche, sondern auch an seine Mitbürger(innen) als Franzosen. Er appelliert an Frankreich als das Volk, das aus seiner Geschichte heraus dazu berufen sei, die großen Werte und Überzeugungen der Menschen in Europa und der Welt zu vertreten, zu verbreiten und aufrechtzuerhalten (wie einst die Pariser Universität das Denken). Von hierher versteht sich die programmatische Warnung der ersten Ausgabe der Cahiers: „Frankreich, gib Acht, deine Seele nicht zu verlieren!“ Der universale (europäische) Charakter Frankreichs, den de Lubac in seinen christlichen Wurzeln verortet, entspricht in gewisser Weise der Katholizität der Kirche8: Beide schöpfen aus der Überzeugung der Einheit der Menschen und tragen zur Wiederherstellung dieser Einheit auch über Nation, Konfession oder Religion hinaus bei. Für de Lubac ist hier ebenfalls die Logik der Inkarnation erkenntnisleitend: Was die Gemeinschaft der Menschen zusammenhält, ist nämlich, biblisch gesprochen, die Liebe (charité), die das Sein Gottes selbst ist (vgl. 1 Joh 4,16). M.a.W.: Gott selbst schafft und bildet die Einheit der Menschen untereinander und mit ihm selbst.

Einheit der Hl. Schrift: „Geistig betrachtet sind wir Semiten“

Seit Anfang der Christentumsgeschichte kommen Theorien auf, die eine klare Abgrenzung eines neutestamentlichen Gottes der Liebe und eines alttestamentlichen Gesetzes- oder Rache-Gottes propagieren. Damit einher geht bei Anhängern besagter Theorien eine Zurückweisung, ja ein Bruch mit dem Judentum als der Religion des Alten Bundes. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte diese Abgrenzung in Frankreich in der sogenannten Action française eine neue Qualität erreicht, als im Gefolge der Dreyfus-Affäre nationalistische und antisemitische Ideologien prominent verbreitet wurden. Auch in katholischen Kreisen hatte die Denkart der Action française Anhänger, bis Pius XI. klarstellte, dass sie unvereinbar sei mit dem christlichen Glauben. Nichtsdestoweniger war im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs der Boden für einen christlichen Bruch mit dem Judentum abermals gesät.

Solchen Theorien gegenüber betont de Lubac stets die Einheit der Hl. Schrift. Denn das Christentum verdankt dem Judentum den Glauben an einen personalen und transzendenten Gott sowie die universale Berufung als Volk Gottes (Abraham) und dessen Einsatz für die Gerechtigkeit Gottes (Propheten): „Was bliebe von unserem christlichen Glauben, wenn man daraus den Monotheismus, den Dekalog, die Universalität, den Glauben an die Ewigkeit risse?“9 Die Liebe wäre – so de Lubac – eben zu kurz gefasst, würde man sie einfach an die Stelle einer Gerechtigkeit setzen, von der das Alte Testament erzählt und die seine Propheten anmahnen. Mehr noch: Das jüdische Erbe umfasst letztlich bereits die drei Kerntugenden Glaube (der Glaube Abrahams, das Gesetz des Mose, die Geduld des Hiob), Hoffnung (durch die Propheten, von der Sanftheit Gottes

bei Elija bis zu seiner Erhabenheit bei Jesaja) und Liebe (v.a. bei Hosea, aber auch die Gerechtigkeit bei Amos oder die Treue bei Daniel), die das „Fleisch“ (chair) des Christentums bilden – auch weil sie mit Jesus Christus, dem Juden aus dem Hause Davids, Fleisch angenommen haben.10

In seinem Brief an die Ordensoberen bezeichnet Henri de Lubac Nationalsozialismus und Antisemitismus auch als antichristliche Revolution.11 Diese Bezeichnung klingt heutigen Ohren vielleicht fremd, wenn daraus eine Gleichsetzung des Leids der beiden Religionsgemeinschaften gelesen würde. Die Stoßrichtung de Lubacs ist jedoch nicht, die Situation zu vergleichen, sondern Umdenken zu provozieren – hier seiner Vorgesetzten, aber auch insgesamt der Christ(inn)en in der Vichy-Zone: Gegen jedes Schweigen, das aus einer scheinbaren Unbeteiligtheit von Christ(inn)en gegenüber der Verfolgung und Deportation jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, gegenüber jeder Form des Antisemitismus resultiert, zitiert de Lubac das Wort Pius’ XI.: „Geistig betrachtet sind wir Semiten.“12 Und gegen einen raumgreifenden Neopaganismus13, der das Judentum wie ein „neuer Titus“ besiegen will und das Christentum arischgermanisch vereinnahmt und korrumpiert14, markiert de Lubac die Einheit von Christentum und Judentum aus der Einheit der Schrift: „Wir weisen als Blödsinn und Blasphemie den Widerspruch zurück, den man zwischen einem ‚semitischen Alten‘ und einem ‚arischen Neuen Testament‘ zu etablieren versucht.“15

Der Gott des Alten Testaments steht in derselben Spannung, die ihm auch im Neuen Testament eigen ist: der Spannung von einem starken Rettergott, auf dem die Hoffnungen des leidenden Volkes ruhen und den sie manchmal mit Rachegedanken allzu menschlich beschreiben, und dem geduldigen und mitleidenden Gott „im verschwebenden Schweigen“ (1 Kön 19,12 nach M. Buber) an der Seite der Kleinen und Ängstlichen. Im Neuen Testament zeigt sich diese Spannung im ohnmächtig-mächtigen Leben Jesu zwischen Kreuz und Auferstehung, Geburt und Himmelfahrt. Entsprechend führt jede Frontstellung theologisch ins Leere; die neopagane Versuchung des Christentums zielt auf dessen Überwindung.

In seinen späteren Texten zur Schrifthermeneutik und zur Offenbarungskonstitution Dei verbum schärft de Lubac die beschriebene Einheit der Schrift weiter zu: Es ist Christus selbst, der als Jude und Ereignis der Selbstmitteilung Gottes, inklusiver Höhepunkt der Offenbarung, das Prinzip dieser Einheit ist; mit ihm sind Jüdinnen und Juden unsere geistigen Geschwister und in ihm mit uns und Gott verbunden. Der geistige Sinn der Schrift lässt diese Einheit und ihre existentiellen Konsequenzen (moralischer, anagogischer Schriftsinn) aus dem Buchstaben erkennen – mit dem Konzil gesprochen: Im Licht der Schrift lassen sich die Zeichen der Zeit lesen. Von Christus her ist es Aufgabe der Kirche und aller Christ(inn)en, das Unrecht an den älteren Geschwistern anzuklagen. Dieser Verantwortung hat sich Henri de Lubac gestellt, wie auch das Zeugnis des französischen Gelehrten und späteren israelischen Politikers André Chouraqui unterstreicht. Er berichtet von einem Brief, in dem de Lubac ihm seine Solidarität und Unterstützung zusagte: „Wenn dieser durch die Zensur abgefangen oder bei mir entdeckt worden wäre, hätte er seinen Unterzeichner die Deportation kosten können.“16

Berufung der Kirche in der Welt: „Niemand ist Christ für sich allein.“

Die Vichy-Zeit stellte die Kirche in der unbesetzten Zone vor eine Herausforderung: Folgt man den Anweisungen der Staatsgewalt unter Führung Pétains oder widersetzt man sich bis hin zum offenen Widerstand? Die Zurückhaltung vieler Verantwortlicher bis hin zur Unterstützung Pétains zeigt eine klare Tendenz: „Es gibt heute Christen, die zuerst das Materielle bewahren wollen: die Schulen und Kunstwerke aller Art. Aber was ist das alles wert – in den Augen Gottes –, wenn es nicht die Inkarnation des Geistes seines Sohnes ist?“17

Hier entzündet sich die Kritik de Lubacs, die er in einem Akt des Ungehorsams 1941 zuerst an seine Ordensoberen richtet: Es darf nicht geschwiegen werden. Weder ist die „paix hitlérienne“ ein echter Friede noch ist Gehorsam der weltlichen Macht gegenüber geboten; er gilt vielmehr Gott und dem Gewissen gegenüber. Es gehört zur Berufung der Kirche und jedes einzelnen Christen bzw. jeder Christin, für die Einheit der Menschen mit Gott und untereinander Zeugnis abzulegen: „Jeder trägt immer seinen kleinen Teil an den gemeinsamen großen Verantwortungen, und (…) in besonderen Krisenzeiten (…) ist es für jeden eine umso dringendere Pflicht, sich dessen bewusst zu sein und entsprechend zu handeln.“18 „Das Kunstwerk schlechthin ist es, Zeugnis abzulegen für Christus, für Seinen Geist und Seine Lehre. Der Rest wird uns dazu gegeben werden.“19Die Verantwortung und Pflicht der Kirche besteht nach Henri de Lubac im geistlichen Kampf (combat spirituel) gegen den Antisemitismus und die Zerstörung der menschlichen Person (s.o.), die je die Gemeinschaft mit Gott selbst zerstören. Widerstand ist für ihn also hier keineswegs ein politischer Begriff, sondern ein mystischer, da es um ein „Sehen“ geht, nämlich um die Wahrnehmung der Einheit Gottes mit der Welt, und das entsprechende verantwortliche Handeln. Sehen und Handeln resultieren dabei aus der Liebe, die Gott selbst ist und unter den Menschen seine Anwesenheit und ihr innerstes Band markiert (s.o.). Entsprechend gilt: „Die Kirche hat kein anderes Ziel, als diese Liebe erfahren zu lassen und der Welt davon zu erzählen; als ihr diesen höchsten Wert anzubieten, der das Gesetz ihres Heils ist.“20 Das Sehen, das aus der Erfahrung des Mysteriums resultiert, führt zum Handeln in das Mysterium hinein, denn „[k]einer hat das Recht, wie Kain zu sagen: ‚Bin ich denn der Hüter meines Bruders?‘ Niemand ist Christ für sich allein.“21 So sehr diese Überzeugung de Lubacs für die eschatologische Sammlung der Völker gilt (so der thematische Zusammenhang des Zitats), so sehr gilt sie auch für das Engagement des Glaubens in der Welt.

Für Henri de Lubac geht es um die Ernsthaftigkeit des Glaubens. Denn wenn Christ(inn)en ernstnehmen, wer Christus war und was er getan hat, wenn sie die zentralen Punkte ihres Glaubens, der auf seiner Botschaft basiert, d.h. vor allem Liebe (charité), konsequent in ihr Leben übersetzen bzw. „inkarnieren“ lassen, dann können sie nicht schweigen, dann trifft sie zutiefst, was mit den anderen, zumal den älteren Brüdern und Schwestern ihres Glaubens geschieht. So faltet sich das o.g. Zitat auf: Verantwortung der Christ(inn)en ist es erstens, Christ(in) zu sein, und zweitens, dies nicht für sich allein zu sein. Das ist der Kern der résistance spirituelle: Widerstand aus der Liebe.

Nationalsozialismus und Antisemitismus bildeten den Ernstfall der Berufung der Kirche in der Welt, die de Lubac während der Zeit des Vichy-Regimes nicht müde wurde zu betonen und so als Christ selbst ein engagiertes Zeugnis für seine Mitchrist(inn)en ablegte: „Angesichts aller Lauheit und aller [neo]paganen und letztlich entmenschlichenden Verlockung liegt sein Ausweg darin, sich im Evangelium immer wieder neu an der Liebe Gottes zu stärken. Im Grunde genommen ist die einzige Wurzel aller seiner Taten im ‚Widerstand‘: ‚Das Evangelium reicht uns.‘“22 Die Kraft also, den Versuchungen zu widerstehen und mutig für Christus und die Menschen einzustehen, schöpft de Lubac mit der ganzen Kirche in der geistigen Lektüre der Hl. Schrift. Sie weist im Buchstaben über die Begrenztheit des Buchstabens hinaus in die konkrete Verantwortung: „Das Evangelium reicht uns.“23 Hierin liegt die Berufung der Kirche als Sakrament: Aus der Christusbegegnung heraus die Einheit der Menschen gestalten, sei es als menschliche Revolution, sei es als geistlicher Kampf: Niemand ist Christ für sich allein.

Geistlicher Widerstand

Die Einheit des Menschengeschlechts, die Einheit der Heiligen Schrift und die Berufung der Kirche bilden die drei wesentlichen Argumentationslinien des geistlichen Widerstands als eines Widerstands aus der Liebe. Ähnlich des Argumentationsganges, den später das Konzilsdekret Nostra aetate zu den nichtchristlichen Religionen vorlegen wird, bildet Henri de Lubacs Engagement konzentrische Kreise vom Menschen über die jüdische Religion und die Kirche bis zu Christus.

Er ruft Christ(inn)en in die Verantwortung, aus ihrem Glauben heraus Widerstand zu leisten überall da, wo dieser in Frage gestellt wird.

Résister avec courage: So überschreibt Bertrand Dumas einen von zwölf Wegen in die innere Stille, die er in seiner geistlichen Einführung zu de Lubacs Person und Werk skizziert. Das Ernstnehmen des Glaubens führte Henri de Lubac selbst an den Rand der Verhaftung und Deportation, seinen Glaubensbruder Yves de Montcheuil kostete es das Leben. Mutig widersetzt hat sich de Lubac auch später gegen die Verurteilung Teilhard de Chardins oder die gegen seine eigene Person und Theologie erhobenen Vorwürfe, die ihn als sogenannte Affaire Fourvière