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Lesungen sind ein wichtiger Bestandteil des literarischen Lebens. Die Frage, was eine gute Lesung ausmacht, ist aufgrund eines fehlenden öffentlichen oder wissenschaftlichen Diskurses allerdings nur schwer zu beantworten. Diese Arbeit stellt den Versuch dar, Lesungen aus ästhetischer Perspektive zu untersuchen und die Umrisse einer theoretischen Basis für ihre Beschreibung und Beurteilung zu skizzieren. Eine Einsicht in den performativen Charakter von Lesungen und ihren Status als ästhetisch-künstlerische Aufführung erlaubt eine zuverlässigere Realisation des Potenzials der Lesung als Form der Literaturvermittlung – und ist somit insbesondere wertvoll für die Veranstaltungspraxis.
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Seitenzahl: 91
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Lena Dircks
Gelingende Literaturvermittlung
Literatur – Medium – Praxis.
Arbeiten zur Angewandten Literaturwissenschaft
Herausgegeben von Jutta Müller-Tamm und Georg Witte
Band VI
Lena Dircks
Die Untersuchung wurde im Wintersemester 2013/14 als Abschlussarbeit im Masterstudiengang Angewandte Literaturwissenschaft am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin eingereicht.
Impressum
Copyright: © 2016 Lena Dircks
Die vorliegende Arbeit wurde als Abschlussarbeit im weiterbildenden Masterstudiengang Angewandte Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin eingereicht.
Der im Wintersemester 2003/04 eröffnete Studiengang bereitet auf berufliche Tätigkeiten im Bereich der Literaturvermittlung und -förderung vor und macht mit der Funktionsweise des Literaturbetriebs vertraut. Durch die Vermittlung branchenspezifischen Wissens und praktischer Fähigkeiten sollen die Studierenden in die Lage versetzt werden, ihre literaturwissenschaftlichen Fachkenntnisse in der außeruniversitären beruflichen Praxis anzuwenden. Die Lehrveranstaltungen des Studiengangs verbinden praktische Arbeit mit der theoretischen Reflexion auf die Bedingungen und Funktionen dieser Praxis. Darüber hinaus ist die Hinführung auf die Berufspraxis im Literaturbetrieb kombiniert mit der Vermittlung von vertieftem Fachwissen und Urteilsvermögen über (vor allem zeitgenössische) Literatur und ihre medialen Umsetzungen. Der Studiengang verfügt über ein enges Netzwerk an Kooperationen mit den Medien und Institutionen des literarischen Lebens, aus denen sich auch ein Großteil des Lehrpersonals rekrutiert. Dadurch ist neben dem Praxisbezug auch die stetige Aktualisierung der Lehrinhalte gewährleistet.
Die inzwischen weit über 100 Masterarbeiten des Studiengangs untersuchen unterschiedliche Aspekte der zeitgenössischen Literaturvermittlung in Verlagen, Medien, Agenturen, Literaturhäusern, Festivals und anderen Institutionen. Sie analysieren Werke der Gegenwartsliteratur, die mediale (Selbst-)Inszenierung von Autorinnen und Autoren in einem zunehmend kommerzialisierten Literaturbetrieb, den Einfluss der digitalen Revolution auf alle Akteure des Betriebs – um nur einige Beispiele zu nennen. Die Verfasser der Masterarbeiten leisten dabei oftmals Pionierarbeit, da es zu den Themen der Angewandten Literaturwissenschaft häufig kaum oder keine Forschungsliteratur gibt.
Um diese Pionierleistungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, wurde die vorliegende Reihe initiiert. Sie veröffentlicht vom Wintersemester 2014/15 an in regelmäßigen Abständen eine Auswahl aus den besten Masterarbeiten des Studiengangs Angewandte Literaturwissenschaft.
Wir danken allen, die an der Vorbereitung der Publikationen mitgearbeitet haben, und dem Verlag Epubli für seine Kooperationsbereitschaft.
Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm
(Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin)
Prof. Dr. Georg Witte
(Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin)
Obwohl Lesungen einen wichtigen Bestandteil des literarischen Lebens in Deutschland darstellen, findet kaum öffentlicher, theoretischer oder wissenschaftlicher Diskurs über literarische Veranstaltungen und deren Gelingen statt. Es gibt keine Maßstäbe oder Kriterien, nach denen Lesungen bewertet werden können. Bei der Konzeption, Durchführung und Beurteilung werden in der Praxis nur sehr selten theoretische Grundlagen herangezogen. Dadurch wird häufig das Potenzial, das die Lesung als eine Form der Literaturvermittlung hat, nicht genutzt. Die Frage, was eine ‚gute Lesung’ ausmacht, ist nur schwer zu beantworten.
Die vorliegende Arbeit stellt den Versuch dar, Lesungen aus ästhetischer Perspektive zu untersuchen und eine theoretische Basis sowie Maßstäbe zu erarbeiten, auf Grund derer Lesungen angemessen beurteilt und beschrieben werden können. Zudem ist es das Ziel, ein umfassendes Verständnis für die Lesung als ästhetisches Kunstereignis zu schaffen sowie ein Sensorium für Parameter und Einflussfaktoren zu entwickeln, die bisher meist unbeachtet bleiben. Aufgrund des erwähnten Fehlens einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Lesungen, wird hier eine Ästhetik herangezogen, die für den Bereich der Theater- und Performance-Künste gilt, von der aus jedoch viele Parallelen zu literarischen Veranstaltungen aufgezeigt werden können. Bei der Ästhetik des Performativen, wie sie Erika Fischer-Lichte in ihrer gleichnamigen Studie formuliert, handelt es sich um die gründlichste und einflussreichste Untersuchung von kulturellen Live-Ereignissen. In dieser Arbeit wird sie erstmals in ihren einzelnen Aspekten umfangreich auf die literarische Lesung angewendet, um deren spezifische Performativität herauszuarbeiten.
Die Anwendung des Performativitätsparadigmas auf Lesungen erfolgt in vielen Fallbeispielen und stellt sich als äußerst fruchtbar heraus. Eine Einsicht in den performativen Charakter von Lesungen erlaubt eine genauere Planung und damit eine zuverlässigere Realisation des Potenzials der Literaturvermittlung in Lesungen. Dazu gehört auch, Lesungen generell als ästhetische Aufführung zu verstehen, die eine detaillierte Inszenierung erfordert. Das Herausarbeiten der spezifischen performativen Merkmale zeigt, dass nur mit Verstehen der einzelnen Elemente und ihrer Wirkungsmöglichkeiten, diese auch bedacht, adressiert und in einem inszenatorisch, künstlerischen Sinne eingesetzt werden können. Vor allem für die Veranstaltungspraxis sind die hier gewonnenen Erkenntnisse wertvoll – das heißt für die Konzeption, Organisation, Gestaltung der Details und den Umgang mit den Akteuren. Eine gelingende Lesung stellt eine einzigartige Möglichkeit der intellektuellen, emotionalen und ästhetischen Kommunikation und Begegnung dar, die auf verschiedenen Ebenen Erfahrung und Erkenntnis fördert.
Lesungen haben eine lange Tradition in Deutschland und stellen heute ein wichtiges Element des literarischen Lebens dar. Dies drückt sich unter anderem durch eine immer größer und vielfältiger werdende Anzahl an Veranstaltungen aus. Von Verlagen werden Lesereisen vermehrt als wirksames Marketinginstrument betrachtet, um Aufmerksamkeit für Autoren1 und Neuerscheinungen zu generieren. Darüber hinaus sind Autoren häufig auf Einnahmen aus öffentlichen Auftritten angewiesen.
Angesichts der Bedeutung von literarischen Veranstaltungen überrascht es, dass es kaum einen Diskurs über das Gelingen von Lesungen gibt. Statt Lesungen als eigene Kunstform zu verstehen, werden sie zumeist nur als Sekundärprodukt zum eigentlichen Werk, dem Buch angesehen. Die Konzeption, Durchführung und Beurteilung von Lesungen findet in der Regel ohne Rückgriff auf einen theoretischen Hintergrund statt. Dadurch wird mögliches Potenzial nicht genutzt, das die Lesung im Bereich der Literaturvermittlung besitzt. Allerdings ist auch festzustellen, dass ein literaturspezifischer bzw. aus der Literaturwissenschaft heraus entwickelter theoretischer Bezugsrahmen für die theoretische und wissenschaftliche Beschäftigung mit Lesungen nicht existiert. So fehlen schließlich Maßstäbe und Kriterien, um sich mit Fragen nach der Qualität und dem Gelingen von Lesungen als Form der Literaturvermittlung auseinanderzusetzen. Die Frage, was eine ‚gute Lesung’ ausmacht, ist daher nur schwer zu beantworten.
Die vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar, Lesungen aus ästhetischer Perspektive zu untersuchen und die Umrisse einer theoretischen Basis ihrer Beschreibung und Beurteilung zu skizzieren. Aufgrund des erwähnten Fehlens einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Lesung, wird hierzu eine Ästhetik herangezogen, die für den Bereich der Theater- und Performancekünste gilt, von der aus aber viele Parallelen zu literarischen Veranstaltungen gezogen werden können. Bei der Ästhetik des Performativen2, wie sie Erika Fischer-Lichte in ihrer gleichnamigen Studie formuliert, handelt es sich um die umfassendste und einflussreichste Untersuchung von kulturellen Live-Ereignissen.
Im Horizont der Arbeit von Fischer-Lichte soll nachfolgend die spezifische Performativität von Lesungen beschrieben werden, mit dem Ziel, ein umfassendes Verständnis der Lesung als performatives Kunstereignis zu entwickeln. Dessen Qualitäten sollen erkannt, bewertet und verbessert werden wodurch das Potenzial von literarischen Veranstaltungen ausgeschöpft würde. Zudem können das Verständnis und die Beschreibung der Lesung als performatives Ereignis dazu beitragen, Maßstäbe für die Bewertung von Lesungen und Literaturvermittlung zu entwickeln, die auf verschiedenen Ebenen eine fundierte Diskussion ermöglichen.
Zur besseren Einordnung wird zunächst ein knapper Überblick über die Tradition der Lesung gegeben sowie über die so genannte ‚performative Wende’, die in den 1960er Jahren in fast allen kulturellen Bereichen zu beobachten war. Daraufhin wird die Ästhetik des Performativen nach Fischer-Lichte zusammengefasst und in ihren zentralen Merkmalen dargestellt. Im zweiten Teil der Arbeit wird anhand der gewonnenen Erkenntnisse die spezifische Performativität von Lesungen mittels einiger Fallbeispiele herausgearbeitet. Mit Blick auf diese Beispiele sollen konkrete Möglichkeiten für eine kreative und überlegte Inszenierung von Lesungen thematisiert werden. Ziel ist es dabei, ein Sensorium für bisher unbeachtete Parameter zu schaffen und ein Möglichkeitsspektrum aufzufächern.
Hier soll ein sehr kurzer Überblick zu der Geschichte der Lesung, vor allem in Deutschland, gegeben werden, der in seiner Knappheit keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat, aber dennoch für eine Einordnung der Lesung in das Gefüge des Literaturbetriebes hilfreich sein kann.
Die Geschichte von Autorenlesungen im heutigen Sinne beginnt in Deutschland ungefähr mit dem 18. Jahrhundert und der, mit der Romantik aufkommenden, Genieästhetik. Dadurch, dass Texte nun als individuelle und künstlerische Schöpfung des Autors und nicht mehr als Überlieferung galten, änderte sich der Status des Autors in der Öffentlichkeit.3 Neben der sich daraus entwickelnden Verehrung von Autoren, wurde Schriftstellerei zum Beruf und der Autor jemand, der sich auf dem Markt behaupten musste.4 Lesungen wurden beispielsweise in privaten Gesellschaften und Salons veranstaltet. Friedrich Gottlieb Klopstock führte um 1770 Lesungen nach heutigem Verständnis in Deutschland ein und verfolgte schon damals kommerzielle Interessen.5 Letzteres kam vermehrt zum Ende des 19. Jahrhunderts in Europa auf. 6 Bereits Charles Dickens ging auf professionell organisierte, sehr erfolgreiche Lesetourneen. Zwischen 1853 und 1870 absolvierte er über 450 öffentliche Lesungen in Großbritannien und den USA.7 Anfang des 20. Jahrhunderts wurden neue Formate und Inhalte ausprobiert, beispielsweise von den Dadaisten um Hugo Ball im 1916 gegründeten Cabarét Voltaire in Zürich. Der Schriftsteller und Literaturkritiker Walter Höllerer etablierte Anfang der 1960er Jahren mit seiner überaus erfolgreichen internationalen Lesereihe ‚Literatur im technischen Zeitalter‘ die moderierte Lesung, die unter großem Publikumszuspruch in Berlin stattfand und live im Fernsehen übertragen wurde. Damalige Zeitungen bezeichneten die Lesungen der Reihe als „Sensation der Saison“ 8. Das literarische Leben in Deutschland wurde vielfältiger und professionalisierter; in den 1970er Jahren entstand der Begriff des ‚Literaturbetriebs‘.9
Zu den vorher als Lesungsveranstalter fungierenden Buchhändlern, kamen Mitte der 1980er Jahre neue Institutionen hinzu, wie die ersten Literaturhäuser, die in Deutschland gegründet wurden. In den 1990er Jahren zeichnete sich ein allgemeiner ‚Boom’ von Lesungen ab, der mit der Erneuerung des literarischen Lebens nach der Wende sowie mit Umbrüchen auf dem Buchmarkt erklärt werden kann, die angesichts der zunehmenden Medialisierung und ‚Event‘- Kultur stattfanden.10 So entwickelten sich neue Formen von Lesungen in ausdrücklicher Absetzung des bildungsbürgerlichen Kulturlebens, z.B. Poetry-Slams oder Lesungen in Kneipen oder Clubs als Teil einer „urbanen Szenekultur“ 11. Zu Beginn der 2000er Jahre wurden zudem große Literaturfestivals wie das ‚internationale literaturfestival berlin’, die ‚lit.Cologne’ und das die Buchmesse begleitende Programm ‚Leipzig liest‘ mit großem Besuchererfolg gegründet.
Lesungen und Lesereisen sind heute zu einem festen Bestandteil der Marketingstrategie der Verlage geworden. In jeder Großstadt findet täglich ein umfangreiches Programm statt, ob in Literaturhäusern, in Buchhandlungen oder in Kneipen – in den Provinzen gibt es diese ebenfalls häufig in Form von Festivals, wie z.B. das ‚Erlanger Poetenfest‘ oder das ‚Eifel Literaturfestival‘.
