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»Niemand wird zum Gendern gezwungen«, beteuern die Befürworter einer ›gendergerechten Sprache‹. Aber stimmt das wirklich? Die rund 50 Fallbeispiele in diesem Buch zeigen, wie sehr die Freiheit des Sprechens durch den Zwang zum Gebrauch einer vermeintlich inklusiven Sprache beeinträchtigt wird. Vielerorts herrscht ein repressives Klima, das alle Abweichler von der vorgegebenen Sprachlinie sanktioniert. Das Buch skizziert die geistesgeschichtlichen Hintergründe des Genderns und beleuchtet soziologische Phänomene wie soziale Ächtung und Konformitätsdruck rund um das sprachpolitische Projekt Gendersprache.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Fabian Payr Dagmar Lorenz
Genderzwang
Wie Sprachpolitik die Freiheit des Sprechens gefährdet
Königshausen & Neumann
Fabian Payr studierte Germanistik, Romanistik sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt. Anschließend Musik an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt. Artikel über Gendersprache veröffentlichte er in der FAZ, der WELT, der NZZ und der Berliner Zeitung.
Dagmar Lorenz ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und examinierte Sinologin. Sie publizierte über Sprache, Literatur und China u.a. in der FAZ, der WELT und im Hörfunk, sowie Bücher über Journalismus und die Wiener Moderne.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Verlag Königshausen & Neumann GmbH 2026
Leistenstraße 7, D-97082 Würzburg
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Umschlag: skh-softics / coverart
Umschlagabbildung: ConceptualArt: Tag der Pressefreiheit. Meinungsfreiheit;
Stock-Illustration-ID:2237239283 © istockphoto.com
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Print - ISBN 978-3-8260-9763-8
epub - ISBN 978-3-8260-9764-5
www.koenigshausen-neumann.de
www.ebook.de
www.buchhandel.de
www.buchkatalog.de
Vorwort
Kapitel 1: Wie das Gendern in die Sprache kam
1.1 Gendern: Definitionen und Framing
1.2 Techniken des Genderns
1.3 Gendern als Theorie des Ressentiments
Kapitel 2: Mächtige Multiplikatoren: Der Marsch in die Institutionen
2.1 Gesetze und Regelungen
2.2 Behörden, Ministerien
2.3 Gleichstellungsbeauftragte
2.4 Die Queer-Bewegung
2.5 Leitfäden
2.6 Universitäten 1: Gremien, Kollegien
2.7 Universitäten 2: Genderzwang für Studenten
2.8 Universitäten 3: Wissenschaftliches Publizieren
2.9 Schulen
2.10 Der öffentlich-rechtliche Rundfunk
2.11 Kirchen
2.12 Medien/Verlage
2.13 Unternehmen
2.14 Dienstleister und Verlage
2.15 Parteien
Kapitel 3: Facetten des Zwangs
3.1 Der Zwang zur Konformität: Gruppendruck und Opportunismus
3.2 Moralischer Druck
3.3 Übergriffige Pädagogik
3.4 Schopenhauers Kunstgriff
Kapitel 4: Von Sprachpolizisten und Genderverboten
4.1 Sprachpolizei
4.2 „Genderverbote“
Kapitel 5: Wie Sie sich der Zumutung des Genderns entziehen können
5.1 Widerspruch lohnt sich
5.2 Bücher/Artikel/Videos
Nachwort
Anhang: Pro und Contra
Danksagung
Literaturverzeichnis
In der „deutschen Singer-Songwriter*innen-Szene“ sei sehr viel Positives los, sagte die Moderatorin Andrea Kiewel am 15. August 2022 in der ZDF-Sendung „Fernsehgarten“. Dabei machte sie eine deutlich vernehmbare und von einer Handbewegung begleitete Sprechpause beim Wort „Songwriter*innen“, um den Genderstern in ihrer Moderation hör- und sichtbar zu machen. Die gegenderte Form stieß bei einer Zuschauerin im Publikum offensichtlich auf Missfallen, denn Kiewel sagte daraufhin zu ihr gewandt: „Nicht das Gesicht verziehen! Ich muss!“ In den sozialen Netzwerken schossen daraufhin sofort Spekulationen ins Kraut, das ZDF würde Kiewel zum Gendern zwingen. Die Moderatorin stellte jedoch später gegenüber der „Bild“-Zeitung fest: „Niemand, nicht das ZDF und sonst auch niemand, sagt mir, dass ich gendern muss. Ich benutze den männlichen und weiblichen Plural schon seit langer Zeit, weil ich es unbedingt will und es mir sehr wichtig ist. Es liegt mir am Herzen. Und so meinte ich es auch in der Live-Sendung. Kann schon mal vorkommen, dass in einer zweistündigen Live-Sendung nicht jedes Wort maßgeschneidert passt. Aber es ist so. Ich will es. Ich muss es nicht“ (Der Spiegel 2022).
Ist der oft kritisierte Zwang zum Gendern also nur ein Phantasieprodukt? Eine Verschwörungsgeschichte von den Stammtischen der sozialen Netzwerke? Eine von interessierter Seite verbreitete Legende? Befürworter des Genderns betonen: Niemand werde zum Gendern gezwungen. Jeder könne so sprechen, wie er will. Aber ist die Verwendung von „gendergerechter Sprache“ tatsächlich immer eine Sache der Freiwilligkeit? Hat jeder die Freiheit, so zu sprechen und zu schreiben, wie er will, wenn es ums Gendern geht? Dieser Frage wollen wir in diesem Buch nachgehen.
Man muss nicht lange suchen, um auf Regulierungen des Sprachgebrauchs im Namen der Geschlechtergerechtigkeit zu stoßen: Leitfäden von Universitäten, behördliche Anordnungen, Gesetze zur Gleichstellung, Sprachregelungen von politischen Parteien und von Kirchen, Leitfäden von Konzernen, von Kultureinrichtungen gepflegte Sprachmoden, verlagsinterne Vorgaben. Besonders die genannten Leitfäden sind eine janusköpfige Textform: Sie präsentieren das Gendern als „Empfehlung“ für eine inklusive Sprache. Was hier als Angebot daherkommt, entpuppt sich aber oft als faktische Verpflichtung – mit Konsequenzen für jene, die sich diesem Sprachgebrauch verweigern. Aber auch ohne explizite Sprachregularien gibt es berufliche Kontexte, in denen Konformitätsdruck dazu führt, dass Menschen heutzutage zu gegenderten Formen greifen.
Welche Mechanismen hier wirken, auf welche Art und Weise der Gebrauch der Gendersprache in verschiedenen Lebens- und Arbeitsbereichen durchgesetzt wird und wie dieser gesellschaftliche Druck sogar berufliche Existenzen gefährden kann, soll in diesem Buch zur Sprache kommen. Der Begriff „Zwang“, so wie er in diesem Buch verwendet wird, deckt dabei ein breites Bedeutungsspektrum ab, das von mehr oder weniger subtilen Zwängen, vorauseilendem Gehorsam, dem Streben nach konformem Verhalten bis hin zur Nötigung zum Gebrauch „gendergerechter Sprache“ reicht. All diese Facetten des Zwangs werden wir mit konkreten Beispielen und Erfahrungsberichten belegen, wobei der Schwerpunkt auf Fällen von konkretem Zwang zum Gendern liegt. Viele der aufgeführten Geschichten mussten wir auf Bitten der Hinweisgeber anonymisieren, da diese bei Nennung ihres Namens negative Konsequenzen befürchten.
Wer auf den Zwang zum Gendern hinweist, dem wird mitunter nachgesagt, er bediene ein rechtes Narrativ. Die vermeintlichen Geschichten von einem Genderzwang seien aufgebauscht und würden sich bei näherem Hinsehen stets als Nichtigkeiten entpuppen. Es handele sich um eine von rechter Seite forcierte Scheindebatte. Wir werden jedoch aufzeigen, dass es sich hier mitnichten um unbedeutende Einzelfälle handelt, sondern um ein strukturelles Phänomen. Die aufgeführten Fälle belegen, wie sehr unsere Kommunikation in zahlreichen Lebens- und Arbeitsbereichen bereits durch den Zwang zum Gebrauch einer ideologisierten Sprache beeinträchtigt wird. Das Unbehagen an solchen Einschränkungen der Sprechfreiheit ist mittlerweile auch durch Umfragen dokumentiert: Laut einer im September 2025 vom Meinungsforschungsinstitut YouGov durchgeführten repräsentativen Befragung (1009 Teilnehmer) haben 46 Prozent der Deutschen das Gefühl, dass in Deutschland „Sprache zu stark reguliert wird“ (Beug, Sebastian 2025).
Erläutert werden in unserem Buch auch die geistes- und theoriegeschichtlichen Hintergründe des „gendergerechten“ Sprachgebrauchs, der ursprünglich nur von einer Minderheit in einem bestimmten universitären und akademischen Milieu geformt und verwendet wurde. Wir zeigen, wie es geschehen konnte, dass diese Minderheitssprache mit den Jahren Eingang in die Medien und Institutionen finden konnte – und zwar trotz der Tatsache, dass eine Mehrheit der Bevölkerung das Gendern ablehnt.
Wäre das Gendern eine Ware und die Sprachgemeinschaft die Kundschaft, so könnte sich dieses Produkt am freien Markt wohl kaum behaupten. Und das vor allem, weil sich der Nutzen des Sprachumbaus den Konsumenten nicht erschließt. Hinzu kommen die mangelhaften ästhetischen Qualitäten dieser Sprachform, ihre umständliche Nutzung und irritierende Verfremdungen des den Menschen seit ihrer Kindheit vertrauten Verständigungsmittels: der deutschen Sprache. An engagierten Marketingmaßnahmen pro Gendern hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt, die vermeintlichen Vorzüge dieser Sprachpraxis wurden auf vielen Kanälen ausführlich gepriesen. Vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat sich hier als ambitionierter und reichweitenstarker Werbeakteur hervorgetan. Mit nur mäßigem Erfolg. Ein Großteil der Sprachgemeinschaft lässt sich für die neue Sprache nicht begeistern. Laut Umfragen stehen durchschnittlich 80 % der Befragten dem Gendern ablehnend gegenüber, während sich lediglich 20 % für diese Sprachform aussprechen.1 Es kann also nicht die Rede davon sein, dass die vor rund 45 Jahren ins Leben gerufene „gerechte“ Sprachpraxis die Sprachgemeinschaft in all diesen Jahren von ihrem Daseinszweck überzeugt hätte und daher heutzutage immer mehr Texte gegendert werden.
Eine Erklärung für das Nebeneinander von deutlicher Ablehnung bei gleichzeitiger Expansion des Gendersprachengebrauchs bietet die zentrale These dieses Buches: Es ist neben der langjährigen Einflussnahme von Gleichstellungsbüros in öffentlichen Einrichtungen und der breiten Institutionalisierung auch ein vielfältig sich manifestierender Zwang, der in den vergangenen Jahren dafür gesorgt hat, dass sich das Gendern in nahezu jedem Lebens- und Arbeitsbereich verbreiten konnte, während der vermeintlich progressive Sprachgebrauch gleichzeitig mit wachsender Skepsis betrachtet wird.
Hinzu kommt der Zwang zur Zustimmung: Wer Gendersprache kritisiert – aus welchem Grund auch immer –, der muss mit Gegenwind rechnen. Die Ebene einer sachlichen Debatte wird oft schnell verlassen. Der Genderkritiker muss sich darauf gefasst machen, auf moralischer und auch auf persönlicher Ebene angegriffen zu werden. Auch wer die skizzierten Thesen vom Genderzwang in Frage stellt, muss eines eingestehen: Einen Zwang zur Positionierung in der Genderfrage gibt es zweifelsohne. Sowohl die Nutzung von gegenderter Sprache als auch ihre Nichtnutzung ist ein – politisch interpretierbares – Statement. Wer immer sich sprachlich äußert, muss in dieser Frage nolens volens Stellung beziehen und sendet folglich politische Signale aus. Einer Positionierung könnte man nur durch Schweigen entgehen. Wie auch immer man zum Gendern steht: Wenn unser Buch dazu beiträgt, dass seine Leser zum Nachdenken über die eigene Sprech- und Sprachfreiheit angeregt werden, so hätte es seinen Zweck im Sinne seiner Verfasser voll und ganz erfüllt.
* * *
Zur Terminologie: Bezeichnungen wie „geschlechtergerechte Sprache“, „gendersensible Sprache“ oder „genderinklusive Sprache“ werden in diesem Buch in Anführungszeichen gesetzt, um kritische Distanz zum hiermit verbundenen Framing zum Ausdruck zu bringen. Anstelle des Begriffs „generisches Maskulinum“ verwenden wir im Text meist die Bezeichnungen „inklusives Maskulinum“ oder auch „geschlechtsneutrales Maskulinum“. Wir halten diese Wortwahl für verständlicher und in der Sache auch für zutreffender.
Zu den Fallbeispielen: Anhand rund fünfzig konkreter Beispiele wird in diesem Buch aufgezeigt, wie Gendern in vielen Lebensbereichen mittlerweile erzwungen wird: sei es bei der Ausübung des Berufs, im Bildungsbereich oder bei freiberuflicher Tätigkeit. Als wir damit begannen, die zahlreichen von uns recherchierten Fälle zu dokumentieren, sahen wir uns mit einem grundlegenden Problem konfrontiert: Einerseits hielten wir es für unabdingbar, die aufgeführten Fallbeispiele mit exakten Quellenangaben zu versehen und unseren Lesern damit die Chance zu bieten, sich von der wahrheitsgemäßen Darstellung der Fakten durch Überprüfung zu überzeugen. Andererseits jedoch baten viele Betroffene darum, ihre Anonymität zu wahren, weil sich die Nennung von konkreten Namen und Institutionen für die Betroffenen nachteilig auswirken könnte. Im äußersten Falle könnte diese Offenheit sogar dazu führen, dass sie ihren Arbeitsplatz verlören. Aus diesem Grunde mussten wir in einigen Fällen auf identifizierende Quellenhinweise verzichten. Unsere Leser bitten wir dafür um Verständnis!
An dieser Stelle möchten wir uns bei den vielen Unterzeichnern des Aufrufs Wissenschaftler kritisieren Genderpraxis des ÖRR (linguistik-vs-gendern.de) bedanken. Wir haben sie um Erfahrungsberichte gebeten und zahlreiche Zuschriften erhalten. Viele dieser Geschichten geben wir im O-Ton wieder.
Für den Begriff Gendern gibt es unterschiedliche Definitionen – es lohnt sich hier ein genauer Blick auf das verwendete Vokabular. Denn mit der Wortwahl gehen Wertungen einher und die Einbettung des Definierten in einen bestimmten Kontext. Solche gezielten Einfärbungen von Sachverhalten durch Wortwahl und Formulierungen werden Framing genannt. Es geht hierbei um die Art und Weise, wie Informationen präsentiert oder „gerahmt“ werden, um gezielt Bewertungen und Emotionen beim Empfänger hervorzurufen. Ein Beispiel: Wer Steuersenkungen für Wohlhabende kritisch sieht, wird sie „Steuergeschenke für Reiche“ nennen, wer sie begrüßt, wird von „Steuerentlastungen für Leistungsträger“ sprechen. Bei Definitionen des Genderns sind vor allem moralisch grundierte Einfärbungen durch eine entsprechende Wortwahl (Wording) zu beobachten.
Wie wird das Verb „gendern“ definiert? Es steht synonym für den Gebrauch „geschlechtergerechter Sprache“. Was aber ist unter Geschlechtergerechtigkeit im sprachlichen Bereich zu verstehen? Im „Handbuch geschlechtergerechte Sprache“ des Duden-Verlags findet sich folgende Definition:
„Gendern verstehen wir als ein sprachliches Verfahren, um Gleichberechtigung […] im Sprachgebrauch zu erreichen.“ (Diewald, Steinhauer 2020: 49)
Weitere Aspekte einer „geschlechtergerechten“ Sprache führt der Gender-Leitfaden der Universität Köln an, der vielen anderen Leitfäden als Vorbild diente:
„Repräsentation: Sprachliche Formen sind zu finden und zu verwenden, die alle Geschlechter adäquat repräsentieren und durch die sich alle angesprochen fühlen. Wertschätzung: Sprache ist so einzusetzen, dass sie nicht diskriminierend ist.“ (Universität Köln 2021)
Im Online-Wörterbuch des Duden-Verlags findet sich unter dem Eintrag gendern: „bestimmte sprachliche Mittel verwenden, um Menschen aller Geschlechtsidentitäten sprachlich sichtbar zu machen.“ Verschiedene Aspekte werden in den aufgeführten Definitionen angesprochen: Gleichberechtigung in der Sprache zum Ausdruck bringen, sprachliche „Repräsentation“, „Sichtbarmachung“ aller Geschlechter sowie ein nicht diskriminierender Sprachgebrauch, von dem sich „alle angesprochen fühlen“.
Der entscheidende Punkt wurde in den bislang aufgeführten Definitionen jedoch noch nicht erwähnt: und zwar die Forderung, im Interesse der Geschlechtergerechtigkeit beim Sprechen und Schreiben auf den Gebrauch des inklusiven Maskulinums (auch: generisches Maskulinum) zu verzichten, also auf die Verwendung des Maskulinums in geschlechtsneutraler Bedeutung. Ein Beispiel: Wenn eine Zeitung titelt „Deutschlands Gärtner beklagen Umsatzeinbußen“, sind sämtliche Gärtner Deutschlands ungeachtet ihres Geschlechts gemeint. Heißt es hingegen „der Gärtner Bruno hat heute unsere Rosen beschnitten“, liegt ein „spezifisches Maskulinum“ vor, das auf eine männliche Person verweist. Movierbare Maskulina1 sind im Deutschen generell mehrdeutig – erst der Kontext, in dem sie stehen, gibt Aufschluss darüber, ob sie geschlechtsneutral oder geschlechtsspezifisch zu interpretieren sind. Anhänger des Genderns halten das inklusive Maskulinum für „missverständlich“ und behaupten, es sei oft unklar, ob es sich nur auf männliche Personen beziehe oder auch auf weibliche. Gleichberechtigung, Repräsentation, Sichtbarmachung und Nichtdiskriminierung – all dies lasse sich nach Ansicht der Genderbefürworter sprachlich nur dann realisieren, wenn das inklusive Maskulinum aus dem Sprachgebrauch gestrichen wird, da es vorrangig „mentale Bilder“ von Männern heraufbeschwöre. Auf diese sprachpraktische Ebene bezogen kann Gendern mithin wie folgt definiert werden:
Gendern bezeichnet die Summe aller sprachlichen Mittel, die genutzt werden, um den Gebrauch des inklusiven Maskulinums zu umgehen, einer grammatischen Form, der von manchen die Fähigkeit abgesprochen wird, Personen auf geschlechtsneutrale Weise zu bezeichnen.
Dass es beim Gendern im Wesentlichen um den Ausschluss des inklusiven Maskulinums aus dem Sprachgebrauch geht, bestätigen auch die Linguistinnen Gabriele Diewald und Anja Steinhauer:
„… denn im Grunde besteht ein Großteil der Spracharbeit für geschlechtergerechte Sprache in der Bemühung, die alte Gewohnheit der Verwendung von Maskulinformen für ‚alle‘ zu überwinden, indem sinnvollere Formen gewählt werden“ (Diewald, Steinhauer 2020: 20).
Im Kapitel 1.2 unseres Buches („Techniken des Genderns“) wird aufgezeigt, dass es eine Vielzahl von sprachlichen Mitteln gibt, den Gebrauch des inklusiven Maskulinums zu umgehen. Die Verwendung von Gendersonderzeichen (Genderstern, Doppelpunkt, Unterstrich) ist dabei nur eines von mehreren Verfahren. Fälschlicherweise wird vielfach von „gendern“ gesprochen, wenn eigentlich lediglich die Nutzung von Gendersonderzeichen gemeint ist. So ist dann mitunter pauschal von einem „Genderverbot“ (siehe Kapitel 4.2) die Rede, wenn in staatlichen Bereichen die Verwendung dieser Zeichen untersagt wird.
Im Laufe seines rund 45-jährigen Bestehens hat das feministische Sprachkonzept – Deutsch ohne inklusives Maskulinum – immer wieder seinen Namen gewechselt (Wetschanow 2017): Zunächst, in den 80er-Jahren, nannte man diese Sprachpraxis „nicht-sexistischer“ Sprachgebrauch, später „geschlechtsneutral“ oder schlicht „sprachliche Gleichbehandlung“, bis sich seit Ende der 90er-Jahre zunehmend der Ausdruck „geschlechtergerechte Sprache“ durchsetzte. Mit dem Aufkommen queerfeministischer Strömungen und Gendertheorien kam es in den Folgejahren zu Wortbildungen wie „gendergerecht“, „genderfair“ oder „gendersensibel“. Ab ca. 2010 finden sich verstärkt Begriffe wie „nicht-diskriminierend“ oder „inklusiv“, die der Begriffswelt der Identitätspolitik entstammen.
In den zahlreichen Leitfäden zum Gendern finden sich oft Tabellen mit dem herkömmlichen Sprachgebrauch in der linken und der „gendergerechten“ Variante in der rechten Spalte. Zunächst die Formulierung mit inklusivem Maskulinum – dann die maskulinfreie Alternativform. Beabsichtigt ist eine Gegenüberstellung von vermeintlich überholtem und „progressivem“ bzw. „gerechtem“ Sprachgebrauch. Was Fürsprecher des Genderns vom herkömmlichen Deutsch mit seinem inklusiven Maskulinum halten, zeigt sich, wenn man die oben genannten Bezeichnungen für die neue Sprache in ihr Gegenteil wendet: Das überlieferte Deutsch ist nach Einschätzung der Sprachumbauer sexistisch, nicht geschlechtergerecht, diskriminierend, unfair, unsensibel, exkludierend. Es ist ein Deutsch, das Frauen unsichtbar mache und den Mann zum Maß aller Dinge. Schuld allein sei das generische Maskulinum als sprachlich geronnene Manifestation des Patriarchats.
Ob man dem Gendern zugeneigt ist oder es ablehnt, steht und fällt also letztlich einzig und allein mit der Antwort auf die Frage „Wie hältst du es mit dem inklusiven Maskulinum?“ Ca. 80 % der Bevölkerung benutzen es nach eigenem Bekunden unverdrossen weiter, halten seine Verwendung für unproblematisch, verstehen es bereits seit ihren Kindertagen mühelos und spontan als genderneutrale Form und würden es weit von sich weisen, dass ihre Sprachpraxis sexistisch, nicht geschlechtergerecht, diskriminierend, unfair, unsensibel oder sonstwie moralisch bedenklich sei. Alle Umfragen zeigen: Die Fürsprecher des Genderns sind auch nach Jahren intensiver Lobbyarbeit die Minorität geblieben, die sie immer schon waren. Mit ihren Theorien und Neuformen haben sie sich in der Breite der Bevölkerung nicht durchsetzen können. Auch nicht durch den Einsatz der eingangs beschriebenen Framing-Techniken. Wörter wie gerecht, fair, sensibel oder inklusiv sind positiv besetzt. Wer seine eigene Sprachpraxis als moralisch vorbildlich darstellt, der macht es all denen schwer, die sich dieser Sprachpraxis nicht anschließen möchten. Kritiker des Genderns sehen sich schnell ins moralische Zwielicht gestellt. Das Positiv-Framing beim Gendern erzeugt einen Anpassungsdruck, dem sich viele nicht entziehen können. Hieße das Gendern schlicht Deutsch ohne inklusives Maskulinum, fiele die Zurückweisung dieser Sprachpraxis vielleicht leichter. Wer sich jedoch einem moralisch untadeligen Projekt wie einer geschlechtergerechten Sprache verweigert, sieht sich rasch dem Verdacht ausgesetzt, ein grundsätzliches Problem mit Geschlechtergerechtigkeit zu haben. Die Aufladung der „inklusiven Sprache“ mit moralischen Kategorien stellt den Genderverweigerer unter Generalverdacht: Er wird als Befürworter einer ungerechten, diskriminierenden und frauenfeindlichen Ordnung dargestellt.
Dabei ist die deutsche Grammatik weder „gerecht“ noch „ungerecht“ – Gerechtigkeit ist eine ethische Kategorie, die zur Beschreibung grammatischer Strukturen ungeeignet ist (Bayer 2020). Dass das geschlechtsneutrale Maskulinum Frauen (und nichtbinäre Personen) „ausschließe“ oder nur „mitmeine“, ist eine Behauptung, die auf einer ideologisch motivierten Fehlinterpretation grammatischer Strukturen basiert. Der Vorwurf der „Ungerechtigkeit“ an die Adresse der Sprachstruktur beruht im Wesentlichen auf der wissenschaftlich unhaltbaren Vermengung der Kategorien Genus und Sexus. Genus ist eine innersprachliche grammatische Kategorie, Sexus aber eine außersprachliche, die das biologische Geschlecht einer Person bezeichnet. Wörter wie „die Person“, „der Mensch“, „das Opfer“2 belegen, dass zwischen Genus und Sexus im Deutschen keine durchgängige Korrelation besteht. Würden die Propagandisten einer „geschlechtergerechten Sprache“ diese beiden Kategorien sauber voneinander trennen, wäre es ihnen vermutlich nie in den Sinn gekommen, die deutsche Sprache für reparaturbedürftig zu erklären und sie in eine anarchische Spielwiese3 für gut gemeinte, aber schlecht gemachte Umbaumaßnahmen zu verwandeln: anything goes, und jeder darf mal nach Gusto. Beispielhaft sei hier der im Genderleitfaden der Universität Köln enthaltene „Würfel für Unentschlossene“ angeführt, mit dem man beliebig und zufällig verschiedene Genderformen auswählen kann. Der Geschlechtergerechtigkeit wird damit kein erkennbarer Dienst erwiesen. Unserer Sprache auch nicht.
Fabian Payr
Die Linguistin Gisela Zifonun hat das Gendern einmal mit einem „Slalom um verbotene Wörter“ verglichen (Zifonun 2018). Umschifft wird bei diesem Slalom das geschlechtsneutrale Maskulinum. Die nachstehend aufgeführten Genderstrategien verstehen sich als Alternativformen zum inklusiven Maskulinum. Grundsätzlich werden zwei Strategien verfolgt:
1) Sichtbarmachung/Nennung der Geschlechter sowie
2) Neutralisierung (Vermeidung eines Geschlechtsbezugs).
Verfahren
Beispiele
Sichtbarmachung: Beidnennung/ Doppelnennung
Architektinnen und Architekten Schülerinnen und Schüler Politikerinnen und Politiker Die Beidnennung ist die im Jahr 2025 am weitesten verbreitete Form des Genderns. Manche Genderlinguisten behaupten, das Wort „Architekt“ bezeichne in seiner Grundbedeutung einen Mann. Ständige Beidnennungen können dazu beitragen, „Architekt“ (ein in seiner Grundform geschlechtsneutrales Wort) mit der Information „männlich“ aufzuladen. Wir gehen davon aus, dass mit dieser Sprachpraxis die fortschreitende Zerstörung der sexusneutralen Lesart des Maskulinums beabsichtigt ist.
Sichtbarmachung: Wechsel von Maskulinum und Femininum, gemischtes Gendern
Ärztinnen und Pfleger Politiker und Journalistinnen Soziologinnen und Geisteswissenschaftler Der Wechsel des Genus soll hier zum Ausdruck bringen, dass bei allen Personenbezeichnungen beide Geschlechter gemeint sind. Also: Ärzte und Ärztinnen sowie Pflegerinnen und Pfleger. Bei movierten Formen wie „Ärztinnen“ handelt es sich mithin um ein – in der deutschen Sprache in dieser Form nicht existierendes – generisches Femininum und bei „Pfleger“ um ein (existierendes) generisches Maskulinum. Gemischtes Gendern ist außerordentlich missverständlich, da im normalen Sprachgebrauch mit dem Wort „Ärztinnen“ ausschließlich Frauen bezeichnet werden.
Sichtbarmachung: Gendersonderzeichen
Architekt*innen (Genderstern) Schüler:innen (Doppelpunkt) Politiker_innen (Gendergap) Nicht allen bekannt: Die Gendersonderzeichen sollen der Bezeichnung nonbinärer Personen dienen. In der gesprochenen Sprache werden Gendersonderzeichen durch eine Sprechpause hörbar gemacht: Architekt(Pause)innen.
Sichtbarmachung: Binnen-I
ArchitektInnen SchülerInnen PolitikerInnen Dieses leicht verfremdete Femininum ist eine mittlerweile aus der Mode gekommene Form des Genderns.
Neutralisierung: Partizipialformen (im Plural geschlechtsneutral)
Studierende Mitarbeitende Beschäftigte Teilnehmende Lehrende Hörende Lesende Kunstschaffende Diese mittlerweile stark verbreiteten Ersatzformen sind oft nicht bedeutungsgleich mit dem Ausgangswort. So ist „Forscher“ eine Person, die beruflich forscht, während ein „Forschender“ nicht zwangsläufig einen wissenschaftlichen Beruf ausüben muss (Gleiches gilt für: Bäcker/Backender, Musiker/Musizierender, Maler/Malender). Problematisch ist die Verwendung des Partizip Präsens außerdem, weil die Verlaufsform üblicherweise eine gerade in der Ausübung befindliche Tätigkeit bezeichnet (schnarchender Schläfer, malendes Kind, trinkende Person). Daher ist ein Fahrradfahrer, der sein Fahrrad abgeschlossen hat, streng genommen kein Fahrradfahrender mehr und ein Wähler, der sein Wahlrecht nicht ausübt, kein Wählender. Auch ein Teilnehmender ist teilnehmend nur während einer Veranstaltung, während man auch vor und nach der Veranstaltung Teilnehmer sein kann.
Neutralisierung: Passivsätze
Es gibt immer weniger Blutspender. → Es wird immer weniger Blut gespendet. Verfasser, Herausgeber → verfasst von, herausgegeben von Nutzer müssen die Gebrauchsanleitung beachten. → Die Gebrauchsanleitung muss beachtet werden.
Neutralisierung: Ersatzwörter/Entpersonifizierung
der Informant → die Quelle Kritiker → kritische Stimmen Wissenschaftler → die Wissenschaft Helfer → Hilfskräfte Polizisten → die Polizei Anfängerkurs → Grundkurs Dozententätigkeit → Lehrtätigkeit Rednerpult → Redepult Teilnehmergebühr → Teilnahmegebühr
Neutralisierung: Substantivierte Verben
Das muss für Leser verständlich sein. → Das muss beim Lesen verständlich sein. Dem Zuschauer wird sich das nicht erschließen. → Das wird sich beim Zuschauen nicht erschließen.
Neutralisierung: Adjektive
