Generalisierung und Sinn - Gerd Sebald - E-Book

Generalisierung und Sinn E-Book

Gerd Sebald

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Beschreibung

In modernen Gesellschaften zeigt sich empirisch ein komplexes Geflecht von unterschiedlichen und hochgradig differenzierten Formen sozialer Bezugnahmen auf Vergangenes. Diese Formen können als soziale Gedächtnisse konzipiert werden. Obwohl solche zeitlichen Referenzen elementarer Bestandteil aller Sinnvollzüge sind, bleibt der Begriff des Gedächtnisses in den Sozialwissenschaften theoretisch meist randständig oder nur auf explizite Erinnerungsvorgänge beschränkt. Das Ziel der Überlegungen ist zum einen die Verankerung des Gedächtnisbegriffes in den Grundbegriffen einer sozialwissenschaftlichen Beschreibung von Gesellschaft und zum anderen die Erarbeitung eines begrifflichen Instrumentariums, das die vielfachen wechselseitigen Bezüge zwischen Gedächtnisformen auf unterschiedlichen Ebenen des Sozialen zu beschreiben gestattet. Das geschieht durch die Integration von phänomenologischen, wissenssoziologischen und systemtheoretischen Theoriebeständen. Als Grundbegriffe fungieren Generalisierung und Sinn, die in ihren unterschiedlichen Formen, ihrer Genese, ihrem Gebrauch und ihren Wechselwirkungen auf den unterschiedlichen sozialen Ebenen der individuellen Akteure, der Situation und der transsituativen Ordnungen untersucht werden.

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhalt

1 Problemexposition

1.1 Dichotomische Befunde

§ 1 Erzählungen des Anfangs

§ 2 Theorien und Formen

§ 3 Spalten und Klüfte I: subjektive vs. objektive Kultur

§ 4 Spalten und Klüfte II: Interaktion vs. Differenzierung

§ 5 Dichotomien

1.2 Ausgangspunkte und Problemstellungen

§ 6 Ausgangspunkte I: Der Beginn bei Halbwachs

§ 7 Ausgangspunkte II

§ 8 Problemstellungen

§ 9 Exkurs: Theorie und Empirie

2 Grundbegriffe I: Generalisierung

§ 10 Begriffe: Gedächtnis und Formierung

2.1 Erfahrung und Typus

§ 11 Erfahrung und Erlebnis

§ 12 Die zeitliche Struktur der Erfahrung

§ 13 Pragmatischer Weltzugang und Modi der Erfahrung

§ 14 Typus und Typik in Husserls Phänomenologie

§ 15 Typen und Typisierung bei Alfred Schütz

§ 16 Exkurs: Die Einhegung der Typisierungsprozesse

§ 17 Typiken als relationale Bestimmungen

2.2 Parallele Verarbeitung I: Schemata

§ 18 Parallele Verarbeitung

§ 19 Schemata bei Jean Piaget

§ 20 Dynamik der Generalisierungen (Frederic Bartlett)

2.3 Parallele Verarbeitung II: Emotionalität

§ 21 Phänomenologische Überlegungen zu einem Konzept von Emotion

§ 22 Emotionalität und Erfahrung strukturgenetisch

§ 23 Emotionen und Sozialisation

§ 24 Emotionen und Gedächtnis

2.4 Sequentielle Verarbeitung

§ 25 Generalisierung und Sprache

§ 26 Das Sprechen und die Intersubjektivität

§ 27 Die Differenzen der Sememe

§ 28 Formate und Formalisierung

2.5 Medien und Generalisierungen

§ 29 Zum Medienbegriff

§ 30 Mediale Eigenlogik und Generalisierung

§ 31 Die Geltung von Generalisierungen

§ 32 Medien und soziale Gedächtnisse

§ 33 Generalisierung und Spezifizierung

§ 34 Generalisierung und Krisen

3 Grundbegriffe II: Sinn – Sozialität und Selektivität

3.1 Der Sinnbegriff

§ 35 Die Grundlagen des Sinnbegriffs (Weber)

§ 36 Die Explikation des Sinnbegriffs

§ 37 Die Instabilität von Sinnvollzügen

3.2 Selektivität und Sozialität von Sinn

§ 38 Sinnvollzüge als selektive Prozesse I

§ 39 Sinnvollzüge als selektive Prozesse II: Phänomenologie

§ 40 Sinnvollzüge als selektive Prozesse III: Systemtheorie

§ 41 Die Sozialität von Sinn

4 Individuelle Formen des Sinnvollzugs und von Gedächtnis

4.1 Das Körpergedächtnis

§ 42 Formen von Sinnvollzügen I: Körper

§ 43 Körperliche Sinnvollzüge

§ 44 Körpergedächtnis

4.2 Formen von Sinnvollzügen II: Das reflexive Gedächtnis

§ 45 Reflexive Sinnbildung

§ 46 Das reflexive Gedächtnis

§ 47 Die cadres sociaux des reflexiven Gedächtnisses

5 Situationen und ihre Horizonte

5.1 Situation und Sinn

§ 48 Formen von Sinnvollzügen III: Situationen

§ 49 Schelers Milieubegriff

§ 50 Situation als Grundbegriff

§ 51 Die Ordnung der Situation: Das implizite Wissen

§ 52 Die Ordnung der Situation 2: Sprachgebrauch

5.2 Transzendenzen der Situation

§ 53 Über die Situation hinaus I: Referenzierte Materialität

§ 54 Situative Materialitäten

5.3 Die Ordnung der Horizonte

§ 55 Über die Situation hinaus II: Verweisungsstrukturen und Horizonte

§ 56 Horizonte und soziale Gedächtnisse

6 Transsituationale Ordnungsmuster

§ 57 Vorbemerkung zur Konzeption des Transsituativen

6.1 Materiale Ordnungsbereiche

§ 58 Die Formierung der Ordnungsbereiche

§ 59 Pluralisierung der Ordnungsbereiche

6.2 Kommunikative Ordnungsformen

§ 60 Narrative

§ 61 Diskurse

7 Die Formierung sozialer Gedächtnisse – eine Heuristik

§ 62 Problemdimensionen sozialer Gedächtnisse

§ 63 Wissenschaftliche Selektivitäten

§ 64 Prinzipien einer Heuristik

§ 65 Vom Handwerk des Schreibens

§ 66 Schreiben als individuelle Tätigkeit

§ 67 Schreiben aus den transsituationalen Gegebenheiten heraus

§ 68 Schreiben als Hand-Werk

§ 69 Die Situation des Schreibens

§ 70 Handlung und Struktur

Literatur

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?

(Mann, Josef und seine Brüder)

Theorieen, nicht als richtende Götzen, sondern destillierte Erfahrungen –

(Schaeffer, Helianth)

For through that tube he saw that he was in the land of Phenomenon where he must for a certain one day die as he was like the rest too a passing show.

(Joyce, Ulysses)

Vorwort

Der Abschluss einer Arbeit lädt zum Innehalten und zur Rückschau ein, auch und besonders wenn die Arbeit sich mit einer Theorie sozialer Gedächtnisse beschäftigt. Was beim Durchscrollen der fertigen pdf-Datei zuerst auftaucht, ist die Erleichterung über ein (zumindest vorläufig) abgeschlossenes Werk. Dass diese Arbeit, wie Schreiben überhaupt, potentiell unabschließbar ist, dass zumindest lange daran weiter geschrieben werden kann und vielleicht auch wird, steht im Moment der geplanten Unterbrechung in einem weit entfernten Horizont. Was dagegen dämmert und näher rückt, ist die Genese des Werks. Dann wird sofort deutlich, dass, auch wenn ein solcher auf Umschlag und Titelblatt steht, diese Arbeit nicht nur den einen Autor haben kann, dem sie formal zugerechnet wird, sondern das Produkt vieler Diskussionen, vieler Lektüren, vieler Lehrveranstaltungen, vieler Anregungen und einem Bündel an Hilfestellungen und Unterstützungen ist. Auch wenn nur ich die Tastatur bediente, war ich nie allein am Schreibtisch.

Die Sequentialität des Schreibens produziert eine Reihenfolge, wo ein Gruppenbild stehen müsste. In der ersten Reihe steht Ilja Srubar, mein Lehrer im besten Sinne des Wortes, der als Mentor und auch Vorsitzender des Mentorats, die Arbeit seit ihren Anfängen in einer weit entfernten Magisterarbeit begleitet und immer wieder behutsam angestoßen hat. Daneben, und nicht weniger wichtig, hat Joachim Renn beständig wichtige intellektuelle Impulse geliefert, ohne die das Projekt nie diese theoretische Weite und Tiefe erreicht hätte. Sein Werk, insbesondere die »Übersetzungsverhältnisse« war anregend wie sonst allenfalls Texte von Edmund Husserl und Alfred Schütz. Ein unverzichtbarer Partner für das Projekt, vor allem bei der Wiederaufnahme des Themas, bei der Formulierung des Projektantrages »Soziale Gedächtnisse in differenzierten Gesellschaften« und bei der Diskussion von Texten war Jan Weyand, wenn auch die synchrone Habilitation uns weniger Zeit für Diskussionen gelassen hat, als es mir lieb gewesen ist. Darum gruppiert sind die Mitarbeiter/innen des erwähnten Forschungsprojektes René Lehmann, Ania Musiol, Florian Öchsner, Katja Hartosch, Johanna Frohnhöfer, Christian Brunnert, Monika Malinowska, Thomas Höhne und Gabriele Daxenberger. Unsere Projektsitzungen, Interpretationssessions und ihre jeweils eigenen Arbeiten haben die hier präsentierten Überlegungen erheblich vorangetrieben. Frank Adloff hat wichtige Anregungen für das Kapitel der Emotionen gegeben, und mit Robert Schmidt habe ich mir schreibend einen Leerstuhl geteilt.

Generell danken möchte ich dem Institut für Soziologie an der FAU Erlangen, das mir in nunmehr 20 Jahren nicht nur eine intellektuelle, sondern auch eine sehr angenehme soziale Heimstatt geworden ist. Aus dem Kreis der Kolleg/innen möchte ich (in alphabetischer Reihenfolge) Sebastian Büttner, Sabina Enzelberger, Christa Herrmann, Irmgard Karner, Matthias Klemm, Hedwig Schwarzott und Rainer Trinczek hervorheben. Eine Arbeit, wie die vorliegende, im aktuellen universitären Kontext mit sechsmonatig befristeten Beschäftigungen, meist als sog. »Lehrkraft mit besonders viel Aufgaben«, zu erstellen, ist nur in einem solch harmonischen Umfeld möglich. Danken möchte ich auch den Teilnehmer/innen des Montagkolloquiums für Theorie und Kultursoziologie für immer anregende Diskussionen und für die vielfältigen kritische Anmerkungen zu meinen Projektvorstellungen. Rainer Trinczek und Kay Kirchmann als Mitglieder des Mentorats, sowie Joachim Renn, Reiner Keller und Jeffrey K. Olick als externe Gutachter haben wichtige Hinweise für die Überarbeitung geliefert.

Ganz nah am Schreibtisch und auch wieder ganz fern waren Susanne, Johannes, Aron und Dorian. Die Zeit der Habilitation war keine leichte Zeit für uns, aber sie ist vorbei.

1 Problemexposition

1.1 Dichotomische Befunde

§ 1 Erzählungen des Anfangs

Im Gefolge der kulturellen Veränderungen, die unter der Stichwort »1968« sortiert werden, wuchs an den Rändern und jenseits des Wissenschaftsbetriebs das Interesse an familialer und lokaler Geschichte, an der Geschichte der unterdrückten Klassen, der Frauen, des Alltags (vgl. etwa Popular Memory Group 1982). Erinnerungen wurden zu sozialen und generationellen Konfliktpunkten. Michel Foucault (2002: 186) hat dazu eine passende und gern aufgegriffene Parole geliefert: »Es geht darum, die Historie zu einem Gegengedächtnis zu machen und darin eine ganz andere Form der Zeit zur Entfaltung zu bringen.« Parallel zu diesen kulturellen Veränderungen beginnt der Niedergang der westlichen Wohlfahrtsregime. Die Nachkriegserzählungen vom immerwährenden und krisenlosen Wachstum werden unglaubwürdig durch absehbare Probleme in der Energieversorgung, durch neu aufbrechende soziale Konflikte, durch die massiven Störungen im ökologischen Gleichgewicht.1 Auch Nationalstaaten wenden sich auf der Suche nach Legitimationsquellen wieder stärker von der problematisch gewordenen Zukunft zur Vergangenheit. Das gilt erst recht nach 1989, als die Legitimation des Sozialismus mit seiner großen Erzählung von der klassenlosen Gesellschaft verschwand. Die Frage nach sozialen Gedächtnissen rückt damit (wieder) auf die Agenda, in politischer wie in wissenschaftlicher Hinsicht.

Jan Assmann (1997: 11) macht drei Faktoren für »Virulenz des Themas Gedächtnis und Erinnerung « verantwortlich: der mediale Umbruch zu den digitalen Medien und die damit gegebenen neuen Speichermöglichkeiten, das kulturelle Bewußtsein, in einer

»Nachkultur« zu leben und schließlich den »existentiellen Kern des Diskurses«: die »Epochenschwelle in der kollektiven Erinnerung«, das Verschwinden der Zeitzeugen der Verbrechen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts und die damit aufgeworfene Frage, wie denn die Ereignisse dieses »Zeitalters der Extreme« (Hobsbawm 1997) erinnert werden sollen.

Eine andere und weiter aufgespannte Erzählung der Entwicklung der memory studies entwickeln Olick, Vinitzky-Seroussi und Levy (2011: 8 ff.). Sie bestreiten den »memory boom«, wie er in den zwei oben angeführten Erzählungen präsentiert wird. Stattdessen konstatieren sie eine permanente Beschäftigung mit dem Problem des Gedächtnisses, angefangen vom Erinnerungsgebot der hebräischen Tradition2, über die antike Philosophie (Platons Wachstafelmetapher, Aristoteles 1997, Augustinus 1960) bis hin zur Aufklärung, in der Erinnerung zu einer Quelle des Selbst wurde (Locke 1962: II, XXVII; Thiel 2008; Taylor 1996: 299 ff.).

Den eigentlichen Beginn des Booms der Gedächtnisforschung verorten Olick et al. jedoch am Ende des 19. Jahrhunderts als sich in der Experimentalpsychologie (Wundt, Ebbinghaus, Janet und Bartlett)3, in der Evolutionsbiologie (Samuel Butler, Ewald Hering, Richard Semon), in der Freudschen Psychoanalyse und schließlich mit Maurice Halbwachs, dem soziologischen Pionier zu diesem Thema, eine Vielzahl von Veröffentlichungen sich mit dem Problem des Gedächtnisses auseinanderzusetzen begannen.

Terdiman (1993) schließlich stellt eine erste »memory crisis« der Moderne nach französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen bis hin zur Mitte des 19. Jahrhunderts fest. Ausdruck dieser Krise sind für ihn die Romane Flauberts, Mussets »Confession d’un enfant du siècle«, Baudelaires Gedichte, der Aufstieg der Geschichte und Geschichtswissenschaft, aber auch Marx’ Warenbegriff, für den das Vergessen der Produktionsbedingungen konstitutiv ist.

Gedächtnis, das ist allen diesen Erzählungen inhärent, wird thematisch in Zeiten der Veränderung, des gesellschaftlichen Wandels, der Transformation und ist somit ein universales Phänomen von Sozialität. Denn Prozessualität, sei es in Form eines Zirkels, sei es in evolutionärer oder revolutionärer Dynamik, ist elementar für jegliches soziale Geschehen. Wenn diese These zutrifft, wären Erscheinungen von Gedächtnis, von Bezügen auf Vergangenes, notwendig in jeder Form von Sozialität, soziale Gedächtnisse wären wichtig für jede Beschreibung des Gesellschaftlichen und müssten entsprechend basal in Theorien des Sozialen verankert werden.

§ 2 Theorien und Formen

Mit den skizzierten sozialen Erscheinungen einher geht die Entwicklung einer Vielzahl von Theorien sozialer Gedächtnisse. Angefangen bei Frederic Bartlett (1995), Maurice Halbwachs (1985a), Halbwachs (2003) und Halbwachs (1985b), über Aleida und Jan Assmann (Assmann 1988a; Assmann und Assmann 1994; Assmann 1997; Assmann 1999a), Harald Welzer (2008), den dynamics of memory-Ansatz (Schwartz 1982; Schwartz 1991; Schwartz 2000; Schudson 1992), Pierre Nora (1998) und die funktionalistischen Ansätze der Systemtheorien (Shils 1980; Luhmann 1996b; Esposito 2002).

Dementsprechend groß ist die Zahl der Formen von sozialen Gedächtnissen: kollektives Gedächtnis, soziales Gedächtnis, kommunikatives Gedächtnis, kulturelles Gedächtnis, populäres Gedächtnis, um nur einige zu nennen. Aber diese Formen differieren enorm in ihren Bestimmungen, sogar und insbesondere, wenn sie die gleiche Bezeichnung verwenden.

Assmann (1997: 48 ff.) verwendet den Begriff »kommunikatives Gedächtnis« für die »lebendige Erinnerung«, wie sie in der alltäglichen Interaktion »naturwüchsig« entsteht. Es dient als Gegenpol vor allem zur Schärfung des Begriffs des »kulturellen Gedächtnisses«. Hubert Knoblauch (1999a: 734 f.) benutzt den gleichen Begriff, um die Objektivierung von Erinnerungen im kommunikativen Handeln, den Prozeßcharakter des Erinnerns und die Bedeutung von kommunikativen Formen zu bezeichnen. Harald Welzer (2008: 15) schließlich ist in seiner Bestimmung des Begriffs vor allem daran interessiert, »wie das kommunikative Gedächtnis auf der Ebene des Individuums beschaffen ist«. Entsprechend richtet sich sein Augenmerk auf individuelle Gedächtnisphänomene in ihren Beziehungen zu sozialen Gegebenheiten einerseits und neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen andererseits.

Diese Begriffe werden aus unterschiedlichen theoretischen und empirischen Fundamenten heraus entwickelt: der Ägyptologie, Maurice Halbwachs und Aby Warburg bei Jan Assmann, der Wissenssoziologie bei Hubert Knoblauch und den Neurowissenschaften und der Sozialpsychologie bei Harald Welzer. Sie generalisieren idealtypisch entsprechend unterschiedliche Aspekte und Erscheinungsformen des Umgangs mit Vergangenem unter dem gleichen Label.

Das ist zwar nicht weiter verwunderlich, denn die Forschung zu sozialen Gedächtnissen ist ein »non-paradigmatic, transdisciplinary, centerless enterprise« (Olick und Robbins 1998: 106). Aber damit wird das begriffliche Werkzeug zur Erfassung von empirischen Phänomenen stumpf, unscharf und zueinander inkompatibel. Und die Forschungsanstrengungen zersplittern in eine Vielzahl divergierender Ansätze, die einen nicht unbeträchtlichen Aufwand in wechselseitige Abgrenzungen stecken.

Dabei erscheinen die Differenzen im Begriff des »kommunikativen Gedächtnisses« noch ganz gut überbrückbar zu sein. Aber das Feld der memory studies wird von weitaus tiefgreifenderen und schwieriger zu überbrückenden Gegensätzen durchzogen.

§ 3 Spalten und Klüfte I: subjektive vs. objektive Kultur

In seiner Untersuchung der Forschungen zu »collective memory« fragt Jeffrey Olick (1999) nach dem Mehrwert dieses Ausdrucks und nach den Unterscheidungen, auf denen der Begriff beruht, nach dem ermöglichenden und einschränkenden Potential einer solchen Bezeichnung für begriffliche und empirische Arbeit. Er macht bei Halbwachs zwei unterschiedliche Verwendungen des Begriffes »kollektives Gedächtnis« aus: sozial gerahmte individuelle Gedächtnisse und kollektive Erinnerungsrepräsentationen. Für ihn weisen diese beiden Referenzmöglichkeiten des Begriffes kollektives Gedächtnis auf »radically distinct ontological orders and […] require different epistomological and methodological strategies« (Olick 1999: 336). Diese Dichotomie zieht sich von Halbwachs aus durch die unterschiedlichen Aktualisierungen des Begriffes.

»Collective memory has been used to refer to aggregated individual recollections, to official commemorations, to collective representations, and to disembodied constitutive features of shared identities; it is said to be located in dreamy reminiscence, personal testimony, oral history, tradition, myth, style, language, art, popular culture, and the built world.« (Olick 1999: 336)

Diese undifferenzierte Verwendung des Begriffs zeigt sich auch bei Pierre Noras »lieux de mémoire«: letztlich fallen darunter alle vergangenheitsbezogenen kulturellen Phänomene.4 Kollektives Gedächtnis als übergreifender Begriff wird damit zu einem ubiquitären, aber unterbestimmten Phänomen.

Dieses Problem bleibt auch bestehen, wenn der Begriff auf explizite Erinnerungspraxen beschränkt wird: Olick führt es zurück auf zwei radikal unterschiedliche Kulturbegriffe: Kultur wird einerseits bezogen auf subjektiven Sinn, andererseits auf öffentlich verfügbare, gesellschaftlich objektivierte Symbolmuster – »collected memory« oder »collective memory«. Beide Konzeptualisierungen von Kultur produzieren unterschiedliche Formen des Wissens und erheischen unterschiedliche methodologische Herangehensweisen.

Auf der einen Seite rekurriert »Collected memory« auf kollektives Gedächtnis als aggregierte Form der individuellen Gedächtnisse von Gruppenmitgliedern. Der Ausgangspunkt ist damit klar auf Individuen gelegt: nur Individuen erinnern, und alle gebräuchlichen und öffentlich verwendeten Symbolisierungen von Vergangenheitsbezügen sind nur in ihrer Interpretation durch und in ihrer Wirkung auf Individuen relevant. »Collective memory« auf der anderen Seite machen das Argument stark, dass Symbole und Symbolsysteme »a degree of autonomy from the subjective perceptions of individuals« (Olick 1999: 341) haben. Kollektive Identitäten, Institutionen und Diskurse sind mehr als eine Aggregation individueller Äußerungen. Ihre persistenten Regeln, Muster und Strukturen können nicht ausschließlich durch Handlungen und Interessen von Individuen erklärt werden

Olick diskutiert Vor- und Nachteile beider Konzeptualisierungsmuster, schlägt jedoch keine eigentliche Lösung vor, sondern regt an, den Begriff »kollektives Gedächtnis« zu nutzen als »sensitizing term for a wide variety of mnemonic processes, practices, and outcomes, neurological, cognitive, personal, aggregated, and collective«:

»In our theoretical work, this means beginning to inquire into the ways in which each of these kinds of mnemonic structures (indeed, that is what they are – ways of organizing remembering) shapes and is shaped by the others and developing theories about their interactions.« (Olick 1999: 346)

§ 4 Spalten und Klüfte II: Interaktion vs. Differenzierung

Jan Weyand und der Autor (Sebald und Weyand 2011) haben parallel dazu einen Bruch zwischen interaktionsbasierten und differenzierungstheoretisch entwickelten Gedächtniskonzepten ausgemacht.

Die prominentesten Vertreter des interaktionsbasierten Gedächtniskonzepts sind aktuell Aleida und Jan Assmann. Sie haben im Anschluss an Überlegungen von Halbwachs die Unterscheidung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis eingeführt. Das kommunikative Gedächtnis bezeichnet »jene Spielarten des kollektiven Gedächtnisses, […] die ausschließlich auf Alltagskommunikation beruhen« (Assmann 1988: 9 f., vgl. auch Assmann 1999: 51 ff.). Das kulturelle Gedächtnis ist im Unterschied dazu ein »Sammelbegriff für alles Wissen, das im spezifischen Interaktionsrahmen einer Gesellschaft Handeln und Erleben steuert und von Generation zu Generation zur wiederholten Einübung und Einweisung ansteht« (Assmann 1988: 9). Dabei gilt Mündlichkeit als das Medium des kommunikativen Gedächtnisses, während andere Medien dem kulturellen Gedächtnis zugeschlagen werden. Die Verbindung von individuellem und kollektivem Gedächtnis bleibt jedoch erhalten – Träger von beiden Formen von Gedächtnis sind die in einem Interaktionszusammenhang stehenden Angehörigen von Gruppen. Denn auch das kulturelle Gedächtnis bleibt an die Interaktionen seiner spezialisierten Trägergruppen gebunden (Assmann 1999b: 54). Das ermöglicht die Mitführung der Interaktionsbasiertheit der sozialen Gedächtnisse auch unter Bedingungen der Moderne. Gleichzeitig wird über die inhärente Medialisierung vor allem der Begriff des kulturellen Gedächtnisses anschlussfähig für eine Vielzahl von kulturwissenschaftlichen Studien (Assmann 1996; Assmann und Hölscher 1988; Erll und Nünning 2004; Levy 2010). Die Interaktionsbasiertheit zeigt sich auch daran, dass für die Trennung und für die Kopplung der beiden Gedächtnisformen auf Vansinas Konzept des »floating gap« zurückgegriffen wird, also die Beobachtung, dass mündliche Überlieferungen sich in der Regel auf einen historischen Zeitraum von etwa 80 Jahren beziehen (Vansina 1985, zur Diskussion des »floating gap« bei Assmann vgl. Assmann 1999b: 48 ff.).

Harald Welzer hat mit dem »kommunikativen Gedächtnis« ebenfalls einen interaktionsbasierten Begriff von Gedächtnis entwickelt. Allerdings macht er ihn insbesondere anschlussfähig für die aktuellen Ergebnisse der neurobiologischen Forschungen und der Sozialisationsforschung. Welzer bindet die Entwicklung des Gedächtnisses als »bio-sozio-kulturelle[s] System« (Welzer 2008: 101) an das Zusammenspiel von biologischen Reifungsprozessen, psychologischer Entwicklung und sozialen Kontexten. Das Ergebnis ist ein von vorneherein kollektives »kommunikatives« Gedächtnis, das sich in sozialen Interaktionen entwickelt, variiert und stabilisiert. Im Unterschied zu Aleida und Jan Assmann löst Welzer die Zuordnung von spezifischen Medien zu spezifischen Formen sozialer Gedächtnisse auf. Wenn es allerdings um die Beziehung zwischen – in Assmanns Worten: kulturellem – Gedächtnis, gesellschaftlichen Mustern des Erlebens und Handelns und den jeweils spezifischen individuellen Ausprägungen solcher höherstufigen Formen geht, ist nach Welzers Auffassung die wissenschaftliche Untersuchung an eine Grenze gekommen: »Das Verhältnis zwischen großräumigen gesellschaftlichen Deutungsmustern und dem individuellen Gedächtnis ist so komplex, daß jede Analyse sich in heillose Spekulationen verstricken muß.« (Welzer 2008: 162)

Auch Hubert Knoblauch (1999) nimmt den Begriff des kommunikativen Gedächtnisses produktiv auf und differenziert ihn weiter aus. Für ihn bleibt es an bewusstes Erinnern gekoppelt. Die bewusste Erinnerung wird in kommunikativem Handeln objektiviert und verläuft auf den »mehr oder weniger festgelegten Bahnen kommunikativer Formen« (Knoblauch 1999: 735), den Gattungen. Knoblauchs Untersuchungen diagnostizieren einen Strukturwandel des kommunikativen Gedächtnisses, der durch eine Veränderung kommunikativer Praktiken bedingt ist. Diese führt er auf medientechnische Entwicklungen zurück. Auch bei Knoblauch bleiben alle Formen des sozialen Gedächtnisses an Interaktion gebunden – das wird insbesondere an den Begriffen der »kommunikativen Praxis« und der »Kommunikationsgemeinschaften« (Knoblauch 1999: 738; 1995: 60 ff.) deutlich. In allen drei Konzeptualisierungen des kommunikativen Gedächtnisses werden unter dem Begriff Phänomene versammelt und verallgemeinert, die eher Ausfluss der begrifflichen Grundlagen sind. Es liegt selbst nicht auf einer grundbegrifflichen Ebene.

Die skizzierten Ansätze unterschätzen in ihrer Konzentration auf den Interaktionskontext die Wirkungsmacht und Eigenlogik von gesellschaftsweiten, etwa nationalen oder ethnischen Deutungsmustern und Semantiken (vgl. demgegenüber etwa Brubaker 2007), von Diskursen und semiotischen Systemen. Generell wird es auf Basis einer interaktionszentrierten Gedächtnistheorie schwierig, höherstufige gesellschaftliche Gedächtnisse, etwa von politischen Einheiten oder von Organisationen, zu fassen. Deshalb können interaktionsbasierte Theorien des sozialen Gedächtnisses nicht einfach auf eine multipel differenzierte Gesellschaft übertragen werden.

Die Interaktionsbasiertheit von Gedächtnissen wird insbesondere von Luhmanns Gesellschaftstheorie aufgelöst. Sie geht dabei von dem grundlegenden Theorem der funktionalen gesellschaftlichen Differenzierung aus. Darin besteht eine der zentralen Leistungen der systemtheoretischen Konzeption von Gedächtnissen. Luhmann bindet die Art und Weise gesellschaftlichen Erinnerns und Vergessens, als Grundlage und Voraussetzung von Kommunikation überhaupt, an die jeweils vorherrschende gesellschaftliche Differenzierungsform und an ein Leitmedium. So kann Luhmann die Entwicklung von sozialen Gedächtnissen in Beziehung zu der evolutionären Entwicklung der gesellschaftlichen Differenzierungsformen setzen: Von schriftlosen Gesellschaften, die über Sinnfestlegungen (»Objekte«) und Inszenierungen (»Quasi-Objekte«) Erinnerung und Vergessen prozessieren (Luhmann 1997: 585), über literate Gesellschaften, denen ein »mobileres Gedächtnis, das laufend neu erzeugt werden kann« (Luhmann 1997: 586), zur Verfügung steht, bis hin zur modernen Gesellschaft, die unter dem Begriff der »Kultur« eine eigenständige Gedächtnisfunktion ausdifferenziert.5 Nach Luhmann, und das unterscheidet ihn von den bisher diskutierten Überlegungen zum sozialen Gedächtnis, ist es in der Gegenwart nicht mehr möglich und auch nicht mehr sinnvoll, von dem sozialen Gedächtnis zu sprechen. Vielmehr differenziert sich das soziale Gedächtnis entsprechend der Differenzierung der Funktionssysteme, so dass Luhmann von den »Spezialgedächtnissen der Funktionssysteme« (Luhmann 1997: 591) spricht.

Die Konzeption des sozialen Gedächtnisses bei Luhmann unterscheidet sich noch in einem zweiten Punkt von den interaktionsbasierten Ansätzen: Die Evolution von sozialen Gedächtnissen wird an die Evolution von (Verbreitungs-)Medien gebunden. Elena Esposito (2002) hat diese Beziehung zwischen Medienentwicklung und Gedächtnisdifferenzierung im Anschluss an Luhmann näher untersucht. An ihrer Untersuchung werden die Grenzen der systemtheoretischen Konzeption sozialen Erinnerns deutlich: eine strikte Zuordnung von Medien und Differenzierungsform zwingt dazu, für die neuen, computerbasierten Medien eine Steigerung der Dynamik der funktionalen Differenzierung unterstellen zu müssen, weil eine weitere Differenzierungsform nicht zur Verfügung steht (Esposito 2002: 305). Zudem finden die für soziale Gedächtnisse seit dem 19. Jahrhundert hochrelevanten analogen Bildmedien wie Lithografie, Fotografie, Film oder Fernsehen keine Berücksichtigung.

Problematisch in der Systemtheorie ist auch die Beantwortung der Frage nach dem Verhältnis verschiedener sozialer Gedächtnisse zueinander, die durch das universale Theorem der strukturellen Kopplung eher verdeckt als beantwortet wird.6 Darüberhinaus wird es aus systemtheoretischer Perspektive schwierig, die Formen sozialer Gedächtnisse, die in den interaktionsbasierten Gedächtnistheorien als kommunikative Gedächtnisse bezeichnet werden, also etwa Gedächtnisse von Familien oder Kleingruppen, begrifflich zu fassen. Das zeigt sich etwa bei Kieserling (1999), der Interaktionen als operativ autonome Systeme der Kommunikation unter Anwesenden fasst, deren Systembezug sich nicht durch Codierung, sondern durch »Beziehbarkeit auf die Geschichte des eigenen Systems« ergibt. »Die Kommunikation muß ganz konkret an das anschließen, was vorher gesagt wurde« (79). Fragen der Stabilität, Persistenz und Dauerhaftigkeit etwa von familialen Interaktionssystemen jedoch nur auf Kommunikation zu gründen, bleibt das große Manko dieses Theorieansatzes. Denn damit wird die Eigensinnigkeit des Leiblichen, des Emotionalen, von körperlichen Praktiken aus der Analyse ausgeklammert.7 Das zeigt sich an Espositos Feststellung, dass in segmentär differenzierten Gesellschaften »die Ausdifferenzierung eines autonomen Gedächtnisses […] gar nicht erst möglich wird« (Esposito 2002: 40).

In der Systemtheorie Luhmannscher Prägung rückt der Gedächtnisbegriff in die Nähe der begrifflichen Grundlagen, auch wenn er von Luhmann selbst immer nur en passant ausgeführt wird (Luhmann 1996b; Luhmann 1997: 576 ff.):

»Auch [in der Theorie sozialer Systeme] gehört Gedächtnis nicht zu den Kardinalbegriffen und taucht eher randständig auf. Es gibt Hinweise, dass beim Thema Gedächtnis zentrale Problemstellungen der Theorie berührt werden, doch wird dies nur selten weiter ausgeführt.« (Schmitt 2009: 15)

§ 5 Dichotomien

Das Feld der Forschungen zu sozialen Gedächtnissen wird demnach von zwei fundamentalen Dichotomien durchzogen. Einerseits die zwischen der Grundlegung auf einem subjektiven Kulturbegriff und der auf einem objektiven, andererseits die zwischen interaktionsbasierten und differenzierungstheoretischen Ansätzen. Beide Dichotomien sind nicht trennscharf auseinanderzuhalten, sondern weisen Überschneidungen auf. Sowohl der subjektorientierte Kulturbegriff als auch der Fokus auf Interaktionen gehen von Individuen aus, die autonom, kreativ und jeweils subjektiv sinnvoll materielle oder symbolische Praktiken aus sich heraus setzen. Diese verflechten sich auf Grundlage der Reziprozität von Perspektiven, Erwartungen und Verstehen zu intersubjektiven und objektivierten Regulierungen und Ordnungen. Sozialität, soziale Beziehungen und ihre Strukturierungen, sind aus dieser Sicht gegründet auf und komponiert aus den Handlungen der einzelnen Individuen. Demgegenüber gehen differenzierungstheoretische Ansätze in systemtheoretischer Tradition8 als auch die Fundierung auf gesellschaftlich objektivierten Symbolisierungen und eigenlogischen Symbolsystemen von einer Vorgängigkeit solcher sozialen Strukturen aus. Von hier aus werden Handlungskontexte, Interaktionen, Praktiken und individuelle Tätigkeiten geformt und bestimmt. Die beiden Dichotomien lassen sich somit reduzieren auf die fundamentale Dichotomie zwischen Handlung und Struktur, die das Feld der Sozial- und Kulturwissenschaften durchzieht (Walsh 1998). Zur Lösung dieses Problems wurden bisher zwei Theoriestrategien entwickelt: Co-Determinismus und Relationalismus (Dépelteau 2008).

Co-deterministische Theorieansätze (z. B. Giddens, Archer, Bourdieu, Berger/Luckmann) erklären soziale Phänomene als Effekte von Interaktionen zwischen Akteuren und Strukturen. Damit wird der strukturalistische Determinismus vermieden und gleichzeitig werden Individualität, Kreativität und Reflexivität als Ressourcen für sozialen Wandel erhalten. Depelteau zufolge besteht jedoch die Gefahr einer Essentialisierung sowohl der individuellen Akteure als auch der sozialen Strukturen. Demgegenüber betont der Relationismus (Emirbayer 1997) in Anlehnung an Simmel und Elias, dass soziale Strukturen, wenn überhaupt, nur mehr oder weniger stabile Effekte der Transaktionen zwischen verschiedenen, unabhängigen sozialen Akteuren sind. Die Beschreibung des sozialen Universums erfolgt in »dynamic, continuous, and processual terms« (Emirbayer 1997: 281). Das führt zur Ablehnung von rein subjektiven Handlungszentren einerseits und vorgängigen sozialen Strukturen andererseits:

»No action is detached from more or less long chains of trans-actions. There is no pure ›individual‹ action (or agency) outside, beside, or prior to social relations; and there is not ›social‹ outside, beside, or prior to real specific trans-actions.« (Dépelteau 2008: 63)

Damit wird aus einer gerechtfertigten Kritik an statischen und potentiell essentialistischen Konzeptualisierungen der sozialen Welt jedoch eine ausschließliche Fokussierung auf Prozessualität. Wenn Kontinuitäten, Muster und Figurationen nur noch als ähnliche und kontingente Transaktionen in der Zeit gefasst werden, bleiben die in den Transaktionsketten vorhandenen und die auf sie wirkenden Bezüge auf Vergangenes, auf Ähnliches und die damit gegebene Einschränkung der aktuellen Möglichkeiten ausgeblendet. Universale Kontingenz macht alles möglich, kann alles mögliche emergieren lassen.

Um die Dichotomie Handlung-Struktur zu überbrücken, gilt es Essentialisierungen zu vermeiden, aber gleichzeitig nicht in die Falle des Relationismus zu gehen. Es gilt, einen dritten Weg zwischen diesen polaren Lösungsmöglichkeiten zu gehen. Bevor die skizzierte Problemlage zusammengefasst wird, müssen Maurice Halbwachs’ bahnbrechende und nach wie vor nicht überholte Überlegungen in den entwickelten Dichotomien verortet werden.

1.2 Ausgangspunkte und Problemstellungen

§ 6 Ausgangspunkte I: Der Beginn bei Halbwachs

Es mag verwundern, dass der Klassiker der Theorie kollektiver Gedächtnisse in der bisherigen Diskussion nur am Rande aufgetaucht ist. Das liegt vor allem daran, dass sich seine Überlegungen den entwickelten Polarisierungen nicht fügen. Sie tun das nicht im Sinne einer Lösung oder Überbrückung, sondern diese Dichotomien finden sich nahezu paradigmatisch in Halbwachs’ Werk selbst. Sie finden sich bereits in seinen beiden Ausgangspunkten: im subjektivistischen Pragmatismus von Henri Bergson (1991) und auf Strukturen und soziale Tatsachen gerichteten Überlegungen von Émile Durkheim, vor allem in den elementaren Formen des religiösen Lebens (Durkheim 1981), die auf die ritualen Formen der Religion fokussieren und dabei en passant den kommemorativen Aspekt dieser Praktiken entwickeln.

Entsprechend durchzieht »an unresolved tension between individualist and collectivist strains« (Olick 1999: 334) Halbwachs’ Theorie des kollektiven Gedächtnisses. Seine Analyse der sozialen Rahmungen des individuellen Gedächtnisses weist den egologischen Standpunkt Bergsons zurück, wobei er seinen Ausgang nichtsdestotrotz vom individuellen Gedächtnis nimmt. Interaktionsbasierte Gruppen liefern Inhalte, regen Erinnerungen in spezifischer Form an (Halbwachs’ Beispiel der Kindheitserinnerungen) und können sogar imaginäre Ereignisse erinnern. Aber es bleibt immer das individuelle Gedächtnis, das gerahmt wird (Halbwachs 1985b: 12 ff.):

»Wenn im besonderen das individuelle Gedächtnis […] sich auf das kollektive Gedächtnis stützen, sich in es hineinversetzen, zeitweise mit ihm verschmelzen kann, folgt es nichtsdestoweniger seiner eigenen Bahn, und dieser gesamte äußere Beitrag wird allmählich seiner Substanz angeglichen und in sie aufgenommen.« (Halbwachs 1985b: 34 f.)

Die Rahmen der Vergegenwärtigung bilden sich in der Interaktion in Gruppen. Von Emile Durkheim übernimmt Halbwachs den Gedanken, dass soziale Gruppen ein »Kollektivbewusstsein« (Halbwachs 1985a: 387) ausbilden, welches uns die Erinnerung an eine vergangene Gegenwart ermöglicht.

»Während uns […] die Tatsachen der unmittelbaren Vergangenheit […] sämtlich wichtig erscheinen, gibt es Zeitabschnitte, Daten, Personen, die die Familie in ihrer Geschichte in den Vordergrund rückt und die sie mit größtem Nachdruck der Aufmerksamkeit ihrer Mitglieder nahelegt. Auf diese Weise bilden sich andere Bezugsrahmen, die sich von den vorausgehenden dadurch unterscheiden, daß sie nur eine begrenzte Anzahl hervortretender Tatsachen […] umfassen.« (Halbwachs 1985a: 195)

Diese durch Betonungen und Generalisierungen geschaffenen Rahmen der Erinnerung sind »den Menschen der gleichen Gruppe gemeinsam« (Halbwachs 1985a: 183). Halbwachs macht hier nicht nur Durkheims Begriff der mechanischen Solidarität für die Theorie des sozialen Gedächtnisses fruchtbar. Das wird insbesondere deutlich, wenn er das nationale Gedächtnis aus den kollektiven Gedächtnissen ausschließt:

»Aber gewöhnlich ist die Nation zu weit vom Individuum entfernt, als daß es die Geschichte seines Landes als etwas anderes als einen sehr ausgedehnten Rahmen betrachtet, mit dem seine eigene Geschichte nur sehr wenige Berührungspunkte hat.« (Halbwachs 1985b: 64)

Die soziale Praxis in »begrenzteren« Gruppen und Milieus begründet die Gemeinsamkeit der individuellen Rahmen der Erinnerung. Entsprechend steht bei Halbwachs das Familiengedächtnis exemplarisch für das kollektive Gedächtnis. Das ist die eine Seite von Halbwachs’ Überlegungen.

Auf der anderen Seite finden sich in seinen Analysen zum »Kollektivgedächtnis der religiösen Gruppen« und insbesondere in der großen Studie Stätten der Verkündigung im Heiligen Land. Eine Studie zum kollektiven Gedächtnis detaillierte Analysen zu den Erinnerungsrahmen von Großgruppen (gesellschaftliche Klassen, Kirche, Christentum) über größere historische Zeiträume hinweg.

»Aber es gibt eine Weise des theologischen Denkens […] die sich in seit Beginn der Kirche fixierten und […] stabilen Rahmen entwickelt […]. Es hat tatsächlich in kontinuierlicher Weise eine Klerikergruppe bestanden, die in jeder Epoche die gleichen Rahmen wieder aufgenommen hat […] und sich dem anglich, was die Tradition sie in dieser Hinsicht lehrte.« (Halbwachs 1985a: 275)

Diese Stabilität führt er auf Riten – »einem Insgesamt von Gesten, Worten, liturgischen Gegenständen, die in materieller Form fixiert sind« (Halbwachs 1985a: 292) – zurück. Das religiöse Gedächtnis rekonstruiert die Vergangenheit »mit Hilfe materieller Spuren, Riten, Texte und Traditionen« (Halbwachs 1985a: 296). Damit steht er auch auf der jeweils anderen Seite der entwickelten Dichotomien. Er integriert die objektive Seite der Kultur, materielle Artefakte, Zeichen und Symbole in ihrem autologischen Prozessieren in seine Analysen. Und er rekurriert auf die differenzierungstheoretischen Einsichten von Durkheim. Gerade diese in der Begrifflichkeit nicht reflektierten und damit nur in den empirischen Analysen aufgelösten Dichotomien machen sein Werk nach wie vor attraktiv für nahezu die gesamte Forschung zu sozialen Gedächtnissen. Damit wird implizit das Problem gestellt, diese Überbrückung auch begrifflich zu leisten, ohne die analytische Breite von Halbwachs’ Überlegungen zu verlieren.

Ein weiterer zentraler Beitrag9 Halbwachs’ und seine neben der Betonung der Sozialität von Gedächtnissen wichtigste Leistung ist der rekonstruktive Begriff des Erinnerns und des Gedächtnisses, den er entwickelt. Wie sein Lehrer Henri Bergson, aber auch Friedrich Nietzsche (1988b) und parallel zu ihm Pierre Janet (1928) geht er davon aus, dass Erinnerung sich nicht als ein Wiederauffinden von im Gedächtnis abgelagerten Eindrücken vollzieht, sondern als Rekonstruktion in der Perspektive der Gegenwart, als Vergegenwärtigung. Das Vergangene erhält sich nicht, es wird »rekonstruiert, wobei man von der Gegenwart ausgeht« (Halbwachs 1985a: 22; vgl. auch Halbwachs 1985b: 55 ff.). Erinnerungen unterliegen einem stetigen Wandel, der durch die Veränderung der jeweiligen Gegenwartsperspektive im fortschreitenden Lauf des Geschehens in der Zeit bedingt ist. Die Frage ist dann nicht mehr zuerst, ob etwas »richtig« erinnert wird und was die Bedingungen »richtigen« Erinnerns genau sind. Die Frage ist vielmehr, welches die gegenwärtigen »Rahmen« sind, die die Vergegenwärtigung bestimmen, in welcher Weise die Vergegenwärtigung durch diese Rahmen bestimmt wird und wie sich unter dieser Voraussetzung Erinnerung und erinnertes Ereignis zueinander verhalten. Damit ist erstens die Möglichkeit der Loslösung der Erinnerung vom erinnerten Ereignis in der Konzeption der Erinnerung als Vergegenwärtigung systematisch angelegt. Zweitens wird damit die Vorstellung eines problemlosen Transports von Erinnerungen durch die Zeit abgelöst durch die Verschiebung des temporalen Fokus des Gedächtnisses auf die Gegenwart. Drittens wird damit die Prozessualität des Gedächtnisses betont und schließlich viertens die konstruktive Aktivität desselben, die in Zeiten einer Dominanz des konstruktivistischen Paradigmas besonders anschlussfähig erscheint.

Darüberhinaus betont Halbwachs die Funktion kollektiver Gedächtnisse. Sie dienen der Orientierung von Gruppen in der Gegenwart. Erst auf Grund einer kollektiven Geschichte kann eine Wir-Gruppe sich als »Wir« bestimmen. Diese Funktion unterscheidet das kollektive Gedächtnis von der toten Geschichte, die nichts mit der alltäglichen Lebenspraxis von Gruppen zu tun hat und von Spezialisten gepflegt wird. Die Unterscheidung zwischen Gedächtnis und Geschichte ist vielfach weiter entwickelt worden, etwa von Reinhart Koselleck (1989), Pierre Nora (1998) und auch von Jan Assmann, dem gegenwärtig prominentesten Vertreter der Theorie des sozialen Gedächtnisses, immer jedoch wird die Seite des »lebendigen Gedächtnisses« funktional auf (kollektive) Identität bezogen.

§ 7 Ausgangspunkte II

Wenn das von Halbwachs implizit gestellte Problem bearbeitet wird, müssen seine zentralen Erkenntnisse, die Rekonstruktivität von Erinnerungen und die identitäre Funktion integriert werden. Daneben möchte ich weitere in der Diskussion der Literatur gewonnenen Ausgangspunkte aufgreifen, die in einer Theorie sozialer Gedächtnisse berücksichtigt werden müssen.

Die zentrale Stellung von Zeichen und Medien wird von allen Ansätzen betont, auch wenn der Medienbegriff dabei sehr unterschiedlich expliziert wird. Falls Medien sich dann nicht mehr in der zentralen Position des Unterscheidungsmerkmal von unterschiedlichen Gedächtnisformen oder als Trigger von sozialer Evolution befinden, muss Medialität dennoch in ihrer Wirkung auf die Rekonstruktion von Vergangenem aufgenommen werden.

Ebenfalls ein wichtiges Element ist der Hinweis von Hubert Knoblauch auf die Bedeutung von kommunikativen Gattungen in ihrer Eigenständigkeit und Eigenlogik für soziale Gedächtnisse.

Eine soziologische Theorie sozialer Gedächtnisse muss davon ausgehen, dass in einer hochgradig differenzierten und kulturell pluralen Gesellschaft an die Stelle einer Großerzählung eine Vielzahl von sozialen Gedächtnissen auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen und in unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionsbereichen tritt.

Trotz einer solchen differenzierungstheoretischen Grundausrichtung müssen die vielfältig analysierten und kategorisierten interaktionsbasierten Gedächtnisformen in der analytischen Beschreibung berücksichtigt werden.

Auch die vor allem von Welzer entwickelte Verbindung von individuellen und sozialen Gedächtnissen darf nicht verloren gehen, um Anschlussmöglichkeiten für psychologische und ggfs. auch neurowissenschaftliche Ergebnisse offen zu halten.

§ 8 Problemstellungen

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Problemlage folgendermaßen darstellen:

Das Feld der Forschung zu sozialen Gedächtnissen ist von vielfältigen paradigmatischen, theoretischen und empirischen Differenzen durchzogen. Die je verwendeten Begriffe zur Beschreibung und Erfassung von empirischen Gegebenheiten sind inkompatibel. Empirische Ergebnisse sind deshalb kaum vergleichbar und theoretische Überlegungen zersplittern sich in der Schaffung von immer neuen, in ihren Zusammenhängen unbestimmten Formen sozialer Gedächtnisse.

Diese Differenzen wurzeln in zwei fundamentalen Dichotomien: der zwischen einer subjektiven und objektiven Konzeptualisierung von Kultur einerseits und der zwischen interaktionsbasierten und differenzierungstheoretischen Ansätzen andererseits.

Diese Differenzen lassen sich zurückführen auf eine fundamentale Dichotomie in der begrifflichen Erfassung des Sozialen, die zwischen Handlung und Struktur.

Das Problem ist demnach die Entwicklung einer integrativen Beschreibungssprache, mit der sich die Formierung von sozialen Gedächtnissen fassen lässt, ohne dabei in einseitige Betonungen von Akteuren oder Strukturen zu verfallen oder diese in universaler Kontingenz aufzulösen. Der Weg kann aufgrund der tiefen Spaltungen des Feldes nur über die abstrakte Reflexion des begrifflichen Zugangs erfolgen. Dieser abstrakte Zugang ermöglicht auch die basale Integration des Konzeptes »soziale Gedächtnisse« in die soziologische Theoriebildung.

In einem ersten Schritt gilt es, die Verarbeitungsform des Vergehenden, die Generalisierung in der Wiederholung, der Erhaltung des Allgemeinen und des Vergessens des Besonderen zu untersuchen. Generalisierungen erfolgen auf den unterschiedlichen Ebenen, auf denen sich Sozialität zeigt, in unterschiedlichen Formen: auf der Ebene des Subjektiven und Körperlich-Leiblichen als Typus, bildhaftes Muster oder Schema (je nachdem, ob in statischer Form oder temporalisiert als Ablauf), auf der sozialen Ebene als generalisierte Bedeutung, also als Semantik, als Formalisierung, sei es in Form eines Skriptes, als rechtliche Regelung oder algorithmisiertes Programm. In den sich wiederholenden sozialen Prozessen werden solche Generalisierungen gebildet und gegenwärtigen Prozessen wieder zur Verfügung gestellt. Generalisierungen lassen sich selbst kategorisieren entlang der Fragen, ob sie aus statischen oder temporalisierten Elementen zusammengesetzt sind, und ob sie in paralleler oder sequentieller Weise verarbeitet werden. Die letztere Unterscheidung ermöglicht auch die Eröffnung einer »Schnittstelle« für die Integration von Emotionen als selektive und ordnende Mechanismen, die auf parallel-verarbeiteten Zuständen basieren.

Generalisierungen werden im Gebrauch pragmatisch spezifiziert, an die Sinnvollzüge der je aktuellen Situation angepasst und die entsprechenden Veränderungen gehen gegebenenfalls wieder in die Generalisierung ein. Diese Generalisierungen können in unterschiedlichen Gedächtnissen parat gehalten werden: in den individuellen Formen des Körpergedächtnisses und des reflexiven Gedächtnisses oder aber in dezidiert sozialen Formen, medialen Materialitäten, die eine gewisse Dauerhaftigkeit, Verbreitung, Verfügbarkeit und damit eine soziale Geltung (als Gewißheit und Verbindlichkeit) der generalisierten vergangenen Ergebnisse von Sinnvollzügen ermöglichen.

Im zweiten Kapitel wird der Begriff des Sinns in seiner Temporalität, Selektivität und Sozialität diskutiert. Mit der Generalisierung sind auch erste Grundlagen für den Sinnbegriff gelegt, der in seiner Bezogenheit auf Vergangenes auf die generalisierenden Formen der Verarbeitung von Vergangenem rekurriert. Wenn jedoch die weiteren Temporalitäten von Sinn, der gegenwärtige Kontext und die Abhängigkeit von generalisierten Erwartungen und kontingenten zukünftigen Anschlüssen in Betracht gezogen wird, ergibt sich eine Instabilität von Sinnvollzügen. An dieser Stelle wird die basale Form von Gedächtnis (Sinngedächtnis), entwickelt, die in allen Sinnvollzügen in ihren Beziehungen auf Generalisierungen aktiv ist. Sie hat die fundamentale Funktion der Stabilisierung von Sinnvollzügen. Daran anschließend wird die Selektivität als universales Bestimmungsmerkmal von Sinnvollzügen als doppeltes Problem herausgearbeitet: einerseits als Frage nach der je konkret zu vollziehenden Wahl und andererseits als die Frage nach der Formierung von Selektivitätsmustern.

Auf dieser Basis kann dann die Sozialität von Sinnvollzügen in den drei idealtypisch unterschiedenen Dimensionen subjektiv, situativ räumlich und zeitlich abgegrenzt und transsituativ entwickelt werden. Jede dieser Stufen hat eigene Formen der Selektivität, der Sinnvollzüge und der generalisierten Sinnobjektivierung, die nicht bruchlos ineinander überführt werden können. In allen konkret stattfindenden Sinnvollzügen wirken in modernen Gesellschaften immer alle drei Dimensionen gleichzeitig. Um die zugrundeliegende analytische Trennung weiter zu erläutern, werden die je spezifischen Generalisierungsformen und Selektivitäten der einzelnen Dimensionen entwickelt: für die Subjektivität die Körperlichkeit und die reflexive Sinnbildung. Als zentraler analytischer Zugang wird dann die Situation entwickelt, von der aus sowohl die Akteure als auch über die begrenzenden Horizonte mit ihren Verweisungsstrukturen transsituationale Gegebenheiten zugänglich sind. Siutativ werden das implizite Regelwissen, das Sprechen und der Sprachgebrauch, sowie die situative Materialität, in der Interaktion und Kommunikation stattfinden, in ihrer Gedächtniswirkung diskutiert. Schließlich wird die Ordnung der verfügbaren Horizonte untersucht, die über ihre Verweisungsstrukturen situativ Selektionsmöglichkeiten eröffnen

In einem weiteren Schritt werden soziale Ordnungsmuster entwickelt. Auch auf diesem »Struktur«-Pol der Dichotomie gilt es, Essentialisierungen zu vermeiden. Eines der wichtigsten Kennzeichen moderner Gesellschaften ist die Ausdifferenzierung eigenlogischer und eigenständiger sozialer Ordnungsmuster. Entsprechend werden die Prinzipien für die Formierung von materialen Ordnungsbereichen (Arbeitsteilung, sachlich-sinnhafte Differenzierung und segmentär-kollektive Pluralisierung) und kommunikativen Ordnungsformen (Narrative und Diskurse) entwickelt, die in ihren komplexen Überlagerungen eine Vielzahl von Ordnungsrahmen auf der transsituativen Ebene generieren und entsprechend in Sinnvollzüge eingehen. Die transsituativen Formen wirken als formierende Bahnungen in situative und subjektive Sinnvollzüge hinein. Insbesondere auf dieser Ebene gilt es fungierende Generalisierungen von verfügbaren potentiellen, aber latent bleibenden Generalisierungen zu unterscheiden. Damit ist begriffliche Grundlage für die Beschreibung sozialer Gedächtnisse gelegt und gleichzeitig die Prozessualität des Sinnbegriffs für eine Dynamisierung des Handlungspols in der grundlegenden Dichotomie Handlung-Struktur entwickelt.

In einem abschließenden Schritt werden die Überlegungen noch einmal zusammengefasst, dann einerseits am Beispiel des Schreibens erläutert und andererseits die hier behauptete Überwindung der Dichotomie von Handlung und Struktur begründet.

§ 9 Exkurs: Theorie und Empirie