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"Der schreiende Gegensatz zwischen Begabung und Erfolg ist bei Frauen schockierend" Selbstzweifel ist ein Mangelgefühl, das in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist.Warum zweifeln Frauen so sehr an sich? Warum unterschätzen, hemmen und verurteilen sie sich? Ausgehend von der Legende um die Seherin Kassandra, der niemand glaubt, untersucht die Autorin, warum Frauen sich so oft in diesem Drama wiederfinden: "Ich werde nicht gesehen, nicht gehört, ich bin nichts wert." Aus diesem kollektiven "nicht genug" gilt es auszusteigen, um die eigene Kraft und Größe wiederzufinden. Wie die Homöopathie uns dabei helfen kann und warum es sich lohnt, den Heilungsweg anzutreten, davon handelt dieses Buch.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Claudia Katzberg
Selbstbewusst und authentisch mit Unterstützung der Homöopathie
Selbstzweifel ist ein Mangelgefühl, das in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist.
Warum zweifeln Frauen so sehr an sich? Warum unterschätzen, hemmen und verurteilen sie sich?
Ausgehend von der Legende um die Seherin Kassandra, der niemand glaubt, untersucht die Autorin, warum Frauen sich so oft in diesem Drama wiederfinden: Ich werde nicht gesehen, nicht gehört, ich bin nichts wert. Dieser Selbstzweifel ist ein Mangelgefühl, das in der Gesellschaft weit verbreitet ist. Aus diesem kollektiven »nicht genug« gilt es auszusteigen, um in die eigene Kraft und Größe zu kommen.
Wie die Homöopathie uns dabei helfen kann und warum es sich lohnt, den Heilungsweg anzutreten, davon handelt dieses Buch.
Claudia Katzberg ist Physiotherapeutin, Heilpraktikerin und Homöopathin mit eigener Praxis. Sie setzt sich dafür ein, die Homöopathie als kraftvolle und ganzheitliche Medizin verständlich und anwendbar für alle zu machen.
Vorwort
Teil einsDer Selbstzweifel: Ursachen und Ausprägung
Der Mythos von Kassandra
Bist du betroffen vom Kassandra-Syndrom?
Der Zweifel als Mangelgefühl
Auswirkungen des Zweifels
Praxiserlebnisse
Mögliche Ursachen für Selbstzweifel und Selbsthemmung
Warum sind Frauen stärker betroffen?
Ungewöhnliche Frauen der Geschichte
Teil zweiHomöopathie als Heilungsweg
Die Homöopathie: das abgelehnte Geschenk
Wie eine Homöopathin ein Mittel findet
Wie der Körper funktioniert, Placebo und Selbstheilung
Meine Idee von der Homöopathie
Teil dreiHomöopathische Arzneimittelbilder
Einleitung
Mögliche Reaktionen nach der Einnahme
Potenzen und Dosierungen
Sepia officinalis
Carcinosinum
Causticum
Lycopodium
Staphisagria
Arsenicum album
Natrium muriaticum
Apis mellifica
Pulsatilla
Lac leontis
Die Calciums
Silicea
Psorinum
Sulfur
Phosphorus
Rosengewächse
Übersicht über die Mittel und ihre Themen
Prüfungsangst und Notfallsituationen
Biochemie nach Dr. Schüßler
Vitamine
Teil vierZu guter Letzt
Zusammenfassung für dich: Neun Schlüssel zum Erfolg
Schlusswort
Dank
Zum Weiterlesen
Endnotenverzeichnis
»Die große Frage ist, ob du fähig sein wirst,laut und herzlich ja zu deinem Abenteuer zu sagen.«
Joseph Campbell
Als ich an einem heißen Sommertag im Juni 2018 in der Berggasse 19 im Sigmund-Freud-Museum in Wien das Buch »Kassandras Schleier – Das Drama der hochbegabten Frau«1 in die Hand nahm und den Klappentext las, schossen mir sofort die Tränen in die Augen.
Leider steht seine berühmte Couch in London – so gerne hätte ich mich gleich darauf gebettet und gelesen oder noch besser mich Herrn Dr. Freud offenbart. In solchen Momenten weiß ich, dass ich etwas Wesentliches gefunden habe.
Es war ein Gefühl der Erlösung, des Erkanntwerdens und des Erkennens. Nicht, dass ich mich selbst als hochbegabt bezeichnen würde, aber ich kenne dieses Gefühl, wie ein »Alien« zu sein, und ich weiß noch genau, wie ich damals mit dem Außerirdischen »E.T.« mitfühlte, wenn er so traurig sagte: »Ich will nach Hause telefonieren.«
Die Worte in dem Buch berührten mich so sehr, dass ich es unverzüglich kaufte und gar nicht abwarten konnte, es zu lesen.
Dort stand: »Warum Frauen ihre Intelligenz oft verstecken und sich unterordnen. Sie halten still, wenn sie über Dinge belehrt werden, die sie längst wissen. Sie erklären sich für beschränkt, weil sie eine törichte Frage nicht verstehen. Sie verschleiern ihre Überlegenheit, wenn sie fürchten, ausgestoßen zu werden. So handeln hochbegabte Frauen, die aus Angst vor sozialer Isolation und oft aufgrund traumatischer Erfahrungen ihre geistigen Fähigkeiten verstecken.«2
Diese Beschreibung traf mich tief ins Mark und während der Arbeit an diesem Buch sollte ich auch immer mehr begreifen, warum. Ich erreiche fast alles, was ich will. Und dennoch bin ich weit entfernt davon, mein volles Potenzial zu nutzen. Ich bin irgendwie gehemmt. Etwas bremst mich. Und ich weiß, dass es eine unbestimmte Angst ist.
Was mich regelrecht schockiert, ist der häufig bei Frauen vorhandene »schreiende Gegensatz zwischen Begabung und Erfolg«: »Wo andere ernten, blüht die Begabung der Klientin. Wo sie selber ernten könnte, wirkt sie farblos, gehemmt, eingeschüchtert, durch Selbstzweifel blockiert. Sie traut sich nicht in eine Prüfung, weil sie sich zu dumm fühlt und sich nicht genug vorbereiten konnte, hat aber in vier Monaten eine Fremdsprache gelernt.«3
Wenn man ständig diese riesige Lücke zwischen Potenzial und Lebensrealität erlebt und spürt, wie das bei mir lange der Fall war und immer wieder ist, dann ist das ein unglaublich frustrierendes bis lähmendes Lebensgefühl, das einem jegliche Kraft, Freude und Sinn raubt. Als ob eine Brücke zwischen einem selbst und dem Land der tausend Möglichkeiten steht, über die man nicht hinüberkommt. Dabei müsste man ja nur einen Schritt nach dem anderen setzen … wie ist das möglich?
Dieser Zustand gleicht einem »Bore-out«, womit aber keine Langeweile im herkömmlichen Sinne gemeint ist, sondern eine intellektuelle, kreative oder soziale Unterforderung.
Je mehr ich andererseits in meine Schaffens- und Tatkraft komme und Neues erlerne, zum Teil auf sehr ungewöhnlichen Wegen, desto mehr Kraft und Zuversicht scheinen mir zuzufließen. Seit ich mit dem Schreiben angefangen habe, scheint sich eine reiche Quelle geöffnet zu haben.
Jetzt weiß ich, warum und wie einige Menschen, die »genau ihr Ding« gefunden haben, zu so viel Leistung imstande sind.
Musiker und Bühnenstars zum Beispiel, Schauspieler, Schriftsteller, die im hohen Alter immer besser zu werden scheinen und ein Werk nach dem anderen hervorbringen. Das ist gelebte und ausgedrückte Schaffenskraft, in die Welt gebrachtes Potenzial.
Nur wie kommt man dahin?
Das Offensichtliche für mich ist, dass Frauen viel häufiger ihren Wert und ihr Können aus Angst zurückhalten. Es ist eine diffuse Angst: Irgendetwas Schreckliches/Bedrohliches wird passieren, wenn ich mich offenbare, wenn ich sage, was ich weiß und wer ich bin.
Angst vor Ausgrenzung, Neid, Eifersucht, Verlust von Beziehungen, ausgelacht oder verurteilt zu werden, aber auch das Bemühen, die anderen nicht zu beschämen oder zu verletzen, sind einige Gründe.
Ich fing also an, dieses Buch zu lesen. Prompt hatte ich intensive Träume (Freuds Einfluss?), Erkenntnisse und Tränen der Erleichterung und Betroffenheit.
Nicht dass ich mich noch nicht mit diesem Thema auseinandergesetzt hätte, aber so genau hatte noch niemand den Nagel auf den Kopf getroffen.
Vor allem, dass dies ein in der Psychologie bekanntes und erforschtes Phänomen bei begabten Menschen und vor allem bei Frauen ist, war für mich in der Art neu, und es reizte mich sofort, mehr darüber herauszufinden.
Warum verstecken wir Begabungen? Warum machen wir uns klein, halten den Mund, verzichten und zögern? Zu sehr wird immer noch auf den Mangel und das Defizit geschaut – in der Schule, bei der Arbeit, in der Medizin: Was ist noch nicht gut, was ist »außerhalb der Norm«, wovon ist zu wenig oder zu viel, was gilt es zu verbessern.
Ich bin in der »Schulmedizin« groß geworden und habe das perfektioniert, bis ich gemerkt habe, dass das Defizit irgendwie nie aufhört, wenn man es ständig beobachtet.
Im Gegenteil, es wird mehr.
Dr. Phil. Rosina Sonnenschmidt war die Erste, die mich gelehrt hat, dass es immer ein Potenzial gibt, auf das es zu schauen gilt. Als Therapeutin oder Lehrerin sollte ich dieses suchen, finden und fördern. In der Medizin wird das bisher überhaupt nicht getan. Es werden ja sogar mit einer unglaublichen Ernsthaftigkeit die Selbstheilungskräfte des Körpers angezweifelt. Der Homöopath und Psychotherapeut Philip M. Bailey beschreibt in seinem Buch »Psychologische Homöopathie«4 wunderbar und liebevoll auch und vor allem die Lichtseite der jeweiligen Persönlichkeitsprofile.
Manfred Nistl hat mich in der Homöopathie-Ausbildung gelehrt, aus jeglicher Bewertung herauszugehen und wohlwollend auf alles – auch auf mich – zu schauen. Das hat lange gebraucht!
Dr. Beate Latour hat mir den Begriff Authentizität geschenkt, ihn mit Leben gefüllt und mir »Löwenmut«5 gemacht, diesen Weg zu gehen.
Andreas Krüger schließlich führte mich in meinen Schatten, in und durch meine Angst, meine Minderwertigkeit, meine Bedürftigkeit. Er half mir, diesem »Ungeheuer« tapfer zu begegnen, es liebevoll zu umarmen und anzunehmen.
Von all diesen Lernerfahrungen möchte ich hier berichten, weil sie so kostbar sind und dir vielleicht ebenso helfen können.
Dies ist ein sehr persönliches Erfahrungs- und Praxisbuch. Es soll dazu inspirieren, weiterzuforschen und neue Vorbilder und Glaubenssätze zu finden. Es darf Mut machen, die eigenen Gefühle der Minderwertigkeit, der Angst oder des Zweifels zu spüren, bewusst zu machen und anzunehmen.
Meine Erfahrung ist, dass die Bewusstheit, das Verständnis und die Annahme schon die größten und wichtigsten Teile der Heilung sind. Eines ist sicher: Der Schlüssel zur Heilung liegt in dir selbst, und zwar nur in dir, so bitter diese Erkenntnis vielleicht auch ist. Aber sie ist wahr. Niemand kann dir deinen Weg und deine Aufgabe abnehmen. Es nützt überhaupt nichts, die Schuldigen zu suchen oder anzuklagen. Es dient niemandem und führt zu keiner Lösung.
Aber das ist eine gute Nachricht, denn Verantwortung heißt auch Chance. Du hast es selbst in deiner Hand, und vielleicht hast du sogar in der anderen jemanden, der dich dabei hält.
Es geht nur um Heilung und sonst nichts. Du musst dich nicht verstecken, verbiegen oder verbessern. Und wenn die Wunden geheilt sind, nicht schlecht vernarbt, sondern gut verheilt und abgeschlossen, dann wirst du dich nicht wiedererkennen.
Dann ist alles möglich. Dann wird aus Anpassung und Überleben echtes Leben.
Wie das gehen kann, möchte ich dir mit diesem Buch gerne zeigen.
Ich lade dich ein zum Nachdenken und Nachfühlen, auch wenn es gelegentlich wehtut.
Vielleicht magst du ja auch hier und da über dich und mich lachen!
Ich schreibe einerseits aus der Sicht von Kassandra, einer Betroffenen, einer »Leidenden«, und andererseits aus der Sicht einer Therapeutin und Homöopathin mit verschiedenen Lösungsansätzen und Erfahrungen.
Ob mir diese »doppelte Sicht« gelungen ist, mögest du entscheiden.
Ich wünsche mir, dass es alle betroffenen Frauen und auch Männer, Mädchen und Jungen ermutigt, dieses Thema ins Licht zu bringen und eine Heilung und Wandlung einzuleiten. Nutze die Energie aus dem Druck, dem Frust und den Zweifeln, um in Zukunft mutig das eigene Potenzial freizulegen und der Welt als kostbares Geschenk zur Verfügung zu stellen. Egal wie alt du bist, wie verrückt oder sensibel, zeig dich und mach die Welt ein bisschen bunter!
Und ich? Ist es nicht kühn von mir, ein Buch über Intelligenz und Hochbegabung zu schreiben?
Ja, ist es! Und weißt du was? Ich gebe dem Zweifel keinen Raum mehr und schreibe jetzt dieses Buch.
Kassandras Schleier steht mir nicht mehr! Was verbirgt sich hinter deinem Schleier? Und was hält dich zurück, ihn abzunehmen?
Ich wünsche dir von Herzen Freude, Selbsterkenntnis und Heilung beim Lesen.
Claudia
Wer ist jetzt diese Kassandra mit dem Schleier? Dazu müssen wir ins antike Griechenland reisen: Kassandra war eine kluge und schöne Seherin.
Sie war die Tochter des trojanischen Königs Priamos und seiner Gattin Hekabe und wurde zur tragischen Heldin.
Denn sie sah den Untergang ihrer Stadt voraus und warnte eindringlich, wurde aber nicht gehört: »Kassandra, in die Apollon sich verliebt hatte, verweigerte ihm ihre Hingabe, da sie ihn nicht liebte und er sie nicht zur Frau nehmen konnte. Erbittert über ihre Zurückweisung, verwandelte der verwöhnte Gott die Sehergabe, mit der er sie gesegnet hatte, in eine Strafe. Kassandra konnte zwar den Troern ihre grausame Zukunft voraussagen, aber Apollon sorgte dafür, dass niemand ihren Prophezeiungen Glauben schenkte. Als die Achaier schließlich Troja plünderten, wurde Kassandra, die bei einem Standbild der Göttin Athene Zuflucht gesucht hatte, von dem Helden Aias vergewaltigt und fiel bei der Teilung der Beute als Sklavin an Agamemnon.
Kassandra warnte ihre Brüder, Schwestern und Schwägerinnen vergebens. Fruchtlos blieb ihre Mahnung, das glückliche Eheleben werde die Götter nicht bestimmen, Troja vor dem Untergang zu retten.«6
Bei Gustav Schwab7 finden wir es etwas bildlicher: »Mitten in dieser Raserei der überschäumenden Freude behielt nur Kassandra einen klaren Blick. Noch nie hatte sie ein Wort ausgesprochen, das nicht in Erfüllung gegangen wäre. Sie hatte indes das Unglück, niemals Glauben zu finden. So hatte sie auch jetzt unheilvolle Zeichen gesehen und stürzte mit wehenden Haaren aus dem Königspalast. Ihre Augen starrten in fiebriger Glut, sie schwankte hin und her wie ein Zweig im Wind. Dann rief sie durch die Gassen: »Seht Ihr denn nicht, dass wir die Straße zum Ort der Unterwelt machen? Dass wir am Rand des Verderbens stehen? Ich sehe die Stadt schon in Feuer und Blut, es stürzt aus dem Bauch des Pferdes hervor, das ihr so fröhlich zu unserer Burg hinaufgeführt habt!«
Aber die Seherin wurde nur verlacht und beschimpft. Und etwas weiter: »In der Mitte der Gefangenen stand Kassandra, ihre edle Statur ließ sie über die anderen ragen. Ihr Auge war ohne Tränen. Sie hätte spotten können über die Klagen, die rings um sie ertönten, denn jetzt war geschehen, was sie geweissagt hatte. Ihr Herz aber blutete über das Unglück der zerstörten Stadt.« Ihr Ende war kurz und grausam: »Sie (Klytaimnestra) und Aigisthos ermordeten Agamemnon im ›köstlichen Bade der Heimkehrer‹ und mit ihm Kassandra, die er als Sklavin mit sich gebracht hatte.«8
Seither gelten ungehörte Warnungen als »Kassandrarufe.« Viele Frauen erkennen sich in diesem Drama wieder: »Ich weiß viel, ich kann viel, aber ich werde nicht gesehen. Ich werde nicht gehört. Ich werde nicht ernst genommen.«
Wie oft höre ich diese Sätze von Frauen in der Praxis! Dies wird entweder in der Beziehung, in der Familie, bei der Arbeit oder in einer sozialen Gruppe so erlebt. Es frustriert, es nervt, es macht müde. Von Männern höre ich diese Aussagen so gut wie nie. Und natürlich liegt es auch an uns Frauen selbst, lauter, klarer und deutlicher zu werden: sicht- und hörbar.
Warum werden wir nicht gehört?
Was ist mit den Menschen, die »voraussehen«?
Wo haben die ihren Platz, die kritisch hinterfragen, neue Perspektiven einnehmen, neue Ideen und Gedanken einbringen?
Wenn diese Frauen sich zurückhalten – aus Angst, beschimpft, bespottet, benachteiligt oder ausgegrenzt zu werden –, ist das ein Drama: Und das ist oft das Drama der hochbegabten Frau.
Während der Arbeit an meinem Buch beschäftige ich mich während eines Weimar-Aufenthaltes mit Friedrich Schiller (1759–1805). Ich finde »zufällig« heraus, dass er ein Gedicht über Kassandra geschrieben hat, in dem er sehr dramatisch ihre Verzweiflung und Verlassenheit beschreibt. Auch er ist im Übrigen ein Selbstzweifler (»Gegen Goethe bin ich und bleibe ich ein poetischer Lump«9) wie so viele Poeten und Künstler.
Hier ein kleiner Ausschnitt (Strophen 3, 6, 7, 8) aus dem 16-strophigen Gedicht »Kassandra«: (In einem Moment des Jubels, nämlich der Vermählung von Achilles und Polyxena, und der Hoffnung auf ein Ende des Krieges prophezeit Kassandra den Untergang der Stadt und wird wieder einmal verspottet und bemitleidet.)
Kassandra (1802)10
[…]
Freudlos in der Freude Fülle,
Ungesellig und allein
Wandelte Kassandra stille
In Apollos Lorbeerhain.
In des Waldes tiefste Gründe
Flüchtete die Seherin,
Und sie warf die Priesterbinde
Zu der Erde zürnend hin:
[…]
Und sie schelten meine Klagen,
Und sie höhnen meinen Schmerz,
Einsam in die Wüste tragen
Muß ich mein gequältes Herz,
Von den Glücklichen gemieden
Und den Fröhlichen ein Spott!
Schweres hast du mir beschieden,
Pythischer11, du arger Gott!
Dein Orakel zu verkünden,
Warum warfest Du mich hin
In die Stadt der ewig Blinden
Mit dem aufgeschloßnen Sinn?
Warum gabst Du mir zu sehen,
Was ich doch nicht wenden kann?
Das Verhängte muß geschehen,
Das Gefürchtete muß nahn.
Frommts, den Schleier aufzuheben,
Wo das nahe Schrecknis droht?
Nur der Irrtum ist das Leben,
Und das Wissen ist der Tod.
Nimm, o nimm traurge Klarheit,
Mir vom Aug den blutgen Schein,
Schrecklich ist es, deiner Wahrheit
Sterbliches Gefäß zu sein.
[…]
Hier sind ein paar typische Verhaltensmuster einer »gehemmten« Begabung.
Was bewertest du als negativ, was als positiv?
Kannst du auch das große Potenzial in diesen Aussagen entdecken?
Du neigst dazu, dich zurückzuziehen.
Du hast oft Gefühle von Frustration, Langeweile oder Einsamkeit.
Du kennst die Scham, die Angst und die Minderwertigkeit.
Du bist sehr unsicher über dich selbst.
Du verhältst dich möglichst unauffällig.
Du fühlst dich häufig unverstanden oder sogar unerwünscht.
Du wirst häufig übersehen.
Du bist in Gesprächen schnell gelangweilt.
Du hörst mehr zu, als dass du sprichst.
Du gibst mehr als du nimmst.
Du findest keine Worte für das, was in dir vorgeht.
Du hast ein sehr intensives, lebendiges Vorstellungsvermögen.
Du kannst dich hervorragend in andere hineinversetzen.
Du erledigst deine Aufgaben schnell und zuverlässig.
Du erwartest gewohnheitsmäßig von dir herausragende Leistungen und lieferst sie auch.
Du suchst und nutzt jede Möglichkeit, dich weiterzubilden und weiterzuentwickeln.
Du brauchst ständig neue Impulse und Anregungen.
Du erforschst gerne Neues.
Menschen reagieren skeptisch, ängstlich oder misstrauisch auf deine Ideen, können oder wollen deinen Gedanken nicht folgen.
Du fürchtest dich davor, dein Potenzial zu zeigen. Du versteckst deine Begabungen und dein Wissen.
Du magst nicht auffallen, vermeidest es, im Mittelpunkt zu stehen, aber es reizt dich, es einmal zu tun.
Du spielst deine Rolle perfekt, trägst eine Maske, hast Tausende von Abwehrstrategien, um dich zu schützen: Flucht, Vermeidung, Lügen, Ausreden, Zynismus …
Wo andere ein Gefühl der Überlegenheit genießen, versuchst du es mit aller Macht zu verhindern.
Du schwankst stark zwischen Erschöpfung und Unterforderung.
Du bist dir nie sicher, ob du, deine Arbeit oder dein Produkt gut genug sind.
Du hast Schwierigkeiten bzw. fehlende Übung, Lob und Komplimente anzunehmen.
Du bist hervorragend darin, zu entdecken, was alles noch NICHT gut ist, was verbessert werden muss.
Du fühlst dich fremd in dieser Welt, findest deinen Platz nicht.
Du hast das Gefühl, auf der Stelle zu treten, dich im Kreis zu drehen, nicht voranzukommen.
Dir fehlt die Gleichgültigkeit gegenüber anderen, der Natur und ihren Kreaturen.
Du hast klare Werte, die du nicht mit vielen anderen teilen kannst.
Du suchst Ursachen und Verantwortung in der Regel zuerst bei dir selbst.
Du nimmst sehr viel Rücksicht auf andere.
Du bist oft mehr bei deinem Gegenüber als bei dir selbst.
Du stellst dir häufig Sinnfragen.
Du findest dich regelmäßig in einem »Entweder – Oder«. Mittelmäßigkeit ist nicht dein Ding. Wolfgang Schmidbauer nennt das die »Durchschnittsphobie«.12
Du verabscheust Schwäche. Sie macht dir Angst.
»Mit dem Wissen wächst der Zweifel.«
Goethe
Woher kommt der Selbstzweifel?
Warum haben einige Menschen starke, andere wenige oder gar keine? Warum freuen sich einige über ihr Sein und können gar nicht genug davon bekommen, sich zu präsentieren und auf der Bühne zu stehen, während andere schon bei dem Gedanken daran erstarren oder Schweißausbrüche und Panikattacken bekommen?
Ist es angeboren oder anerzogen? Ist es archaisch, kulturell, historisch begründet? Gehört es zum Menschsein und der Entwicklung dazu?
Warum haben vor allem intelligente, begabte und gebildete Menschen diese Hemmungen? Warum sind Mädchen und Frauen deutlich häufiger betroffen?
Tatsache ist: Diese betroffenen Frauen halten oft den Mund, wo sie ihn aufmachen müssten, sie vermeiden die Öffentlichkeit, das Rampenlicht und den großen Erfolg, verzichten aus falscher Bescheidenheit auf Anerkennung, obwohl sie sich oft so danach sehnen.
Sie zweifeln zuerst massiv an sich und dann erst – wenn überhaupt – an den Umständen oder ihrem Umfeld. Es ist eine Mischung aus Hemmung, Verletzung, Scham, extrem hohen Ansprüchen und Angst, die sie blockiert. Sie breiten den Schleier zwischen sich und der Welt selbst aus, bis sie vergessen haben, wer sie sind.
Der Grad zur Depression ist schmal. Wenn ich vieles aus Angst nicht zeige und tue, immer mehr von mir selbst unterdrücke, macht das irgendwann traurig, mutlos, schwer und freudlos. Es ist wie ein schwerer Verlust: Der Verlust eines wesentlichen Teils von sich. Die Enttäuschung über sich selbst ist massiv und kann autoaggressive Züge annehmen. Es lässt sich auch leicht vorstellen, wie schnell so etwas in die Erschöpfung gehen kann.
Die Klugen denken 23 mögliche Schwierigkeiten und Probleme voraus, ein Fluch ist das.
Natürlich ist auch die Gefahr für Süchte und Abhängigkeiten latent vorhanden: Die Möglichkeit der Ablenkung, des »Nicht-Spürens« durch Sport, Arbeits- oder Shoppingsucht, Alkohol, Kaffee, Cola, Schokolade und vieles mehr ist natürlich verlockend.
Es gibt zwei Arten von Zweifeln:
Der Zweifel über das eigene Tun und über das Sein.
Meist vermischen diese sich miteinander und es wird vor allem dann zu einem Problem, wenn einem der Unterschied nicht bewusst ist und Gedanken und Gefühle sich nebulös vermengen.
Der Zweifel über das Sein ist wesentlich schmerzhafter und lässt keine Kritik mehr zu, macht sie unerträglich, und es gibt ein starkes Verlangen nach Liebe, Anerkennung und Wertschätzung. Denn dieser Zweifel ist existenziell. Dies kann zu einer Arbeitssucht oder missionarischem Eifer führen, die irgendwann in die Erschöpfung führen, denn es ist gefühlt »nie genug«.
Zweifel über das Tun sind besser kompensierbar und wesentlich leichter zu handhaben. Das Tun ist emotional weiter entfernt als das Sein. Zwischen meinen Handlungen und mir ist noch eine schützende Distanz, nicht aber zwischen mir und meinem Selbst.
Und Achtung: Man kann sagen, der Zweifel ist eine Form des inneren Widerstands. Manchmal maskiert er sich auch und manifestiert sich in äußeren Widerständen, Chaos oder ständigem Misslingen. Dann kann es wertvoll sein, innezuhalten und nach inneren Widerständen oder Zweifeln zu suchen.
Der Zweifel ist ein Mangelgefühl. Oberflächlich betrachtet scheint es um einen Mangel an Selbstbewusstsein zu gehen: Ich kann nicht genug, weiß nicht genug, bin nicht souverän genug und Ähnliches.
Er entsteht vor allem durch Vergleich und durch einen Mangel an Feedback. Die meisten Menschen bekommen einfach zu wenig Rückmeldung über ihr Potenzial und sind dadurch tief verunsichert.
Steigt man tiefer in das Thema ein, wird deutlich: Es ist ein Mangel an Sicherheit. Wir fühlen uns nicht sicher genug, wir selbst zu sein.
Wir alle loten von Geburt an aus, mit welchem Verhalten wir am meisten Zustimmung, Geborgenheit, Liebe und Dazugehörigkeit bekommen, wir sind alle auf der Suche nach Anerkennung und Liebe. Und das ist nichts, dessen wir uns schämen müssten. Es macht das Menschsein aus.
Interessant sind die jeweils unterschiedlichen Kompensationsmechanismen und Überlebensstrategien und ob wir sie wirklich noch in dem Maße brauchen oder ob wir mutig genug sind, uns jetzt mit Bewusstheit von ihnen zu trennen.
Es gibt dabei hauptsächlich zwei Kategorien von Kompensation: Die aktive bis aggressive Seite der Anstrengung, der Leistung, des Erfolgs, des Ehrgeizes, Perfektionismus, Kampfes und des Funktionierens. Hier gesellt sich eventuell auch die Sucht oder zumindest Stimulanzien dazu: Alkohol, Zucker, Zigaretten, Medikamente, Drogen aller Art. Und wir haben die eher passive Seite der Vermeidung: Ausweichen, Flucht, Verstecken, Verleugnen.
Wozu gehörst du?
Wir haben dabei zwei Herzen in unserer Brust, was es so schwierig macht: Zum einen drängt es uns nach Ausdruck, Wachstum, Austausch, Entwicklung. Wir wollen etwas bewirken, bewegen, berühren, erschaffen. Andererseits wollen wir irgendwo dazugehören, geliebt werden, anerkannt werden. Wir haben Angst vor Tabus, Moral, Konflikten, Kritik, Belehrung, Spott.
Wir fürchten unsere Scham, den Neid der anderen, unsere Grenzen, unsere Kleinheit, aber auch unsere Größe. Mal überwiegt die eine Seite, mal die andere. Das halte ich für normal und okay.
Problematisch wird es aber, wenn die unterdrückende, gehemmte und ängstliche Seite in uns Überhand gewinnt und wir uns opfern: Dann verzichten wir auf unser Potenzial, unser Licht und unsere Bestimmung zugunsten der »alten Ordnung«, der Tradition oder der Harmonie.
Und auch das ist ein Drama!
Wir werden in der Regel dazu erzogen, ja nicht aufzufallen, keine Schwierigkeiten zu machen und uns möglichst gut anzupassen. Und es wird uns ständig erzählt, dass jetzt »der Ernst des Lebens beginne«. Ich habe es zur Einschulung gehört, auf der weiterführenden Schule, zur Konfirmation, in der Ausbildung, bei Berufsbeginn. Und ich war jedes Mal schockiert, vor allem als Kind. Ich habe das nämlich nicht so gesehen. Ich wollte mich doch ausprobieren, Neues entdecken und lernen. Für mich klang das nach Abenteuer und nicht nach Ernst. Aber ich habe mich angepasst und wurde ernst, so ernst, dass mir der Spaß am Leben irgendwann völlig abhandengekommen war. Ich suchte mir etwas anderes und fand den Ehrgeiz.
Das hat lange gut funktioniert. Ich hatte das vergessen mit dem Abenteuer und dem Spaß. Ich hatte eine neue Aufgabe: immer die Beste sein. Die Schönste war ich nämlich nicht, aber ich konnte die Beste oder Schnellste werden.
Wenn ich darüber nachdenke, wann der Wendepunkt war, würde ich sagen: beim Wechsel auf das Gymnasium. Und das erlebe ich heute mit den Kindern in der Praxis auch so: Dann fangen die Kopf- und Bauchschmerzen an, die Schlafstörungen, Albträume. Einige Kinder nässen sogar wieder ein.
Dieses Muster der Anpassung führen wir später automatisch weiter fort. Dadurch verpassen wir unsere eigene Persönlichkeit, unsere eigene Identität und Individualität. Es gibt ein paar Ausnahmen: die Ausreißer, Auswanderer, Revoluzzer. Auf die war ich immer neidisch. Ich war nicht mutig genug.
Ich möchte in diesem Buch daher nicht nur den Zweifel untersuchen, sondern vor allem auch den Blick auf das Potenzial schärfen. Die Zweiflerin beobachtet nämlich ständig, was sie im Vergleich zu anderen alles nicht kann, und ist sich meistens ihres eigenen Potenzials überhaupt nicht bewusst. Das kann sich schnell verändern, wenn sie lernt, eine Beobachterin ihrer eigenen Möglichkeiten zu werden, den vollen Fokus auf ihre Fähigkeiten zu richten.
Und ich möchte die Frage aufwerfen: Was ist eigentlich Potenzial bzw. was könnte es alles sein? Sind Zurückhaltung, Ehrgeiz, Anpassungsfähigkeit oder Empfindsamkeit Gaben oder Probleme? Möchten wir diese Charakterzüge stärken oder verändern? Beides ist möglich.
Wer nicht in diese Welt zu passen scheint, ist nahe dran, sich selbst zu finden.
Hermann Hesse
Tatsache ist: Männer haben deutlich mehr Führungspositionen, mehr Macht, mehr Gehalt, immer noch.
Ein paar Beispiele: 2018 waren 51,1 Prozent aller Hochschulabsolvent*innen Frauen.13 Aber nur knapp jede dritte Professur in Deutschland ist mit einer Frau besetzt (Zahlen von 2018).14
Im aktuellen Bundestag ist der Frauenanteil so gering wie zuletzt vor 19 Jahren (Juli 2019: 31,2 Prozent).15 Damit liegt Deutschland auf Platz 17, Schweden mit einem Frauenanteil von 47 Prozent auf Platz 1.16
Frauen verdienen heute in Deutschland durchschnittlich 20 Prozent weniger als Männer. Das nennt man »Gender Pay Gap«, und es hat sich seit mindestens 25 Jahren nicht verändert.17
Sie sind wesentlich stärker von Altersarmut und sexualisierter Gewalt bedroht.
Nur 12 Prozent aller Staats- und Regierungsoberhäupter sind Frauen.18
Die deutsch-amerikanische Sozialreformerin Alice Salomon schrieb schon 1906 (!) ihre Doktorarbeit in Philosophie mit dem Thema »Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit.«19
Unglaublich, oder? Die Mühlen der Politik mahlen langsam … Und wo sind in all den Krisen, die wir erleben, die Frauen, die Expertinnen?
Der Nobelpreis ging 52-mal an Frauen, 787-mal an Männer, der Wirtschaftspreis an 82 Männer und zwei Frauen.20 Andersherum sind Frauen viel stärker in sozialen Bereichen und Berufen, unterirdisch schlecht bezahlt, zu finden: zu über 70 Prozent im Lebensmittel-Einzelhandel, bei Sozialversicherungen und Krankenhäusern, in Kindergärten und Vorschulen sogar zu über 90 Prozent.21
Ich lese bezüglich der Geschlechtsunterschiede auch immer wieder spannende Sachen, zum Beispiel: »Männer interpretieren das Schweigen ihrer Zuhörer in der Regel als Zustimmung, Frauen fast immer als Kritik oder sogar Abwertung«
Das war für mich als Zweiflerin doch tatsächlich eine neue Erkenntnis, dass man Schweigen als Zustimmung verstehen kann. Aber ich bin froh über diese neue Erkenntnis! Oder: »Männer bewerben sich auf eine Stellenausschreibung schon, wenn nur ein Drittel ihrer Qualifikationen mit den Anforderungen übereinstimmt. Frauen bewerben sich meist erst bei einer Übereinstimmung von mindestens 80 Prozent.«
Genaue Zahlen und Quellenangaben weiß ich leider nicht, aber ich glaube das sofort.
Bei uns zu Hause läuft ein Gespräch dann so ab: Mein Mann: »Schatz(!), da ist eine Stellenausschreibung für dich drin.«
Ich: »Wieso?«
Mein Mann liest mir die Annonce vor.
Ich: »Aber ich kann doch das … und das … und das … nicht.«
Mein Mann runzelt die Stirn, schaut mich ungläubig an und versucht, mich davon zu überzeugen, dass meine Qualifikationen sicher ausreichen.
(Ich könnte meine Wohnung mit all meinen Zertifikaten tapezieren.) Bisher war er da allerdings erfolglos. Ich glaube ihm einfach nicht.
Wir müssen uns jetzt aber nicht gleich wieder Druck machen, dass wir konstant präsent sein müssen: Wir Frauen sind zyklische Wesen wie die Mondin: Rückzug zum »Sammeln«, Ruhen und Finden und erneutes Auftauchen ist etwas Urweibliches.
Heute gibt es diesen Rückzug nicht mal mehr zur Menstruation: Sport und Leistung immer und überall.
Damit entfernen wir uns immer mehr von unserer ursprünglichen Natur und unserem Rhythmus und leiden unter den Konsequenzen: Schmerzen, Erschöpfung, Krankheiten.
»Das Problem der Welt ist, dass die intelligenten Menschen voller Zweifel und die Dummen voller Selbstvertrauen sind.«
Charles Bukowski
Schriftsteller, 1920–1994
Praxisalltag
Ich habe in der Praxis Mädchen und Frauen aller Altersklassen. Wenn ich frage »Warum glaubst du, in der Schule so gut sein zu müssen? Warum glaubst du, dass du Abitur/einen guten Abschluss/ ein Studium brauchst?«
Dann bekomme ich von 13-Jährigen (!) Antworten wie »damit ich später eine Familie ernähren kann.« Oder »Ich habe Angst, dass ich meinen Lebensstandard, den ich gewohnt bin, nicht halten kann.« »Meine Freundinnen sagen, dass ich sonst keinen guten Job bekomme.«
Angekommen in der Leistungsgesellschaft! Da läuft es mir kalt den Rücken runter! Mit 13? Da habe ich mit Playmobil gespielt und Murmeln, bin auf Bäume geklettert oder war unglücklich und heimlich verliebt.
Da habe ich nicht einen einzigen Gedanken an meinen Lebensstandard oder meine berufliche Zukunft verschwendet, obwohl ich auch sehr ehrgeizig war. Aber es ging immer nur um den Moment, um das Gewinnen oder Erobern, noch nicht um die Zukunft.
Und wie kommen sie darauf, dass sie alleine eine Familie ernähren müssen? Mich erschreckt das.
Schülerinnen und Studentinnen habe chronische Kopfschmerzen, Migräne, Verspannungen wie ein 50-jähriger Bauunternehmer oder eine Schulleiterin, die seit 20 Jahren im Dienst ist. Einschlaf- und Durchschlafstörungen, Angststörungen, »Innere Kündigung«, Verdauungsbeschwerden, Menstruationsstörungen und Autoimmunkrankheiten sind die Norm.
Fast alle haben Glaubenssätze wie: »Das schaffe ich nicht.«, »Ich bin nicht gut genug.«, »Mir ist das alles zu viel.«, »Ich muss durchhalten.«, »Ich muss funktionieren.« Sie haben Ängste vor der Zukunft, vor Ausfall wegen Krankheiten, vor Prüfungen, vor Versagen, nicht dazuzugehören. Sie haben Angst, bewertet und verurteilt zu werden.
Sie zweifeln, sie grübeln, sie analysieren und versuchen zu kontrollieren, um dieser Angst zu entgehen. Und sie sind unglaublich klug, mitfühlend und verletzlich, manchmal erschreckend weise:
»Wer mich nicht nehmen kann, wie ich bin, und nicht akzeptiert, was ich sage und denke und wen ich liebe, der ist meiner Liebe nicht würdig.« Diesen (von ihr selbst ausgedachten) Satz hörte ich kürzlich von einer 15-Jährigen nach etwa einem Jahr Behandlungszeit. Selbstständige haben Existenzangst; Lehrerinnen, dass sie den diversen Ansprüchen von Eltern, Schülern und Kollegen oder Vorgesetzten nicht gerecht werden.
»Ich darf nicht ausfallen.«, »Ich darf nicht krank werden.«, »Ich darf meinen Kolleginnen nicht zur Last fallen.« sind hier die inneren Programme.
Viele Menschen gehen aus Angst viel zu häufig krank zur Arbeit. Dabei ist diese Angst häufig gar nicht berechtigt. Sie spielt sich im Kopf ab.
40-Jährige sprechen schon sehnsüchtig von der Rente. Unter diesen Bedingungen sind wir weder gesund noch kreativ oder leistungsfähig und glücklich schon mal gar nicht.
Menschen hungern nach Anerkennung, Wertschätzung, Feedback. Sie möchten gehört und gesehen und geachtet werden. Und ich finde, zu Recht!
Dr. Gerald Hüther22 kritisiert unser Bildungs- und Arbeitssystem schon lange. Es ist nicht gehirngerecht.
Man hat früher wirklich geglaubt, dass der Mensch im Wettbewerb und unter Druck bessere Leistungen erzielt. Und das stimmt auch kurzfristig, wie bei einem 100-m-Lauf, einer kleinen Gedächtnis-Challenge oder einem kleinen Projekt, aber nicht dauerhaft.
Dann ist das System dauerhaft im Flucht-, Kampf- oder Vermeidungsmodus. Dann müssen wir uns ständig bewegen oder ablenken, um die ganzen Stresshormone wieder abzubauen. Oder Alkohol trinken, Schokolade essen, Medikamente nehmen.
Dringend nötige Erholungsphasen gibt es nicht mehr.
Früher dachte ich, dass diese Phänomene der Angst und des Drucks typisch deutsch seien. Mittlerweile weiß ich aus vielen Online-Programmen, an denen ich teilgenommen habe, dass Selbstzweifel und die massive Angst, sich und sein Können authentisch zu offenbaren, weltweit verbreitete Themen sind.
»Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern.«
Rosa Luxemburg
Wie entstehen Selbstzweifel und Selbsthemmung?
Der Zweifel, die Angst und die Hemmung sind ein Steckenbleiben in der Vergangenheit. Sie rühren immer aus negativen Erfahrungen, oft aus einem echten Trauma her.
Je häufiger oder heftiger die Erfahrungen, desto größer der Zweifel. Es kann eine ganz schmerzhafte oder schamhafte Erfahrung sein oder viele kleine, die latent, aber ständig am Selbstwert- oder Sicherheitsgefühl gekratzt haben.
Die Ursachen sind sehr vielfältig und komplex und würden den Rahmen dieses Buches sprengen. Mehr dazu erfährst du bei den einzelnen homöopathischen Mittelbildern. Ich empfehle außerdem die Lektüre von Wolfgang Schmidbauers und Gerald Hüthers Büchern.
Wichtig zu erkennen: Was ist echt und was ist die Rolle, die wir spielen? Eine Maske, die man nicht trägt, kann man nicht verlieren. Zum Verständnis: Unser Gehirn ist eine »Problemlösungsmaschine«; es ist ein altes Erbe, dass unsere Sinne Ausschau nach Gefahr halten. Das Gehirn ist wie ein Magnet für Negatives und wie Teflon für Positives: Negatives haftet an, Positives perlt ab. Dies ist ein natürlicher Überlebensmechanismus. »Wo ist der Feind? Wo ist eine mögliche Gefahr?«
Wir müssen regelrecht lernen, das Positive zu sehen, wahrzunehmen und zu bewahren. Uns selbst zu beobachten, OHNE zu bewerten, ist dabei der Schlüssel zum Glück.
Auf einige wichtige Aspekte möchte ich dabei hinweisen:
Negative (historische) Erfahrungen
Leider haben wir reichlich traumatisierende Erfahrungen aus der Geschichte, was eine freie Entfaltung und Meinungsäußerung angeht: die Kaiserzeit, den Nationalsozialismus, die DDR. Die Sanktionen reichten von Benachteiligung und Ausgrenzung über Folter bis zum Tod.
Heute erleben wir das als »Shitstorm« und öffentliches Mobbing in den sozialen Medien.
Übernahme aus vorherigen Generationen
Das nennt man »transgenerationale Traumatisierung«. Freud nannte es »Gefühlserbschaft«. Das bedeutet, dass Kinder emotionale Lasten von ihren Eltern oder Großeltern übernehmen. Man weiß heute, dass ungeheilte Gefühle, Gedanken, Glaubenssätze, traumatische Erfahrungen, Vorlieben und Verhaltensmuster aus anderen Generationen weitergegeben werden können. Es wird vererbt oder auch imitiert:
Diese Imitation nennt man Identifizierungsprozess und sie formt unser Verhalten im späteren Leben:23 Das Kind übernimmt dabei die Werte der Erwachsenen des sozialen Umfelds und integriert sie als eigene.
Vor allem die Erziehung der 50er- und 60er-Jahre wirkt in den Betroffenen noch nach, die sogenannte »geprügelte Generation«:
Kinder hatten keine eigene Meinung zu haben, sie sollten sich benehmen und funktionieren. Züchtigung war legitim und vieles wurde unter den Teppich gekehrt.
»Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind« aus der NS-Zeit von Johanna Haarer wurde noch lange danach stark verkauft und angewandt. Dieses »Erziehungsbuch« ist aus heutiger Sicht einfach nur gruselig, aber ich habe in meiner Praxis genug Menschen, die nach diesen Grundsätzen erzogen wurden. Jeglicher Ausdruck und Identitätsgefühle wurden damit sofort im Keim erstickt. Darüber wird in der Regel nicht gesprochen, aber kommt es einmal dazu, merkt man sofort, mit welcher Wucht und welchem Schmerz das in diesen Menschen noch nachwirkt.
Jede und jeder hat dazu eine bewegende Geschichte. Jede Nation und jede Generation hat ihre eigene Geschichte. Das soll Betroffene nicht dazu verführen, die Verantwortung an die Erziehungspersonen abzugeben und Eltern, Lehrer und Erzieher in Krisen zu stürzen. Aber wir können vielleicht endlich aus dem vorhandenen Wissen schöpfen und es in Zukunft besser machen.
Verletzter Exhibitionismus
Der Zweifel an uns selbst entsteht durch Verletzung: der Würde, der Gefühle, des Vertrauens und des Ausdrucks.
Wolfgang Schmidbauer nennt das »verletzten Exhibitionismus«. Diese Erklärung ist so wichtig, genau und verständlich, dass ich wörtlich zitiere: »Exhibitionismus ist ein Entwicklungsvitamin. Das Kind zeigt seine Fähigkeiten und wird durch Beachtung angespornt, weiter zu üben, sich zu vervollkommnen. Zu wenig Aufmerksamkeit hemmt den Exhibitionismus. Wenn dem Kind vermittelt wird, dass es stört, fürchtet es exhibitionistische Wünsche und beginnt sich ihrer zu schämen. Es unterdrückt eigene Geltungswünsche und kanalisiert seine Aggressionen in das Aufspüren und Tadeln von unbescheidenen Personen.
Ein irrationaler, von Ängsten bis hin zur Panik bestimmter Umgang mit exhibitionistischen Bedürfnissen ist ein Signal für eine traumatisierte Begabung. Die Betroffenen sind fast immer in genau dieser Situation verletzt worden. Dadurch wurde der Regelkreis gestört, der Begabung durch Beifall fördert […] In der Konsumgesellschaft gehört Reklame zum Geschäft. Wer Mühe mit der Eigenwerbung hat, weil seine frühen Prägungen auf ihre Unterdrückung hinauslaufen, muss den Exhibitionismus wieder lernen.«24
Für mich ist diese Erklärung der zentrale Ansatzpunkt für den Selbstzweifel und die Scham.
Besonders prägend ist die Zeit bis zum 7. Lebensjahr. In dieser Zeit lernt ein Kind, ob es willkommen ist, ob Liebe an Bedingungen geknüpft ist, unter welchen Zuständen ihm Zugehörigkeit gewährt wird und ob und wie es eine eigene Persönlichkeit entwickeln darf.
Interessant ist noch der Aspekt der Sexualität. Schmidbauer berichtet, dass Freud die Sexualität als Zentrum des Lebens verstand, dessen Erforschung Neugierde und Fantasie anregt. So verkrampft und verschämt, wie wir immer noch mit Sexualität umgehen, muss es mit Fantasie, Neugierde und Erkundung wirklich düster aussehen. Kaum ein Kind wird hierin unterstützt oder ermutigt, sich selbst spielerisch und mit Freude zu erforschen oder gar auszudrücken.
Schmidbauer bezeichnet Exhibitionismus als die »Frühblüte einer kindlichen Erotik«, in der die Kinder zeigen wollen, wie klug, schön oder begabt sie sind. Sie in diesem heiklen Moment zu hemmen oder zu beschämen, hat dramatische Folgen.
Irgendwann entwickelt sich ein echtes »Tabu zur Zeigelust« und die Kinder halten mehr und mehr von sich zurück. Bleib entspannt und freue dich, wenn dein Kind ihren/seinen Körper erforscht.
Eltern, die selbst in ihrem Exhibitionismus traumatisiert wurden, werden peinlich darauf achten, dass ihre Kinder ja nicht auffallen, um sie vermeintlich zu schützen. In Wirklichkeit geben sie damit genau diese Hemmung der authentischen Selbstdarstellung weiter.
Nun müssen wir natürlich andererseits aufpassen, dass wir mit dem Beifall nicht übertreiben und lauter Diven großziehen, die ständig im Rampenlicht stehen müssen. Wir müssen die Balance finden und Kindern auch beibringen, wie viel Freude es macht, andere zu unterstützen.
Wir können jungen Menschen zeigen, dass sie wertvoll und einzigartig sind. Und dass Liebe, Würde, Respekt und Zugehörigkeit bedingungslos sind und nicht verdient werden müssen. Ihr Wert für die Gesellschaft hängt nicht von ihren Leistungen und Erfolgen ab.
Ich erlebe häufig, dass Eltern Ängste um ihre (teils erwachsenen!) Kinder haben, weil sie ihnen letztendlich das Überwinden irgendeiner Krise, Herausforderung oder Konfrontation nicht zutrauen. Aber das sind meist die eigenen Ängste, die eigenen Zweifel und die eigene Hemmung. Da muss man sehr vorsichtig sein, diese nicht zu übertragen, und die eigenen »Baustellen« klären. Wer gar nicht oder zu viel auf sein Kind schaut, hat in der Regel selbst ungeheilte Wunden. Andererseits gibt es für einen Menschen, der sich »aus seinem Milieu« heraus entwickelt, einen inneren Konflikt. Das Alte ist fremd, nicht mehr passend, das Neue noch nicht selbstverständlich und sicher. Wo gibt es jetzt die Zugehörigkeit und Sicherheit?
»Wer mehr als jeder andere in der Familie verdient, weiter gereist ist, mehr Sprachen beherrscht, findet sich in einer für sein Selbstgefühl kritischen Situation wieder.«25
Ausbildung
Gerald Hüther kritisiert zu Recht wieder und wieder, dass wir immer noch in Schule, Ausbildung und Studium »Roboter« ausbilden,
