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Georg Simmel nimmt in Bezug auf die Wissenssoziologie den Status eines »Wegbereiters« ein. Er formulierte soziologische, erkenntnistheoretische und kulturphilosophische Problemstellungen, die (posthum) in die sich formierende Wissenssoziologie hineinwirkten. Die wissenssoziologischen Pionierleistungen Simmels sind vielfältig. So stehen im Zentrum seiner relationistischen Sozialtheorie die Wechselwirkungen zwischen den Individuen und der dynamische Vergesellschaftungsprozess. Weiterhin insistiert Simmel darauf, dass Soziologinnen und Soziologen auf eine bereits von den Menschen selbst gedeutete soziale Welt stoßen. Seine diesbezüglichen Überlegungen zu den soziologischen Apriori stellen einen Versuch dar, die kantianistische Epistemologie sozialkonstruktivistisch umzuformulieren. Jenseits dieser eher grundlagentheoretischen Innovationen finden sich in Simmels unzähligen Essays dichte Beschreibung von Alltagserscheinungen des modernen Lebens. In seinen Abhandlungen über den Fremden, den Raum, das Geld, die Großstadt oder über das ethische Problem der Freiheit – um hier nur eine kleine Auswahl zu nennen – offenbaren sich Simmels beeindruckende phänomenologische Beobachtungsgabe und analytisch präzise Genauigkeit. Zugleich schält sich in den Essays eine bis heute noch aktuelle kulturelle Zeitdiagnose heraus. In diesem Band werden die Konturen einer Wissenssoziologie bei Simmel aufgezeigt und in Beziehung zum biografischen Kontext und wissenschaftlichen Habitus dieses Klassikers gesetzt.
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Uwe Krähnke
Georg Simmel
Klassiker der Wissenssoziologie, 16
Halem: Köln 2023
Die Reihe Klassiker der Wissenssoziologie wird herausgegeben von Prof. Dr. Bernt Schnettler.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
© 2023 by Herbert von Halem Verlag, Köln
ISSN 1860-8647
ISBN (Print): 978-3-7445-0309-9
ISBN (PDF): 978-3-7445-0311-2
ISBN (ePub): 978-3-7445-0310-5
Den Herbert von Halem Verlag erreichen Sie auch im
Internet unter http://www.halem-verlag.de
E-Mail: [email protected]
EINBAND: Herbert von Halem Verlag; Susanne Fuellhaas, Konstanz
SATZ: Herbert von Halem Verlag
LEKTORAT: Julian Pitten
DRUCK: docupoint GmbH, Magdeburg
Copyright Lexicon ©1992 by The Enschedé Font Foundry.
Lexicon® is a Registered Trademark of The Enschedé Font Foundry.
Klassiker der Wissenssoziologie
Uwe Krähnke
HERBERT VON HALEM VERLAG
Danken möchte ich Henri Band und Sven Arnold für ihre klugen Hinweise und produktiven Anmerkungen, durch die der Text sehr an Qualität gewonnen hat. Danken möchte ich auch Bernt Schnettler für seinen Zuspruch, das Buchprojekt umzusetzen und dafür, dass er als Herausgeber der Buchreihe zu jedem Zeitpunkt genau die richtigen Worte fand, um die Fertigstellung des Simmel-Bandes voranzutreiben. Ein Dank gilt zudem Julian Pitten sowie Herbert von Halem für die ambitionierte Zusammenarbeit und für ihre Geduld, am Buchprojekt auch dann noch festzuhalten, wenn der Autor nicht in der Zeit blieb.
Ein besonderer Dank gilt Meike Bukowski, weil sie die mit dem Schreiben verbundenen Eskapaden des Autors im Alltag ertragen musste. Ihr ist das Buch gewidmet.
I. Einleitung: Konturen einer Wissenssoziologie im Denken von Simmel
II. Biografische Stationen eines prominenten Außenseiters im akademischen Milieu des Wilhelminismus
III. Die Sinnhaftigkeit des Alltäglichen und die Trajektorie der modernen Kultur
III.1 Vom Henkel zum Individuum – eine strukturell-analytische Phänomenologie
III.2 Zwischen Neurasthenie und individuellem Freiheitsgewinn – ein Sozialpsychogramm der Großstädter:innen
III.3 Auflösung alles Substantiellen und Hypertrophie der objektiven Kultur – eine Zeitdiagnose der modernen Gegenwartsgesellschaft
IV. Zwischen Kantianismus und Sozialkonstruktivismus
IV.1 Die fachwissenschaftlich-grundlagentheoretische Adaption Kants
IV.2 Der Raum als ›seelischer Inhalt‹ und die verräumlichte Vergesellschaftung
IV.3 Die intersubjektive Erfahrung, vergesellschaftet zu sein
IV.4 Geheimhaltung und Koketterie als interaktive Handlungsvollzüge
V. Wechselwirkung als heuristisches Grundprinzip einer dynamisierten Theoriebildung
V.1 Von der physikalischen zur sozialen Dynamik
V.2 Das Geld als regulatives Weltprinzip und die korrelationistische Wahrheitstheorie
VI. Simmel als ein Wegbereiter der Wissenssoziologie
VI.1 Rezeption und Wirkungsgeschichte
VI.2 Was kann Simmel der heutigen Wissenssoziologie bieten?
VII. Literatur
VII.1 Schriften von Georg Simmel
VII.2 Sekundärliteratur und weitere zitierte Literatur
VIII. Zeittafel
Personenregister
Sachregister
»Ich bot ihm, wie er kam, den Stuhl an, er aber blieb stehen und fing an, eine Philosophie des Stuhles und des Stuhlanbietens sich aus dem Ärmel zu zupfen.« So beschrieb der Historiker Friedrich Meinecke (1949: 103) eine persönliche Begegnung mit Georg Simmel, als dieser ihn um 1914 in Straßburg besuchte. Die Beschreibung wirkt zunächst befremdlich. War Simmel etwa einer dieser skurrilen, lebensuntüchtigen Gelehrten, die man gemeinhin als ›zerstreuten Professor‹ bezeichnet? Oder tat er sich gar als ›Blender‹ hervor, der sein Gegenüber durch elaborierte Gedankenspielerei und sophistische Wortgewandtheit zu beeindrucken versuchte? Vielleicht tendierte Simmel tatsächlich in die eine oder in die andere Richtung. Aber offenbar wollte Meinecke auf etwas Anderes hinaus. Denn was bei ihm einen nachhaltigen Eindruck hinterließ, war die Intensität, mit der sich Simmel Alltagsphänomen zuwenden konnte. Selbst die Willkommensgeste des Stuhlanbietens machte dieser ad hoc zum Gegenstand einer subtilen, philosophisch grundierten Tiefenanalyse. Auch andere Zeitgenossen betonten die intellektuelle Eigenart Simmels, für die Oberflächenphänomene des Alltags und die Reize der modernen Kultur in besonderer Weise empfänglich zu sein und deren Sinnprovenienzen aufzuspüren.1In Simmels Denken waren phänomenologische Einfühlung und sinnrekonstruktive Analyse eng miteinander verbunden.
Er selbst umschrieb sein heuristisches Vorgehen mit der ›Senkblei‹-Metapher (SIMMEL 1903, in GSG 7: 120) und war Zeit seines Lebens darum bemüht, dieses Vorgehen erkenntnistheoretisch zu fundieren. Die Grundidee, die er dabei verfolgte, klingt zunächst trivial, erweist sich jedoch bei näherem Hinsehen als äußerst anspruchsvoll. Denn Simmel ging davon aus, dass im Alltag der Menschen die »banalsten Äußerlichkeiten schließlich durch Richtungslinien mit den letzten Entscheidungen über den Sinn und Stil des Lebens verbunden sind« (ebd.).2 Seines Erachtens sind alle (subjektiven oder objektiven) Kulturerscheinungen Äußerungsformen menschlicher Seelenregungen und gebunden an dem Befindlichkeits- und Deutungskosmos der Individuen. Demnach bedeutete für Simmel phänomenologische Einfühlung und sinnrekonstruktive Analyse, »daß sich von jedem Punkt an der Oberfläche des Daseins, so sehr er nur in und aus dieser erwachsen scheint, ein Senkblei in die Tiefe der Seelen schicken läßt« (ebd.).
Seine Neugier und seismografische Feinfühligkeit gegenüber sich alltäglich manifestierenden Sinnzusammenhängen hat deutliche Spuren in Simmels 25 Monografien und über 200 Aufsätzen hinterlassen. Er schrieb – um die Vielfalt seiner ›aus dem Leben gegriffenen‹ Themen wenigstens anzudeuten – Abhandlungen über das Geld, die Treue, die Scham, die Geselligkeit, den Fremden, die Rosen, den Henkel, den Raum, das Geheimnis, die Mahlzeit, den Streit, die Alpen, die Freiheit und die Großstadt. Neben der thematischen Vielfalt weisen seine Publikationen eine beeindruckende stilistische Bandbreite auf. Das Darstellungsformat des Essays bevorzugend verzichtete Simmel auf eine inhaltliche Gliederung mittels Absätzen, Zwischenüberschriften und Zusammenfassungen. Der ›typische‹ Simmel-Text ist eine Collage aus Momentaufnahmen fortschreitender und zurückgreifender Erkenntnisse, garniert mit dichten und assoziativen Beschreibungen und Analogien, jedoch fast immer ohne Quellenangaben und Literaturhinweise.
Dieses Mäandern der Gedanken in seinen Texten kam auch dadurch zustande, dass Simmel auf keine Wissenschaftsdisziplin festgelegt war, sondern sich stattdessen der ganzen Klaviatur der damaligen geistes-, kultur- und humanwissenschaftlichen Erklärungs- und Beschreibungsformen bediente. Seine disziplinenübergreifende Experimentierfreude zeigte Simmel bereits in der Titelgebung an: Mal laufen seine materialen Einzeluntersuchungen unter der Überschrift ›kulturphilosophische‹, mal unter ›soziologische Studie‹; andere Abhandlungen, wie etwa über die Mode, über Frauen oder das Geld, tragen das Etikett ›Psychologie‹; in einigen Fällen verzichtete Simmel sogar ganz auf eine disziplinäre Zuordnung und betonte stattdessen durch Bezeichnungen wie ›Exkurs‹, ›Studie‹, ›Fragment‹, ›Portrait‹ oder ›Skizze‹ den Work in Progress-Charakter seiner Überlegungen.
Offenbar war sich Simmel bewusst, dass seine Veröffentlichungen jeweils nur vorläufige Ergebnisse präsentieren konnten und er als Autor seine Lesenden am Zustandekommen seiner Einfälle teilhaben lassen musste. Er setzte eher auf die Psychologie der Erkenntnisgenerierung als auf die Logik der Ergebnispräsentation. Der kreative Prozess der Erkenntnisgenerierung sollte stilistisch in den Text hineingeholt werden. Bei Simmel trifft zu, was der deutsche Philosoph Max Bense als grundlegend für das essayistische Schreiben ansah:
»Essayistisch schreibt, wer experimentierend verfaßt, wer seinen Gegenstand nicht nur hin und her wendet, sondern diesen Gegenstand während des Schreibens, während der Bildung und während der Mitteilung seiner Gedanken findet oder erfindet, befragt, betastet, prüft, durchreflektiert und zeigt, was unter den ästhetischen und ethischen, manuellen und intellektuellen Bedingungen des Autors überhaupt sichtbar werden kann« (BENSE 1952: 59f.).
Nach einem strikt durchgehaltenen ›roten Faden‹ suchte man in Simmels Texten vergebens. Anstatt einer logisch konsistenten Argumentationskette durchziehen seine heterarchisch-seriell angelegten Veröffentlichungen vielschichtige, virtuos ineinandergeschobene Argumentationsstränge. Oder, wie es Richard Lewinsohn (1918: 171) beschrieb:
»Simmel denkt in Spiralen. Sein Stil, der so gedrechselt und gewunden erscheint, ist nur der notwendige, adäquate Ausdruck seiner Denkweise. Die Probleme werden nicht nach den Regeln von Thesis und Antithesis abgehandelt, sondern sie ringen und ringeln sich aus der ungeformten Fülle der Anschauungen empor. Was links und rechts am Wege liegt, wird mit hineingezogen, und so entstehen essayistische Parenthesen und Nebenerörterungen, die den Exakten zuwider sind.«
An Simmel scheiden sich bis heute die Geister. Während die einen sich von seiner Denk- und Ausdrucksweise stark angezogen fühlen, reagieren andere ablehnend oder gar mit Geringschätzung. Je nachdem heißt es, Simmel sei unter den damals »lebenden Philosophen der vielseitigste, geistreichste und fruchtbarste« (WEBER 2008, in: MWG II/9: 149); der »große Metaphysiker, in dem die gesamte Neuzeit sich zusammenschließt« (PRZYWARA 1926: 161)3; ein »Neurastheniker« (ALTMANN 1904: 88 bzw. 46); »vor allem zersetzend und negierend« (LANDMANN 1958: 27); »mit Bewußtheit Antisystematiker« (RICKERT 1920: 26); ein »oberflächlicher Feuilletonist« (HAECKER 1961) oder im Grunde ein unpolitischer Salonphilosoph mit vorwiegend ästhetischen Neigungen (HÜBNER-FUNK 1976), dessen Gedanken sich im »feinen bläulichen Dunst« (LEHMANN 1995: 113) verlieren. Wie dem auch sei, seine Texte unterlaufen das akademische Selbstverständnis der heutigen Soziologie. Sie wirken schon deshalb »aus der Zeit gefallen«, weil ihr Autor sich weder als ein um Evidenz bemühter empirischer Forscher positionierte, der streng theoriegeleitet systematisch Hypothesen testet, noch als ein Grundlagentheoretiker, der auf ein axiomatisch geschlossenes Gedankensystem und begrifflich klare Definitionen hinarbeitet. Simmel strebte ein Denken »gegen das geschlossene System« (SIMMEL 1918, in GSG 16: 199) an, wie er selbst betonte. Anstatt feststehende Ergebnisse und fertige Problemlösungen zu präsentieren, wollte er seinen inneren Denkprozess zur Anschauung bringen und blicköffnende Problemstellungen aufzeigen. Die Rezipienten seiner Texte sollten in den explorativen Prozess der Problembearbeitung hineingezogen und dabei – vor allem – auf den eigenen gedanklichen Vollzug gestoßen werden. Denn für Simmel (1902, in GSG 7: 99) bedeuteten »Anregung und Andeutung mehr […] als die deutliche Erfüllung, die unserer Phantasie nichts zu ergänzen übrig lässt. Wir wollen«, so führte er weiter aus, »ein Minimum objektiver Gegebenheit, das ein Maximum von Selbstthätigkeit in uns entfesselt«.
Die Simmel-Rezeption ist davon geprägt, in seinen Schriften mehr nach der individuellen Denkart des Autors als nach einer systematisch ausgefeilten Theorie zu suchen. Die personenzentrierte Interpretationsweise lebt von Versuchen, seine »geistige Gestalt« (SUSMAN 1959); den »eigenartigen Geistestyp« (ADLER 1919); »Konturen seines Denkens« (LANDMANN 1976) oder seine spezifische »Attitüde« (BOHNER 1930; RAMMSTEDT 1988) zu rekonstruieren. Eine typische Grundhaltung, aus der sich diese personenzentrierte Interpretation speist, brachte Robert Nisbet zum Ausdruck: »I think that less of Simmel’s personal genius will be lost in the nameless body of advancing knowledge – the common fate of even great contributors in the history of science – than will be true of Durkheim and Weber« (NISBET 1959: 479).
Auch in dem vorliegenden Buch wird Simmels theoretische Hinterlassenschaft vor allem über seine Denkart, seine intellektuelle Persönlichkeit erschlossen.4 Hierbei lautet die Ausgangsthese: In Simmels Denken sind Konturen einer Wissenssoziologie erkennbar. Die Vertreter:innen der sich nach Simmels Tod ab den 1920er-Jahren etablierenden Wissenssoziologie haben sich bis heute immer wieder an zwei zentralen Problemstellungen abgearbeitet. Einerseits geht es um einen phänomenologisch inspirierten Zugang zu den konkreten Erfahrungen und Erlebnissen, die Menschen in ihrer jeweiligen alltäglichen Lebenswelt machen. Neben der eher mikrosoziologisch ausgerichteten Exploration alltagsweltlicher Sinnsetzungen und -deutungen geht es andererseits um die Rekonstruktion jener Wissensbestände, symbolischer Ordnungen und Ideensysteme, die latent in der Gesellschaft angelegt oder bereits in irgendeiner Form institutionalisiert sind und somit auch die lebensweltlichen Alltagssituationen von Menschen affizieren.
Simmel kann vor allem deshalb der wissenssoziologische Klassikerstatus zugesprochen werden, weil er in beide Richtungen zugleich dachte. Von ihm lässt sich lernen, dass sich die phänomenologische und die sozialkonstruktivistische Perspektive heuristisch sinnvoll ergänzen, wenn die Sozialität des menschlichen Wissens beforscht werden soll. Freilich war diese Einsicht bei Simmel selbst methodologisch noch ungeschliffen. Es bahnte sich aber in seinen Schriften an, was später konzeptionell ausgearbeitet und innerhalb der Wissenssoziologie programmatisch werden sollte. Man denke nur an die Mundanphänomenologie von Alfred Schütz oder den Sozialkonstruktivismus von Peter Berger und Thomas Luckmann.5 Nicht nur in Hinblick auf diese beiden, innerhalb der Wissenssoziologie herausragenden, Ansätze liest sich Simmel als ein zentraler wissenssoziologischer Impulsgeber. Seine Studien sind für all diejenigen instruktiv, die Wissen zuvörderst als von Menschen Hervorgebrachtes ansehen und an dem Modus Operandi der Wissensgenerierung interessiert sind.
Um die bei Simmel sich anbahnenden Konturen einer Wissenssoziologie schärfer hervortreten zu lassen, werden im Folgenden nach den biografischen Hinweisen zu seiner Person, seinem Lebensumfeld sowie zu seiner akademischen Berufskarriere und seinen Forschungsinteressen (Kap. II) vier eng miteinander verflochtene Aspekte dargestellt. Erstens setzten seine kulturtheoretischen Überlegungen und seine Zeitdiagnose der Moderne bei sozialen Alltagsphänomenen, den Erfahrungsräumen und Mentalitäten der Individuen an. Der analytische Anspruch war, die strukturellen Merkmale dieser Phänomene auszuloten (Kap. III). Zweitens übertrug Simmel die von Immanuel Kant aufgeworfene transzendentalphilosophische Frage »Wie ist Natur selbst möglich?« auf die soziale Welt in Form der Frage »Wie ist Gesellschaft möglich?«. Soziale Sachverhalte wie etwa der bewohnte Raum, oder die Begegnung mit Fremden, oder allgemein die Vergesellschaftung leitete er aus den Denk- und Verhaltensgewohnheiten der Menschen sowie ihren sozialen Praktiken her. Exemplarisch zeigt sich hier Simmels sozialkonstruktivistischer Deutungsansatz (Abschn. IV 1-3). Drittens konnte Simmel anhand seiner Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Geheimhaltung und der Koketterie anschaulich machen, dass nicht nur Wissensinhalte einen sozialkonstituierenden Effekt haben, sondern auch die Art und Weise, wie die Inhalte kommuniziert werden (Abschn. IV.4). Viertens entwickelte Simmel unter Rückgriff auf das epistemologische Muster der Wechselwirkung ein dynamisch-relationales Weltbild. Entsprechend dieses Weltbildes hängt alles in der Welt mit allem zusammen, und jedes einzelne Element wird durch das komplexe Gesamtgefüge getragen, das es selbst zugleich mitträgt. Eine erkenntnistheoretische Konsequenz dieses Weltbildes ist, dass eine Aussage nicht an und für sich wahr sein kann, sondern nur temporär und in Relation zu anderen Aussagen. Die soziologische Konsequenz dieses dynamisch-relationalen Weltbildes arbeitete Simmel in seiner Idee von der Kreuzung sozialer Kreise (Abschn. V.1) und dessen kulturtheoretische Bedeutung in seiner Philosophie des Geldes heraus (Abschn. V.2).
Im Abschlusskapitel (Kap. VI) geht es um die personellen und theoretischen Bezüge von Simmel zu Vertretern der Wissenssoziologie (Kap. V). Das Resümee lautet, dass Simmel für die Wissenssoziologie den Status eines Wegbereiters einnimmt. Er formulierte im Rahmen seiner sozial- und kulturwissenschaftlichen Arbeiten Problemstellungen, an die nachfolgende Soziolog:innen immer wieder anknüpften. Gerade weil wir uns heute immer noch an den von Simmel vor 100 Jahren aufgeworfenen Fragestellungen zur Sozialität, Historizität und Relativität von Wissen orientieren und keine konsensfähigen Lösungen parat haben, können wir uns von diesem wichtigen Impulsgeber nicht lösen. Es lohnt sich also, an Simmel als (wissens-)soziologischem Klassiker festzuhalten und seine Texte immer wieder neu zu lesen.
1 So erinnerte Georg Lukács (1958: 172) an dessen »Fähigkeit, die kleinste und unwesentlichste Erscheinung des alltäglichen Lebens so stark sub specie philosophiae zu sehen, daß sie durchsichtig wird und hinter ihrer Transparenz ein ewiger Formenzusammenhang des philosophischen Sinnes sichtbar wird«. Simmel finde, so die Einschätzung eines weiteren Schülers, Ludwig Marcuse (1928), »die Bedeutsamkeit des Unbedeutenden« und Ernst Troeltsch (1917: 382) beobachtete bei ihm »eine ganz ungewöhnliche Feinfühligkeit und Scharfsichtigkeit für psychologische Innerlichkeiten und deren Zusammenhang mit dem Gesamtleben. Rudolf Pannwitz (1956: 234) attestierte Simmel eine »elastisch gespannte Geistigkeit«, die eine »höchst verfeinerte Überklugheit, eine Sinnlichkeit im Intellekt und Intellektualität in den Sinnen« bewirke.
2 Ähnlich auch (ebd.: 199); Simmel (1900, in GSG 6: 12; 1911, in GSG 14: 163ff.).
3 Ähnlich klingende Einschätzungen lassen sich vielfach finden. Exemplarisch seien hier angeführt: Lukács (1918); Weisbach (1937: 382); Coser (1984: 80).
4 Die Ausführungen stützen sich teilweise auf eigene frühere Veröffentlichungen (KRÄHNKE 1999; 2002; 2012; 2018).
5 Vgl. dazu die entsprechenden Bände in der Reihe Klassiker der Wissenssoziologie von Endreß (2006), Pfadenhauer (2010) und Schnettler (2006).
Simmel wurde am 1. März 1858 im damals belebten Zentrum Berlins, Leipziger Straße, Ecke Friedrichstraße geboren. Er war das jüngste von sieben Kindern des Kaufmanns Eduard Maria Simmel und seiner Ehefrau Flora (geb. Bodstein). Die Eltern waren zwar jüdischer Abstammung, jedoch konvertierten sie, sodass Simmel kurz nach seiner Geburt evangelisch getauft wurde. Als 16 Jahre später sein Vater starb, übernahm der Nennonkel Julius Friedländer die Vormundschaft für Simmel. Der Vormund war Buch- und Musikalienhändler und durch die Erfindung der Notendruck-Schnellpresse vermögend geworden. Somit konnte er Simmels akademische Laufbahn dauerhaft finanziell unterstützen.
Nach dem Abitur studierte Simmel ab 1876 an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, zunächst vor allem Geschichtswissenschaft u. a. bei Theodor Mommsen und Kunstgeschichte bei Herman Grimm, wandte sich jedoch zunehmend der Philosophie und Völkerpsychologie zu – vertreten durch Moritz Lazarus und Eduard Zeller – sowie der Kunstgeschichte und dem Altitalienischen. Unter Simmels Lehrern hatte vor allem Grimm mit seinen kunsthistorischen Betrachtungen über Persönlichkeiten wie Goethe und Michelangelo eine große Bedeutung für ihn. Zudem ist der Einfluss von Lazarus auf Simmels spätere soziologische und kulturphilosophische Überlegungen unübersehbar (KÖHNKE 1996: 41f.). 1881 wurde Simmel an der Berliner Universität promoviert. An derselben Universität habilitierte er sich vier Jahre später und nahm anschließend eine Lehrtätigkeit als Privatdozent auf. Er lehrte zunächst nur Philosophie, beschäftigte sich aber ab 1887 verstärkt auch mit soziologischen und sozialwissenschaftlichen Themen. Von 1893 bis 1912 lehrte Simmel mit nur kurzen Unterbrechungen immer in mindestens einer Veranstaltung Soziologie. Seine Vorlesungen und Vorträge waren so gut besucht, dass sie im größten Hörsaal der Berliner Universität stattfanden. Aufgrund seines brillanten Vortragsstils wurden sie zu einem Aushängeschild der Universität. Nicht nur Studierende der Berliner Universität besuchten seine Veranstaltungen. Simmel galt auch unter den intellektuellen Touristen aus dem In- und Ausland, die in die damalige Reichshauptstadt kamen, als Geheimtipp.
Neben dem überragenden Lehrerfolg an der Berliner Universität genoss Simmel aufgrund seiner Publikationen ein hohes öffentliches und internationales Ansehen. Wie sein facettenreiches Œuvre belegt, war er nicht auf eine Wissenschaftsdisziplin festgelegt. Seine publizistische Tätigkeit begann er in den 1890er-Jahren mit grundlagentheoretischen Studien zu geschichts-, moral- und sozialwissenschaftlichen Problemen. Werke aus dieser Zeit sind Die Probleme der Geschichtsphilosophie (1892, GSG 2: 297-421) und die Einleitung in die Moralwissenschaft (Bd. I 1892, GSG 3, Bd. II 1893, GSG 4).
Etwa zur selben Zeit wie Émile Durkheim in Frankreich publizierte Simmel seine zentralen soziologischen Arbeiten Über sociale Differenzierung (1890, GSG 2: 109-296) und Das Problem der Sociologie (1894, GSG 5: 52-61). Beide Schriften wurden nach Überarbeitung 1908b in das Opus magnum Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung (die sogenannte ›Große Soziologie‹) aufgenommen (GSG 11). In diesem Buch stellte Simmel seine Konzeption der Formalen Soziologie dar. Integriert wurden in das Buch eine Reihe weiterer, zwischen 1901 und 1908 veröffentlichte soziologische Aufsätze. Die neun Jahre später publizierten Grundfragen der Soziologie (›Kleine Soziologie‹, 1917b, in GSG 16: 59-150) griffen die frühere soziologische Ausrichtung auf die Untersuchung der Vergesellschaftungsformen auf. In dieser Monografie entwarf Simmel – wiederum in Anlehnung an Kants Wissenschaftstheorie – das Programm einer Allgemeinen, einer Reinen bzw. Formalen und einer Philosophischen Soziologie und veranschaulichte es an Beispielen.
Wie sehr Simmel um 1900 auf die Soziologie setzte, spiegelt sich nicht nur in der Vielzahl seiner soziologischen Veröffentlichungen wider. Er hatte zudem persönlichen Anteil an der institutionellen Etablierung und Professionalisierung der damals noch jungen Wissenschaftsdisziplin. So engagierte er sich in besonderer Weise bei der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im Jahr 1909, für die er Max Weber, Ferdinand Tönnies und Werner Sombart gewann. Zudem war Simmel Mitherausgeber und Autor des American Journal of Sociology, veröffentlichte in dem von Durkheim gegründeten L’Année Sociologique und war Mitglied des von René Worms gegründeten Institut International de Sociologie. Er war daran beteiligt, dass ein soziologisches Publikationsorgan in Deutschland erschien, die Zeitschrift für Soziologie.
Um die Jahrhundertwende veröffentlichte Simmel seine beiden wohl bekanntesten Analysen der kulturellen Moderne. Zum einen die Philosophie des Geldes (1900, in GSG 6), in der die Frage behandelt wird, wie es zum weltumspannenden Geldverkehr kommen konnte und welche Folgen sich daraus für die Lebensweise der Individuen ergeben. Zum anderen der Aufsatz Die Großstädte und das Geistesleben (1903a, in GSG 7: 116-131), ein Sozialpsychogramm der Bewohnerinnen und Bewohner urbaner Lebensräume. Wichtige Werke aus den beiden letzten Lebensjahrzehnten sind Philosophische Kultur (1911a, in GSG 14: 159-459); Hauptprobleme der Philosophie (1910, in GSG 14: 7-158); Das individuelle Gesetz (1913a, in GSG 12: 417-470) sowie seine letzte Monografie Lebensanschauung (1918, in GSG 16: 209-425).
Der Geschichtsphilosophie verlieh Simmel neue Impulse mit seinen Überlegungen zum Charakter der historischen Gesetzmäßigkeiten, zum verstehenden Erkennen und zur idealtypischen Begriffsbildung. Die Kunstphilosophie bereicherte
