Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper - James Fenimore Cooper - E-Book

Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper E-Book

James Fenimore Cooper

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Beschreibung

In den "Gesammelten Werken von James Fenimore Cooper" entfaltet sich ein vielschichtiges Panorama der amerikanischen Literatur des frühen 19. Jahrhunderts. Cooper, ein Pionier des historischen Romans und des Abenteuergenres, fängt in seinen Erzählungen die Wildnis Amerikas ein und beleuchtet die Interaktion zwischen Kultur und Natur. Seine Werke wie "Der letzte Mohikaner" und "Die Prairie" sind nicht nur spannende Geschichten, sondern auch tiefgreifende Reflexionen über Identität, Kolonialismus und die amerikanische Mythologie. Coopers prägnanter Stil und seine Fähigkeit, lebendige Charaktere zu schaffen, tragen dazu bei, dass seine Erzählungen über die Zeit hinaus relevant bleiben. James Fenimore Cooper wurde 1789 in New Jersey geboren und gilt als einer der ersten romanhaften Autoren Amerikas. Mit einem Hintergrund in der Seefahrt und dem Leben in der Natur gründete er seine literarische Karriere im Kontext der erstellten nationalen Identität der Vereinigten Staaten. Coopers Erfahrungen in der Grenzregion und seine Beobachtungen zu den Beziehungen zwischen Siedlern und indigenen Völkern prägten seine Sichtweise und bildeten die Grundlage für viele seiner Werke, die sowohl kritische als auch romantische Komponenten enthalten. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der sich für die Entwicklung der amerikanischen Literatur und das Verständnis der kulturellen Konflikte im frühen 19. Jahrhundert interessiert. Coopers Geschichten sind nicht nur unterhaltsam, sondern eröffnen auch einen wertvollen Einblick in die Geschichte und die sozialen Dynamiken Amerikas. Lassen Sie sich von Coopers meisterhaftem Erzählen mitreißen und entdecken Sie die Wurzeln der amerikanischen Literatur. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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James Fenimore Cooper

Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper

Bereicherte Ausgabe. Der Pfadfinder + Ravensnest + Die Monikins + Der Spion + Der Bravo + Satanstoe…
Einführung, Studien und Kommentare von Michael Krause
EAN 8596547757979
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Werksammlung führt in das weit gespannte erzählerische Universum von James Fenimore Cooper ein. Unter dem Titel „Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper“ versammelt sie zentrale Texte, die seine literarische Prägung des amerikanischen Romans sichtbar machen: Grenz- und Seegeschichten, historische Erzählungen, politische Romane, Satire und eine Reiseschrift. Ziel dieser Zusammenstellung ist es, die Vielfalt von Schauplätzen, Tonlagen und Perspektiven in einem Band zu bündeln und zugleich die inneren Verbindungen zwischen den Werken erkennbar zu machen. Leserinnen und Leser finden hier einen kompakten Zugang zu Coopers Hauptthemen und zu jenen Stoffen, mit denen er Weltliteratur geprägt hat.

Im Umfang handelt es sich überwiegend um Romane, ergänzt um ein Reisetagebuch beziehungsweise eine gesellschaftskritische Reiseschilderung. Damit spannt die Sammlung einen Bogen von Abenteuer- und Grenztexten über historische und politische Fiktionen bis hin zu satirischen und dokumentarischen Formen. Dramen, Gedichte oder Briefwechsel sind hier nicht enthalten. Stattdessen steht die erzählerische Prosa im Vordergrund: weiträumige Romanzyklen, Familienchroniken, Seegeschichten sowie ein nonfiktionaler Band. Diese Komposition erlaubt es, die wichtigsten Gattungen, in denen Cooper maßgebliche Beiträge geleistet hat, im direkten Vergleich zu lesen und ihre unterschiedlichen Erzählhaltungen als zusammengehörige Facetten zu entdecken.

Ein Schwerpunkt der Sammlung liegt auf den sogenannten Lederstrumpf-Erzählungen. Mit Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna, Der Wildtöter, Der letzte Mohikaner, Der Pfadfinder und Die Steppe oder die Prärie sind zentrale Romane jenes Zyklus vertreten, der die Grenze zwischen Wildnis und Siedlung zum literarischen Schauplatz macht. Diese Bücher erkunden die Entstehung einer Gesellschaft im Spannungsfeld von Naturraum, kolonialer Expansion und individuellen Gewissensentscheidungen. Ohne den Verlauf ihrer Handlung vorwegzunehmen, lässt sich sagen: Sie eröffnen weite Landschaften, stellen Grundfragen von Recht, Zugehörigkeit und Verantwortung und geben der amerikanischen Grenzerfahrung eine dauerhafte Erzählgestalt.

Neben den Grenzromanen zeigt die Sammlung Coopers maritime Seite. Der rote Freibeuter und Die Wassernixe oder der Streicher durch die Meere führen auf bewegte See, in Häfen, auf Decks und in die Schattenräume maritimer Macht. Hier verbindet sich Abenteuerlust mit präziser Kenntnis von Seemannschaft und Schifffahrt. In diesen Romanen lotet Cooper Freiheit und Autorität, Loyalität und Wagnis aus, indem er Schiffe als soziale Mikrokosmen entwirft. Das Meer wird zur Bühne für Entscheidungsmomente, auf der Menschen vor Wind, Wetter und Gesetz bestehen müssen – und auf der die Frage nach der Ordnung der Welt in dramatischen Situationen ans Licht tritt.

Politische und transatlantische Perspektiven ergänzen die Grenz- und Seeerzählungen. Der Bravo richtet den Blick nach Europa und verhandelt Fragen von Macht, Verantwortung und Gerechtigkeit vor historischer Kulisse. Mit England tritt eine nichtfiktionale Stimme hinzu: eine Reiseschilderung, die Beobachtungen, Gesellschaftsbilder und Reflexionen bündelt. Zusammengenommen eröffnen diese Werke einen Dialog zwischen amerikanischer und europäischer Erfahrung. Sie zeigen Cooper als Autor, der nicht nur Landschaften, sondern auch Institutionen und Gewohnheiten betrachtet und daraus Formen des Erzählens entwickelt, in denen politische Ideen, Alltagsbeobachtung und literarische Gestaltung miteinander ins Gespräch treten.

Mit Satanstoe, oder die Familie Littlepage, Der Kettenträger oder die Handschriften der Familie Littlepage und Ravensnest oder die Rothhäute steht ein ganzer Familienzyklus im Zentrum. Diese Romane werden durch die Fiktion von aufgefundenen Handschriften zusammengehalten und verfolgen Themen wie Landbesitz, Rechtstitel, Siedlungsgrenzen und Generationenfolgen. Dabei beleuchten sie Konflikte zwischen individuellen Ansprüchen und gemeinschaftlichen Ordnungen. Zugleich zeigen sie, wie Erzählung Erinnerung formt und wie sich gesellschaftliche Debatten in private Lebensläufe einschreiben. Die Darstellungen indigener Völker spiegeln den historischen Blick ihrer Entstehungszeit und sollten aus heutiger Perspektive kritisch gelesen werden.

Historische Umbruchmomente bilden in mehreren Texten die Ausgangslage. Der Spion führt in das Umfeld des Unabhängigkeitskriegs und beleuchtet Loyalitäten, Täuschungen und die prekäre Logik verdeckter Operationen. Die Grenzbewohner oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish verlegt die Handlung in die frühe Kolonialzeit Neuenglands und thematisiert Erinnerung, Gemeinschaft und die Folgen von Grenzkonflikten. Beide Werke zeigen, wie Cooper historische Hintergründe als Resonanzraum für persönliche Entscheidungen nutzt. Ohne den Fortgang der Geschichten preiszugeben, lässt sich sagen: Geschichte ist bei Cooper nie bloße Kulisse, sondern treibende Kraft von Handlung, Konflikt und Charakter.

Die Monikins erweitert das Spektrum um eine satirische, allegorische Form. Der Roman wählt die Distanz einer fabelhaften Welt, um gesellschaftliche und politische Verhältnisse zu spiegeln. Indem Cooper Normen verfremdet, macht er Muster des Handelns sichtbar, die in realistischer Darstellung leicht übersehen würden. Das Ergebnis ist ein Experimentierfeld des Erzählens, das Humor, Überzeichnung und gedankliche Schärfe verbindet. So ergänzt die Satire die realistischeren Grenz- und Seeerzählungen um eine andere Art der Wahrnehmung: Kritik durch Spiegelung, Erkenntnis durch Umweg, Unterhaltung als Mittel, komplexe Ideen anschaulich zu machen.

Stilistisch zeichnen sich Coopers Romane durch weiträumige Landschafts- und Milieuschilderungen, klare räumliche Orientierung und ein Gespür für technische und soziale Details aus. Ob auf Waldpfaden oder an Bord – Terminologie, Topografie und Handlung greifen ineinander. Ruhevolle Betrachtungen wechseln mit abrupten Bewegungen, in denen Entscheidungen fallen. Dialoge strukturieren Konflikte, während erzählerische Kommentare Wertefragen offenlegen. Diese Mischung erzeugt eine Spannung zwischen kontemplativem Blick und dramatischem Fortgang. Die Sprache bleibt dabei zugänglich, auch wenn sie das Vokabular spezialisierter Lebenswelten aufnimmt und daraus eine poetische, zugleich sachkundige Erzähloberfläche bildet.

Erzähltechnisch nutzt Cooper häufig Rahmungen, Rückblicke und die Fiktion von Quellen. Besonders in den Littlepage-Romanen dient das Prinzip der „Handschrift“ als ordnendes Motiv, das Erinnerung, Besitz und Legitimität verschränkt. Auch in anderen Werken verbinden sich persönliche Zeugnisse mit übergreifenden Deutungen, sodass individuelle Schicksale und größere historische Linien ineinander greifen. Wiederkehrende Motive – Grenzübergänge, Prüfungen, Geländekenntnis, Seemannskunst – stiften Zusammenhalt über Schauplätze hinweg. So entsteht ein Netz aus Resonanzen, das die eigenständigen Bücher miteinander verknüpft, ohne ihre erzählerische Autonomie einzuschränken.

Die anhaltende Bedeutung dieser Werke liegt in ihrer dichten Verbindung von Stoff, Raum und Idee. Cooper hat Muster des amerikanischen Romans geprägt, die bis in Abenteuer-, See- und Grenzliteratur fortwirken. Zugleich fordert sein Werk heutige Lektüren heraus: Es eröffnet eindrucksvolle imaginative Räume und enthält Sichtweisen, die kritisch geprüft werden sollten. Beides gehört zusammen. Wer diese Texte liest, begegnet sowohl einer formenden Kraft der Literaturgeschichte als auch einem Archiv historischer Vorstellungswelten. Ihre Vitalität verdankt sich dem Mut, große Fragen – Freiheit und Ordnung, Recht und Gewissen – in erzählerische Bilder zu fassen.

Der Zweck dieser Sammlung ist Orientierung und Vertiefung zugleich. Indem zentrale Romane – von Der Wildtöter bis Der Pfadfinder, von Der rote Freibeuter bis Der Bravo – und mit England eine Reiseschrift zusammengeführt sind, wird Coopers Bandbreite anschaulich. Die Reihenfolge erschließt thematische Linien, ohne die Eigenlogik der einzelnen Bücher vorwegzunehmen. So lässt sich das Werk aus verschiedenen Einstiegen lesen: über die Grenzerzählungen, die Seestücke, die Familienchronik oder die historische Perspektive. Der Band lädt dazu ein, Wege zu vergleichen, Motive wiederzuerkennen und Unterschiede zu schärfen – eine Annäherung, die Vielfalt als Zusammenhang sichtbar macht.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

James Fenimore Cooper (1789–1851) gilt als einer der prägenden Erzähler der frühen US-amerikanischen Romantik. Mit historischen und Abenteuerromanen über Grenzraum und See begründete er maßgeblich die nationale Erzähltradition des 19. Jahrhunderts. Seine Bücher verbinden erzählerische Spannung mit Landschaftsbeschreibungen und moralischen Fragen, die aus der Begegnung von Siedlern, indigenen Gemeinschaften und kolonialen Erben erwachsen. Werke wie Der letzte Mohikaner, Der Pfadfinder oder Der Wildtöter formten ein dauerhaftes Bild des nordamerikanischen Frontiers. Zugleich erreichte Cooper früh internationale Leserschaft und prägte europäische Vorstellungen von Natur, Freiheit und republikanischer Gesellschaft. Sein Stil verbindet erzählerische Ökonomie mit epischer Weite und einem Sinn für rechtliche und politische Konflikte.

Aufgewachsen in der jungen Siedlungslandschaft um den Otsego-See prägten ihn frühe Eindrücke von Wald, Wildnis und den Umbrüchen der amerikanischen Expansion. Er besuchte kurz das Yale College und trat anschließend in den Seedienst ein; praktische Erfahrungen an Bord und eine Ausbildung als Midshipman gaben seinen späteren Seeerzählungen fundierte Anschaulichkeit. Literarisch orientierte er sich an der europäischen Romantik, besonders an den historischen Romanen Walter Scotts, zugleich an aufklärerischen Debatten über Recht, Souveränität und Eigentum. Längere Aufenthalte in Europa vertieften diesen Horizont und führten zu Reisestudien, die Beobachtung, Kritik und Selbstverständigung über die junge Republik verbanden.

Seinen literarischen Durchbruch erzielte Cooper mit Der Spion, einem spannungsreichen Revolutionsroman, der Fragen von Loyalität, Täuschung und bürgerlicher Tapferkeit verhandelt. In den frühen 1820er Jahren wandte er sich stärker dem Grenzraum zu: Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna verknüpft detailreiche Naturbeobachtung mit sozialen Konflikten in einer jungen Gemeinde am See. Die Grenzbewohner oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish erweitert die historische Perspektive auf frühkoloniale Siedlungen und religiöse Prägungen. Diese Werke etablierten sein Profil als Autor, der Unterhaltung mit geschichtlicher Imagination und institutionellen Fragen verknüpft und ein vielschichtiges Panorama der amerikanischen Erfahrung entwirft.

Mit dem Zyklus um den Grenzer Natty Bumppo, oft als Lederstrumpf bezeichnet, gelang Cooper sein dauerhaft prägendes Werk. Die fünf Romane Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna, Der letzte Mohikaner, Die Steppe oder die Prärie, Der Pfadfinder und Der Wildtöter entfalten verschiedene Lebensphasen eines Jägers zwischen Siedlungsdruck, Naturideal und interkulturellen Begegnungen. Sie verbinden Jagd- und Reiseabenteuer mit Reflexionen über Gesetz, Eigentum und Verantwortung gegenüber der Landschaft. Besonders Der letzte Mohikaner gewann internationale Resonanz und prägte Vorstellungen von Loyalität, Tragik und heroischer Zurückhaltung, ohne die Ambivalenzen von Gewalt, Vertreibung und politischer Instrumentalisierung zu verdecken.

Aus seiner Seefahrtserfahrung erwuchsen maritime Romane, die Bewegung, Technik und Seemannschaft erzählerisch verdichten. Der rote Freibeuter verknüpft riskante Manöver mit Fragen der Rechtmäßigkeit auf hoher See, während Die Wassernixe oder der Streicher durch die Meere die Wechselspiele von Schmuggel, Verfolgung und politischer Zugehörigkeit auslotet. In Der Bravo verlegt Cooper seine Reflexionen über Freiheit, Institutionen und öffentliche Meinung in ein venezianisches Setting. Die Reise- und Beobachtungsschrift England zeigt ihn als genauen Kommentator europäischer Gesellschaften. Zusammen demonstrieren diese Texte sein Bestreben, Abenteuerformen mit politischer Diagnose, Kulturvergleich und einem Sinn für maritime Realität zu verbinden.

Spätere Romane vertieften Coopers gesellschaftliche Diagnosen. In Satanstoe, oder die Familie Littlepage, Der Kettenträger oder die Handschriften der Familie Littlepage und Ravensnest oder die Rothhäute entfaltet er eine Familienchronik um Landbesitz, Siedlungsrecht und Generationenkonflikte im Staat New York. Die Monikins wählt eine satirische Fabel, um politische Manierismen, Moden der Öffentlichkeit und moralische Inkonsistenzen zu beleuchten. Diese Werke zeigen einen Autor, der bürgerliche Freiheiten gegen populistische Verzerrungen verteidigt und zugleich die Ambivalenzen von Eigentum, Gewalt und Repräsentation sichtbar macht. Zeitgenössische Reaktionen schwankten zwischen Bewunderung und scharfer Kritik, doch die erzählerische Konsequenz blieb unübersehbar.

In seinen späteren Jahren schrieb Cooper weiterhin kontinuierlich, verteidigte seine Positionen in öffentlichen Debatten und beobachtete aufmerksam die politischen Spannungen einer sich rapide wandelnden Gesellschaft. Er blieb eng mit Landschaften des Nordostens verbunden und verfeinerte sein Bild des Frontiers und der See bis zu seinem Tod 1851. Sein Vermächtnis liegt in der Verbindung von Abenteuer, Rechtsbewusstsein und Naturpoetik, die den amerikanischen Roman international anschlussfähig machte. Die in dieser Sammlung versammelten Titel belegen die Breite seines Werks; sie werden heute wegen ihrer stilistischen Energie, ihrer Themenvielfalt und ihres Beitrags zu einem transatlantischen Literaturgespräch weiterhin gelesen und untersucht.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

James Fenimore Cooper (1789–1851) schrieb zwischen der jungen amerikanischen Republik und der Vormoderne. Die in dieser Sammlung vertretenen Romane spannen Epochen vom puritanischen Neuengland des 17. Jahrhunderts über den Unabhängigkeitskrieg bis zur frontier im frühen 19. Jahrhundert sowie das atlantische und europäische Umfeld. Sie reagieren auf die Suche der Vereinigten Staaten nach kultureller Eigenständigkeit und einem historischen Gedächtnis. Zugleich zeigen sie, wie technische, rechtliche und wirtschaftliche Veränderungen – von Vermessung und Kanälen bis zum expandierenden Buchmarkt – Erzählräume öffnen. Coopers Werke verbinden romantische Geschichtsdarstellung mit zeitgenössischen Debatten über Staatlichkeit, Eigentum, Seefahrt, Grenzkonflikte und die Rolle indigener Nationen.

Nach 1815 erstarkte in den USA ein kultureller Nationalismus, der literarisch oft in der historischen Romance nach dem Vorbild Sir Walter Scotts Ausdruck fand. Coopers früher Erfolg Der Spion verarbeitete die Erinnerung an den Unabhängigkeitskrieg und lenkte das öffentliche Interesse auf Grenzräume, Loyalitäten und Geheimdiensttätigkeit. Dieses Bedürfnis nach nationaler Mythopoetik fiel in eine Epoche politischer Konsolidierung, wirtschaftlicher Expansion und territorialer Sicherung. Reformen in Bildung, Bibliotheken und Lesekultur erweiterten zugleich das Lesepublikum. In dieser Konstellation wurden Romane als Vehikel populärer Geschichtsbilder verstanden, die Ereignisse ordneten und über Tugend, Pflicht und Bürgersinn reflektierten.

Prägend für Coopers Bild der Nation sind die Leatherstocking-Erzählungen, in dieser Sammlung durch Der Wildtöter, Der letzte Mohikaner, Der Pfadfinder, Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna und Die Steppe oder die Prärie vertreten. Sie kartieren ein Grenzgebiet, das sich vom dicht bewaldeten Nordosten über die Seenregion bis in die Ebenen verschiebt. Leitmotive sind der Konflikt zwischen Siedlungsdrang und Naturschutz, die Spannung von Gesetz und persönlicher Ehre sowie die Erfahrung kultureller Vielsprachigkeit. Chronologisch verfolgen sie die Transformation vom Kolonialkrieg bis zur frühen Republik und zeichnen eine moralische Topografie der amerikanischen Expansion.

Coopers Darstellung indigener Figuren und Gemeinschaften stand im Spannungsfeld seiner Zeit. Seine Texte entstanden in einer Epoche intensiver Verträge, Missionstätigkeit, erzwungener Umsiedlungen und juristischer Auseinandersetzungen um Souveränität. Der Indian Removal Act von 1830 bildet einen zeitgeschichtlichen Hintergrund, vor dem Sympathiebekundungen, Stereotype und romantische Idealisierungen ineinander greifen. Rezeption und Forschung haben darauf hingewiesen, dass seine Romane sowohl Mitgefühl ausstellen als auch koloniale Hierarchien affirmieren. Die Spannung zwischen literarischer Empathie und historischen Machtverhältnissen prägt die Lektüre dieser Sammlung bis heute.

Mehrere der hier versammelten Romane verorten sich im Siebenjährigen Krieg in Nordamerika, insbesondere an den Großen Seen und entlang der nördlichen Handelswege. Der letzte Mohikaner und Der Pfadfinder binden ihre Handlungen an Belagerungen, Bündnisse und Grenzmilizen, wie sie für den französisch-britischen Konflikt charakteristisch waren. Diese Kulisse macht die Interdependenz indigener Diplomatie, europäischen Militärs und kolonialer Ökonomie sichtbar. Die Figur des Kundschafters dient als Mittler zwischen Lagern, Sprachen und Rechtssystemen und zeigt die Ambivalenz einer Ordnung, die zugleich auf Kooperation und Verdrängung gründet.

Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna spiegelt den Übergang von Jagd- und Holzökonomien zu marktorientierter Landwirtschaft und Ressourcennutzung im aufstrebenden Bundesstaat New York. Der Bau des Eriekanals (eröffnet 1825) veränderte Märkte, Siedlungsdichte und Landschaftsrhythmen, begünstigte Spekulation und beschleunigte Urbanisierung. Cooper inszeniert Konflikte um Wildernis und Ordnung, Gemeinwohl und private Ausbeute, die als frühe Umweltdebatten lesbar sind. Die Auseinandersetzung zwischen althergebrachten Praktiken und neuen rechtlichen Regimen illustriert, wie die Republik ihr Verhältnis zu Eigentum, Infrastruktur und öffentlichen Gütern aushandelte.

Die Steppe oder die Prärie verlagert den Fokus westwärts in eine Region, die nach dem Louisiana Purchase von 1803 politisch und imaginär neu vermessen wurde. Mobilität – von Planwagenkolonnen bis zu Pelzjägern – prägt dort die Sozialstruktur. Das Werk zeigt, wie Wissen über Terrain, Wetter und Tiere militärische und wirtschaftliche Strategien bestimmt. Zugleich reflektiert es die Idee der verschwindenden frontier: Die Ausdehnung der Siedlungszone, die Umgestaltung indigener Lebensräume und die Einbindung der Ebenen in transkontinentale Handelsketten markieren einen Einschnitt in der nordamerikanischen Umwelt- und Kulturgeschichte.

Die Grenzbewohner oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish führt in das puritanische Neuengland des 17. Jahrhunderts. Die Gesellschaftsordnung war von kirchlicher Disziplin, dörflicher Selbstverwaltung und einer strengen, schriftlich fixierten Rechtskultur geprägt. Vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Kolonisten und indigenen Völkern, wie sie im sogenannten King Philip’s War der 1670er Jahre eskalierten, untersucht Cooper familiäre Loyalitäten, Grenzängste und die religiöse Deutung von Gewalt. Das Werk dient als historische Tiefenschicht der Sammlung und kontrastiert die spätere republikanische Ideologie mit älteren kolonialen Weltbildern.

Coopers Seeromane verdanken viel seiner eigenen Marineerfahrung und der maritimen Bedeutung der jungen Nation. Seit dem späten 18. Jahrhundert wuchsen Handel und Schifffahrt, beschleunigt durch Konflikte und Blockaden bis zum Krieg von 1812. Der rote Freibeuter und Die Wassernixe oder der Streicher durch die Meere nehmen nautische Technik, Schiffsdisziplin und Seegewohnheitsrecht in den Blick. Sie verarbeiten die internationale Dimension des amerikanischen Aufstiegs: Häfen als Knotenpunkte von Migration und Kapital, Küstengewässer als Räume konkurrierender Flaggen und Jurisdiktionen. So werden die Weltmeere zu Bühnen nationaler Selbstbehauptung und moralischer Prüfungen.

Piraterie, Kaperkrieg und Schmuggel bildeten im 18. Jahrhundert eine Grauzone zwischen illegalem Profit und staatlich genehmigter Gewalt. Britische Navigationsakte, Kolonialzölle und wechselnde Bündnislagen erzeugten ökonomische Anreize für Umgehungsstrategien. Die Wassernixe verhandelt die Ambivalenz einer Küstenordnung, in der Autorität und Eigeninitiative kollidieren, während Der rote Freibeuter das schillernde Image des Kaperers in den transatlantischen Verkehr einspeist. Diese Erzählungen situieren amerikanische Handelspolitik im größeren Rahmen imperialer Regulierungen und zeigen, wie Seerecht und Moralvorstellungen auf offener See gegeneinander abgewogen werden.

Cooper lebte mehrere Jahre in Europa (späte 1820er bis frühe 1830er) und schrieb in dieser Zeit politische Romane mit kontinentalen Schauplätzen. Der Bravo, in der Republik Venedig angesiedelt, kritisiert oligarchische Strukturen und die Masken legaler Autorität im Zeichen der Restauration nach den napoleonischen Kriegen. Das Werk reagiert auf zeitgenössische Debatten über Legitimität, Volkssouveränität und Polizeistaatlichkeit, wie sie auf dem europäischen Kontinent intensiv geführt wurden. Zugleich spiegelt es Coopers transatlantische Perspektive: Der Vergleich zwischen alter Ordnung und amerikanischem Republikanismus schärft die Frage, wie Freiheit institutionell gesichert werden kann.

Satanstoe, Der Kettenträger oder die Handschriften der Familie Littlepage und Ravensnest oder die Rothhäute bilden eine Generationenabfolge um eine Gutsbesitzerfamilie im Staat New York. Sie verfolgen Besitzgründungen vom kolonialen 18. Jahrhundert bis in die Umbruchszeit der 1840er Jahre. Die Trilogie reagiert unmittelbar auf den Anti-Rent-Konflikt, eine Massenbewegung gegen das erbpachtähnliche Patronatssystem, die in den 1830er und 1840er Jahren politische und juristische Auseinandersetzungen auslöste. Cooper positionierte sich deutlich in Fragen von Eigentum, Legitimität und Volksjustiz und machte literarisch sichtbar, wie Landrecht, Gewalt und Öffentlichkeit miteinander rangen.

Die Figur des Kettenträgers verweist auf die Technikgeschichte des Vermessens: Ketten, Theodolite und Karten übersetzten Wälder in Parzellen, Linien in Eigentumstitel. Der Kettenträger thematisiert, wie Vermessung Rechtssicherheit versprach und zugleich Konflikte schuf – zwischen Alteigentum, Siedlern, Pachtbauern und indigenen Ansprüchen. Die Ausdehnung von Infrastruktur und Märkten erhöhte den Druck auf Allmenden, Wege und Jagdrechte. So werden geodätische Praktiken zu moralischen Prüfsteinen einer demokratischen Gesellschaft, die ihre Territorien in Papiere, Register und gerichtliche Verfahren überführt und dabei soziale Loyalitäten neu ordnet.

Der Spion verortet den Unabhängigkeitskrieg in Westchester County, einer Zone wechselnder Frontverläufe und provisorischer Herrschaft. Geheimdienst, Loyalitätswechsel und informelle Gewalt gehörten dort zur Alltagsrealität. Das Werk erschien früh in einer Phase, in der die junge Nation ihre Revolutionsgeschichte popularisierte – in Memoiren, Gedenkfeiern und Denkmälern. Indem der Roman die Grauzonen des Krieges betont, ergänzt er heroische Erzählungen um eine Kultur der Vorsicht, Improvisation und lokalen Netzwerke. Damit prägt er das Verständnis einer Revolution, die nicht nur aus Schlachtfeldern, sondern auch aus unsicheren Informationsräumen bestand.

Die Monikins, eine satirische Allegorie, spiegelt die politisch aufgeladene Rhetorik der 1830er Jahre: Parteikämpfe, Reformbewegungen, Spekulationszyklen und Debatten über institutionelle Kompetenz. In der Tradition der Reisesatire nutzt Cooper Verfremdung, um Konventionen, Moden und die Logik des politischen Theaters vorzuführen. Solche Texte verweisen auf die Internationalität öffentlicher Diskurse: London, Paris und New York bildeten ein Resonanzdreieck, in dem Presse, Clubs und Salons Ideen zirkulieren ließen. Die Satire beleuchtet damit die Distanz zwischen republikanischem Ideal und alltäglicher Praxis, ohne sich auf einen einzelnen Schauplatz festzulegen.

England, ein Reisetext aus der Reihe seiner europäischen Beobachtungen, vergleicht gesellschaftliche Ordnungen beiderseits des Atlantiks. In den 1830er Jahren standen in Großbritannien Reformen, Industrialisierung und der Ausbau der Presse im Zentrum. Cooper kommentierte Hierarchien, Landrechte, Kirchenverfassung und Medienkultur und reflektierte damit implizit amerikanische Selbstbilder. Seine eigenen Auseinandersetzungen mit Verlegern und Zeitungen – in den USA führte er mehrere Verleumdungsklagen – sensibilisierten ihn für Fragen von Öffentlichkeit, Urheberrecht und Reputation. Der Text illustriert, wie Reiseliteratur als politisches Argument und als Spiegel nationaler Empfindlichkeiten fungieren konnte.

Die internationale Verbreitung von Coopers Romanen profitierte von Übersetzungen, Leihbibliotheken und dem Dampfdruck im Verlagswesen. In Deutschland und Frankreich wurden seine Werke früh rezipiert und als amerikanische Antwort auf die europäische Romantik gelesen. Die Abwesenheit eines internationalen Urheberrechts begünstigte Nachdrucke und erweiterte, bei ökonomischen Nachteilen für den Autor, seine Reichweite. Spätere Kritik – darunter Mark Twains satirischer Angriff auf Coopers Stil im späten 19. Jahrhundert – relativierte den Kanonstatus, ohne die kulturhistorische Bedeutung zu mindern. Forschung und Unterricht nutzen seine Texte weiterhin, um Nationenbildung, Umweltbilder und Grenzmythen zu untersuchen.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Lederstrumpf-Erzählungen (Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna; Der letzte Mohikaner; Die Steppe oder die Prärie; Der Pfadfinder; Der Wildtöter)

Die lose verbundene Saga um den Waldläufer Natty Bumppo folgt Siedlern, Soldaten und indigenen Völkern an der nordamerikanischen Grenze zwischen Wald, Flüssen und offenen Ebenen. Im Wechsel von Jagd, Verfolgung und Belagerungsszenen prallen Loyalitäten, Ehrenkodizes und Überlebensregeln aufeinander, während die Ausbreitung der Zivilisation die Wildnis unwiderruflich verändert. Der Ton verbindet Abenteuer- und Naturbeschreibung mit nachdenklichen Passagen über Recht, Gerechtigkeit und das Ende einer Lebensform.

Littlepage-Manuskripte (Satanstoe, oder die Familie Littlepage; Der Kettenträger oder die Handschriften der Familie Littlepage; Ravensnest oder die Rothhäute)

Die Familienchronik der Littlepages verknüpft persönliche Erinnerungen mit Besitz- und Erbrechtskonflikten im Staat New York vom Kolonialzeitalter bis zur frühen Republik. Zwischen Grenzerfahrung, Grundbesitzstreit und gesellschaftlicher Umwälzung werden Loyalität, Identität und die Verantwortung der Eliten verhandelt. Der Ton ist reflektierend und gelegentlich polemisch, mit detailreichen Schilderungen von Alltagsleben und Rechtsgepflogenheiten.

Seeromane (Der rote Freibeuter; Die Wassernixe oder der Streicher durch die Meere)

Auf See entfaltet Cooper Jagd- und Fluchtgeschichten um Freibeuter, Schmuggler und wagemutige Kapitäne, in denen Navigationskunst, Wetter und Täuschungsmanöver das Geschehen bestimmen. Moralische Grauzonen – zwischen Gesetz, Ruhm und persönlicher Loyalität – treiben die Figuren an. Der Ton ist straff und technisch informiert, mit romantischer Aura von Küstenlandschaften und Seemannssagen.

Europäische Schauplätze und Gesellschaftskritik (Der Bravo; England)

In Der Bravo zeichnet Cooper ein düsteres Venedig, in dem Macht, Überwachung und standesgebundene Privilegien das Leben bestimmen und individuelle Freiheit unter Druck gerät. England bietet essayistische Beobachtungen zu Gesellschaft und Institutionen auf der anderen Seite des Atlantiks, häufig im Spiegel amerikanischer Erfahrungen. Der Fokus liegt auf politischer Moral und öffentlicher Ordnung, mit deutlicher, teils streitbarer Wertung.

Historische Amerika-Romane jenseits der Lederstrumpf-Saga (Der Spion; Die Grenzbewohner oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish)

Der Spion schildert das Ringen um Information und Loyalität während des Unabhängigkeitskriegs, wobei Misstrauen, Tarnung und Charakterprüfung die Spannung tragen. Die Grenzbewohner/Wish-Ton-Wish blickt auf Puritanerzeit und Grenzkonflikte in Neuengland, wo familiäre Bindungen und religiöse Strenge mit Gewalt und Verlust kollidieren. Der Ton schwankt zwischen patriotischer Ernsthaftigkeit und tragischer Nüchternheit.

Satire und Fabel (Die Monikins)

Eine fantastische Reise führt in eine von Affen bewohnte Gesellschaft, in der Gesetze, Diplomatie und Sitten die Absurditäten menschlicher Politik spiegeln. Die Handlung nutzt überdrehten Einfall und Reisesatire, um Logikverdrehungen und Moden der Zeit bloßzustellen. Der Ton ist verspielt-ironisch und experimentell.

Wiederkehrende Themen und Stil

Immer wieder kontrastiert Cooper Wildnis und Ordnung, persönliche Ehre und staatliche Autorität sowie Tradition und gesellschaftlichen Wandel. Konflikte an der Grenze – geografisch, rechtlich, kulturell – dienen als Prüfstein für Charakter und Gemeinschaft.

Stilistisch verbindet er detailreiche Orts- und Technikkenntnis (Waldlauf, Seefahrt, Recht) mit dialoggetragenen Moraldebatten und dramatischen Verfolgungen. Seine transatlantische Perspektive erweitert den Blick von der amerikanischen Grenzgeschichte zu Fragen europäischer Politik und Sitten.

Gesammelte Werke von James Fenimore Cooper

Hauptinhaltsverzeichnis
Romane:
Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna
Die Steppe oder die Prärie
Der rote Freibeuter
Satanstoe, oder die Familie Littlepage
Die Wassernixe oder der Streicher durch die Meere
Der letzte Mohikaner
Der Bravo
Der Pfadfinder
Die Grenzbewohner oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish
Der Wildtöter
Die Monikins
Ravensnest oder die Rothhäute
Der Spion
Der Kettenträger oder die Handschriften der Familie Littlepage
Reiseberichte:
England

Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna

Inhaltsverzeichnis

Vorrede Coopers zur Ausgabe von 1832
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV.
XXVI
XXVII
XXVIII
XXIX
XXX
XXXI
XXXII
XXXIII
XXXIV
XXXV
XXXVI
XXXVII
XXXVII
XXXIX
XL
XLI

Vorrede Coopers zur Ausgabe von 1832

Inhaltsverzeichnis

Da sich diese Schrift bereits auf dem Titelblatt als ein Zeitgemälde ankündigt, so wird es denen, welche sich die Mühe nehmen, sie zu lesen, nicht unwillkommen sein zu erfahren, was von ihrem Inhalt buchstäbliche Wahrheit, und was Zutat des darstellenden Dichters ist. Der Verfasser fühlt wohl, daß er ein weit besseres Buch hätte zustande bringen können, wenn er sich ausschließlich auf die letztere beschränkt hätte, da das freie Walten der Phantasie immer die lebhaftesten Eindrücke hervorbringt Aber bei der Schilderung von Szenen und vielleicht auch von Charakteren, die ihm in seiner Jugend vertraut geworden waren, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, lieber das zu zeichnen, was er selbst gesehen hatte, als das, was nur der Einbildungskraft entsprungen wäre. Dieses strenge Festhalten an der Wahrheit, so unerläßlich es auch für die Geschichte und für Reisebeschreibungen ist, zerstört den Zauber der Poesie; denn was dem Geiste durch die letztere vorgeführt werden soll, nimmt sich weit besser in Entwicklung von Grundsätzen und typischen Charakteren aus, als in einem allzu ängstlichen Haften an wirklichen Vorbildern.

Da Neuyork nureinenBezirk Otsego und der Susquehanna nureineeigentliche Quelle hat, so kann hinsichtlich des Schauplatzes dieser Erzählung kein Irrtum stattfinden. Die Geschichte dieses Bezirks, soweit sie auf die Ansiedlungen der Weißen Bezug hat, läßt sich in kurze Worte fassen.

Otsego, wie überhaupt der größte Teil der inneren Provinz Neuyork, gehörte vor dem Unabhängigkeitskrieg zu der Grafschaft Albany und fiel bei einer späteren Teilung des Gebiets an Montgomery, bis es endlich infolge der Zunahme seiner Bevölkerung kurz nach dem Frieden von 1783 zu einem eigenen Bezirk erhoben wurde. Er liegt zwischen den niedrigen Ausläufern des Alleghany-Gebirges, welche die mittleren Teile des Staates Neuyork durchziehen, etwas östlich von einem durch den Mittelpunkt des Staates gezogenen Meridian. Die Flüsse von Neuyork haben ihren Ablauf entweder nach Süden in das Atlantische Meer oder nach Norden in den Ontario und seine Ausmündungen. Der Otsegosee ist die Quelle des Susquehanna und liegt daher begreiflicherweise in den Hochlanden. Die Gestalt des Landes, das Klima, wie es von den Weißen angetroffen wurde, und die Sitten der Ansiedler sind in unserer Erzählung mit einer Ausführlichkeit geschildert, die der Autor nur mit der Lebhaftigkeit seiner Rückerinnerungen entschuldigen kann.

Der Name Otsego ist gebildet aus den Worten Ot, was einen Versammlungsort bedeutet, und Sego oder Sago, der unter den Indianern üblichen Begrüßungsformel. Einer Überlieferung zufolge pflegten die benachbarten Stämme an den Ufern des Sees Zusammenkünfte zu halten, um Verträge zu schließen und ihre Bündnisse auf sonstige Weise zu kräftigen, woraus sich die genannte Zusammenstellung erklärt. Da indes das Oberhaupt der Indianer von Neuyork ein Blockhaus an den Ufern des Sees besaß, so ist es nicht unmöglich, daß der Name seinen Ursprung von den Versammlungen hat, die dort bei seinen Beratungsfeuern gehalten wurden. Beim Ausbruch des Kriegs mußte dieser Agent nebst anderen Beamten der Krone den Strich verlassen, und seine unscheinbare Wohnung stand bald verödet. Der Verfasser erinnert sich, sie einige Jahre nachher in der bescheidenen Eigenschaft eines Rauchhauses gesehen zu haben.

Im Jahre 1779 wurden Truppen gegen die feindlichen Indianer gesandt, die ungefähr hundert Meilen westlich von Otsego an den Ufern des Kayugasees hausten. Der ganze Strich war damals eine Wildnis, weshalb es nötig wurde, die Bagage der Mannschaft auf den Flüssen fortzuschaffen – ein Umweg zwar, aber jedenfalls das beste, was man tun konnte. Eine Brigade zog am Mohawk aufwärts, bis sie eine Stelle erreichte, die den Quellen des Susquehanna am nächsten liegt, und von wo aus ein Engpaß durch den Urwald zu dem oberen Ende des Otsego führt. Die Boote und das Gepäck wurden über diesen ›Trageweg‹ gebracht, während die Truppen über den See setzten, an dessen unterm Ende landeten und ein Lager aufschlugen. Der Susquehanna, ein an seinem Ursprunge schmaler, aber reißender Strom, war voll von Treibholz oder entwurzelten Bäumen, und die Truppen mußten ein neues Mittel ersinnen, um sich ihren ferneren Marsch zu erleichtern. Der Otsego ist ungefähr neun englische Meilen lang und wechselt in der Breite von einer bis zu anderthalb Meilen: sein tiefes klares Wasser erhält von vielen hundert Quellen seinen Zustrom. Unten sind die Ufer fast dreißig Fuß hoch, während sie an den übrigen Stellen durch Berge, Niederungen und Vorsprünge gebildet werden. Sein Abwasser oder der Susquehanna fließt durch einen Einschnitt der erwähnten niedrigen Ufer in einer Breite von gegen zweihundert Fuß ab. Dieser Einschnitt wurde mit Dämmen versehen, die Abwasser des Sees gesammelt und der Susquehanna in dieser Weise zu einem stärkeren Gewässer umgewandelt. Als diese Vorkehrungen getroffen waren, schifften sich die Truppen ein; der Damm wurde durchstochen, und der Otsego ergoß seinen Strom, auf dem die Boote alsbald lustig abwärts fuhren.

General James Clinton, der Bruder George Clintons, damals Gouverneur von Neuyork – der Vater De Witt Clintons, der als Gouverneur desselben Staates im Jahre 1827 starb – kommandierte die mit diesem Feldzug beauftragte Brigade. Während die Truppen am unteren Teil des Otsego lagerten, wurde ein Soldat wegen Desertion erschossen. Das Grab dieses unglücklichen Mannes war die erste Grabstätte, die der Autor je gesehen, wie das erwähnte Rauchhaus die erste von ihm erblickte Ruine war. Die in unserer Schrift erwähnte Feldschlange wurde bei diesem Anlaß von den Truppen zurückgelassen und verscharrt; man fand sie später auf, als man in des Verfassers elterlicher Wohnung die Keller grub.

Bald nach Beendigung des Krieges besuchte Washington mit einem Gefolge vieler ausgezeichneter Männer den Schauplatz unserer Erzählung, dem Vernehmen nach, um das Terrain daraufhin zu untersuchen, ob sich hier eine Kommunikation zu Wasser mit anderen Punkten des Landes bewerkstelligen ließe; er blieb jedoch nur wenige Stunden.

Im Jahre 1785 erschien der Vater des Autors in dieser Wildnis, um sie vermessen zu lassen, da er einen bedeutenden Strich derselben anzukaufen gedachte. Welchen Eindruck sie auf ihn machte, haben wir durch den Richter Temple schildern lassen. Zu Anfang des folgenden Jahres begann die Ansiedlung, und von dieser Zeit an bis auf die gegenwärtige kam die Gegend fortwährend in blühendere Verhältnisse. Es ist ein eigentümlicher Zug des amerikanischen Lebens, daß es einem reichen Manne, der zu Anfang dieses Jahrhunderts Gelegenheit hatte, Ansiedlern eine neue Niederlassung in einem entfernteren Landesteil anzubieten, möglich war, solche trotz der günstigen Verhältnisse, deren sie sich in ihrer früheren Kolonie erfreuen mochten, nach sich zu ziehen

Obgleich die Niederlassung am Otsego einige Jahre vor der Geburt des Autors stattfand, so war sie zuderZeit doch noch nicht so weit fortgeschritten, daß man es für ratsam erachtet hätte, ein für ihn selbst so wichtiges Ereignis in der Wildnis stattfinden zu lassen. Vielleicht hegte seine Mutter ein begründetes Mißtrauen in die Erfahrung es Doktor Todd, der damals noch in dem Noviziat seiner ärztlichen Praxis gestanden haben muß. Doch dem sei, wie ihm wolle, der Autor wurde noch als Kind wieder in das Tal gebracht, welchem er die ersten Eindrücke seiner Jugend verdankt. Er wählte auch in späteren Jahren zuweilen seinen Aufenthalt daselbst und glaubt daher, für die Treue seines Gemäldes einstehen zu können

Otsego ist nun einer der bevölkertsten Distrikte von Neuyork, entsendet seine Auswanderer so gut wie irgendeiner der älteren und steht wegen seines Gewerbefleißes und Unternehmungsgeistes in gutem Ruf. Seine Mannfakturen blühen, und es ist bemerkenswert, daß eine der sinnreichsten Maschinen, welche die europäische Kunstfertigkeit kennt, von dem Scharfsinn, der in dieser abgelegenen Gegend heimisch ist, ihre Entstehung ableitet.

Um Mißverständnissen zu begegnen, wird es ratsam sein zu bemerken, daß der gegenwärtigen Erzählung keine wirklichen Begebenheiten zugrunde liegen und daß die buchstäblich wahren Tatsachen sich nur auf die örtlichen Verhältnisse und die Sitten und Gebräuche der Einwohner beziehen. Die Akademie, das Gerichtshaus, das Gefängnis, das Wirtshaus und die meisten andern Staffagen dieser Art existierten wirklich, haben aber seitdem anderen Gebäuden von anspruchsvollerem Charakter Platz gemacht. Bei der Schilderung des Herrenhauses erlaubten wir uns einige Freiheit; denn das eigentliche Gebäude hatte keinen ›ersten und zweiten Teil‹. Es bestand aus Ziegeln, nicht aus Steinen, und zeigte keine der eigentümlichen Schönheiten der ›zusammengesetzten Ordnung‹, da es in einer zu frühen Periode errichtet wurde, um sich bereits aller Vorteile dieser so anspruchsvollen Schule der Architektonik erfreuen zu können. Das Innere des Hauses ist jedoch ganz nach Rückerinnerungen gezeichnet, und hier trifft alles mit der Wirklichkeit zusammen, sogar Wolfs zertrennter Arm und der Aschenkrug der Königin Dido.

Obwohl noch Wälder die Berge am Otsego krönen, sind doch Bär, Wolf und Panther kaum mehr dort zu finden. Selbst das unschuldige Rotwild springt nur noch selten unter den Baumgewölben umher; denn das Gewehr und die Tatkraft der Pflanzer haben es an andere Orte getrieben. Zu diesem Wechsel – der in mancher Beziehung dem, der das Land im Urzustand gekannt hat, traurig erscheinen muß – kommt noch hinzu, daß der Otsego selbst mit seinem Reichtum zu knausern beginnt.

Der Verfasser hat bereits anderswo erklärt, daß Lederstrumpfs Charakter ein Gebilde ist, welches durch Hilfsmittel, wie sie zu Hervorbringung des Effekts nötig waren, Wahrscheinlichkeit gewinnt. Hätte er mit noch mehr Einbildungskraft geschildert, so würden die Freunde der Poesie nicht so viel Anlaß haben, gegen die Arbeit Einwendungen zu machen. Das Gesamtgemälde wäre jedoch sicher ohne wirkliche Vertreter für die meisten übrigen Personen weniger treu ausgefallen. Der große Grundbesitzer, der auf seinen Ländereien wohnt und denselben seinen Namen gibt, statt ihn, wie es in Europa üblich ist, von ihnen zu erhalten, kommt in Neuyork häufig vor. Der Arzt mit seiner Theorie, die er sich durch Experimente am menschlichen Körper eher schafft als verbessert; der fromme, selbstlose, tätige und schlecht belohnte Missionar; der halbgebildete, streitsüchtige, neidische und wenig achtbare Advokat mit dem Gegengewichte eines Kollegen von besserem Schlag und anderem Charakter; der unstete, handeltreibende, mißvergnügte Verkäufer seiner ›Verbesserungen‹; der beliebte Zimmermann und die meisten übrigen Charaktere sind allen bekannt, die je einen ›neuen‹ Bezirk besucht haben.

Nach den angeführten Umständen ist es augenfällig, daß der Autor bei Abfassung der ›Ansiedler‹ mehr Vergnügen genossen, als sein Werk wohl je dem Leser zu gewähren imstande sein wird. Er weiß, daß die Schrift zahlreiche Fehler enthält, von denen er in dieser Ausgabe auch einige zu verbessern bemüht war: da er sich aber wenigstens redlich bestrebt hat, das Seinige zur Unterhaltung der Lesewelt beizutragen, so vertraut er darum auch ruhig auf ihre wohlwollende Nachsicht, wenn er für sich selbst irgend zuviel in Anspruch genommen haben sollte.

Paris, im März 1832

I

Inhaltsverzeichnis

Der Winter kommt, am Jahresschluß zu üben Sein eigensinnig trübes Regiment Samt allen seinen Nebeln, Wolken, Stürmen.

Thomson

Fast im Herzen des Staates Neuyork liegt ein ausgedehntes Gebiet, das eine Folge von Bergen und Tälern darstellt. In diesem Gebirgsland nimmt der Delaware seinen Ursprung, und aus den silberklaren Seen wie aus den tausend Quellen dieser Gegend schlängeln sich die zahlreichen Zuflüsse des Susquehanna durch die Täler, bis sie durch die Vereinigung ihrer Wasser einen der stolzesten Ströme der Vereinigten Staaten bilden. Die Berge sind fast allgemein bis zu den Spitzen in anbaufähigem Zustand, obgleich nicht selten an ihren Flanken Felsenpartien vorspringen, denen die Gegend ihren in so hohem Grade romantischen und malerischen Charakter verdankt. Durch die schmalen, üppigen und urbar gemachten Täler zieht sich fast immer ein Flüßchen oder ein Bach, während schöne, blühende Dörfer zerstreut an den kleinen Seen oder an jenen Punkten der Wasserläufe liegen, die sich vorteilhaft für Manufakturen benutzen lassen. Man findet allenthalben durch die Täler bis zu den Spitzen der Berge hinan hübsche und bequeme Meiereien mit allen Anzeichen des Wohlstandes, und in jeder Richtung begegnet man Wegen, die von den ebenen, anmutigen Talgründen bis zu den höchsten und verwickeltsten Gebirgsketten hinanführen. Akademien und niederere Bildungsanstalten begegnen dem Auge des Fremden, der durch das unebene Gebiet seinen Weg sucht, alle paar Meilen; in der Menge der Orte, die der Gottesverehrung geweiht sind, bekundet sich ebensosehr der nachdenkliche und sittliche Charakter des Volkes, wie sich in der Mannigfaltigkeit ihrer Formen und des um dieselbe waltenden Geistes die unbedingte Gewissensfreiheit ausspricht. Kurz, der ganze Distrikt ist der sprechendste Beleg, wieviel sich – selbst in einem wenig kultivierten und rauhen Landstrich – unter der Herrschaft milder Gesetze tun läßt, sobald der einzelne für das Wohl des Ganzen, von dem er ein Teil zu sein sich bewußt ist, ein unmittelbares Interesse fühlt. Den Bemühungen des Ansiedlers, die Wildnis zu lichten, folgte der unermüdliche Fleiß des Grundbesitzers, das mit saurem Schweiß Errungene zu verbessern, – ein Umstand, der wohl den Wunsch rege machen kann, dereinst unter dem Rasen, den er bebaute, zu schlummern, oder nicht minder den im Lande geborenen Sohn veranlassen mag, aus kindlich frommem Sinn dem Grabe des Vaters nahe zu bleiben. Vor etwa vierzig Jahren › noch war das ganze Gebiet eine Wildnis.

Bald nach der durch den Frieden von 1783 anerkannten Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten richtete sich der Unternehmungsgeist ihrer Bürger auf eine Untersuchung der natürlichen Vorteile ihres weitausgedehnten Gebiets. Vor dem Revolutionskrieg beschränkten sich die bewohnten Teile der Kolonie Neuyork nur auf ein Zehntel ihres Gesamtumfangs. Ein schmaler Landgürtel, der sich auf beiden Seiten des Hudson hinzog – mit einem ähnlichen, der etwa 50 Meilen weit den Ufern des Mohawk folgte –, nebst den Inseln Nassau und Staten, und einige abgeschlossene Ansiedlungen auf besonders gutem Boden längs der Flußränder, bildeten das ganze Land, welches damals nicht einmal zweimal hunderttausend Seelen barg. In dem erwähnten kurzen Zeitraum hat sich die Bevölkerung über fünf Breiten-und sieben Längengrade ausgedehnt und ist zu anderthalb Millionen Einwohnern angeschwollen, die behaglich von ihrem Besitz leben und in Jahrhunderten nicht zu besorgen haben, daß der Ertrag des Bodens in ein ungünstiges Verhältnis zu ihren Bedürfnissen treten könnte.

Unsere Erzählung beginnt mit dem Jahre 1793, ungefähr sieben Jahre nach dem Entstehen einer der frühesten jener Niederlassungen, die den erwähnten fast märchenhaften Umschwung in der Macht und dem ganzen Zustand des Landes herbeiführen halfen.

An einem schönen, kalten Dezembertag um die Zeit des Sonnenuntergangs bewegte sich in dem beschriebenen Distrikt ein Sleigh langsam den Abhang eines Berges hinan. Der Tag war für die Jahreszeit schön gewesen, und nur zwei oder drei große Wolken, welche in dem Licht, das von den die Erde bedeckenden Schneemassen widerstrahlte, blendend weiß erschienen, segelten in dem reinen Blau des Himmels dahin. Der Weg wand sich längs eines Absturzes um den Gipfel eines Felsens hin und wurde auf der einen Seite durch übereinandergeschichtete Holzstämme geschützt, während man auf der andern den Felsen ausgesprengt hatte, um dem Straßenzug die für die gewöhnlichen Fuhrwerke der damaligen Zeit nötige Breite zu geben. Aber Holzstämme, Felsenaussprengung – kurz alles, was nicht mindestens etliche Fuß Höhe hatte, lag unter dem Schnee begraben. Eine einzige Fährte, kaum weit genug, um den Sleigh aufzunehmen, bezeichnete den Zug der Landstraße, die mit einer fast ellenhohen Schneeschicht bedeckt war. In dem um etliche hundert Fuß tiefer gelegenen Tal bemerkte man eine sogenannte Lichtung und die gewöhnlichen Vorkehrungen zu einer neuen Niederlassung, die sich sogar bergan bis zu einem Punkt erstreckten, wo der Weg nach einem auf dem Gipfel des Berges liegenden Flachland abbog, während weiter oben alles Wald war. Die Atmosphäre glitzerte, als wäre sie mit Myriaden von Lichtkörperchen erfüllt, und die edlen Rosse vor dem Sleigh waren fast ganz von einer Reifschicht bedeckt. Man sah den Dampf ihrer Nüstern wie Rauch aufsteigen, und jeder im Gesichtskreis liegende Gegenstand, wie auch die Vorkehrungen der Reisenden ließen auf die Strenge des Winters im Gebirge schließen. Das Pferdegeschirr, das von stumpfer tiefschwarzer Farbe war und sich sehr von dem glänzend gefirnißten unserer Tage unterschied, war mit ungeheuren Platten und Schnallen von Messing verziert, die in den flüchtigen Sonnenstrahlen, welche ihren Weg schräg durch die Baumgipfel fanden, wie blankes Gold erglänzten. Gewaltige, mit Nägeln beschlagene und mit Schabracken unterlegte Sättel trugen vier hohe viereckige Türmchen, durch welche die starken Zügel nach der Hand des Lenkers, eines Negers von ungefähr zwanzig Jahren, liefen. Sein Gesicht, das die Natur mit einem glänzenden Schwarz ausgestattet hatte, war jetzt scheckig vor Kälte, und in seinen großen leuchtenden Augen glänzten Tränen – ein Zoll, welchen die schneidenden Fröste dieser Gegenden den Söhnen der afrikanischen Sonne stets abverlangen. Gleichwohl aber lag ein lächelnder Ausdruck der Heiterkeit in seinem glücklichen Gesicht, welcher wohl seinen Grund in dem Gedanken an die nahe Heimat und an die Belustigungen eines Christabends in einem warmen Stübchen haben mochte.

Der Sleigh war eines jener geräumigen, bequemen, altmodischen Fuhrwerke, die eine ganze Familie in ihrem Bauch aufnehmen können, obgleich er in dem gegenwärtigen Augenblick außer dem vorerwähnten Schwarzen nur zwei Personen enthielt. Die Farbe war außen bescheiden grün, innen feurig rot; letzteres vielleicht, um in dem kalten Klima doch wenigstens dem Auge eine Glut vorzuführen. Große Büffelhäute, an den Rändern mit girlandenartig geschnittenem rotem Tuch verziert, lagen in dem Sleigh und umhüllten die Füße der Reisenden – eines Mannes in den mittleren Jahren und eines Mädchens in der ersten Blüte der weiblichen Reife. Der erstere war von breiter Statur, soweit die Vorkehrungen, die er zur Abwehr der Kälte getroffen hatte, überhaupt etwas von seiner Persönlichkeit sichtbar werden ließen. Ein verschwenderisch mit Pelzwerk verbrämter Überrock umschloß seinen ganzen Körper mit Ausnahme des Kopfes, der durch eine Marderfellmütze, mit Maroquin ausgekleidet und so geformt, daß sich die Seitenklappen über die Ohren herunterschlagen und durch ein schwarzes Band unter dem Kinn zusammenknüpfen ließen, geschützt wurde. Der obere Teil der Mütze war mit einer Art Quaste verziert, die aus dem Schwanz des Tieres, welches das übrige Material geliefert hatte, bestand und nicht unzierlich hinten einige Zoll über den Nacken hinunterhing. Unter dieser Vermummung sah man teilweise ein schönes Männergesicht, zumal ein Paar ausdrucksvoller, großer, blauer Augen, die einen hellen Verstand, gemütliche Heiterkeit und einen wohlwollenden Sinn verkündeten. Die Gestalt seiner Begleiterin war buchstäblich in den Kleidern, die sie trug, begraben. Aus einem dicht mit Flanell wattierten, großen Kamelottmantel, der dem Schnitt und der Weite nach offenbar für einen männlichen Körper bestimmt war, sah ein mit Pelz ausgelegter seidener Überrock hervor. Eine ungeheuere, mit Daunen gefütterte, schwarzseidene Kapuze verbarg Kopf und Gesicht bis auf eine kleine Öffnung, durch die man Atem holen konnte, obgleich hin und wieder auch ein Paar lebhafter, pechschwarzer Augen hervorfunkelten.

Aber Vater und Tochter (denn in dieser Verwandtschaftsbeziehung standen die beiden Reisenden) waren zu sehr mit ihren Betrachtungen beschäftigt, um durch den Ton ihrer Stimme die Stille zu unterbrechen, die durch das leichte Dahingleiten des Sleighs selten oder nie gestört wurde. Der erstere dachte an die Frau, welche sein Kind – das einzige – zum letzten Male an ihre Brust gedrückt hatte, als sie vier Jahre früher mit widerstrebendem Herzen ihre Zustimmung geben mußte, der Gesellschaft ihrer Tochter zu entsagen, damit diese sich jener Vorteile der Erziehung erfreuen möchte, welche damals nur die Stadt Neuyork zu geben imstande war. Wenige Monate nachher hatte ihn der Tod dieser treuen Genossin seiner Einsamkeit beraubt. Er liebte jedoch sein Kind zu aufrichtig, um sie in das noch recht wilde Land, in dem er wohnte, zurückzuholen, ehe die Zeit, welche zu ihrer völligen Ausbildung für nötig erachtet wurde, abgelaufen war. Die Gedanken der Tochter waren weniger düster, da der Wechsel und die immer neuen Reize der Landschaft, die sich bei jeder Wendung der Straße vor ihr auftaten, ihren Empfindungen ein frohes Staunen beimischten.

Der Berg, auf dem sie eben hinfuhren, war mit ungeheuren Rottannen bedeckt, die erst in einer Höhe von siebzig bis achtzig Fuß ihre Zweige ausbreiteten und bis zum Wipfel oft das Doppelte dieser Höhe maßen. Das Auge konnte sich daher durch die zahllosen Öffnungen einer weiten Aussicht erfreuen, wenn diese nicht durch ein fernes Hügelland oder durch einen Berggipfel jenseits des Tales, dem sie zueilten, begrenzt wurde. Die dunklen Baumstämme erhoben sich aus dem weißen Schneegrund wie regelmäßig gebaute Säulenschäfte, bis hoch oben die Zweige mit ihren immergrünen Nadeln eine Decke formten, die einen schwermütigen Kontrast zu der erstarrten Erde bildete. Die Reisenden fühlten keinen Wind, aber die Baumwipfel wiegten sich majestätisch und entsandten einen dumpfen, klagenden Ton, der ganz im Einklang mit der Ruhe der melancholischen Szenerie stand.

Der Sleigh war eine Strecke weit ganz eben fortgeglitten, und der Blick des jungen Mädchens war spähend, vielleicht auch furchtsam in die Tiefen des Waldes gerichtet, als sich ein lautes und anhaltendes Geheul, ähnlich dem Bellen eines zahlreichen Rudels von Jagdhunden, vernehmen ließ, das durch die hohen Bogen des Waldgewölbes hertönte. Sobald diese Laute das Ohr des alten Herrn erreichten, rief er laut dem Schwarzen zu:

»Halt, Aggy, der alte Hektor ist dort; ich würde sein Bellen unter Zehntausenden herauskennen. Lederstrumpf hat an diesem schönen Tag seine Hunde herausgeführt, und gewiß sind sie jetzt hinter einem Wild her. Dort, einige Klafter vor uns, läuft eine frische Hirschspur; – und nun, Beß, wenn du dich vor dem Feuern nicht fürchtest, so verspreche ich dir eine herrliche Zugabe zu deiner Christfesttafel.«

Der Schwarze hielt an, und ein heiteres Grinsen überflog seine erstarrten Züge, während er zugleich die Arme übereinander zu schlagen begann, um wieder einige Zirkulation nach den Fingerspitzen hin herzustellen. Der alte Herr richtete sich inzwischen auf, warf seine Verhüllung ab und stieg aus dem Sleigh auf eine Schneebank, die seine Last trug, ohne zu weichen.

Nach einigen Augenblicken kam er damit zustande, aus einer Masse von Schachteln und Koffern eine doppelläufige Vogelflinte hervorzuholen, und nachdem er sich seiner dichten Fäustlinge, unter denen er ein Paar andere mit Pelz gefütterte Lederhandschuhe trug, entledigt und das Schloß seines Gewehrs untersucht hatte, schickte er sich an, vorwärts zu eilen, als sich das leichte Rauschen eines durch das Gehölz stürzenden Tieres vernehmen ließ und unmittelbar darauf nur wenige Schritte vor ihm ein schöner Bock die Straße kreuzte. Das Auftauchen des Wildes geschah rasch und seine Flucht mit der Eile des Windes; aber der Reisende schien ein zu geübter Jäger zu sein, um sich dadurch außer Fassung bringen zu lassen. Sobald er des Tieres ansichtig wurde, erhob er mit sicherem Auge und stetiger Hand seine Flinte und gab Feuer. Das Tier schoß jedoch nicht erschreckt und scheinbar unverletzt weiter. Ohne sein Gewehr sinken zu lassen, wandte der Schütze aufs neue die Mündung seinem Opfer zu und feuerte abermals. Aber auch dieser Schuß schien seine Wirkung verfehlt zu haben.

Der ganze Auftritt war mit einer Geschwindigkeit vor sich gegangen, welche das Mädchen in hohem Grade verwirrte, und sie freute sich bereits unwillkürlich über das glückliche Entkommen des Tieres, als es plötzlich wie ein Meteor wieder auftauchte und abermals über den Weg setzte, worauf ein scharfer, rascher Ton, ganz verschieden von dem runden, vollen aus der Waffe ihres Vaters, in dem sich aber der Knall eines Gewehrs ebenfalls nicht verkennen ließ, an ihr Ohr schlug. In demselben Augenblick machte der Bock einen Sprung in die Höhe, und als dem ersten Schuß rasch ein zweiter folgte, stürzte das Tier kopfüber zur Erde, wo es sich auf der Schneerinde einigemal überkugelte. Ein lautes Hallo erscholl aus dem Munde des unsichtbaren Schützen, und unmittelbar darauf traten zwei Männer aus einem Versteck hinter zwei Tannenstämmen hervor, wo sie augenscheinlich dem Zug des Hirsches aufgelauert hatten.

»Ha! Natty, wenn ich gewußt hätte, daß Ihr im Hinterhalt läget, so hätte ich meine Schüsse sparen können«, rief der Reisende, indem er sich nach der Stelle hinbewegte, wo das Tier lag, in dessen Nähe ihm auch der entzückte Schwarze mit dem Sleigh folgte, »aber das Bellen des alten Hektor war zu ermutigend, um ruhig zu bleiben. Und doch bin ich nicht überzeugt, ob nicht eine meiner Kugeln den Burschen niederwarf.«

»Nein – nein – Richter«, entgegnete der Jäger mit einem stillen Kichern und jenem frohlockenden Blick, der das Bewußtsein einer höheren Kunstfertigkeit verkündet. »Sie haben Ihr Pulver nur abgebrannt, um sich an diesem kalten Abend die Nase zu wärmen. Glauben Sie denn, einen ausgewachsenen Bock, dem Hektor und die Slut auf den Fersen sind, mit dieser Schlüsselbüchse da zum Halten zu bringen? Es gibt ja Fasanen genug beim Moor, und die Schneevögel fliegen um Ihr Haus, so daß Sie dieselben mit Brotkrumen füttern können. Derartiges Wildbret ist etwas für Ihre Flinte; wenn Sie’s aber nach einem Bock oder einem Bärenschinken gelüstet, Richter, so müssen Sie eine langläufige Büchse mit eingefettetem Propfen mitnehmen, sonst werden Sie, denke ich, mehr Pulver verschwenden, als Sie Mägen füllen.«

Nach diesen Worten fuhr der Sprecher mit der bloßen Hand unter seiner Nase weg und verzog seinen breiten Mund abermals zu einer Art innerlichen Lachens.

»Das Gewehr streut gut, Natty, und hat seinerzeit wohl auch einem Hirsch den Garaus gemacht«, entgegnete der Reisende mit einem gutgelaunten Lächeln. »Der eine Lauf war mit Hirschposten geladen, – freilich der andere nur mit Vogeldunst. Da sind zwei Schüsse, der eine durch den Hals und der andere gerade durch das Herz. Es ist nicht ausgemacht, Natty, ob nicht einer davon von mir herrührt.«

»Nun, mag ihn erlegt haben, wer will«, versetzte der Jäger verdrießlich; »es handelt sich jetzt, denke ich, nur noch darum, von wem er gegessen wird.« Mit diesen Worten zog er ein großes Messer aus einer ledernen Scheide, die in seinem Gürtel stak, und durchschnitt dem Hirsch die Gurgel »Wenn zwei Kugeln in dem Tier stecken, so möchte ich doch fragen, ob nicht etwa auch zwei Büchsen abgefeuert wurden? – Außerdem, wer hat je gesehen, daß ein so zerrissenes Loch wie dieses hier am Hals durch ein nicht gezogenes Gewehr entsteht? Sie werden mir zugeben, Richter, daß der Bock erst bei dem letzten Schuß fiel, und der kam aus einer sicheren und jüngeren Hand, als die Ihrige und die meinige ist. Ich für mein Teil kann zwar, obgleich ich ein armer Mann bin, ohne dieses Wildbret leben, aber doch mag ich nicht gerne in einem freien Lande meine gerechten Ansprüche fahren lassen. Freilich muß ich, was das anbelangt, leider sehen, daß hier so gut wie in dem alten Land Gewalt vor Recht geht«

Ein Zug von Verdruß und Unzufriedenheit begleitete diese Rede des Jägers, obgleich er es für klug hielt, deren Schluß so leise auszusprechen, daß er sich in ein unverständliches Murmeln verlor.

»Nein, Natty«, entgegnete der Reisende, ohne sich seine gute Laune trüben zu lassen, »ich wehre mich nur um der Ehre willen. Mit einigen Dollars ist dieses Wildbret bezahlt, aber was kann mich dafür entschädigen, daß mir die Ehre, einen Hirschschwanz auf der Mütze zu tragen, entgeht? Bedenkt nur, Natty, wie ich über den hämischen Hund, den Dick Jones, triumphieren könnte, der bereits siebenmal in dieser Saison gefehlt und nichts heimgebracht hat als ein Waldhuhn und ein paar graue Eichhörnchen.«

»Ach, das Wild wird freilich immer seltener, Richter, je weiter diese Lichtungen und Verbesserungen um sich greifen«, erwiderte der alte Jäger mit einer Art erzwungener Resignation. »Es hat eine Zeit gegeben, wo ich dreizehn Hirsche, die Hirschkälber nicht mitgezählt, aus der Tür meiner Hütte schießen konnte! Und wenn’s einen nach einer Bärenkeule oder etwas der Art gelüstete, so durfte er nur eine Nacht wachen, um einen solchen Burschen beim Mondschein durch die Ritzen, welche die Baumstämme in den Wänden ließen, zu erlegen; es hatte dabei keine Gefahr mit dem Einschlafen; denn das Geheul der Wölfe konnte schon die Augen offenhalten. Da ist der alte Hektor –« er streichelte während dieser Worte einen hohen, schwarz-und gelbgefleckten Jagdhund mit weißem Bauch und weißen Beinen, der eben im Geleit der schon erwähnten Slut von einer Fährte zurückkehrte, – »sehen Sie, wie ihm die Wölfe die Kehle zerbissen haben – in jener Nacht, als ich sie von dem Wildbret vertrieb, das sie mir aus dem Rauchfang holen wollten. Der Hund ist zuverlässiger als mancher Christ; denn er vergißt nie einen Freund und hebt die Hand, die ihm sein Brot reicht.«

Es lag etwas Eigentümliches in dem Benehmen des Jägers, was die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf sich zog, wie sie denn auch von dem ersten Augenblick an, seit sie seiner ansichtig geworden, sein Äußeres und seine Tracht mit der gespanntesten Aufmerksamkeit betrachtete. Er war groß und so mager, daß er sogar noch länger aussah als die sechs Fuß, die er genau vom Scheitel bis zur Sohle maß. Auf dem mit dünnen, schlichten, rötlichen Haaren bedeckten Kopf trug er eine Fuchsmütze, die der des Reisenden an Gestalt ähnelte, aber ihr an Eleganz weit nachstand. Sein Gesicht war fleischlos, fast abgezehrt, aber ohne Spur von Krankheit; denn im Gegenteil deutete alles bei ihm auf die kräftigste und ausdauerndste Gesundheit. Kälte und häufiger Aufenthalt in Wind und Wetter hatten seine Haut gleichförmig gerötet. Seine grauen Augen blitzten unter einem Paar zottiger Brauen hervor, in deren natürliche Farbe sich ziemlich viel Grau gemischt hatte. Der magere Hals war bloß und so rot wie sein Gesicht, und aus seinem Oberkleid sah der schmale Streifen eines gewürfelten Hemdkragens hervor. Eine Art Rock aus nicht enthaarten Hirschfellen wurde von einem Gürtel aus farbigem Wollzeug um seinen Körper zusammengehalten. An seinen Füßen hatte er Mokassins aus Hirschhäuten, die nach der Sitte der Indianer mit Schweinestacheln verziert waren, und an verschossene hirschlederne Hosen schlossen sich über den Knien Gamaschen von demselben Material an, – eine Kleidung, die ihm unter den Ansiedlern den Beinamen Lederstrumpf erworben hatte. Über seine linke Schulter lief ein Riemen von Hirschleder, an dem ein ungeheures Ochsenhorn hing, welches so dünn ausgeschabt war, daß man das darin enthaltene Pulver durchscheinen sehen konnte; sein breiteres Ende enthielt einen kunstvollen, sicher schließenden hölzernen Boden, während das andere sorgfältig mit einem kleinen Pfropfen verwahrt war. Vor ihm hing eine lederne Jagdtasche, aus welcher er bei seinen letzten Worten ein kleines Maß hervorzog, das er mit Pulver füllte, um dann seine Büchse, die von dem Schneeboden an fast bis zu der Spitze seiner Fuchskappe reichte, wieder zu laden.

Der Reisende hatte, während der Jäger in dieser Weise beschäftigt war, die Wunden des erlegten Hirsches sorgfältig untersucht und rief jetzt, ohne sich an die üble Laune des anderen zu kehren:

»Es wäre mir gar zu lieb, wenn ich die Ehre, dieses Tier erlegt zu haben, in Anspruch nehmen könnte; und gewiß, wenn der Schuß durch den Hals aus meinem Gewehr kam, so kann ich es mit Recht tun; denn der durchs Herz war unnötig – wir nennen etwas der Art einen Akt der Supererogation, Lederstrumpf.«

»Sie mögen es mit was immer für einem gelehrten Namen belegen, Richter«, sagte der Jäger, indem er die Büchse mit seinem linken Arm unterstützte, einen Messingdeckel in seiner Jagdtasche öffnete, ein kleines Stück gefetteten Leders herausnahm, eine Kugel darein wickelte und beides während des Sprechens mit kräftiger Faust in den Gewehrlauf auf das Pulver hinuntertrieb, »denn es ist weit leichter, irgendein Wort zu ersinnen, als einen Bock im Sprung zu schießen. Aber dieses Tier hier kam, wie ich bereits vorhin sagte, durch eine jüngere Hand als die Ihrige oder die meinige zu seinem Ende.«

»Was sagt Ihr dazu, mein Freund?« rief der Reisende, indem er sich scherzend gegen Nattys Begleiter umdrehte. »Wollen wir um die Ehre losen und diesen Dollar aufwerfen? Das Silber ist Euer, wenn Ihr verliert. Was sagt Ihr dazu, mein Freund?«

»Daß ich den Hirsch schoß«, sagte der junge Mann etwas stolz und legte den Arm auf seine Büchse, welche ziemlich dieselbe Form wie die seines Gefährten hatte.

»Hier sind zwei gegen einen«, sagte der Richter mit einem Lächeln, »ausgestochen – überstimmt, wie wir vor Gericht sagen. Der Aggy da darf als Sklave nicht zeugen, und Beß ist minderjährig – nun, so muß ich eben zum schlimmen Spiel eine gute Miene machen. Ihr verkauft mir aber doch das Wildbret? Ah, es müßte mit dem Henker hergehen, wenn ich nicht aus dem Tode dieses Hirsches ein gutes Geschichtchen drechselte.«

»Ich habe hier nichts zu verkaufen«, antwortete Lederstrumpf, ein wenig von dem hohen Ton seines Begleiters annehmend, »denn ich für mein Teil habe Tiere gesehen, die mit einem Halsschuß noch tagelang sprangen, und ich bin keiner von denen, welche irgend jemandem das abspannen möchten, was ihm rechtlich gebührt.«

»Ihr beharrt an diesem kalten Abend sehr zäh auf Eurem Recht, Natty«, entgegnete der Richter in unverwüstlich heiterer Stimmung. »Aber was sagt Ihr, junger Mann? Sind drei Dollar genug für den Bock?«

»Laßt uns zuerst die Rechtsfrage zur gegenseitigen Zufriedenheit abmachen«, antwortete der Jüngling bescheiden, aber mit Festigkeit und in einer Weise des Ausdrucks, die weit über seine unscheinbare Außenseite erhaben schien. »Mit wieviel Posten hatten Sie Ihr Gewehr geladen?«

»Mit fünfen, Sir«, sagte der Richter, durch das Benehmen des andern etwas verblüfft. »Sind fünf nicht genug, um einen Bock wie diesen zu erlegen?«

»Einerschon würde hinreichen; aber –« er bewegte sich nach dem Baum hin, hinter dem er hervorgetreten war – »Sie erinnern sich, Sir, daß Sie nach dieser Richtung abfeuerten. Hier stecken vier der Kugeln im Baum.«

Der Richter untersuchte die frischen Spuren in der Rinde der Tanne, schüttelte den Kopf und entgegnete mit Lachen:

»Ihr liefert den Beweis gegen Euch selber, mein junger Advokat. Wo ist die fünfte?«

»Hier!« sagte der Jüngling, indem er den groben Mantel, welchen er trug, zurückschlug und auf ein Loch in seinen Unterkleidern deutete, aus dem große Tropfen Blutes hervordrangen.

»Guter Gott!« rief der Richter entsetzt, »habe ich hier wegen einer wertlosen Großtuerei die Zeit vergeudet, während ein Mitmensch durch meine Hand leidet, ohne eine Klage laut werden zu lassen? Aber schnell – geschwind – in den Sleigh – es ist nur eine Meile bis zum Dorf, wo man wundärztlichen Beistand haben kann. Alles Nötige soll auf meine Kosten besorgt werden, und du sollst bei mir bleiben, bis deine Wunde geheilt ist – ja, und auch nachher noch – für immer!«

»Ich danke für die gute Absicht, aber ich muß das Anerbieten ablehnen. Ich habe einen Freund, der sich sehr beunruhigt fühlen würde, wenn er erführe, daß ich verwundet und fern von ihm bin. Die Beschädigung ist nur leicht und hat keinen Knochen verletzt; aber ich denke, Sir, Sie werden jetzt meine Ansprüche auf das Wild gelten lassen.«

»Gelten lassen?« wiederholte der bewegte Richter. »Ich gebe dir hiermit auf immer das Recht, Hirsche, Bären und was dir beliebt, in meinen eigenen Wäldern zu schießen. Lederstrumpf war bis jetzt der einzige Mann, dem ich dieses Privilegium erteilte, und die Zeit ist wohl nicht mehr fern, wo es von Wert sein wird. Aber ich will euch den Hirsch abkaufen – da, diese Note wird dich für deinen und meinen Schuß bezahlen.«

Der alte Jäger richtete sich während dieser Unterredung stolz auf, wartete jedoch, bis der andere ausgeredet hatte, und sprach dann vor sich hin:

»Es leben viele, die behaupten, daß Nathanael Bumppos Recht, auf diesen Bergen zu schießen, älter sei als Marmaduke Temples Recht, es ihm zu verbieten«, waren seine Worte. »Aber wenn es überhaupt hierüber ein Gesetz gibt – und wer hätte je von einem gehört, welches einem Manne untersagt, einen Hirsch zu schießen, wo es ihm beliebt? –, aber wenn es überhaupt ein solches Gesetz gibt, so sollte es vorzugsweise auf Gewehre ohne Züge angewendet werden. Niemand kann wissen, wohin das Blei fliegen wird, wenn man einmal an einer so unzuverlässigen Waffe den Drücker berührt hat.«

Ohne auf Nattys Selbstgespräch zu achten, verbeugte sich der Jüngling in dankbarer Anerkennung des Anerbietens und versetzte:

»Entschuldigen Sie mich, Sir; ich brauche das Wildbret.«

»Aber für dieses könnt Ihr Euch manchen Hirsch kaufen«, entgegnete der Richter. »Nehmt es, ich bitte –« und seine Stimme zu einem Flüstern ermäßigend, fügte er bei – »es sind hundert Dollar.«

Nur einen Augenblick schien der Jüngling zu schwanken, dann aber erglühte er selbst durch das Rot hindurch, das die Kälte seinen Wangen gegeben hatte, als schäme er sich seiner vorübergehenden Schwäche, und lehnte das Anerbieten aufs neue ab.

Während dieser Szene stand das junge Mädchen auf, schlug, ohne auf die kalte Luft Rücksicht zu nehmen, die Mantelkappe, welche ihr Antlitz verhüllt hatte, zurück und sprach dann mit großem Ernst:

»Gewiß, gewiß, junger Mann – Sir – Ihr werdet meinen Vater nicht so sehr kränken, daß Ihr ihm das Bewußtsein auf die Seele laden möchtet, einen Mann, den seine Hand beschädigte, so im Wald zurückzulassen. Ich bitte Euch, kommt mit uns und laßt Euch ärztlichen Beistand gewähren.«

Mochte nun in diesem Augenblick seine Wunde mehr schmerzen, oder lag vielleicht in der Stimme und dem Wesen der schönen Sachwalterin ihres Vaters etwas Unwiderstehliches – wir wissen es nicht: genug, das Zurückhaltende im Benehmen des jungen Mannes wurde durch diese Anrede wesentlich gemildert, und er schwankte augenscheinlich, ob er ihrer Bitte entsprechen solle oder nicht, da ihm beides gleich schwer zu werden schien. Der Richter – denn diesen Titel müssen wir ihm in Zukunft geben, da er ein solches Amt bekleidete – gewahrte nicht ohne lebhaften Anteil diesen Zwiespalt in den Gefühlen des Jünglings; er trat daher auf ihn zu, nahm ihn freundlich bei der Hand, schob ihn sanft nach dem Sleigh hin und drängte ihn einzusteigen.

»Du findest keine nähere Hilfe als in Templeton«, sagte er, »und Nattys Hütte ist wenigstens drei Meilen entfernt. Komm – komm, junger Freund – geh mit uns, und laß den neuen Doktor nach deinem Arm sehen. Natty wird die Kunde von deinem Wohlbefinden deinem Freund überbringen; und wenn du es verlangst, so lasse ich dich morgen in deine Heimat führen.«

Es gelang dem jungen Manne, sich dem herzlichen Händedruck des Richters zu entziehen, aber den Blick vermochte er nicht von dem Mädchen zu wenden, das, ohne der Kälte zu achten, noch immer mit unverhülltem Gesicht dastand und durch den beredten Ausdruck seiner Züge die Bitte des Vaters aufs nachdrücklichste unterstützte.

Lederstrumpf stand inzwischen an seine lange Büchse gestützt da und hatte den Kopf etwas zur Seite gedreht, wie in ernstes Nachsinnen vertieft, als er auf einmal – augenscheinlich über seine Bedenklichkeiten beruhigt und bei einem Entschluß angelangt – das Schweigen unterbrach.