Geschichte der Europäischen Integration - Guido Thiemeyer - E-Book

Geschichte der Europäischen Integration E-Book

Guido Thiemeyer

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Beschreibung

Das Buch gibt einen Überblick über die Geschichte der Europäischen Integration. Es zeigt, dass die Integration ihren Ursprung bereits im frühen 19. Jahrhundert hat, und beleuchtet den Integrationsprozess aus politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Perspektive. Dabei führt es in die Arbeitsweisen, die Methodik und die Denkweisen der Geschichtswissenschaft ein und gibt einen Überblick über die relevante Forschungsliteratur.

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Seitenzahl: 484

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Einführungen in die Geschichtswissenschaft

Neuere und Neueste Geschichte

 

Herausgegeben von Julia Angster und Johannes Paulmann

Band 4

Guido Thiemeyer

Geschichte der Europäischen Integration

Vandenhoeck & Ruprecht

Prof. Dr. Guido Thiemeyer ist Lehrstuhlinhaber für Neuere Geschichte an der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf.

 

 

 

 

 

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2023 Vandenhoeck & Ruprecht, Robert-Bosch-Breite 10, D-37079 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, V&R unipress und Wageningen Academic.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Korrektorat: Vera M. Schirl, Wien

Umschlagabbildung: Volksabstimmung über den Beitritt Österreichs zur Europäischen

Union. © akg-images/brandstaetter images/Votava.

Umschlaggestaltung: siegel konzeption | gestaltung, Stuttgart

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

UTB-Band-Nr. 6039

ISSN 2625-5170

ISBN 978-3-8463-6039-2

Vorwort zur Reihe

Die in dieser Reihe erscheinenden Einführungen in die Geschichtswissenschaft behandeln zentrale Themen der europäischen Geschichte vom ausgehenden 18. bis ins frühe 21. Jahrhundert in einer nationsübergreifenden Perspektive. Die Grundidee für die Reihe ist aus einer Erfahrung entstanden, die wir im Alltag der akademischen Lehre gemacht haben: Einführungsliteratur für Bachelor- oder Masterstudiengänge stellt in der Regel entweder Faktenwissen oder einen theoretischen Ansatz in den Mittelpunkt. Wir wünschten uns hier eine Verbindung zwischen diesen Ebenen, die wir in der akademischen Lehre ja regelmäßig leisten müssen. Die „Einführungen in die Geschichtswissenschaft“ sollen daher beides miteinander verknüpfen: Die Bände bieten jeweils anhand spezifischer Gegenstände eine Einführung in die Geschichtswissenschaft, also in die Arbeitsweise, die Methodik und die Denkweisen des Fachs. Geschichtswissenschaft als universitäres Fach soll zum wissenschaftlichen Arbeiten befähigen, also dazu, selbst Fakten zu analysieren, sie zu deuten und darzustellen. Es geht darum, selbständig Erkenntnisinteressen zu formulieren, und hierfür ist ein Überblick über die Pluralität und den Wandel der Zugänge des Fachs, über die Theorieentwicklung und die jeweils angemessenen Methoden unabdingbar. Diese Arbeitsweise lässt sich jedoch am besten am konkreten Beispiel vermitteln. Die Reihe bietet daher eine problemorientierte Vermittlung von Inhalten und einen theoriegeleiteten Zugang zu wichtigen historischen Themen. Ihr Ziel ist eine Einführung in wissenschaftliche Zugänge und Methoden, in Forschungsstand und Forschungskontroversen, und damit in die Arbeitsweise und das Wesen von Geisteswissenschaft. Gedacht ist diese Reihe jedoch durchaus auch für Lehrende als Handreichung zur Vorbereitung von Seminaren oder einzelnen Sitzungen. Der Aufbau der Bände folgt daher jeweils der möglichen Struktur einer Seminarveranstaltung und bietet eine argumentative oder analytische Gliederung, die nach einer kurzen thematischen Einführung zunächst Kontroversen und Theorien der Forschung behandelt, Leitfragen entwickelt und diese dann an Beispielen in mehreren Kapiteln systematisch anwendet. Wir hoffen, damit einen sinnvollen Beitrag zu Lehre und Studium zu leisten.

Julia Angster und Johannes Paulmann

Inhalt

Vorwort zur Reihe

I.    Einführung

Brexit: Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union

Der Aufbau dieses Buches

II.  Was ist Europäische Integration?

1.   Politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Integration

2.   Prozesse der Europäischen Integration

3.   Antriebskräfte der Europäischen Integration

4.   Forschungstendenzen

III. Themenfelder und Untersuchungsgegenstände

5.   Europäische Integrationsprozesse im 19. Jahrhundert

Politische Integration im 19. Jahrhundert

Wirtschaftliche Integration im 19. Jahrhundert

Gesellschaftliche und kulturelle Integration im 19. Jahrhundert

Fazit

6.   Die Europäische Integration in der Epoche der Weltkriege

Der Erste Weltkrieg

Die Pariser Vorortverträge und der Völkerbund

Europakonzeptionen 1933–1945

Wirtschaftliche Integration

Gesellschaftlich-kulturelle Integration

Fazit

7.   Sicherheit und Frieden? Europäische Politische Integration

Die Nationalstaaten: Hegemonie und Gleichgewicht

Deutsch-französische Beziehungen und Europäische Integration

Ost-West-Konflikt

Die europäischen Organisationen als Akteure im internationalen System

Fazit

8.   Gibt es ein Demokratiedefizit? Legitimationsmuster von supranationaler Herrschaft

Legitimationsstrategien der Europäischen Integration 1950–1958

Veränderungen in der Legitimationsstruktur 1958–2000

Ein neuer Ansatz: Der Verfassungskonvent

Die Frage nach der Europäischen Öffentlichkeit

Fazit

9.   Eine immer engere Union? Die Europäisierung der Mitgliedstaaten in der EG/EU

Europäische Parteiföderationen und europäischer Parlamentarismus

Verflechtung in Innen- und Außenpolitik: Die Maßnahmen der EU-14 gegen Österreich im Jahr 2000

Ein europäischer Rechtsverbund?

Verflechtungen der Außenpolitik der Mitgliedstaaten: EPZ und GASP

Transformation der politischen Systeme durch die Europäische Integration: Der deutsche Föderalismus

Interessenverbände

Fazit

10. Wachsender Wohlstand? Wirtschaftliche Integration

Wirtschaftliche Integration

Wirtschaftspolitische Integration

Ordnungspolitische Debatten in der EU

Die „Rettung des Nationalstaates“

Fazit

11. Was ist Europa? Die Frage nach der europäischen Identität

Essentialistische europäische Identität

Konstruktivistische europäische Identität

Identitätspolitik der EG/EU und des Europarates

Europa und die Welt

Fazit

12. Immer engere Verflechtung? Gesellschaft und Integration

Angleichungen

Verflechtungen

Fazit

13. Fallbeispiele der Integration

Europäische Währungsintegration: Die Geschichte des Euro

Europäische Verkehrspolitik: Grenzüberschreitender Verkehr

IV. Fazit

Literaturverzeichnis

Register

I. Einführung

Brexit: Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union

Als am frühen Morgen des 24. Juni 2016 das Ergebnis des Referendums über die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreiches in der EU bekannt wurde, war allen Beteiligten klar, dass es sich um eine Zäsur in der Geschichte der Europäischen Integration handelte. Entgegen den Erwartungen der Meinungsforschung hatte sich eine knappe Mehrheit (51,89 %) der Wähler für den „Brexit“ entschieden. Zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Union hatte sich ein Mitgliedstaat zum Austritt aus der Gemeinschaft entschlossen und zudem mit dem Vereinigten Königreich ein politisches und wirtschaftliches Schwergewicht. Weder die Europäische Union noch die britische Regierung waren auf ein solches Ergebnis vorbereitet. Der britische Premierminister David Cameron, der das Referendum lanciert hatte, trat kurz nach der Verkündung des Ergebnisses zurück. Es dauerte neun Monate, bis seine Nachfolgerin Theresa May am 29. März 2017 den Austrittsprozess auch rechtlich einleitete. Nach langen und zähen Verhandlungen und einem weiteren Regierungswechsel in London trat das Vereinigte Königreich zum 1. Januar 2021 aus dem gemeinsamen Binnenmarkt und der Zollunion aus.

Es ist aus geschichtswissenschaftlicher Sicht gewiss noch sehr früh für einen analytischen Zugang zu diesen Ereignissen. Eine fundierte Interpretation wird erst nach der Öffnung der Archive in dreißig Jahren möglich sein. Klar ist allerdings bereits jetzt, dass der „Brexit“ die Geschichte der Europäischen Integration und den Beitritt des Vereinigten Königreiches zur Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1973 in eine neue Perspektive rücken wird. Viele Ereignisse der Vergangenheit erlangen durch so fundamentale Wendungen, wie dem Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU, eine neue Deutung. In diesen Augenblicken wird deutlich, dass die Interpretation der Vergangenheit auch von den Strukturen der Gegenwart geprägt wird. Das von der EU selbst propagierte Ziel einer „immer engeren Union der Völker“ ist durch die britische Entscheidung in Frage gestellt worden. Bislang wurde der Europäische Integrationsprozess davon geprägt, dass sich immer mehr Staaten an der Europäischen Integration beteiligten. Selbst als die EU im Vertrag von Lissabon mit Art. 50 die Austrittsoption eröffnete, geschah dies nicht in der Erwartung, dass ein Mitgliedstaat diese Option ziehen könnte. Das Motiv war vielmehr, so hat es einer der Architekten dieses Artikels bezeichnet, auf den Fall vorbereitet zu sein, dass in einem Land ein autoritäres Regime die Regierung übernehmen könne. An das Vereinigte Königreich allerdings dachte in diesem Zusammenhang niemand. Zudem wollte die Europäische Union der absurden Argumentation einiger Kritiker entgegentreten, sie sei ein auf Zwang basiertes Imperium vergleichbar mit der Sowjetunion.

Auch wenn die Archive noch verschlossen sind, gibt es erste Interpretationen des „Brexit“, die sich vor allem auf die Frage konzentrieren, wann die Entfremdung des Vereinigten Königreiches von der Europäischen Integration begann. So hat die britische Historikerin Anne Deighton argumentiert, dass die britischen Regierungen nach 1945 keine Antwort auf den Zusammenbruch des britischen Empire gefunden hätten. Eine Alternative habe sich zu Beginn der 1950er Jahre geboten, als Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland das supranationale Europa auf den Weg brachten und das Vereinigte Königreich die Mitgliedschaft verweigerte. Auch bei der Gründung des Gemeinsamen Marktes 1957 hätte Großbritannien im Abseits gestanden. Dabei gab es im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und später in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft durchaus die Möglichkeit für eine britische Führungsrolle – wenn man denn in London die Chance genutzt hätte. Als das Land dann 1973 in die Gemeinschaft eintrat, waren die entscheidenden Weichen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht bereits gestellt. Die von den Anhängern des „Brexit“ genutzten Schlagworte von der „globalen Führungsrolle“ Großbritanniens, dem „nationalen Interesse“ und der Idee, an die Stelle des gemeinsamen europäischen Marktes bilaterale globale Handelsabkommen zu setzen, verweisen darauf, so Deighton, dass wesentliche Teile der britischen Gesellschaft den Verlust des Empire und der globalen Führungsrolle des Landes nicht verarbeitet hätten. Noch weiter zurück greift Martin Conway in der Suche nach den Anfängen des „Brexit“. Er sieht den Austritt Großbritanniens aus der EU als das vorläufige Ende eines Prozesses der Entfremdung des Landes vom europäischen Kontinent, die in seinen Augen bereits in den 1930er Jahren begonnen hat. Die europäischen Gesellschaften machten in den 1930er Jahren angesichts der ideologischen Konflikte andere Erfahrungen als die britische und auch die europäischen Exilanten in London während des Krieges, so seine These, hätten eher die Differenzen zur britischen Elite als ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Diese Tendenzen hätten sich nach 1945 noch verstärkt. Der Potsdamer Historiker Dominik Geppert verweist auf einen anderen Aspekt: Die Briten traten der EG 1973 bei, ein Zeitpunkt, als die Gemeinschaft, bedingt durch die Ölpreiskrise und den Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods, in eine wirtschaftliche Rezession geriet. Im Gegensatz zu Frankreich, Italien und der Bundesrepublik Deutschland ist die Mitgliedschaft in der EG daher im Vereinigten Königreich nicht mit einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte verbunden, sondern mit einer lang andauernden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise. Dies, so Geppert, sei die Erklärung dafür, warum die EU in der britischen Gesellschaft nicht die Reputation genießt, die sie in den anderen europäischen Staaten hat. Man könnte die Geschichte des „Brexit“ auch mit dem Europäischen Rat von Fontainebleau vom 25./26. Juni 1984 beginnen, als sich Großbritannien unter der Führung von Premierministerin Margaret Thatcher einen Rabatt in Bezug auf die Finanzierung der EG sicherte und damit eine Sonderrolle innerhalb der Gemeinschaft für sich beanspruchte. Verwiesen wird in diesem Zusammenhang aber auch auf den Vertrag von Maastricht vom 7. Februar 1992, als die Mitgliedstaaten der EG dem Vereinigten Königreich eine „Opt-out-Klausel“ zugestanden, gemäß der das Land nicht an der im Vertrag vereinbarten Europäischen Währungsunion teilnehmen musste. Aber nicht nur der Beginn des Brexit-Prozesses, auch sein Ende ist unklar. Mit dem am 1. Januar 2021 rechtlich vollzogenen Austritt des Vereinigten Königreiches aus dem Binnenmarkt und der Zollunion blieben wesentliche Fragen offen: Dies betrifft beispielsweise den Status von Nordirland und die Zollgrenzen zwischen dem EU-Mitglied Irland und dem Vereinigten Königreich. Auch die Fischereirechte in der Nordsee sind zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich ungeklärt. Die Liste der offenen Fragen ließe sich noch fortsetzen. Es muss also offenbleiben, wann der Prozess des „Brexit“ abgeschlossen sein wird und ob er sich überhaupt abschließen lässt. Alle diese Interpretationen der Geschichtswissenschaft beziehen sich auf die langfristigen Prozesse, die das Referendum vom Juni 2016 prägten. Die Erforschung der spezifischen politischen und gesellschaftlichen Strukturen in der Situation des Jahres 2016 können erst nach Öffnung der Archive in den Blick genommen werden.

Auch in den Sozialwissenschaften haben die Diskussionen darüber, wie der „Brexit“ zu interpretieren ist, begonnen. In dieser Hinsicht stehen verschiedene Ansätze zur Debatte, die alle sicher keine alleinige Geltungsmacht beanspruchen, jedoch in ihrer Gewichtung umstritten sind. In diesem Zusammenhang wird erstens die Arbeitsmigration genannt, die auch von den Protagonisten des „Brexit“ als wichtiges Argument angeführt wurde. Mit der Öffnung der europäischen Arbeitsmärkte 1992 waren in der Tat viele Menschen in das Vereinigte Königreich gekommen, um ihre Dienste dort anzubieten. Der Trend verstärkte sich mit dem Beitritt der osteuropäischen Länder in die EU, der 2004 begann. Im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich öffnete die britische Regierung die Arbeitsmärkte ohne Übergangsfristen. Britische Handwerker sahen sich plötzlich der Konkurrenz von osteuropäischen Dienstleistern ausgesetzt, die ihre Arbeit zu geringeren Preisen anboten. Was die Nachfrager freute, war für die britischen Handwerksbetriebe eine existenzielle Bedrohung. Dabei war es gerade die britische Regierung unter Margaret Thatcher gewesen, die in den 1980er Jahren besonders stark auf die Öffnung der europäischen Märkte gedrängt und die EG vor allem als großen Binnenmarkt wahrgenommen hatte. Allerdings gab es in Großbritannien auch Verlierer dieses Prozesses, die auf die Schließung der Grenzen für Arbeiter aus anderen Ländern drängten. Die Einwanderung war aber nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht umstritten, viele Briten sahen sich – zweitens – auch in ihrer nationalen Identität bedroht. Die Europäische Integration nach dem Zweiten Weltkrieg hatte immer auch auf der Prämisse beruht, dass wirtschaftlicher Wohlstand und soziale Sicherheit wichtiger seien als die nationale Identität. Der Nationalismus galt vielen als Ursache der Weltkriege und erschien politisch und vor allem ökonomisch überholt. Es ist unter Ökonomen bis heute unzweifelhaft, dass der Austritt aus der EU zum Nachteil für große Teile der britischen Wirtschaft ist. Aber für die Anhänger des „Brexit“ spielte dies offenbar keine entscheidende Rolle, weil sie nationale Identität gegenüber dem wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand für wichtiger hielten. Der Vorrang nationaler Identität vor wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit wird auch in anderen europäischen Ländern diskutiert. Eng verbunden mit diesen Argumenten ist drittens eine Interpretation, die den Brexit als spezifisch britische Spielart des europäischen Rechtspopulismus sieht. In allen europäischen Ländern entstanden seit den 2000er Jahren rechtspopulistische Bewegungen, die sich als Vertreter der wahren Interessen des Volkes und damit als Gegner der wirtschaftlichen, politischen und intellektuellen Elite gerierten. Insbesondere im britischen Fall wurde die EU als Ursprung der wichtigsten Probleme der britischen Politik angesehen, wobei auch hier die vermeintlich ungeregelte Einwanderung eine wichtige Rolle spielte. Typisch für den Populismus ist auch die starke innenpolitische Polarisierung, die durch die Brexit-Debatte ausgelöst wurde. Unterstützt wurde dies – viertens – durch eine Medienlandschaft in Großbritannien, die seit jeher stärker als andere europäische Medien euro-skeptisch eingestellt ist. Die politischen Euroskeptiker fanden in den britischen Medien einen Resonanzraum, den es in keinem anderen europäischen Staat gab.

Neben diesen Argumenten werden auch innenpolitische Probleme des Vereinigten Königreiches mit dem „Brexit“ diskutiert. Hierzu gehört die Rolle des Nationalstaates im Kontext von Globalisierung und Europäisierung: Inwieweit können nationale Regierungen angesichts der steigenden Bedeutung von grenzüberschreitenden Märkten und globalen politischen Verflechtungen überhaupt noch überzeugend in die politischen und ökonomischen Prozesse eingreifen? Damit sind andere, ebenfalls weitreichende Fragen der britischen Politik verbunden: Der „Brexit“ wurde eingeleitet durch ein Referendum (zudem noch mit sehr knappem Ausgang), ein Instrument, das in der Geschichte der britischen politischen Verfassung vor dem Hintergrund der Parlamentssouveränität eigentlich nicht vorgesehen ist. Das Unterhaus hat sich zwar später dem Votum angeschlossen, allerdings beeinflusst von dem Argument, dass es die Demokratie beschädigen würde, wenn das Parlament sich gegen das Ergebnis eines Referendums stellen würde. Ein anderes eng mit dem „Brexit“-Referendum verbundenes Problem sind die Konflikte zwischen den britischen Teilstaaten: Während England (abgesehen vom Großraum London) sich stark für den Austritt aussprach, plädierte die deutliche Mehrheit der Schotten für den Verbleib in der EU. Das Ergebnis hat die schottischen Debatten um einen Austritt aus der britischen Union neu belebt.

Der Aufbau dieses Buches

Wie ein Brennglas verdeutlicht daher die Debatte um den „Brexit“ die komplexe Struktur der Europäischen Integration, die in diesem Band analysiert werden soll. Insofern eignet sich der „Brexit“ sehr gut als Einstieg in dieses Buch, dessen Ziel es ist, eine Zwischenbilanz zu ziehen, und einen Überblick über die wichtigsten Debatten der Europäischen Integrationsforschung aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive zu geben. Es versteht sich von selbst, dass es angesichts der Vielfalt keine Vollständigkeit geben kann. Es handelt sich nicht um einen Forschungsbericht, der den Debatten viel stärker in ihren Verästelungen nachgehen müsste. Die am Ende des Buches genannte Forschungsliteratur lädt dazu ein, diesen Verästelungen zu folgen.

Grundsätzlich ist der Band chronologisch strukturiert. Das erste Kapitel nach der definitorischen Eingrenzung im Kapitel II Was ist Europäische Integration? beginnt im frühen 19. Jahrhundert, als die Europäische Integration einsetzte. Nicht nur, dass mit der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt 1815 die erste internationale Organisation im modernen Sinne gegründet wurde, auch wichtige Diskussionen um die Verflechtung von Wirtschaft und Staat, die die Debatten bis heute prägen, begannen hier. Insgesamt wird das 19. Jahrhundert inzwischen nicht mehr nur in ideengeschichtlicher Hinsicht als erste Phase der Europäischen Integration gesehen. Auch die Forschung über die Europäische Integration in der Epoche der Weltkriege hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Längst geht es nicht mehr nur um die Europa-Pläne dieser Zeit, sondern um die Frage der Kontinuität und Diskontinuität über die Epochengrenze von 1945 hinweg und auch um gesellschaftlich-kulturelle Verflechtungen in den Besatzungsgesellschaften des Zweiten Weltkrieges. Während der Weltkriege wurden zudem – insbesondere im Bereich der Infrastrukturen – Konzepte entwickelt und umgesetzt, an die in den 1950er Jahren sehr konkret angeknüpft wurde. Die Zeit zwischen 1945 und den frühen 2000er Jahren steht im Mittelpunkt der folgenden Kapitel 7 bis 12. Angesichts der Vielfalt der Perspektiven sind diese Kapitel in verschiedene Unterkapitel aufgeteilt, die einzelne Aspekte der Europäischen Integration beleuchten. Das gilt für die Rolle der nationalen Regierungen in der Integration, für die Wirtschaft, die Gesellschaft, aber auch für Fragen, die in den letzten Jahren immer wieder gestellt wurden. Hierzu gehört jene nach der Legitimation der Europäischen Organisationen, das Problem der europäischen Identität und die Frage nach den Auswirkungen der Europäischen Integration auf die europäischen Staaten und ihre Gesellschaften. In Kapitel 13 schließlich wird die Perspektive verändert. Analog zu den sozialwissenschaftlichen Politikfeldanalysen werden nun mit der Währungspolitik und der Verkehrspolitik zwei Teilbereiche der Integration vorgestellt. Ziel ist es, hier zu zeigen, wie eng die verschiedenen zuvor analytisch getrennt geschilderten Aspekte der Europäischen Integration in einem konkreten Politikfeld zusammenwirken. So kann im Bereich der Währungspolitik ebenso wie der Verkehrspolitik gezeigt werden, wie wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche und kulturelle Kategorien in einem Politikfeld zusammenwirkten, sich wechselseitig beeinflussten und dynamisch entwickelten. Der Preis für diesen Perspektivwechsel sind allerdings einzelne Redundanzen, viele Argumente aus den vorherigen Kapiteln werden hier wieder auftauchen, nun allerdings mit konkretem Bezug zum jeweils beschriebenen Politikfeld.

II. Was ist Europäische Integration?

Der Begriff der Europäischen Integration wird in Wissenschaft und Öffentlichkeit in vielfacher Hinsicht verwendet. Oft wird hierunter der Prozess der Vereinigung Europas in verschiedenen Politikbereichen seit 1945 verstanden. Das allerdings ist eine grobe Vereinfachung. Ziel dieses Kapitels ist es, den Begriff der Europäischen Integration analytisch zu hinterfragen und einzuordnen. Am Ende wird nicht eine abschließende Definition stehen, die kann es nicht geben. Wichtig ist es vielmehr, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass je nach Perspektive die Begriffe „Europäische Integration“ und „Europa“ unterschiedliche Bedeutungen erlangen können. Im zweiten Abschnitt werden die Prozesse der Integration in den Fokus gestellt. Wann begann die Europäische Integration und wann endet sie? Schließlich soll ein kursorischer Überblick über die geschichtswissenschaftliche Forschung zur Europäischen Integration gegeben werden.

Seit mehr als zweihundert Jahren streiten Geographen darüber, wo der Mittelpunkt Europas liegt. 1775 berechnete ein polnischer Geograph, dass der im heutigen nordöstlichen Polen liegende Ort Suchowola den Mittelpunkt des Kontinents markiert. 1887 lokalisierten Geographen der Habsburger-Monarchie die Mitte Europas in einem Dorf namens Dilowe in der Nähe der Stadt Rachiw in der heutigen Ukraine unweit der rumänischen Grenze. Deutsche Geographen fanden den Mittelpunkt Europas um 1900 auf einem Platz in der Nähe der Frauenkirche in Dresden. Im 20. Jahrhundert wurde die Suche fortgesetzt. Zahlreiche Orte bezeichnen sich nun als Mittelpunkt Europas, vom estnischen Dorf Mönnust auf der Insel Saaremaa im Norden bis zum ungarischen Kremnické Bane als südlichstem Punkt. Abgesehen davon, dass der jeweils festgestellte Mittelpunkt des Kontinents oft im Heimatland der Geographen lag, ist es offenbar schwer, einen solchen überhaupt zu finden. Etwas einfacher ist es mit der Europäischen Union. Deren Mittelpunkt lag bis 2004 bei der belgischen Ortschaft Viroinval nahe der französischen Grenze. Mit der Osterweiterung wanderte der Mittelpunkt nach Osten und befand sich bis 2020 in Westerngrund in der Nähe von Aschaffenburg. Mit dem Austritt Großbritanniens befindet sich der geographische Mittelpunkt der Europäischen Union in der Gemeinde Veitshöchheim bei Würzburg.

1. Politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Integration

Diese wissenschaftlich gewiss nicht immer ernsthafte, aber touristisch durchaus bedeutsame Diskussion zeigt vor allem, dass die Grenzen Europas nicht in objektiver Weise zu benennen sind. Schon die rein geographische Beschreibung des Kontinents wirft Probleme auf. Im Westen und Norden sind die Grenzen Europas noch recht einfach, hier sind der Atlantische Ozean und das Nordmeer maßgebend. Auch im Süden kann das Mittelmeer als Grenze herangezogen werden. Schwieriger wird es bereits im Südosten: Gehören die westlichen Teile der Türkei noch zu Europa, oder ist das bereits Asien? Diese Frage erhebt sich umso dringlicher im Osten des Kontinents: Endet Europa tatsächlich am Ural? Dies würde bedeuten, dass der westliche Teil Russlands zu Europa gehören würde, die östlichen Landesgebiete aber nicht. Mit den Instrumenten der Geographie lässt sich Europa offenbar nicht eindeutig beschreiben.

Kaum anders wird die Situation, wenn man Europa unter politischen Aspekten betrachtet. Unter politischer Integration werden jene Prozesse verstanden, die zu einer formellen Institutionalisierung, das heißt zu einer internationalen Organisation oder einem multilateralen völkerrechtlichen Vertrag, und damit zu einer Konzentration von Macht führen. Internationale Organisationen sind also Bestandteil der internationalen Beziehungen und des Völkerrechts. Mit der politischen Europäischen Integration beschäftigen sich daher auch die Rechtswissenschaft, insbesondere das Europarecht und auch die Politikwissenschaft. Hinter der Gründung einer internationalen Organisation stehen immer politische Interessen und Entscheidungen von Regierungen. Die Akteure der politischen Integration sind Regierungen, internationale Organisationen, aber auch hohe Beamte, Parlamentarier oder politische Parteien. Die internationalen Organisationen in Europa haben unterschiedlichen Charakter. Zum einen gibt es intergouvernementale Organisationen, in denen die Regierungen der Nationalstaaten in konkreten Politikfeldern kooperieren, in ihrer nationalen Souveränität jedoch nicht eingeschränkt werden. Die Mitgliedstaaten haben daher in den entscheidenden Gremien ein Veto-Recht. Zum anderen ist die Europäische Union in wichtigen Teilbereichen eine supranationale Organisation, das heißt, die Mitgliedstaaten haben der Gemeinschaft wesentliche nationale Kompetenzen übertragen. Bei Abstimmungen gilt das Mehrheitsrecht, das heißt, ein Mitgliedstaat kann auch überstimmt werden. Die Europäische Union ging aus der 1952 gegründeten Montanunion und der 1958 gegründeten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hervor. In dieser Zeit war „Europa“ in der Wahrnehmung oft identisch mit Westeuropa. Erst mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums wurde auch der Osten des Kontinents in diesen Prozess eingebunden. Die Grenzen der EU lassen sich auf den ersten Blick klar bestimmen. Allerdings gibt es eine Reihe von Territorien, die eng mit der EU und einzelnen ihrer Politikfelder verbunden sind, ohne Mitglied zu sein. Norwegen ist nicht Mitglied der Europäischen Union, hat aber dank eines Sondervertrages mit der EU Zugang zum Gemeinsamen Markt. Ähnlich ist die Situation der Schweiz. Die Eidgenossenschaft ist ebenfalls nicht Mitglied der EU, allerdings übernahm die Schweizer Regierung im Rahmen von bilateralen Verträgen bis vor kurzem wesentliche Bestandteile des Rechtssystems der EU, so auch das Abkommen von Schengen, das die Grenzkontrollen innerhalb der EU abschaffte. Die Türkei ist seit 1963 Mitglied des gemeinsamen europäischen Gütermarktes, allerdings nicht der Märkte für Kapital, Dienstleistungen und Arbeit. Noch einmal anders ist die Situation vieler ehemaliger Kolonien von Mitgliedstaaten der EU. Viele dieser meistens afrikanischen Staaten sind mit der EU über völkerrechtliche Verträge assoziiert und genießen einen Sonderstatus in den Beziehungen zur Gemeinschaft. Auch mit Staaten wie der Republik Moldau und Georgien hat die EU Assoziationsabkommen geschlossen.

Auch wenn sie dominant ist, die EU ist nicht die einzige internationale Organisation in Europa. Eine Pionierrolle übernahm der 1949 gegründete Europarat, in den vor allem die Europabewegung der 1940er Jahre große Hoffnungen setzte. Von zehn Staaten gegründet, umfasst der Europarat gegenwärtig 47 europäische Staaten. Seine Hauptaufgabe ist es gemäß der Satzung, „einen engeren Zusammenschluss unter den Mitgliedern zu verwirklichen“. Konkret beschäftigt sich der Europarat insbesondere mit kulturpolitischen Fragen. Eine wichtige Rolle im Völkerrecht nimmt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Rahmen des Europarates ein. Nimmt man den Europarat zum Maßstab, so zählen die Republik Moldau (seit 1995), Georgien (seit 1999) und Aserbeidschan (seit 2001) zu Europa. Die Türkei ist ebenfalls Mitglied dieser Organisation, doch wurde dem Staat das Stimmrecht in der parlamentarischen Versammlung nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 entzogen und erst nach den freien Wahlen 1984 wieder zurückgegeben. Russland wurde nach dem Angriff auf die Ukraine am 15. März 2022 aus dem Europarat ausgeschlossen.

Ein anderes Beispiel ist die 1949 gegründete NATO (North Atlantic Treaty Organisation). Sie besteht ebenfalls zum großen Teil aus europäischen Staaten und wurde zwischen 1999 und 2004 noch einmal erheblich erweitert. In der NATO spielen die USA eine Schlüsselrolle, vor allem wegen ihrer überragenden militärischen Bedeutung. Dennoch hat die NATO eine starke europäische Dimension, sie wird oft mit „dem Westen“ – verstanden als Wertegemeinschaft – gleichgesetzt. Eine weitere internationale Organisation in Europa ist die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD), die aus der Marshallplan-Organisation hervorging. Sie umfasst heute 36 Mitgliedstaaten in Europa und Nordamerika.

Die Liste internationaler Organisationen in Europa könnte noch fortgesetzt werden. Insgesamt ist deutlich geworden, dass, auch wenn etwa die Europäische Union oder der Europarat immer wieder den Anspruch erhoben, „Europa“ zu repräsentieren, es keine klaren Grenzen des Kontinents in politischer Hinsicht gibt. Es gibt allerdings einen Kern von Staaten, die in allen oder doch den meisten der genannten Organisationen vertreten sind.

Ähnlich komplex sind die wirtschaftlichen Grenzen Europas. Von wirtschaftlicher Integration spricht man, wenn Märkte über politische Grenzen hinweg miteinander verflochten sind. Märkte sind in der Ökonomie jene Orte, auf denen die Nachfrage nach einem Gut mit dem Angebot zusammentrifft. Durch Verhandlungen entsteht auf Märkten der Preis, zu dem gehandelt wird. Immer dann also, wenn Menschen über politische Grenzen hinweg miteinander Handel treiben, spricht man von wirtschaftlicher Integration. Das Ergebnis der wirtschaftlichen Integration ist der freie Austausch von Gütern, Arbeit, Kapital und Dienstleistungen über politische Grenzen hinweg. Akteure der wirtschaftlichen Integration sind daher auch die Akteure auf den Märkten: Anbieter von Gütern, Kapital, Arbeit und Dienstleistungen auf der einen Seite und Nachfrager nach diesen Gütern auf der anderen. Wirtschaftliche Integration ist sehr dynamisch. Transnationale Märkte können schnell entstehen, sich aber ebenso schnell wieder auflösen, wenn das Interesse der Menschen an einem Gut verschwindet. Bisweilen wird auch zwischen wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Integration differenziert: Unter wirtschaftspolitischer Integration werden jene Aktivitäten von Regierungen und öffentlichen Administrationen verstanden, die dazu führen, dass es wirtschaftliche Integration gibt. Dies kann der Abbau von Zöllen an politischen Grenzen sein oder auch die Gründung einer internationalen Organisation zur Erleichterung des Handels. So haben beispielsweise die Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 einen gemeinsamen Markt gegründet, das heißt, die Handelsschranken an den politischen Grenzen wurden schrittweise abgebaut, so dass ab 1967 die Gütermärkte zwischen diesen Staaten völlig liberalisiert waren. Seit 1992 sind auch die Märkte für Kapital, Arbeit und Dienstleistungen innerhalb der EU völlig frei. Dafür haben diese Staaten einen gemeinsamen Außenzoll gegenüber Drittstaaten. Allerdings sind auch in diesem Fall die Grenzen fließend: 1960 wurde unter britischer Führung die European Free Trade Association (EFTA) als Freihandelszone gegründet. Nachdem wesentliche Mitglieder, vor allem das Vereinigte Königreich, 1973 zur EG beigetreten waren, bestand die EFTA nur noch aus Liechtenstein, Norwegen, der Schweiz und Island. Diese gründeten 1995 gemeinsam mit den EU-Staaten den Europäischen Wirtschaftsraum (die Schweiz gehört nicht dazu). So entstand ein äußerst kompliziertes Geflecht aus Binnenmarkt und Freihandelszone, das seine geographische Gestalt zudem immer wieder änderte. Ähnlich wie bei der politischen Europäischen Integration kann in wirtschaftlicher Hinsicht ein Integrationskern festgestellt werden, der den westlichen Teil des europäischen Kontinents mit den Benelux-Ländern, der Bundesrepublik Deutschland, Italien, Großbritannien und Frankreich umfasst. Er ist dadurch gekennzeichnet, dass in diesem Bereich der wechselseitige Handel über die Grenzen seit einigen Jahrzehnten stabil und ausgeglichen ist. Dagegen war der Handelsaustausch mit der Peripherie um diesen Raum asymmetrisch: Der europäische Kern exportierte immer mehr Kapital in die Peripherie als von dort importiert wurde, dagegen zog der Kern immer deutlich mehr Arbeitskräfte aus der Peripherie an als nach dort abwanderten. Man kann daher in wirtschaftlicher Hinsicht durchaus von einer Peripherie und einem Kern Europas sprechen. Die Fluidität der Grenzen in Europa gilt auch für die Wirtschaftsordnungspolitik. Oft wird Europa in dieser Hinsicht mit dem Sozialstaat identifiziert, der als typisch europäische Errungenschaft gilt. Dies ist insofern richtig, als tatsächlich nahezu alle europäischen Staaten im Vergleich zu anderen Wirtschaftsregionen der Welt ein Wirtschaftsmodell haben, in dem die staatlich garantierte soziale Sicherheit eine große Rolle spielt. Andererseits täuscht eine solche Beschreibung Europas darüber hinweg, dass die Ausgestaltung der nationalstaatlichen Wirtschaftssysteme jenseits dieser allgemeinen Übereinstimmung sehr unterschiedlich ist. „Europa“ über wirtschaftsordnungspolitische Kriterien zu bestimmen, ist daher sehr schwierig, zumal diese auch immer in der Diskussion sind.

Ähnlich sind die Strukturen der gesellschaftlichen Integration. Hierunter versteht man die Verflechtung zivilgesellschaftlicher Akteure über politische Grenzen hinweg. Immer dann, wenn zivilgesellschaftliche Gruppen ohne wirtschaftliche Interessen Kontakte über Grenzen hinweg aufbauen, wird gesellschaftliche Integration betrieben. Bisweilen ist das mit der Institutionalisierung dieser Kontakte verbunden, das muss aber nicht sein. Wichtige Bereiche der gesellschaftlichen Integration in Europa betreffen den Sport, die Bildung oder auch das kulturelle Leben. Auch Reisen oder Städtepartnerschaften gehören in diesen Kontext. Alle diese Aktivitäten führten dazu, dass Menschen über politische Grenzen hinweg Kontakt zueinander aufnahmen. Ähnlich wie die wirtschaftliche Integration ist auch die gesellschaftliche Integration sehr dynamisch. Kontakte können ebenso schnell aufgebaut wie abgebrochen werden. Hauptakteure sind alle Mitglieder der Zivilgesellschaft, die nicht kommerzielle Interessen bei grenzüberscheitenden Kontakten verfolgen. So wie bei der wirtschaftlichen Verflechtung kann auch die gesellschaftliche Verflechtung über Grenzen von staatlichen Akteuren begünstigt und behindert werden. Beispielsweise hat sich der Austausch von Studierenden seit der Einführung des ERASMUS-Programms Ende der 1980er Jahre stark intensiviert. Umgekehrt können staatliche Regulierungen (beispielsweise im Vereinsrecht) grenzüberschreitende gesellschaftliche Kontakte auch behindern.

Immer wieder wurde in der Öffentlichkeit und in der Forschung darüber diskutiert, ob es eine europäische Gesellschaft gebe. Die Kriterien für eine solche können sehr verschieden sein: Ein wichtiges Kriterium sind gesellschaftliche Makrostrukturen, die sich in Konsum und Bildung, religiösen Praktiken und ethischen Werten, Berufswegen und familiären Strukturen erfassen lassen. Auch wenn es in den letzten dreißig Jahren Annäherungen gegeben hat, lassen sich in dieser Hinsicht verschiedene Räume in Europa ausmachen. Ein westeuropäischer Raum, der durch Großbritannien, die Benelux-Staaten, Skandinavien, die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich gebildet wird, gilt als Schrittmacher der Integration. Hiervon unterschieden wird ein südeuropäisch-mediterraner Raum, der aus Portugal, Spanien, Italien und Griechenland besteht und den Schrittmachern mit geringem Abstand folgt. Schließlich gibt es einen ostmitteleuropäischen Raum, der bis nach Belarus und in die Ukraine reicht und auch den Balkan einschließt. Alle drei Räume entwickeln sich seit den 1990er Jahren in Bezug auf die gesellschaftlichen Strukturen rasant, ohne dass von einer europäischen Gesellschaft gesprochen werden könnte. Andererseits gibt es zwischen diesen drei Räumen auch gemeinschaftliche gesellschaftliche Strukturen, die sie von anderen Räumen etwa in Fernost, in Afrika oder den beiden Amerikas unterscheidet. Ein anderes, immer wiederkehrendes Argument gegen die Existenz einer europäischen Gesellschaft ist das Fehlen einer transnationalen europäischen medialen Öffentlichkeit. Hierunter versteht man einen durch Medien geschaffenen gemeinsamen Kommunikationsraum der Menschen, so wie er für moderne Nationen bedeutsam ist. Es gibt aber, so das Argument, keine transnationalen Medien in Europa und daher auch keine europäische Öffentlichkeit. Die wenigen Ausnahmen – etwa der deutsch-französische Fernsehsender ARTE – werden nur von einer Minderheit genutzt. So wie die vorangehenden Argumente ist auch dies richtig, bedarf aber der Differenzierung. Transnationale mediale Öffentlichkeiten existieren in Europa durchaus, allerdings temporär und oft ereignisbezogen. Beispiele sind große internationale Sportveranstaltungen, übernationale politische Ereignisse oder auch Katastrophen. Die neuere Forschung hat gezeigt, dass sie jeweils für einen gewissen Zeitraum einen transnationalen Kommunikationsrahmen schufen, ohne dass es hierfür transnationaler Medien bedarf. Das Problem für die hier im Zentrum stehende Frage, was denn „Europa“ eigentlich ist, kann hierdurch allerdings auch nicht beantwortet werden.

In kultureller Hinsicht ist die Situation noch komplexer. Unter kultureller Integration versteht man die Debatte um die Identität Europas. Seit Jahrhunderten wird der Begriff „Europa“ immer wieder mit Bedeutung versehen, ohne dass es bislang zu einer abschließenden Definition kam. Europa war für die einen Aufklärung und technischer Fortschritt, andere verstanden hierunter das Erbe von Antike und Christentum. Manche sehen Europa verwirklicht in Literatur, Kunst und Architektur, wieder andere verbinden mit Europa politische Werte. Letztlich geht es bei der kulturellen Integration also einerseits um eine Selbstdefinition der Europäer. Andererseits wurde Europa aber auch immer wieder von außen definiert. Afrikaner, Asiaten und Amerikaner benutzten den Begriff ebenso und belegten ihn wiederum mit verschiedenen Inhalten. Auch diese Diskussionen um die europäische Identität sind Bestandteil Europäischer Integration, weil es offenkundig ein großes Interesse von Menschen daran gibt, Europa zu definieren und mit Bedeutung zu versehen. Europa, so hat Wolfgang Schmale treffend formuliert, „ist da, wo Menschen von Europa reden und schreiben, wo Menschen Europa malen oder in Stein meißeln, oder anders ausgedrückt, wo Menschen Europa imaginieren und visualisieren, wo Menschen in Verbindung mit dem Namen und dem Begriff Europa Sinn und Bedeutung konstituieren.“1 Europa ist in kultureller Hinsicht damit das, was der Nationalismus-Forscher Benedict Anderson als „vorgestellte Gemeinschaft“ beschrieben hat: Eine Gruppe von Menschen, die sich auf der Basis selbst gewählter Kriterien als Gemeinschaft empfindet und damit erst die Gemeinschaft konstruiert. Legt man diesen Ansatz zu Grunde, hat das für die Frage, was Europa sei, zwei Konsequenzen: Zum einen wird deutlich, dass es keine abschließende Definition von Europa geben kann. Seit der Entstehung des Begriffes in der Antike haben Menschen dem Begriff Europa immer wieder neue Bedeutungen gegeben und so wird es auch in Zukunft bleiben, solange der Begriff benutzt werden wird. Jede Generation wird sich ihren Begriff von Europa machen. Zweitens kann es aber auch gleichzeitig verschiedene Deutungen von Europa geben. Was Europa bedeutet, ist also ein permanenter Aushandlungsprozess, in dem sich immer konkurrierende Deutungen gegenüberstehen. Damit sind wiederum bestimmte politische, wirtschaftliche oder auch kulturelle Interessen verbunden. Selbstverständlich lassen sich auch in kultureller Hinsicht keine klaren Grenzen Europas definieren.

Es versteht sich von selbst, dass die hier vorgenommenen begrifflichen Eingrenzungen heuristische Konstrukte sind, die dazu dienen, Europäische Integration als (geschichts-) wissenschaftlichen Forschungsgegenstand erst zugänglich zu machen. Tatsächlich sind wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche und kulturelle Integration engstens miteinander verflochten, beeinflussen und bedingen einander.

2. Prozesse der Europäischen Integration

Die Frage, wann die Europäische Integration begann, hängt stark davon ab, welchen Begriff von Europäischer Integration man wählt. Es spricht aber viel dafür, dass die Europäische Integration, legt man die oben genannten vier Kategorien zu Grunde, um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert begann. Diese Zeit war sehr stark geprägt von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozessen und wird daher in der Geschichtswissenschaft als „Sattelzeit“ bezeichnet, in der das moderne Europa entstand. Wichtig hierfür waren zwei Voraussetzungen: Einerseits begann die Durchsetzung des modernen Nationalstaates im Kontext der französischen und amerikanischen Doppelrevolution. Die Anhänger des Nationalprinzips traten nun mit dem Anspruch auf, dass die Nationalstaaten die Grundlage für die politische Organisation Europas waren. Sie verstanden darunter eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Einheit, die territorial begrenzt war. Auch wenn sich diese Vorstellung von politischer Ordnung nicht vollständig umsetzen ließ, prägt sie seither in starkem Maße das europäische Politikverständnis. Andererseits veränderte sich mit der Industriellen Revolution und dem sich mit ihr durchsetzenden Kapitalismus in Europa die Organisation der Wirtschaft. Die Produktion wurde mechanisiert und spezialisiert, Rohstoffe wurden nun aus fernen Regionen herangeschafft, Fertigprodukte in anderen Regionen verkauft. Dies führte zu einer starken Ausweitung des Fernhandels. Auch das hiermit verbundene Prinzip des Kapitalismus setzte sich seither in Europa weitgehend durch. Beide Prozesse, die politisch-kulturelle Konzentration auf die Nation und die Entgrenzung der Wirtschaft, führten zu Konflikten, die durch neue Organisationen im 19. Jahrhundert geregelt werden mussten. Während das Nationalprinzip politische und kulturelle Grenzen definierte und markierte, drängte der Kapitalismus genau im Gegenteil auf Entgrenzung. Die meisten internationalen Organisationen des 19. Jahrhunderts entstanden daher im Bereich der Infrastrukturen. Der zunehmend transnationale Handel musste politisch-administrativ reguliert werden, damit er reibungslos funktionierte. Die internationalen Organisationen dienten daher dazu, die beiden Mega-Prozesse der Zeit, die Entstehung und Durchsetzung des Nationalstaates und die Entgrenzung der Wirtschaft, miteinander zu vereinbaren. Dies ist ein wichtiges Ziel der Europäischen Union bis in die Gegenwart. Ein konstituierendes Element der EU ist der Erhalt des Gemeinsamen Binnenmarktes, gleichzeitig sind die nationalen Regierungen „Herrinnen des Verfahrens“ und bestimmen über den Europäischen Rat die EU-Politik in starkem Maße.

Nicht nur in Bezug auf die Strukturen, auch hinsichtlich der Ziele finden sich wichtige Kontinuitäten der Europäischen Integration vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das 1815 etablierte „Konzert der Mächte“ diente vor allem dem Ziel, einen großen Krieg zu verhindern. Hiermit war eine Institutionalisierung von Recht jenseits der Einzelstaaten verbunden, die in vielerlei Hinsicht im 20. Jahrhundert fortgesetzt und weiterentwickelt wurde. Es gab gleichwohl wichtige Unterschiede: Beteiligt waren im 19. Jahrhundert nur Großmächte, der Krieg an sich wurde nicht geächtet und die nationale Souveränität der Großmächte nicht eingeschränkt. Zudem waren die Integrationsschritte im 19. Jahrhundert nicht mit dem Wunsch nach einem europäischen Staat (wie auch immer strukturiert) verbunden. Von diesem sprachen im 19. Jahrhundert einige Intellektuelle, in der Politik der Regierungen spielte diese Vorstellung keine Rolle.

Eine neue Phase der Europäischen Integration begann mit dem Ersten Weltkrieg. In wirtschaftlicher Hinsicht war die Europäische Integration durch die Schließung der Grenzen bei Kriegsbeginn 1914 beendet worden. Es erwies sich auch in den 1920er und 1930er Jahren als schwierig, an die Vorkriegssituation anzuknüpfen. In politischer Hinsicht wurden die Institutionen wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Das gilt einerseits für den Völkerbund, der die Institutionalisierung internationaler politischer Kooperation mit dem Ziel des Friedenserhalts weiterentwickelte. Neu war in dieser Phase ein Motiv, das es im 19. Jahrhundert nicht gegeben hatte: Europäische Einigung wurde nun auch gefordert, um Europa eine Stimme in den neuen Strukturen der Weltpolitik zu geben. Der Aufstieg der USA, die Revolution in Russland und die Dekolonisierung waren hierzu der Hintergrund. Wichtig war auch – dies als Kontinuität vom 19. Jahrhundert – die technische Entwicklung vor allem der Infrastrukturen. Die europäischen Organisationen für die Binnenschifffahrt, den Straßenbau und die Eisenbahn wurden wieder aufgenommen und weitergeführt. Das gilt mit Einschränkungen auch für die Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Das Ende des Krieges 1945 markierte einen weiteren Einschnitt in der Geschichte der Europäischen Integration. Drei Charakteristika prägten von nun an den Prozess: Zum einen spielten die USA in West- und die Sowjetunion in Osteuropa entscheidende Rollen für die Integrationsprozesse. Ohne die Konfrontation des Ost-West-Konfliktes hätte die Europäische Integration eine andere Form angenommen. Zum anderen konkurrierten in Westeuropa verschiedene Modelle Europäischer Integration und es war bis ca. 1970 nicht klar, welche konkrete Form die Europäische Integration annehmen würde. Das betraf verschiedene Organisationen, so gab es beispielsweise den Europarat, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und auch die European Free Trade Association, die verschiedene Ansätze repräsentierten. Erst mit dem Haager Gipfel im Dezember 1969 und dem folgenden Beitritt Großbritanniens, Dänemarks und Irlands zur EG wurde klar, dass diese künftig eine dominante Rolle in der Europäischen Integration spielen würde. Man kann daher zwischen 1945 und 1970 von einer experimentellen Phase der Europäischen Integration sprechen. Schließlich setzte sich mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (1952) und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (1958) das Prinzip der Supranationalität durch. Das bedeutet, dass die Mitgliedstaaten Teile ihrer staatlichen Kompetenzen an die europäischen Organisationen delegierten. Durch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes wurde diese Tendenz noch einmal verstärkt. Das Prinzip wurde zu Beginn der 1950er Jahre nicht erfunden, bereits im 19. Jahrhundert war es diskutiert und in Teilbereichen auch angewandt worden. Nun wurde es aber zu einem völkerrechtlich-politischen Charakteristikum der EG.

Die bislang letzte Phase der Europäischen Integration begann in den 1970er Jahren und dauert bis heute an. Sie war einerseits geprägt durch die starke Dominanz der EG, die sich ab 1992 als Europäische Union bezeichnete. Charakteristisch war, dass die EG/EU nun nicht mehr nur den Anspruch erhob, wirtschaftliche Probleme zu regeln, sondern auch wichtige politische Funktionen übernahm. Ihre institutionelle Struktur veränderte sich vor allem zwischen 1974 (Entstehung des Europäischen Rates der Staats- und Regierungschefs) und 2009 (Vertrag von Lissabon) grundlegend. Neben dem Europäischen Rat gewann auch das Europäische Parlament massiv an Bedeutung. Andererseits erweiterte sich die EG/EU in diesem Zeitraum stark. Aus den sechs Staaten des Jahres 1970 wurden bis heute 27. Die Europäische Union ist daher sehr viel heterogener und vielfältiger geworden. Schließlich hat sich auch die Rolle der EG/EU in der Welt verändert. Dies gilt auch für die internationale Handels- und Währungspolitik. Der Gemeinsame Europäische Markt und der Euro haben globale Bedeutung und gegenüber den USA, China und global operierenden Unternehmen auch ein erhebliches Machtpotential. Auch für afrikanische Staaten ist die EU ein wichtiger Akteur geworden.

3. Antriebskräfte der Europäischen Integration

Wodurch wurde die Europäische Integration vorangetrieben? Die Forschung hat aufbauend auf dem Konzept der „Forces Profondes“ des französischen Historikers Pierre Renouvin auch für die Europäische Integration verschiedene Antriebskräfte und Motive herausgearbeitet, die diesen Prozess in den letzten 220 Jahren vorangetrieben haben. Diese Kräfte waren nicht immer gleichmäßig vorhanden, einige setzten erst spät ein, andere waren vorübergehend nicht so bedeutsam, bisweilen wirkten diese Kräfte auch gegensätzlich. Das erste wichtige Motiv ist das des Friedenserhalts. Europäische Integration wurde seit dem frühen 19. Jahrhundert genutzt, um gewaltsame Konflikte zwischen den beteiligten Staaten nach Möglichkeit zu verhindern. Ein zweites, eng mit dem Friedenserhalt verbundenes Motiv war die Lösung der Deutschen Frage. Diese bezieht sich auf die Tatsache, dass Deutschland (in welcher politischen Verfassung und welchen Grenzen auch immer) seit dem frühen 19. Jahrhundert aufgrund seiner politisch-ökonomischen Macht und seiner geographischen Lage eine potentielle Hegemonie in Europa ausübt, die allerdings von den anderen Staaten nicht ohne weiteres hingenommen wird. Gleichzeitig sind die deutschen Staaten immer zu schwach gewesen, um Europa – vergleichbar mit den USA auf dem nordamerikanischen Kontinent – zu führen. Aus diesem Dilemma der „halben Hegemonie“ (Ludwig Dehio) war die Europäische Integration ein Ausweg. Ein drittes wichtiges politisches Motiv war die Selbstbehauptung Europas in der Welt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es erstmals formuliert, als vielen Menschen in Europa klar wurde, dass der Kontinent seine im 19. Jahrhundert noch als selbstverständlich wahrgenommene Führungsrolle in der Welt verloren hatte. Mit den USA und der Sowjetunion entstanden zwei Staaten, die die alten europäischen Großmächte als globale Ordnungsmächte ablösten. Hieraus erwuchs die Erkenntnis, dass, wenn die europäischen Staaten noch eine Rolle auf der Ebene der Weltpolitik und der Weltwirtschaft spielen sollten, sie dies nur gemeinsam machen können. Nur zusammen entwickeln die europäischen Staaten ein Potential, das dem der USA, der damaligen Sowjetunion und dem heutigen China ebenbürtig ist. Auf dem wirtschaftlichen Sektor setzte sich im 19. Jahrhundert die Erkenntnis durch, dass der Freihandel und die wirtschaftliche Integration langfristig zu steigendem Wohlstand führten. Schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Europa nur noch wenige Handelsbarrieren. In der Epoche der Weltkriege wurde der Freihandel als Gefahr gesehen. Nach 1945 begann wieder eine schrittweise Liberalisierung, die in den 1990er Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Auch der Wunsch nach wirtschaftlichem Wohlstand war eine wichtige Antriebskraft der Europäischen Integration. Im gesellschaftlichen Bereich ist es der Wunsch der Menschen nach grenzüberschreitenden Kontakten, der die Integration vorantreibt. Dies können Reisen sein, das Bedürfnis, sich im Sport zu messen oder auch die Suche nach Bildung und wissenschaftlicher Erkenntnis. Schließlich gibt es offenbar ein Bedürfnis der Menschen nach europäischer Identität. Die Suche nach dem, was Europa ausmacht, gehört auch zu den Antriebskräften der Europäischen Integration. Neben diesen langfristig wirksamen Motiven und Antriebskräften der Europäischen Integration gibt es noch weitere, die allerdings punktuell wirksam waren.

4. Forschungstendenzen

Auch in Bezug auf die Forschung zur Europäischen Integration ist die Einteilung in eine politik-, wirtschafts-, gesellschafts- und kulturhistorische Forschung sinnvoll. Natürlich gilt auch hier, dass die Grenzen zwischen den Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft fließend sind und dass sie sich wechselseitig beeinflussen.2

Die politikhistorische Europäische Integrationsgeschichte war in ihren Anfängen im Zweiten Weltkrieg eng mit der politischen Entwicklung des Kontinents verbunden und bisweilen auch normativ. Im Zentrum des Werkes von David Mitrany stand die Frage, wie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der Frieden in Europa gesichert werden könnte.3 Er plädierte dafür, dass eine internationale Organisation nicht nur Regierungen, sondern auch die Gesellschaften der Nationalstaaten miteinander verbinden müsste, um dieses Ziel zu erreichen. Dieses Konzept wurde als Funktionalismus bezeichnet. Die Verflechtung der nationalen Gesellschaften war ein politisches Programm, um den Frieden in Europa zu erhalten. Alternativ dazu wurde auch noch im Zweiten Weltkrieg das Konzept eines europäischen Föderalismus entwickelt. Im so genannten Manifest von Ventotene entwarfen Ernesto Rossi, Altiero Spinelli und Eugenio Colorni 1941 ein Programm für eine europäische Föderation zur Erhaltung des Friedens in Europa. Der Kerngedanke war, eine föderale Organisation zu schaffen mit einer vertraglich gesicherten Arbeitsteilung zwischen dem Gesamtstaat und den Teilstaaten. Die Diskussion zwischen Föderalisten und Funktionalisten prägte die europapolitischen Debatten der Nachkriegszeit und wirkte auch strukturierend auf die Forschung. In der Mitte der 1950er Jahre entstanden die ersten empirisch fundierten Untersuchungen über die Europäische Integration. Von großer Bedeutung war das Werk von Ernst B. Haas, der zeigen konnte, wie die von Mitrany angestrebte grenzüberschreitende Verflechtung gesellschaftlicher Akteure im Rahmen der Montangemeinschaft funktionierte.4 Das Konzept wird seither als „Neofunktionalismus“ bezeichnet und wurde paradigmatisch für eine ganze Generation von Europa-Forschern. Der Kerngedanke war, dass die grenzüberschreitende Verflechtung von gesellschaftlichen Akteuren in einem Politikfeld auf andere Politikfelder überschwappt und daher in Zukunft zu einer vollständigen Integration führt. Die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl in den 1950er und frühen 1960er Jahren schien diese Annahme zu bestätigen.

Die als Krise empfundene Blockade der Europäischen Integration in den 1960er Jahren durch das gaullistische Frankreich führte zu einer Neuorientierung der politikwissenschaftlichen Europaforschung. Zum einen stellte Ernst B. Haas selbst fest, dass der Neofunktionalismus dem komplexen Prozess der Integration nicht gerecht werde und ergänzt werden müsse.5 Ähnlich argumentierte Stanley Hoffmann: Die von Haas beobachtete Verflechtung beziehe sich auf Politikfelder mit ökonomisch-technischem Charakter („Low Politics“). Für die Außen- und Sicherheitspolitik („High-Politics“) gelten diese Annahmen, so Hoffmann, offenbar nicht.6 Seit Mitte der 1960er Jahre entstanden zudem einige neo-marxistische Interpretationen der Europäischen Integration. Aus dieser Perspektive war Integration eine Reaktion der Nationalökonomien auf die Krise des Kapitalismus.7

Mit der Öffnung der Archive für die 1950er Jahre ab 1980 setzte eine neue Phase der europäischen Integrationsforschung ein, in der geschichtswissenschaftliche Methoden im engeren Sinne eine wichtigere Rolle spielten. Es war auch das Ende der politikwissenschaftlich geprägten Großtheorien zur Erklärung von Integration. Eine Pionierrolle in Deutschland übernahm der Saarbrücker Historiker Walter Lipgens, der in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre erste quellengestützte Arbeiten zu den Europa-Plänen der Widerstandsbewegungen im Zweiten Weltkrieg und die Debatten um die Europäische Integration in der unmittelbaren Nachkriegszeit publizierte. In Frankreich gehörten Pierre Gerbet und Raymond Poidevin zu den Pionieren der geschichtswissenschaftlichen Europaforschung. Poidevin spielte auch eine wichtige Rolle bei der Gründung der Historiker-Verbindungsgruppe bei der Europäischen Kommission im Jahr 1982. Sie organisiert seither im Zweijahresrhythmus wissenschaftliche Tagungen, auf denen neue, aus archivalischen Quellen erarbeitete Erkenntnisse über die Geschichte der Europäischen Integration diskutiert wurden. Die Ergebnisse wurden in den Tagungsbänden und im Journal of European Integration History publiziert und schlugen jeweils erste Schneisen in ein neues Forschungsfeld.8 In diesem Rahmen wurden Forschungen in den nationalen Archiven der europäischen Staaten unternommen und die politischen Entscheidungen zur europäischen Integration untersucht. Dominierten zunächst Studien zur Europapolitik einzelner Regierungen, so schlossen sich bald auch multiperspektivisch angelegte Monographien an, in denen die Interaktion zwischen den nationalen Regierungen und den europäischen Organisationen im Mittelpunkt stand. Besonderes Interesse fanden auch einzelne Politikfelder, vor allem die Agrarpolitik,9 die Kohle- und Stahlpolitik,10 die Wettbewerbspolitik11 oder auch die Währungspolitik.12 Wichtigste Kategorie der politikhistorischen Europaforschung war zunächst die Außenpolitik der westeuropäischen Staaten. Im Mittelpunkt standen die Deutsche Frage, der Ost-West-Konflikt und die Selbstbehauptung Europas in der Welt. Viele Studien beschäftigten sich mit der jeweils nationalen Europapolitik, insbesondere die sechs Gründungsstaaten sind in dieser Hinsicht gut erforscht worden. Gefragt wurde aber auch nach der Rolle der USA für den Europäischen Integrationsprozess und nach den Beziehungen zum afrikanischen Kontinent. Als weiterer Schwerpunkt der politikhistorischen Europaforschung entwickelte sich die Frage nach der Rolle der politischen Parteien in der Europäischen Integration.13 Zuletzt standen auch die europäischen Institutionen im Blickfeld politikhistorischer Europaforschung. Insbesondere die Europäische Kommission14 und der Europäische Rat15 fanden das Interesse der Historiker. Demgegenüber ist die Erforschung des Europäischen Gerichtshofes16 und des Europäischen Parlamentes17 noch in den Anfängen. Zudem gibt es inzwischen einige Studien zu einzelnen Persönlichkeiten der Europäischen Integration. Hierzu gehört vor allem der Franzose Jean Monnet, der als „Inspirateur“ vielfach Einfluss auf die europapolitischen Initiativen der 1950er bis 1970er Jahre nahm. Auch Robert Schuman, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi, Max Kohnstamm und Walter Hallstein wurden biographisch erforscht. Seit etwa zehn Jahren wird unter dem Schlagwort der „Europäisierung“ auch die Veränderung der politischen Systeme der Mitgliedstaaten der EG/EU genauer untersucht. Seit den 1980er Jahren, so die These, veränderten sich die Systeme stark, in den Politikwissenschaften wurde von einem Mehrebenensystem gesprochen, das aus mindestens drei politischen Ebenen bestehe, die sich wechselseitig beeinflussen. Dies sind die supranationale europäische Ebene, die nationale und die regionale Ebene. Entscheidend ist, dass dieses System nicht hierarchisch ist und je nach Politikfeld anders funktioniert. Dies wiederum hatte starke Auswirkungen auf die nationalen politischen Systeme.18 Der Schwerpunkt der politikhistorischen Integrationsforschung lag bislang eindeutig auf der EG/EU und ihrer Vorgeschichte. Andere europäische Organisationen wie beispielsweise der Europarat,19 die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit, die Westeuropäische Union20 und der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe haben vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Hier liegt ein weites, bislang nur spärlich beachtetes Forschungsfeld. Eine Ausnahme ist die Zentralkommission für die Rheinschifffahrt, die zunächst von der völkerrechtlichen Forschung, dann auch von der Geschichtswissenschaft untersucht wurde.21 Gerade sie zeigt die ökonomische, politische und völkerrechtliche Kontinuität der Europäischen Integration vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Die wirtschaftshistorische Europaforschung setzte etwas später ein. Insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften wurden hierzu wichtige Grundlagen geschaffen.22 Inzwischen gibt es auch einige Überblicksdarstellungen aus wirtschaftshistorischer Perspektive zur Europäischen Integration.23 Aus dieser Sicht standen zunächst die Verflechtung der europäischen Märkte und die Auswirkungen der wirtschaftlichen Integration im Rahmen der EWG und der EFTA im Zentrum des Interesses. Ein anderer Aspekt in der Forschung war die Rolle von wirtschaftlichen Akteuren, vor allem Unternehmen, in der europäischen Integration.24 Auch die Frage der Kontinuität und Diskontinuität von der Epoche des Internationalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der wirtschaftlichen Europäischen Integration in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde systematisch untersucht.25 In den letzten Jahren gibt es zwei gegenläufige Tendenzen in der wirtschaftshistorischen Europaforschung. Zum einen wurde die Rolle Europas im Kontext der Globalisierung und des Internationalismus intensiver untersucht.26 Zum anderen interessierte sich die Wirtschaftsgeschichte für die regionale Integration in Europa – nicht nur im Rahmen der EG/EU.27 Zudem ist die Bedeutung der Infrastrukturen des Verkehrs und der Kommunikation für die Europäische Integration intensiver erforscht worden. Auch hier hat die Forschung einerseits die Kontinuitäten vom 19. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein betont. Andererseits konnte gezeigt werden, dass die Europäische Integration der Infrastrukturen eigenen Entwicklungspfaden folgte, die insbesondere nach 1950 in Konkurrenz und Konfrontation mit den Institutionen der EWG/EG geriet.28 Ein Forschungsdesiderat ist eine Untersuchung der ordnungspolitischen Kontroversen innerhalb der EG/EU. Erste Aufsätze hierzu liegen vor, eine systematische und quellenbasierte Untersuchung dieses umstrittenen Feldes steht noch aus.29

Die Geschichte der europäischen gesellschaftlichen Integration ist in den letzten zwanzig Jahren intensiv erforscht worden. Hierbei dominieren Arbeiten, die sich mit der transnationalen Verflechtung von gesellschaftlichen Akteuren beschäftigen. Ausgangspunkt dieses Ansatzes waren die deutsch-französischen Beziehungen. In den 1980er Jahren wurde die bis dahin stark politikhistorische Erforschung der deutsch-französischen Beziehungen mit der These konfrontiert, dass die entscheidenden Akteure der deutsch-französischen Verständigung nach 1945 nicht in den Regierungen zu sehen seien, sondern in den intensiven deutsch-französischen gesellschaftlichen Verflechtungen, die bis in die 1920er Jahre zurückverfolgt wurden.30 Seit den 1990er Jahren hat sich die europäische Gesellschaftsgeschichte stark ausdifferenziert. Zwei grundsätzliche Forschungstrends lassen sich identifizieren. Zum einen gibt es eine intensive Forschung zur zivilgesellschaftlichen transnationalen Verflechtung in Europa.31 Zum anderen liegen inzwischen vergleichende Geschichten zu den europäischen Gesellschaften vor, die die Divergenzen und vor allem die Konvergenzen über die nationalen Grenzen hinweg herausarbeiten.32 Darüber hinaus hat sich das Feld der Gesellschaftsgeschichte Europas breit ausgefächert. Interesse fanden insbesondere die Geschichte der Städtepartnerschaften,33 das soziale Europa,34 europäische Jugendkontakte35 über die nationalen Grenzen hinweg sowie die sportlichen Kontakte.36

Einen regelrechten Boom erlebte in den letzten Jahren die kulturwissenschaftlich fundierte Europaforschung. Während die essentialistische Europaforschung bereits eine lange Tradition hat (vgl. Kap. 11), ist konstruktivistische Europaforschung ein neueres Phänomen.37 Ein wichtiger Untersuchungsgegenstand waren die europäischen Erinnerungskulturen. Der Zweite Weltkrieg, so die These, habe in Europa eine Erinnerungsgemeinschaft geschaffen. Während bis in die 1960er Jahre hinein insbesondere die Erinnerung an die jeweils nationale Résistance gegen die nationalsozialistische Besatzungsherrschaft identitätsbildend wirkte, entwickelte sich seit den 1970er Jahren eine Erinnerungskultur, die den Mord an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt stellt. Auch wenn der Völkermord unter deutscher Regie organisiert und realisiert wurde, wäre er in dieser Dimension nicht möglich gewesen ohne die zum Teil massive Kollaboration in vielen europäischen Ländern.38 Insbesondere die jeweils eigene Rolle der nationalen Gemeinschaften am Völkermord wurde seit den 1970er Jahren kontrovers diskutiert. Auf europäischer Ebene entwickelte sich auf diese Weise eine Identitätskonstruktion, die den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus in den Mittelpunkt stellte und ihren Höhepunkt in der so genannten Stockholmer Erklärung des Internationalen Forums über den Holocaust vom 28. Januar 2000 fand. Zudem entstanden seit den 1990er Jahren in vielen europäischen Hauptstädten Gedenkstätten, die die Verantwortung des jeweiligen Landes für den Völkermord thematisierten. Die Forschungsliteratur zu den Erinnerungskulturen an den Zweiten Weltkrieg und den Völkermord in Europa ist in ihrer Vielfalt auch für Experten kaum noch zu überschauen.39

Der Zweite Weltkrieg und der Völkermord an den europäischen Juden haben die Erinnerungskulturen und ihre Erforschung in Europa in den letzten Jahren stark dominiert, allerdings gab es auch andere Narrative, denen nachgegangen wurde.40 Hierzu gehörten die Abendland-Rhetorik, der Antikommunismus und auch der Antiamerikanismus. Auch Demokratiediskurse in Europa wurden intensiver erforscht.41 Zu den wichtigen Akteuren in den Europadiskursen zählten aber nicht nur Intellektuelle und Medien, sondern auch die europäischen Organisationen. Diese entwarfen eine Europapropaganda, die in den letzten Jahren erforscht worden ist.42

Auch die postkoloniale Theorie ist inzwischen von der Europäischen Integrationshistoriographie rezipiert worden. Ausgangspunkt war hierfür vor allem das Buch von Dipesh Chakrabarty, das eine Außenperspektive auf die europäische Geschichte und Politik einforderte.43 Lange Zeit war auch die Historiographie von der technisch-zivilisatorischen Überlegenheit Europas gegenüber anderen Kontinenten, vor allem den ehemaligen Kolonien ausgegangen. Diese Perspektive wurde in den letzten Jahren grundlegend in Frage gestellt. Im Mittelpunkt des Interesses standen nun die Verflechtungen Europas mit den vormaligen Kolonien. Europa, so die These, wurde von der außereuropäischen Welt ebenso beeinflusst und geprägt, wie umgekehrt. Die Welt wurde ebenso europäisiert wie Europa globalisiert wurde.44

 

1Wolfgang Schmale, Geschichte Europas, S. 14.

2Neuere Forschungsüberblicke: Kiran Klaus Patel, Europäische Integrationsgeschichte auf dem Weg zur doppelten Neuorientierung, in: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 50 (2010), S. 595–642. Ders. Widening and Deepening? Recent Advances in European Integration History, in: Neue Politische Literatur, Bd. 64 (2019), S. 327–357.

3David Mitrany, A Working Peace System. An Argument for the Functional Development of International Organisation, London 1943.

4Ernst B. Haas, The Uniting of Europe. Political, Social and Economic Forces 1950–1957, Stanford 1958.

5Ernst B. Haas, The Obsolescence of Regional Integration Theory, Berkeley 1975.

6Stanley Hoffmann, Obstinate or Obsolete? The Fate of the Nation-State and the Case of Western Europe, in: Daedalus, Vol. 59/3 (1966), S. 862–915.

7Frank Deppe (Hrsg.), Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Zur politischen Ökonomie der westeuropäischen Integration, Reinbek 1975.

8http://eu-historians.org/?page_id=17 (18.2.2020).

9Gilbert Noel, Du Pool Vert à la politique agricole commune, Paris 1988. Guido Thiemeyer, Vom Pool Vert zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Europäische Integration, Kalter Krieg und die Anfänge der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik, München 1999. Ann-Christina L. Knudsen, Farmers on Welfare. The Making of Europe’s Common Agricultural Policy, Cornell 2009. Kiran Klaus Patel (Hrsg.), Fertile Ground for Europe? The History of European Integration and the Common Agricultural Policy since 1945, Baden-Baden 2009.

10Dirk Spierenburg, Raymond Poidevin, The History of the High Authority of the European Coal and Steel Community. London 1994. Andreas Wilkens, Le Plan Schuman dans l’Histoire. Intérêts nationaux et projet européen, Brüssel 2004.

11Sibylle Hambloch, Europäische Integration und Wettbewerbspolitik: Die Frühphase der EWG, Baden-Baden 2009. Frank Pitzer, Interessen im Wettbewerb. Grundlagen und frühe Entwicklung der europäischen Wettbewerbspolitik 1955–1966, Stuttgart 2009.

12Emmanuel Mourlon-Druol, A Europe Made of Money. The Emergence of the European Monetary System, Ithaca, London 2012.

13Jürgen Mittag, Politische Parteien und Europäische Integration. Entwicklung und Perspektiven transnationaler Parteienkooperation in Europa, Essen 2006. Jenny Raflik, Guido Thiemeyer (Hrsg.), Les partis politiques européens face aux premières élections directes du Parlement Européen, Baden-Baden 2015.

14The European Commission 1958–72. History and Memory of an Institution, Brüssel 2014. The European Commission. History and Memory of an Institution 1972–86, Brüssel 2014. The European Commission. History and Memory of an Institution 1986–2000, Brüssel 2019. (Zugänglich auch unter: https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/ebec8b45-1aab-4d57-887f-0da73489b19e. Katja Seidel, The process of politics in Europe. The rise of European elites and supranational institutions, London 2010.

15Wolfgang Wessels, The European Council, Basingstoke 2016.

16Kiran Klaus Patel, Hans Christian Röhl, Transformation durch Recht, Berlin 2020.

17Ines Soldwisch, Das Europäische Parlament 1979–2004. Inszenierung, Selbst(er)findung und politisches Handeln der Abgeordneten, Stuttgart 2021.

18Gabriele Clemens (Hrsg.), The Quest for Europeanization: Interdisciplinary Perspectives On a Multiple Process. Die Suche nach Europäisierung: Ein Komplexer Prozess in Interdisziplinärer Perspektive. Stuttgart 2017. Kiran Patel, Europäisierung wider Willen. Die Bundesrepublik Deutschland in der Agrarintegration der EWG 1955–1973, München 2009. Guido Thiemeyer, Die Bundesländer und die Entstehung des europäischen Mehrebenensystems 1950–1985, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Bd. 65 (2017), S. 339–364. Laurence Badel, Stanislas Jeannesson, N. Piers Ludlow (Hrsg.), Les administrations nationales et la construction européenne. Une approche historique (1919–1975), Brüssel 2005.

19Birte Wassenberg, History of the Council of Europe, Straßburg 2013.

20Ralph Dietl, Emanzipation und Kontrolle. Europa in der westlichen Sicherheitspolitik 1948–1963. Eine Innenansicht des westlichen Bündnisses, 2 Bde., Stuttgart 2006/2007.

21Martial Libera, Sylvain Schirmann (Hrsg.) La Commission centrale pour la navigation du Rhin. Histoire d’une organisation internationale, Paris 2017. Zentralkommission für die Rheinschifffahrt. 200 Jahre Geschichte. Unter der Leitung von Jean-Marie Woeling, Sylvain Schirmann und Martial Libera, Straßburg 2015.

22Willem Molle, The Economics of European Integration. Theory, Practice, Policy, Aldershot 2006. Ulrich Brasche, Europäische Integration. Wirtschaft, Euro-Krise, Erweiterung und Perspektiven, Berlin Boston 2017.

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