Geschichte der Pflege - Irene Messner - E-Book

Geschichte der Pflege E-Book

Irene Messner

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Beschreibung

Die Erforschung der Geschichte der Pflege ist eine faszinierende Reise zu den Wurzeln heutiger Strukturen, die ihre Spannung über das Entdecken von Zusammenhängen bezieht und aus dem Verhältnis für einstige Bedingungen Konzepte für heute und morgen entwickeln kann. (Hilde Steppe) Erst die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit befähigt uns dazu, das Heute und Morgen mitzuentwickeln. Irene Messner gibt in diesem Buch einen Überblick über die Geschichte der Pflege von der Antike bis in die heutige Zeit. Eine Zeitreise, die neugierig macht, fasziniert und zum Nachdenken anregen soll.

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EPUB

Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Irene Messner

Geschichte der Pflege

Irene Messner

Mag.a, DGKS, DKKS, akad. Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege an den Schulen für Gesundheits- und Krankenpflege AKH Wien, Standort Floridotower.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Alle Angaben in diesem Fachbuch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr, eine Haftung der Autorin oder des Verlages ist ausgeschlossen. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie der Übersetzung, sind vorbehalten. Coverfoto mit freundlicher Genehmigung der Schule für Kinder- und Jugendlichenpflege des AKH Wien.

1. Auflage 2017 Copyright © 2017 Facultas Verlags- und Buchhandels AG facultas Universitätsverlag, 1050 Wien, Österreich

Lektorat: Sabine Schlüter, Wien Satz: Florian Spielauer, Wien Druck: finidr Printed in the E.U.

ISBN 978-3-7089-1490-9 epub 978-3-99030-634-5

Wozu (Pflege-)Geschichte?

Lavinia L. Dock schreibt 1924 in ihrem Buch „A Short History Of Nursing“ einleitend folgenden Satz: “No occupation can be quite intelligently followed or correctly understood unless it is, at least to some extent, illumined by the light of history interpreted from the human standpoint.”

Das sind Worte, die ihre Gültigkeit nicht verloren, sondern im Gegenteil in den letzten Jahrzehnten im Bemühen um die Professionalisierung des Pflegeberufs sehr an Bedeutung gewonnen haben. Geschichte ist Orientierungshilfe für die Gegenwart; sie hilft uns, zu verstehen. Das allein wäre Grund genug, sich damit zu beschäftigen – aber es gibt mehr als das. Erkennt man Zusammenhänge, so wird nach Hilde Steppe (1996, S. 20)

„… die Erforschung der Geschichte der Pflege zu einer faszinierenden Reise zu den Wurzeln heutiger Strukturen, die ihre Spannung über das Entdecken von Zusammenhängen bezieht und aus dem Verhältnis für einstige Bedingungen Konzepte für heute und morgen entwickeln kann“.

Steppe geht also davon aus, dass erst die Auseinandersetzung mit der Geschichte uns dazu befähigt, das Heute und das Morgen mitzuentwickeln.

Geschichte kann und soll neugierig machen, faszinieren, sie soll zum Nachdenken anregen, kann „Aha“-Erlebnisse bieten, und sie kann und darf auch Freude machen.

Im Wissen, dass die Pflege und Versorgung Kranker in jedem Zeitalter und in allen Kulturen dieser Welt stattgefunden haben und auch stattfinden, ist es die Aufgabe dieses Buches, exemplarisch einen Teil daraus darzustellen, ohne jemals Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

1 Die Antike

Mit „Antike“ wird die Kultur- und Staatenwelt des Mittelmeerraumes in der Zeit von ungefähr 1200 v. Chr. bis 500 n. Chr. bezeichnet. Einige Stichworte zur Antike sind:

Alexander der Große • Aristoteles • Athen • „Brot und Spiele“ • Christi Geburt • Christenverfolgungen • Cicero • Demokratie • Rechtlosigkeit der Frauen • Götterwelt • Julius Cäsar • Kultur • Kunst • Nero • Oikos • Peloponnesischer Krieg • Perserkriege • Platon • Polis • Punische Kriege • Römisches Reich • Sklaverei • Völkerwanderung• Wissenschaft

In vielen Lebensbereichen wie Politik, Kultur und Wissenschaft und nicht zuletzt in den Gesundheitsberufen finden wir bis heute die Spuren jener Zeit. Ein Beispiel dafür ist die Fachsprache, die in Medizin und Pflege verwendet wird, die zwar immer häufiger Anleihen an der englischen Sprache nimmt, deren Basis aber griechische und lateinische Bezeichnungen bilden. Die Antike gilt auch als Wiege der Wissenschaft; hier liegt der Ursprung des wissenschaftlichen Denkens, gekoppelt mit einer beginnenden Abkehr vom magischen, intuitiven Denken.

1.1 Götterglaube als Grundlage des Gesundheits- und Krankheitsverständnisses – Theurgie

Gesundheit war in der Antike ein Wert, den es zu erhalten galt, zumal Heilmittel im heutigen Sinne nur in sehr beschränktem Ausmaß zur Verfügung standen. Gesundheit und Schönheit waren eng gekoppelt, die Idealvorstellung orientierte sich an Göttern wie Aphrodite und Apollon. Wie Gesundheit erhalten werden können, hängt davon ab, an welchem Gesundheits- und Krankheitsverständnis man sich orientiert. Das theurgische Konzept ging davon aus, dass Gesundheit und Krankheit göttlichem Einfluss unterlagen. Nach dem Verständnis der griechischen Antike war die Störung der natürlichen Ordnung eine Schuld, die – als Strafe der Götter – Krankheit bewirkte. Heilung konnte also nur erzielt werden, indem diese natürliche Ordnung wieder hergestellt wurde. Die Mittel dazu waren Katharsis, Reinigung und Läuterung sowohl physisch als auch in Bezug auf den Geist und den Glauben. In körperlicher Hinsicht war es auch erklärtes Ziel, dem Ideal der griechischen Götter näher zu kommen. Es war wesentlich, religiöse und weltliche Gesetze einzuhalten, um gut und schön zu werden und um als rein zu gelten.

Im Eid des Hippokrates finden sich in den ersten Zeilen die in diesem Zusammenhang wichtigsten Gottheiten:

„Ich schwöre, Apollon, den Arzt, und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen anrufend, dass ich nach bestem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Verpflichtung erfüllen werde“.

Asklepios galt als Gott der Heilkunst; seine beiden Töchter waren Hygieia, die Göttin der Gesundheit, und Panakeia, die Allheilende. Apollon, der Gott der Sühne und Reinheit, ist der Vater des Asklepios; er spielt, obwohl im Eid erwähnt, im Asklepios-Heilkult eine untergeordnete Rolle.

Asklepios gilt als wichtigster Heilgott der Antike und wurde meist als Mann mit Bart und Wanderstab in der Hand dargestellt. Seine wichtigste Begleiterin ist eine Schlange, die sich um den Stab windet. Dieser sogenannte Äskulapstab gilt heute noch das als Symbol der Ärztinnen und Ärzte sowie der Pharmazie.

Die Tempelanlagen dieses Heilkults rund um Asklepios nannte man Asklepieion. Der Kranke suchte ein Asklepieion auf und wurde dort gegen Bezahlung behandelt. Die Behandlung umfasste ausführliche Anamnesen, Heilbäder, Gebete, Opfer und als wesentliches Element den heilenden Tempelschlaf, die Inkubation. Man hoffte, dass die Patienten aus dem Schlaf durch göttliche Hand geheilt erwachen oder in gottgesandten Träumen Ratschläge erhalten würden. Die Träume wurden vom Tempelpersonal und von Ärzten gedeutet und Heilbehandlungen daraus abgeleitet. Besonders herausragende Heilerfolge wurden auf großen Steintafeln beschrieben.

Die folgenden Inschriften stammen aus Epidaurus:

„Nikanor, lahm. Während dieser da saß, raubte ihm ein Knabe im Wachen seinen Stab und floh. Er stand auf, verfolgte ihn und wurde darauf gesund.“

„Ein Mädchen, stumm. Als diese im Heiligtum herumlief, sah sie eine Schlange von einem der Bäume im Hain herabkriechen. Voller Furcht schreit sie sofort nach ihrer Mutter und ihrem Vater; und sie ging gesund weg.“

„Demonsthenes … gelähmt an den Beinen. Dieser kam in das Heiligtum auf einer Bahre und ging auf Stöcken gestützt herum. Als er sich im Heilraum zum Schlaf gelegt, sah er ein Gesicht. Er träumte, der Gott verordne ihm, vier Monate im Heiligtum zu bleiben, weil er in dieser Zeit gesund werden würde. Hierauf kam er innerhalb der vier Monate, als er an den letzten Tagen mit zwei Stöcken in den Heilraum hineingegangen war, gesund heraus.“

Ruinen derartiger Anlagen sind heute noch z. B. auf Kos zu finden. Sie wurden an Orten mit günstigen klimatischen Verhältnissen errichtet. Rund um die Tempelanlagen gab es zahlreiche Möglichkeiten zur Unterhaltung und Therapie. Allerdings wurde nicht allen Einlass gewährt; Hochschwangere und Schwerkranke oder Sterbende hatten keinen Zutritt.

1.2 Rational-wissenschaftliches Denken als Grundlage des Gesundheits- und Krankheitsverständnisses

Einen anderen und neuen Weg schlugen die Anhängerinnen und Anhänger des rational-wissenschaftlichen Konzepts ein. Man versuchte damit, sich vom magischen Denken zu lösen und die Welt auf ihrer natürlichen Grundlage zu verstehen. Das Interesse richtete sich auf alle Erscheinungen der Natur: Es war auch die Suche nach dem Ursprung des Kosmos. Dabei verband man praktische Naturforschung und Philosophie mit dem Ziel, das Leben im Einklang mit einer angenommenen Harmonie der kosmischen Weltordnung zu verstehen und zu führen (vgl. Mühlum/Bartholomeyczik, 1997, S. 76 f.). Auf diesen naturphilosophischen Ansatz gründete sich die Humoralpathologie oder Vier-Säfte-Lehre.

Die Säftelehre der Antike nahm ihren Ausgangspunkt im 5. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland, und bis zum 17. Jahrhundert galt sie als eine der wichtigsten theoretischen Grundlagen der Medizin. Im Laufe der Zeit hat sie sich immer wieder verändert. Wurden anfangs nur zwei Säfte beschrieben, nämlich Galle und Schleim, kamen später Wasser und Blut dazu. Schließlich setzten sich die im Corpus Hippocraticum genannten vier Kardinalsäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle durch. Grundlage dieser Säftekombination bildet das sogenannte empedokleische System, das den Grundsatz der Vierzahl vertritt; der Philosoph Empedokles aus Agrigent (ca. 495–435 v. Chr.) gilt als Begründer dieser Vier-Elemente-Lehre.

Die Vier-Säfte-Lehre beruhte nicht nur auf Spekulation, sondern auf gezielter Beobachtung des Menschen. Bei einer Verletzung blutet man, aus der Nase läuft Schleim, und beim Erbrechen schmeckt man die Bitterkeit der gelben Galle. Was allerdings konkret unter schwarzer Galle zu verstehen ist, ist bis heute ungeklärt. Eine Theorie besagt, es handle sich um eine Unterart der Galle, eine andere meint, es handle sich um Stuhl oder Urin, die durch Blutbeimengung schwarz erscheinen.

In einer Weiterentwicklung der Säftelehre wurden den einzelnen Säften jeweils eine Jahreszeit, eine Eigenschaft und auch eine Lebensspanne zugeordnet. Die Qualitäten sind warm, kalt, feucht und trocken; sie beschreiben die Säfte näher. Immer liegt der Beschreibung eine genaue Beobachtung zugrunde. Beispielsweise füllt „der Winter den Körper mit Schleim“ (Kollesch/Nickel, 2007, S. 76).

Die Menschen spucken und schnäuzen im Winter schleimige Substanzen aus, daher entspricht der Schleim der Natur des Winters, denn er ist am kältesten. Als Beweis wird angeführt, dass sich Schleim im Vergleich mit den anderen Säften am kältesten anfühlt. Berührt man Blut, schwarze oder gelbe Galle, sind diese wärmer. Erkrankungen, die mit Schleimabsonderungen einhergehen, sind am häufigsten in der kalten Jahreszeit zu beobachten. Schleim ist außerdem zäh, und nach der schwarzen Galle bedarf es des größten Kraftaufwandes, um ihn in Bewegung zu bringen. Verfasst wurden die Thesen vermutlich von Polybos, einem Arzt der Antike, der in einigen Quellen als Schwiegersohn Hippokrates’ bezeichnet wird. Polybos’ Ausführungen wurden in den folgenden Jahrzehnten laufend erweitert.

„Es gibt nämlich vier Säfte im Menschen, die die unterschiedlichen Elemente nachahmen; jeder nimmt in einer anderen Jahreszeit zu, jeder ist in einem anderen Lebensabschnitt vorherrschend. Das Blut ahmt die Luft nach, nimmt im Frühling zu und herrscht in der Kindheit vor. Die gelbe Galle ahmt das Feuer nach, nimmt im Sommer zu und herrscht in der Jugend vor. Die schwarze Galle oder Melancholie ahmt die Erde nach, nimmt im Herbst zu und ist im Mannesalter vorherrschend. Das Phlegma ahmt das Wasser nach, nimmt im Winter zu und ist im Greisenalter vorherrschend. Wenn sie weder in zu hohem noch zu geringem Maße fließen, ist der Mensch im Vollbesitz seiner Kräfte“(Klibansky/Panovsky/Saxl, 1998, S. 39).

Mit der Säftelehre wurde die Natur des Menschen rationalerklärbar und auch argumentierbar, denn die Säfte waren sichtbar, überall anzutreffen und man konnte ihnen unterschiedlichste Qualitäten zusprechen. Man hatte ein Schema gefunden, mit dem sich die relevanten Fragen zur Entstehung von Gesundheit und Krankheit anschaulich darstellen ließen. Die ausgewogene Mischung unverdorbener Säfte war gleichbedeutend mit Gesundheit. War ein Saft im Übermaß vorhanden, verdorben oder im Körper umhergewandert, resultierte daraus ein Ungleichgewicht, folglich Krankheit, und zwar somatischer oder psychischer Natur. Nach dieser Theorie sind also alle Erkrankungen auf Säftefehler zurückzuführen, die wiederum als Folge ungesunder Lebensweise, falscher Ernährung oder klimatischer Einflüsse angesehen wurden. Der Ausgleich der Säfte wird vom Körper selbst bewerkstelligt. Unterstützend sollten Brech- und Abführmittel, Aderlass oder Diätvorschriften wirken. Zu beachten war, dass ein und dasselbe Heilmittel in jeder Jahreszeit eine andere Wirkung entfalten sollte, je nachdem, welcher Saft vorherrschend war.

„Der Körper des Menschen enthält in sich Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, sie stellen die Natur eines Körpers dar, und ihretwegen empfindet er Schmerzen und ist er gesund. Gesund ist er nun besonders dann, wenn diese Substanzen in ihrer wechselseitigen Wirkung und in ihrer Menge das richtige Verhältnis aufweisen und am besten gemischt sind; Schmerzen empfindet er, wenn sich eine von diesen Substanzen in geringerer oder größerer Menge im Körper absondert und nicht mit allen gemischt ist. Denn es besteht die Notwendigkeit, daß wenn sich eine von diesen absondert und für sich auftritt, nicht nur die Stelle krank wird, aus der sie heraustrat, sondern auch die Stelle, an der sie auftritt und sich ausbreitet, durch Überfüllung Schmerz und Beschwerden aufweist. Denn auch wenn eine von ihnen in größerer Menge aus dem Körper herausfließt, als der Überschuss ausmacht, bereitet die Entleerung Schmerz. Und wenn die Substanz andererseits ihre Entleerung, Ortsveränderung und Absonderung von den übrigen im Inneren vollzieht, so besteht durchaus die Notwendigkeit, daß sie nach dem Gesagten doppelten Schmerz verursacht, dort, wo sie heraustrat, und dort, wohin sie sich im Übermaß wandte“(Diller, 1994, S. 204).

Unter diesen Gesichtspunkten erscheint es nur logisch, dass Behandlungen unter dem Gesichtspunkt von „contraria contrariis“, also „Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem bekämpfen“ gesehen wurden. Wurde ein Überschuss an warmer und trockener Galle festgestellt, waren es kühlende und feucht machende Mittel, die Abhilfe schaffen sollten. Verdorbene Säfte sollten durch die Verabreichung von Brech- und Abführmitteln ausgeleitet werden, Blut wurde durch Aderlass gereinigt – eine Methode, die übrigens jahrhundertelang verwendet wurde.

Die Tatsache, dass sich die Humoralpathologie so lange halten konnte, wird auch dem Arzt Galen aus Pergamon (ca. 130–201 n. Chr.) zugeschrieben. Bei Galen kann bereits eher von Qualitätenlehre als von Säftelehre gesprochen werden. Er ordnete jedem der Säfte eine seelisch-geistige Eigenschaft zu und entwickelte auf diese Weise die Grundlage der Temperamentenlehre. Diese Lehre sieht den Menschen als von Natur aus durch einen Saft dominiert an; somit kann er mit einer bestimmten Konstitution in Verbindung gebracht werden. Ein Choleriker hat in dieser Theorie einen Überschuss an gelber Galle und ist deshalb aufbrausend und jähzornig. Schwarze Galle im Übermaß lässt Menschen zu Melancholikern werden, also zu traurigem Gemüt und Verstimmung tendieren, zu viel Blut macht den Menschen zwar rasch erregbar, der Sanguiniker gilt aber auch als heiter und fröhlich, wohingegen Schleim als dominanter Saft den Phlegmatiker zögerlich, langsam und oberflächlich sein lässt.

Die Humoralpathologie hatte ihren Siegeszug angetreten und erstreckte sich im Laufe ihrer Weiterentwicklung nicht nur auf die Medizin, sondern auch auf die Theologie, Philosophie und Physik bis hin zur Astrologie, Musik und bildenden Kunst. Sie konnte sich in der Medizin bis ins späte 17. Jahrhundert behaupten.

Ein niederländischer Arzt, Pieter van Foreest (1521–1597), sammelte und beschrieb Krankengeschichten in seinem Buch „Observationum et curationum medicinalium ac chirugicarum opera omnia“. Im Folgenden ein Auszug, in dem die Auslegung der Humoralpathologie am Krankheitsfall einer jungen Frau, die unter Melancholie oder „Schwarzgalligkeit“ litt, beschrieben wird. Amenorrhoe führte nach damaliger Ansicht zur Beeinträchtigung der Gehirntätigkeit und galt als Ursache der Melancholie. Mit einem Aderlass wurde der Frau schließlich geholfen:

„Ein etwa 20jähriges Mädchen, ganz angebrannt und schwarz, war mehrere Monate lang verrückt und litt unter Wahnvorstellungen, so daß man sie schließlich als vom Teufel besessen ansah, wegen der falschen Einbildungen, von denen sie Tag für Tag mehr und mehr gefesselt war.

Ich aber, soweit ich aus sicheren Zeichen erfassen konnte, meinte, daß dies eher die wahre Ursache sei: […] ich war zuvor zu ihr gerufen worden, um gemeinsam mit einem Chirurgen die Unterschenkelgeschwüre zu behandeln. Zu der Zeit riet ich, daß der Chirurg nicht zu schnell die Geschwüre vernarben lassen sollte, weil sie auch unterdrückte Monatsblutungen hatte, und durch diese Geschwüre das dicke und melancholische Blut zu den Unterschenkeln herabgeführt wird. Aber nach meinem Weggang mißachtete der unerfahrene Chirurg meinen Rat und brachte endlich die Geschwüre zur Vernarbung.

Daher wurde bei dauerhaft unterdrückter Menstruation […] nach Heilung der Geschwüre das Mädchen melancholisch, so daß die Arme dann viele Nächte und selbst ganze Monate schlaflos blieb und, von dauerhaftem Delirium erfaßt, endlich in einen schrecklichen Wahnsinn verfiel, bald als Rasende kaum im Bett gehalten werden konnte, bald aufspringend, bald in schreckliche Schreie ausbrechend und öfter sich als verdammt bezeichnend.

[…] Nachdem sie von den geistlichen Ärzten lange Zeit vergeblich Hilfe erbeten hatten, blieb das unglückliche Mädchen in diesem Wahnsinn. Als man endlich genug vom Beten hatte, fragten sie mich erneut um Rat […], was in einem solchen Leiden geschehen könne. Ich aber, weil ich wußte, daß dieses Übel seinen Ursprung in der unterdrückten Menstruation hatte, schlug vor, die Vena saphena am Unterschenkel zu eröffnen. […] Und, was wunderbar zu sagen ist, allein durch die Blutentziehung begann die Menstruation wieder richtig zu fließen, und in der Folge hatten wir das wahnsinnige Mädchen zu seiner früheren Gesundheit wiederhergestellt, so daß sie zugleich vom Wahnsinn, der Schlaflosigkeit und den anderen genannten Symptomen gänzlich befreit wurde.“(Schott, 1993, S. 161)

1.3 Krankheiten heilen und gesund bleiben – Methoden und Möglichkeiten

Neben dem Glauben daran, dass Opfergaben und das Anrufen diverser Gottheiten Heilung versprechen, gelangten drei weitere Methoden, Krankheiten zu heilen bzw. gesund zu bleiben, zur Anwendung: die Behandlung durch Arzneien, die „Behandlung durch die Hand“ – d. h. die Chirurgie, die allerdings nur eingesetzt wurde, wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft waren – und die Diätetik, die sicher das wesentliche Element war.

Das Wort Diätetik stammt vom griechischen Wort diaita ab und bedeutet „Lebensweise“. Der Begriff Diät leitet sich daraus ab. Im Gegensatz zur heutigen Begriffsbedeutung, die sich in erster Linie auf Ernährungsregeln bezieht, waren damals alle Bereiche des Lebens im Sinne einer Lebensordnung gemeint. Ziel dieser Lebensordnung war es, krankhafte Zustände zu verändern und Gesundheit zu erhalten.

Man unterschied dabei:

die natürlichen Dinge (res naturales), die der Mensch nicht beeinflussen kann: z. B. Konstitution, individuelle Empfindlichkeit;die Dinge gegen die Natur (res contra naturam): „Widernatürliches“, z. B. Krankheitsfaktoren, giftige Stoffe;die nicht natürlichen Dinge (res non naturales): Lebensbereiche, die der Mensch selbst aktiv „ordnen“ kann, auf die er Einfluss hat.

Die sechs Lebensbereiche der „nicht natürlichen Dinge“ sind:

1. aer: Licht und Luft

2. cibus et potus: Speise und Trank

3. motus et quies: Arbeit und Ruhe

4. somnus et vigilia: Schlaf und Wachen

5. secreta et excreta: Absonderung und Ausscheidung

6. affectus animi: Anregung des Gemüts

Mit der Diätetik sollten die „nicht natürlichen Dinge“ geordnet werden. Diese waren ein wichtiger Teil der allgemeinen Behandlung, vor allem aber der Prophylaxe; die Vorschriften waren umfassend und zeitaufwändig. Empfohlen wurden u. a. eine harte Liegestatt, regelmäßige gymnastische Übungen, Anregung durch das Spiel, Bäder und vieles mehr. Da der gesamte Tagesablauf danach ausgerichtet war, konnten nur Menschen höherer Schichten alle Regeln tatsächlich befolgen.

Dass die Grundzüge der antiken Diätetik bis heute gültig sind, zeigt ein Vergleich der „nicht natürlichen Dinge“ mit den allgemeinen Selbstpflegeerfordernissen (ASPE), die die Pflegewissenschafterin Dorothea Orem in ihrem Pflegemodell (1971) anführt.

Die acht Kategorien der ASPE lauten:

1. Aufrechterhaltung einer ausreichenden Sauerstoffzufuhr;

2. Aufrechterhaltung einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr;

3. Aufrechterhaltung einer ausreichenden Zufuhr an Nahrungsmitteln;

4. Aufrechterhaltung von Aktivität und Ruhe;

5. Gewährleistung einer Versorgung in Verbindung mit Ausscheidungsprozessen und Exkrementen;

6. Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts zwischen Alleinsein und sozialer Interaktion;

7. Vorbeugung gegen Risiken für das Leben, das menschliche Funktionieren und das menschliche Wohlbefinden;

8. Förderung der menschlichen Funktionen und Entwicklungen innerhalb sozialer Gruppen, und zwar in Übereinstimmung mit dem menschlichen Potenzial, bekannten menschlichen Einschränkungen und dem Wunsch der Menschen, normal zu sein (Normalität).

Damals wie heute weiß man um die Wichtigkeit der Grundbedürfnisse des Menschen, die erfüllt werden müssen, um ein optimales Funktionieren, Gesundheit und Wohlbefinden zu erreichen oder zu erhalten (vgl. Dennis, 2001, S. 69 f.).

Neben den Lebensregeln kamen Arzneien zur Anwendung, deren Herstellung und Gebrauch in vielen Büchern beschrieben wurde. Eines der bekanntesten Werke stammt von Galen aus Pergamon und umfasst elf Bücher: „Über Mischung und Wirkung der einfachen Heilmittel“. Der Begriff Galenik (Lehre von der Zubereitung und Herstellung von Arzneimitteln) geht auf ihn zurück.

Galen wurde ca. 129 n. Chr. geboren und verließ seine Heimatstadt Pergamon, um seine medizinische Ausbildung in anderen Städten zu erweitern. Auf diese Weise kam er u. a. nach Alexandria und verdingte sich auch als Gladiatorenarzt. In Rom wurde er durch seine therapeutischen Erfolge bekannt; er erhielt Zugang zum Kaiserhof und war der ärztliche Betreuer von Commodus, dem Sohn von Marc Aurel. Mit Galen erreichte die antike wissenschaftliche Medizin einen Höhepunkt; er war vielseitig interessiert und beschäftigte sich mit allen Disziplinen der Heilkunde. Galen differenzierte in Wirkung und Anwendung der Heilmittel. Man dürfe sich dabei nie auf den einfachen Sachverhalt beschränken, sondern

„man muss wissen, bis zu welchem Grade Flohkraut und bis zu welchem Grad Nachtschatten […] kühlen und bis zu welchem Grade […] Zimt, Amomum [Kardamom; Anm. der Autorin] oder Majoran erwärmen. Ebenso darf sich aber auch bei den in ihrer jeweiligen Wirkung trocknenden oder feucht machenden Heilmitteln das Wissen nicht auf den allgemeinen Sachverhalt beschränken […]. Denn auf Grund solcher Kenntnis der Wirkungen wird es uns möglich sein, die einfachen Heilmittel selbst kunstgerecht anzuwenden und sie nach einer bestimmten Methode zusammensetzen zu können und sie außerdem, nunmehr in zusammengesetzter Form, richtig anzuwenden. Dies ist nun sehr schwierig und erfordert große Genauigkeit und Übung […]“(Kollesch/Nickel, 2007, S. 197).

Galen starb um das Jahr 200; sein Werk überdauerte Jahrhunderte und wurde bis in die Neuzeit hinein verwendet.

Neben Galens Schriften existieren von mehreren Autoren der Antike genaue Beschreibungen von Arzneistoffen, ihrer Wirkung, Anwendung und Indikation. Dioskurides, ein Arzt aus Kleinasien, der in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christi lebte und Verfasser der Schrift „Über die Arzneistoffe“ ist, beschreibt, wann und wo Pflanzen gesammelt werden, aber auch, wie sie aufbereitet und aufbewahrt werden sollen. So sollen beispielsweise „Blüten und alle duftenden Bestandteile in kleinen, nicht feuchten Kisten aus Lindenholz lagern“ (Kollesch/Nickel, 2007, S. 195 f.) und Bronzegefäße für flüssige Augenmittel verwendet werden. Marcellus, ein hoher Beamter des römischen Kaiserhofes, verfasste um 400 ein Nachschlagewerk für Laien; seine Heilmittelsammlung enthält viele Mittel, bei denen magische Praktiken eine Rolle spielen. So empfiehlt er gegen Bauchkneifen:

„Indem man mit dem linken Daumen und den beiden kleinsten Fingern den Bauch reibt, sagt man: ‚Es stand ein Baum mitten im Meer, und dort hing ein Krug voll von menschlichen Därmen; drei Jungfrauen gingen herum, zwei banden fest, eine wickelte wieder ab.‘Das sagt man dreimal, und dreimal spuckt man aus, wobei in gleicher Weise [mit dem linken Daumen; Anm. der Autorin] die Erde berührt wird“.

Ersetzt man „menschliche Därme“ durch „Därme von Maultieren, Pferden oder Eseln“, kann damit auch das Bauchkneifen von Zugtieren geheilt werden (vgl. Kollesch/Nickel, 2007, S. 205 ff.).

Die „Behandlung durch die Hand“