Geschichtsfragmente - Waltraud Schade - E-Book

Geschichtsfragmente E-Book

Waltraud Schade

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Beschreibung

Wissen Sie, welch Glanz und Elend im Hotel "Excelsior" am Anhalter Bahnhof herrschte? Kennen Sie die "Inseln der Glückseligkeit" und ihre wechselvolle Geschichte? Waren Sie schon einmal im Park der Monstren in Italien? Kennen Sie die Innenansicht des Hotel "Adlon"? Haben Sie schon einmal die legendären "Externsteine" bei Detmold besucht und sich in ihre Geheimnisse einweihen lassen?

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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Waltraud Schade

Geschichtsfragmente

Essays

Impressum

Texte: © Copyright by Waltraud Schade

Umschlag: © Copyright by Waltraud Schade

Verlag: Waltraud Schade

14059 Berlin

[email protected]

Druck: epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin

ISBN 9783********

 

In Berlin ... am Alexanderplatz

Geh aus mein Herz … Er läuft fröhlich über den Platz. Seine Gedanken sind bei seiner Braut. Sie wollen unbedingt nächste Woche heiraten. Er will jetzt gleich mit der Wohnungssuche beginnen. Sein Blick geht in eine der Gassen, die auf den Platz zulaufen. Vielleicht, dass dort eine kleine Mansarde billig zu haben wäre – da plötzlich sieht er Menschen, die aus der Gasse quellen und auf die Mitte des Platzes rennen.

„Auf die Barrikaden!“ Mit dem tausendfach gebrüllten Ruf stürmt eine wild entschlossene Menschenmenge in der Nacht vom 18. auf den 19. März 1848 auf den Platz und beginnt sogleich mit dem Bau. Leiterwagen werden zusammengestellt und Wald- und Felslandschaften aus den Theaterkulissen herangeschafft. Andere bringen Degen, Speere, Gewehre, die Theaterwaffen aus dem Fundus des nahe gelegenen Königstädter Theater in Stellung.

Unter den Revolutionären bewegt sich der junge Theodor Fontane, der sich aus der etwas entfernteren Apotheke „Zum schwarzen Adler“ losgeeist hatte. Er müht sich ab mit den Brettern, will sie schichten und sie fallen immer wieder durcheinander. Wenn er sich umsieht, blickt er in befeuerte, hell glühende Gesichter.

Das Militär, das mit Kanonen anrückt, schießt wirklich und – hinterlässt im Eckpfeiler eines im Wege stehenden Hauses ein Loch mit einer Sechspfünder Kugel, die den ganzen Sommer über dort stecken bleibt, wie eine Warnung „An meine lieben Berliner“. Die Kugel hat eine Proklamation Friedrich Wilhelms IV. glatt durchschossen und noch der Anfang davon flattert an der Hauswand.

Ob er etwas für sich und seine Braut gefunden hat, ja das weiß – nach einem solchen Umsturz kein Mensch zu sagen. Vielleicht hat er das Kommunistische Manifest in die Hand gedrückt bekommen und darüber sein Vorhaben vergessen?

Der letzte Acker ist verschwunden und auch die alten Gassen, die den Platz umgaben, auf ihn zugestrebt waren – verdrängt von rasch nachwachsenden Büro- und Wohngebäuden. Die Märkte unter freiem Himmel verzogen sich in die schnell hergerichtete Kleine Alexhalle.

Dem Kaufhaus Tietz wirft die Berolina eine Grußhand zu. Es ist schon die dritte Kopie der Figur. 1871 hatte die erste am Halleschen Tor die heimkehrenden siegreichen Truppen aus dem Deutsch-Französischen Krieg begrüßt – die zweite 1898 Umberto, den König von Italien.

Sie ist die Personifizierung Berlins, ihr Vorbild war die Berliner Schustertochter Anna Sasse – wohl eine lebenspralle dicke Berta, die nun als Göttin über die Stadt wacht.

Als die Berolina ihre Hand nach dem Warenhaus Tietz ausstreckt, sich besieht, wie sie da vor ihr liegen – das Warenhaus, die Markthalle und das Grand Hotel, diese Tempel der Genussverehrung – da ist der Platz von Schienen schon zerschnitten.

Siebzig Jahre später ist der Verkehrslärm mörderisch, die Zeit reif für noch mehr Bewegung. Die Untergrundbahn ist in Arbeit. Fußgänger gehen über Bretter und spähen durch die Ritzen in die Tiefe. Die in die Höhe wachsenden Häuser blickmeidend, deren Mieten niemand mehr bezahlen kann.

Da läuft sie – eine junge Frau mit keckem Hütchen. Sie stolpert, hatte versucht, ein Preisschild zu lesen …

Ist es nicht vernünftig, sich Schuhe für weniger als 80 Reichsmark zu kaufen – „Koof mich“ – und in der Miefbude im Wedding zu bleiben, überlegt sie, während sie jemand auffängt. An dem Arm, der sie gefasst und angehoben hat, hängt ein Mann, der sie freundlich fragt: „Wollen Sie einen Kaffee mit mir trinken?“ Sie weiß nicht recht, nickt und lässt sich von ihm zu Aschinger ziehen. Sie müssen einem Fuhrwerk ausweichen und die Tram fährt auch gefährlich nahe an sie heran. Aus den Augenwinkeln verfolgt sie den Abtransport der Berolina, das kolossale Weib musste den Bauarbeiten der U-Bahn weichen. Man kann sie sich unmöglich schwebend vorstellen.

Im großen Caféhaussaal von Aschinger gehen sie vorbei an Tischen mit bunten Torten auf blassen Tellern. Jeder Tisch ist besetzt – Frauen mit Hüten, der letzte Schrei – Männer ohne, dafür Krawatten im Gleichklang. Kein Blick fällt auf die Bauruine Alex, man blickt höchstens seinen Rauchwölkchen nach, während man sein Gegenüber reden lässt.

Aus dem Königstädter Theater ist Aschinger geworden, aus dem Aufruhr – Gleichgültigkeit.

Sie bestellt sich einen Cognac, schüttet ihn in einem Zug hinunter – er bekommt große Augen, wen hat er da vor sich? Er entschuldigt sich bei ihr und eilt zur Toilette. Sie wartet nicht, bezahlt ihre Rechnung selbst und schwingt sich zur Tür. Dort rempelt sie ein Mann an: „Oh Entschuldigung – darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?“ Sie dreht sich zur Drehtür, ruft über die Schulter: „Keine Zeit – keine Zeit.“ Herausgedreht aus Aschinger, atmet sie gierig die Staubluft ein: „Wie wohltuend, wie wunderbar!“ Jemand betrachtet sie interessiert. Sie beeilt sich die Tram zu erreichen, die gerade vorbei klingelt.

Kehren wir zurück zu dieser prallen Berolissima. Bevor sie von den Nazis abtransportiert wird, um für die Waffenproduktion eingeschmolzen zu werden, steht die bronzene Dame noch ein paar Jahre wieder an ihrem alten Platz vor dem Warenhaus Tietz – nostalgisch an die wilhelminische Zeit erinnernd, auch wenn sich die eiligen Passanten nicht gerne daran erinnern lassen und lieber wegblicken. Die Leere, die sie nun hinterlässt, füllt ein Vierteljahrhundert später als Blick- und Treffpunkt – die Weltzeituhr.

Die Zeit der (halben) Welt, mit der die sozialistische verbrüdert ist, ist in einem Rundgang abzuschreiten.

Die da sitzt im Abendschein, hat keine Augen für das Schnellrestaurant Automat, den kurzen, schnellen Genuss kalter und warmer Speisen verheißend, ein Kotelett mit Gurkensalat, ein Schnitzel, eine Boulette mit Kartoffelsalat, eine heiße Bockwurst mit Senf ausspuckend, alles aus dem Automaten, durch ein Fensterchen zu sichten – eine neue Erfahrung der Selbstbedienung. Hätte Brigitte nur einen Moment hinübergeschaut, dann wäre ihr der kleine Vorfall nicht entgangen. Ein gieriger, ungeduldiger Junge hatte sich den Finger im zuklappenden Fenster eingeklemmt und musste seine Bockwurst mit Senf samt dem Pappteller vom staubigen Boden aufklauben. Doch sie hasst, was aus dem Automaten kommt, isst lieber im „Adlon“, das von ihresgleichen bewohnt war, bis noch vor ein paar Jahren, nach Kriegsende, ein Jahrzehnt lang.

Seit die Dichterin Moskau besucht hat, sieht sie den Platz mit anderen Augen – der nach dem gleichfalls liberal denkenden Zar Alexander benannt ist, von dem anfangs noch liberal eingestellten Friedrich Wilhelm III.

Versonnen versenkt sie ihre Lippe in einem Glas weißen Bordeaux, raucht eine „Karo“ und träumt sich weg vom Alex, läuft im Zick-Zack vom „Ganymed“ zum „Lukullus“ zum „Trichter“ rüber, dann zum „Café Praha“ von da zum „Niquet-Keller“ zur „Hafen-Bar“ rein in die „Die Möwe“ wieder raus und rein in die „Die Distel“, kehrt wieder zurück, sammelt Männer und weiß, Berlin ist zu hell und laut für Liebende. Sie schaut auf die Weltzeituhr, will die Zeit wissen, hat Zeit, die ihr der kurz aufblitzende Verstand auch wieder raubt.

Sie hat ihren Lutz-Bruder verloren, er ist republikflüchtig geworden. Zerrissene Familien, das Gegeneinander von Geschwistern – ein literarisches Thema? Sie hat sich an eine Geschichte gemacht: „Die Geschwister“, eine schmerzlich-leidenschaftliche Arbeit. Der Bruder, schlecht und ungerecht beurteilt von der Partei, ohne angemessene Arbeit, keine Aussicht auf eine Wohnung, hat sich in den Westen abgesetzt, mitsamt seiner kleinen Familie. Sie versteht manches, aber was erwartet ihn dort? Die Kapitalisten sind auch nicht zimperlich.

Inzwischen hat er sich etabliert, singt das Hohelied auf Freiheit und Demokratie! Schreibt Hassbriefe, versteht nicht, dass sie bleibt. Für sie ist er ein Renegat. Sie will das neue System mit gestalten. Dennoch war der Abschied herzzerreißend. Zwei Deutschlands – eine Tragödie.

Sie zündet sich noch eine Karo an, befingert die karierte Schachtel, ob sich’s noch lohnt, sie einzustecken, trinkt das Glas aus und verlässt den Platz, macht sich auf die Suche nach den Freu(n)den der Nacht.

Auf einem Steinblock sitzen zwei junge Frauen im Abendrot. Sie erholen sie sich von der anstrengenden Tätigkeit im Hotel Stadt Berlin. Sie sind dort in der Wäschekammer beschäftigt. Die eine als Aufseherin, die andere macht die Inventur. Beide sind erschöpft und lachen wie irre. Die Aufseherin hat gegen eine Abmahnung gekämpft – die andere gegen ihr Verbleiben in der Wäschekammer. Zusammen mampfen sie ihre Pausenbrote und spielen das Genossenspiel. Wer ist Genosse – wer nicht?

„Der da – bestimmt! Schau dir den festen Gang an!“

„Ja“, antwortet die Nebensitzerin, „der ist ein Überzeugter!“

„Und der?“

„Eher nicht – das ist ein Romantiker, den interessiert die Realität die Bohne!“

„Kennst Du den neuesten Witz?“ – „Ne, aber gleich, erzähl!“

„Der Letzte macht das Licht aus!“ „Welches Licht?“

Sie lachen, stehen auf, streben zu einem Wurststand und bestellen zum Abschluss je eine Ketwurst.

Auf dem Platz lungern öfter Gestalten herum, den eiligen Passanten, Polizisten und anderen Ordnungsmächten sind sie Dornen in den Augen. Die das tun, wissen darum, welche Ungemütlichkeit sie diesen Leuten bereiten.

1988 ist es dann soweit – nach Ausbürgerungen, Todesschüssen an Grenze und Mauern treten sie in Aktion. Auf dem Alexanderplatz versammeln sich viele, viele Jugendliche zu ihrem Protest gegen das vergreiste Regime und seine Handlanger. Was schnell zur Stelle ist, sind LKWs voller Volksarmisten, die wie von der Leine gelassen auf die Jugend einschlagen, sie niederknüppeln und dann zu den Autos zerren und wegschleppen. Ihr auf die Lippen kriechendes „Have mercy on me“ erstickt an den Hieben, die erst aufhören, als Ruhe ist, siegreiche sozialistische Maulkorbruhe.

Die hatte schon fast 40 Jahre angedauert, sollte ewig halten, unaufhaltsam – aber im nächsten Jahr – ist alles anders.

Ein Jahr zuvor noch Angstschreie – jetzt plötzlich selbstbewusste Rufe in den Himmel. Es ist die Zeit der Feiern des 40. Jahrestags zur Gründung der DDR. Leipzig hat die Schnauze voll, tanzt aus der Reihe und wird beknüppelt. Berlin hört die Signale, Menschenmassen strömen auf den Alex. Die Masse johlt.

Im Umkreis der Weltzeituhr stellen sich die Oppositionellen in Positur. „Wir sind das Volk“ posaunen sie mächtig daher, eilig wird eine Bühne errichtet, auf der auch Christa, die erste Literatin des gereizten Landes zu denen spricht, die sich nichts mehr gefallen lassen wollen. Sie beschwört eine Zeit revolutionärer Erneuerung – stellen wir den Sozialismus vom Kopf auf die Füße – die Unteren sollen die Oberen sein – ruft sie befeuernd in die Menge, die diese Hoffnung mit offenen Augen bejaht. Der Aufbruch ist gewagt - Polizei und Staatssicherheit müssen Tage später ohnmächtig zusehen, wie ihre „unbeabsichtigte“ Mauer in den Staub fällt. Zerhackt von Mauerspechten, die kleinste Teile noch lange danach vom Fleck weg verkaufen. Der antifaschistische Schutzwall liegt nun in Schreibtischen, hängt an Wänden, steht in Wohnzimmern – überall in der Welt.

Die Freudenschreie verhallen in den Jahren der Kapitalisierung und machen Unansehnlichem Platz.

Der Platz, der seit 1805 seinen Namen trägt – denk ich an Moskau in der Nacht – dieser Platz ist vom Parade- und Exerzierplatz über einen Marktplatz zu einem Verkehrsknotenpunkt mit Einkaufs- und Begegnungschancen für frei laufendes Publikum geworden, ein Publikum, das vor allem abgelenkt sein will.

Es ist Nacht. Tiefe Nacht. Sie kann nicht schlafen und schlurft in ihrem Trenchcoat über den Platz. Sie hat keine Angst, so allein, weder tags noch nachts. Plötzlich geht eine Tür auf und laute Musik schallt aus dem Club, in dem sie noch niemals war.

Vielleicht sollte sie sich überwinden und einfach hineingehen, was zu trinken bestellen und den Tanzenden zusehen, ihre Gedanken mittanzen lassen. Sie geht auf die lärmende Musik zu, da sieht sie ein paar junge Männer aus dem Club torkeln.

Einer wird von seinem Freund geschleift und auf einen Stuhl an einem verlassenen Tisch gesetzt. Da plötzlich kommen aus einer anderen Ecke mehrere Jugendliche angerannt, pöbeln und schreien.

Sie bleibt stehen, geht langsam zurück. Was da jetzt geschieht, hört sich an wie eine Lawine – allein könnte sie das nicht mehr stoppen. Wie unaufhaltsam entlädt sich eine gewaltige Energie. Die Angreifer fallen über die anderen Jungs her – es ist ein Kampf ohne das Ziel des Kräftemessens. So, abgewendet von den wütenden Schreien, will sie jetzt doch einschreiten, wendet sich um, sieht wie einer am Boden liegt, ein anderer immer wieder gegen seinen Kopf tritt, immer wieder, eilt zu der Meute, die auseinander stiebt – zurück bleibt ein lebloser Körper – Jonny K.

Der alles überragende Kirchturm der Georgenkirche, steht still und stumm.

Sie hätte sich jetzt niederbeugen können, wie auf einem Foto, das sie gesehen hat – ein Mann liegt mit geschlossenen Augen am Boden, eine junge Frau beugt sich über ihn, fürsorglich, weiß sie um seinen Tod? Sie weiß, dass Gewalt jede Kreatur zu jeder Zeit treffen kann – dass die Menschheit nicht aufhört, sich gewalttätig zu begegnen.

Immer wieder – immer wieder? Unaufhaltsam?, denkt sie und ballt ihre Fäuste in den Manteltaschen.

Das Hotel Excelsior – ein Ort verschwenderischen Lebensgefühls

Für ein Projekt schrieb ich die Geschichte dieses außergewöhnlichen Hotels zusammen. Es ist eine tragische Geschichte, die ich erzählen muss.

Kaiserzeit – Gründerzeit

Um die Jahrhundertwende war Berlin ein beliebtes Reiseziel, als europäische Metropole und Kaiserresidenz rief sie alle Welt zu sich. Hotelpaläste entstanden, in denen der Aufenthalt beträchtlichen Luxus und ausgefallene Vergnügungen versprach. Im April 1908 feierte das „Grand-Hotel Excelsior“ seine Eröffnung. Vis-à-vis vom Anhalter Bahnhof war es für ein reisefreudiges, wohlhabendes Publikum gedacht und seine palastartige Fassade sollte zur Verschönerung des Askanischen Platzes beitragen. Auch das stilvolle Interieur war dem der eleganten Luxushotels nachempfunden. Monumentale Wandgemälde schmückten die Wände aus Marmor und in der Empfangshalle stützten Marmorsäulen die Decke, von der schwere Lüster aus Goldbronze herabhingen. Marmor, Goldbronze und Edelhölzer verliehen den Gesellschaftsräumen ein feudales Aussehen. Verschiedene Restaurants und Festsäle zogen ein schillerndes Publikum an. In der Anordnung der Zimmer entsprach es eher einem in Nordamerika entwickelten Hoteltyp. Vollständig eingerichtete Logis mit Küche, Bad und entweder einem Wohnschlafzimmer oder getrennten Wohn- und Schlafzimmern garantierten ein ruhiges und bequemes Wohnen. Appartements und Suiten ersetzten so die eigene Wohnung. 1919 verkaufte die Hotelgesellschaft Excelsior mbH die Luxusherberge mit dem verheißungsvollen Namen an Curt Elschner, einen umtriebigen Geschäftsmann. Elschner war 1876 im thüringischen Willerstedt bei Apolda als Sohn eines Gastwirts geboren. Nach einer Kellnerlehre arbeitete er in westdeutschen Großstädten und volontierte in England als Hotelkaufmann.

Von 1903 bis 1919 brachte er 17 Gastronomiebetriebe in seinen Besitz, modernisierte sie oder gründete neue Objekte.

Während des Ersten Weltkriegs führte seine Frau Bertha, geborene Mansfeld, Tochter einer thüringischen Gastronomiefamilie, die Geschäfte unter schwierigen Bedingungen erfolgreich weiter. Aus dem Krieg heimgekehrt, erwarb Elschner im Auftrag des Industriemagnaten Hugo Stinnes sen. mehrere Hotels, darunter das „Excelsior“. Dieses nahm er in Besitz, finanzierte es durch den Verkauf etlicher seiner Betriebe und begann umgehend mit dem Umbau und der Modernisierung des noch 1912 vergrößerten Hotels. Der Besitzerwechsel bedeutete einen kometenhaften Aufstieg für das Hotel – höher hinauf – Excelsior!

Unter der Regie des „Geheimen Kommerzienrates“ Elschner – den Titel verdankte er der Huld der Kaiserin Auguste Victoria – avancierte das „Excelsior“ innerhalb weniger Jahre zum modernsten und größten Hotel des Kontinents. Mit seinen technischen Neuerungen wie Telefon, Radio in fast jedem Zimmer, dem Hoteltunnel und einem Luxusschwimmbad, erstrahlte das „Excelsior“ bald in neuem Glanz.

Glanz und Gloria

Wer das „Excelsior“ betrat, kam an einen Ort mondänen Lebensstils, den auch der Eigentümer pflegte. War Elschner zum Beispiel mit den Darbietungen des von ihm engagierten Orchesters zufrieden, sozusagen „hin und weg“, floss er über vor Glück und Dankbarkeit und machte Geschenke. In verzückter Geberlaune verschenkte er auch schon mal seinen Brillantring, den er sich im Überschwang vom Finger zog und dem Orchesterleiter überreichte.

Nach einer umfangreichen Hotelsanierung im Sommer 1927 startete Elschner erste deutsche Hotelkaufhaus – eine Zweigstelle des 1907 erbauten „KaDeWe – Kaufhaus Des Westens“. Von der Hotelhalle bis hin zu den Gesellschaftsräumen erstreckte sich jetzt eine Passage mit teuren Boutiquen und einem exklusiven Modesalon für Damen. 1928 präsentierte sich im Keller des an der Anhaltstraße gelegenen Hoteltrakts dem illustren Publikum das „Excelsior-Bad“. Vom luxuriösen Flair der vornehmen Anlage versprach sich Elschner den allergrößten Erfolg: „Was brauchen die Berliner nach Teneriffa?“ hieß es allgemein, denn das „Excelsior-Bad“ galt als das nobelste Bad Europas.

Darin plantschten unter einem Plafond aus Glasmosaik und Marmor die Besucher in Wasserbecken mit Fayenceplatten in grünlichen Glasuren, bespritzt von Springbrunnen aus emaillierter Bronze und Glas. Zwischen und unter Palmen wandelten die Menschen zur Beruhigung ihrer Nerven in farblich aufeinander abgestimmten Räumen. Durch diese Ausgestaltung zählte das Hotel zu den „schönsten Beispielen der Baukunst des Expressionismus“.

Zugleich handelte es sich um eine Kurbadeanstalt, mit fachärztlich betreuten Massagen und Medizinalbädern. Man konnte Warmluft-, Dampf- und Heißwasserbäder mit heilgymnastischen Übungen kombinieren, bevor man sich in den Schönheitssalons frisieren, maniküren und pediküren ließ.

Gut besucht war die Herrenbar, in der sich auch Parlamentsjournalisten trafen. Im eleganten Weinrestaurant einverlebte man sich Gabelfrühstücke, Diners, Soupers à la carte aus einer erstklassigen Küche serviert, und am „Excelsior-Buffet“ bediente man sich an kalten Schlemmereien und tanzte zur Musik einer preiswürdigen Kapelle. Eine besondere Attraktion war die holländische „Bolsstube“. Auf dreieckigen Sitzmöbeln aus zusammen gebundenen Bambusrohren schlürfte man exotische Drinks.

Als die Sensation galt der Hoteltunnel zum Anhalter Bahnhof. Am 15. März 1928 war er als größter Hoteltunnel der Welt feierlich eröffnet worden. Von der Bahnhofshalle des größten europäischen Kopfbahnhofs schwebten die Reisenden via Lift hinunter in den „Excelsior-Tunnel“, unterquerten die Königgrätzer Straße und gelangten am anderen Ende über weitere Aufzüge ins Hotelfoyer. Für Berliner, die es in die bekannten „Excelsior-Restaurants“ zog, war der Tunnel über eine Treppe in der Möckernstraße zu erreichen. Den drei Meter hohen, drei Meter breiten und achtzig Meter langen weiß und gelb gekachelten Gang säumten Palmenkübel und Ruhebänke – es war eine „Ladenstraße, in der man auch alles Erdenkliche kaufen konnte“.

Doch nicht alle hochfliegenden Pläne Elschners waren realisierbar. So scheiterte seine Idee eines „Wolkenkratzerhotels“ am Widerstand der Baubehörde. Sie verweigerte die Genehmigung für den Bau von fünf weiteren Stockwerken mit der Begründung, dadurch werde die städtebauliche Eigenart des Askanischen Platzes beeinträchtigt.

Bei einer erneuten Antragstellung verlangte die neue Bauordnung vom 3. November 1925 bei solchen Vorhaben das Einverständnis der benachbarten Grundstücksbesitzer, die protestierten und ein erster deutscher Wolkenkratzer kam nicht zustande. Trotzalledem galt das „Excelsior“ wegen seiner modernen Serviceleistungen als das „amerikanische“ Hotel Berlins und war in den 20er Jahren internationaler Treffpunkt nicht nur von Geschäftsleuten, Rittergutsbesitzern und Fabrikanten.

Die Stadt in der Stadt