Schicksalsfragmente Eins - Waltraud Schade - E-Book

Schicksalsfragmente Eins E-Book

Waltraud Schade

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Beschreibung

Es gibt kein exklusives Leben in einem Penthouse und sowieso nur unruhige Nächte in Berlin. Auf Kreta passiert Unheimliches, während die kanarischen Inseln Schauplatz von allerlei seltsamen Begegnungen sind. Wir begleiten drei Frauen auf verstörenden Wegen ...

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Seitenzahl: 80

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

BERLIN BLUES

Das Penthouse

Hully-Gully im Hofcafé

Das Werk der Dämmerung

KRETA-ZYKLUS

Kretische Sommer

Finsteres Glück

Sinnloser Taumel auf Kreta

KANARISCHE TÖNE

Die Woge

Der Mandelbaum

La Palma Sinistro

SONDERLICHE SPHÄREN

Bebra … Bebra …

Die Taube

Es muss sich etwas ändern …

BERLIN BLUES

Das Penthouse

Sie hockte vor dem Spiegel in ihrem Schlafzimmer und betrachtete eingehend die hinzugekommenen Falten in ihrem erschlafften Gesicht. Das Leben hatte sie nicht geschont, kein bisschen. Unter dieser Ernte grüblerischer Tage lagen die schönen Zeiten – warum nur musste alles immer so katastrophal enden? Es klingelte. Wie sah sie bloß aus? Das Haar, eine Seite lang, die andere kurz, war schief nachgewachsen. Sie nahm eine Schere zur Hand und schnitt ein paar Strähnen ab. Es klingelte wieder. Sie sprang auf und zwängte sich in das Kleid von gestern, trat dicht vor den Spiegel. Wieder klingelte es. Sie schlang den Gürtel um die Taille, da fiel ihr ein, dass sie ja jemanden erwartete. Isolde ging zur Tür, drückte den Türöffner.

Das Penthouse, hoch über der Stadt, war wie eine Burg, der sie vertraute. Von hier oben hörte sich das Unten an wie an- und abschwellender Furchtgesang in einem unaufhörlichen Gerüttel und Geschüttel. Die Höhe versprach das Gefühl schwereloser Ferne von den Dingen, die da unten so pompös sich aufwarfen und denen sie hier oben in den Wolken, verborgen blieb.

Der Rundblick über die Stadt war einfach überwältigend und hatte es ihr angetan, damals, als sie sich eine Bleibe suchen musste, mit der Abfindung. Selbst die Schwindel erregende Höhe hatte sie nicht abgeschreckt, im Gegenteil, denn da unten gab es keinen Kiez, keine Läden, keine Kneipen, wie in Kreuzberg. Hier war das Leben erstarrt. Einzig der Autoverkehr raste und bremste, Tag und Nacht. Aber das konnte ihr hier oben egal sein. Die Türklingel schnarrte. Isolde öffnete die Tür und – erstarrte. Vor ihr stand eine schwarz verhüllte Gestalt, ein Mensch, verborgen unter einer Burka.

Ihr wurde kalt: »Gottes Willen – wer … sind Sie? Was wollen Sie?«

Isolde zog die Tür fest an sich, wie zum Schutz. Die Gestalt war wie das Schicksal, das an die Tür klopft und dem Leben eine endgültige Wendung gibt. Die schwarze Umhüllung bewegte sich leicht an Isolde vorbei in den Flur: »Ach so, das weißt Du noch gar nicht, ich bin konvertiert, zum islamischen Glauben – oder eigentlich nicht, vorher hatte ich ja gar keinen …«. Isolde stand immer noch wie eine Bildsäule am Eingang. Sie schloss langsam die Tür und ihre Augen – hielt einen Moment inne. Dieser Trotz, sie kannte ihn – Mara besaß ihn also immer noch. Sie wandte sich um und sah ihre Tochter von oben bis unten an. Dann versuchte sie einen Scherz: »Willst Du nicht ablegen?« es klang, wie es klingen sollte, sarkastisch. »Hab’ wenig Zeit, muss heute noch einiges vorbereiten …«. Isolde lächelte säuerlich, ihr: »Du hattest ja noch nie Zeit,« war nicht ganz ernst gemeint, aber sie musste ihre Fassung zurück gewinnen: »Nimm wenigstens diesen Gesichtsschleier ab – oder wie das heißt …«. Sie wollte ihrer Tochter entgegenkommen mit dieser gespielten Unsicherheit. Und obwohl sie jetzt wusste, wer in dem Gewand steckte, spürte sie Angst – eine grauenvolle Angst vor der Schwärze und Verhülltheit dieser Gestalt. Sie bat: »Lass uns nach draußen gehen, ich will noch die letzten Sonnenstrahlen genießen,« anderes fiel ihr nicht ein, zu diesem überfallartigen Auftritt.

Eilig lief sie voraus ins Wohnzimmer, das von drei Seiten her die hellen Fluten aufschluckte. Die schwarze Gestalt folgte ihr, blieb im Eingang stehen und wunderte sich: »Oh wie hell es hier oben ist.« Isolde warf sich erleichtert in Pose: »Stell Dir vor, ich brauche keine Vorhänge. Wenn das Wetter schön ist, lebt meine Seele auf in dieser Taghelle.« Durch den Schleier flüsterte es: »Und bei Düsternis?« Isolde schaute tapfer in das vergitterte Gesichtsfenster: »Da verkriecht sie sich.« Wie erstaunt fragte Mara: »Seit wann hast Du sie denn?« Isolde fragte, als habe sie nicht richtig verstanden: »Was denn?« Mara trompetete: »Eine Seele!« Isolde drehte sich weg, öffnete einen Flügel der Glaspforte und trat hinaus aufs Dach. Sie drehte sich um und forderte: »Zieh das aus – wie kannst Du dich bloß so verkleiden – was ist mit Dir passiert?« Sie wollte sie packen, schütteln, doch zuckte sie davor zurück. Die Tochter öffnete einen Klappstuhl, setzte sich und hob ihr Haupt in den leicht bewölkten Himmel: »Warum hast Du uns verlassen?« Isoldes Stimme klang gereizt, während sie an ihr vorbei antwortete: »Also – darum bist Du gekommen? Mich so was Absurdes zu fragen?« Die schwarze Gestalt murmelte die Antwort in den Himmel: »Eigentlich wollte ich dich an etwas erinnern …«. Isolde drehte sich um und ging ins Zimmer hinein. Nach ein paar Minuten kam sie mit zwei Gläsern und einer Flasche Wein wieder heraus. Mara sah die Flasche: »Ich trinke nicht – mehr …« Isolde stellte alles auf den Tisch: »Was ist mit dir passiert?« Sie musste wieder wegsehen beim Sprechen, sie konnte diese Schwärze nicht ertragen. »Das was auch Du kennst …« Isoldes Stimme klang ungeduldig: »Also, sag schon …«

»Verliebt …«, klang es durch das Gesichtsgitter. »In einen Salafisten …«, kreischte Isolde. Sie griff nach der Weinflasche, schenkte ein Glas randvoll ein und stürzte es in einem Zug hinunter. Mara riss ihr die Weinflasche aus der Hand und kippte sie aus: »Ich will – dass Du nüchtern bleibst!« Isolde schleuderte das leere Glas auf den Terrassenboden: »Herrgott noch mal, hör endlich auf, mich wie ein Kind zu behandeln …« Mara stand auf: »Du bist ein Kind – ein großes, altes Kind!« Isolde drehte sich weg, ihre Hand zitterte: »Und Du bist …«, sie suchte nach Worten, »frech … gemein … bösartig … unverschämt!« Mara stand langsam auf: »Woher kommt das bloß?« Sie streckte ihre Arme aus: »Vom Himmel?« Langsam drehte sie sich um sich selbst und tanzte als ein großer, schwarzer, schwerer Vogel über die Terrasse.

Isolde wusste nicht wohin mit ihren Augen – und folgte wie paralysiert den immer grotesker werdenden Bewegungen ihrer Tochter. Sie stand auf. Mara sang: »Kann denn Liebe Sünde sein …« Isolde lief auf sie zu, voller Widerwillen nahm sie die schwarze Gestalt bändigend in ihre Arme: »Es reicht!« Mara wehrte sich gegen die Umarmung, Isolde griff nach dem Gesichtsschleier – wollte die Augen ihrer Tochter sehen, wollte glauben können, was sie sah – sie riss daran, doch Mara war stärker, schüttelte ihre Mutter ab, stieß sie zu Boden: »Fass mich nicht an – Du hast kein Recht auf mich!«

Isolde lag da und heulte: »Ich bin - Deine Mutter …«

Mara stand vor ihr, beugte den verschleierten Kopf über ihre Mutter: »Ich habe keine Mutter, hatte nie eine …«

»Aber ich habe dich geboren …« heulte Isolde voll Selbstmitleid in sich hinein.

»Und nicht geliebt!« Mara blieb unerbittlich. Isolde erhob sich stockend, verwirrt fuhr sie mit ihren Händen über ihren Körper, als sei sie staubig geworden und strich ihre Haare glatt. »Diese Haare …«, empörte sich Mara. »Das ist meine Sache …« verteidigte sich Isolde. »Damit hast Du sie angelockt …«

»Wen angelockt?,« wollte Isolde wissen. »Beide, Männlein und Weiblein, halb lang, halb kurz – ein Signal in zwei Welten!« Isolde versuchte abzulenken: »Was trägt man unter einer Burka?« Mara stellte sich dicht vor ihre Mutter, sie waren beide gleich groß und in ihren Bewegungen steckte eine Gleichheit, wie von Schwestern, die sich nachahmen: »Man trägt nicht Burka – ich trage darunter blütenweiße Unterwäsche, wenn Du’s genau wissen willst!« Sie wendete sich ab und lenkte ihre Schritte in Isoldes Schlafzimmer. Vor dem französischen Bett blieb sie stehen: »Ich bin ja bei Regen in einem Zelt gezeugt worden, nach einem Streit, den Du im Liegen austragen wolltest.« Während sie sprach, holte sie unter ihrer Burka einen Dolch hervor und stach, wie von einem Dämon ergriffen, unter wilden Schreien immer wieder in die Matratze, riss sie auf mit ihren Stichen, bis die Innereien herausquollen. Isolde schaute von der Terrassentüre aus fassungslos zu. Sie bat und flehte: »Hör auf – hör auf …« und konnte keinen Schritt gehen, so sehr bannte sie der Anblick der wütenden schwarzen Gestalt. Plötzlich drehte sich Mara um und stürmte mit funkelnder Waffe auf ihre Mutter zu. Isolde stolperte auf die Terrasse, rannte zur Ummauerung und kauerte sich an den Boden, zitternd vor Angst. Mara stürzte ihr hinterher. Bei ihrer Mutter angekommen, stand sie vor ihr, mit gesenktem Kopf, als ob sie noch etwas sagen wollte oder sich etwas überlegen würde. Dann hob sie ein Bein, stellte ihren Fuß auf den Rücken ihrer Mutter stieg über sie hinweg und stellte sich auf die Balustrade. Dort oben erhob sie ihre Arme gen Himmel, jauchzte, stieß einen schrillen Schrei aus, wie von einem verwundeten Tier, ruderte mit den Armen und flog wie ein Vogel hinab in die Tiefe.

Isolde lag benommen da. Ihre Augen starrten in eine imaginäre Ferne. Nach einer Weile fasste sie den Rand der Balustrade, zog sich daran hoch und blickte hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen, außer einigen winzigen Gestalten, die auf einen schwarzen Punkt zustrebten.

Isolde torkelte zurück ins Penthouse und ging zielstrebig in die Küche. Sie musste ja noch einkaufen. Es fehlten Milch und Butter, Käse und Aufschnitt, Kaffee und Wasser. Sie hätte ihrer Tochter ja gar nichts anbieten können. Wie spät war es? Sie suchte eine Uhr und erschrak. Schon so spät? Schnell schlang sie eine Jacke um sich und lief zum Aufzug.

Im Fahrstuhl begann ihr Denken zu rotieren.