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Wir begleiten drei Frauen auf verstörenden Wegen ... Schicksalsfragmente Zwei ist eine Fortsetzung von Erzählungen, die in Schicksalsfragmente Eins erschienen sind. Abenteuerliches, Kryptisches und Kurzes.
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Seitenzahl: 87
Veröffentlichungsjahr: 2021
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ABENTEUERLICHES
Lebende Bilder – Kreaturen kreativ
Oh – wie schön ist Palma La
Vivian
Das Boot
Bleichgesichter des Schreckens
KRYPTISCHES
Die Bergwanderung
Die dritte Begegnung
Wo die Nachtigall stört
AUSGEFALLENES
Mami – get your gun
Gefährlicher Durst
Die Schatztruhe im Turm
Die tödliche Stimme
Lang, lang ists her und traurig war’s auch manchmal, wenn die Sonne sank und der Abend durch blinde Fenster hereinschaute. Dann griff sie öfter zum Telefon und wählte eine erfundene Nummer, hörte wer sprach und legte wieder auf. Morgens erwachte sie verkatert – obgleich sie nichts getrunken hatte – aber ihr Kummer schien durch alles, was sie anfasste hindurch. Ihr war das egal – und sie pfiff vor sich hin, als sei sie alleine, aber das war sie nicht.
Sie konnte die Blicke um sie herum spüren, ohne sie zu sehen. Deshalb hielt sie sich ungern am Abend hier auf. Jetzt kam die Dämmerung – ihre Schatten legten sich auf die wartenden, reglosen Körper. Das war ihr Signal. Sie eilte aus dem Zimmer. Es klingelte. Das Telefon – sie hatte das Telefon vergessen. Als sie zurück kam, konnte sie die Augen auf sich gerichtet fühlen. Sie machte einen Schritt – weg von den Augen, hin zum Telefon und – stolperte über etwas – als sie am Boden lag, wusste sie, was es war. Die Teppichfransen.
Etwas näherte sich ihr – das Telefon klingelte, sie sah nicht hin – es beugte sich über sie – schnupperte an ihr. Sie schloss die Augen, ließ es geschehen. Es war ein weiches Maul, das ihre Lippen streifte, sich öffnete, sie mit einem fauligen Geruch anhauchte, an ihr schnüffelte. Sie spürte Zähne an ihrer Wange. Voll Angst schlug sie nach dem Maul. Das war ein großer Fehler. Das Maul öffnete sich ganz und stülpte sich über ihr Gesicht. Sie schrie unhörbar – denn es war ihr unmöglich ihre Lippen auseinander zu bringen. Die Zeit dehnte sich. Sie lag starr da, wagte kaum zu atmen. Zaghaft befühlte sie mit einer Hand das Wesen, in einer Aufwallung kraulte sie es, um sich irgendwie noch zu retten. Verzweifelt streichelte sie das kurze Fell – streichelte und wartete in ihrer Angst. Das Maul löste sich langsam von ihrem Gesicht. Sie hielt die Augen noch immer geschlossen, spürte den Speichel des Tieres, der über ihr Kinn rann. Es trabte von ihr weg. Zitternd erhob sie sich. Der Mond hing rund und groß am Himmel – wie ein angeklebtes Eidotter. Sie schlich zur Tür – hörte hinter sich ein Rumoren. Das Telefon hatte aufgehört zu klingeln. Sie öffnete die Tür lautlos und machte sie leise wieder zu. Als wolle sie niemanden stören. Dann tastete sie sich in der hereingebrochenen Dunkelheit über die Treppe nach oben und schleppte sich in ihr Schlafzimmer. Sie ließ sich aufs Bett fallen, lag stumm da, bis ihr einfiel, dass sie sich das Gesicht waschen musste. Dann fielen ihr die Augen zu.
Am Morgen erwachte sie schweißnass und quer über dem Bett liegend. Ihre Augen irrten über den Plafond, glitten die Wand herunter, an der ein Speer neben einem schwarzen Schild hing. Was hatte sie nur geträumt?
Sie setzte sich im Bett auf und sagte laut: »Das alles muss weg!« Wie hatte sie das nur die letzten zehn Jahre ertragen können?
Was steckte in den Falten ihrer Bettwäsche und – hatte etwas auf ihrem Kissen gelegen? Und was?
Sie rutschte an den Rand des Bettes und ließ ihre Beine baumeln. Hatte sie nicht einst auf einem Thron gesessen, vor dem viele, viele Eingeborene sich vor ihr neigten und Lieder sangen, in einer Sprache, die sie zu lernen versucht hatte. Es war ein Freundschaftsband zwischen ihr und den Vielen entstanden – bis, ja bis ein Schuss sich löste und ein blutendes Tier aus dem Wald brach. Diese Vielen sprangen augenblicklich auf die Beine und machten, dass sie vom Platz wegkamen. Sie rannten, als sei Tödliches hinter ihnen her.
Oder war das gar kein Traum? Keiner, den sie geträumt hatte? War es etwas was ER erzählt hatte? Sie wusste es nicht mehr. Konnte es nicht auseinander halten. Wusste auch nicht mehr, wie lange der Großwildjäger, der viele Jahre neben ihr geschlafen hatte, schon tot war.
Doch egal, was immer geträumt oder erlebt worden war, sie musste jetzt hier aufräumen.
Im Bad duschte sie sich und zog ein Khakihemd über ihre Canvashose. Dann ging sie ganz leise die Treppe hinunter und holte eine Werkzeugkiste aus der Küche. Im sonnenbeschienen Wohnzimmer hantierte sie bald mit einem Schraubendreher an einem Geweih über dem gelben Ledersofa.
Als sie es heraus geschraubt hatte, war es viel zu schwer für eine Hand und bevor sie es mit beiden packen konnte, entglitt es ihr und sie stürzte damit auf das Sofa. Eins der Hörner stach in ihre Hüfte und der aufgewirbelte Staub vom Geweih kitzelte ihre Nase, sie musste niesen, während das Blut aus der Wunde sickerte. Das Telefon klingelte. Die Wunde puckerte. Sonst war es ruhig. So ruhig, dass sie in Gedanken versank.
Sie sollte vielleicht einen Arzt rufen. Aber so, wie sie jetzt da lag, mit dem Geweih über ihrer Brust, hätte er sie sicher ausgelacht. Sie war müde und gleichzeitig hellwach. Aber sie war nicht furchtsam. Das Telefon hatte aufgehört zu klingeln. Sie setzte sich auf und befühlte ihre Hüfte. Mit roten Fingern ging sie in die Küche und wusch sich das Blut ab. Sie suchte ein Pflaster und überlegte, wie sie jetzt vorgehen wollte. Das kleine Massaker verdankte sie ihrer Unüberlegtheit. Was sollte sie tun? Der Löwe Ingmar, die Gepardin Monique und der Springbock Emil mussten sie heute noch verlassen. Die Geweihe dagegen hatten noch Zeit.
Sie ging ins Wohnzimmer und besah abwechselnd Ingmar, Monique und Emil. Bei ihrer Größe musste sie für jeden einen Sack, große Plastiksäcke besorgen und die drei darin zum Auto transportieren, denn schwer waren sie nicht – ohne ihr natürliches Eigengewicht.
Sie gab sich einen Ruck, in den Keller zu steigen und von dort unten die Säcke zu holen.
Sie suchte das Kellerlicht und stieß dabei mit ihrem Schienbein gegen etwas sehr Hartes. Der Schmerz durchschoss sie, so dass sie kraftlos auf den kalten Boden niedersank. Am Boden versuchte sie sich zu erinnern, wo der Lichtschalter war. Lange war sie nicht mehr im Keller gewesen. Zaghaft befühlte sie die schmerzhafte Stelle am Bein, die schon feucht war. Sie brauchte noch ein Pflaster.
Als sie mit den Säcken zurück war, überlegte sie, wen von den dreien sie zuerst bergen und verschnüren wollte. Aber die Schnur? Wo hatte sie eine? In der Küche suchte sie vergeblich – dann fiel ihr ein, dass sie in der Garage ein paar dünne Seile hängen hatte. Diese so genannten Kofferspinnen mussten doch dafür geeignet sein.
Als sie mit drei langen Kofferspinnen ins Wohnzimmer zurückkam, bekam sie plötzlich Hunger. Sie hatte ja noch gar nicht gefrühstückt. In der Küche machte sie sich eine Tasse Tee und einen Toast Hawaii, in den sie kraftvoll biss.
Dann machte sie sich ans Werk. Sie wollte mit dem Leichtesten, mit Monique, anfangen. Sie näherte sich der Gepardin mit Sack und Kofferspinne, legte die Spinne vor Monique ab und öffnete den Sack zum Überstülpen. Als sie zuvor noch einmal Monique in die Augen schaute, zuckte sie zurück. Blitze schossen daraus hervor. Sie wandte sich ab und Ingmar, dem Löwen, zu. Er schien zu schlafen. Sie näherte sich ihm von hinten und stülpte ihm schnell den Sack über. Dabei verhedderte sie sich mit seinem Schwanz. Im Fallen spürte sie erst einen Luftzug, dann peitschte der Schwanzknäuel über ihre Augen und sie sah kleine rote Sternchen.
ER hatte damals im Urwald gestanden, hinter einem breiten Baum voller Schlingpflanzen, sein Gewehr entsichert und im Anschlag gehalten. Etwas war durch den Busch gestreift, verweilte und streifte weiter. Da schoss er – etwas war in die herumliegenden Blätter gefallen. Die Boys waren gleich zur Stelle und hatten den Körper vom Boden gewuchtet, ihn an zwei Stöcken festgebunden und ihn aus dem Dickicht getragen. Sie war hinter einem Baum hervor getreten: »Warum hast Du ihn erschossen?« Er hatte sie angesehen, als sei sie ihm fremd geworden und hatte geantwortet: »Das habe ich dir doch schon so oft gesagt – ich schieße nur krankes und waidwundes Wild!« Sie hatte ihm nicht geglaubt, hätte aber auch nicht das Gegenteil beweisen können.
Als sie erwachte, wusste sie nicht gleich, wo sie war und konnte auch nichts mehr sehen. Das linke Auge war feucht und durch das rechte blickte sie langsam die Dämmerung an, die jetzt begonnen hatte. Schemenhaft erkannte sie Monique und Emil. Beide schauten sie an, als sei sie schuld an ihrem Tod oder dem jetzigen Leben, das sie noch hatten, bei ihr. Sie fasste sich an den Kopf, er tat weh. Fürchterlich weh. Ingmar lag neben ihr, als schliefe er. Vielleicht sollte sie die anderen auch hinlegen, vielleicht käme sie dann mit ihnen besser zurecht. Alles andere verschob sie auf später. Um Kräfte zu sammeln, taumelte sie in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Er war leer bis auf ein angebissenes Hühnerbein, das auf einem kleinen Teller lag, neben einem halbleeren Glas Wein. Das nahm sie heraus und trank es in einem Zug aus. Auf das Hühnerbein hatte sie keinen Appetit. Sie ging ins Bad, nahm eine Schmerztablette und betrachtete ihr Gesicht. Das linke Auge war voll Blut. Sie holte aus einem Schränkchen etwas Mull, legte ihn aufs Auge und verpflasterte es. Dann schleifte sie sich zurück ins Wohnzimmer. Dort warteten schon Ingmar, Monique und Emil. Sie standen jetzt wie eine Phalanx nebeneinander. Sie bekam Angst und erinnerte sich an Speer und Schild, die beide oben im Schlafzimmer hingen.
Rückwärts wich sie aus dem Wohnzimmer und schloss schnell die Tür. Oben angekommen, legte sie sich aufs Bett und schlief ein.
Nach der letzten Großwildjagd hatte sie genug davon. Sie glaubte auch nicht den Beteuerungen ihres damaligen Lebenspartners, hielt es für eine Ausrede, dass nur kranke und verletzte Tiere von ihm abgeschossen worden waren. Sie fuhr nicht mehr mit und so war sie auch nicht dabei, als es ihm an den Kragen ging. Er war durch den Urwald gehastet, keuchend unter einem Baum stehen geblieben, als plötzlich eine Schlange sich von einem Ast löste, auf ihn herab fiel, sich um seinen Hals ringelte, ihn umschlang und fest zudrückte.
