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Arnstadt, Thüringen, Ende der 70er Jahre. In einem Heim für behinderte Jugendliche beschließen vier Freunde, die sich kaum bewegen können: Wir brechen aus. Von Rente und Pflegegeld wollen sie sich Pfleger finanzieren, ein Haus bekommen sie von der Kirche – das alte Pfarrhaus in Hartroda, im Altenburger Land. So beginnt die Geschichte einer Kommune, die völlig aus der Zeit und aus dem Land gefallen ist. Die einen bekommen Hilfe, die anderen Asyl – vor der Schinderei im Staatsbetrieb, vor einem Leben im stupiden Kreislauf von Arbeiten, Saufen, Schlafen. Eine Gemeinschaft der Gleichen, in der alles geteilt wird – Geld und Bücher, Platten und Bier, aber auch alle Gebrechen. Eine Gemeinschaft der Aussortierten, die sich mit Witz und Chuzpe das Undenkbare erkämpft: ein selbstbestimmtes Leben, vielleicht sogar Freiheit. Unter dem Schirm der Kirche wird sie, so scheint es zumindest, vom DDR-Apparat in Ruhe gelassen. Intellektueller Kopf der Gemeinschaft ist Gruns. Er wird vom schweigsamen Mozek gepflegt, der vom Dachboden aus internationale Fernschachturniere bestreitet und sich über seine Vergangenheit bedeckt hält. Denn Mozek, ehemaliger Grenzer, ist auf der Flucht vor der eigenen Schuld. »Ich hab meine Sache auf nix eingestellt / auf gar nix, überhaupt nix«, heißt es in einem Lied der Band Mischpoke, die zum Freundeskreis der Kommune gehört. Als die DDR zusammenbricht, wird deutlich, dass es auch die Mauer war, die die Gemeinschaft von Hartroda zusammengehalten hat. »Nichts an der Utopie eines Zusammenlebens wie in Karsten Krampitz' Roman hat sich erledigt. Im Gegenteil. Jeder Tag eines freien, solidarischen Lebens sollte wie ein Geschenk gefeiert werden. Laut lesen.« Annett Gröschner »Wer zwei Kästen Bier hat, mache einen zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.« Bov Bjerg »Karsten Krampitz gehört zu den besten Kennern der DDR-Spätphase.« Christian Schröder, Tagesspiegel, über »1976. Die DDR in der Krise« Ausgezeichnet mit dem Matthias-Vernaldi-Preis für selbstbestimmtes Leben 2025
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Karsten Krampitz(*1969 in Rüdersdorf) ist Autor, Historiker und Journalist. Er schrieb für Straßenzeitungen, war an der Besetzung von Luxushotels beteiligt und Mitgründer von Mondkalb – Zeitung für das Organisierte Gebrechen. Er promovierte zur Rolle der Kirche in der DDR. 2009 gewann er beim Bachmann-Wettbewerb den Publikumspreis.
Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung wurde 2025 von der Kaspar Hauser Stiftung mit dem Matthias-Vernaldi-Preis für selbstbestimmtes Leben ausgezeichnet.
»Dies. Und Paradies« ist eigentlich ein Song der Blues-Rockband Freygang, dessen Text ich vor vielen Jahren geschrieben habe. Es gibt keine Literatur im luftleeren Raum, jede Geschichte braucht einen Stoff. Und doch ist dieser Roman frei erfunden, also keine Chronik der Ereignisse in Hartroda noch anderswo.
Autor und Verlag danken sehr herzlich dem Berliner Kultursenat, dem Deutschen Literaturfonds Darmstadt und der Kulturstiftung Thüringen für die Arbeitsstipendien.
Edition Nautilus GmbH
Schützenstraße 49 a
22761 Hamburg
www.edition-nautilus.de
Alle Rechte vorbehalten, ausdrücklich auch die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG
© Edition Nautilus 2025
Deutsche Erstausgabe September 2025
Umschlaggestaltung: Maja Bechert
www.majabechert.de
Satz: Corinna Theis-Hammad
www.cth-buchdesign.de
Porträt des Autors auf S. 2: © Uli Decker
1. Auflage
ePub ISBN 978-3-96054-484-5
1
Dies. Und Paradies.
Mozek
Gruns
Kadaver im Aufbruch
Hartroda
Blaue Fliesen
Rausch und Ritual
Reisefreiheit
Beziehungen
Roadie Nr. 2
Herkunft
Kleinstüber
Die Hochzeit
Jesus negativ
2
Leben
Alltag
Rhythm and Blues im Resozismus
Halle leer
Gegen den Fortschritt
Top of the world
Rocky
Non olet
Eigentum ist Diebstahl
Der Weg ist das Ziel
Auf großer Tournee
Revolution
Abschied
3
Verstehen Sie Spast?
Vom Ende der Freiheit
Die neue Zeit
Unruhe und Trauer
Hundert Mark
Joint Venture
Im Tiergarten
4
Pressegespräche
Krüppel aus dem Sack
The New Message
Katinka
Die Behörde
Wieder daheim
Vom Vergessen
Maschine gegen Maschine
Das Nichts
Fast Weltmeister
Danke
In Erinnerung an Matthias Vernaldi
»Prüfet alles und das Gute behaltet.«
1. Thessalonicher 5, 21
»An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.«
KarlMarx/FriedrichEngels: Manifest der Kommunistischen Partei, 1848
Die ganze Kirche grölte im Takt, immer wieder im Refrain: DIES. UND PARADIES. In Hartroda war das, fernab in Thüringen und lange her; so lange, dass es gar nicht mehr wahr ist.
Mischpoke in concert. Oder, wie man damals sagte, auf Mugge. Die spielten sonst eher selten in der Kirche. Wir sind keine Studenten-Combo, sagten sie. In der Kirche proben, das ja. Aber dort auftreten? Mischpoke war doch working class, Bluesrock für den vierten Stand!
Dies. Und Paradies. Das alte Kirchenschiff hatte schon vorher recht mitgenommen ausgesehen. Die Luft war muffig, der Putz abgeblättert, eines der Fenster hatte einen Sprung. Die silbernen Kerzenständer waren von Patina beinahe grün – und vor dem Konzert in Sicherheit gebracht worden. Die Bänke hatte man beiseitegeschafft; Platz für gut hundert Leute gemacht, darunter etliche Blueser, Tramps oder Kunden, wie sie selbst sich nannten, solche mit langen Haaren, Fleischerhemd und Parka. Nicht zu vergessen der Hirschbeutel! Und mittendrin und bald schon nach vorn geschoben: drei Rollstühle, allesamt schwere Geräte; viel Luft blieb da nicht im Reifen. Was für eine Party, gepriesen sei der Herr!
Dies. Und Paradies. Diesen einen Song hatte Mischpoke bis dahin nur selten gespielt, obwohl die Szene das Stück mochte. Viele kannten es, alle wussten davon. Unter der Hand kursierten Musikkassetten mit einer Aufnahme von den Proben. Nach dem Refrain folgte die Strophe:
Ich hab meine Sache auf nix gestellt / auf gar nix / auf überhaupt nix …
Eisen war kein guter Sänger. Und er wusste das auch. Er traf die Töne, das ja; hatte kaum Aussetzer im Text und auch der Rhythmus stimmte, das Timing. Nur manchmal verpasste er den Einsatz, und sein Bariton klang schon ein wenig räudig. Auch als Leadgitarrist war er gerade so gehobenes Mittelmaß. Und doch war Eisen ein großer Künstler! Sobald dieser Mann die Bühne betrat oder, wie an jenem Tag, den Chorbereich einer Dorfkirche, dann passierte etwas – mit ihm, mit den Leuten, etwas, das sich der rationalen Erklärung entzieht. Man musste ihn einfach erlebt haben. Wie ein Bluesgeneral stand er da, breitbeinig am Mikrofonständer, inspizierte seine Truppen, die so gar nicht stillstehen wollten. Dann endlich! Mit langem Gitarrenriff nahm er die Menge für sich ein, machte sie zu Komplizen. Alles johlte, bewegte sich, tanzte. Zwischendurch lachte Eisen und rief wie der Arbeiter einer Bluesfabrik:
Ich hoffe, ihr seid mit unserer Leistung zufrieden!
Und wenn sich Freunde der Band in einer Dorfkirche das Ja-Wort gaben, dann brachte Mischpoke den Liebenden selbstredend ein Ständchen. Feierlich mit allem Drum und Dran. Drei oder vier eigene Songs waren angedacht gewesen, als Kulturbeitrag zu einem recht konventionellen Vorgang: Zwei Personen verschiedenen Geschlechts sagen einander Ja und verbinden sich zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften. An jenem Tag in der Kirche aber eskalierte die Gesangseinlage. Mischpoke war schließlich keine Hochzeitskapelle, die auf Abruf die Hitparaden rauf- und runterdudelte.
Dies. Und Paradies. Die Bässe dröhnten – auf einer Hochzeit in der Kirche, die, das müssen wir leider anmerken, keine kirchliche Trauung war. Das Gitarrensolo kam von ganz oben, von der Kanzel, auf die Eisen gestiegen war. Wann um Himmels willen ist eine Dorfkirche jemals so voll gewesen, so voller Leben? Und so laut? Ebenso die Besucher. Rollstühle drehten sich im Kreis. Alles Volk tanzend, dicht gedrängt. Es roch nach Menschen, außerdem nach Bier und Tabak.
Und mittendrin: Bernd Mozek, als Teil einer Masse, einer wippenden Menge, in der jeder jeden irgendwie kannte und in der dieser schwerfällige Mann – rein optisch – ein Fremdkörper war, mit akkuratem Façon-Haarschnitt, schwarzgescheitelt, wie aus der Kaserne. Und genauso schauten ihn manche auch an: Kennt den wer? Was, der gehört zum Brautpaar? Alter, lass dir bloß die Haare wachsen! Ein freier Mensch trägt freie Haare, keinen verschissenen Scheitel. Komm, Bruder, tanz!
Und beide, fremder Geist und fremder Körper, waren zur rechten Zeit am rechten Ort und das sogar mit den richtigen Leuten. Alles fühlte sich auf einmal so leicht an.
Dies. Und Paradies.
Kein Rausch ohne Reue. Am Morgen danach schepperte das Telefon, bohrte sich schrill in den Schlaf der Hochzeitsgäste. Was für ein Lärm! Nicht mal halb neun war es, die Telefonüberwachung aber kannte keine Gnade.
Nicht rangehen!, rief jemand von nebenan. Nicht rangehen! Hört ihr? Da kommt gleich wer. Nicht rangehen!
Das Obergeschoss im ehemaligen Pfarr- und Gemeindehaus zu Hartroda glich einem Feldlazarett: Kombattanten der gestrigen Party, die sich selbst abgeschossen hatten, darunter etliche Halbwüchsige, die hier in Schlafsäcken und mit Decken auf dem Boden vor sich hindämmerten – und stöhnten, weil das Telefon keine Ruhe gab. Allesamt Gäste der Hochzeit, die nicht rechtzeitig weggekommen waren, die den Nachtbus nicht geschafft hatten – weil es keinen Nachtbus gab. Übrigens gab es in Hartroda auch tagsüber keinen Bus. Und womöglich gab es nur diese eine Telefonverbindung im Dorf …
Nicht rangehen! Hört ihr? Es kommt gleich wer. Nicht rangehen!
Endlich bot sich Erlösung. Vom Türrahmen aus brauchte der Mann nur einen Schritt zum Telefonhörer.
Gemeinschaft Hartroda. Guten Morgen!
Das war nicht meine erste Erinnerung an Bernd Mozek, wohl aber die erste intensive. Dieses eine Bild sollte sich später immer wieder vordrängen. Als Besucher schlief ich gewöhnlich bei Rose, im Zimmer meines Bruders. Der aber hasste es, die Nacht neben einem betrunkenen Schnarcher zu verbringen, deswegen lag ich nun bei den anderen hier auf dem Boden. Jedenfalls denke ich, man tut Mozek nicht unrecht mit der Behauptung, seine Erscheinung habe einen Raum gefüllt, zumindest diesen hier, in dem sowieso kaum Platz war, schon gar nicht am Boden. Ich sehe ihn noch dastehen: Mozek! Der Feinripp auf seinem Leib bedeckte die Wampe nur zum Teil. Sein Bauch war behaart, der Nabel glotzte mich an wie ein drittes Auge. Hier in Hartroda aber wich sein Körper nicht von der Norm ab, denn es gab keine Norm.
Und offenbar war Mozek der, den die hiesige Gemeinschaft autorisiert hatte, solche frühmorgendlichen Störanrufe abzuwimmeln. Aber auch er war müde, wollte sitzen. Vergebens. Der nächste Stuhl war mit Klamotten belegt. Das Telefonkabel war zu kurz und zu seinen Füßen lagen überall Leute.
Was? … Wer? Ich?, fragte Mozek in den Hörer.
Und während er sprach, schaute, nein, starrte ich auf diesen unglaublich behaarten Bauchnabel. Aus dem Hörer war eine Frauenstimme zu hören, dünn und knarzend: Frau Matuschewski, die hörbar wissen wollte, wer der Mann am anderen Ende der Leitung sei. Und erst nachdem sich Mozek erklärt und mit dunkler Stimme dargelegt hatte, dass und warum sein Name erst seit ein paar Monaten auf dem Briefkasten stand, neben den anderen Namen, erst jetzt schien sich das Gespräch zu entspannen.
Ja, ich bin der Schachspieler, sagte Mozek, wir haben uns schon gesehen, bei Ihrem Besuch letzte Woche … der mit den vielen Schachbrettern auf dem Zimmer … was ich damit …? Na, spielen. Ich spiele Schach …
Irgendwer gab Mozek Zeichen, er möge die Plauderei nicht unnötig in die Länge ziehen. Ach Gott, Frau Matuschewski, die Sekretärin vom Superintendenten? Nachbarn hatten sich beschwert. Ja, und? – Bernd Mozek aber ließ die Frau ihren Sermon aufsagen. Danach war Stille am anderen Ende, worauf er fragte:
Meine Liebe, was kann ich für Sie tun?
Was die Dame vorher alles gesagt hatte, ist nicht überliefert – wie manches andere in Hartroda, bei dem ich nur vermuten kann, wovon ich aber dennoch erzählen werde. Ich selbst aber bin nicht wichtig. Ebenso wenig Frau Matuschewski. Jedenfalls fehlten ihr jetzt die Worte. Was war das für ein Ton, den der Neue da anschlug? Wohl ein wenig zu vertraulich. Frau Matuschewski aber wahrte die Contenance.
Das kann ich Ihnen sagen, mein Bester. Aufräumen, wenn ich bitten darf.
Dreiviertel neun. Und während wir am Boden liegend der Müdigkeit noch einmal nachgaben, meinte Mozek zur Dame am Telefon, dass ein jegliches seine Zeit habe und brauche. Erst einmal müssten die Rollifahrer versorgt werden, Frühstück inklusive. Schon die Morgentoilette sei ein zeitintensiver Vorgang, der an den Kräften zehre, so dass man sich eigentlich wieder hinlegen möchte. Überdies müssten die Rollstühle repariert werden; einer von denen sei gestern über die Scherben einer Bierflasche gefahren. Worauf Frau Matuschewski intervenierte. Mozek aber wusste die Dame zu beschwichtigen.
… Gestern? Ein Gottesdienst, ja, den Gruns abgehalten hat. Das darf er doch wohl? … Nein, wie kommen Sie darauf? Was hat man Ihnen denn erzählt? Mozek log natürlich: Eine Hochzeit ohne Pfarrer, ich bitte Sie, wie soll das gehen?
Im Pfarrgarten habe man den Allerhöchsten feiern wollen, auf der Wiese bei den Kirschbäumen. – Mit Bier?, fragte Frau Matuschewski. – Aber ja, warum nicht mit Bier? Und es seien Leute auch von auswärts dagewesen. Dann aber habe es geregnet, einen Regen, der sich erst anschlich und dann nicht wieder gehen wollte. Solche Gäste gebe es doch immer. – Hatte er das eben der Sekretärin gesagt oder den Leuten hier? Denn irgendwie wollten wir alle nicht heimgehen; alle, die wir hier auf dem Boden lagen, auf dem Sofa oder dahinter. Mal schauen, was der Tag noch bringt in Hartroda.
»Wir haben keine Zeit« war in Hartroda ein geflügeltes Wort. Und jeder Tag war ein Geschenk. Wusste doch niemand, wie lange das freie Leben hier geduldet wird. Aber vor allem: wie lange dieses Leben noch dauert, ein Leben außerhalb der Zeit, jenseits von Fortschritt und Zukunftsglauben.
Zum Ausschlafen reichte die Zeit immer. Oder musste reichen. Fing der Tag doch erst an, wenn die einen dazu bereit waren, den anderen zu helfen.
Und irgendwer machte immer diesen Witz: Guten Morgen! Aufstehen! Aufsteeehn! – Sehr lustig. Kann mich kaum halten, stöhnte Gruns, der auch so hieß, weil er im Rollstuhl mitunter solche gutturalen Laute von sich gab. Aber nur wenn er zufrieden war.
In diesem einmaligen Hausgemeinschaftsprojekt unter dem Dach der Thüringer Landeskirche war Gruns nicht der Chef, kein Anführer, eher eine Art Spiritus Rector. Und Bernd Mozek fungierte seit einigen Monaten als sein wissenschaftlicher Mitarbeiter, seine linke und rechte Hand, seine Füße, wenn man so will: seine Exekutive. Ebenso mehrgewichtig wie Gruns, vielleicht noch ein paar Kilo mehr, sorgte Mozek dafür, dass der freie Wille seines Mitbewohners im realen Leben Konsequenzen hatte.
Marko Grunstetter, genannt Gruns, lebte mit progressiver Muskeldystrophie, einem Muskelschwund, der seine körperlichen Kräfte beinahe schon aufgezehrt hatte. Sobald er am Morgen einen Laut gab, war es an Bernd Mozek, ins Zimmer zu treten und Gruns als Erstes die Urinflasche zwischen die Beine zu legen. Und wenn das gerade nicht ging, was durchaus vorkam, weil am Ende der Nacht sein U-Boot unbedingt auftauchen musste – dann zog Mozek kurzerhand den zweiten Arbeitsschritt vor und wusch ihm mit Lappen, warmem Wasser und Seife erst einmal den Unterleib, bis sich die Zustände wieder gelegt hatten. Mozek verzog dabei keine Miene; war ja auch die normalste Sache der Welt, alles natürlich und noch dazu sehr praktisch: Wenn Gruns seinen morgendlichen Ständer hatte, brauchte Mozek ihn untenrum nur mit einer Hand zu waschen, auch den Hodensack und die Innenseiten der Oberschenkel, ohne dass er mit der anderen Hand den Schwanz anheben musste. War alles kein Problem.
Auch nicht, wenn Gruns gedachte, den Ta g mit einem großen Geschäft zu beginnen. Dann trug Mozek, die Kraft hatte er, seinen Mitbewohner und dessen siebzig Kilo ins Badezimmer, wo er ihn auf die Schüssel setzte, nachdem er ihn mit einem geübten Handgriff der Schlafanzughose entledigt hatte. Nach vollbrachtem Werk war es dann an Mozek, die Spuren der Notdurft am Körper des anderen zu beseitigen. Wofür er Gruns (ohne Hose) wieder zurück ins Zimmer trug, ihn vorsichtig ins Bett legte und mit Toilettenpapier das Gröbste wegwischte, um danach den Hintern mit einem extra Waschlappen und warmer, hautfreundlicher Seifenlauge abzuwischen. Die Gründlichkeit in der Hygiene hatte sich bewährt. Gruns ließ das alles mit sich geschehen und war außerordentlich froh, dass es geschah. Und dass es hier geschah und nicht in irgendeinem Heim.
Bernd Mozek war bei weitem nicht der Erste, der sich dieser Aufgabe, Gruns zu betreuen und zu begleiten, angenommen hatte (selbst ich hatte mich darin schon versucht). Aber nicht wenige Helfer waren keine Hilfe. Nicht, wenn Gruns sich im Bett selbst überlassen war, wenn er sich bis in den Vormittag wundlag, darauf wartend, dass da endlich wer kam und sich um ihn kümmerte. War kein schönes Gefühl, erst recht wenn man pissen muss, vom Wohlwollen anderer abhängig zu sein, hilflos ihren Launen ausgeliefert.
Bei Mozek aber war alles anders. Erst hatte sich Gruns noch gefragt, ob mit dem Mann alles beim Rechten sei: diese stoische Ruhe und Geduld und vor allem diese fast demütige Haltung. Den schickt der Himmel! 1983 war das, vielleicht auch ’84. Bald schon hatten sich Gruns und Mozek aneinander gewöhnt. Der Dichter Antoine de Saint-Exupéry sagt, die Liebe bestehe nicht darin, dass zwei Menschen einander ansehen, sondern dass sie gemeinsam in die gleiche Richtung blicken. Eben das taten beide oft und lange, in die gleiche Richtung schauen – nur dass Mozek hinter Gruns stand, weil er dessen Rollstuhl schob. Beide Männer waren eine Einheit geworden.
Die Morgentoilette war noch lange nicht beendet. Nachdem Mozek ihm die Hosen angezogen hatte, setzte er Gruns in den Rollstuhl und schob ihn erneut ins Badezimmer, diesmal an das Waschbecken, wo er ihm den Oberkörper wusch. Vorausgesetzt, das Bad war frei. Denn morgens waren hier noch zwei andere Rollstuhl-Teams unterwegs, Schröder und Lena mit ihren Helfern, und noch dazu Rose, mein Bruder, der als Spastiker aber allein zurechtkam. Und Mozek schaffte es sogar noch, den anderen zu helfen. Was gar nicht so einfach war, Schröder war eine Diva, eine zornige Diva. Doch hier in der Gemeinschaft zu Hartroda, der Krüppelkommune mit christlichem Anstrich, war man sich rasch einig: Mozek war einfach der gute Geist im Haus; jeder mochte ihn. Obwohl ihn nicht selten der ätzende Geruch einer Alkoholfahne umgab.
Der Mensch, dem seine Aufmerksamkeit vor allem galt, namentlich Gruns, war nicht, wie gemeinhin gesagt wird, seit der Kindheit an den Rollstuhl gefesselt. Die Eltern hatten ihn früher sogar noch im Handwagen gezogen, mit Kissen und Decke drin. Wie sah das denn aus? Und dann erst die Blicke der Leute! Was macht der Junge da im Bollerwagen? – Man mag es sich nicht vorstellen, aber tatsächlich hatte Gruns seinen ersten Rollstuhl als großes Glück empfunden. Der erste Rollstuhl war etwas Besonderes! In seinem Leben gab es weiß Gott andere Fesseln, der Rolli aber gehörte nicht dazu. Und so wie ein Blinder besser hört, war Gruns von der Natur mit einer geistigen Beweglichkeit ausgestattet, die seine Mitmenschen immer wieder zum Staunen brachte. Und doch: Neben der Wirklichkeit seiner Gedankenakrobatik gab es leider noch die Realität. Das Konzept von der Barrierefreiheit kannte man in den frühen Achtzigerjahren noch nicht, dafür aber jede Menge Hürden. Und wer auch immer in dieser Welt nach oben wollte, musste die Treppe nehmen.
Von sich selbst sagte Gruns immer, er befände sich in der Nachspielzeit. Und das seit gut fünf Jahren. Gruns war damals schon fünfundzwanzig. Die Ärzte hatten seinen Eltern erklärt, er werde nicht älter als zwanzig; gut möglich, dass er noch im Wachstum, in der Pubertät sterben werde. Das Spiel aber wurde einfach nicht abgepfiffen: Der Tod blieb aus und damit das große Heimgehen, auf das Gruns so viele Jahre hingebetet hatte, im Marienstift zu Arnstadt, wo er schon als Zehnjähriger gelebt hatte. Offenbar hatte der Allerhöchste mit ihm noch einiges vor. Ebenso mit Lena, seiner zwei Jahre jüngeren Schwester, die die gleiche Krankheit hatte. Lenchen sagte immer, sie wolle wenigstens ein paar Kratzer an der Wand hinterlassen. Deshalb malte sie, so gut es ihr im Rollstuhl möglich war, oder sie fotografierte. In Hartroda hingen ihre Bilder im ganzen Haus. Gruns dagegen verbrachte seine Nachspielzeit mit dem Fernstudium. Die Philosophie war ihm verwehrt geblieben, jedenfalls als Studienfach. Gruns hatte kein Abitur, was niemand mehr bedauerte als er. Denn Philosophie hieß Sterben lernen, seit Sokrates. Und Gruns hatte aus dem Schierlingsbecher eigentlich schon genippt: Hände und Nacken konnte er noch bewegen, mehr nicht. – Die Theologie hingegen versprach, den Tod zu überwinden. So hatte sich Gruns in der Predigerschule in Eisenach eingeschrieben, die er drei Jahre später zur Überraschung aller, auch seiner eigenen, mit großem Erfolg abschließen sollte. Plötzlich Theologe, so weit hatte er gar nicht geplant. Für Gruns war der Weg das Ziel, denn nur so konnte er bei der ihm knapp bemessenen Zeit sein Ziel erreichen.
Der Abschluss in Theologie war eine Menge wert. Für Konzerte in Hartroda, wie am besagten Hochzeitstag (von dem offiziell nicht die Rede sein durfte), war es sehr wichtig, dass wenigstens ein ausgebildeter Prediger zugegen war. Schließlich handelte es sich um Räume der Kirche. Sein christlich angehauchtes Grußwort verwandelte jede Party in einen Gottesdienst. Und Gottesdienste musste man – Gott sei Dank! – nicht polizeilich anmelden.
Ein ordinierter Pfarrer war er nicht, die kirchlichen Amtshandlungen blieben ihm versagt. Egal. Wenn es schon keine Kirchenkarriere war, dann doch eine, wie Gruns es nannte, spirituelle Selbstermächtigung. All die Jahre in Arnstadt hatte man ihn als bloßes Objekt christlicher Nächstenliebe wahrgenommen: ihn gewaschen, umhergeschoben und ruhiggestellt. Seine Subjektwerdung hatte, wie so vieles in diesem Land, viel zu lange gedauert. Und Gruns hatte keine Zeit. Aber es war geschehen, immerhin, und das einige Jahre bevor Mozek kam und ihn in seinem Rollstuhl schob.
Im Anfang war das Wort. Und das Wort hieß Nein.
So jedenfalls hat es mir Rose erzählt.
Er war in meiner Kindheit das große Rätsel. Zweimal im Jahr, an Weihnachten und im April zu seinem Geburtstag, kam mein Bruder zu Besuch. Mein Halbbruder, wie meine Mutter dauernd korrigierte. Also kein richtiger Bruder, nur ein Überbleibsel aus ihrer ersten Ehe mit einem Knacki, die Mama sich mühte zu vergessen. Und ich fragte mich immer: Wer ist das? Nein: Was ist das? Ein Robotermensch, dessen komische Bewegungen ebenso schwerfällig waren wie seine Aussprache. Wenn Rose was sagte, dann mit schwerer Zunge, als wäre er betrunken. Und so sah er auch aus: Auf der Straße habe ich mich seiner geschämt. Wie läuft der bloß rum? Peinlich. In der Schule würden sie mich auf ihn ansprechen …
Was war’n das für einer?
Niemand hat ihm in die Augen schauen können. Rose hat beim Gehen immer auf den Boden geschaut, aus Angst vor Rissen im Beton oder kleinen Steinen, die ihn hätten stolpern lassen oder stürzen. Der kriegt doch nichts mit von der Welt, dachte ich.
Mit zwölf bin ich dann das erste Mal von zu Hause abgehaun. Mit dem Zug bin ich ohne Fahrkarte nach Arnstadt, ins Marienstift. Und da sah ich ihn: Mein Bruder – halb Mensch, halb Roboter – wohnte in einem Schlafsaal und saß sprachlos auf der Bettkante. Und jetzt? Ach, Brüderchen … Mit seiner ganzen Körperschwere beugte er sich über den Nachttisch und holte aus der Schublade ein Buch. Herrje, allein schon der Titel! Wie der Stahl gehärtet wurde. Rose schlug es auf und reichte mir sein Lesezeichen. Lieb von ihm. Es sollte nicht der letzte Zwanzigmarkschein sein, den mein großer Bruder mir schenkte.
Und so kam es, dass ich die meisten Leute aus Hartroda bereits in Arnstadt kennenlernte: Lenchen lebte noch auf der Frauenstation. Gruns, Schröder, Christian und Rose eine Etage darunter. Sie alle waren in diesem Heim aufgewachsen, waren für die Welt draußen überflüssig und kostenintensiv. Nicht so im Stift, wo sie dem lieben Gott besonders nahe waren, angeblich. Doch jede Kindheit hat ein Ende. Und soviel ich weiß, hatte vor allem Gruns keine Lust, seine letzten Jahre voller Sehnsucht den Stationsflur runterzuschauen: umsorgt, entsorgt und entmündigt. War das alles, das Dasein? Oder käme vielleicht noch ein Leben? Die Zeit war knapp. Wie gesagt, die Ärzte hatten ihm eine etwas längere Kindheit gegeben, fünfzehn Jahre, maximal zwanzig. Damit hätte Gruns wohl sämtliche Hunde seines Jahrgangs überlebt. Immerhin. Die aber konnten wenigstens apportieren, Knochen verbuddeln und fröhlich aufs Feld scheißen.
Nicht mal ein Hundeleben wäre das, sagte Marko Grunstetter, als er – viel zu früh – volljährig geworden war. Denn wie das Wort schon sagte: Die Jahre waren voll. Zwei davon blieben ihm noch laut ärztlicher Prognose, wenn’s hochkam. Ein Leben in der Angst, irgendwann zu ersticken; eines Tages, der immer näher rückte. Irgendwas musste geschehen.
Gruns war damals noch glatt im Gesicht, hatte nur etwas Flaum am Kinn und über der Lippe: Dass dieser Mann es nochmal zu einem Vollbart bringen sollte, so einem richtigen, der in der Antike jedem Denker zur Ehre gereicht hätte, war damals nicht abzusehen. Bart braucht Zeit. Und bei seinen Kumpels sah die Lebenserwartung nicht besser aus, allenfalls länger – aber das war ja kein Leben. Heim zu den Eltern konnte man nicht und wollte man nicht. Wohin dann? Was wollten Gruns, Rose und die anderen?
Ein Happy End. Und vorher noch einen guten Film: mit einer Gruppe Behindis in der Hauptrolle; ein bisschen Leben, bisschen Party und vielleicht ein bisschen Ficken. Ein richtiges Leben im falschen – im Schlafsaal des Marienstifts konnten sie davon nur träumen. Und auch das nicht wirklich. Wenn die Kraft in den Armen seinerzeit schon nicht gereicht hatte für den Pioniergruß, dann auch später nicht für die drängenden Angelegenheiten. Wie man sich später erzählte, soll Gruns, weil der Arm zu schwach war, hinter nicht vorgehaltener Hand geschimpft haben:
Nicht mal wichsen können wir.
Für unnötige Ambiguitäten und Chiffrierungen hatte Gruns nie viel übrig.
Jedenfalls war irgendwann Mitte der Siebzigerjahre ein neuer Wind durch die Station gezogen. Franky Lohmann, ein früherer Bausoldat, der seit dem Dienst am Spaten sein Auskommen bei der Diakonie suchte, hatte Musikkassetten zur Arbeit mitgebracht. Und zwar nicht irgendwelche! Eines Tages, das Mittagessen war gerade vorbei, die hilflosen Menschenkinder gefüttert und gesättigt, da strömte auf einmal Purple Haze, dieses berühmte Gitarrenriff über den Flur in alle Zimmer. Hey, was war das denn? Jimi Hendrix, der den Himmel küsst. ’Scuse me while I kiss the sky. Und all die Rollifahrer kurz vor dem Aufspringen! Ach Franky. Bisweilen etwas launisch und unberechenbar, ansonsten aber ein lieber Kerl mit seinen langen Haaren und dem Shell-Parka, Insignien eines freien Lebens – er war der Bote, brachte Nachricht von der Welt draußen! Außerdem hatte Franky versprochen, mich, sobald ich sechzehn wäre, im Marienstift im Gästezimmer schlafen zu lassen. (Er und die anderen sollten Wort halten, nur war es kein Gästezimmer und schon gar nicht im Marienstift, aber egal.) Mit ihm und den anderen Hippies hatten sich gänzlich neue Ideen in den Raum der Kirche eingeschlichen. Ideen vom Freisein, von freiem Denken, freier Liebe. Ideen vom Ich. Und auch vom Recht auf Glück.
In der Lutherübersetzung vom Neuen Testament allerdings taucht das Wort Glück nicht ein einziges Mal auf. Kein Glück im Hier und Jetzt. Und auch im alten Marienstift war Glück nur ein Gerücht; Gruns und Schröder hatten davon gehört. Mit der Kirche aber musste man sich arrangieren, denn außerhalb ihrer Räume und Mauern ging gar nichts. Aber hey, wir sind achtzehn. Wir sind doch beschädigt, keiner braucht uns. Und mit keinem von uns wird der Staat ein längeres Problem haben. Und so kam es: Gruns, Schröder und Christian waren ohnehin Komplizen im Geist. Gegen die Tristesse auf Station hatten sie sowas wie eine Fahrgemeinschaft gebildet, in der mein Bruder seinerzeit für Anschub sorgte. (Oder in seinen Worten: Spast muss sein!) Wobei Rose den jeweiligen Rollstuhl weniger schob, als dass er sich darauf abstützte, ihn wie einen Rollator als Gehhilfe benutzte.
Eines Tages dann, bei irgendeinem Ausflug in irgendeinen Arnstädter Biergarten, vor dem glotzenden Publikum der Nachbartische – Franky war noch dabei und Bine Meyer, eine recht junge Diakonin –, kam auf einmal der Plan auf: Leute, wir brechen aus! Wir verlassen das Heim. Wir verlassen die Stadt. – Häh? Und wie? – Unsere Renten und das Pflegegeld vom Staat legen wir zusammen und füttern damit zwei, drei Latscher durch, die uns im Gegenzug bei allen Verrichtungen helfen, inklusive Arsch abwischen. Da muss doch was gehen! Die beiden Latscher am Tisch verdrehten erstmal die Augen: Noch weniger Geld verdienen als bei der Diakonie ging fast nicht, außer vielleicht im Strafvollzug. Hier aber winkte doch die Freiheit! War das nichts? Ach ja: Ein Haus brauchen wir noch; aber das kriegen wir. In einer Kirche mit immer weniger Leuten wird der Bischof ja wohl irgendwo eine freie Hütte haben.
Wer genau in der Runde den Einfall hatte, ist nicht bekannt. Gruns aber hat daraus eine Idee gemacht, die schon andere hatten: Omnia sunt communia. Alles gehört allen! Die Idee zur Gründung einer Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung. – Allein der Gedanke daran elektrisierte die Menschen, wenn auch nicht viele zu Beginn. Wir werden leben, hieß es. Kein bloßes Dasein mehr, nein, richtig leben.
Nun war Marko Grunstetter in religiösen Dingen immer sehr belesen und das schon vor dem Fernstudium an der Predigerschule, dieses Bücherwissen aber wirkte jetzt wie der Hefeteig für eine gänzlich neue Wahrheit, die Gruns dann auch zu Papier brachte, indem er Franky diktierte. In diesem allerersten Konzept, dem Gründungspapier, wenn man so will, las man noch nichts von einer Krüppelkommune auf Staatskosten unter dem Dach der Kirche (allenfalls im Subtext). Denn erst einmal musste ein Haus gefunden werden, eine Immobilie für die Immobilen. Die Kirche durfte nicht das Gefühl bekommen, etwas zu verlieren, vielmehr sollte sie etwas gewinnen. Daher lief seine Projektbeschreibung klugerweise auf eine christliche Bruderschaft hinaus. Eine geniale Idee war das, von einem Achtzehnjährigen! Eine Gemeinschaft Jesu wolle man sein, die nicht nur am Sonntag betet, sondern die ganze Woche über in Christo lebt und so dem Herrn besonders nahe ist, nach dem Vorbild der christlichen Urgemeinde – zu der freilich auch Frauen gehörten. Die wunderbare Bine Meyer, ehedem Schwester Sabine aus dem Marienstift, sollte später nicht müde werden, vor Ort die Rollifahrenden wie auch die Latscher und Latscherinnen an die Geschlechtervielfalt zu erinnern. Aber Bruderschaft, dieses eine Wort klang eben wie Thüringen vor fünfhundert Jahren, wie bei Müntzer: eine Gemeinschaft von Brüdern, die gemeinsam essen, gemeinsam beten und gemeinsam Remmidemmi machen. (Damals aber immerhin unter der Regenbogenfahne!) Im Übrigen, aber das nur nebenbei: Gerade an den Bibelstunden mit Gruns sollte einige Jahre später Bernd Mozek Gefallen finden, wenngleich ihm der Gedanke, dass da wer am Kreuz alle Schuld auf sich genommen hätte, nicht wirklich einleuchten wollte. Überhaupt: Ein Martyrium bezeugt noch keine Wahrheit. Was ändert sich an meiner Schuld, nur weil vor zweitausend Jahren ein Mensch einen solchen To d gestorben ist? Vo n ihm aber, wie es Gruns ausdrückte, von dem Menschensohn, war bereits im Gründungspapier ausgiebig die Rede. An die Thüringer Kirchenleitung adressiert, schrieb Gruns von der Königsherrschaft Gottes. Doch mittendrin im religiös verbrämten Text ragte ein Gedanke heraus: dass weder Gruns noch seine Freunde beschädigt oder gar schwerstbeschädigt seien. Denn ein solches Attribut setze voraus, dass irgendwer oder irgendwas sie irgendwann einmal beschädigt habe. An einen solchen Vorgang aber könnten sie sich nicht erinnern.
Rose hat mir Jahre später den Text gezeigt, der nachträglich mit einem Stempel versehen war: Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch! In diesem Papier brachte Gruns das Argument vor, er habe nichts gegen funktionierende Menschen, die müsse es auch geben. Zum Menschsein aber seien Leistung und Funktionstüchtigkeit keine Bedingung. Als Christen definierten sie das Menschsein nicht allein über den Körper. Der Mensch ist auch Seele.
Wir sind völlig normal, schrieb Gruns. Wir entsprechen nur physisch nicht der Norm.
Und da man die Körper nicht groß ändern könne, gelte es eben, an der Norm zu arbeiten.
Wir akzeptieren die uns gesetzte Grenze nicht!
Das war kein Exposé, das war ein Manifest. Das Manifest der Kommune Hartroda, wo dann tatsächlich die Freiheit des einen die Bedingung sein sollte für die Freiheit der anderen, für die Freiheit aller! Aber ja doch, Gruns rief zur Selbstermächtigung auf, zur Befreiung aus dem Körpergefängnis. Jahre später auf das Papier angesprochen, musste Gruns lachen. Papier ist geduldig. Er bedankte sich für das hermeneutische Interesse und meinte, es sei noch um viel mehr gegangen: Realsozialismus (oder wie man damals sagte: Resozismus) versus christlicher Kommunismus; alte Realität gegen neue Wirklichkeit!
Allerdings: Die ersten Reaktionen waren noch recht verhalten, wie Gruns erzählt hat. In den Büroräumen der Thüringer Diakonie, in der Verwaltung, habe man für solche Spinnereien nur Kopfschütteln übriggehabt. Wie soll das gehen? Wer soll das machen? Wer soll das bezahlen? Das stand zwar alles im Text. Auch dass man auf Unterstützung von drüben, auf die Hilfe der EKD-Schwesterkirchen hoffe, doch fehlte den meisten Schreibtischchristen für dieses Projekt schlicht die Fantasie oder der Glaube an die Hoffnung, die nicht ihre war. Ohnehin waren die Kirchenleute in Thüringen nicht für ihren Mut bekannt. (Oder was soll man denken, wenn der Bischof an seinen Talar den Verdienstorden gesteckt bekam, samt Ehrenspange!) Gruns aber hatte einen Stein ins Wasser geworfen und staunte, was sich da an der Oberfläche für Kreise zeigten. Denn tatsächlich waren im Landeskirchenamt ein, zwei Theologen hellhörig geworden: So eine Bruderschaft als Gegenentwurf zum Kollektiv, das war doch eine Idee. Warum nicht die Grenzen des Sagbaren, des Machbaren ein klein wenig verschieben? Was riskieren wir denn? Wenn die Leute, um die es geht, ohnehin nicht mehr lange leben werden? Wir wollen doch nur helfen, den Beschädigten. Wer kann da was dagegen haben? Ganz ehrlich: Was soll uns als Kirche denn passieren, was nicht schon passiert ist?
