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Krisen prägen derzeit die öffentlichen Debatten, seien es gesellschaftliche Themen wie Klimawandel, Fluchtmigration oder die gegenwärtige Covid-19-Pandemie. Es gehört zu den grundlegenden Spielregeln und Funktionsmechanismen der Demokratie, durch Krisen ausgelöste Konflikte zu überwinden. Streit gilt dabei als produktiv für die Konfliktlösung, sofern Dialog das zentrale Mittel der Wahl ist. Das Buch beschreibt verschiedene Krisen, in denen der Einsatz unterschiedlicher Dialogformate in tradierten Konfliktlagen oder neu aufflammenden Protesten einen Beitrag leistet, Eskalationen abzuschwächen, Konflikte zu entschärfen oder wenigstens zu moderieren. Darüber hinaus wird gezeigt, wie misslungene oder ausgebliebene Dialoge Konflikte anheizen können. Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani.
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Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Der Autor
Dr. Helge Döring studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Technischen Universität Dortmund. 2015 promovierte er dort zum Thema: »Wissensmanagement in Familienunternehmen«. Er ist seit 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Wissensmanagement, Konfliktforschung, soziale Ungleichheit und Stadtsoziologie. Er leitete das Teilprojek: Dialogverfahren in lokalen und regionalen Konflikten in NRW des vom BMBF geförderten Verbundprojektes: Krisen-Dialog-Zukunft, welches sich der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Zeiten von Krisen und Umbrüchen durch Dialog widmet.
Publikationen zum Thema
Döring, H. & Kurtenbach, S. (2019). Eskalation und Dialog. Konturen eines friedlichen Miteinanders. In: BDS – Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen (Hrsg.), Flüchtigkeiten – Sozialwissenschaftliche Debatten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 55–80.
Bochmann, C. & Döring, H. (2020). Gesellschaftlichen Zusammenhalt gestalten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Bochmann, C. & Döring, H. (2020). Gesellschaftlichen Zusammenhalt gestalten – ein Problemaufriss. In: C. Bochmann & H. Döring (Hrsg.), Gesellschaftlichen Zusammenhalt gestalten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 1–7.
Döring, H. & Kurtenbach, S. (2020). Dialog in der Dauerkrise. Einblicke in die Alltagsbewältigung armutsgeprägter Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien in die Dortmunder Nordstadt. In: C. Bochmann & H. Döring (Hrsg.), Gesellschaftlichen Zusammenhalt gestalten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 187–219.
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-038504-7
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-038505-4
epub: ISBN 978-3-17-038506-1
Weltweit gingen vor der COVID-19-Pandemie Kinder und Jugendliche der Bewegung »Fridays for Future« auf die Straße und machten deutlich, dass sie Umweltpolitik nicht länger den Erwachsenen überlassen wollen – sondern sie aktiv mitbestimmen wollen. Sie zitieren dabei die neusten Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und diskutieren aktiv mit Bürger*innen, die ihnen in den Innenstädten begegnen. Dies geschieht nicht immer frei von Konflikten, da die Debatte häufig emotional aufgeladen ist. In diesem Zusammenhang kommt es darauf an, die Diskursarena abzustecken und dort Sachargumente mit hoher wissenschaftlicher Fundierung in einem freundlichen Diskussionsklima auszutauschen, daraus sinnvolle Schlüsse zu ziehen und sie schließlich den sich dynamisch verändernden Umweltbedingungen entsprechend zu implementieren. Wo Diskussionen und das friedliche Austragen von Konflikten gelingt, funktioniert Demokratie.
In dem vorliegenden Buch werden die Ergebnisse des Projektes »Krisen-Dialog-Zukunft«, das zwischen 2018 und 2021 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Ausschreibung »gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten von Krisen und Umbrüchen« finanziert wurde, vorgestellt. Als Handlungspraxis soll zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und kommunalpolitischen Entscheidungsträger*innen eine Möglichkeit aufgezeigt werden, in jenen ergebnisoffenen Streit zu treten, der den Kern pluralistischer Demokratien ausmacht, und sie befähigen, ihn in der nötigen Schärfe, aber auch sozial- und kulturverträglich zu führen.
Für die Entstehung dieses Buches maßgeblich war vor allem Sebastian Kurtenbach, der das Projekt an der Fachhochschule Münster koordinierte und im ganzen Entstehungsprozess wertvolle Ratschläge, Ideen und Kritik einbrachte. Ich bedanke mich außerdem beim ganzen Projektteam der TU Dresden für die konstruktive und freundschaftliche Zusammenarbeit, die auch unter Pandemiebedingungen gut funktionierte. An dieser Stelle möchte ich Cathleen Bochmann, Willi Hetze, Ulrike Schumacher, David Gäbel, Alexander Stiefler und Roland Löffler von der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung danken.
An der Fachhochschule Münster konnte ich stets auf den guten Rat und die anregenden Diskussionen mit dem Team um Yann Rees, Armin Küchler, Katrin Rosenberger, Sinje Mareille Brinkmann, Kathrin Wagner, Melanie Ahrens, Linda Schumilas, Hebba Gazarin, Abdul Rauf, Justin Grawenhoff und Raphael van Kampen bauen. Theresa Scheelje, Jana Bißlich und Tim Löffeler möchte ich für die fleißige Mitarbeit im Rahmen der Interviewtranskription besonders danken. Für ein gewissenhaftes Lektorat und viele kritische inhaltliche Anmerkungen möchte ich mich bei Josephine Hobbs und Oliver Gast herzlich bedanken.
Für den guten Einstieg in die Tätigkeit an der FH Münster im Jahr 2018 möchte ich mich bei meinen ehemaligen Kolleg*innen, Julian Waleciak, Janine Linßer und Gerrit Weitzel, bedanken, denen ich weiterhin freundschaftlich verbunden bin. Außerdem möchte ich den vielen Mitarbeiter*innen der FH Münster danken, ohne deren Arbeit wissenschaftliche Forschung so nicht möglich wäre, weil sie den Forscher*innen alle administrativen Aufgaben weitestgehend abnehmen. Genannt seien hier stellvertretend für die gesamten Dezernate vor allem Wolfgang Tenhaken, Ingo Füchtenbusch, Frank Mohr und Lenka Runde. Auch den Studierenden der FH Münster im Fachbereich Sozialwesen möchte ich für die vielen inspirierenden Diskussionen in den verschiedenen Seminaren danken.
Weitere wichtige Personen, die durch Anregungen, Diskussionen und Ideen dieses Buch bereichert haben, sind: Andreas Zick, Patrick Schneider, Hendrik Sonnabend, Christine Kampmann, Thomas Kraft, Rainer Kuhlmann, Natascha Compes, Levent Arslan, Ali Şirin, Mirza Demirović und Nejra Dedić-Demirović.
Außerdem möchte ich mich bei meiner Familie und insbesondere bei meinen Brüdern Dominic und Menno Döring für die stetige Unterstützung bedanken.
Zuletzt gilt mein Dank Aladin El-Mafaalani, der mich mit dem Projekt KDZ betraute, zahlreiche inhaltliche Anregungen und Ideen zum Projekt beisteuerte und das Geleitwort dieses Buches verfasste.
Helge Döring (Dortmund, Oktober 2021)
Stellen wir uns vor, die Gesellschaft wäre ein großer Raum mit einem Tisch in der Mitte und einem großen Kuchen. Zunächst sitzen nur wenige Menschen am Tisch, die meisten sitzen in der zweiten und dritten Reihe, viele sogar auf dem Boden. So lässt sich die Gesellschaft bis Ende des 20. Jahrhundert beschreiben. Aber etwa ab der Jahrtausendwende hat eine enorme Dynamik eingesetzt: Immer mehr und immer unterschiedlichere Menschen sitzen am Tisch, mittlerweile auch Frauen, LSBTIQ*, Schwarze, Muslime, Menschen mit internationaler Geschichte, Menschen mit Behinderung und Ostdeutsche. Die Tischgesellschaft ist auch deutlich jünger als noch vor einigen Jahrzehnten. All diese Menschen wollen einen schönen Platz am Tisch und ein Stück vom Kuchen. Sie wollen sich aber auch in die Regeln zu Tisch und das Rezept des Kuchens einmischen – sie wollen mitbestellen und mitentscheiden.
Dass es ausgerechnet jetzt, wenn so viele Menschen wie noch nie teilhaben können und wollen, gemütlich und harmonisch wird, erscheint völlig absurd – wenn man die Situation tatsächlich analytisch betrachtet. Intuitiv gehen die allermeisten Menschen davon aus, dass Integration und Teilhabe zu Harmonie und Konsens führen. Viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass das Konfliktpotenzial steigt, dass vieles in einem intensiven und kontroversen Prozess neu ausgehandelt werden muss und dass es zu einem beschleunigten Wandel kommt. Genau diese analytisch logischen, aber kontraintuitiven Zusammenhänge habe ich als Integrationsparadox auf den Begriff gebracht, wobei ich lediglich die Erkenntnisse der Klassiker der Soziologie wieder in Erinnerung gerufen und auf die Situation der aktuellen Migrationsgesellschaft übertragen habe.
Von Karl Marx bis Max Weber lässt sich rekonstruieren, dass die »alten« Soziologen in Konflikten das Potenzial für Entwicklung und Innovation erkannten. Georg Simmel gilt als Begründer der Konfliktsoziologie und erhob als erster vor über einem Jahrhundert den Begriff »Streit« zu einem Grundlagenbegriff der Soziologie, was bedeutet: Ohne den Streit zwischen Individuen und zwischen Kollektiven zu verstehen, lässt sich weder die Gesellschaft verstehen, noch soziologische Theorie entwickeln. Wie lässt sich erklären, dass wir die positiven und konstruktiven Positionen gegenüber Konflikten verloren haben? Nun, nach zwei Weltkriegen und Völkermorden hat sich die Perspektive gedreht: Man sah nun in Ordnung und Harmonie den »guten« Normalfall, Wandel und Konflikte wurden nur deshalb zu Forschungsfragen, weil sie als Problem wahrgenommen wurden. Vor dem Hintergrund der größten Gewaltexzesse durchaus nachvollziehbar. Lewis Coser und Ralf Dahrendorf verdanken wir eine Wiederbelebung und Etablierung der Konflikttheorie und der Konfliktforschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die für die Analysen der gegenwärtigen Krisenerscheinungen und Konfliktpotenziale von unschätzbarem Wert sind.
Konflikte können etwas Wunderbares sein, sich als Treibstoff für gesellschaftlichen Entwicklung manifestieren, allerdings nur dann, wenn man die ihnen zugrundeliegenden Entwicklungen erkennt und die entstandene Energie konstruktiv nutzt. Es ist davon auszugehen, dass das gleiche Konfliktpotenzial zu Fortschritt oder zu Gewaltexzessen führen kann. Das ist die Ambivalenz des Konflikts. In jedem Fall ist sicher, dass ganz ohne Konflikte Entwicklung und soziale Innovationen kaum denkbar sind. Ohne die konstruktive Austragung von Konflikten hätten sich Menschenrechte, Sozialstaat und Demokratie nicht durchsetzen können. Diese ungemütlichen und anstrengenden Prozesse sind von höchster Relevanz, das intuitiv Falsche kann analytisch betrachtet richtig sein. Deshalb muss sich gerade die Wissenschaft (wieder) viel stärker mit dem Potenzial von Konflikten und Krisen beschäftigen.
In dem vorliegenden Buch geschieht genau das. Vorgestellt werden die Ergebnisse des Projektes »Krisen-Dialog-Zukunft«. Die im Rahmen der Förderlinie »Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten von Krisen und Umbrüchen« vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Studie wurde im Zeitraum von 2018 bis 2021 an meinem Arbeitsbereich an der Fachhochschule Münster (nach meinem Wechsel vertreten durch Sebastian Kurtenbach) federführend von Helge Döring durchgeführt. In dieser vielschichtigen Studie werden Möglichkeit aufgezeigt, in jenen ergebnisoffenen konstruktiven Streit zu treten, der den Kern liberaler Demokratien und offener Gesellschaften ausmacht. Von Relevanz sind die Erkenntnisse und Befunde insbesondere für zivilgesellschaftliche Akteur*innen und kommunalpolitische Entscheidungsträger*innen, aber auch für die wissenschaftliche Diskurse über die Bedeutung von Konflikten in der offenen Gesellschaft, über Entwicklung von sozialen Konflikten, ihre Auflösung etc.
Die vorgelegte empirische Analyse ist voller gehaltvoller Reflexionen aus ganz unterschiedlichen Krisen- und Konfliktkonstellationen. Die Fallstudien umfassen Debatten um den Klimawandel, die Zuwanderungs- und Integrationspolitik und das Leben in urbanen Konflikträumen (z. B. die Dortmunder Nordstadt). In einem Exkurs gibt der Autor ebenfalls einen Einblick, wie Konflikte über Social Media geführt werden und sich dort phasenweise immer weiter verschärfen. Helge Döring geht es um methodische Möglichkeiten der Prävention und Entwicklung von Resilienz gegenüber Eskalationen von lokalen Konflikten und Desintegrationsprozessen vor Ort. Auf welche Weisen konnten bei lokalen Transformationsprozessen Krisen bewältigt werden? Wie können friedliche Zustände gewahrt, Konflikte ausgetragen und Veränderung ermöglicht werden? Wie lässt sich Offenheit als zentraler Bezugspunkt einer konstruktiven Streitkultur gegen Populist*innen und Extremist*innen verteidigen und wo müssen Grenzen des Dialogs gezogen werden?
Diese politisch höchstrelevanten Fragestellungen werden von Helge Döring in dieser qualitativen komparativen Forschung bearbeitet. Mittels (teil-)standardisierter Expert*inneninterviews und teilnehmender Beobachtung wurde umfangreiches Datenmaterial erhoben, um vor allem »worst cases« als Anschauungsmaterial für Praktiker*innen aufzubereiten. Diese Fälle werden vertiefend analysiert und miteinander verglichen. Dabei wird deutlich, in welchen Zeitintervallen Dialogformate gewinnbringend eingesetzt werden können, um Krisen präventiv abzuwenden, abzuschwächen oder in Kompromisslösungen zu überführen.
Das Buch ist Amtstäger*innen, Multiplikator*innen und aktiven Bürger*innen zu empfehlen, die sich darin schulen möchten, den pluralistischen und liberalen Grundkonsens unserer Gesellschaft auch in Zeiten von beschleunigtem Wandel, Konflikten und Umbrüchen konstruktiv zu gestalten. Streitkultur und Krisenfestigkeit gehören zu einer lebendigen Demokratie dazu.
Aladin El-Mafaalani (Osnabrück, Juni 2021)
Vorwort
Geleitwort
1 Einleitung
2 Krise als wiederkehrende Bedrohung der Normalität
2.1 Der Krisenbegriff
2.2 Krise als Prozess
2.3 Krisendeutung
3 Eskalation als Folge ungelöster Krisen
3.1 Die idealtypische Krise
3.2 Die Dauerkrise
3.3 Die Reeskalation
3.4 Die strukturell eskalierte Krise
4 Dialog als Mittel zur Krisenintervention
4.1 Dialogvoraussetzungen
4.2 Dialoggestaltung
4.3 Empirische Grundlagen zur Untersuchung von Krisenintervention durch Dialog und deren Ergebnisse
4.4 Empirische Implikationen und theoretische Einbettung der Fallstudien
5 Problematische Dialoge
5.1 Einleitung und Vorüberlegungen
5.2 Fallstudie 1: Der problematische Bürger*innendialog zur Geflüchtetenunterkunft in Dortmund Eving
5.3 Fallstudie 2: Der gescheiterte Bürger*innendialog der AfD Dortmund
5.4 Teilfazit und Ausblick
6 Die Dauerkrise
6.1 Konfliktursache: Armutsgeprägte Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien in die Dortmunder Nordstadt
6.2 Die Dortmunder Nordstadt als Ankunftsgebiet
6.3 Das Dialog-Dilemma: Die Dauerkrise in der Dortmunder Nordstadt
6.4 Datenbeschreibung und Auswertungsstrategie zur Untersuchung von Dialogveranstaltungen in der Dortmunder Nordstadt
6.5 Ergebnisse der Auswertung von Dialogveranstaltungen in der Dortmunder Nordstadt
6.6 Teilfazit und abschließende Betrachtung zur Rolle von Dialog in der Dauerkrise
7 Der Pseudodialog
7.1 Einleitung und Vorüberlegungen
7.2 Protest im Rheinischen Braunkohlerevier
7.3 Stakeholder*innen
7.4 Analyse der Krise vor Ort
7.5 Teilfazit und Ausblick
8 Exkurs: Von Frames und Strohmännern
8.1 Einleitung und Vorgehensweise
8.2 Framing und Hintergrund der Klimadebatte
8.3 Die Hintergründe zu #Möhrengate
8.4 Perspektiven der beteiligten Akteur*innen
8.5 Teilfazit und Ausblick
9 Empfehlungen für eine konstruktive Dialoggestaltung
9.1 Schlüsselkriterien für einen erfolgreichen Dialog
9.2 Dialog, Konflikt und Eskalation
10 Fazit
10.1 Konturen des Dialogpotenzials – Möglichkeiten und Grenzmarkierungen
10.2 Weitergehender Forschungsbedarf
11 Anhang
Interviewleitfaden des Projektes KDZ
Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Literaturverzeichnis
Protest ist Alltag, ob auf Marktplätzen oder Smartphones. Selten verstetigt er sich, sondern findet in der Regel eine Übersetzung in Kompromisse, was ein Zeichen einer vitalen und funktionierenden Demokratie ist. Einer solchen Konsensfindung liegen teils komplizierte, langwierige und zugleich symbolträchtige Dialogrunden zugrunde, ohne die eine Einigung unmöglich wäre. In diesem Buch geht es nicht um das Ergebnis einer Verständigung, sondern darum, wie diese zustande kommt. Das ist umso wichtiger, da die Protestwellen scheinbar zunehmend über das Land rollen. Während in den Jahren 2015 und 2016 vor allem PEGIDA mit seinem völkisch-nationalistischen Protest gesellschaftspolitische Debatten bestimmte, war es im Jahr 2019 ein klimaorientierter Protest eines tendenziell sozialliberalen Milieus mit politisch sehr heterogener Ausprägung. Dieser versammelte sich vor allem unter dem Banner von »Fridays for Future« und wurde von Schüler*innen und Studierenden vorangetrieben. 2020 wiederum war geprägt von Protesten gegen die Maßnahmen im Rahmen der COVID-19-Pandemie, welche teils rechtsextreme, verschwörungsmystische und demokratiedistante Einflüsse aufweisen. Protest gewinnt damit, zulasten von direkter Partizipation, an Bedeutung zur Willensdurchsetzung im demokratischen System. Es geht demnach Zusehens nicht mehr darum, selbst politische Verantwortung zu übernehmen, sondern politisch Verantwortliche zu beeinflussen. Diese Veränderung mag zunächst wie eine postdemokratische Entwicklung wirken, doch kann sie auch als Ausdruck eines Wandels der politischen Kultur verstanden werden, einer Kultur, in der Dialog eine zunehmende Bedeutung zukommt.
Aus diesen Beobachtungen entspringt die grundlegende These dieses Buches: Deutschland entwickelt sich zu einer Gesellschaft, in der Konflikte immer offener zutage treten und ausgehandelt werden müssen. Dabei werden Veränderungen zunehmend als Krisen wahrgenommen, welche Protest hervorbringen, der wiederum durch Dialog verhandelt werden muss, um das demokratische System aufrechtzuerhalten. Einer der Treiber bei der Entstehung der Protestgesellschaft ist die zunehmend politische Polarisierung zwischen einer sozialliberalen und pluralistischen Wähler*innengruppe und denen, die einen autoritären Nationalradikalismus (Heitmeyer 2018) befürworten. Protest wird durch die digitale Selbstermächtigung auf den jeweiligen Informationskanälen gestärkt und die mitunter langwierigen Entscheidungsprozesse demokratischer Aushandlung sind dabei nur in geringem Maße anschlussfähig. Dem Dialog kommt eine Brückenfunktion zwischen Entrüstung und Kompromissfindung zu.
Folglich geht es um die Aushandlung zwischen Öffnungs- und Schließungstendenzen einer Gesellschaft durch Dialog. Das erzeugt Spannungen und Brüche. Die Bruchlinien des viel diskutierten gesellschaftlichen Zusammenhalts, die sich vor allem in Bezug auf die beiden skizzierten Pole ausdifferenzieren, verlaufen damit nicht nur innerhalb der Wählerschaft der (vormaligen) Volksparteien, sondern auch quer durch die Mitgliedschaft anderer vormals integrierender Institutionen, wie Kirchen, Gewerkschaften oder Vereinen. Sie büßen damit, für Teile ihrer Mitglieder, ihre Verlässlichkeit ein. Kirchen wenden sich gegen den zuwanderungsskeptischen Protest und Gewerkschaften stehen dem Klimaprotest reserviert gegenüber. Das mag jeweils für die Mehrheit ihrer Mitglieder richtig sein, aber nicht mehr für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, die sich kaum mehr irgendwo aufgehoben fühlt, sich aber weiterhin in den Diskurs einbringen möchte. Wo Institutionen fehlen, die die eigenen Interessen organisieren und vertreten oder zumindest ernst nehmen, tritt Selbstermächtigung in Form von Protest und sozialen Bewegungen auf, die häufig die vorhandenen Strukturen oder gefallenen Entscheidungen infrage stellen und Veränderungen einfordern. Das kann bis zur Gründung von Parteien führen, wie in den 2010er Jahren der AfD oder rund vierzig Jahre zuvor den Grünen, um Änderungen politisch zu erzwingen, womit sich Protest entweder verstetigt oder sich zum Vehikel konstruktiver Veränderung entwickelt. Protest wird damit zum rationalen Mittel der Interessensbekundung und deren Durchsetzung, wobei Dialog zur Graswurzelarbeit der Bewahrung der liberalen Demokratie wird.
Auf den Beziehungsebenen Protest, Krise und Dialog fußt auch die forschungsleitende Frage dieser Arbeit: Wann kann Dialog in Krisensituationen eine Lösung erzeugen? Hier wird bereits vorgegriffen und davon ausgegangen, dass Dialog Lösungen hervorbringen kann, welche für alle beteiligten Gruppen akzeptabel sind. Das setzt Dialog- und Kompromissbereitschaft aller Konfliktparteien voraus. Fehlen diese, findet Dialog entweder nicht statt oder hat keine krisenberuhigende Wirkung und kann sogar zur weiteren Eskalation beitragen. Das kann neben den Dialogvoraussetzungen auch durch die Dialoggestaltung geschehen, weswegen in diesem Buch ein besonderes Augenmerk auf Dialogformate gelegt wird. Mit der Beantwortung der Forschungsfrage kann das Verständnis der demokratischen Erneuerung in der Protestgesellschaft näher beleuchtet werden.
Die Beschäftigung mit Dialog ist für einige Berufsgruppen von besonderer Bedeutung, da sie mit der Bewahrung der liberalen Demokratie tagtäglich befasst sind. Das betrifft vor allem Sozialberufe, in denen die Verständigung unterschiedlicher Interessen Teil des Arbeitsalltags und des professionellen Auftrags ist. Damit sind nicht immer die medial viel beachteten großen Dialogrunden gemeint, wie z. B. die Schlichtung zwischen Gegner*innen des Bahnprojektes Stuttgart 21 und dem Bahnkonzern im Jahr 2010, welche teils live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen wurden, sondern auch alltägliche Aushandlungen, wie die Findung verbindlicher Regeln in einem Jugendzentrum. Das setzt voraus, dass Dialog in Bezug zur Krisenwahrnehmung der protestierenden Gruppen gesetzt wird. Doch auch für Politiker*innen, Menschen, die im politiknahen Umfeld tätig sind, Journalist*innen, Verbands- oder Gewerkschaftsmitarbeiter*innen soll das Buch einen Gewinn darstellen. Denn Dialog ist mehr als ein Verfahren zur Zielerreichung, es stellt die Demokratiefähigkeit aller beteiligter Akteur*innen auf die Probe und wird in einer pluralen Gesellschaft zugleich immer wichtiger, da es eine zunehmende Anzahl von Interessensgruppen gibt (El-Mafaalani 2018a).
Kaum ein Begriff wurde in den letzten Jahren so häufig und zugleich mit einer solchen Ernsthaftigkeit verwendet wie Krise. Im folgenden Kapitel wird der Krisenbegriff unter drei Aspekten genauer beleuchtet. Erstens ist eine Begriffsklärung nötig, welche seine Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit aufzeigen wird. Zweitens wird Krise als Prozess beschrieben, wofür das Eskalationsmodell nach Glasl genutzt wird. Das ist umso hilfreicher, da es eine Modellierung und Typisierung der verschiedenen Krisenverläufe, welche in den folgenden Kapiteln erarbeitet werden, konzeptionell vorbereitet und zugleich Interventionsmöglichkeiten, vor allem durch Dialog, verdeutlicht. Drittens wird die Deutung von Krisen diskutiert, da sie den Rahmen zur Krisenintervention setzt.
Nach Max Frisch gilt: »Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack von Katastrophe nehmen.« Die Krise wurde in der Geschichte der gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen immer wieder diskutiert. Beispielsweise thematisieren Marx und Engels (1848) die fundamentale gesellschaftliche Krise als antagonistischen Klassengegensatz, der in der industriell-kapitalistischen Gesellschaft nur durch eine Revolution beseitigt werden kann. Entgegen der Annahme, dass Krisen mit einer einzigen Revolution gelöst werden können, geht Sorokin (1951) davon aus, dass Gesellschaften durch Allokationsprobleme von Ressourcen automatisch und immer wieder in Phasen der Krise und des Wandels eintreten. Auch in der Systemtheorie wird Krise als wiederkehrendes soziales Phänomen behandelt. Nach Parsons (1966) Argumentation kommt es zu einem allmählichen evolutionären Ausgleich unbalancierter Zustände und die daraus resultierenden Krisen werden in einem geordneten Wandlungsprozess zu neuen Gleichgewichten geführt. Luhmann (1999) wiederum beschreibt Krisen als heikle Situationen (Fehler und Irritationen als kritische Mikroereignisse) in Systemen und Umwelt-Beziehungen, die den Fortbestand des Systems oder wichtiger Systemstrukturen unter Zeitdruck in Frage stellen. In neueren Untersuchungen von Organisationen werden Krisen wiederum als Gefahr beschrieben, welche die Entwicklungs- und Lebensfähigkeit von Organisationen bedroht und als negativ und belastend wahrgenommen wird (Schwarz/Löffelholz 2014). Dabei spielen die Ungewissheiten über die Ursachen, Folgen und Lösungsmöglichkeiten einer Krise eine übergeordnete Rolle. Es kommt zum Verlust bzw. zur Erschütterung von geteilten Deutungsmustern, Werten und grundlegenden individuellen Annahmen über die von der Krise betroffene soziale Umwelt von Organisationen bzw. Anspruchsgruppen (Schwarz/Löffelholz 2014). Zudem sind Krisensituationen zeitlich begrenzt und gekennzeichnet durch einen als erhöht wahrgenommenen Zeit-, Entscheidungs- und Handlungsdruck bei zeitgleich eingeschränkten kognitiven Kapazitäten zur Informationsverarbeitung (Pearson/Clair 1998; Schwarz 2010).
Während sich diese und weitere Strukturbeschreibungen von Krisen zwar unterscheiden, ist allen gemein, dass sie neben der Ursache von Krisen auch ihre Funktion betrachten. Krise wird dabei als der Weg von einer Normalität in eine andere (Mergel 2012: 13) angesehen. Idealerweise dauern die Normalzeiten lange an und die Krisen sind nur von kurzer Dauer und bezwecken den nötigen Wandel in einer modernen Gesellschaft. Hier ist allerdings anzumerken, dass Krise zu einer allgegenwärtigen rhetorischen Metapher geworden ist, die das zeitgenössische Denken prägt (Holton 1987). Holtons Ansatz zur Krisenanalyse und -bewältigung steht in Bezug zu Problemen der sozialen Differenzierung und Institutionalisierung. Dabei wird ebenfalls zwischen Krise und Normalität unterschieden, wobei die Krise eine zeitlich begrenzte Abweichung von der Normalität darstellt: »Similarly in medical discourse, crisis refers to a particular stage in the development of an illness which is decisive for the future. The resolution of the ›crisis‹ will determine whether the ›patient‹ will recover or die. Crisis is not a permanent state« (Holton 1987: 504). Der hier angedeutete mögliche Effekt von Krisen findet sich vor allem in der soziologischen Analyse wieder. Beispielsweise nehmen Folkers und Lim (2014) Bezug auf die positivistische Soziologie als »Krisenwissenschaft« im Sinne Comtes (Koselleck 1982: 631; König 2012), die sich erhoffte, »durch Einsicht in die Gesetze der diagnostizierten Krise, diese plan- und beherrschbar zu machen und schließlich den ›kritischen‹ Zustand zu überwinden und in einen ›positiven‹ zu überführen.« (Comte 1973). Dabei besteht die Annahme, dass es durch Krisen zu Besserungen und Fortschritt kommt, deshalb werden Konflikten, als Ausdruck von Krisen, auch positive Effekte zugesprochen (Simmel 1908; Dahrendorf 1958; Coser 1965; El-Mafaalani 2018a).
Krisen können aus verschiedenen Gründen auftreten (Thießen 2011: 63 ff.) und sind abhängig von der Wahrnehmung der Betrachtenden (Kohring et al. 1996). Außerdem sind Krisen ungewiss und weisen manchmal sehr überraschende Verläufe auf (Thießen 2011: 65), die im Vorfeld nicht antizipiert werden können, weswegen Krisen mit weit vorausschauendem Handeln begegnet werden sollte. Eine Krise, die früh erkannt wird, kann mit relativ geringen ökonomischen und sozialen Mitteleinsatz gelöst werden, während sie im späteren Verlauf vollkommen ungewisse Kosten verursachen kann. In der Folge kommt es durch Krisen zur Verunsicherung von Individuen, Gruppen1 oder ganzen Gesellschaften (Merten 2008: 88). Sie stören die soziale Ordnung und verändern die Art und Weise, wie das Soziale wahrgenommen wird (Folkers/Lim 2014).
Während Ursache und Folgen von Krisen viel diskutiert werden, bedarf es auch einer Betrachtung der Strukturelemente solcher. Hier ist der Rückgriff auf Habermas (1973: 10) hilfreich, der Krise mit der folgenden Vorstellung verbindet:
»[…] einer objektiven Gewalt, die einem Subjekt ein Stück der Souveränität entzieht, die es normalerweise hat. Indem wir einen Vorgang als eine Krise begreifen, geben wir ihm unausgesprochen einen normativen Sinn: die Lösung der Krise bringt für das verstrickte Subjekt eine Befreiung. […] In der klassischen Ästhetik von Aristoteles bis Hegel meint Krise den Wendepunkt eines schicksalhaften Prozesses, der bei aller Objektivität nicht einfach von außen hereinbricht. Der Widerspruch, der sich in der katastrophischen Zuspitzung eines Handlungskonfliktes ausdrückt, ist in der Struktur des Handlungssystems und in den Persönlichkeitssystemen der Helden selbst angelegt.«
Zu einer ähnlichen Definition kommen Amann und Alkenbrecher (2015), die ebenfalls den Fokus auf den »Wendepunkt« legen: Als Auslöser, nicht aber als Ursache einer Krise wird gemeinhin eine problematische, mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation bzw. eine an eine gefährliche Entwicklung gekoppelte, schwierige Lage oder kritische Situation bezeichnet (Amann/Alkenbrecher 2015: 9). Aus diesem Grund wird Krise als »Zustand der Gesellschaft bzw. zentraler gesellschaftlicher Bereiche (Wirtschaft, Bildungswesen, Sozialstaat z. B.), in dem unter Zeitdruck schwierige Probleme der Anpassung, der Koordination und ggf. der Strukturveränderung und Systemerhaltung zu lösen sind« definiert (Schäfers 1992: 167). Was die genannte Strukturveränderung auslöst, bestimmt auch den weiteren Verlauf einer Krise, weswegen der Bezugsrahmen des Krisenbegriffs für die Analyse einer Krise von essenzieller Bedeutung ist. Eine Sicherheitskrise, bspw. durch terroristische Anschläge oder eine militärische Bedrohung durch einen anderen Staat, ist anders zu bewerten als eine Bildungskrise aufgrund schlechter Ergebnisse einer international vergleichenden Bildungsstudie. Zudem sind Erfahrungen mit Krisenbewältigung strukturgebend für Krisenverläufe, auf die in diesem Buch noch intensiv eingegangen wird. Damit sind Krisen »Formen der Selbstbeschreibung einer Gesellschaft, die sich so ebenso ihrer Reformbedürftigkeit wie ihrer Wandlungsfähigkeit vergewissert« (Mergel 2012: 13). Sie sind nicht zu denken ohne die Kulturen, in denen sie sich ereignen, und sind daher Wahrnehmungsphänomene, die mit Vertrauensverlust, Dringlichkeit, Unsicherheit sowie Zeitdruck einhergehen (ebd. 2012: 13).
Bei der Analyse von Krisen und ihren Verläufen fällt eine normative Komponente auf, die sich grundlegend in zwei Perspektiven aufteilt: den positiven bzw. optimistischen und einen idealtypischen, pessimistischen Krisenbegriff (Jänicke 1973: 10). Die Wahl der jeweiligen Perspektive wird durch das Erkenntnisinteresse der den Sachverhalt betrachtenden Akteur*innen bestimmt. Beispielsweise kann die aktuelle COVID-19-Pandemie als Krise dahingehend untersucht werden, welche Innovationen sich im Gesundheitswesen ergeben haben, oder aber, wie außerordentlich hoch die Folgekosten die nationale Wirtschaft belastet haben. Beides sind zulässige Fragen der ex post Krisenanalyse. Im ersten Fall wird eine Krise als Chance einer umfassenden Systemtransformation gesehen und ein positiver Ausgang angenommen, während im zweiten Fall die Krise bestenfalls in eine negative Lösung oder schlimmstenfalls in eine Katastrophe führt (vgl. Merten 2008: 84, 86). Zwischen diesen Extremlösungen kann es auch beim unveränderten Status quo ante bleiben, bei dem alles bleibt wie bisher, sich also keine innovative Lösung ergibt (Abb. 1). Aus beiden Perspektiven auf Krisen erwächst allerdings unmittelbarer Handlungsbedarf, wodurch sie zu Garanten von Veränderungen werden (Thießen 2011: 63). Die gewohnte Normalität wird dabei durch Entscheidungen z. B. auf politischer Ebene in einen neuen Zustand überführt.
Abb. 1: Zur Struktur einer Krise (eigene Darstellung)
»Krise!« wird im allgemeinen Diskurs schnell als politischer Kampfbegriff gebraucht, der in engen Zeitfenstern Handlungsdruck erzeugen soll, um politische Ziele schneller durchsetzen zu können (Luft 2016). Daher sind Krisensituationen immer auch Konfliktsituationen, bei denen verschiedene Konfliktparteien mit (teilweise) unvereinbar erscheinenden Interessen und Zielen aufeinandertreffen. Demnach sind es Konfliktanlässe, bei denen beteiligte Akteur*innen gegenwertig keine befriedigende Lösung erkennen, daher müssen neue ausgehandelt werden. In einer solchen Konstellation können unterschiedliche Verhaltensweisen die Konfliktdynamik verstärken und die Auseinandersetzung verschärfen (z. B. Achtlosigkeit, Kommunikationsverweigerung, Konkurrenz, verbale Angriffe und physische Gewalt). Unterschiedliche Annahmen, Haltungen und Weltanschauungen der Konfliktparteien machen eine Bewertung der Konfliktursachen zu einer komplexen Angelegenheit (Schrader 2018). Allerdings lassen sich die meisten Krisen durch Kommunikation entweder lösen oder zumindest erfolgreich in ihrem Ausmaß reduzieren. Dennoch erzeugen die mit ihnen verbundenen Ereignisse große Unsicherheit (Merten 2008: 88).
Bei der Betrachtung eines Krisenverlaufs, abgekoppelt von der üblichen Betrachtung der Ursache und der Wirkung von Krise, kann dieser als Eskalationsverlauf begriffen werden. Der Eskalationsverlauf wurde im wissenschaftlichen Diskurs sowohl in Phasen als auch in Stufen eingeteilt, was in den folgenden Kapiteln aufgearbeitet und in die empirische Analyse eingehen wird.
Zum dezidierten Verständnis der Eskalation von Konflikten nach Glasl (2011a: 233 ff.) müssen die Prozessfaktoren der Macht (ebd. 2012: 158 ff.) besonders hervorgehoben werden, da auf jeder Eskalationsstufe unterschiedliche Einfluss- und Machtressourcen mobilisiert bzw. für die Gegenseite blockiert oder zerstört werden. Glasls Phasenmodell der Eskalation (1980) weißt neun identifizierbare Eskalationsstufen auf, die sich in drei Hauptphasen (Ebenen) mit jeweils drei Abstufungen untergliedern. In der ersten Hauptphase kann es für beide Akteur*innen im Konflikt noch zu einer Win-Win-Situation kommen, bei der sie jeweils gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen. In der zweiten Hauptphase verliert ein*e Akteur*in, während der oder die andere gewinnt (Win-Lose), und in der dritten Hauptphase verlieren beide Akteur*innen (Lose-Lose). Die drei Hauptphasen sind also, wie in Abbildung 2 zu erkennen, voneinander getrennt. In der ersten Hauptphase kann eine kooperative Lösung noch auf der reinen Sachebene gelingen, in der zweiten Hauptphase werden die Akteur*innen zunehmend von moralisch-ethischen Skrupeln geleitet und in der dritten Phase nehmen sie die Schädigung der anderen Seite billigend in Kauf.
Abb. 2: Phasenmodell der Eskalation (nach Glasl 1980)
Nach Glasl (2011b: 125) zeichnen sich bei »heißen« Konflikten die Parteien durch eine intrinsische Begeisterung für die eigene Sache aus und wollen die Gegenseite von ihrer Sichtweise überzeugen. Aus diesem Grund haben sie zu Beginn des Konfliktes kein negatives Bild der Gegenseite und kommunizieren aktiv mit ihr. Bei »kalten« Konflikten ist diese Begeisterung erloschen und Frustration, Enttäuschung und Desillusionierung gewichen. Dies führt dazu, dass die Akteur*innen es aufgegeben haben, sich gegenseitig überzeugen zu wollen. Sie vermeiden im weiteren Verlauf die Auseinandersetzung oder gar den Kontakt mit der Gegenseite, nutzen aber Gelegenheiten, ihr aktiv zu schaden. Konflikte entwickeln sich entlang der neun in der Folge kurz beschriebenen Eskalationsstufen.
1. Eskalationsstufe 1 »Verhärtung«: Es findet eine dialogische Auseinandersetzung statt, getragen von der Bemühung um eine kooperative Problemlösung, die mit rationalen und sachlichen Argumenten unterbaut wird (Glasl 2010; Glasl 2011a: 76 ff.; Glasl 2012: 159).
2. Eskalationsstufe 2 »Debatte, Polemik«: In der von Meinungsverschiedenheiten bestimmten Auseinandersetzung kommt es immer häufiger zur Polemik, um die Gegenseite unter Druck zu setzen. Eine Polarisierungen im Denken, Fühlen und Wollen der Beteiligten entsteht, in der rechthaberisches Verhalten Einzug hält, um damit die eigene Überlegenheit zu unterstreichen. Ein gezielter Einsatz von verbaler Gewalt, rhetorischen Winkelzügen und taktischen Tricks ist zu erwarten. Außerdem werden erste Demütigungen ausgesprochen, wenn auf Wissenslücken, Denkfehler, Fehlschlüsse und Schwächen in der gegnerischen Argumentation hingewiesen wird (Glasl 2012: 159).
3. Eskalationsstufe 3 »Taten statt Worte«: In dieser Phase werden die Gespräche zwischen den Akteur*innen immer häufiger ergebnislos abgebrochen und ein permanenter Druck auf die Gegenseite aufgebaut. Allein mit Argumenten ist zu diesem Zeitpunkt niemand mehr zu überzeugen. Es werden die eigene Stärke, Entschlossenheit und das eigene Selbstvertrauen zur Schau gestellt und die Gegner*innen mit vereinzelten Drohungen und Hinweisen auf die Konsequenzen des eigenen Handelns eingeschüchtert. Die Alternativlosigkeit des eigenen Handelns wird außerdem betont (Glasl 2012: 159 ff.).
4. Eskalationsstufe 4 »Koalitionen und Images«: Alle Konfliktparteien sehen sich im Recht und haben ein positives Selbstbild etabliert. Die gegnerischen Akteur*innen werden in ihrer Sach-, Fach- und Führungskompetenz abgewertet und nicht ernst genommen. Es etablieren sich stereotype Feindbilder, die gereizt und provoziert werden. Gleichzeitig besteht die Sorge um ein positives Eigenbild, weshalb in Image-Kampagnen um Verbündete geworben wird, um durch zahlenmäßige Überlegenheit die eigenen Siegchancen zu steigern. Manchmal werden diese Koalitionen auch verdeckt geschmiedet (Glasl 2012: 160).
5. Eskalationsstufe 5 »Gesichtsverlust«: Ab dieser Stufe werden die gegnerischen Akteur*innen nur noch als Feind*innen angesehen, die durch negative Zuschreibungen (unmoralisch, kriminell, bösartig und minderwertig) öffentlich diskreditiert werden. Es kommt zu einem absoluten Vertrauensbruch, zu Verachtung in der Öffentlichkeit und zur Rufschädigung der Gegner*innen. Dies dient der Isolation und Delegitimierung (Glasl 2012: 160 ff.).
6. Eskalationsstufe 6 »Drohstrategien und Erpressung«: Die Akteur*innen überziehen sich gegenseitig mit Drohungen und stellen einander Ultimaten. Ethische Aspekte werden außen vor gelassen und es wird versucht, der Gegenseite die eigenen Forderungen zu diktieren. Bei Nichterfüllung wird mit Gewaltanwendung gedroht (Glasl 2012: 161).
7. Eskalationsstufe 7 »Begrenzte Vernichtung(sschläge)«: Die gegnerischen Akteur*innen werden nun vollends als Feind*innen wahrgenommen und entmenschlicht. »Der Zweck heiligt die Mittel!« und eröffnet den Rückgriff auf drastische Verfahren (Lüge, Täuschung, Überrumpelungstaktiken und Desinformation). Noch achten die Konfliktteilnehmenden darauf, die zerstörerische Wirkung ihrer Aktionen zu begrenzen (Glasl 2012: 161 ff.).
8. Eskalationsstufe 8 »Zersplitterung«: Alle als Feind*innen bezeichneten Akteur*innen und ihre Verbündeten sollen mit Vernichtungsschlägen irreparabel zerstört werden. Dies geschieht durch direkte Gewalthandlungen wie z. B. Körperverletzungen. Auch psychische Erkrankungen als Folge des Stresses und der finanzielle Ruin der Gegenseite werden billigend in Kauf genommen. Auf der Gegenseite bewirken diese existenzgefährdenden Schäden eine zunehmende Radikalisierung (Glasl 2012: 162).
9. Eskalationsstufe 9 »Gemeinsam in den Abgrund«: In dieser Phase nimmt (wenigstens) eine Partei die eigene Vernichtung in Kauf, wenn damit der oder die Feind*in definitiv vernichtet werden kann. Durch direkte Gewalthandlungen ohne jede Rücksichtnahme wird die Strategie der »verbrannten Erde« geführt (Glasl 2012: 162).
Glasl (2012: 162) zeigt mit diesem Modell auf, wie im Laufe eines Konfliktes eine Dynamik eintritt, die weg vom Dialog bis hin zur Gewalt führt. Rationale Kalküle und die Vernunft der handelnden Personen werden ins Gegenteil verkehrt und irrationale, emotional aufgeladene Gewalthandlungen sind die Folge. Wie die Erkenntnisse aus zahlreichen Expert*inneninterviews der Studie zeigen, muss es das primäre Interesse aller Akteur*innen sein, die Konfliktparteien unbedingt im Dialog und den Diskurs auf den ersten drei Eskalationsstufen zu halten. Danach steigen die Kosten, eine Krise friedlich aufzulösen, immens, weil Deeskalationsmaßnahmen wesentlich teurer sind als Präventionsmaßnahmen.
Krise bedeutet für die Betroffenen eine Einengung, bei der sich das ganze Leben im Folgenden auf ein Problem reduziert (Kast 1987: 16 ff.). Die Betroffenen erleben dabei Angst, Panik, Hilflosigkeit bis hin zur Ausweglosigkeit. Ihre Identität und Kompetenz werden als bedroht erlebt. Dabei besteht ein gefühltes Ungleichgewicht zwischen der subjektiven Bedeutung des Problems und den Bewältigungsmöglichkeiten, die den Betroffenen zur Verfügung stehen. Um dem existenziellen Druck entgegentreten zu können, muss eine grundlegende Veränderung der Verhaltensweise erzwungen werden. Häufig kommt es dabei zum inneren Rückzug der Individuen, um sich auf das Problem und die Bewältigungsstrategie konzentrieren zu können. Hervorzuheben ist dabei, wie der kommende, unsichere und unterschiedlich relevante Ausgang des Ereignisses in der Öffentlichkeit angesehen wird (Merten 2008: 88). Die Dimensionen dafür werden im möglichen Schaden, der Größe und Bedeutung der davon betroffenen Zielgruppe sowie der zu vermutenden Schadenseintrittswahrscheinlichkeit gesehen.
Damit wird auch der Grund für das umrissene Eskalationspotenzial von Krisen deutlich, denn es geht nicht nur um die Veränderung eines eingespielten Ablaufs, sondern die anlassbezogene Neubewertung auch subjektiver Identitätsmerkmale. Egal, ob diese Neubewertung hinsichtlich Organisationen oder Individuen stattfindet, oft führt sie zu einer Abwertung der Wertschätzung bzw. der Rolle und zu Anerkennungsdefiziten (Legge/Heitmeyer 2006). Demnach stellen Konflikte einen »universellen, das heißt in allen Gesellschaften vorfindbaren Prozess der Auseinandersetzung [dar], der auf unterschiedlichen Interessen sozialer Gruppierungen beruht und der in unterschiedlicher Weise institutionalisiert ist und ausgetragen wird« (Lankenau 1992: 157 ff.).
Konfliktparteien sind in diesem Kontext nicht nur aufeinander bezogen, sondern in ein weitreichendes Wahrnehmungsgefüge eingebettet. Ein Beispiel dafür sind soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter, welche eine hohe Spontanaktivität mit der Möglichkeit von Aufschaukelungseffekten in sich bergen können und konfliktverschärfend wirken, indem Konflikte weithin sichtbar gemacht werden. Die zunehmende Vernetzung führt zu einer nichtlinearen Systemdynamik, die sich nicht prognostizieren lässt (Kruse zit. nach Sohn 2014). Shitstorms und Hate Speech sind dabei zu alltäglichen Phänomenen geworden (Preuß et al. 2017). Doch nicht nur im oftmals anonym wirkenden Internet, sondern auch im persönlichen Dialog ist der Ton rauer geworden und trifft viele Personen in Form von ungebremstem Hass, Wut und respektlosen Kommentaren völlig unvorbereitet. Dennoch ist zu betonen, dass Konflikte, trotz ihres schlechten Rufs, nicht nur nicht zu vermeiden sind, sondern eingefahrene Strukturen reformieren können (Simon 2010: 10).
In diesem Kapitel wurde der Krisenbegriff näher beleuchtet und in seiner prozesshaften Natur analysiert. Dazu wurden unterschiedliche Perspektiven auf den Krisenbegriff vorgestellt, die Prozesshaftigkeit des Krisenverlaufs untersucht und die Deutungsvielfalt auf Krisen diskutiert. Aufbauend auf diesen Elementen und vorbereitend zur Konzeptionierung von Kriseninterventionen durch Dialog, wird im folgenden Kapitel eine Krisenverlaufstypologie erarbeitet, welche zugleich den Rahmen für die empirische Untersuchung in den späteren Kapiteln bildet.
1 Dies ist hinreichend durch die Krisenexperimente von Goffman (1963), Garfinkel (1967) und Milgram (1978) aufgezeigt worden, bei denen implizite Normen sozialer Wirklichkeit dadurch erkennbar gemacht wurden, in dem sie durch explizite Missachtung gebrochen wurden.
Dialog erscheint als ein Mittel, um Krisen zu vermeiden oder zumindest abzumildern. Daher werden Dialog und Eskalation häufig als gegensätzliche soziale Zustände eines Krisenverlaufs betrachtet. Gegenstand des folgenden Kapitels ist u. a. die gegenteilige Überlegung, dass Eskalation auch eine Folge gescheiterten Dialogs sein kann. Eine Krisenverschärfung findet also aufgrund eines Dialogs und nicht aufgrund eines ausgebliebenen Dialogs statt. Aus dieser Perspektive kommt Dialog eine prozessuale Rolle im Krisenverlauf zu und findet immer statt, ob nun organisiert bzw. formalisiert oder durch eine autoritäre und konfrontative Gesprächsverweigerung. Folgend werden drei idealtypische Krisenverläufe konzipiert, welche in den Kapiteln 5 bis 7 auch empirisch untersucht werden (Kap. 5, Kap. 6, Kap. 7). Außerdem wird das Verhältnis von Krise, Dialog und Eskalation untersucht und die daraus folgenden empirischen Implikationen abgeleitet.
Den Kern des Kapitels bildet die Ableitung einer Krisenverlaufstypologie aus idealtypischer Krise, Reeskalation, Dauerkrise und strukturell eskalierter Krise, um die empirische Untersuchung vorzubereiten. Idealtypisch sind die Krisenverläufe insofern alle, als dass sie lineare Entwicklungen und klar voneinander abzugrenzende Phasen zeigen, die in Realtypen häufig allerdings nicht so klar zu erkennen sind. Die Funktion dieser a priori ausgearbeiteten Idealtypen ist, dass sie einerseits konzeptionelle Unterschiede zwischen Krisenverläufen zulassen und andererseits die empirische Vorgehensweise strukturieren. Dazu bedarf es aber sowohl der Verlaufsbeschreibung als auch der konzeptionellen Überlegung zur Rolle von Dialog in jeder der potenzielle Krisenverlaufstypen.
Demnach sind drei Aspekte miteinander zu verbinden. Erstens, dass sich die jeweiligen Krisenverlaufstypen logisch voneinander unterscheiden, sodass tatsächlich unterschiedliche Krisenverläufe konzipiert werden, die real auftreten können. Zweitens, dass die Rolle von Dialog im Krisenverlauf berücksichtigt wird, und drittens, dass verschiedene Dialogformate den Phasen des Konfliktverlaufs zugeordnet werden können. Durch die Berücksichtigung der drei Aspekte kann somit das Verhältnis von Eskalation und Dialog in einem Krisenverlauf abgeschätzt werden.
Abb. 3: Vier potenzielle Krisenverlaufstypen (eigene Darstellung)
Die Ableitung der vier potenziellen Krisenverlaufstypen unterliegt einigen Vorannahmen. Es wurden vier heuristische Zeitpunkte und damit drei Stufen gewählt. Die Abstände zwischen den Zeitpunkten können im Realfall variieren und dienen der Modellierung des Verlaufs, nicht seiner Prognose. Zudem sind es Krisenverläufe, die wahrscheinlich relativ häufig auftreten, wobei alle ein gesteigertes Konfliktpotenzial aufweisen. Krisen mit geringen Auswirkungen auf das Konfliktumfeld, wie z. B. bei Nachbarschaftsstreitigkeiten üblich, wurden nicht aufgenommen. Zudem wird Dialog vor allem als formaler Dialog konzeptionell mit einbezogen und nicht als alltäglicher Austausch, im Sinne einer sozialen Interaktion (Goffmann 1963). Dass solche alltäglichen Austauschprozesse durchaus eine konfliktberuhigende Wirkung entfalten können, zeigen Arbeiten zur Kontakthypothese (Allport 1954) sowie zur Rolle des öffentlichen Raums als Ort alltäglicher Aushandlung und Begegnung (Hüttermann 2017; Kurtenbach 2018; Hermann et al. 2019).
Dass Krisen einen fördernden Effekt auf soziale Entwicklungen haben können, wurde bereits im zweiten Kapitel angedeutet (Kap. 2.1). Nun stellt sich jedoch die Frage, wie eine »normale« Krise abläuft, die im Folgenden als idealtypische Krise bezeichnet wird. Die idealtypische Krise dient als Referenzrahmen, an der sich die Sondertypen der Dauerkrise, der Reeskalation sowie der strukturellen Eskalation orientieren und zugleich unterscheiden. Die idealtypische Krise ist in drei Stufen (Konfliktpotenzial auf der Y-Achse) und mehrere Phasen (zwischen den Zeitpunkten auf der X-Achse) unterteilt (Abb. 4).2
Abb. 4: Idealtypischer Krisenverlauf (eigene Darstellung)
In der ersten Phase verdichten sich Probleme aus der Perspektive von mindestens einer Gruppe, sei es in Bezug auf ein Phänomen, ein Vorhaben oder eine anderen Gruppe. Während dieser Phase ist der Konflikt für Außenstehende nur schwer zu erkennen und das Konfliktpotenzial ist noch gering. Allerdings werden in dieser Phase auch die Konfliktkoalitionen gebildet, also Gruppen, die gemeinsam auftreten oder gegen die gemeinsam aufgetreten wird. Ein Beispiel sind Bürger*innengruppierungen verschiedener Couleur, die z. B. gegen geplante Windkraftanlagen protestieren.
Die zweite Phase ist zugleich die Hochphase des Protestes. Hier entladen sich Frust gegenüber Vorhaben, Phänomenen oder Gruppierungen. Der Konflikt ist nun auch klar für Außenstehende zu erkennen, was nicht zuletzt an sozialen Bewegungen oder, in kleinerem Rahmen, organisierten Protestgruppierungen liegt, die in dieser Phase verstärkt auftreten. Zugleich steigt das Konfliktpotenzial und erreicht seinen Höhepunkt. Das Risiko der Konflikteskalation ist in dieser Phase am höchsten. Ein Beispiel dafür sind Proteste rund um die Unterbringung Geflüchteter in den Jahren 2015 und 2016.
Während der dritten Phase ebbt der Protest ab, ob nun aus Erfolg oder Frust. Die Konfliktlinien verlieren ihre Konturen, was an Dialogformaten, aber auch Gewöhnungseffekten und dem Ausbleiben negativer Konsequenzen durch das Phänomen, das Vorhaben oder die Gruppe liegt. Das Konfliktpotenzial nimmt spürbar ab, ist jedoch weiterhin höher als zu Beginn der Krise. Soziale Bewegungen haben sich entweder professionalisiert oder im Wesentlichen aufgelöst und auf Demonstrationen finden sich kaum mehr Teilnehmende ein. Ein Beispiel dafür sind die Occupy Wallstreet Proteste im Jahr 2011.
Verknüpft mit dem zeitlichen Ablauf sind drei dialogbezogene Stufen miteinzubeziehen. Hier ist zu berücksichtigen, dass Dialogformate jeweils singulär modelliert sind, also davon ausgegangen wird, dass nur ein Dialogversuch unternommen wird bzw. nur ein Dialogformat Verwendung findet. Zwar werden empirische Untersuchungen mehrerer verschiedener Dialogformate nicht ausgeschlossen, Interaktionseffekte zwischen Dialogformaten können allerdings nicht bestimmt werden. Die Dialoganforderungen sind dabei unter Berücksichtigung des Krisenverlaufs festzulegen, jeweils mit der normativen Absicht einer Reduktion des Konfliktpotenzials.
Präventionsstufe: Vor allem während des Konfliktaufbaus besteht die Möglichkeit der Prävention einer Kriseneskalation. Auf dieser Präventionsstufe können offene Formate die Chance geben, frühzeitig zu Lösungen zu kommen, welche für alle Beteiligten akzeptabel erscheinen. Die Herausforderung besteht darin, dass der Konflikt frühzeitig erkannt wird und die relevanten Gruppen beteiligt werden, damit es zu nachhaltigen Lösungen kommen kann. Sollte eine der Bedingungen verletzt sein, kann es zur Verschärfung der Krise kommen. Zudem können Dialoge auch dazu führen, dass sich bislang untereinander wenig bekannte Protestgruppierungen oder Einzelpersonen mit kompatiblen Interessen vernetzen und so den Konflikt mitunter verschärfen.
Konfliktstufe: Während des Konfliktauf- und des Konfliktabbaus ist das Konfliktpotenzial erhöht und Dialogformate können keine solch offene Form mehr annehmen wie auf der Präventionsstufe, um konfliktberuhigend zu wirken. Vielmehr geht es nun um die Moderation von Interessen und das Erschließen neuer Perspektiven für die Erarbeitungen eines friedlichen Miteinanders. Hier stellt sich, je nach Konfliktkonstellation, die Frage, inwieweit soziale Bewegungen und sehr aktive Einzelpersonen mit einzubeziehen sind.
Eskalationsstufe: Während des Konfliktzenits ist das Krisenpotenzial besonders hoch und Dialogformate müssen eine aktiv-vermittelnde Rolle einnehmen, um eine Konfliktberuhigung zu erreichen. Dabei ist es notwendig, auch die sozialen Bewegungen und aktiven Einzelpersonen mit in den Dialog einzubeziehen, solange sie sich an der freiheitlich demokratischen Grundordnung orientieren. Das umfasst auch die Vor- und Nachbereitung von Dialogveranstaltungen. Hier muss besonders auf Transparenz geachtet werden, damit keine der Konfliktparteien eine Benachteiligung konstatieren kann. Vor allem auf dieser Stufe besteht das Risiko einer endgültige Konflikteskalation.
Während in der idealtypischen Krise von einem Rückgang des Konfliktpotenzials ausgegangen wird, beschreibt die Dauerkrise eine Stabilisierung des Konfliktes durch Dialog, ohne jedoch den Konfliktzenit zu erreichen. Dieser Krisentyp kann in Konfliktsituationen auftreten, in denen zwar eine Dialogbereitschaft besteht, aber keine realistische Lösung erarbeitet werden kann. In Kapitel 6 wird dies anhand der räumlich konzentrierten und armutsgeprägten Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien in die Dortmunder Nordstadt untersucht, die als krisenhaft wahrgenommen wird (Kap. 6).
Der Verlauf einer Dauerkrise gleicht im Konfliktverlauf dem der idealtypischen Krise und es stellen sich auch die gleichen Dialoganforderungen. Allerdings besteht das Problem, dass keine realistischen Lösungsoptionen angeboten werden können, sodass zwar Wissen und Verständnis über den Krisengegenstand erzeugt werden können, es aber nicht möglich ist, die als krisenhaft erlebte Situation aufzulösen.
Bei solchen Konstellationen ist es notwendig, vermittelnde Instanzen, wie z. B. Soziale Arbeit, miteinzubeziehen, um das Konfliktpotenzial zu moderieren und damit den Eintritt in die Eskalationsphase zu vermeiden. Dialog wird demnach zu einer Daueraufgabe. Allerdings verbleibt das Konfliktpotenzial trotz Dialog immerzu auf relativ hohem Niveau, wie Abbildung 5 zeigt. Eine Dauerkrise ist mit dem Einsatz von Dialogformaten (Kap. 4) kaum zu beenden, da es Randbedingungen bedarf, die überörtlich bestimmt werden. Das können z. B. gesetzliche Regelungen oder finanzielle Ressourcen sein. Umgekehrt kann es zu Gewöhnungseffekten oder Verhaltensänderungen kommen, welche das Konfliktpotenzial langfristig reduzieren. Dies kann allerdings kaum mit formalen Dialogformaten erreicht werden und ist eher die konfliktberuhigende Kraft der alltäglichen Begegnungen. Während der Dauerkrise ist auch nicht von einem erhöhten (nachbarschaftlichen) Zusammenhalt auszugehen, da es eher zum Rückzug aufgrund von Resignation und Ohnmachtserfahrungen kommt (Putnam 2000). Daher braucht es neben phänomenbezogenen Dialogveranstaltungen und einem Gemeinwesen, das in der Lage ist, eine Dauerkrise zu durchleben, auch die besondere Förderung des sozialen Miteinanders. Diese Bedingungen stellen die Kommunen vor eine große Herausforderung bezüglich der Krisenbewältigung und der Stabilisierung des lokalen Gemeinwesens.
Abb. 5: Die Dauerkrise (eigene Darstellung)
Der Krisenverlauf der Reeskalation beschreibt die Eskalation eines Konfliktes z. B. gerade wegen eines Dialogversuchs. Während in der idealtypischen Krise der Dialog eine konfliktreduzierende Wirkung entfaltet, ist es bei der Reeskalation überraschenderweise der umgekehrte Effekt (Abb. 6). So kann dieser auftreten, wenn es während des Konfliktzenits zu einer autoritären und selbsterhebenden Gesprächsverweigerung von Seiten einer Konfliktpartei kommt oder frühzeitig eine Kompromisslosigkeit signalisiert wird. Setzt der Dialog zu spät ein oder werden die falschen Dialogformate eingesetzt, so besteht das Risiko, dass die Krise immer weiter bis zum Krisenzenit eskaliert wird. Reeskalation wurde als Bezeichnung dieses Krisenverlaufs gewählt, da er eine nochmalige Steigerung des Konfliktes, im Vergleich zum Konfliktzenit einer idealtypischen Krise, aufweist. In Kapitel 5 wird dieser Krisenverlaufstyp am Beispiel einer Dialogveranstaltung zur Unterbringung von Geflüchteten und einem Bürgerdialog der Partei Alternative für Deutschland untersucht (Kap. 5).
Ebenso wie bei der Dauerkrise gleicht der Krisenverlauf der Reeskalation zu Beginn dem der idealtypischen Krise. Allerdings wird hier der vorläufige Konfliktzenit erreicht und das Konfliktpotenzial nimmt durch eine weitere Eskalation noch einmal zu, was eine Verschärfung der Situation bedeutet. Die Erklärung für dieses Phänomen ist folgende: Es schwelt ein Konflikt, der an Intensität langsam zunimmt. Um diesen zu beruhigen, lädt man alle Konfliktparteien zu einer Dialogveranstaltung ein, bei der der Konflikt nach Möglichkeit beigelegt werden soll. Allerdings treffen nun beide Konfliktparteien, die sich vorher möglicherweise aus dem Weg gegangen sind und nur indirekt miteinander kommuniziert haben, direkt aufeinander, was deren gegenseitige Abneigung weiter verstärkt. Durch emotionale Überschlagshandlungen werden weitere bisher unangesprochene Konflikte »scharf« gestellt und die Konfliktintensität steigert sich massiv. Der Dialog hat das Gegenteil von dem erreicht, was er eigentlich bezwecken sollte, und es kommt zu einer »jetzt erst recht«-Stimmung auf beiden Seiten, die zu einer offenen Feindschaft aller Parteien führt. An dieser Stelle verstetigt sich der Protest und es treten verstärkt soziale Bewegungen und organisierte Protestgruppen auf, die sich auch überregional organisieren. Direkter Dialog zwischen den Konfliktparteien ist kaum mehr möglich und neue Formate sind eher vermittelnder und indirekter Natur, um überhaupt wieder eine gemeinsame Basis zu schaffen.
Abb. 6: Die Reeskalation (eigene Darstellung)
Bei der Reeskalation kommt Dialog an seine Grenzen, vor allem, wenn die Reeskalation erst aufgrund eines gescheiterten Dialogversuchs auftritt. Zudem geht mit diesem Krisenverlaufstyp das Risiko der gewaltsamen Konfliktaustragung einher, wodurch eine grundlegende Vorbedingung von Dialog verletzt wird. In diesem Falle sind neben den Konfliktparteien auch Sicherheitsbehörden am Prozess beteiligt, was eine Versöhnung noch weiter erschweren kann. Weiterhin sind der Organisationsgrad und die damit einhergehende Selbstreferentialität und Immunisierung gegenüber Argumenten anderer Konfliktparteien bei einer Reeskalation am höchsten. Eine Konfliktlösung überfordert damit zumeist lokale Akteur*innen und sollte daher auf verschiedenen politischen Ebenen zugleich und mit professioneller Unterstützung von außen gefunden werden.3
Anders als bei der Dauerkrise oder der Reeskalation ist beim Typ der strukturell eskalierten Krise ein Dialog bislang ausgeblieben und findet, wenn überhaupt, nur noch indirekt über Medien oder digitale Kanäle statt. Dabei besteht keine Gespräch- oder Kompromissbereitschaft mehr, sodass sowohl auf Gerichtsverfahren als auch auf Demonstrationen und gegenseitige Verunglimpfung zurückgegriffen wird. Bei strukturell eskalierten Krisen treten auch Protestbündnisse oder Instrumente der gezielten Benachteiligung auf, z. B. durch gezielte Kündigungen eines Arbeitsverhältnisses. Im extremen Fall kann es zu Gewalt kommen.
Bei der schematischen Modellierung der strukturell eskalierten Krise (Abb. 7) ist von einem stetigen Anstieg der Konfliktintensität auf einem insgesamt hohen Niveau auszugehen. Ein Konfliktzenit ist nicht abzuleiten, sondern es ist eine andauernde Spirale der Konfliktintensität, die die Dialogbereitschaft bei allen Beteiligten deutlich limitiert. Eine strukturell eskalierte Krise kann dabei kaum mehr durch Dialog beruhigt werden. Viel mehr braucht es eine von allen Seiten akzeptierte Instanz, die strukturelle und glaubhafte Entscheidungen trifft, welche auch sicher und transparent nachprüfbar umgesetzt werden. Bleiben diese aus, sind sie nicht weitreichend genug oder wird die Legitimation von einer Seite nicht in ausreichendem Maße anerkannt, findet eine Konfliktberuhigung nicht statt. In Kapitel 7 wird dieser Krisenverlaufstyp am Beispiel der Situation im rheinischen Braunkohlegebiet untersucht, bei dem die Hauptakteure, das Unternehmen RWE auf der einen Seite und die verschiedenen Klima- und Bürgerprotestgruppen auf der anderen Seite, kaum miteinander reden und so zur Verschärfung des Konfliktes beitragen (Kap. 7).
Abb. 7: Die strukturell eskalierte Krise (eigene Darstellung)
2 Die idealtypische Krise wurde bereits in Kurtenbach/Döring 2019 ausführlich beschrieben und empirisch untersucht. Daher wird eine Studie zur idealtypischen Krise hier nicht weiter vorgestellt.
3 Die Dialogreihe »Bautzen wir müssen reden«, die in Kooperation zwischen der Stadt Bautzen, der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und dem Projekt »Krisen-Dialog-Zukunft« am Institut für Politikwissenschaft der TU Dresden stattfand, ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Konflikt eskalieren und mit viel Aufwand wieder beruhigt werden kann. (https://www.youtube.com/watch?v=msjYev0ulN8 aufgerufen am 22.01.2020).
Ein Dialog ist ein vielschichtiger Prozess, der über die typische Vorstellung eines Gesprächs oder eines Gedankenaustausches weit hinausgeht, da in ihm eine umfassende Bandbreite menschlicher Erfahrungen, tiefsitzender Wertvorstellungen, intensiver Emotionen und Denkmuster verwurzelt ist (Bohm 2008: 8). Er kann von einer beliebigen Anzahl von Personen geführt werden, die sich freiwillig an einem Ort versammeln, um über ein vorher festgelegtes Thema zu diskutieren. Je häufiger sich die gleiche Gruppe zum Dialog trifft, um so weniger spielen gesellschaftliche Konventionen eine Rolle und subkulturelle Unterschiede und gegensätzliche Wertvorstellungen gewinnen immer mehr an Gewicht und führen zu Reibungspunkten unter den Teilnehmenden (Döring/Kurtenbach 2019: 61).
Luhmann (1971) hingegen sieht eine weitgehende Neutralisierung vorgegebener Statusdifferenzen der Dialogeilnehmenden im Diskussionssystem als gegeben an – sofern die Gesellschaft zu hohen Umstellungs- und Anpassungsmaßnahmen bereit ist. Für ihn ist Diskussion daher ein soziales System (Luhmann 1971: 331), dessen Leitdifferenz den Kommunikationsverlauf nach Themen und Beiträgen strukturiert (Kühn/Koschel 2011). Die Aufmerksamkeit wird auf ein Thema zentriert, das durch kommunikative Prozesse in Bewegung gehalten werden muss. Die bzw. der Diskussionsleiter*in sorgt dafür, dass das Thema auch im weiteren Diskussionsverlauf im Fokus der Kommunikation bleibt (Luhmann 1971: 334) und nicht in Einzelgespräche ohne übergreifenden Zusammenhang ausufert (Kühn/Koschel 2011). Luhmann gibt außerdem zu bedenken, dass es mit fortlaufender Diskussion immer schwieriger wird, die Themen in Bezug auf Zahl, Varietät und Interdependenz einzelner Aspekte aufgrund der zunehmenden Komplexität sinnvoll einzugrenzen (Luhmann 1971: 336 ff.). Dabei ist jedes Diskussionssystem zeitlich limitiert und mit wachsender Komplexität sind die verfügbaren Kapazitäten schon nach wenigen Stunden erschöpft und die beteiligten Personen ermüden (Kühn/Koschel 2011).
Nichol (1995: 23) sieht in einem Dialog »stets ein Prüffeld für die Grenzen von Annahmen und Wissen, [das] uns die Möglichkeit einer völlig neuen Ordnung der Kommunikation und der Beziehung zu uns selbst, unseren Mitmenschen und der Welt, die wir bewohnen« ermöglicht. Dabei gibt es nach Harnack et al. (1977: 25 ff.) vier individuelle Funktionen von Dialog: 1. Sozial, 2. kathartisch, 3. therapeutisch und 4. zum Lernen geeignet. Neben der sozialen Funktion, bei der das Individuum mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft interagiert, kommen vor allem der kathartischen und der therapeutischen Funktion besondere Aufmerksamkeit zu, da sie dem Individuum erlauben, Spannungen, Ängste, Befürchtungen und persönliches Missfallen zu äußern und »Dampf abzulassen« (»blow off steam«). Auch wenn es keine Garantie dafür gibt, dass diese Diskussionen ein Ergebnis hervorbringen, kann die bloße Äußerung von persönlichen Gefühlen, Einstellungen und die Erklärung individuellen Verhaltens dazu führen, dass in der Folge in einen Prozess des kollektiven Problemlösens eingestiegen wird. Die Einladung an die Beteiligten, ihrem »Ärger Luft zu machen« (»get it off your chest«), muss als Chance begriffen und darf nicht leichtfertig vergeben werden, da nur ein vorher ausgesprochenes Problem später auch gelöst werden kann (ebd. 1977: 26). Vor allem Stakeholder*innen4-Dialoge bieten die Möglichkeit, auf die kollektive Intelligenz der Mitmenschen zurückzugreifen, welche Raum für Innovation, Ideenreichtum, Pragmatismus, Integration und gemeinsam umgesetzte Initiativen bietet, um so das gesellschaftliche System nachhaltiger zu gestalten und konkrete Lösungen hervorzubringen (Künkel et al. 2016). Nach Walsh (2006) liefert die Erzähltheorie einen Ansatz, bei dem sich basierend auf der eingenommenen Perspektive die teilnehmenden Menschen eines Dialoges annähern und schließlich in der Lage sind, neue ermächtigende Narrative zu entwickeln. Es ergibt sich ein offenes Lernfeld, bei dem Innovation und Fortschritt aus der Unterschiedlichkeit der Ideen erwächst (Künkel et al. 2016). Durch die Diskussion wird in kurzer Zeit eine ad hoc-Übersicht bezüglich existenter Einstellungsmuster der Stakeholder*innen zu den verschiedenen Themenkomplexen gegeben. Dabei obliegt es der oder dem Diskussionsleiter*in, die unterschiedlich langen Redeanteile der beteiligten Diskutierenden zu ordnen, damit nicht den Beiträgen von Vielredner*innen ein höherer Wahrheitsgehalt zugeschrieben wird (Kühn/Koschel 2011). Demnach nehmen die Diskutant*innen quasi an einem Sozialexperiment teil,
»das durch hohe Spontanität, Kreativität, Prozessualität, Selbstreferentialität gekennzeichnet ist. Wenn diskutiert wird, geschieht Gesellschaft in actu. Es ist nicht die statische Ermittlung virtuellen Wissens, sondern die dynamische Beobachtung realer Kommunikation« (ebd. 2011: VI).
Dialog setzt von allen Parteien ein hohes Maß an Dialogkompetenz voraus, was bedeutet, dass die Bereitschaft besteht, das Gespräch mit der gegnerischen Fraktion aktiv zu suchen. Wenn unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen, kommt es in der Praxis allerdings nicht selten zu Sprachlosigkeit und Feindschaft (Bolle-Behler 2015). Im weiteren Verlauf führt dies zur Festlegung von Grenzen zwischen den gegnerischen Fraktionen,
»die bei jedem Aufeinandertreffen erneut gezogen, modifiziert oder verfestigt [werden], indem die Kontrahent*innen sich jeweils von ihrer Seite aus und in ihrem Sinne von der anderen Seite abgrenzen und unterscheiden. […] Stoßen jedoch verschiedene Denkordnungen aufeinander, werden aus sachlichen Konflikten und Gegnerschaften schnell Feindschaften, die auf den Anderen selbst zielen. […] Der Gegner wird zum Feind, indem wir nicht mehr nur nein zu dem sagen, was der Andere sagt und tut, sondern zu ihm selbst nein sagen« (Bolle-Behler 2015: 2).
Besonders bei Dauerkrisen kann ein öffentlicher Bürger*innendialog wie ein Katalysator wirken, der einen labilen Burgfrieden beendet und eine Krise erst zur Eskalation führt. Werden die unterschiedlichen Konfliktparteien, die sich bisher mit ihren gegensätzlichen Positionen arrangiert haben, durch provokante Dialogformate gereizt, kann der Konflikt umso intensiver ausbrechen (Hetze 2020: 155). Ein sinnvoller Dialog sollte deshalb darauf gründen, dass auch das eigene Denken stets reflektiert wird und man den Argumenten der Gegenseite folgt und sie als gleichberechtigtes Denken akzeptiert. Dialog erfordert die Bereitschaft und den Mut, sich offen auf ein Gespräch über die Grenzen des eigenen Verständnisses hinweg einzulassen (Bolle-Behler 2015). Die in den Planungsprozess involvierten politischen Entscheidungsträger*innen, betroffenen Bürger*innen und Interessengruppen benötigen dabei große Gelassenheit, eine gute Fähigkeit der Selbstreflexion und vor allem Courage (Renner/Küppers 2017: 8). Damit wird Dialog als ein Ort verstanden, der die Möglichkeit bietet, Konflikten und Differenzen offen zu begegnen und gemeinsam neue Antworten zu finden. Bei einem solchen streitbaren Dialog geht es daher nicht um Konsens, sondern um neue Erkenntnisse und um innovative Denkanstöße für eine sich ändernde Praxis. Die Teilnehmenden des Dialogs begegnen sich auf Augenhöhe und respektieren die Gegenseite, was bedeutet, dass den Anderen höflich begegnet und ihnen zugehört wird, sie ausreden gelassen werden und man sich selbst im Sprechen kurzfasst (ebd. 2015).
Problematisch sind dabei offene,das heißt relativ unmoderierte und thematisch eher oberflächliche Dialogformate, da sie anfällig für demokratiegefährdende Botschaften sind (Glorius et al. 2018). Ohne starke Moderation kann so ein Dialog schnell »entgleiten« und sich in seiner Dynamik aufschaukeln mit nicht intendierten Folgen.5 Dabei verläuft die Grenzfindung zwischen den Dialogpartner*innen entlang formatbezogenen, thematischen und in letzter Konsequenz gesetzlichen Regelungen, während dies weit weniger klar definiert ist, wenn auf die Wirkung von Dialog abgezielt wird, da auch diese Grenzen hat (Kurtenbach 2019). Demnach ist Dialog
»in erster Linie ein Prozess der kommunikativen Meinungsbildung, des Austausches und streng genommen die Kenntnisnahme einer teils anderen Perspektive und Bewertung zu einem geteilten Interessengegenstand. Dass damit Meinungen oder Einstellungen verändert werden, ist nicht garantiert. Damit ist die Rolle von Dialog in solch krisenhaften Zuständen ambivalent« (Kurtenbach 2019: 193).
Dialog kann einerseits ein Mittel zur Krisenintervention sein, um Eskalationsspiralen zu unterbrechen (Döring/Kurtenbach 2019), und andererseits dazu beitragen, denjenigen Öffentlichkeit zu verschaffen, welche die Grenzen des Sagbaren und in der
