Gespenster-Krimi 193 - Philippe Pascal - E-Book

Gespenster-Krimi 193 E-Book

Philippe Pascal

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Beschreibung

Paris 1793: Comte Jérôme Moureau wartet im Kerker auf sein grausames Ende - als plötzlich ein Dämon in seiner Zelle erscheint. Astaroth bietet ihm die Rettung vor der Guillotine. Dafür aber muss Moureau einen blasphemischen Auftrag ausführen, der das Schicksal der Welt ins Wanken bringen könnte. Getrieben von Gier und Hochmut und beladen mit einem Pakt, den kein Sterblicher ungestraft bricht, macht sich Moureau auf den Weg durch ein kriegsverheertes Land und erreicht schließlich Sainte-Chapelle, wo er das Tor zur Hölle aufstoßen soll! Nur der jungen, hübschen Florence kommt der Verdacht, dass der charmante Fremde, den das Dorf aufgenommen hat, womöglich den Untergang bringen wird ...

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Rückkehr vom Schafott

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Rückkehrvom Schafott

von Philippe Pascal

Der Paris, Herbst 1793

Knarrend schwang die Zellentür zu. Der Schlüssel knirschte im Schloss, und für einen Moment fiel der Schein einer Fackel durch die Sichtluke der Eichenholztür ins Innere des Verlieses. Der rötliche Schein erlosch, das Geräusch sich entfernender Schritte setzte ein und verhallte in den Gängen des Gefängnisses. Stille und Dunkelheit senkten sich auf die Zelle, in der der ehemalige Comte de Moreau nun, da man seinen letzten Mitgefangenen zur Hinrichtung führte, allein war.

Allein mit seinen quälerischen Gedanken – und allein mit seiner Furcht vor dem Fallbeil der Revolution, das auch sein Leben schon bald beenden sollte ...

Allmählich gewöhnten sich die Augen des Comte wieder an die Dunkelheit, und seine Umgebung nahm deutlichere Konturen an. Viel zu sehen gab es in dieser Umgebung aber sowieso nicht.

Ein schmales Gewölbe mit Längsausrichtung, dessen Boden mit Strohschütten bedeckt war, und eine Einrichtung, die sich auf eine mit Ketten an der rechten Wand verankerte Holzpritsche und einen Fäkalieneimer beschränkte – dieses Bild bot sich dem Gefangenen seit Tagen.

Die einzige Verbindung zur Außenwelt bestand in dem kleinen, vergitterten Fenster an der Rückseite des Verlieses, durch das selbst bei strahlendem Sonnenschein nur wenig Licht fiel.

Aber strahlenden Sonnenschein gab es jetzt, Mitte Oktober, sowieso nicht mehr. Die meiste Zeit bedeckte eine graue Wolkendecke den Himmel über Paris, und über der Conciergerie, dem berüchtigten Gefängnis für Feinde der Revolution, schienen die düsteren Wolken noch tiefer zu hängen. Wenn im Freien so wie jetzt die Abenddämmerung anbrach, nistete in den Zellen bereits die Dunkelheit.

Der Stille, die nach der Wegführung des letzten Mitgefangenen in dem Gewölbe lastete, haftete etwas Beklemmendes an. Sein Gesprächspartner hatte dem Comte zumindest etwas Abwechslung beschert. Jetzt hingegen gab es niemanden mehr, mit dem er sich austauschen konnte, keiner lenkte ihn von seinen grüblerischen Gedanken ab.

Beim Öffnen der Kerkertür vorhin hatte er kurz gehofft, man würde auch ihn zur Guillotine führen, damit das qualvolle Warten auf den Tod ein Ende fände, aber diese Hoffnung hatte sich nicht erfüllt. Nun war er nicht nur ein Gefangener der Revolution, sondern auch ein Gefangener der Einsamkeit – wenn auch vermutlich nicht sehr lange. Wahrscheinlich würde man ihn am nächsten Morgen aus seiner Zelle holen.

Jérôme Moreau war ein stattlicher Mann Anfang vierzig mit grobschlächtigen Gesichtszügen, in denen ein Leben voller Ausschweifungen seine unauslöschlichen Spuren hinterlassen hatte. Jetzt aber wirkten diese Züge ausgezehrt, und das schwarze, im Nacken zusammengebundene Haar zeigte erste graue Strähnen.

Die Augen unter den buschigen Brauen lagen tief in den Höhlen, scharfe Falten kerbten die Mundwinkel um die wulstigen Lippen. Seine hochgewachsene Gestalt steckte in einem zerknitterten Gehrock, den er über dem zerrissenen, vor der Brust offenen Rüschenhemd trug, abgewetzten seidenen Kniebundhosen und schmutzigen Strümpfen. Die Schnallenschuhe an seinen Füßen waren ausgetreten und löchrig.

Wie er so mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf auf der Holzpritsche saß, die Unterarme auf den Knien liegend, war er nur noch ein Schatten seiner selbst, ein Zerrbild der stolzen Erscheinung, die er einst abgegeben hatte.

Noch vor wenigen Tagen war der Comte de Moreau, der nach den neuen Gesetzen schlicht der »Bürger« Moreau war, ein freier Mann gewesen. Ein freier, aber kein vermögender Mann mehr.

Die Abschaffung der Steuerfreiheit des Adels hatte auch die Finanzen des Comte empfindlich geschmälert. Und durch die Aufhebung des Feudalwesens waren ehemals Leibeigene zu freien Bauern geworden, die keine Zwangsabgaben mehr an ihren Grundherren entrichten mussten.

Damit nicht genug, hatte die wütende Landbevölkerung sein Château gestürmt, um alle Urkunden zu vernichten, in denen seine Adelsprivilegien verzeichnet waren. Dreschflegel, Heugabeln und Sicheln hatten furchtbar gewütet, ehe das Schloss ein Raub der Flammen geworden war, die die Nacht wie ein Fanal der neuen Zeit taghell erleuchtet hatten.

Ihn selbst hatten diese Flammen der Dunkelheit entrissen, als er halb besinnungslos und blutüberströmt im parkähnlichen Garten seines Châteaus gelegen hatte – niedergestreckt von den Faustschlägen und Fußtritten einer enthemmten Masse, die sich wie trunken an ihrem Zerstörungswerk ergötzte.

Der nächste Morgen hatte ihn vor der Kulisse rußgeschwärzter Mauern, zertrümmerter Möbel und zerschlagener Fensterscheiben gefunden, achtlos zurückgelassen von seinen ehemaligen Kammerdienern und Zofen.

Aber warum hätte sich dieses undankbare Pack auch um ihn kümmern sollen, nachdem es am Vortag an der Zerstörung seines Eigentums begeistert mitgewirkt hatte?

Beraubt an Rechten und Vermögen, war dem Comte nichts anderes übrig geblieben, als in eine heruntergekommene Unterkunft in der Pariser Vorstadt zu ziehen – eine Gegend, die hauptsächlich von Handwerkern und kleinen Ladenbesitzern bewohnt wurde. Diese überzeugtesten Anhänger der Revolution witterten überall Verrat und zögerten nicht, jeden beim Revolutionstribunal anzuzeigen, der sich in ihren Augen irgendwie verdächtig machte.

Keine günstigen Voraussetzungen für einen Mann wie Jérôme Moreau, der ein aufbrausendes Temperament besaß und sein Herz auf der Zunge trug – noch dazu, wenn dieses Herz nicht für die Revolution schlug, sondern für die alten Verhältnisse, weil ihm diese beträchtliche Vorteile beschert hatten.

Vor knapp einer Woche war sein Temperament wieder einmal mit ihm durchgegangen. Der Comte hatte sich in einer Menschenschlange vor einer Metzgerei die Beine in den Bauch gestanden, um etwas Fleisch zu erwerben. Als er endlich an der Reihe gewesen war, hatte man ihm jedoch die Tür vor der Nase zugeschlagen mit dem Hinweis, dass es heute nichts mehr gebe und er morgen wiederkommen solle.

»Das habt ihr jetzt von eurer Revolution!«, hatte er wutentbrannt gebrüllt. »Habt ihr euch dafür die Republik erkämpft? Hungern musstet ihr unter den Königen auch schon!«

Am nächsten Tag war er nicht vor der verschlossenen Tür einer Metzgerei gestanden, sondern vor dem Richterpult des Revolutionstribunals, das schon nach kurzer Verhandlung sein Urteil gefällt hatte: Tod durch das Fallbeil!

Die Tragweite der richterlichen Entscheidung war erst nach Sekunden in sein Bewusstsein gesickert und hatte ihm kurzzeitig die Sprache verschlagen, dann aber war die Empörung förmlich aus ihm herausgebrochen.

Jérôme Moreau hatte den Richter beschimpft und die Revolution verflucht, aber es war ein sinnloses Aufbegehren gegen ein unabwendbares Schicksal gewesen.

Jetzt trennten ihn nur noch Stunden vom Schafott, schon morgen würde er Bekanntschaft mit dem ›Rasiermesser der Nation‹ machen, wie die Guillotine auch halb spöttisch, halb ehrfurchtsvoll genannt wurde ...

Die bloße Vorstellung versetzte Jérôme Moreau plötzlich in Panik. Trotz des kühlen Oktoberabends drang ihm der Schweiß aus allen Poren. Schon glaubte er, das kalte Metall des Fallbeils in seinem Nacken zu spüren.

»Nein!«, schrie der Comte und sprang von der Holzpritsche hoch.

Er wollte nicht sterben, er wollte leben, egal, ob in einer Monarchie, einer Republik oder einem Märchenland.

Die Royalisten konnten ihm genauso den Buckel runterrutschen wie die Revolutionäre, er wollte einfach weiterhin all das genießen, was ihm das Leben so lange geboten hatte ...

Damals, in einer stürmischen Herbstnacht, war er mit einigen anderen Adeligen zu Besuch bei einem Freund gewesen. Man hatte ausgiebig dem Rotwein zugesprochen und sich amüsiert, und als zu fortgeschrittener Stunde der Alkohol bereits deutliche Wirkung zeigte, hatte sich sein Freund damit gebrüstet, ein besonderes Buch erworben zu haben, das Anweisungen zur Beschwörung von Dämonen enthielt.

Natürlich hatte niemand ernsthaft an diesen Unsinn geglaubt, schließlich schrieb man das Zeitalter der Aufklärung, und die Wissenschaft verdrängte den Aberglauben. Aber als willkommene Abwechslung kam ihnen ein solcher Hokuspokus gerade recht, und so hatten sie sich lachend einen Dämon namens Astaroth ausgesucht und waren den Anweisungen gefolgt, die das Buch zu seiner Beschwörung angab.

Ein auf den Boden gemaltes Pentagramm innerhalb eines Kreises, der von Kerzen beleuchtet wurde, sowie einige magische Symbole sollten Schutz vor dem Dämon gewähren, damit er den, der ihn rief, nicht gleich mit in die Hölle nahm. Außerdem musste eine Beschwörungsformel gesprochen werden.

Das Ganze war ein Reinfall sondergleichen geworden. Bedingt durch den übermäßigen Alkoholgenuss erinnerten die über den Boden gezogenen Kreidestriche nur entfernt an ein Pentagramm, beim Entzünden der Kerzen hätte beinahe ein Vorhang Feuer gefangen, und die wankenden, lallenden Männer im Zentrum des fünfzackigen Sterns hatten mehr wie Komödianten denn wie ernsthafte Dämonenbeschwörer gewirkt.

Damals war die Angelegenheit nur ein Spaß gewesen, aber heute, den Tod unter der Guillotine vor Augen, sah der Comte die Dinge anders.

Falls es tatsächlich Dämonen gab, die man herbeirufen konnte, um mit ihnen einen Pakt zu schließen – müsste ein solcher Dämon dann nicht auch in der Lage sein, ihn vor dem Fallbeil zu retten?

Dass die Beschwörung damals nicht geklappt hatte, war kein Wunder, schließlich hatte keiner der Männer sie ernsthaft betrieben. Wenn er sich jetzt hingegen voll auf die Anrufung konzentrierte, konnte es vielleicht gelingen. Zwar besaß er nichts, womit er ein Pentagramm zeichnen konnte, und auch die Beschwörungsformel war ihm nicht im Gedächtnis haften geblieben; lediglich den Namen des Dämons hatte er sich gemerkt.

Dafür brachte er jetzt die feste Absicht auf, Astaroth tatsächlich herbeizurufen, immerhin ging es um Jérôme Moreaus Leben ...

Bei der Vorstellung hellten sich seine Züge unwillkürlich wieder auf – um kurz darauf zu erstarren.

Ohne Pentagramm war er dem Dämon schutzlos ausgeliefert. Der fünfzackige Stern, so hatte es zumindest in dem Buch gestanden, markierte einen Bereich, den der Höllenbote nicht überschreiten konnte.

Wenn er keine Beschwörung vornahm, würde er unter der Guillotine sterben. Gelang es ihm hingegen, den Dämon herbeizurufen, gab es immer noch zwei Möglichkeiten: Astaroth würde ihn töten – oder er würde tatsächlich einen Pakt mit ihm schließen. Was hatte Jérôme Moreau also zu verlieren?

Und so kam es im Oktober 1793 in einer Zelle der Conciergerie zu einem Vorfall, der bestenfalls ins finstere Mittelalter gepasst hätte, nicht aber ins Zeitalter der Aufklärung und der Vernunft.

Der Entschluss zur Beschwörung des Dämons war kaum gefallen, da machte sich der Comte schon an die Vorbereitungen.

Er schob zunächst die Strohschütten beiseite, sodass am Boden der Zelle eine annähernd kreisförmige, freie Fläche entstand. Wenn er auch keine Kreide hatte, um ein Pentagramm zu zeichnen, so wollte er für die Herbeirufung doch einen abgegrenzten Bereich schaffen.

Dann ließ er sich im Zentrum der Fläche auf die Knien nieder, das Gesicht dem Fenster an der Rückseite des Raumes zugewandt, das sich als helleres Viereck von der Schwärze des Gemäuers abhob.

Inzwischen war die Nacht angebrochen, im Freien hing die Dunkelheit wie ein schwarzer Vorhang. Am Himmel funkelten frostig die ersten Sterne.

Jérôme Moreau streckte seine Arme empor, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen, ehe er sich voll auf die Anrufung des Dämons konzentrierte und seine Stimme erhob.

»Astaroth, mächtiger Dämon, erhöre mich! Ich, Jérôme Moreau, rufe dich! Erscheine, Astaroth, und höre, was ich dir zu sagen habe!«

Der Comte verstummte, Stille erfüllte die Zelle. Jérôme Moreau wartete ab, was nun geschehen würde, aber sein Warten war vergeblich. Niemand sprach zu ihm, kein fremdartiges Geräusch drang an seine Ohren. Nicht einmal irgendeine besondere Stimmung konnte der Gefangene spüren.

Jérôme Moreau stieß ein Seufzen aus, ließ die Arme sinken und öffnete die Augen. Die Beschwörung hatte nicht geklappt, die Wände der bis auf ihn leeren Zelle schienen ihn höhnisch anzustarren.

Aufgeben wollte er deswegen aber noch lange nicht. Vielleicht hatte er seinen Worten ja zu wenig Überzeugung verliehen ...

Der Comte nahm nun wieder seine vorherige Pose ein und schloss abermals die Augen, im nächsten Moment strömten die voller Inbrunst vorgetragenen Worte über seine Lippen.

»O Astaroth, mächtiger Dämon, erhöre mein Flehen! Erhöre die Bitte deines unterwürfigen Dieners, der sein Leben lang im Sinn des Bösen gehandelt hat! Ich habe alle nur erdenklichen Ausschweifungen genossen, Gott gelästert und meine Mitmenschen beleidigt, und bis heute bereue ich nichts davon. Stets war mir nur mein eigenes Wohlergehen wichtig, nicht aber das meiner Untergebenen. Meine Seele ist so schwarz wie diese Nacht, in der ich dich um deine Hilfe bitte! Erscheine mir, Astaroth, erscheine!«

Je länger der Comte gesprochen hatte, desto verzerrter waren seine Gesichtszüge geworden, und nun, da seine Beschwörung beendet war, glich dieses Gesicht einer Maske der Ekstase. Er senkte langsam die Arme und öffnete neugierig wieder die Augen. Was würde ihn erwarten?

Jähe Spannung ballte sich im Zentrum der Zelle – und wurde einen Herzschlag später von einem Windstoß hinweggefegt, der heulend um das Gefängnis fuhr und einzelne welke Blätter durch das vergitterte Fenster in das Verlies wehte, wo sie umhertanzten wie winzige Hexen auf ihren Besen.

Jérôme Moreau zuckte instinktiv zusammen und stützte sich mit beiden Armen am Boden ab. Der Wind peitschte sein Gesicht, zerrte an seinen Kleidern und zerwühlte sein Haar, dann flaute er schlagartig wieder ab. Dafür setzte nun ein anderes Phänomen ein.

Kühl war es in der Zelle schon bisher gewesen, immerhin schrieb man eine Oktobernacht. Nun aber setzte plötzlich eine Kälte ein, sodass sich unter der Kleidung des Comte jäh eine Gänsehaut bildete.

Seine Zähne schlugen klappernd aufeinander, gefrierender Atem stand vor seinem Mund, während er schützend die Arme um den Oberkörper schlang, um sich wenigstens etwas zu wärmen. Dabei schien der abrupte Temperaturabfall nicht von draußen in den Raum zu dringen, sondern in Letzterem selbst seinen Ursprung zu haben.

Jérôme Moreau wähnte sich plötzlich nicht mehr in der Conciergerie, sondern am Eingang einer geöffneten Gruft, aus der ihm der eisige Hauch des Todes entgegenwehte.

Und ihn beschlich auf einmal ein eigenartiges Gefühl. Irgendjemand oder irgendetwas starrte ihn aus der Dunkelheit heraus an, der Comte meinte, die auf ihn gerichteten Blicke förmlich auf der Haut zu spüren.

Das Gefühl, beobachtet zu werden, wurde übermächtig in dem Comte, der nun eines ganz genau wusste: Er war nicht mehr allein in seiner Zelle!

Die Aufregung pulsierte in heißen Wellen durch Jérôme Moreaus Körper, das Herz schlug ihm bis zum Hals.

Aus der Dunkelheit leuchtete ihm ein rötliches Augenpaar mit schlitzförmigen Pupillen entgegen!

Die Augen gehörten zu einer Gestalt, die nur konturenhaft zu erkennen war, jedoch ein annähernd menschenähnliches Aussehen besaß, sah man einmal von den geschwungenen Ausbuchtungen in Höhe ihrer Schultern und den beiden Fortsätzen an ihrer Stirn ab.

Jérôme Moreau überwand seine Irritation mit einem würgenden Schlucken, dann richtete er seine zögerlichen Worte an die Erscheinung.

»Astaroth?«, fragte er unsicher, und der Umstand, dass er immer noch am Boden kauerte, verstärkte noch den Eindruck seiner Unterwürfigkeit. »Bist du es, der mein Flehen erhört hat und mir erschienen ist?«

»Nenne mir erst deinen Namen, bevor du es wagst, Fragen zu stellen!« Die Stimme des Dämons hallte wie Donnergrollen durch die Zelle und ließ den Comte jäh zusammenzucken.

Im nächsten Moment trat die Kreatur einen Schritt nach vorn, begleitet von einem hohlen Pochen. Gleichzeitig schälte sich ihre Gestalt im Bruchteil von Sekunden aus der Finsternis, als würde sie plötzlich vom hellsten Tageslicht erfasst, während um sie herum alles dunkel blieb.

Das Phänomen verschlug Jérôme Moreau den Atem, ermöglichte es ihm aber, seinen unheimlichen Besucher trotz der Düsternis der Zelle deutlich zu erkennen.

Das Wesen sah aus wie eine der Steinfiguren, die die Fassade der gotischen Kathedrale Notre-Dame zierten – eine Steinfigur, die zum Leben erwacht war und dabei ihre materielle Beschaffenheit verändert hatte.

Der Dämon besaß die Größe und die Proportionen eines erwachsenen Mannes, verfügte aber über eine rötliche, lederartige Haut, unter der sich ausgeprägte Muskelpartien abzeichneten. Die Finger seiner Klauen endeten in hornartigen, gekrümmten Krallen, anstelle von Füßen wies er gespaltene Hufe auf – der Grund für das eben ertönte eigenartige Pochen. Seinen Schultern entsprangen zwei fledermausartige Schwingen in der Länge seiner Arme, mit denen er nun einmal kräftig schlug, ehe er sie auf dem Rücken wieder zusammenfaltete. Um seine Hüften schlang sich ein Lendenschurz, seine markanten Gesichtszüge mit den hoch angesetzten Wangenknochen und der scharfrückigen Nase strahlten eine eigentümlich kalte Schönheit aus.

Die Augen, aus denen er den Gefangenen musterte, glichen jenen einer Schlange, die eng anliegenden Ohren liefen spitz aus. Aus seiner Stirn ragten zwei gewundene Hörner, ähnlich denen eines Stiers. Jede Pore des Dämons verströmte den Hauch von Heimtücke und Grausamkeit, gleichzeitig umgab ihn eine Aura des Stolzes und der Erhabenheit, die Jérôme Moreau auf eigentümliche Weise faszinierte.

»Mein Name ist Jérôme Moreau«, antwortete der Comte kleinlaut.

»Gut, Jérôme Moreau.« Der Dämon nickte, und seine Stimme klang nun schon etwas versöhnlicher. »Ja, ich bin Astaroth, und ich habe dein Flehen erhört, weil du mir ein durchaus interessanter Charakter zu sein scheinst.«

»Dann ... dann bist du also nicht gekommen, um mit mir zur Hölle zu fahren?«, erkundigte sich der Comte misstrauisch. So richtig traute er dem Dämon doch nicht über den Weg.

Astaroth legte irritiert die Stirn in Falten. »Warum sollte ich? Solange du auf Erden wandelst, bist du für mich weitaus wertvoller. Wir könnten hier durchaus mehr von deiner Sorte gebrauchen. Die Umstände meiner Herbeirufung wurden allerdings meinem Rang nicht gerecht. Du hast auf die Anbringung der schwarzmagischen Symbole verzichtet, und deine Beschwörungsformel war«, der Dämon schien kurz zu überlegen, »nun, sie war doch etwas sehr frei vorgetragen.«

»Verzeiht, mächtiger Astaroth, aber wie Ihr unschwer erkennen könnt, blieb mir keine andere Möglichkeit.« Der Comte beschrieb eine ausholende Geste. »Seht Euch hier um, Herr. Wie sollte ich Euch standesgemäß beschwören – ohne Buch, Kreide und Kerzen?«

Astaroth winkte mit seiner krallenbewehrten Rechten ab. »Vergessen wir diese Äußerlichkeiten. Was für mich zählte, war dein fester Wille. Außerdem herrschen hierzulande mittlerweile Bedingungen, wie sie sich ein wahrer Dämon nur wünschen kann. Das Blut fließt in Strömen, Angst und Schrecken greifen um sich, und das Beste von allem – Kirchen werden entweiht, die Namen der Heiligen verschwinden aus den Bezeichnungen der Dörfer, Straßen und Plätze, die Pfaffen haben all ihre Macht verloren! Für unsereiner kann es wahrhaft nichts Schöneres geben!«