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Beschreibung

Er ist unbezweifelbar einer der besten Kenner des Fantastischen und der Science-Fiction-Literatur im deutschen Sprachraum, also in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eigentlich sogar weltweit. Er ist kompetent in seinem Urteil – soweit das Beurteilte innerhalb der von ihm selbst gesetzten Grenzen der literarischen Qualität liegt. Er ist selbstbewusst in seinem Urteil und wenig flexibel gegenüber allen Meinungen anderer, die seinen Anforderungen von Qualität nicht genügen. Franz Rottensteiner ist ein Spezialist. Er ist gut auf seinem Gebiet und wie alle, die innerhalb ihres Sachgebietes ausgewiesen gut sind, ist er apodiktisch in seinen Forderungen und Begutachtungen. Er ist daher ein gefürchteter Kritiker. Franz Rottensteiner ist ein reger Herausgeber, Lektor und Kritiker, ein unermüdlicher Herausgeber, dessen Bemühungen sogar in den fernen USA zu Buche schlagen. Der Herausgeber Franz Rottensteiner hat eine große literarische Bandbreite bei den Themen, die von ihm berücksichtigt werden: Neben Science-Fiction und klassischer Fantastik bearbeitet er auch – mit Einschränkungen – den Horror. Dazu kamen einige Zeit lang Auswahlen von Märchen, Sagen und Legenden aus aller Herren Länder, dazu Geister- und Gespenstergeschichten. Franz Rottensteiner feiert am 18. Januar 2022 seinen achtzigsten Geburtstag – und Freunde, Weggefährten und Fans zollen ihm in diesem Buch Respekt und Ehre.

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Michael Haitel & Jörg Weigand (Hrsg.)

Gespiegelte Fantasie

Franz Rottensteiner zum 80. Geburtstag

AndroSF 149

Montage: Paul Svoboda

Michael Haitel & Jörg Weigand (Hrsg.)

GESPIEGELTE FANTASIE

Franz Rottensteiner zum 80. Geburtstag

AndroSF 149

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: 18. Januar 2022

p.machinery Michael Haitel

Titelabbildung: »Orpheus ruht sich aus«, Thomas Franke (Titelillustration zu Peter Schattschneider, »Zeitstopp«, Phantastische Bibliothek Suhrkamp, Band 76)

Fotografien: Robert M. Christ, sofern nicht anders angegeben

Umschlag nach Rolf Staudt und Willy Fleckhaus (Phantastische Bibliothek Suhrkamp): global:epropaganda

Layout: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 266 9

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 831 9

Jörg Weigand ROTTENSTEINER Der MR-R der fantastischen Literatur

In einer Festschrift Familiäres zur Sprache zu bringen, ist gewiss unüblich, dennoch in diesem Fall meiner Meinung nach durchaus gerechtfertigt.

Meine Mutter Leopoldine, geborene Liedermann, wurde in Sankt Veit an der Glan in Kärnten geboren; also bin ich ein »halber« Österreicher. Und ich weiß um die besonderen Charakteristika vieler Bewohner dieses Alpenstaates. Meine Großmutter mütterlicherseits sprach immer von den »Grantlern«, die (hoch-) intelligent, dabei aber oft wenig kommunikativ seien. Daran habe ich oft denken müssen, wenn ich unserem Jubilar begegnet bin, sei es in Passau bei einer der dortigen Großveranstaltungen oder auf den Treffen der »Oldies« in der »Gabriele« in Unterwössen.

Und ich gestehe: Ich hätte gerne mehr Kontakt zu ihm gehabt, wenn es mir denn gelungen wäre, seine zurückhaltend-abwehrende Haltung (oder war es eine gewisse Vorsicht jenem »Piefke« gegenüber, der das gleiche Feld als Herausgeber beackert?) aufzuweichen. Leider ist das nie geschehen, denn zweifellos hätten sehr interessante, auch tiefgründige Gespräche daraus entstehen können.

Nun also ist es so weit:

Das Geburtstagskind. Foto: Paul Svoboda

Franz Rottensteiner – 80 Jahre

Er ist unbezweifelbar einer der besten Kenner des Fantastischen und der Science-Fiction-Literatur im deutschen Sprachraum, also in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eigentlich, ich korrigiere mich, sogar weltweit. Er ist kompetent in seinem Urteil – soweit das Beurteilte innerhalb der von ihm selbst gesetzten Grenzen der literarischen Qualität liegt. Er ist selbstbewusst in seinem Urteil und wenig flexibel gegenüber allen Meinungen anderer, die seinen Anforderungen von Qualität nicht genügen.

Franz Rottensteiner ist ein Spezialist. Er ist gut auf seinem Gebiet und wie alle, die innerhalb ihres Sachgebietes ausgewiesen gut sind, ist er apodiktisch in seinen Forderungen und Begutachtungen. Er ist daher auch ein gefürchteter Kritiker.

Aber er ist mehr: Rottensteiner ist ein reger Herausgeber, Lektor und Kritiker, ein unermüdlicher Herausgeber, dessen Bemühungen sogar in den fernen USA zu Buche schlagen. Er ist also ein internationaler Anthologist und Spezialist.

Und er ist noch mehr: Franz Rottensteiner ist mein Kollege als Herausgeber von Geschichtensammlungen wie als Kritiker; allerdings arbeiten wir jeweils mit unterschiedlichen Ansätzen. Denn das, was uns an der Literatur – Science-Fiction wie auch Fantastik – gleichermaßen interessiert, fasziniert und quasi zum Anthologisieren zwingt, divergiert um einiges – so scheint es mir wenigstens.

Der Herausgeber Rottensteiner hat eine große literarische Bandbreite bei den Themen, die von ihm berücksichtigt werden: Neben Science-Fiction und klassischer Fantastik bearbeitet er auch – wenngleich mit Einschränkungen – den Horror. Dazu kommen, zumindest einige Zeit lang, Auswahlen von Märchen, Sagen und Legenden aus aller Herren Länder, dazu Geister- und Gespenstergeschichten, etwa »Gespenstergeschichten aus Nordamerika«. Hauptabnehmer war der Fischer Taschenbuchverlag in Frankfurt am Main, wo 1982 auch eine repräsentative Auswahl unter dem Titel »Das große Buch der Märchen, Sagen und Gespenster« erschien.

Für mich sind gerade diese Märchen, Sagen und Gespenstergeschichten, die Rottensteiner unter sehr vielen Titeln vermarktet hat, ein sicherer Beweis dafür, dass und wie sehr sich Franz Rottensteiner in dieser Materie auskennt und zurechtfindet. Es kann und muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass dieser Herausgeber auch kurzzeitig »fremdgegangen« ist, hat er doch Titel wie »Kleine Bettlektüre mit den besten Wünschen zum 50. Geburtstag« (dito für den 40. und den 60. Geburtstag) im Scherz-Verlag herausgebracht. Und sich immerhin auch auf das Gebiet der Erotik getraut: Im Jahr 1993 erschien bei Eichborn die »Verführung. 20 charmante Geschichten«.

Nach diesem Exkurs zurück zu Rottensteiners eigentlicher Domäne, der Fantastik. Hier spielt er eine beherrschende Rolle. Der Name Rottensteiner ist auf diesem Gebiet ein Markenname geworden, etwa wie Volkswagen beim Automobil oder Veuve Clicquot beim Champagner oder aber auch – oh, Schreck, lass nach! – in den Jahrzehnten nach 1945 Konsalik für Unterhaltungsliteratur. Es ist nicht verstiegen, ihn den Marcel Reich-Ranicki der Fantastik zu nennen, wenngleich ihm der gewisse Unterhaltungswert fehlt, den MR-R ohne Zweifel besessen hat.

Kurz: Franz Rottensteiner ist eine umtriebige Persönlichkeit im Betrieb der fantastischen Literatur – gleichermaßen respektiert wie gefürchtet. Und für diese Arbeiten sei ihm aufrichtig gedankt.

Das freilich verbunden mit einer (vermutlich mit ziemlicher Sicherheit unerfüllbaren) Bitte: Es wäre schön, von diesem Herausgeber auch einmal wenigstens eine Erzählung (Fantastik oder Science-Fiction) lesen zu können. Vielleicht würde dann deutlicher, was genau er unter einer »guten« Geschichte versteht. Denn so ganz klar ist mir das bis dato nicht geworden.

Robert Christ (hinten), Franz R., Michael Czermin, Clublokal, Wien, Gasthaus Möslinger, 2. Bezirk, 2014

Hans Langsteiner und Franz Rottensteiner in fröhlicher Runde zu Quarb (Foto: Alfred Vejchar)

Ulrich Blode Begegnung im Quarber Merkur Ein Brief an die daheimgebliebenen Freunde und Bekannten MH und JW

Kaum mag ich mehr als andere etwas über das Wirken R.s schreiben, eher weniger. Bewusst kam ich während der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts mit der Science-Fiction in Berührung. Und da fielen mir bei den Verlagsreihen vor allem zwei Namen auf: W. J. und F. R. Erst nach und nach wurde mir die Bedeutung R.s für die fantastische Literatur bewusst. Nicht nur, dass er fremdsprachige Literatur nach Deutschland brachte, er vertrat meisterhaft die deutschsprachige Fantastik mit Black Mirror and Other Stories und anderen Werken im Ausland.

Anlass für einen Besuch bei R. ergab sich schließlich durch die »SF-Werkausgabe HWF«, dessen Bücher R. bereits herausgegeben hatte und die nunmehr in einer vollständig überarbeiteten Ausgabe erscheinen sollten.

Mein Verleger, die propagandistische Traum GmbH, sandte mich in das Tal des Quarber Merkur, von dem ich lediglich wusste, dass es von wahnsinnig hohen alpinen Gebirgen umgeben war. Nomen est omen: Die Fahrt war traum- bis albtraumhaft und an wenig erinnere ich mich korrekt.

Das hing auch mit den veränderlichen Naturkonstanten zusammen: Die Wissenschaftler um Einsteins Erben gehen von einem Kosmos als Rechenraum aus, dessen Ablaufschemata in Form der Naturgesetze programmgemäß zu einem noch näher zu bestimmenden Endzustand führen. Da dies aber zur Stunde verborgen oder unbestimmt ist, kann über stattgefundene Ereignisse nur mit einem Fehlfaktor berichtet werden.

Kaum im Quarber Merkur angekommen, kam mir ein vierdimensionaler Albtraum entgegen, von einer Betoninsel bis hin zu einer Kristalllandschaft war alles dabei. Erst die Schnecke am Hang erläuterte mir den Weg durch das seltsame Labyrinth, nicht ohne zu erwähnen, dass die Alligatoren gerade Karneval feierten. Letzteres nahm ich als Gedankenwurm wahr, denn derartiges Getier, wie auch Kraken, konnte hier im Regnum Noricum kaum leben.

Erst musste ich das Ding auf der Schwelle sachte zur Seite schieben, ich wusste schließlich nicht, worum es sich dabei handelte, um R.s leeres Haus zu betreten. Dachte ich zunächst. Wie aber eine Untersuchung auf R.s Angebot hin ergab, waren alle Räume, außer dem Eingang, mit Büchern vollgestopft. Von A wie Astronauten bis Z wie Zarathustra kehrt zurück waren alle wichtigen Werke des Nicht-Realen, Fantastischen und Zukünftigen vertreten, somit auch die des HWF. Jener, so R., sei eine der tragenden Säulen der Phantastischen Bibliothek gewesen und die Werke wiederholt aufgelegt. Am erfolgreichsten verkaufte sich Y- als Warnung vor dem digital erfassten Menschen, dessen Existenz in Algorithmen bewertet wird. Als ich das hörte, musste ich an meinen Pass zur letzten Schnupfenimpfung denken und dass wir keineswegs in einem Land des Lachens lebten.

Am Abend des ewigen Tages saßen wir im von der Dürre getrockneten Gras. Schweigend beobachteten wir das Zentrum der Milchstraße, wie es über uns kreiste. Das gefräßige schwarze Loch Sagittarius A* leuchtete hell auf, als es in seiner unersättlichen Gier den Atem einer Sonne auslöschte.

Unterbrochen wurde das Spektakel kurz vom am Firmament vorbeiziehenden grünen Kometen, eines jener transplutonischen Objekte, die jetzt eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang das Leben der Himmelsjäger so schwer machten.

R. bot mir an, drinnen zu übernachten, doch ich hatte Angst, in dem Haus mit tausend Stockwerken verloren zu gehen. Lieber übernachtete ich im Freien, die schwelende Glut des Abendfeuers beschützte mich vor der Kälte des Weltraums, die sich langsam bemerkbar machte. Und eines nahm ich mir für den nächsten Morgen vor: Obwohl ich erst am Montag zurück sein musste, wollte ich dieses Katastrophengebiet bereits am Samstag verlassen.

Dieter Braeg Gespräch 1996mit Franz Rottensteiner

Wie war das jetzt eigentlich bei Dir, der erste Kontakt mit der Science-Fiction? Was war das? Wie alt warst Du da?

Ich weiß es eigentlich nicht genau. Ziemlich spät, glaube ich, so mit 15 oder 16. Ich hab’ eigentlich immer alles Mögliche gelesen, in verschiedenen Phasen.

Ich kann mich an die Zeit überhaupt nicht erinnern, wie ich noch ein kleines Kind war. Aber man sagt, dass ich mich hinter einer Zeitung oder einem Buch versteckt habe, schon wie ich in die Schule gegangen bin: beim Frühstück, beim Mittagessen und so weiter. Ich habe da sicher irgendetwas an Science-Fiction gelesen, aber bewusst hat das eigentlich damals erst mit 15, 16 angefangen.

Und was war das damals so? Was ist Dir da in die Finger gefallen?

Ich kann mich erinnern, dass ich zuerst die Utopia-Hefte gelesen habe, die Kleinbände. Die haben mir eigentlich nicht sehr viel Eindruck gemacht.

Irgendwann habe ich die Utopia-Großbände entdeckt. Da kann ich mich an H. K. Bulmers Die Sterne gehören uns und Jonathan Burkes Parasiten erinnern, also ganz entsetzliche Sachen, die mich damals aber ungeheuer beeindruckt haben. Dann habe ich angefangen, das massenweise zu lesen.

Wo hast Du das Geld her bekommen, Dir diese Massen überhaupt zu besorgen? Warst Du ein guter Taschengeldbezieher?

Naa, das waren keine Mengen. Ich habe nur das bisschen Geld, das ich eigentlich für Jausen und zum Essen gekriegt habe, da hineingesteckt. Die waren damals ja nicht so sehr teuer.

Und dann bin ich in die Büchereien gegangen, in den Städten. Irgendwann habe ich den Heinlein entdeckt, Das Tor zu den Sternen glaube ich, und die Weiß-Bücher.

Das habe ich mir alles mühsam abgespart. Damals hatte ich keine Bibliothek, das war ganz winzig.

Gattin von Charlie Bednarik und Franz Rottensteiner, Wohnzimmer, Wiener Wohnung, 6. Bezirk, 1978

Helmut Magnana, vorne, dahinter Charlie Bednarik und Gattin, rechts Franz R., Wohnzimmer, Wiener Wohnung, 1978

Wie bist Du denn mit dem damaligen organisierten Science-Fiction-Fandom in Kontakt gekommen? Ich erinnere mich nur, dass Du irgendwann als ein Kritiker aufgetaucht bist, der sehr viele Menschen furchtbar geärgert hat, die sich damals mit diesem Thema beschäftigt haben. Deine Kritiken waren sehr böse, muss ich sagen. Ich kann mich an Sätze wie ›… ist höchstens als Jugendbuch lesbar‹ erinnern. Der Herr Ernsting ist damals wohl auch furchtbar beleidigt worden. Du warst jedenfalls ein recht kräftiger Schreiber und Kritiker, aber sehr trocken, würde ich sagen.

Also, erzähl a bisserl, wie das so war.

Wie das gekommen ist, weiß ich gar nicht mehr so genau.

In diesen Utopia-Großbänden gab es immer die Werbung für den SFCD. Aber die haben damals überhaupt nicht mit den Österreichern gerechnet. Die haben zwar Kontaktadressen angegeben, über die man Mitglied werden konnte. Ich habe dort immer hingeschrieben, aber die haben damals nach Österreich nur deutsche Zahlscheine geschickt, mit denen man natürlich auf der Post überhaupt nichts anfangen konnte. Die waren also gar nicht darauf eingerichtet, dass es vielleicht Österreicher gibt, die sich dafür auch interessieren. Da ist nichts draus geworden, da habe ich’s sein gelassen.

Irgendwie bin ich mit Teleskop in Verbindung gekommen. Das war ein Fanzine, das in Mönchengladbach oder Düsseldorf erschien.

Nein, in Mönchengladbach bestimmt nicht.

Wo war der Gindorf?

Der Gindorf war in Düsseldorf.

Und da war die Molli, wie hat die geheißen?

Die Thea Grade.

Ja, Grade mit Familiennamen.

Molli hieß sie, weil sie ein bisschen dünner als Du war, aber nur ein bisschen.

Irgendwie habe ich das bekommen, und was sie geschrieben hat, das hat mich beeindruckt, sodass ich auch angefangen habe.

Die meisten Zeitschriften wurden damals von Clubs herausgegeben, Stellaris von Scheer und dem SCFD bzw. SFCE, wie er damals hieß. Es gab auch zuweilen heftige Kämpfe zwischen den einzelnen Clubs.

Aber Teleskop war ein unabhängiges Fanzine, für das ich normale Kritiken geschrieben habe.

Aber damals warst Du schon Leser von Originalliteratur, nicht?

Ganz am Anfang nicht. Das hat erst nach 1960 angefangen. Erst dann habe ich begonnen, englische Science-Fiction zu lesen. Damals – in den Sechzigerjahren – bin ich nach Wien zu einem Con gekommen. Das war das erste Mal, dass ich da andere Leute – Fans – getroffen habe.

Ich hatte mich an der Universität eigentlich dazu entschlossen, dass ich mit der Science-Fiction aufhöre und mich aufs Studium konzentriere. Aber dann habe ich dort den Edi Lukschandl getroffen, der dort Mathematik studierte, und noch ein paar andere Fans. Sie hatten schon riesige Sammlungen von amerikanischen Taschenbüchern und Magazinen. Ich fing also an, die amerikanische Science-Fiction zu lesen und auch zu kaufen, statt zu studieren. Ich bin immer tiefer in diesen Sumpf hineingeraten, nicht?

Nach zweieinhalb Jahren sah ich, dass ich die ganze Zeit nichts an der Universität gemacht hatte. Ich studierte damals Physik und Mathematik, aber hatte praktisch außer einigen Übungen und Vorlesungen nichts gemacht. Ich habe mir gedacht, dass es ein Blödsinn wäre, da weiter zu machen. Ich wechselte zu einer völlig anderen Richtung und habe in einem ziemlichen Eilzugtempo Zeitungswissenschaften und Geschichte studiert, was mich im Prinzip gar nicht interessiert hat, aber schnell zu absolvieren war. Damals wollte ich eigentlich Bibliothekar werden, das war mein Berufsziel. Ich wollte mich in eine Bibliothek zurückziehen, wo man möglichst nicht von Kunden gestört wird.

Aber in der ganzen Zeit hast Du ja schon fleißig angefangen, Wachsmatrizen zu beschreiben und hast eine ganze Menge Fanzines herausgegeben.

Ja …

… wobei es mich und die, die es dann lesen werden, interessieren dürfte, wo der erste Quarber Merkur entstanden ist.

Also der Ausgangspunkt war eigentlich, dass irgendwann das Teleskop den Geist aufgegeben hat. Ich kann mich nicht mehr an die genaue zeitliche Reihenfolge erinnern, aber ich glaube, zuerst hat der Jürgen Mann und dann der Hans Peschke die letzten Nummern gestaltet. Jedenfalls war danach kein Interesse oder kein Geld mehr da, oder beides. Ich hatte jedenfalls keine Zeitschrift mehr, wollte aber weiterschreiben. Also habe ich mir gedacht: Mache ich doch eine eigene Zeitschrift. Damals war der Gindorf noch aktiv im Fandom. Er hat sich bereit erklärt, so eine Zeitschrift auf seinem Apparat abzuziehen.

Zuerst habe ich, glaube ich, vier Nummern gleichzeitig gestaltet und geschrieben, und er hat sie abgezogen. Sie sind dann in Düsseldorf in einer winzigen Auflage von 50 Stück pro Heft oder so erschienen.

Und wie kam es zum Namen Quarber Merkur? Es hat ja doch einen gewissen lokalen Aspekt, oder?

Ja, also es gibt Quarb …

Es gibt Quarb! Das glaubt mir in Deutschland keiner. Ich habe gesagt: Ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Quarb ist existent. Aber das glaubt ja keiner.

Ja, das gibt’s wirklich, net? Aber es ist natürlich so, dass das ein winziger Talabschnitt im Piestingtal ist, von vielleicht einem Kilometer Strecke. Aber es ist eingezeichnet: Auf genauen Generalstabskarten findet man’s wirklich registriert.

Ich habe halt beschlossen, dass ich’s Quarber Merkur nenne, so wie Rheinischer Merkur, nicht? Es ist genau dasselbe, nur ist der eine halt ein bisserl größer.

Ja, der Rheinische Merkur ist bei Weitem nicht so inhaltlich …

Eine bisserl größere Auflage.

Ja, aber sonst …

Ja, so fing’s an.

Den Bibliothekar als Beruf hast Du nie erreicht oder gar nicht gewollt?

Doch, schon. Nachdem ich 1968 mein Studium abgeschlossen hatte, war ich beim Bundesheer und dann habe ich eh’ angefangen …

Und ‘68 war an revolutionäre Gedanken kein …?

Nein, damals war ich Präsenzdiener, oder war das 1969? Februar ‘69 oder Februar ‘68? Ich müsste nachschauen.

Na ja, so wichtig ist es nicht.

Du hast jedenfalls mit der Waffe in der Hand geübt.

Ja. Da war ich aber in einer Kanzlei. Eine Waffe habe ich nur sehr selten zusätzlich bekommen.

Franz Rottensteiner trifft Walter Ernsting

Dein Können, Dich gut auszudrücken, hat Dir also geholfen, auch diese Zeit gut zu überstehen.

Nein, das hat mit dem Ausdrücken eigentlich nichts zu tun gehabt. Der Hauptmann, der dort Adjutant war, wollte sich halt mit gebildeten Menschen umgeben. Der wollte in seiner Schreibstube möglichst Akademiker haben. Er hatte auch die Beamten-Matura. Deswegen hat er mich sofort als Schreiber in diese Kommandostelle geholt. Dort habe ich dann hauptsächlich Befehle abgeschrieben; damals hat es noch keine Fotokopierer gegeben, man musste alles mühsam mit der Hand vervielfältigen.

Mit Kohlepapier zwischen den einzelnen Blättern.

Ja, mit Kohlepapier, so oft das ging: sieben oder acht Kopien. Dazu brauchte man natürlich gescheite Leute.

Ja, das ist doch logisch!

Also mindestens Maturanten.

Vielleicht noch eine Sache. Mir fällt jetzt etwas ein, dass wir beide uns über Karl Kraus gestritten haben und über den einen Berliner Kritiker, den der Kraus so furchtbar angegriffen hat.

Der Alfred Kerr.

Kerr, ja genau.

Ja, den habe ich damals gelesen.

Von Kraus auch einiges.

Der Karl Kraus ist bei mir bis heute hängen geblieben, er steht bei mir in der Bibliothek komplett.

Aber zurück. Da gab es irgendwann einen großen Konflikt zwischen Dir und Walter Ernsting. Vielleicht erzählst Du einfach mal, weil es freut die Menschen immer so, wenn es irgendwo Krach gegeben hat, und mich natürlich auch. Krach habe ich ja immer geliebt, bis heute.

Na ja, im Prinzip war das eigentlich ganz harmlos. Das war noch im Teleskop. Damals habe ich so verschiedenes geschrieben über die Hefte und die Praxis des Kürzens. Man hat aus der Überlegung, dass ich ein Störfaktor wäre, versucht, mich als lästigen Einfluss aus dem Fandom zu entfernen. Zunächst wurde gesucht, ob man mich nicht in den Clubs irgendwo ausschließen kann. Aber leider war ich nirgends Mitglied.

(lacht)

So hat man praktisch nichts machen können. Dann hat sich das auch irgendwann beruhigt.

Also ich glaube, es gab dann irgendwann eine Versöhnung und dabei hat Walter Ernsting behauptet, Du wärst ein ehrenwerter Mensch und Du hast das von ihm auch behauptet.

Ja, irgend so etwas.

Also, ich glaube der Ernsting hat sich das damals gar nicht so angenommen wie der Axel Melhardt. Der hat das viel ernster genommen.

Ja, der Axel hat ja alles sehr ernst genommen.

Er hat damals den Ernsting immer gegen alle Angriffe verteidigt, obwohl das mit dem Ernsting an sich gar nichts zu tun hatte.

Nun gut, ich meine, der Ernsting war ja verantwortlich für die Herausgabe dieser ganzen Utopia-Hefterl und infolgedessen auch für die sinnvollen Kürzungen, die da stattgefunden haben.

Zu dem Zeitpunkt war er das gar nicht mehr, glaube ich. Perry Rhodan hat's schon gegeben. In diesen Jahren waren die Autoren auch alle in den Vorständen der Clubs aktiv.

Der Scheer hatte sicher noch Stellaris und der Ernsting war im SFCD. Auch die Sache mit dem (W. D.) Rohr war zu dieser Zeit oder kurz vorher.

Das war der SFCE.

Ja.

Und was ist dann weiter geschehen? Irgendwann hast Du Dich ja entschlossen von und mit der Science-Fiction zu leben.

Oder wie war das? Ich habe ja dann das ganze Science-Fiction-Fandom aus den Augen verloren, bis vor einem Jahr.

Einiges habe ich auch nicht aus den Augen verloren. Beispielsweise habe ich zu Hause eine Ausgabe vom Quarber Merkur, herausgekommen im Suhrkamp Verlag. Und ich habe natürlich mitbekommen, dass Du im Suhrkamp Verlag etwas herausgibst.

Aber jetzt erzähl’, wie war das?

Ich habe 1970 zu arbeiten begonnen, als Bibliothekar in einem Institut für Bauforschung.

Hier in Wien?

Ja. Genauso eine Stelle hatte ich mir eh’ gewünscht.

So nebenbei habe ich dann meine anderen Sachen betrieben. Das hat ungefähr zur gleichen Zeit angefangen.

Ich habe damals für den Zsolnay-Verlag Bücher lektoriert, das heißt beurteilt, hauptsächlich englische und amerikanische Romane.

Aber das hat mit Science-Fiction nichts zu tun gehabt.

Das hat anfänglich mit Science-Fiction nichts zu tun gehabt. Später habe ich dort eine Buchreihe, die Phantastischen Romane, herausgegeben und etliche Jahre später bei der H.-G.-Wells-Edition mitgemischt.

Und ungefähr ab 1970 hat die Arbeit bei den Verlagen Insel und Suhrkamp begonnen. Zunächst hat Kalju Kirde ab 1969 bei Insel die Bibliothek des Hauses Usher herausgegeben. Das war eine schöne, 26 Bände umfassende Reihe unheimlicher Literatur auf grünem Papier. Den Kalju Kirde habe ich über Transgalaxis kennengelernt, diesen utopischen Buchversand. Er hatte in der zugehörigen Zeitschrift einmal eine Annonce aufgegeben, in der er Kontakt zu Gleichgesinnten suchte, die sich besonders für Lovecraft, Clark Ashton Smith und solche Autoren interessierten. Die kannte aber damals in Deutschland praktisch kein Mensch. Auf diese Kleinanzeige hat er genau eine Antwort erhalten.

Die von Dir.

Das war meine.

Daraufhin habe ich ihn dazu überredet, dass er etwas für den Quarber Merkur schreibt. Er schrieb damals einen dreiteiligen Aufsatz, Bemerkungen über Weird Fiction, der im Quarber Merkur Nr. 7 bis 9 oder 8 bis 10 erschien.

Kalju Kirde hatte wiederum einen Bekannten, der im Vertrieb des Insel Verlages tätig war. Dieser hat praktisch den Verlag dafür interessiert, dass er eine solche Reihe mit Lovecraft, Blackwood und ähnlichen Autoren herausbringt.

Der Lektor Werner Berthel hatte dann die Idee, man sollte doch eine Parallelreihe mit Science-Fiction herausbringen. Es hat damals schon ähnliche Versuche gegeben: die Taschenbücher waren bereits bei Heyne, Goldmann usw. ziemlich etabliert. Dort erschien ja überall schon Science-Fiction.

Als Bücher gab es ganz schöne Paperback-Reihen bei Marion von Schröder und bei Lichtenberg, wo Wolfgang Jeschke eine Reihe Science-Fiction für Kenner herausbrachte. Das war auch alles ungefähr in diesen Jahren. Das hat den Insel Verlag dann zu einem solchen Versuch bewogen.

Wann war das denn so zeitmäßig?

Ja, das war 1970, nicht?

Es erschienen vier Bände im Jahr, zwei im Frühjahr und zwei im Herbst. Die Science-Fiction-Reihe startete etwas später als die Bibliothek des Hauses Usher und hat es so ungefähr auf 15 oder 16 Bände gebracht.

Das hast Du aber neben Deiner Bibliothekstätigkeit machen können.

Ja, das habe ich alles nebenbei gemacht.

Danach habe ich auch in Amerika an verschiedenen Fanzines mitgewirkt – und in Australien an Science Fiction Commentary.

Ich hatte auch Kontakte mit der amerikanischen Niederlassung des Herder-Verlages, die damals auch in die Science-Fiction einsteigen wollten. Ich habe die Anthologie View from AnotherShore herausgegeben, die auch auf Deutsch erschienen ist, allerdings bei Suhrkamp. Außerdem habe ich einen Bildband über Science-Fiction geschrieben, The Science Fiction Book, der 1975 erschien. Drei Jahre später habe ich einen entsprechenden Band über Fantasy verfasst, der bei Thames & Hudson herausgebracht wurde.

Na ja, die Insel-Reihe wurde so um 1975 oder 1976 herum eingestellt. Danach gab es eine Zeit lang nichts; aber dann sind die Suhrkamp-Taschenbücher gegründet worden, in der erfolgreiche Titel aus den Reihen nachgedruckt wurden: zunächst Lovecrafts Cthulhu und Lem. Diese Bücher sind damals von Werner Berthel betreut worden, der ein gewisses Interesse für Fantastik hatte. Sonst gab es im Verlag niemanden, der sich überhaupt auf dem Gebiet auskannte oder ein Interesse gehabt hätte. Man hat dann beim Suhrkamp-Verlag beschlossen, dass man die Titel der früheren Insel-Reihen und neue Titel unter dem Namen Phantastische Bibliothek zusammenfasst und speziell herausstellt.

Werner Berthel ist dann weggegangen und ist jetzt Cheflektor bei dtv. Zunächst ist er aber zu Fischer gegangen und war dort Cheflektor des Fischer Taschenbuch Verlages.

Zwischendurch gab es eine lose Zusammenarbeit. Ich habe damals einzelne Titel vorgeschlagen, die vom Verlag honoriert wurden. Es gab allerdings damals schon die jährlichen Insel-Almanache Polaris.

Die Idee, einmal einen solchen Almanach der fantastischen Literatur zu widmen, stammt auch von Werner Berthel. Ich habe dann den Insel Almanach auf das Jahr 1972 herausgegeben. Als die Insel-Taschenbücher gegründet wurden, habe ich dort drei Polaris-Almanache herausgegeben, in die Aufsätze und Erzählungen gemischt aufgenommen wurden. Diese Reihe wurde in der Phantastischen Bibliothek fortgeführt. Insgesamt sind zehn Almanache erschienen. Der Erste war der erfolgreichste, es gab sogar eine zweite Auflage, und wurde zu einem der schönsten Taschenbücher des Jahres gewählt.

Als Werner Berthel fortgegangen war, habe ich einen Vertrag erhalten, dass ich den Verlag bei der Herausgabe der Phantastischen Bibliothek berate. Ich weiß nicht mehr genau, wann diese Tätigkeit begann, aber ich denke, das war so um 1980 herum. Ich habe dann praktisch das Programm gemacht.

Und das machst Du heute noch immer.

Diesen Vertrag gibt’s noch immer, und solange er nicht gekündigt wird, solange läuft das noch.

Und was machst Du außer dieser Herausgebertätigkeit? Du hast mir ja erzählt, Du bist jetzt freischaffender Künstler. Du bist ja nicht mehr in der Bibliothek beschäftigt.

Also ich warte jetzt, dass die Goldgrube kommt.

Das war so um 1985 beendet, zu diesem Zeitpunkt hat das Institut auch begonnen, zu rationalisieren. Zunächst wurden die Mitarbeiter wegrationalisiert, dann das ganze Institut. Den Namen des Instituts gibt es zwar noch, aber eine Tätigkeit wird nicht mehr entfaltet.

Seitdem bin ich ganz freischaffend, ja.

Aber das heißt nicht, dass Du allein von diesem herrlichen Vertrag von Suhrkamp leben kannst, sondern Du musst schon noch ein paar andere Sachen machen.

Na ja, muss ich schon.

Erzähl einmal, was Du sonst so machst.

Na ja, sonst …

Ich gebe noch verschiedene Anthologien heraus, wenn sich da eine Gelegenheit bietet, nicht? Ich habe zum Beispiel für den Fischer Verlag ein paar zusammengestellt; und eigentlich für alle, die Aufträge erteilen. Auch für den Scherz-Verlag habe ich etliche gemacht, zum Beispiel gibt es da auch ein kleines Bändchen für Fußballfreunde. Für den Eichborn-Verlag habe ich einen Band über Verführung herausgegeben.

Aber es bewegt sich alles irgendwo in diesem utopisch-fantastischen Bereich.

Naa, durchaus nicht, sondern zum Großteil sogar außerhalb davon.

Ja, und dann habe ich weiterhin Manuskripte und Bücher lektoriert, für Zsolnay in den letzten Jahren wieder, dann für Deuticke und für Donauland, das ist der österreichische Ableger des Bertelsmann-Buchclubs, des weiteren auch Heyne.

Ich lese alles, was es nur gibt: Ratgeber, Frauenromane, den ganzen bunten Garten der Literatur und Subliteratur, nicht? Außerdem rezensiere ich ab und zu Bücher für den Standard.

Mit einem ganz großartigen Zeilenhonorar, wie ich hoffe. (lacht)

Na ja, so toll ist es nicht – nicht vergleichbar mit deutschen Honoraren.

Hör auf, hör auf, ich bitt’ Dich.

Na ja, die Zeit zahlt schon ein bisschen besser, oder die FAZ.

Ja gut, das ist klar, aber es ist ja a bisserl von der Auflage oder vom Stellenwert her eine etwas andere Zeitung als der Standard, würde ich sagen.

Na ja …

Aber die besten Jahre waren eigentlich die Anfangsjahre. Das erfolgreichste Buch war damals das Science Fiction Book, das ich als Auftragsarbeit für 3000 Dollar Vorschuss geschrieben habe. Damals lag der Dollar noch bei 26 Schilling.

Das waren vier Mark!

Ja, ja.

Es gab bei dem amerikanischen Verlag, für das ich das Buch schrieb, eine Masse von Problemen. Er wurde zwischenzeitlich zweimal verkauft. Schließlich wurde das Buch in England produziert, und dann ging alles sehr schnell. Ich glaubte schon, das Projekt wäre gestorben und habe lange Zeit nichts dafür getan. Das Buch könnte viel besser sein, nicht?

Damals begann gerade die Welle, dass die ganze Welt Science-Fiction-Bilderbücher produziert hat; und dieses Buch war eines der ersten. Die Amerikaner haben, wie ich glaube, 40.000 gedruckt. Danach hat New American Library noch eine große Paperback-Ausgabe aufgelegt. Das Buch wurde nach Japan verkauft und ist in Frankreich und Holland erschienen.

Und daran hast Du auch finanziell partizipiert?

Ja. Das lag dann insgesamt so bei 17.000 Dollar. Aber als ich das Geld erhielt, war der Dollar schon viel weniger wert. Aber trotzdem!

Ja, meinst wir haben jetzt irgendetwas Wichtiges vergessen, zum Quarber Merkur zum Beispiel?

Ja, doch: Ich habe mit viel Genuss Deinen Abschiedsbrief von der Wachsmatrize gelesen, die Dich ja über Jahrzehnte hinweg begleitet hat. Ist Dein Widerwillen gegen die Computergeschichten noch immer da?

Wenn man nun auch noch einen fünfzehnjährigen Sohn hat, dann wird es doch langsam Zeit. Ich wundere mich eh, dass er Dich noch nicht erschlagen und gesagt hat, dass ein PC her muss.

Na ja, jetzt wird’s demnächst so weit sein. Bis jetzt habe ich noch immer Widerstand geleistet, nicht? Also, ich bin noch nicht einmal in der Piezoelektrizität fortgeschritten. Ich besitze noch immer eine mechanische Schreibmaschine zum Tippen. Aber im Herbst werde ich mich wahrscheinlich auch computerisieren. Es wäre an sich gar nicht unbedingt nötig. Jetzt gibt es schon so gute Scanner. Die Leute beim EDFC, die den Quarber Merkur jetzt produzieren, können die Vorlagen einscannen. Aber es ist natürlich jetzt wesentlich weniger Arbeit.

Ich denke, wenn Du mit dem PC einmal zurechtkommst, ist es schon toll. Ich habe es mir ja auch gerade beigebracht.

Na ja, alle, die damit arbeiten, werden nie mehr zur Schreibmaschine zurückkehren. Vor allem das Korrigieren ist sehr lästig, mit Korrekturlack.

Bei den Wachsmatrizen war das überhaupt teuflisch, da schauen Korrekturen grässlich aus. Man kriegt ja das Zeugs eh’ nimmer.

Das wollte ich Dich immer fragen, ob Du zum Schluss noch Korrekturlack bekommen hast? Oder hast Du Nagellack verwendet? (lacht)

Nagellack habe ich nur ganz am Anfang, bei den ersten Nummern verwendet. Ich habe mir den Korrekturlack gespart. Das hat aber auch furchtbar ausgeschaut. Irgendjemand hatte mal gesagt, dass man auch Nagellack verwenden kann.

Aber das war nicht so ein guter Tipp.

Ja. Aber bis zum Schluss habe ich noch Matrizen bekommen. Zunächst gab es eine österreichische Firma. Als die pleite waren, gab es noch Fabriken dieser Firma in Spanien oder Frankreich, die das noch erzeugten. Zum Schluss wurde es aber nicht mehr importiert.

Auch das Papier ist dann kaum mehr hergestellt worden. Zunächst gab es noch verschiedene Farben, für den Fall, dass man gerne buntes Papier verwendet. Aber zum Schluss gab es nur mehr weißes. Jetzt hätte ich es überhaupt nicht mehr gekriegt, nur mehr original Gstettnerware, die natürlich qualitativ sehr gut, aber sauteuer ist.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich gesagt: Naa, jetzt ist’s genug.

Ja, und jetzt erscheint der Quarber Merkur wunderschön. Ich habe mir die letzte Nummer beim EDFC besorgt. Die schaut natürlich toll aus.

Na ja, ganz was Anderes.

Und wie hoch ist jetzt die Auflage?

Tja, das wird sich erst einpendeln, aber von der ersten Nummer wurden so 500 oder 600 gedruckt. Sie wurde aber auch an alle Mitglieder gratis verschickt. Weiteres wird man erst in Zukunft sehen, bis jetzt gibt es wenige Abonnements. Das überlegen sich die Leute doch, denn der Preis eines Heftes liegt höher.

Na ja, es ist aber auch mehr Inhalt vorhanden.

Ja, es ist doppelt so viel.

Man muss sagen, dass es eine seriöse, gute Fachzeitschrift für fantastische Literatur.

Gibt es noch etwas, das Du ganz wichtig findest, was wir vergessen haben?

Ja …

Über die Qualität der heutigen Science-Fiction-Produktion, was gibt’s da zu sagen? Es ist ja eine derartige Masse, die auf dem Markt erscheint.

Ein böses Schlußwort, bitte.

Ja, die Zahl der Erscheinungen hat natürlich gewaltig zugenommen, aber echte Science-Fiction gibt es kaum mehr. Ein Großteil der heutigen Produktion besteht aus Film- oder Fernsehbüchern. Es dominieren in Deutschland auch Spielebücher zu Battletech, zum Schwarzen Auge oder zu Shadowrun. Zu nennen sind auch die riesige Star Wars- und Star Trek-Produktion. Und das sind die Renner bei Verlagen wie Heyne. Diese Titel haben einen gesicherten Absatz, der viel höher als der anderer Science-Fiction ist.

Aber diese Theorie, die es seinerzeit im Fandom gab, dass man die Leser vorsichtig an die qualitativ höhere Science-Fiction heranführen müsse, war natürlich ein großer Irrtum. Dazwischen gibt es natürlich auch die qualitativ hochwertige Science-Fiction. Sie ist genauso versteckt wie damals, man muss sie mühsam suchen. Sie hat meistens eine sehr geringe Auflage. Es gibt eigentlich keine allgemein anerkannten Führer, anhand derer sich der Leser orientieren könnte, was lesenswert ist.

Gibt es vielleicht noch eine kurze Bemerkung zu deutschen oder besser deutschsprachigen Autoren, falls sie Dir überhaupt aufgefallen sind?

Das Problem für deutschsprachige und europäische Autoren überhaupt besteht natürlich darin, dass das ganze Gebiet total von englischen und vor allem amerikanischen Autoren dominiert wird. Es gibt praktisch keinen Markt für deutsche Autoren, abgesehen von einzelnen Anthologien, wie sie Wolfgang Jeschke herausgibt.

Es gäbe aber schon ein paar Talentierte. Ich habe bei Suhrkamp auch immer wieder deutsche Autoren veröffentlicht. Marcus Hammerschmitt zum Beispiel ist ein ganz junger Autor, der recht gut ist. Er wird bei Heyne in den Anthologien veröffentlicht. Bei Suhrkamp habe ich ein Buch von ihm veröffentlicht, Der Glasmensch, und jetzt im nächsten Programm kommt wieder eines.

Dann gibt es Ady Henry Kiss …

Der hat vor Kurzem bei uns in Mönchengladbach gelesen. Er ist ein ganz toller Autor, der aber in der Öffentlichkeit kaum Resonanz hat. Wir haben einen riesigen Apparat aufgebaut und Werbung gemacht, aber es sind vielleicht dreißig Leute zu der Lesung gekommen.

Ja, er ist noch ganz unbekannt. Ich glaube, die anderen Leser der Science-Fiction fangen mit ihm nichts an. Und bei Literaturlesern weiß man auch nie, was die goutieren.

Ich glaube, man könnte ihn fast mit Scheerbart vergleichen. Er schreibt natürlich ganz anders, aber er ist ebenso ein Eigenbrötler. Es gibt eigentlich keinen anderen Autoren, mit dem man ihn vergleichen könnte.

Außerdem gibt es ein paar gute DDR-Autoren: die Brauns und der Karlheinz Steinmüller, der ist recht gut.

Den habe ich jetzt in Dortmund bei den Science-Fiction-Tagen kennengelernt. Wir haben dort ein Podium über die Zukunft der Arbeit gestaltet.

Ja, er ist ein interessanter Mensch.

Auch sehr nett.

Ja, bist Du zufrieden mit dem, was Du so erzählt hast?

Ich muss ja nicht zufrieden sein, net?

Doch, doch! Dieses Porträt hat etwas mit Dir zu tun, nicht mit mir. Du gehörst doch im deutschsprachigen Raum zu den Leuten, die diese Literatur mitgeprägt haben.

Na ja, durch die Publikationen schon. Aber diese Art der Science-Fiction findet jetzt viel weniger Resonanz als noch vor ein paar Jahren. Ich glaube, die größte Beliebtheit der Science-Fiction ist schon vorbei. Die Fantasy ist allgemein viel populärer.

Vor allem ist es der Science-Fiction in Deutschland nie gelungen, wirklich auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen. In Büchern ist die Science-Fiction nicht präsent, es ist ein reines Phänomen des Taschenbuchmarktes. Selbst Asimov und Clarke gelingt dies nur gelegentlich. In anderen Ländern, beispielsweise in Frankreich oder Japan hat sich die Science-Fiction auch in Buchform viel mehr durchgesetzt.

Das stimmt schon. Es ist in Deutschland höchstens ein Taschenbuchmarkt geblieben. Zum Teil ist es auch immer noch ein Hefterlmarkt, wenn man diesen Perry Rhodan anschaut.

Das stirbt auch schon langsam ab.

Es gibt ein paar Autoren, die wieder die Bücher erobert haben, wie Kneifel, Mielke und Hohlbein.

Und der Haefs.

Der Haefs, der ist ja der Beste. Ich habe von Kneifel aber einen historischen Roman gelesen, der war so etwas von fad …

Ich war vor Kurzem in München bei Hugendubel. Da lag ein historischer Roman von Kneifel drei Meter hoch, in den ich hineingelesen habe. Ich kann mich an ihn erinnern; ich habe den Eindruck gehabt, dar er den Stiefel, den er früher, vor zwanzig oder dreißig Jahren geschrieben hat, heute genauso schreibt. Ich habe dort zehn Seiten schnell gelesen und dann das Buch zugeklappt und fort damit!

Ja, das war’s, was man zum deutschen Markt noch sagen kann. Hören wir also auf; Du hast jetzt 49,25 Minuten geredet.

Ja, so lange doch?

Also, wenn Du nach Mönchengladbach zur Veranstaltung kommst, musst Du länger reden.

Im Text erwähnte Literatur

H. Kenneth Bulmer: »Die Sterne gehören uns« (»The Stars Are Ours«, 1953), Rastatt 1955, Utopia-Großband 18, Übersetzung: Walter Spiegl. (Eine andere Übersetzung erschien als Band 3345 der Reihe »Ullstein 2000« 1977 unter dem Titel »Von Robotern beherrscht«.)

Jonathan Burke: »Parasiten« (»Twilight of Reason«, 1954), Rastatt 1955, Utopia-Großband 16, Übersetzung: Walter Spiegl.

Marcus Hammerschmitt: »Der Glasmensch«, Frankfurt am Main 1995, Phantastische Bibliothek Band 324, Suhrkamp Taschenbuch 2473.

Mit dem Roman von Robert A. Heinlein meint Franz Rottensteiner möglicherweise: »Tunnel zu den Sternen« (»Tunnel in the Sky«, 1955), Berlin 1956, Gebrüder Weiß Verlag, Übersetzung: Kurt Seibt.

H. P. Lovecraft: »Cthulhu. Geistergeschichten«, Frankfurt am Main 1978, Phantastische Bibliothek Band 19, Suhrkamp Taschenbuch 29.

Franz Rottensteiners Anthologie »View from Another Shore« erschien 1973, deutsch als »Blick vom anderen Ufer«, Frankfurt am Main 1977, Phantastische Bibliothek Band 4, Suhrkamp Taschenbuch 359.

Franz Rottensteiner: »The Science Fiction Book – An Illustrated History« London 1975.

Franz Rottensteiner: »The Fantasy Book«, London 1978.

Franz Rottensteiners Anthologie »View from Another Shore« erschien 1973, deutsch als »Blick vom anderen Ufer«, Frankfurt am Main 1977, Phantastische Bibliothek Band 4, Suhrkamp Taschenbuch 359.

Das Interview erschien ursprünglich in »Quarber Merkur Index 1–84«, herausgegeben vom Aktionskreis Fantastik (Thomas Vohl), im Januar 1998; das Gespräch führte Dieter Braeg schon im Jahre 1996 in der Wohnung Franz Rottensteiners in der Marchettigasse in Wiens 6. Bezirk.

Karl-Ulrich BurgdorfUn Boche

1

Er öffnete die Augen …

… und schloss sie sofort wieder.

Hoch auflodernde Flammen … heulende Derwische … das Klirren von Glas – ein Pandämonium!

Und woher kamen diese entsetzlichen Kopfschmerzen? Aber noch wichtiger: Wo war er? Und: Wer war er? An beides konnte er sich nicht erinnern. Ich muß einen Schlag auf den Kopf bekommen haben, dachte er. Aber wenn dem so ist, dann kann ich sicherlich eine Beule ertasten!

Er wollte den Arm heben, um die Hand an seinen Schädel zu führen, musste aber feststellen, dass seine beiden Arme nicht mehr an Ort und Stelle zu sein schienen. Spüren konnte er sie jedenfalls nicht, allerdings schienen sie sich irgendwo hinter ihm zu befinden. Gegen was lehnte er da überhaupt mit seinem Rücken?

Trotz der Kopfschmerzen schlug er die Augen wieder auf. Ganz in seiner Nähe standen Bäume, die sich wie schwarze Skelette gegen das Licht des Vollmondes abzeichneten. Also war die Vermutung naheliegend, dass auch er – wie er feststellte, in sitzender Haltung – an einem Baum lehnte. Aber natürlich! Seine Arme waren abgestorben, weil jemand sie hinter diesem Baum straff zusammengebunden hatte. Auch seine Beine waren auf Höhe der Knöchel mit einer Art Lederriemen gefesselt. Er war also ein Gefangener jener heulenden Derwische, die er jetzt wieder wie betrunken um das Feuer herumtorkeln sah! Und wenn er die Augen ein wenig zusammenkniff, konnte er ein Stückchen vor sich mit einiger Mühe noch zwei weitere Gefangene erkennen, die man wie ihn an Bäume gebunden hatte.

Gut, dachte er, das hilft mir immerhin dabei, mir über meine Lage klar zu werden. Aber es beantwortet nach wie vor nicht die beiden wichtigsten Fragen: Wo bin ich? Und vor allem: Wer bin ich?