Gespräche mit Paula - Rother Baron - E-Book

Gespräche mit Paula E-Book

Rother Baron

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Beschreibung

Auf Paulas kleiner Südseeinsel gibt es keine Gefängnisse und keine Armee, keine Parteien und keinen Besitz. Vieles von dem, was für uns selbstverständlich ist, betrachtet sie deshalb mit staunenden Kinderaugen. Wer die Welt mit ihren Augen sieht, kann aus dem Käfig seines Ichs ausbrechen, wie es sonst nur bei Reisen in ferne Länder möglich ist. Das ist, wie jede Reise ins Ungewisse, oft auch beschwerlich. Am Ende steht aber doch häufig ein Gefühl der Befreiung, wie wenn man sich an einem kühleren Augusttag doch noch dazu aufgerafft hat, ein Bad in einem von der Sommerhitze aufgewärmten See zu nehmen.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Rother Baron

 

 

Gespräche mit Paula

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturplanet

Impressum

 

 

© Verlag LiteraturPlanet, überarbeitete Fassung 2024 (zuerst 2021)

Wilhelmstr. 58

66589 Merchweiler

 

 

http://www.literaturplanet.de

 

 

Über dieses Buch:

Auf Paulas kleiner Südseeinsel gibt es keine Gefängnisse und keine Armee, keine Parteien und keinen Besitz. Vieles von dem, was für uns selbstverständlich ist, betrachtet sie deshalb mit staunenden Kinderaugen. Die Welt mit ihren Augen zu sehen, ist manchmal nicht ganz einfach. Am Ende steht aber oft ein Gefühl der Befreiung, wie wenn man sich an einem kühlen Augustabend doch noch dazu aufgerafft hat, ein Bad in einem von der Sommerhitze aufgewärmten See zu nehmen.

 

Über den Autor:

Rother Baron wurde 2012 im Netz geboren, wo er auch heute noch in seiner Blog-Hütte lebt und arbeitet. Es kursieren Gerüchte über einen Zwilling von Rother Baron, der in dem Paralleluniversum lebt, das man "analoge Welt" nennt. Aber diesen Gedanken findet Rother Baron so gruselig, dass er es vorzieht, sich nicht damit zu befassen. Immerhin steht es jedem frei, ihn in seiner Netz-Welt zu besuchen: rotherbaron.com.

 

 

Cover-Bild: Kastazyna Bruniewska:Rudowłosa Piękność (Rothaarige Schönheit)

Titellayout: Holger Schaum (KWZ Software & Service GmbH, Saarbrücken)

 

Bilder zu den einzelnen Kapiteln:

Wie ich Paula kennengelernt habe: Efes: Frau über Flammen (Pixabay)

Die Egoismusfalle: Unbekannter Fotograf: Fifty-fifty (1922); Library of Congress, Washington (Wikimedia commons)

Staffelarbeiten: Kümpfel: Jugendbrigade der volkseigenen Güter (Ost-)Berlins bei der Feldarbeit; August 1950; Koblenz, Deutsches Bundesarchiv (Wikimedia commons)

Die Würde des Produzenten: Andreas (Portraitor): Näherin in Ruanda (Pixabay)

Die Muschelkonferenz: Paolo Porpora (1617 – ca. 1673): Stillleben mit Muscheln (Wikimedia commons)

Das Versöhnungsgespräch: Paul Gauguin (1848 – 1903): Der Markt (Ta matete, 1892); Kunstmuseum Basel (Wikimedia commons)

Das Spiegelprinzip: Beate Bachmann (Spirit111): Spiegelbild (Pixabay)

Der Palmweinkonvent: Feierliches Kavatrinken auf Tonga (Kava: Pflanze mit entkrampfender, leicht berauschender Wirkung);  aus: Buschan, Georg: Die Sitten der Völker: Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde, Abb. 48. Stuttgart  1914: Union Deutsche Verlagsgesellschaft.

Der Pulsschlag Gottes: European Southern Observatory: Tief im Herzen des Orionnebels; eso1625de-at (eso.org, 12. Juli 2016, Pressemitteilung: VLT-Infrarotaufnahme bringt unerwartet viele Objekte niedriger Masse zu Tage)

Die Interinsulare Polizei: Arnold Böcklin (1827 – 1901): Der Krieg (1896); Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister (Wikimedia commons)

Der Aussteiger: Paul Müller-Kaempff (1861 – 1941): Landschaft mit Mond; Unterlüß, Albert-König-Museum (Wikimedia commons)

 

 

Zu den Gesprächen mit Paula gibt es einen Begleitband mit vertiefenden Essays zu den einzelnen Gesprächen (Palmweinphilosophie, erhältlich als PDF und als E-Book).

Die Essays sind auch einzeln auf rotherbaron.com abrufbar und tragen folgende Titel:

1.  Geld und Besitzdenken. Wie die Geldwirtschaft unsere Psyche beeinflusst

2.  Arbeit und Mehrwert. Vorüberlegungen für eine menschenwürdigere Gestaltung des Entlohnungssystems

3.  Geistesgift Gier. Zur Genese und Bekämpfung ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse

4.  Der Gestank des Geldes. Zur Steuer(un)moral des Staates

5.  Das Gefängnis als Modell der Gesellschaft. Michel Foucaults Gefängniskritik und die Realität des Strafvollzugs

6.  Die Freiheit des Rasenmähenden. Lärm als verfassungsrechtliches Problem

7.  Volks- und Parteienherrschaft. Wie der Parteienstaat die Demokratie untergräbt

8.  Homo bestialis.Der Schlachthof als moralischer Offenbarungseid

9.  Todessehnsucht und Tötungsauftrag. Über einige Besonderheiten des Tötens im Krieg

10. Inneres und äußeres Wachstum. Die Paradoxie eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums

 

Wie ich Paula kennengelernt habe
Eine Halluzination?

 

Obwohl ich Paula nun schon seit mehreren Jahren kenne, ist mir noch immer vieles an ihr ein Rätsel. Wenn sie gerade nicht bei mir ist, frage ich mich manchmal sogar, ob ich mir ihre Existenz womöglich nur einbilde – ob es sich bei ihr also um ein reines Hirngespinst handelt, ein Trugbild, das meiner Phantasie entsprungen ist.

So ist es mir mit ihr im Grunde schon immer ergangen, vom ersten Augenblick unserer Bekanntschaft an. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, war ich gerade auf dem Weg zum Kiosk an der Ecke, um mir meine Morgenzeitung zu holen. Da kam mir Paula plötzlich auf der Straße entgegen.

Mit ihrem Wickelkleid, auf dem exotische Vögel in knallbunten Farben schrien, dem wie aus Ebenholz geschnitzten Gesicht, den dichten schwarzen Haaren, in denen das Sonnenlicht Funken zu schlagen schien, und ihren geschmeidigen Füßen, deren Glätte einen auffallenden Kontrast zu dem rissigen Asphalt bildete, wirkte sie so fremdartig auf mich, dass sie mir vorkam wie eine Halluzination.

Ich konnte die Augen nicht von ihr wenden, ihre Erscheinung fesselte meinen Blick – und so war es auch nicht weiter erstaunlich, dass Paula mich ansprach. "Sagen Sie", fragte sie mich mit dem getragenen Singsang, der all ihre Sätze durchzieht, "bin ich hier richtig in Europa?"

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich danach gebraucht habe, um den Mund wieder zuzuklappen, und ich erinnere mich auch nicht mehr daran, was ich schließlich geantwortet habe. Klar ist jedoch, dass ich ihre merkwürdigen Worte in der naheliegendsten, wohl einzig denkbaren Weise gedeutet habe – nämlich so, dass es sich bei ihr um eine illegale Einwanderin handle, die gerade irgendwo von einer finsteren Schlepperbande aus dem noch finstereren Bauch eines Lastwagens gestoßen worden sei. Diese Deutung war für mich natürlich auch insofern vorteilhaft, als sie mir dabei half, alle Hemmungen zu überwinden und Paula umstandslos zu mir nach Hause einzuladen.

 

Die Tarnkappeninsel

 

Die Begründung, die Paula mir dann für ihren seltsamen Auftritt bot, klingt noch heute wenig glaubwürdig in meinen Ohren. Sie lebe, erzählte sie mir, auf einer Südseeinsel, auf die noch nie ein Fremder seinen Fuß gesetzt habe. Wie es möglich sein kann, dass ihr Südseeparadies noch nicht von den Spähaugen der allgegenwärtigen Satelliten erfasst worden ist, konnte Paula mir nicht erklären.

Vielleicht liegt es ja daran, dass das zerklüftete Gestein, aus dem die Insel größtenteils bestehen soll, von oben wie gekräuselte Wellen aussieht. Möglicherweise gibt es auch eine ganz bestimmte Art von Strahlung ab, die sich wie eine Tarnkappe um die Insel legt und auf näher kommende Schiffe eine ähnliche Abstoßungswirkung hat wie ein gleichartiger Magnetpol für den anderen.

Jahrhundertelang, so stellte Paula es mir gegenüber dar, seien sie sich in ihrem kleinen Reich selbst genug gewesen. In letzter Zeit seien jedoch von den anderen Inseln in ihrer Umgebung, mit denen sie Handel trieben, beunruhigende Nachrichten zu ihnen vorgedrungen. Diese legten den Schluss nahe, dass die technische Entwicklung schon in naher Zukunft eine weitere Abschirmung ihrer Insel nach außen hin unmöglich machen würde.

So stellte sich die Frage, wie damit umzugehen wäre: Sollte man abwarten und darauf vertrauen, dass die bösen Vorahnungen sich nicht bewahrheiten würden? Oder war es vernünftiger, sich rechtzeitig auf den möglichen Kontakt mit dem Rest der Welt vorzubereiten?

Am Ende wählte man einen Mittelweg. Einerseits wollte man die Existenz der Insel so gut und so lange wie möglich vor dem Rest der Welt geheim halten. Selbst den Nachbarinseln wollte man weiterhin die genaue Lage der Insel verheimlichen. Zu deutlich hatte man die Entfremdung und die Zerstörungen vor Augen, die der Kontakt mit den Abenteuerreisenden, dieser Vorhut des Massentourismus, dort bewirkt hatte.

Andererseits beschloss man jedoch, eine Kundschafterin zu bestimmen, die jenseits der eigenen Grenzen völkerkundliche Studien betreiben und die "Terra incognita" näher in Augenschein nehmen sollte. Vielleicht könnte man dieser ja dadurch etwas von ihrem Schrecken nehmen und die Handlungsweise der Fremden – wenn sie denn eines Tages das Ufer der Insel betreten sollten – besser einschätzen.

Bei dieser Kundschafterin handelt es sich – wenn man ihren Worten Glauben schenken darf – um Paula. Nach einer Vorbereitungszeit, während der sie auf den Nachbarinseln Kontakte zu ausländischen Besuchern geknüpft und sich so langsam an die fremde Welt herangetastet hatte, hatte man sie schließlich mitten ins Auge des Orkans entsandt.

 

Paulas Geheimnisse

 

Eine schöne Geschichte – bei der allerdings doch einige Fragen offen bleiben. So ist mir beispielsweise unklar, wie Paula – wenn sie doch angeblich aus einer für andere nicht existenten Welt kommt – überhaupt die Grenzen anderer Länder hat überwinden können. Da sie anfangs weder über einen Pass noch über ein Visum verfügte, kann das im Grunde nur auf irgendwelchen Schleichwegen erfolgt sein.

Oder hat Paula hierfür vielleicht eine Scheinidentität angenommen? Hat sie womöglich gegenüber den Behörden eines anderen Landes so getan, als hätte sie ihren Pass verloren, um an ein offizielles Reisedokument heranzukommen?

Ich scheue mich, diesen Gedanken weiterzudenken. Denn in letzter Konsequenz zerrinnt Paula mir so vollends zu einer Schimäre. Wer garantiert mir denn, dass die Identität, die sie mir gegenüber annimmt, der Wahrheit entspricht? Muss ich nicht damit rechnen, dass sie sich auch hier eine Maske überstreift, um ihr Inkognito zu wahren? Ist am Ende vielleicht sogar ihre Insel eine pure Fiktion, die sie nur aufrechterhält, um mich als Sponsor für ihre Reisen – der ich mittlerweile geworden bin – zu behalten?

In der Tat ist meine Beziehung zu Paula in dieser Hinsicht ziemlich einseitig. Mit ihrer Geschichte von dem vollständig abgeschotteten Inselreich, diesem mitten in der Welt klaffenden Schwarzen Loch, zwingt sie mich dazu, sie nicht näher nach ihrer Herkunft zu befragen und diese, soweit ich etwas darüber weiß, auch gegenüber anderen im Dunkeln zu lassen.

So heißt Paula in Wirklichkeit gar nicht Paula, und sie stammt auch nicht – wie manch einer vielleicht schon gemutmaßt hat – von der Insel Palau. Noch nicht einmal ich weiß, wohin genau Paula reist, wenn sie mich nach ihren periodischen Besuchen wieder verlässt. Ich buche ihr lediglich einen Flug in die – gemäß ihren Angaben – ihrer Insel am nächsten gelegene Stadt. Wohin und wie sie von dort weiterreist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eben hierin liegt das Ungleichgewicht in unserer Beziehung: Ich bin Paulas Studienobjekt, das fremdartige Etwas, das sie mit ethnologischem Interesse seziert, während sie selbst nur so viel über sich und ihre Kultur preisgibt, wie ihr opportun erscheint – und selbst hierbei kann ich mir nie sicher sein, ob es sich nicht um pure Erfindung handelt.

 

Die Welt mit Paulas Augen sehen

 

Dennoch käme ich nie auf die Idee, die Beziehung zu Paula zu beenden. Ganz im Gegenteil: Ich bin fast schon süchtig nach ihrer Gegenwart, ich zähle die Tage bis zu ihrem nächsten Besuch, ich kann es kaum erwarten, dass die graue, paulalose Zeit wieder vorbei ist. Das liegt – ich gebe es zu – durchaus auch an Paulas exotischer Schönheit, an dem Südseehimmel, der mich aus ihren Augen anstrahlt, an der palmenhaften Anmut ihres Körpers. Vor allem aber ist ihre Anwesenheit für mich selbst immer wie eine Reise in eine andere Welt.

Wenn ich die Welt mit Paulas Augen sehe, kann ich aus dem Käfig meines Ichs ausbrechen, wie es mir sonst nur bei Reisen in ferne Länder möglich ist. Das ist, wie jede Reise ins Ungewisse, oft auch beschwerlich. Am Ende steht aber doch häufig ein Gefühl der Befreiung, wie wenn man sich an einem kühlen Augustabend doch noch dazu aufgerafft hat, ein Bad in einem von der Sommerhitze aufgewärmten See zu nehmen.

So habe ich mich dazu entschlossen, einige meiner Gespräche mit Paula aufzuschreiben, um auch anderen Paulas Blick auf unsere Welt zugänglich zu machen. Letztlich ist es ja auch ganz egal, wie viel Wahrheit in dem Bild steckt, das Paula von sich zeichnet. Indem ich davon erzähle, kleide ich es ohnehin wieder in eine andere Fiktion – eine Fiktion, die auf der Liebe zu der Fiktion beruht, die sie von sich selbst entwirft.

Die Egoismusfalle. Gespräch über Geld und Eigentum

 

Einfahrt in den Bauch der Erde

 

Paulas Besuche bei mir laufen immer nach einem bestimmten Muster ab. Am Anfang stürzt sie sich stets in das Stadtleben, als würde es sich dabei um eine ewige Party handeln. Ich muss dann stundenlang mit ihr um die Häuser ziehen und geduldig mitansehen, wie sie jeden Hund anspricht, jedem bunten Kleid hinterherstaunt und sich an den braun gebrannten Oberkörpern der Bauarbeiter ergötzt.

Besonders liebt es Paula, in den zahlreichen Kramläden zu stöbern. Nicht, dass sie dabei nach irgendwelchem Nippes suchen würde, den sie als Souvenir oder Mitbringsel mit nach Hause nehmen könnte. Was sie an den Läden fasziniert, ist vielmehr – so hat sie es mir einmal erklärt – die sich in ihnen offenbarende Vielfalt von Dingen, in denen der menschliche Geist Gestalt annehmen kann.

---ENDE DER LESEPROBE---