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In den Gesprächen mit Paula wird unser westlicher Alltag durch die Brille einer fiktiven Südsee-Schönheit betrachtet. Wer diesen verfremdenden Blick auf unsere Welt vertiefen möchte, findet in dem vorliegenden Band ein paar geistige Anregungen. Die Themen der Essays entsprechen denen der einzelnen Gespräche mit Paula.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Rother Baron:
Palmweinphilosophie
Begleitband mit Essays zu denGesprächen mit Paula
Über dieses Buch:
In den Gesprächen mit Paula wird unser westlicher Alltag durch die Brille einer fiktiven Südsee-Schönheit betrachtet. Wer diesen verfremdenden Blick auf unsere Welt vertiefen möchte, findet in dem vorliegenden Band ein paar geistige Anregungen. Die Themen der Essays entsprechen denen der einzelnen Gespräche mit Paula.
Über den Autor:
Rother Baron wurde 2012 im Netz geboren, wo er auch heute noch in seiner Blog-Hütte lebt und arbeitet. Es kursieren Gerüchte über einen Zwilling von Rother Baron, der in dem Paralleluniversum lebt, das man“ analoge Welt“ nennt. Aber diesen Gedanken findet Rother Baron so gruselig, dass er es vorzieht, sich nicht damit zu befassen. Immerhin steht es jedem frei, ihn in seiner Netz-Welt zu besuchen (www.rotherbaron.com).
© LiteraturPlanet, 2021
Im Borresch 14
66606 St. Wendel
www.literaturplanet.de
Cover-Bild: Paul Gauguin (1848 – 1903): Conversation (Les Palau Palau, 1891); Sankt Petersburg, Eremitage (Wikimedia commons)
Inhaltsverzeichnis der Gespräche mit Paula:
Wie ich Paula kennengelernt habe
Die Egoismusfalle. Gespräch über Geld und Eigentum
Staffelarbeiten. Gespräch über Arbeitsteilung und Lohnpyramiden
Die Würde des Produzenten. Gespräch über die Globalisierung
Die Muschelkonferenz. Gespräch über das Steuerrecht
Das Versöhnungsgespräch. Gespräch über das Strafrecht
Das Spiegelprinzip. Gespräch über Lärm und Freiheitsrechte
Der Palmweinkonvent. Gespräch über Wahlrecht und Parteien
Der Pulsschlag Gottes. Gespräch über Tierrechte und Religion
Die interinsulare Polizei. Gespräch über Krieg und Militär
Der Aussteiger. Gespräch über das Wirtschaftswachstum
Wir alle kennen bestimmte Themen, die uns ein Leben lang begleiten. Themen, auf die wir immer wieder zurückkommen. Themen, die wie ein Magnet sind, der alles anzieht, was auch nur im Entferntesten mit ihnen zu tun hat. Themen, die wie manche Pflanzen tief im Untergrund ein reiches Wurzelnetzwerk ausbilden und sich so mit allen anderen Themen verzweigen.
Für solche Themen ist ein Menschenleben im Grunde viel zu kurz. Nicht nur fördert der rastlose menschliche Geist ständig neue Erkenntnisse zutage – im Zeitalter des Internets sind diese auch viel leichter zugänglich als in den staubigen Zeiten der analogen Bibliotheken.
Und doch kann bei jedem Thema irgendwann das Gefühl entstehen, an ein Ende geraten zu sein. Natürlich ist das nur ein Gefühl: Was dem Wanderer im Tal wie die Mauern einer Sackgasse erscheint, offenbart sich beim Blick vom Gipfel über ihm oftmals als ein unbedeutendes Hindernis, das der Geist mühelos überfliegen kann. Und dahinter empfängt einen dann nicht selten eine ganz neue Welt, in der das scheinbar altbekannte Thema auf einmal in ganz neuem Licht erstrahlt.
Immer nur neue Wissenshäppchen zu sammeln, reicht eben auf die Dauer nicht aus. Manchmal muss man auch die Perspektive wechseln, um die Strukturen, in denen das Wissen über ein Thema angeordnet ist, aufbrechen zu können. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die erstarrten Muster der Wissensaneignung und-anordnung einen geistigen Stillstand vortäuschen, der nichts mit dem tatsächlichen Erkenntnisfortschritt zu tun hat.
Dies gilt im Übrigen für die individuelle genauso wie für die gesamtgesellschaftliche Ebene. Auch hier erschließt sich die ganze Bedeutung neuer Erkenntnisse oft erst durch einen Paradigmenwechsel. Die veränderte Sicht betrifft dabei sowohl unser ganz konkretes Bild der Welt als auch unser Weltbild im ideellen Sinn.
In die Kategorie des konkreten Weltbildes fällt natürlich zunächst unsere Vorstellung von der Gestalt der Erde und des Universums. Wie schwer es ist, hier einen vollständigen Perspektivenwechsel zu erreichen, zeigt unsere Sprache: Noch heute sprechen wir davon, dass“ die Sonne aufgeht“ – obwohl wir ganz genau wissen, dass diese Sichtweise auf einer Täuschung beruht und der Eindruck des“ Sonnenaufgangs“ in Wahrheit auf der Bewegung der Erde beruht.
Auch unsere Wahrnehmung des Universums passt sich nicht automatisch dem Erkenntnisfortschritt in der Astronomie an. Ganz im Gegenteil: Bis heute verstellen wir uns die freie Sicht auf das Weltall, indem wir einen Vorhang von Sternbildern davorhängen. Das chaotisch-dynamische kosmische Geschehen verschwindet so hinter einer Kinderzimmertapete mit Mustern, die uns in den Sternenkonstellationen nur Spiegelbilder unserer eigenen Wahrnehmungsgewohnheiten sehen lassen.
Zum Weltbild im konkreten Sinn gehört darüber hinaus auch unsere Sicht auf uns und unsere Stellung in der Welt. Auch hier legen die Erkenntnisse der medizinisch-biologischen Forschung einen radikalen Perspektivenwechsel nahe. Seit wir wissen, dass unser Wohlergehen von dem Gleichgewicht eines Mikrobioms aus Millionen von Mikroorganismen in unserem Darm abhängt, verbietet es sich im Grunde, vom einzelnen Menschen als von einem“ Individuum“ (also im Wortsinn dem“ Unteilbaren“) zu sprechen.
Nicht das, was wir als unser“ Ich“ wahrnehmen, ist die Grundeinheit des einzelnen Lebens, sondern die spezifische Mischung und Interaktion der Mikroorganismen, aus denen wir uns zusammensetzen. Daraus ergibt sich auch eine grundlegend neue Sicht auf unsere Stellung in der Welt. Statt von einem Nebeneinander aus“ Ich“ und“ Umwelt“ ist vielmehr von einem ursprünglichen Miteinander und im Grunde sogar von einer gegenseitigen Durchdringung der beiden von uns als getrennt wahrgenommenen Sphären auszugehen. Dies bedingt auch eine Radikalisierung des Umweltschutzgedankens, indem so noch deutlicher wird, dass jeder Schaden, den wir der Welt um uns zufügen, auch uns selbst unmittelbar betrifft.
Auch auf der Ebene des ideellen Weltbildes hat es in der Vergangenheit immer wieder geistige Entwicklungen gegeben, die einen vollständigen Perspektivenwechsel nahegelegt haben. Und auch hier sind wir dieser Anforderung nicht immer gerecht geworden.
So haben wir zwar das Zeitalter der Sklaverei hinter uns gelassen. Den Kerngedanken aller rassistischen Ideologie, wonach einige Menschen mehr wert und höher entwickelt seien als andere, haben wir jedoch noch immer nicht aus unserer geistigen DANN gelöscht. Nur manifestiert er sich in den Zeiten der Globalisierung eben nicht mehr in der unmittelbaren Versklavung anderer. Heute halten wir uns keine Sklaven mehr, profitieren aber stillschweigend davon, dass anderswo auf der Welt Arbeitgeber wie Sklavenhalter agieren und so unseren Wohlstand sichern.
Der Grund dafür, dass wir so etwas dulden, ist nicht nur unsere Bequemlichkeit. Vielmehr gründet auch diese wiederum auf bestimmten geistigen Voraussetzungen, durch die uns unser skandalöses Wegsehen nicht als solches zum Bewusstsein kommt. Die entscheidende Rolle kommt dabei auch hier der Sprache zu – oder genauer: den Wahrnehmungsmustern, die diese uns nahelegt.
Es hilft hier auch nicht, an der Oberfläche zu kratzen und bestimmte Zuschreibungen zu verbieten. Wenn Menschen mit heller Haut ihre Mitmenschen mit dunkler Hautfarbe nicht mehr als“ Schwarze“ etikettieren, führt das eben nicht automatisch zu einem wertschätzenden Umgang mit diesen. Dafür müsste man vielmehr in die Tiefe gehen und sich die intuitive Gleichsetzung von“ schwarz“ mit“ schmutzig“ und“ unheilvoll“ systematisch abtrainieren. Andernfalls bekommt die diskriminierende Praxis lediglich einen anderen Namen. Menschen, die dem racial profiling zum Opfer fallen oder auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, hilft es aber nichts, wenn ihnen nicht als“ Schwarzen“, sondern als“ Menschen mit Migrationshintergrund“ ihre fundamentalen Rechte und ihre Würde genommen werden.
Auch hier gilt also: Es ist einfach, von Demokratie und Menschenrechten zu reden. Diese Worte im Alltag mit Leben zu erfüllen, sie in allen sozialen Lagen und bei jeder Begegnung mit anderen zu beachten, ist aber weitaus schwieriger. Denn die schicken Schlagwörter werden dabei oft durch die Brille der unreflektierten, stereotypen Deutungsmuster ersetzt, die sich tief in unsere Sprache und damit in unser Denken eingegraben haben.
Auf der Ebene des konkreten Weltbildes lässt sich ein Perspektivenwechsel, der mit unseren theoretischen Erkenntnissen Schritt hält, nur schwer und in der Regel nur auf lange Sicht bewirken. Es bleibt uns hier kaum etwas anderes übrig, als uns bei Sonnen-„Aufgängen“ immer wieder selbst auf unsere trügerische Wahrnehmung hinzuweisen und uns so allmählich eine andere Sicht der Dinge anzugewöhnen.
Anders sieht es beim ideellen Weltbild aus. Hier können wir einen Perspektivenwechsel gezielt durch Verfremdungseffekte fördern – also dadurch, dass wir dem Bekannten und Vertrauten seine Selbstverständlichkeit nehmen und es wie etwas Unbekanntes, Unvertrautes anschauen. Das naheliegendste Mittel hierfür ist die Übernahme der Sichtweise eines Menschen aus einem anderen Kulturkreis. Dabei kann es sich um eine reale, aber auch um eine fiktive Person handeln. In letzterem Fall erfolgt der Perspektivenwechsel analog zu einer 3D-Brille, die einem ja ebenfalls den Filter einer fremden Wahrnehmung vor die Augen hält, ohne dass man sich auf Reisen begeben muss.
Dieses Mittels hat sich schon Montesquieu in seinen Lettres persanes (Persischen Briefen) bedient. In dem 1721 zunächst anonym veröffentlichten Briefroman schildern zwei persische Reisende ihren Landsleuten daheim die Verhältnisse im Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts aus ihrer Sicht. Das Werk erfüllte für Montesquieu den Zweck, politische, kulturelle und religiöse Praktiken seiner Zeit radikal zu hinterfragen, indem er sie aus der Perspektive von Menschen mit gänzlich anderen Gewohnheiten und Wertvorstellungen schilderte.
Einen ähnlichen Weg habe auch ich vor ein paar Jahren mit den Gesprächen mit Paula eingeschlagen. Die Unterhaltungen einer männlichen Person aus dem westlichen Kulturkreis mit einer weiblichen Besucherin von einer fiktiven Südseeinsel beleuchten jeweils zentrale Bereiche unseres politischen, kulturellen und sozialen Lebens aus dem Blickwinkel einer fremden Kultur.
Mein Ziel war es dabei zunächst, für meine eigenen Lebensthemen eine neue Perspektive zu gewinnen. So gesehen, war das Ganze eine Art Selbstversuch, unter der Fragestellung: Was kommt heraus, wenn ich meine Erkenntnisse zu einzelnen Bereichen bündele? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das jeweilige Handeln?
Daneben zielten die Gespräche mit Paula aber natürlich auch darauf ab, anderen eine neue Perspektive auf ihr Denken und Handeln zu eröffnen, indem das scheinbar Selbstverständliche seiner Selbstverständlichkeit entkleidet wurde. Hierfür war von Anfang an auch vorgesehen, die einzelnen Gespräche durch Links und weitere Lektüreempfehlungen zu ergänzen. Wer durch das Lesen der Unterhaltungen Geschmack am Perspektivenwechsel finden würde, dem sollte auch gleich eine kleine Menükarte für seinen geistigen Appetit angeboten werden.
Dieser ergänzende Teil zu den Gesprächen mit Paula hat sich dann allerdings rasch verselbständigt. Zu einigen Themen habe ich keine überzeugenden Links gefunden, in anderen Fällen hielt ich ein paar ergänzende Anmerkungen für notwendig. So haben sich die geplanten Kurzkommentare allmählich zu eigenständigen Essays ausgewachsen. Diese führen heute ein eigenes Leben im Internet, das sich nicht immer mit dem der Paula-Texte berührt.
Vielleicht ist das ja sogar gut so. Denn ist es nicht das Vorrecht der Literatur, Dinge in der Schwebe zu lassen – im Gegensatz zu Essays, die mit ihrem Zwang zur sachlogischen Argumentation viel klarer Stellung beziehen müssen? Beschneidet das kommentierende Essay die Freiheit der Lesenden nicht zu stark?
Diese Einwände haben fraglos Gewicht. Ich habe deshalb auch davon abgesehen, die Paula-Texte mit den ergänzenden Essays in einem Band zu vereinen. Der Versuchung, der literarischen Einheit eine essayistische an die Seite zu stellen, habe ich aber dennoch nicht widerstehen können.
Der Grund dafür ist nicht nur, dass die Texte auf diese Weise leichter auffindbar sind. Vielmehr wird so auch einem Ungleichgewicht entgegengewirkt, das sich aus der Struktur der Paula-Texte ergibt. Denn anders als in Montesquieus Lettres persanes, die das Eigene durchgehend aus einer fremden Perspektive beschreiben, entstammt in den Gesprächen mit Paula der Erzähler dem westlichen Kulturkreis. Er gibt zwar die fremde Sicht auf seine Kultur unverfälscht wieder, kommentiert sie jedoch auch immer wieder und stellt ihr seine eigene Sicht der Dinge gegenüber. Seine Argumente mögen mitunter stichhaltig sein, können aber auch schlicht auf der Unfähigkeit oder dem Unwillen beruhen, die fremde Perspektive ernst zu nehmen.
So sollte diesem Erzähler mit einem gesunden Misstrauen begegnet werden – umso mehr, als er von eben jenem scheinbar gesicherten Boden aus argumentiert, auf dem auch seine Leser stehen. Die Begleitessays erfüllen vor diesem Hintergrund die Funktion einer Art von Argumentesammlung, aus der man sich für einen imaginären Dialog mit dem Erzähler bedienen kann.
Gespräche und Essays können sich so gegenseitig ergänzen – müssen es aber nicht. Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er nur die literarische, nur die essayistische oder hier und da auch eine Mischung aus beiden Perspektiven einnehmen möchte.
Ohnehin sind die Texte in mancherlei Hinsicht nur Eintrittstore in das Meer jener Fragen, auf die es keine endgültigen, allgemeinverbindlichen Antworten gibt. Der menschliche Geist balanciert auf den Wellen dieses Meeres wie ein übermütiger Surfer, der sich auf die offene See hinauswagt. Einen Strand wird er nur als Schiffbrüchiger erreichen – und er wird ihn sich selbst aufschütten müssen.
Geld entwickelt sich immer mehr zu einem Mysterium. Es ist immer da, es prägt unseren Alltag, es bestimmt unser Leben – aber wir können es weder sehen noch seine Eigendynamik verstehen oder gar beherrschen. Was macht das mit uns?
Geld ist für uns etwas Selbstverständliches. Es ist ganz normal für uns, Geld auszugeben oder einzunehmen, Geld zu besitzen oder zu verlieren, Geld zu horten oder zu verteilen.
Dabei setzt all das implizit etwas voraus, das es so de facto schon lange nicht mehr gibt: Geld als konkretes, im Wortsinn“ greifbares“ Etwas, in dem wir uns aalen können wie Dagobert Duck in seinem Tresor-Bassin.
Münzen und Papiergeld werden durch die Kreditkartenwirtschaft schon seit Jahrzehnten zurückgedrängt. Verstärkt wird dieser Trend nicht nur durch den Online-Handel. Auch Regierungen haben ein Interesse daran, elektronische Geldtransfers zu fördern. Denn hierdurch lässt sich Geldwäsche besser bekämpfen und können allgemein die Geldströme besser überwacht werden – was das Schließen von Steuerschlupflöchern naturgemäß erleichtert. Zuletzt hat die Corona-Krise dem analogen Geld auch noch das Stigma der Virenschleuder verpasst, was den Trend zum elektronischen Geldtransfer abermals beschleunigt hat.
Wenn nun aber das Geld immer weniger fassbar ist, treten auch seine abstrakten und irrationalen Aspekte stärker in den Vordergrund. So erscheint es sinnvoll, sich einmal ganz dumm zu stellen und gewissermaßen von außen zu betrachten, was wir eigentlich genau mit dem Geld machen – und was das Geld dabei mit uns macht.
Bereits lange vor den großen Finanzkrisen des 20. Und 21. Jahrhunderts hat der Soziologe Georg Simmel eine fundierte Analyse der Geldwirtschaft vorgelegt. In seinen Überlegungen zur“ Psychologie des Geldes“ (1889) würdigt er zunächst die Erleichterung des Tauschhandels, die sich aus der Existenz eines allgemein anerkannten Tauschmittels ergebe. Nur indem jedem beliebigen Ding im Medium des Geldes ein neutraler Wert zuerkannt werde, sei es möglich, Dinge aus verschiedenen Sphären vergleichbar zu machen und sie so miteinander zu verrechnen (vgl. Simmel 1889: 49 ff.; vgl. auch Simmels ausführliche Analyse von Geld und Geldwirtschaft aus dem Jahr 1900).
Auf der anderen Seite führt eben die Tatsache, dass das Geld die Wertigkeit der verschiedensten Dinge anzeigt, dazu, dass sein Charakter als bloßes Tauschmittel sukzessive in den Hintergrund tritt. Stattdessen erscheint das Geld zunehmend selbst als Zweck, auf den das Handeln ausgerichtet ist. Man hortet oder vermehrt es um seiner selbst willen und nicht, um es, seinem Charakter als Tauschmittel gemäß, für den Erwerb anderer Dinge oder Dienstleistungen einzusetzen. Im Extremfall führt die Geldwirtschaft dann ein von der Realwirtschaft abgekoppeltes Dasein. Welchen Schaden dies Letzterer zufügen kann, hat überdeutlich die 2008/09 ausgebrochene Finanz – und Wirtschaftskrise gezeigt, deren Folgen bis heute noch nicht überwunden sind.
Gleichzeitig verändert das Geld aber auch unseren Blick auf die Dinge, deren Wert wir mit diesem Tauschmittel taxieren. Sie erscheinen uns nun oft nicht mehr aufgrund des objektiven Nutzens, den sie für uns haben, erstrebenswert, sondern lediglich aufgrund des hohen Wertes, der ihnen über das Medium des Geldes zugeschrieben wird. So werden Uhren oder Weine zu Spekulationsobjekten und Antiquitäten zu bloßen Demonstrationsobjekten für den Reichtum des Besitzers.
Umgekehrt werden Dinge auch im Falle eines objektiv feststellbaren Nutzens gering geschätzt, wenn sich mit ihnen kein Geld“ machen“ lässt. So zählt etwa in einer zivilisierten Gesellschaft, in der die Subsistenzwirtschaft nur noch als Hobby fortbesteht, eine fruchtbare Wiese weniger als ein karges Brachland in der Stadt, das sich als Spekulationsobjekt eignet.
Auch die Angst vor dem Verlust von etwas, das ich besitze, ist so leichter zu verstehen. Denn sofern ich dieses Etwas über das Tauschmittel des Geldes erworben habe, ist es über die Tauschketten, die schließlich zu seinem Erwerb geführt haben, ja auch mit zahlreichen anderen Dingen, die ich früher einmal besessen habe, verbunden. Bei dem Besitz geht es mir also nicht nur um das konkrete Ding, sondern um die Summe aus in Besitztiteln ausgedrückten Ansprüchen, die ich mir im Laufe der Zeit erworben habe. Der Verzicht auf einen Teil des Besitzes affiziert so stets den Besitz in seiner Gesamtheit.
So zwingt uns die Geldwirtschaft, unser Streben dauerhaft auf den Erwerb und Erhalt von materiellen Besitztümern zu richten. Psychologisch gesprochen, legt sie uns also auf eine“ Objektwahl auf narzisstischer Grundlage“ (Freud 1917: 435; vgl. Rank 1911/1914) fest und hält uns so davon ab, nach geistigen, nicht mit Geld messbaren Befriedigungen zu streben.
Angesichts der Tatsache, dass das Geld sich faktisch wie ein zusätzliches Bedeutungsnetz über unsere Welt legt, die Dinge seinen Wertmaßstäben unterwirft und sie eben dadurch miteinander verknüpft, kommt ihm nach Simmel fast schon die Funktion einer Ersatzreligion zu. Wie der“ Gottesgedanke (…) sein tieferes Wesen“ darin habe,“ daß alle Mannigfaltigkeiten der Welt in ihm zur Einheit“ gelangen und er so“ Frieden und Sicherheit“ vermittle, sei“ das Geld der Gott unserer Zeit“:
„Das tertium comparationis ist das Gefühl von Ruhe und Sicherheit, das gerade der Besitz von Geld im Gegensatz zu allem sonstigen Besitz gewährt und das psychologisch demjenigen entspricht, welches der Fromme in seinem Gott findet“ (Simmel 1889: 65).
In der kapitalistischen Ökonomie verdichtet sich die Bedeutung des Geldes noch einmal durch das Prinzip des Mehrwerts, dem hier alle gesellschaftlichen Sphären unterworfen werden. Demnach wird nur jenen Produkten und Tätigkeiten ein hoher Wert zuerkannt, mit denen sich am Markt ein bedeutender Mehrwert generieren lässt. Dies führt logischerweise dazu, dass der gesamte reproduktive und fürsorgerische Bereich, also beispielsweise Kindererziehung oder Altenpflege, weniger zählt als etwa der der Börsenspekulation, wo sich das Kapital rasch vermehren lässt.
Die im Medium des Geldes ausgedrückte Wertschätzung der einzelnen Tätigkeiten färbt dabei auch auf die Personen ab, die diese ausüben. So wird der prominente Fußballspieler, der als Garant für den Wachstumsmarkt seines Sports fürstlich entlohnt wird, auch als moralische Instanz nachgefragt und entsprechend in den öffentlichen Diskurs einbezogen. Der mittellose Philosoph, der sich als Taxifahrer durchschlägt, wird dagegen für seine scheinbare Lebensuntüchtigkeit belächelt.
In der Kombination von Geldwirtschaft und kapitalistischer Ökonomie unterwirft die Herrschaft des Geldes uns der sozialdarwinistischen Ideologie des“ survival of the fittest“. Denn im konkreten wie im übertragenen Sinn wertgeschätzt wird hier ja nicht derjenige, der sich anderen zuwendet, der sich durch die Sorge um und für andere auszeichnet, sondern derjenige, der andere aussticht und sich gegen sie durchsetzt, derjenige, der seinen Vorteil auf Kosten anderer erzwingt, derjenige, der frei von allen Skrupeln den höchstmöglichen Preis für die von ihm erbrachte Leistung erzielt, unabhängig von dem konkreten Nutzen für andere.
Laut einer zuerst 1776 von Adam Smith ausformulierten Theorie kommen die egoistischen Aktivitäten der Einzelnen allerdings durchaus auch der Gemeinschaft zugute. Denn deren Streben nach dem größtmöglichen persönlichen Vorteil entfaltet angeblich eine Dynamik, die auch das Wohl aller anderen befördert.
Dem stehen zwar die ausbeuterischen Verhältnisse im Frühkapitalismus und in den Niedriglohn-Filialen heutiger global agierender Unternehmen entgegen.
