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"Gestatten, Covidiot" ist ein Tagebuch in ungewöhnlichen Zeiten - in Zeiten von Corona. Ein Tagebuch in Form von Leserbriefen. Es ist ein Einblick in eine Zeit, die nicht nur das Leben der Autorin auf den Kopf gestellt hat. Und das immer noch tut. Es ist ein Versuch, mit diesen Zeiten klar zu kommen und Stellung zu beziehen - gegen den herrschenden politischen Strom, für Vernunft und Verhältnismäßigkeit.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
Rückblende I
Rückblende II
Rückblende III
Rückblende IV
Rückblende V
Rückblende VI
Rückblende VII
Rückblende VIII
Rückblende IX
Rückblende X
Gegenwart
Die Leserbriefe
Nachwort
Ich heiße nicht Viktoria Lechner.
Der Rest ist leider keine Fiktion.
Samstag, 13.03.21 – fast ein Jahr, dass der politische Corona-Wahnsinn mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat, so langsam muss ich leider sagen: komplett ruiniert trifft es eher.
Ich sitze in meinem Geburtsland gerade – trotz negativen Coronatests – noch bis 24.03.21 in Quarantäne. Warum? Bin ich ein Schwerverbrecher? Nein, aber ich habe meinen Hauptwohnsitz in Tirol. Das reicht. Ach ja, und ich bin »nicht-systemrelevant«. Daher darf ich hier auch nicht mehr arbeiten, jedenfalls aber darf ich das nicht mehr pendelnderweise tun. Was für ein menschenverachtender Begriff: »nicht-systemrelevant«. Die Sprache ist überhaupt das Übelste und Verräterischste in diesem Jahr: »Absonderungsbescheid«, »Lebensgefährder«, »aktiv positiv« (auf die Definition von »passiv positiv« warte ich immer noch).
Ich versuche, mich an den Samstag vor fast genau einem Jahr zu erinnern: 14.03.20. Das depperte RKI hatte schon vor einer Weile Italien zum Risikogebiet erklärt. Was für ein Wahnsinn. Wie die ganze Chose wohl verlaufen wäre, wenn diese Idioten (doch, in einem Staat, in dem Maßnahmenkritiker mit dem freundlichen Begriff »Covidiot« belegt werden und eine Diskussion schon lange nicht mehr stattfindet, falls sie denn jemals stattgefunden hat, werde ich mir diesen Begriff nicht verkneifen) das gelassen hätten? Es ist müßig, darüber zu spekulieren – ein Jahr später sind wir nämlich immer noch nicht weiter – im Gegenteil, das Risikogebietsspielchen wurde inzwischen erweitert um die Varianten »Hochrisikogebiet« und »Virusmutationsgebiet«.
Ach, und ehe ich es vergesse: Hier in Bayern sind die meisten Schulen zu, fast der komplette Einzelhandel, die Gastronomie sowieso schon ewig (außer für Außer-Haus-Verkauf), Kultur Fehlanzeige, aber die neueste Nachricht: Wir dürfen zu Ostern dank des RKI und seiner Handlanger ohne Quarantäne nach Mallorca. Das ist nämlich von der Risikogebietsliste runtergenommen worden. Wie heißt das neudeutsch? Burner – darauf habe ich echt gewartet. Solche Entscheidungen bringen das Leben doch echt wieder ins Lot. Ich bin unfair und selbstgerecht: Alle, die für TUI und Konsorten arbeiten, freuen sich wahrscheinlich riesig. Und ich gönne es ihnen.
Aber zurück zum 14.03.20: Ich sitze auf dem Sofa und facebooke so rum, da kommt die Nachricht rein: Das RKI hat Tirol zum Risikogebiet erklärt. Ich stehe senkrecht. Kollegen, die vor einer Weile aus dem Italienurlaub kamen, waren schon – analog der Regelungen der Landeshauptstadt München – für 2 Wochen freigestellt worden, Gottseidank mit Bezahlung. Hektische Mail an den Personalchef und meine Chefin: Kann leider am Montag nicht kommen. Ich google mich durch die Infos: Pendler sollen von der Sperre ausgenommen sein (damals wurde noch nicht zwischen systemrelevant und nicht-systemrelevant unterschieden; weit haben wir es gebracht in einem Jahr). Zweite hektische Mail an den Personalchef und meine Chefin: Halt, ich komme doch. Die zweite üble Nachricht folgt für mich als Nur-Öffi-Nutzer auf dem Fuße: Der grenzüberschreitende Zugverkehr zwischen Kufstein und Bayern ist mit sofortiger Wirkung eingestellt. Dritte hektische Mail an den Personalchef und meine Chefin: Halt, es könnte aber etwas dauern, bis ich da bin. Muss einen alternativen Transport organisieren.
Die Rückmeldung meines Arbeitgebers kommt relativ schnell: Bleiben Sie zu Hause, Sie sind 14 Tage freigestellt. Ja, aber ich bin doch Pendler? Ich dürfte doch? Egal, wir können Sie gerade eh nicht brauchen, wir werden wahrscheinlich auch komplett geschlossen werden, nicht nur der Kursbetrieb. Bleiben Sie zu Hause.
Ein Gefühl der absoluten Nutzlosigkeit macht sich breit.
Ein Gefühl, das mich 11 Monate nach diesem Tag wieder einholt: Tirol wird Virusmutationsgebiet – und dieses Mal ist alles noch viel schlimmer: Pendler sein reicht nämlich nicht mehr, ohne Systemrelevanz bist Du – ja, eben nicht mehr relevant.
Und damals schon die Gedanken, die ein Jahr danach immer noch die gleichen sind – weil die Politik nicht ein Jota dazugelernt hat – im Gegenteil: Was bitte bringt das für die Bekämpfung dieser Krankheit? Bin ich tatsächlich gefährlicher als jemand, der 4 Kilometer weiter auf der »richtigen« Seite der Grenze wohnt?
Ein paar Tage später werden die nächsten Gerüchte wahr – und alles noch ein wenig schlimmer: Österreich geht in den Lockdown. Mir bleibt die Luft weg; kein Zug, kein nix, keine Arbeit. Ich muss hier weg.
Im Rückblick ging das damals noch erstaunlich einfach – abgesehen von einem sehr korrekten deutschen Grenzer an der Bundesstraße nach Kiefersfelden.
Samstag, 10.04.21: Inzwischen ist auch Ostern 2021 schon vorbei – gab es wirklich Leute, die geglaubt haben, nach Ostern 2020 käme alles wieder ins Lot? Ja, die gab es – und es sind die gleichen, denen wir verdanken, dass wir ein Jahr weiter eben genau das nicht sind: Weiter.
Heute überall schon wieder die Diskussion um Schulen und Schulschließungen. München entblödet sich nicht – weil die Inzidenzen schon wieder steigen und das ganze Hin und Her ja nichts sei – der Staatsregierung einen Vorwurf für die Öffnung nach Ostern zu machen. Hauptsache, man selbst hat den schwarzen Peter vom Tisch. Herrgott nochmal, wenn das ganze Hin und Her nichts ist (womit ich euch recht) gebe, dann tut das, was ihr die ganze Zeit hättet tun sollen: Macht die Schulen auf – und lasst sie offen.
Ich muss hier weg.
Im Rückblick ging das damals noch erstaunlich einfach – abgesehen von einem sehr korrekten deutschen Grenzer an der Bundesstraße nach Kiefersfelden.
März 2020:
Ich sitze auf der Chaiselongue und recherchiere nach Wohnungen in Deutschland. Will ich mir wirklich wieder »Gepäck« aufhalsen in einem Land, das ich vor noch nicht mal 2 Jahren aus guten Gründen verlassen habe? Nein, will ich eigentlich nicht, aber das Gefühl, abgeschnitten zu sein, ist unerträglich.
Lockdown.
Ich beschließe, über die Grenze zu fahren und in Bayern unterzuschlüpfen. Damit wäre ich zumindest für die Arbeit wieder auf der »richtigen« Seite der Grenze. »Auf der richtigen Seite der Grenze« – zwei Tage »echter« Lockdown und es geht schon an die Existenz. Dass es ein Jahr später noch viel schlimmer ist, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich packe meine Sachen – mit dem Gefühl: ich weiß nicht, wann ich wiederkomme. Krisenzeiten.
Taxi – nein, nicht nach Paris, nach Kiefersfelden. Ging übrigens noch ohne Coronatest. An dem Tag scheitert es aber an einem überkorrekten Grenzer mit umgehängter Waffe. Wo sind wir hier – im Krieg? Und es gibt auch schon die besonders Systemtreuen – wie schnell das geht. Kiefersfelden ist für den Verkehr geschlossen. Aber wenn ich jetzt aus dem Taxi steige, könne er mich doch zu Fuß rüber lassen? Nein, kann er nicht und wird er nicht und überhaupt. Jawohl, danke Herr Hauptmann (oder was auch immer).
Ok, weiter nach Niederndorf / Oberaudorf. Und guck, so geht es auch: Sie sind Deutsche? Ja, ich will in mein Geburtsland. Durchgewunken, Personalausweis wollte er gar nicht so genau sehen.
Bahnhof Kiefersfelden. Durfte man damals wirklich noch ohne Maske in den Zug? Ich erinnere mich nicht mehr wirklich. Der Mensch sollte nicht so schnell vergessen – das hülfe. Beim Erhalten der Freiheit. Und auch sonst.
Ich sitze also im fast menschenleeren Zug. Auch der Bahnsteig hatte mit seinen paar Menschen schon was von Twilight Zone – Bahnhofsgaststätte: geschlossen. Für wie lange: damals nicht vorstellbar (heute auch noch nicht). Rosenheim – Umsteigen und nochmal umsteigen: Halt: ein oberbayerisches Dorf – meine ganz alte Heimat.
Freitag, 19. März 2020: Söder verkündet, dass auch Bayern in den Lockdown geht. Vom Regen in die Traufe. Ich schlage meine Zelte trotzdem auf (dank freundlicher Unterstützung kann ich das) und harre der Dinge, die da kommen. Oder besser gesagt: die nicht kommen. Ich hatte mir meinen Laptop in den Rucksack gepackt und dank weiterer freundlicher Unterstützung kann ich am nachbarlichen WLAN partizipieren. Allein: mein Arbeitgeber kann mich nicht brauchen: »Die Kollegen sind froh, wenn sie was zu tun haben, Sie sind freigestellt«.
Nach ein paar Tagen nimmt die Sehnsucht nach Tirol überhand – Lockdown hier, Lockdown da. Macht es einen Unterschied? Dahoam is dahoam – auch wenn es das erst seit 2 Jahren ist. Rolle rückwärts: Zug – Umsteigen – Rosenheim – Umsteigen – Oberaudorf. Taxi nach Kufstein. An der Grenze: Kein Coronatest, klingt nach einem Jahr wie ein Märchen aus uralten Zeiten, und die Meldebestätigung reicht. Aber: Auch bei den österreichischen Grenzbeamten ist Krieg. Schwerbewaffnet stehen sie am Taxifenster. Wo bin ich hier?
Wo bin ich hier?
Immer noch März 2020:
Ich bin tatsächlich wieder zu Hause. Nach etwas mehr als einer Woche. Aber mit einem Gefühl, als wäre ich Jahre weg gewesen. Die Welt auf den Kopf gestellt. Geschlossene Grenzen. Kein Zugverkehr.
Ja, seid ihr denn alle irre?
Macht ein Virus an der Grenze Halt?
Ich habe viel Zeit – ich bin ja freigestellt. Ich lese, ich recherchiere, ich gucke. Ich kann es nicht fassen: Schulschließungen, warum ausgerechnet Schulschließungen? Warum überhaupt einen Lockdown?
Nachrichten aus Italien: die Leute sterben in Alten- und Pflegeheimen. Warum schützt ihr dann nicht dort? Warum macht ihr alles zu? Sie sterben auch in den Intensivstationen und Krankenhäusern, aber woran liegt das wirklich? Am Virus? An schlecht ausgestatteten Krankenhäusern, die aufgrund der Quarantäne-Vorschriften auf einmal noch weniger einsatzfähiges Personal haben als sowieso schon. Die Leute sterben auf Intensiv. Sterben dort mehr als sonst? Ich erinnere mich an einen Artikel, vor Jahrzehnten gelesen, in dem es um die – kulturspezifische – Behandlung von Krankheiten ging. Auch Medizin ist nicht objektiv, jedenfalls nicht so objektiv wie sie tut. Hatte ich darin nicht gelesen, dass in Italien mehr künstlich beatmet wird als im übrigen Europa? Oder bilde ich mir das jetzt nur ein? Trotzdem der Gedanke: Hoffentlich machen wir den Italienern jetzt nichts Falsches nach.
Doch, wir tun es. Monate später ein Zeitungsartikel über ein deutsches Krankenhaus, in dem man versucht, die künstliche Beatmung so weit wie möglich zu vermeiden. Warum macht das keine großen Schlagzeilen? Später macht es ein paar: Dem leitenden Arzt wird widersprochen. Aha, und wo bleibt eure Erfolgsquote, liebe Widersprecher?
Die Medizin, Dein Freund und Helfer. Oder doch eher: Helfershelfer? Ich finde auf der Seite des RKI den Satz, der mich durch diese Pandemie begleitet – und der mich immer noch fassungslos lässt:
»Sowohl Menschen, die unmittelbar an der Erkrankung verstorben sind (»gestorben an«), als auch Personen mit Vorerkrankungen, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren und bei denen sich nicht abschließend nachweisen lässt, was die Todesursache war (»gestorben mit«) werden derzeit erfasst.«
Das ist nicht euer Ernst? Ist das euer Ernst? Und damit begründet ihr diese Wahnsinnsmaßnahmen? Ihr wisst noch nicht mal sicher, an was die Leute gestorben sind, aber es wird erstmal alles mitgezählt?
Ja, seid ihr denn alle irre?
Frühjahr 2020: Homeoffice, ich darf wieder arbeiten, auch wenn wir zu haben. Es gibt noch nicht sehr viel zu tun, keiner weiß, wie es weitergeht. Mein guter Vorsatz der vergangenen Jahre, den ich auch durchgehalten hatte (regelmäßiges Spazierengehen) bröselt sich so langsam weg. Und wenn ich nach draußen gehe, ist es wie am Bahnhof Oberaudorf vor einiger Zeit: Twilight Zone – die Folge, in der jemand durch eine komplett menschenleere Stadt geht, die sich am Ende als Spielzeugstadt erweist, überwacht von Riesen.
Gut, gelegentlich trifft man jemanden – und im Supermarkt ist immer was los. Die letzte Anlaufstelle für zwischenmenschliche Begegnungen neben dem Bäcker ums Eck. Es wird desinfiziert, was das Zeug hält – sogar dort, wo man die Einkaufswagen rausnimmt, ist jemand abgestellt, die Griffe zu besprühen (Zeitsprung: Warum macht das eigentlich ein Jahr später keiner mehr? Weil sinnlose Maßnahmen mehr hermachen als sinnvolle?).
Ich fange an, ernsthaft nach einer Bleibe in Deutschland zu suchen. Kein grenzüberschreitender Zugverkehr? Für jemanden ohne Auto eine Katastrophe. Das geb‘ ich mir nicht nochmal. Und: mal wieder keine Ahnung, wie viel schlimmer es noch kommen sollte.
Seit ein paar Wochen habe ich eine Pendlerbescheinigung – ein Zettel mit einem grünen Rand und der Bestätigung des Arbeitgebers, dass ich »zwischen Wohnung und Arbeitsstätte über die bundesdeutsche Grenze pendeln muss«. Ein Stück Papier, so wertvoll wie Gold. Und nicht vorstellbar, wie viel schlimmer es fast ein Jahr später noch kommen sollte. Und Jubel, seit 20.04.20 fährt auch wieder ein Zug. Ich fahre gelegentlich wieder in die Arbeit vor Ort – in einen fast menschenleeren Münchner Gasteig. Gelegentlich huscht eine Kollegin über den Gang, man unterhält sich kurz. Surreal. Die ersten Politikerbekundungen: Wir werden nie wieder Grenzen schließen, wir haben gelernt. Was sie wirklich gelernt haben, werde ich ein knappes Jahr später erfahren. Der Mensch sollte nicht so schnell vergessen – das hülfe. Beim Erhalten der Freiheit. Und auch sonst.
Die Arbeit wird langsam wieder mehr, wir müssen unsere Kurse absagen, Kursgebühren zurückzahlen, Teilnehmer informieren.
Der Arbeitgeber macht einen Aufruf im Intranet: Senden Sie uns Fotos aus dem Homeoffice oder erzählen Sie uns, wie es Ihnen so ergeht.
Homeoffice hat Grenze(n)
Eigentlich muss ich ja derzeit über keine – der Weg zwischen Bett, Bad und Schreibtisch (mit Zwischenstopp an der Kaffeemaschine) läuft wie geschmiert. Aber nicht müssen ist was anderes als nicht können. Deutschland hat die Grenzkontrollen schon wieder verlängert. Wie lange und wie oft wohl noch? Immerhin hat Tirol keine Allgemeinquarantäne mehr – und der Zug fährt wieder bis Kufstein. Das tat er immer, man durfte aber nicht einsteigen. Nächster offener Grenzübergang: Oberaudorf. Ganz neue wichtige Begriffe: »triftiger Grund«. Ganz neue wichtige Dinge: ein Stück Papier mit grünem Rand – »Bescheinigung für Berufspendler« steht drauf. Wann ich wohl ohne so ein Papier wieder über die Grenze komme, ohne danach 14 Tage in Quarantäne zu müssen? Der kurze Weg zwischen Bett, Bad und Schreibtisch (mit Zwischenstopp an der Kaffeemaschine) ist ja ganz nett, aber ich wäre lieber wieder »analog« im Büro, nach einer Stunde Zugfahrt ohne Papier mit grünem Rand.
Ein Papier mit grünem Rand – noch habe ich keine Ahnung, wie glücklich ich mehrere Monate später wäre, ginge es noch (bzw. wieder) so einfach. Der Mensch vergisst zu schnell – und er gewöhnt sich zu schnell an Dinge, an die er sich nicht gewöhnen sollte. Einfach? Ist es einfach, wenn man mitten in der EU eine Pendlerbescheinigung braucht, um seiner Arbeit nachzugehen? Ach, die EU …
Irgendwann – nein, ziemlich bald – fange ich an, regelmäßig Leserbriefe zu schreiben. Es kann doch nicht sein, dass das alle so einfach hinnehmen: Schulschließungen, wozu? Lockdown, wozu? Grenzschließungen, wozu? Die Leute in den Alten- und Pflegeheimen sterben trotzdem. Nein, sie sterben nicht trotzdem, sie sterben deswegen. Wir setzen die falschen Maßnahmen. Wo ist die Gegenwehr? Nirgends.
Ich muss etwas tun, also schreibe ich. Leserbriefe, kurz, knapp, fassungslos. Und mal wieder keine Ahnung, wie fassungslos ich noch werden werde im Laufe der Zeit.
Der Mensch hat keine Ahnung – und manchmal ist das gut so.
Irgendwann, als ich übers Web meine Mails abrufe, lösche ich versehentlich fast alle Briefe.
Ich habe sie auf dem Handy geschrieben – im Lockdown auf der Couch, als ich wieder pendeln darf, morgens auf dem Weg in die Arbeit. Nach dem Lesen von Zeitungsartikeln, Zeitungsartikel, die mich immer öfter immer fassungsloser zurücklassen.
Ich muss etwas tun – ich schreibe. Täglich. Es wird zur Routine, zu »meiner« »neuen Normalität«.
Gelöscht.
Egal, ich schreibe weiter.
Zum ersten Mal mit der Idee, nicht nur für den Tag, sondern für die Zukunft zu schreiben. Ob es wohl jemand lesen wird – irgendwann, wenn dieser Wahnsinn ein Ende hat? Falls dieser Wahnsinn ein Ende hat?
Egal, ich schreibe – jetzt.
Mittwoch, 28.04.21: Der Mensch vergisst zu schnell. Die Erinnerung an die Zeit zwischen 1. Lockdown und 30. November 20 ist eigenartig unscharf, um nicht zu sagen: nicht (mehr) vorhanden. Vielleicht ist es ja besser so? Nein, ist es nicht. Der Mensch vergisst zu schnell.
Erinnerungsfetzen:
Ich ziehe meine ungenutzte Nähmaschine aus dem Schrank, es herrscht Maskenpflicht, wenn ich mich recht erinnere, erstmal nur in den Supermärkten. Oder doch auch schon damals beim Bäcker und in der Trafik? Ich habe es vergessen.
Jeder fängt an, Masken zu nähen. Es gibt eine ganze Latte an Anleitungen im Internet. Ich kaufe (leicht illegal, denn eigentlich hat alles zu? Die Erinnerung verschwimmt) übers Internet Stoff und Gummi. Richtig: Das Abholen der Ware war dann schon illegal. Wir machen einen Termin aus, ich klopfe an der Ladentür, ein kurzer Gruß, mein Name und schnell werden Geld und Ware getauscht.
Spaziergänge durch die leere Stadt, auch abends – das Twilight-Zone-Gefühl verstärkt sich. Dennoch eigenartige Alltagserinnerungen – mussten zumindest die Verkäuferinnen bei meinem Bäcker ums Eck damals noch keine Masken tragen? Ich habe es vergessen. Es ist zu weit weg – ein Jahr, eine Ewigkeit, ein ganzes Universum.
Irgendwann im Juni fahre ich nicht nur gelegentlich ein- bis zweimal in der Woche, sondern wieder täglich in die Arbeit. Neustart bei meinem Arbeitgeber. Trotzdem ist alles anders. Die Züge sind leer. Sind sie leer? Oder sind sie das erst im Winter? Beim 2., 3. – wievielten eigentlich? – Lockdown? Ich habe es vergessen.
Sommer: Die Gaststätten haben offen, mit Abstand und Desinfektionsmittelständern am Eingang. Haben wir damals schon Registrierungspflicht? Nein, oder doch? Ich habe es vergessen. Doch, aber es geht noch nicht so genau. Ein Jahr, eine Ewigkeit, ein ganzes Universum. Irgendwann im Sommer wandere ich mit einer Freundin um den Hechtsee, danach gehen wir Pizzaessen. Die Sonne scheint. Fast eine Idylle, fast könnte man wirklich alles vergessen – wären da nicht die Masken auf den Gesichtern der Kellner und Kellnerinnen, die Masken, die auch wir uns überstülpen auf dem kurzen Weg aus dem Lokal zum Auto.
Ich habe mir wieder eine Wohnung in Deutschland gekauft. 1 Zimmer, Bad, Balkon. Irgendwann im fast normalen Sommer, kurz vor Herbstbeginn: Übergabe. Ich denke: Jetzt wird es einfacher, es wird jedenfalls nicht mehr so übel werden wie es war.
Bin ich naiv? Nein.
Aber ich denke, es gäbe noch so etwas wie gesunden Menschenverstand. Und Menschen (auch Politiker), die dazulernen wollen. Und denen es wirklich um Krankheitsbekämpfung geht. Das wird sich noch als Irrtum herausstellen.
September: Bei meinem Arbeitgeber beginnt die neue Saison. Kursanmeldung. Auf den Werbeplakaten steht groß: Neustart. Warum bin ich so skeptisch? Weil ich das schon bin, seit ich zum ersten Mal die Definition von »Corona-Toter« gelesen habe? Weil mir irgendetwas sagt, dass es noch nicht vorbei ist? Die Aussagen von Politikern, dass sie »gelernt« hätten. Schon zu oft gehört; auch vor Corona schon.
Freitag, 07.05.21: Der Wahnsinn, Runde 2.
Ein fast normaler Sommer also. Im Nachhinein ist man versucht zu fragen: Ob wir jemals wieder einen so normalen Sommer bekommen werden? Aber halt: nicht vergessen, er ist vieles, aber nicht normal: Wir tragen Masken, im Supermarkt, beim Bäcker, in der Trafik, in der Drogerie, im Bekleidungsgeschäft, im Restaurant. Händeschütteln ist damals schon ein Kapitalverbrechen, Umarmen – nur noch in der eigenen Wohnung, wehe, man würde dabei gesehen. Händeschütteln geht mir tatsächlich nicht ab, das fand ich schon immer überflüssig, Umarmen ist eine andere Geschichte.
Oktober: Bei meinem Arbeitgeber geht der Kursbetrieb los, aber schon ein paar Wochen später die ersten Anfragen von Dozenten (oh, Entschuldigung, das ist ja schon lange anders: es heißt Dozierende, wir gendern. Auch hier: ich habe noch keine Ahnung, wie übel auch das noch werden wird; aber das ist eine andere Geschichte, Petitesse am Rande – oder doch: Passend in die Zeit?): Was wir denn machen, falls wieder geschlossen wird? Könnte man nicht Online-Kurse machen?
Söder führt eine Testpflicht für Grenzpendler ein. Mal wieder: von jetzt auf gleich. Und ich flüchte ein zweites Mal nach Bayern in die Höhle des, ja, des was eigentlich? Merkel’schen Handlangers? Wohltäters der Menschheit? Künftigen Gesamtsstaatslenkers? Das ist damals noch nicht so offensichtlich wie es noch werden wird. Wüsste man immer, was noch passiert, was wäre dann? Würde ich noch hier sitzen und schreiben? Auch damals: eine Katastrophe für mich. Und ein weiteres Mal: Nicht die leiseste Ahnung, wie übel es noch werden würde.
Diesmal fährt der Zug noch. Oder, er fährt doch? Der Mensch vergisst zu schnell. Der Mensch sollte nicht so schnell vergessen – das hülfe. Beim Erhalten der Freiheit. Und auch sonst.
Hülfe es wirklich? Ich weiß es nicht, so wenig, wie ich weiß, was noch kommen wird.
Der Zug fährt. Kufstein, Rosenheim, Umsteigen. Diesmal kein oberbayerisches Dorf, sondern eine oberbayerische Kleinstadt in der Nähe des Dorfes: Altötting.
Flucht vor der Testpflicht. In eine leere Wohnung, in der Gottseidank die Küche schon eingebaut ist. In weiser Voraussicht habe ich ein paar Wochen zuvor (Intuition? Zufall? Befürchtung?) eine Matratze gekauft und Bettzeug. Wie lange es wohl diesmal dauern wird?
Samstag, 08.05.21: Der Wahnsinn – schleichend.
24.10.20: Ich stelle meinen Koffer in die Ecke und beziehe das Bett. Im Koffer: Kleidung, aber auch Lebensmittel und Besteck. Am Tag vorher noch ein kurzer Besuch in meinem Lieblingsgeschäft in Kufstein: Haushaltswaren. Neben dem Besteck noch einen Zwiebeltopf und andere Kleinigkeiten. Die Verkäuferin glaubt, das Besteck sei ein Geschenk und fragt, ob sie es einpacken soll. Ich erzähle ihr, wozu ich es brauche. Sie wünscht mir Glück.
Auch in Bayern gehe ich ein paar Tage später nochmal einkaufen: Töpfe, Teller, Brot, Wurst, Butter. Grundausstattung. Ein wenig so, als wäre man nochmal Student in der ersten eigenen Wohnung.
