Gesunder Pferderücken - Eva-Maria Sülzle - E-Book

Gesunder Pferderücken E-Book

Eva-Maria Sülzle

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Beschreibung

Die Rückentätigkeit ist ein grundlegender Meilenstein in der Pferdeausbildung, der ein Indiz korrekten und pferdefreundlichen Reitens darstellt. Aber wissen Sie, mit welchen einfachen Übungen Sie den Rücken Ihres Pferdes im Nu aufwölben können? Dieses Buch zeigt eine Vielfalt an Übungen auf, die dem Reiter zum Nachreiten dienen. Anhand verschiedener Übungen und Trainingstipps kann ein eigenes Trainingsprogramm für das Pferd zusammengestellt werden. Dabei ist es egal, ob das Pferd jung oder alt ist. Ziel ist die Gesunderhaltung des Pferdes aufgrund eines schwingenden Rückens, und dies betrifft jedes Pferd, welches einen Reiter trägt. Welche Grundvoraussetzungen ein Pferd erfüllen muss, um effektiv trainieren zu können, wird ebenfalls erläutert. Der Leser erfährt, wie er sein Pferd an die nötigen Hilfen gewöhnt. Doch bereits ein Minimum an Ausbildung genügt, um den Rücken des Pferdes zum Schwingen zu bringen. Erfahren Sie, wie es sich anfühlt, auf einem schwingenden Pferderücken getragen zu werden. Und erleben Sie, welche Freude und Motivation Ihr Pferd im Training entwickelt.

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Seitenzahl: 173

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Autorin und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.

Sicherheitstipps:

In diesem Buch sind Reiter ohne splittersicheren Kopfschutz abgebildet. Dies ist nicht zur Nachahmung empfohlen. Achten Sie bitte immer auf entsprechende Sicherheitsausrüstung: Reithelm, Reitstiefel/-schuhe und gegebenenfalls eine Sicherheitsweste beim Reiten.

IMPRESSUM

Copyright © 2016 by Cadmos Verlag, Schwarzenbek

Gestaltung und Satz: Pinkhouse Design, Wien

Titelgestaltung und Layout: www.ravenstein2.de

Coverfoto: Alison Marburger

Fotos im Innenteil: Alexandra Evang, Fotolia,

Alison Marburger, Neddens Tierfoto, Dirk Niemeier,

Christiane Slawik, Agnes Trosse

Illustrationen: Fotolia, Maria Mähler,

Pinkhouse Design, Agnes Trosse

Lektorat der Originalausgabe: Agnes Trosse

Konvertierung: S4Carlisle Publishing Services

Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

eISBN: 978-3-8404-6428-7

INHALT

(Foto: Agnes Trosse)

Vorwort

Ausbildung und Training?

Das Zusammenspiel der Hilfen

Ziele von Ausbildung und Training

Wofür ist das Pferderückentraining?

Das Pferd und sein Rücken

Das Pferd

Tragfähig oder nicht?

Anatomie und Physiologie

Verschiedene Rückenformen

Rückenprobleme und deren Auswirkungen

Was bedeutet „Über den Rücken gehen“?

Funktionale Anatomie des Pferderückens

Das Reitergewicht und die Rückentätigkeit

Die wichtigsten Rückenmuskeln

Wenn der Pferderücken schwingt

Das Trainingskonzept – Stufe 1

Die Losgelassenheit

Die Kopfhaltung

Stellungsarbeit

Die Dehnungshaltung

Verbesserung der Anlehnungsbereitschaft

Mobilisierung des Beckens

Bestimmung des Arbeitstempos

Das Trainingskonzept – Stufe 2

Positive Körperspannung herstellen

Muskelkraft entwickeln – Versammlung vorbereiten

Biegsamkeit

Cavaletti-Training

Geländetraining

Individuelle Trainingsplanung

Über dem Zügel gehen

Einrollen und falscher Knick

Das Pferd rennt

Stellung/Biegung ist zu einer Seite schwieriger

Das Rückwärtsrichten fällt schwer

Das Pferd fällt beim Parieren auf die Vorhand

Ausfallen oder Losrennen im Galopp

Allgemeine Steifheit

Profitipps für das Training

Monotonie vermeiden

Die magischen Zahlen 3, 7 und 13

Reitzeit ist nicht gleich Bewegungszeit

Adaptationszeiten beachten

Rahmenbedingungen optimieren

Schlusswort

Literaturverzeichnis

VORWORT

Auf diesem Bild sehen Sie mich, Eva Maria Sülzle, mit meinem Sohn Philipp und meinem aufgrund einer schlimmen Beinverletzung verstorbenen Pferd Cornetto, dem ich all mein heutiges Wissen verdanke. (Foto: Dirk Niemeier)

Vielleicht haben Sie dieses Gefühl schon einmal erlebt: Wie von Zauberhand scheint Ihr Pferd durch die Reitbahn zu schweben. Alles fühlt sich so leicht an. Sie sind eins mit Ihrem Pferd – was für ein wahnsinniger Moment! Doch wie genau haben Sie das geschafft? Haben Sie die Rückentätigkeit Ihres Pferdes bewusst herbeigeführt?

Nicht alle Reiter kennen den Weg zu einem schwingenden Pferderücken. Oft scheint es so, als ob der Zufall entscheide, wann sie die totale Harmonie mit dem Pferd erleben. Doch so muss es nicht sein! Mit diesem Buch möchte ich Ihnen Übungen vorstellen, die die Rückenmuskulatur Ihres Pferdes lösen, stärken und so eine gesunde Reitpferdemuskulatur fördern. Diese einfachen Übungen sind als Anleitung zum Nachreiten und Trainieren gedacht. Sie haben sich in meiner Rückenschule für Pferde bewährt. Viele Pferde mit unterschiedlichen Voraussetzungen oder Schwierigkeiten konnten so zu Losgelassenheit – einem Hauptkriterium der Ausbildungsskala – und damit zu optimaler Rückentätigkeit finden.

Reitweisenunabhängig eignet sich das Rückentraining für jedes Pferd in jedem Alter. Egal ob Freizeit- oder Turnierpferd, egal ob jung oder alt, das Ziel ist immer eine gesunde Rückenmuskulatur des Reitpferdes. In diesem Punkt sind sich alle Reitweisen einig: Das Pferd kann nur gesund bleiben, wenn seine Rückenmuskulatur frei ist von Spannungen. Steigern Sie von nun an das Wohlbefinden und die Gesundheit Ihres Pferdes durch ein regelmäßiges, durchdachtes Training und erleben Sie den positiven Nutzen im Hinblick auf Ihren weiteren Ausbildungsweg.

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Pferd viel Freude beim Training

Ihre

(Foto: Christiane Slawik)

AUSBILDUNG UND TRAINING?

François Robichon de la Guérinière beschrieb als Erster eine systematische Ausbildung für das Pferd. Seine Ausführungen gelten noch heute als Grundlage für die klassische Reitkunst. (Illustration: Maria Mähler)

„Die Reitkunst scheint nur Übung zu verlangen. Jedoch ist Übung ohne wahre Grundsätze nichts als Routine, deren Früchte Anstrengung, unsichere Ausführung und falsche Juwelen sein werden, mit denen man die Halbkenner beeindrucken kann.“ Mit diesem Zitat von François Robichon de la Guérinière möchte ich gerne einsteigen in das Thema Rückentraining. Der damalige Reitmeister des Königs von Frankreich Ludwig XV. forderte schon im 18. Jahrhundert eine systematische und individuelle Pferdeausbildung, die darauf abzielte, das Pferd lange gesund zu erhalten.

In seinem Zitat fällt uns sofort der Begriff „Übung“ auf, den wir in erster Linie einem Training zuschreiben würden. Kennen Sie das auch noch aus dem Sportunterricht? Mitunter bekam man von den Übungen, die dort verlangt wurden, einen hochroten Kopf und Schweißperlen auf der Stirn. Einige Übungen machten mehr, andere weniger Spaß. „Warum müssen wir gerade tun, was wir tun?“, fragte man sich. Genau wie wir uns das im Sportunterricht fragten, sollte auch beim Reiten der Nutzen der geforderten Übungen immer wieder infrage gestellt werden. Wichtig ist auch hier, welches Ziel wir gerade verfolgen. Eben weil nicht jede Übung jederzeit Sinn macht, nützt es nichts, einfach drauflos zu trainieren. Es sind die „wahren Grundsätze“, von denen de la Guérinière spricht, die berücksichtigt werden müssen. Um zu verstehen, was mit den „wahren Grundsätzen“ gemeint sein könnte, wenden wir uns zunächst den Begriffen Training und Ausbildung zu.

Unter Training versteht man das systematische Durchführen sportlicher Übungen mit dem Ziel, die Leistungsfähigkeit zu steigern. Durch häufige Wiederholungen in regelmäßigen Trainingseinheiten können Ausdauer, Kraft, Koordination, Schnelligkeit und Beweglichkeit verbessert werden. Das trifft auch auf das Training unserer Pferde zu. Dabei bleibt festzuhalten, dass die Natur das Pferd anatomisch eigentlich nicht zum Tragen des Reitergewichts vorgesehen hat.

Ein gezieltes und kontinuierliches Training macht Ihr Pferd leistungsfähiger. Durch ein solches Training passt sich die Muskulatur den Belastungen an – sie adaptiert, wodurch eine Leistungssteigerung hervorgebracht wird.

Merke

Durch Training kann die individuelle Leistungsfähigkeit gesteigert, bewahrt oder (nach Pausen/Verletzungen) wieder aufgebaut werden.

Weil es nicht so leicht ist, dem Pferd verständlich zu machen, was genau wir von ihm möchten, spricht man in Reiterkreisen nicht von Training, sondern von Ausbildung. Verstehen wir nun unter Ausbildung im klassischen Sinne einen Lehr-Lernprozess, geht es in erster Linie darum, dem Pferd etwas beizubringen. Zum Beispiel soll es lernen, unter dem Reiter seinen Rücken aufzuwölben. Erst wenn es das verstanden hat, kann ein nachhaltiges Training beginnen. Damit ich mein Pferd bitten kann, seinen Rücken aufzuwölben, muss ich ihm eine bestimmte „Sprache“ beibringen. Diese Sprache besteht aus Zeichen, die mein Körper an das Pferd sendet.

Mit den Händen, die über die Zügel mit dem Pferdmaul verbunden sind, kann ich dann meinem Pferd „sagen“, dass es sein Tempo verlangsamen oder seinen Kopf nach links oder rechts wenden soll. Mein Körpergewicht unterstützt mich dabei. Ich richte mich im Sattel auf, wenn ich mein Pferd pariere und signalisiere ihm mit kurzen, annehmenden Zügelhilfen, dass es bremsen soll. Hat mein Pferd gelernt, die Signale meines Körpers richtig zu interpretieren, versteht es zum Beispiel meine Bitte, kleinere Schritte zu machen. Damit es seinen Rücken nicht nach unten durchhängen lässt, wenn ich mich in den Sattel setze, erhalte ich mit meinen Unterschenkeln die nötige Körperspannung im Pferd. Dies gelingt mir, indem ich mit meinen Unterschenkeln wenn nötig impulshaft einen sanften Druck auf den Pferdeleib ausübe. Dieser führt zu einer Kontraktion der Bauchmuskulatur. Die Bauchmuskulatur zieht sich zusammen und hebt den Rücken an. Gebe ich rechtzeitig die richtigen Impulse, bleibt die Körperspannung auch bestehen, wenn mein Pferd bremst. Ich erkenne dies daran, dass die Hinterhand aktiv bleibt: Beim Vortritt hebt mein Pferd seine Hufe an und zieht sie nicht durch den Sandboden.

Gemäß der gültigen Ausbildungsverordnung stelle ich die Körperlängsachse meines Pferdes auf die jeweilige Linie ein. Reite ich eine Wendung, biege ich es. Um mein Pferd auf die gebogene Linie einzustellen, stelle ich seinen Kopf auf die jeweilige Bewegungsrichtung ein. Diesen Prozess nennt man „Stellen“. Ich stelle mein Pferd nach links oder rechts, indem ich die innere Zügelfaust leicht schließe. Sobald mein Pferd diesem leichten Zügelanzug nachgibt und seinen Kopf in die gewünschte Richtung wendet, gebe ich sofort nach und habe in beiden Händen wieder gleichviel Gewicht. Grundsätzlich sollte dieses Gewicht immer so gering wie möglich, also möglichst „leicht“, sein. Allein das seitliche Stellen des Kopfes genügt jedoch nicht, um mein Pferd auf eine gebogene Linie vorzubereiten. So würde es immer noch geradeaus laufen. Damit mein Pferd sich biegen kann, muss der gesamte Pferdekörper auf die Biegung eingestellt werden.

Reite ich geradeaus, sitze ich auf beiden Gesäßknochen mit gleichviel Gewicht im Sattel. Um eine Wendung einzuleiten, verlagere ich mein Körpergewicht vermehrt auf den Gesäßknochen der Bewegungsrichtung. Reite ich beispielsweise rechts herum, setze ich mich leicht nach rechts und gebe dadurch mehr Druck auf den rechten Sitzbeinknochen. Dafür reicht es schon, dass ich mein linkes Bein aus der Hüfte heraus ganz leicht zurücknehme.

Überprüfen Sie einmal, ob Sie Ihr Gewicht beim Reiten gleichmäßig verteilt haben: Traben Sie an der langen Seite der Reitbahn leicht und achten Sie dabei auf den Druck, den Sie auf die Bügel geben, während Sie aufstehen. Spüren Sie in beiden Füßen gleichviel Gewicht oder belasten Sie eine bestimmte Seite vermehrt? Können Sie darüber hinaus bewusst das Gewicht nach links oder rechts verlagern, ohne dabei in der Hüfte einzuknicken? Zusätzlich zu den Gewichts- und Zügelhilfen nutze ich meine Unterschenkel. Sie dienen mir auf gebogenen Linien dazu, das Pferd seitlich einzurahmen und zu begrenzen. Mit den Unterschenkeln kann ich die Hinterhand meines Pferdes steuern.

Drücke ich den inneren Unterschenkel an den Bauch des Pferdes, soll sein Hinterbein vorschwingen. Über den Schenkeldruck aktiviere ich die dafür verantwortliche Muskulatur. Deshalb erfolgt eine Schenkelhilfe immer als Impuls und wird sinnlos, sobald der Huf des Pferdes wieder Bodenkontakt hat. Nur die im richtigen Moment gegebene Schenkelhilfen, kann das Pferd verstehen und korrekt umsetzen. Dauerdruck verunsichert das Pferd und stumpft es ab. Ein einseitiger Schenkeldruck animiert das Pferd, nach vorn in Richtung seines Schwerpunktes zu treten. In einer Wendung kann ich so erreichen, dass die Hinterhand in die Spur der Vorhand tritt. Wenn ich mein Pferd beispielsweise nach rechts biege, veranlasse ich durch den Schenkeldruck an der rechten Körperseite des Pferdes, dass sein Hinterbein in Richtung Körpermitte fußt. Reite ich auf einer gebogenen Linie, sollte ich dadurch immer das Gefühl haben, als würde ich durch die Schenkelhilfe und den gleichzeitig am Hals außen angelegten begrenzenden Zügel, die Schulter meines Pferdes vor seine Hüfte bringen. Damit mein Pferd aber nicht mit der gesamten Hinterhand nach aussen ausweicht, um sich der anstrengenden Längsbiegung zu entziehen, liegt mein äußerer Unterschenkel verwahrend am Pferdeleib an. Auf diese Weise halte ich die Hinterhand auf dem gewünschten Kreisbogen und aktiviere impulshaft das äußere Hinterbein zum Vortritt. Je enger die Wendung ist, desto intensiver muss ich mein Pferd mit meinen Hilfen einrahmen. Damit sind wir schon mitten drin im nächsten Thema.

Das Zusammenspiel der Hilfen

Das Zusammenspiel der Reiterhilfen ist sehr komplex und das Pferd muss zu Beginn der Ausbildung erst lernen, Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen zu verstehen und darauf so zu reagieren, wie wir uns das wünschen. Um dem Pferd die einzelnen Hilfen verständlich zu machen, kann ich sie auch erst im Stand üben.

Reagiert mein Pferd prompt auf die gegebene Hilfe, ist es in seiner Ausbildung bereits fortgeschritten. Damit ein Pferd ein Rückentraining absolvieren kann, sollte es folgende Hilfen kennen:

Die Reiterin auf diesem Bild möchte den äußeren Sitzbeinknochen vermehrt belasten, knickt dabei aber in der Hüfte ein. (Foto: Alexandra Evang)

GEWICHTSHILFEN

Beidseitig belastende Gewichtshilfe: Das Pferd sollte sich zumindest für einen kurzen Augenblick aussitzen lassen, damit der Reiter es parieren und versammeln kann.

Einseitig belastende Gewichtshilfe: Sie dient der Unterstützung der Zügel- und Schenkelhilfen auf gebogenen Linien.

SCHENKELHILFEN

Vorwärts treibend: Durch leichten Druck der Unterschenkel am Pferdeleib tritt das Pferd mit den Hinterbeinen nach vorne.

Vorwärts-seitwärts treibend: Im Stand sowie im Schritt reagiert das Pferd mit dem Hinterbein nach vorn-seitlich in Richtung Körperschwerpunkt. Die Hinterhand kreist um die Vorhand herum.

Verwahrend: Das Pferd akzeptiert den äußeren Schenkel als Begrenzung. Es lässt sich vom Hufschlag abwenden und kann auch auf dem zweiten und dritten Hufschlag geritten werden.

ZÜGELHILFEN

Pferde, die ein Rückentraining absolvieren, haben häufig zu Beginn des Trainings Probleme mit der Anlehnung. Sie können die Zügelhilfen noch nicht korrekt umsetzen. Sobald das Pferd jedoch im Rücken schwingt, kann es die Hilfen auch verstehen.

Grundsätzlich sollte sich ein Pferd in allen 3 Gangarten auf große gebogene Linien abwenden lassen und problemlos durchpariert werden können. Das sind die Grundvoraussetzungen für ein Rückentraining. Mit zunehmender Rückentätigkeit werden Übergänge, Stellung und Biegung verbessert. Ein Minimum an Ausbildung genügt also, um effektiv trainieren zu können. Ein mäßig trainiertes Pferd lässt sich hingegen nicht weit ausbilden. Wie kann das sein?

Ziele von Ausbildung und Training

Die beiden Aspekte Ausbildung und Training lassen sich also nicht voneinander trennen. Wir definieren die Ausbildung als eine Schulung der Hilfen und das Training als eine Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich viele Menschen damit beschäftigt, wie wir Pferden etwas beibringen können. Dabei entstanden verschiedene Systeme und Reitweisen, die vermitteln, wie der Reiter Einfluss auf sein Pferd nehmen kann. Das Ziel ist immer dasselbe: Der Bewegungsapparat des Pferdes soll gesteuert werden. Das Pferd soll sich in jeder Situation lenken, bremsen oder beschleunigen lassen. Es soll über Hindernisse springen, wenn der Reiter es möchte, oder einen steilen Hang hinuntergaloppieren. Heute ist das Pferd ein Freizeitpartner des Menschen geworden.

Es muss sich nicht mehr wie noch vor über 100 Jahren in der Kavallerie als besonders mutig auf dem Schlachtfeld erweisen. Meist beschränkt sich die Erwartungshaltung des Reiters heute darauf, dass bestimmte Leistungen auf dem Turnierplatz verlässlich abrufbar sind oder dass das Pferd als sicherer Freizeitpartner im Gelände überzeugt.

Betrachten wir die Skala der Ausbildung, wie sie die FN in ihren Richtlinien erläutert, dann führen aufeinander aufbauend die 6 Punkte: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten und Versammlung zur Durchlässigkeit. Damit unser Vierbeiner die an ihn gestellten Erwartungen erfüllen kann, muss er demnach so ausgebildet werden, dass er durchlässig an den Hilfen steht. Im Klartext heißt das: Das Ziel von Ausbildung und Training ist, dass das Pferd die vom Reiter gegebenen Kommandos willig annimmt, mit seinem gesamten Körper und seiner Psyche entspannt darauf reagiert, um mit den gewünschten Bewegungen antworten zu können.

Körperliche Fitness soll durch das Reiten immer gefördert und nicht beeinträchtigt werden. Ein systematisches Training erhöht dabei die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit des Pferdes. An diesem Punkt stoßen wir auf den Begriff der „Gymnastizierung“.

Er steht zusammenfassend für das Lockern, das Geschmeidigmachen und Dehnen des gesamten Pferdekörpers. Nur mithilfe einer systematischen Gymnastizierung kann ein Pferd durchlässig werden. Ein durchdachtes Training, das die körperlichen und die geistigen Fähigkeiten des Pferdes berücksichtigt, nimmt also einen hohen Stellenwert in der Reitpferdeausbildung ein und dient der Gesunderhaltung.

Wofür ist das Pferderückentraining?

„Im gesamten Tierreich ist es so, dass die am höchsten entwickelte Form eines Tierkörpers den stabilsten Schwerpunkt sucht. Auf diese Weise wird die Stabilität der Wirbelsäule geschützt, was wiederum dazu beiträgt, dass all ihre Funktionen ungestört ablaufen“ (Wyche, 2003, S. 14). Der Reiter stellt aber mit seinem zusätzlichen Gewicht für das Pferd bei der Suche nach dem stabilsten Schwerpunkt einen erheblichen Störfaktor dar. Jegliche Verlagerung des Körperschwerpunktes kann großen Einfluss auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Pferdes nehmen. Die Balance des Pferdes unter dem Reiter ist deshalb ein entscheidendes Kriterium in der Pferdeausbildung.

Da ein Pferd über die Hälfte seines Körpergewichts mit den Vorderbeinen trägt, befindet sich sein natürlicher Körperschwerpunkt etwas hinter den Schulterblättern, ungefähr dort, wo der Sattelgurt entlangläuft. Das zusätzliche Reitergewicht in diesem Bereich kann also zu einer Überlastung der Vorhand führen. Damit das Pferd uns schadlos tragen kann, muss es durch effizientes Training muskulär in die Lage versetzt werden, seinen Schwerpunkt mit dem Reiter zu finden. Hier kommt unser Pferderückentraining ins Spiel. Pferde sind Bewegungskünstler. Doch müssen wir eine gesunde und natürliche von einer fehlerhaften Bewegung unterscheiden können, um festzustellen, ob das Pferd korrekt ausgebildet wird. Eine fehlerhafte Bewegungsausführung, so spektakulär ihr Anblick auch erscheinen mag, führt auf lange Sicht geradewegs in die Pferdeklinik. Eine gesunde und störungsfreie Bewegung des Pferdes hingegen ist von einem schwingenden Rücken gekennzeichnet. Am Rücken des Pferdes können wir also gutes von schlechtem Reiten unterscheiden. Ein Pferderücken schwingt aber nicht, wenn wir ihn dabei nicht unterstützen.

Ein Pferd, das schonend und durchdacht ausgebildet wurde, steht meist gelassen an den Hilfen und folgt seinem Reiter gehorsam. (Foto: Christiane Slawik)

Meine Erfahrung zeigt, dass viele Pferde täglich geritten werden und dennoch unfähig sind, ihren Rücken unter dem Reiter anzuheben. Dieses Phänomen besteht reitweisen-übergreifend. Wer Runde um Runde reitet und darauf wartet, dass sein Pferd dabei „locker“ wird, kommt häufig nur durch Zufall zum gewünschten Ergebnis.

Nach einer halben Stunde ist das Pferd nass geschwitzt und müde. So kann die Muskulatur nicht entspannt arbeiten. Viele Reiter beenden an diesem Punkt die Trainingseinheit.

Ein fataler Fehler! Warum? Aus trainingswissenschaftlicher Sicht haben wir mit unseren Übungen viel Energie verschwendet und das Pferd über einen großen Zeitraum hinweg in einer Haltung geritten, die wir erstens nicht unterstützen wollen und die zweitens für die Gesundheit unseres Pferdes nicht förderlich ist. Beenden wir genau jetzt das Training, haben wir einen Trainingsreiz gesetzt, der dazu führt, dass das Pferd „hart“ bleibt. Die Muskeln des Pferdes sind angespannt und ermüdet. Das Pferd ist vielleicht gegen die Hand oder hinter dem Zügel gelaufen, hat seinen Rücken nach unten abgesenkt und die Hinterhand nach hinten ausgestellt.

Ein pferdegerechtes Training fördert auch die Pferd-Mensch-Beziehung. (Foto: Neddens Tierfoto)

Auch das ist anstrengend für das Pferd, und je länger und häufiger wir es in dieser Haltung reiten, desto besser passen sich die Muskeln der (Fehl-)Belastung an. Wir trainieren unserem Pferd eine Fehlhaltung an, die wir zwar nicht beabsichtigen, jedoch ohne adäquates Kompensationstraining nicht verändern können. Am Ende der Trainingseinheit ein paar Minuten am langen Zügel vorwärts-abwärts zu traben genügt nicht, um eine halbe Stunde Muskeltraining zu kompensieren. Trainieren wir ein Pferd wie hier beschrieben, stellt sich im Laufe des Trainingsprozesses keine Verbesserung der Lösungsphase ein. Wir werden es nicht schaffen, dass das Pferd von Beginn an im Rücken mitarbeitet. Eher werden wir die Lösungsphase zunehmend verlängern müssen, da sich die Muskulatur des Pferdes bald an die ungewollte Haltung gewöhnt hat. Wenn wir unser Pferd nicht dauerhaft so reiten wollen, müssen wir diesen Teufelskreis durchbrechen, indem wir das Training verändern. Um den Aufbau einer gesunden Reitpferdemuskulatur effektiv in unserer Trainingszeit fördern zu können, müssen wir einen Weg finden, den Rücken unseres Pferdes schon viel früher zu aktivieren.

Wir dürfen keine Zeit mehr damit verschwenden, nur zu hoffen, dass der Rücken des Pferdes irgendwann mal „loslässt“, wenn wir nur lange genug reiten. Das von mir im Laufe der letzten Jahre speziell entwickelte Pferderückentraining bietet eine Grundlage für die Entwicklung einer korrekten Reitpferdemuskulatur.

Wie genau dieses Pferderückentraining den Ausbildungsweg positiv beeinflusst, ist Thema dieses Buches.

Auf den folgenden Seiten werde ich Ihnen das Prinzip Schritt für Schritt erläutern. Was Sie sich immer klarmachen sollten: Ein Pferd ist ein Lebewesen, mit dem Sie nicht einfach wie mit einem Auto in die Werkstatt fahren können, sollte etwas nicht funktionieren. Als Lebewesen hat das Pferd ein Anrecht darauf, dass Sie sich Gedanken um sein Wohlergehen und ein artgerechtes, sinnvolles Training machen. Als Reiter sind wir dafür verantwortlich, dass unsere Pferde sowohl physisch als auch psychisch gesund bleiben.

Weil alle Körperteile und auch das Interieur des Pferdes wie ineinandergreifende Zahnräder miteinander verbunden sind, müssen Sie alle Faktoren, die ein Training beeinflussen, berücksichtigen. Zu diesen Faktoren gehören:

Psyche,

Muskulatur,

Wirbelsäule,

Gelenke.

Ein intelligentes Rückentrainingskonzept berücksichtigt die individuelle Lernbereitschaft und die Psyche des Pferdes, damit die Muskulatur störungsfrei arbeiten kann. So können wir Motivation und Leistungsbereitschaft unserer Pferde bis hin zur Freude an der Mitarbeit steigern. Achten wir darauf, dass die Muskulatur im physiologischen Gleichgewicht arbeitet, schützen wir sie vor Verspannungen und Überlastung. Ein durchdachtes Training mit Rücksicht auf die Wirbelsäule schützt vor Rückenproblemen wie zum Beispiel Kissing Spines (siehe Seite 38). Die Berücksichtigung der Gelenksfunktion sorgt für maximale Beweglichkeit. Funktionstüchtige Gelenke wirken zudem wie Stoßdämpfer und schützen unser Pferd zum Beispiel vor krankhaften Gelenksveränderungen wie Arthrose. Ein durchdachtes Pferderückentraining beeinflusst also den gesamten Bewegungsapparat, fördert die Gesundheit und steigert das Wohlbefinden des Pferdes.

Diese Skizze gibt Ihnen einen Überblick über das gesamte Themenfeld des Rückentrainings. (Illustration: Pinkhouse Design)

DAS PFERD UND SEIN RÜCKEN

(Foto: Neddens Tierfoto)

Um zu verstehen, wie genau ein systematisches Pferderückentraining aufgebaut werden kann, beschäftigen wir uns im Folgenden zunächst näher mit dem Lebewesen Pferd sowie den anatomischen und physiologischen Eigenschaften seines Rückens. Als weiteren Aspekt beleuchten wir den Menschen, der mit seinem Gewicht als Reiter großen Einfluss auf die Bewegungsentfaltung des Pferdes hat.

Aus dem daraus gewonnenen Wissen können wir dann praxisorientiert ableiten, wie genau wir bei unserem Rückentraining vorgehen müssen.

Das Pferd