Gesundes Gehirn – gesunde Psyche - Daniel G. Amen - E-Book
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Daniel G. Amen

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Beschreibung

Seit Jahren steigt die Zahl psychischer Erkrankungen wie Depressionen, ADHS oder Angstzustände. Viele Betroffene sind den Symptomen hilflos ausgeliefert und nehmen jahrelang Psychopharmaka ein, ohne eine Besserung zu erfahren. Dr. Daniel Amen verfolgt einen anderen Behandlungsansatz und gibt damit Hoffnung auf nachhaltige Heilung: Seine neurowissenschaftlichen Untersuchungen beweisen, dass mentale Störungen körperliche Ursachen haben können. Faktoren wie eine unzureichende Durchblutung, Entzündungen, Umweltgifte oder Übergewicht wirken sich negativ auf die Gesundheit des Gehirns und damit auch auf die Psyche aus. Mit seinem praxiserprobten Programm kann jeder selbst herausfinden, welche Auslöser für die eigenen Beschwerden verantwortlich sind und welche Gegenmaßnahmen am besten helfen, das Gehirn zu heilen und psychische Erkrankungen rückgängig zu machen. Denn ein gesundes Gehirn führt zu einer gesunden Psyche.

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Seitenzahl: 668

Veröffentlichungsjahr: 2021

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DR. DANIEL G. AMEN

GESUNDES GEHIRN GESUNDE PSYCHE

DR. DANIEL G. AMEN

GESUNDES GEHIRN GESUNDE PSYCHE

Warum Angststörungen, Depressionen, ADHS und andere psychische Krankheiten körperliche Ursachen haben und wie man sie heilen und vermeiden kann

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/ abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Wichtige Hinweise

Dieses Buch ist für Lernzwecke gedacht. Es stellt keinen Ersatz für eine individuelle medizinische Beratung dar und sollte auch nicht als solcher benutzt werden. Wenn Sie medizinischen Rat einholen wollen, konsultieren Sie bitte einen qualifizierten Arzt. Der Verlag und der Autor haften für keine nachteiligen Auswirkungen, die in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit den Informationen stehen, die in diesem Buch enthalten sind.

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

2. Auflage 2025

© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2020 bei Tyndale House Publishers, a division of Tyndale House Ministries, unter dem Titel The End of Mental Illness. © 2020 by Dr. Daniel G. Amen. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Übersetzung: Sarah Henter

Umschlaggestaltung: Sonja Vallant

Umschlagabbildung: shutterstock/SyafArt

Bildnachweis: sämtliche Abbildungen im Innenteil von Dr. Daniel G. Amen, außer: S. 447 Lesley Bohm

Satz: Daniel Förster, Belgern

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-7423-1661-5

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1359-8

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Für Alizé und Amelie

Eure Geschichte ist nicht euer Schicksal.

Lasst uns psychische Erkrankungen mit eurer Generation beenden.

INHALT

Daniel Amen und die Gesundheit des Gehirns

EINFÜHRUNG

Warum ich den Begriff »Geisteskrankheit« ablehne und warum Sie das auch tun sollten

TEIL 1

Alles ändert sich, wenn wir uns die psychische Gesundheit als Gehirngesundheit vorstellen

KAPITEL 1Vom Exorzisten zum Hausarzt

KAPITEL 2Unsichtbare Krankheiten sichtbar machen

KAPITEL 3Zwölf Leitprinzipien zur Veränderung Ihres Lebens

KAPITEL 4Lassen Sie Ihr Gehirn gesund werden und Ihre Psyche wird folgen

TEIL 2

Wie man psychische Krankheiten verursacht oder erfolgreich behandelt

KAPITEL 5Durchblutung Optimieren Sie Ihre Lebensgrundlage

KAPITEL 6Ruhestand und Altern Wenn Sie aufhören zu lernen, fängt Ihr Gehirn an zu sterben

KAPITEL 7Entzündungen Wie Sie das »Feuer« in Ihrem Inneren löschen

KAPITEL 8Genetik Nicht allein die Gene bestimmen Ihr Schicksal, Sie haben selbst Einfluss darauf

KAPITEL 9Schädel-Hirn-Trauma Die stille Epidemie, die vielen psychischen Krankheiten zugrunde liegt

KAPITEL 10Giftstoffe Entgiften Sie Geist und Körper

KAPITEL 11Mind Storms Dämpfen Sie eine übermäßige elektrische Aktivität in Ihrem Gehirn

KAPITEL 12Immunsystem und Infektionen Angriffe von innen und von außen

KAPITEL 13Hormonstörungen Der Treibstoff für Ihr Gehirn

KAPITEL 14Diabetes und Übergewicht Wie wir die Epidemie bekämpfen können, die Gehirn, Psyche und Körper zerstört

KAPITEL 15Schlaf Reinigen Sie Ihr Gehirn jede Nacht, um bessere Tage zu haben

TEIL 3

Praktische Strategien, um erfolgreich gegen psychische Krankheiten anzugehen

KAPITEL 16Psychopharmaka versus Nutrazeutika Was sagt die Wissenschaft dazu?

KAPITEL 17Sie können nicht ändern, was Sie nicht messen Prävention beginnt mit der Kenntnis der für Ihre Gesundheit wichtigen Messwerte

KAPITEL 18Ganz einfach gesund essen Die Bright-Minds-Diät zur effektiven Behandlung psychischer Krankheiten

KAPITEL 19Wie wir auch anderen helfen können, gesund zu werden Maßnahmen für ein gesundes Gehirn, die überall dort gelten können, wo Menschen zusammenkommen

ANHANG

10 Gene, die die Gesundheit des Gehirns beeinflussen können

Bright-Minds-Experten finden

Bezugsquellen

Quellen

Dank

Über den Autor

DANIEL AMEN UND DIE GESUNDHEIT DES GEHIRNS

Die Gesundheit unseres Gehirns ist von zentraler Bedeutung für unsere allgemeine Gesundheit und auch für unseren Erfolg: Davon ist Dr. Daniel Amen überzeugt. Wenn das Gehirn gut funktioniert, so sagt er, dann funktioniert auch der Mensch als Ganzes. Kommt es jedoch zu einer Störung der Hirnfunktion, wird die betroffene Person mit größerer Wahrscheinlichkeit auch noch andere Probleme in ihrem Leben bekommen. Mit seiner Arbeit möchte Daniel Amen Menschen zu einem gesünderen Gehirn und einem besseren Leben verhelfen.

Die Website sharecare.com ernannte ihn zum einflussreichsten Experten und Fürsprecher für psychische Gesundheit im Internet und die Washington Post bezeichnete ihn als den beliebtesten Psychiater Amerikas.

Als Psychiater mit Ausbildung beim Militär verbrachte er zehn Jahre im aktiven Dienst der US-Armee − zunächst als Infanteriesanitäter und Röntgentechniker und später als Offizier im Medical Corps. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Allgemeine Psychiatrie. Er verfügt in neun US-Staaten über eine Zulassung, als Arzt zu arbeiten. Er wurde für seine Arbeit zum Thema Suizid mit dem Marie-H.-Eldridge-Forschungspreises der American Psychiatric Association ausgezeichnet, seine Kollegen verliehen ihm den Distinguished Fellow Award (die höchste Auszeichnung, die an Mitglieder dieser Gesellschaft für Psychiatrie vergeben wird). Er hat seine Forschungsergebnisse und klinischen Arbeiten auf wissenschaftlichen Tagungen weltweit vorgestellt, darunter bei der Konferenz »Learning & the Brain«, die von der Harvard University organisiert wird, sowie auf Veranstaltungen der National Science Foundation. Die Zeitschrift Discover listete seine Forschungsarbeiten zur genauen Unterscheidung zwischen posttraumatischer Belastungsstörung und traumatischer Hirnverletzung unter Zuhilfenahme der Einzelphotonen-Emissionscomputertomografie (Single-Photon Emission Computed Tomography, SPECT) als eine der 100 wichtigsten Neuerungen der Wissenschaft im Jahr 2015 auf.

Er ist der leitende Prüfarzt der ersten und größten Studie zur Bildgebung des Gehirns und Rehabilitation von aktiven und pensionierten Spielern der National Football League (NFL) in den Vereinigten Staaten. In dieser Studie ließ sich zum einen ein hohes Maß an Hirnschäden bei den Sportlern nachweisen, zum anderen zeigte sich jedoch für viele der Betroffenen die Möglichkeit einer Heilung, und zwar durch die Anwendung der in diesem Buch beschriebenen Prinzipien. Er war Berater für den 2015 gedrehten Film Erschütternde Wahrheit (Originaltitel Concussion, zu Deutsch »Gehirnerschütterung«) mit Will Smith in der Hauptrolle.

Die Amen Clinics, die er im Jahr 1989 gründete, verfügen über die weltweit größte Datenbank funktioneller Hirnscans (SPECT und QEEG) zur Untersuchung von Verhalten mit insgesamt mehr als 170 000 Scans von Patienten aus 121 Ländern. Die Amen Clinics verfügen über einige der besten veröffentlichten Therapieerfolge von Patienten mit komplexen psychiatrischen Krankheiten. Im Durchschnitt wurden den dort behandelten Patienten 4,2 Diagnosen gestellt, 3,3 Therapeuten sowie die Gabe von fünf Medikamenten haben bei ihnen keinen Erfolg gebracht. Nach einem Behandlungszeitraum von sechs Monaten in den Amen Clinics berichten 75 Prozent dieser Patienten, dass es ihnen besser geht. Die Zahl stieg auf 84 Prozent, wenn sie die Behandlung in einer der Amen Clinics auch nach diesem Zeitraum noch weiter fortsetzten.

Dr. Amen hat 14 Sendungen über das Gehirn im öffentlichen Fernsehen moderiert, die in den letzten zwölf Jahren mehr als 110 000-mal in ganz Nordamerika ausgestrahlt wurden. Seine Leidenschaft gilt der Aufklärung über die Gesundheit unseres Gehirns.

Zusammen mit Pastor Rick Warren und Dr. Mark Hyman ist Dr. Amen auch einer der Hauptbegründer des Programms »The Daniel Plan«, das mithilfe religiöser Organisationen Menschen auf der ganzen Welt helfen will, gesund zu werden. Das Programm wird bereits in Tausenden von Kirchen, Moscheen und Synagogen umgesetzt. Dr. Amen und Prof. Jesse Payne schufen den Highschool- und Collegekurs »Brain Thrive by 25«, an dem Studenten aus sieben Ländern und allen 50 US-Staaten teilnehmen. Unabhängige Untersuchungen haben ergeben, dass das Programm den Drogen-, Alkohol- und Tabakkonsum der Teilnehmer reduziert, Depressionen verringert und das Selbstwertgefühl von Teenagern verbessert.

Im November 2017 wurde ein Video von Dr. Amens Darstellung der Passionsgeschichte (sechs Minuten) anonym veröffentlicht, das inzwischen mehr als 40 Millionen Zuschauer hatte.1

Zweifellos sind Dr. Amen und seine Kollegen an den Amen Clinics Neuerer im Bereich der Psychiatrie, das einzige medizinische Fachgebiet, in dem das behandelte Organ praktisch nie wirklich angesehen wird.

Dr. Amen hat mehr als 70 von Fachkollegen begutachtete wissenschaftliche Artikel veröffentlicht, darunter einige der größten Studien zur Bildgebung des Gehirns, die jemals durchgeführt wurden − mit jeweils 21 000, 46 000 und 62 000 SPECT-Scans. Wenn Sie den Begriff »brain SPECT« in die Suche auf der Website der National Library of Medicine (pubmed.gov) eingeben, werden mehr als 14 000 wissenschaftliche Abstracts angezeigt.

Mehr als 10 000 Ärzte und Therapeuten für psychische Gesundheit und Medizin haben Patienten an eine Amen Clinic überwiesen und mehr als 3000 Personen wurden in Dr. Amens zertifiziertem Coaching für die Gesundheit des Gehirns ausgebildet.

Wissenschaftler in Kanada haben seine Arbeiten zur Bildgebung des Gehirns repliziert und Studien veröffentlicht, die zeigen, dass seine Forschungsergebnisse Diagnosen und Ergebnisse verbessert haben.2

Dr. Amen arbeitet nicht für pharmazeutische Unternehmen und hält auch keine Anteile dieser Unternehmen, dennoch ist er der Überzeugung, dass bei Bedarf psychiatrische Medikamente eingesetzt werden sollten. Sie sind jedoch in der Regel nicht seine erste Wahl, da eine solche Behandlung, einmal aufgenommen, oft nur sehr schwer wieder abgesetzt werden kann.

Dr. Amen ist Eigentümer von BrainMD, einem sogenannten nutrazeutischen Unternehmen, welches er gegründet hat, nachdem er in Studien zur Bildgebung des Gehirns die negativen Auswirkungen einiger von ihm zuvor verschriebener Medikamente gesehen hatte. Er glaubt an das Prinzip (hippokratischer Eid), das allen Medizinstudenten beigebracht wird: »Primum non nocere.« (»Zuallererst nicht schaden.«)

Achten Sie auf diese Symbole

Achten Sie beim Lesen auf die drei folgenden Symbole, um sich leichter zurechtzufinden:

Diese Tipps für kluge Köpfe heben wesentliche Informationen hervor.

Wenn sich ein Mensch in sein Gehirn »verliebt« und dessen Funktionsweise optimiert, führt das dazu, dass sich viele andere Menschen ebenfalls in ihr Gehirn verlieben und eine wahre Heilungslawine in Gang gesetzt wird. Wenn die Liebe zu Ihrem Gehirn sich immer weiter ausbreitet, verbessern sich die Dynamiken in der ganzen Familie, bei der Arbeit und im sozialen Umfeld. Das nennen wir dann »Brain Love Stories«.

Menschen dabei zu helfen, sich zu verändern, ist seit mehr als 40 Jahren Dr. Amens Leidenschaft. Deshalb hat er sich mit B. J. Fogg, dem Leiter des Persuasive Tech Lab der Stanford University, und dessen Schwester Linda Fogg-Phillips zusammengetan, um mehr über die aktuellsten Techniken der Veränderung zu lernen. Sie alle glauben, dass die Schaffung kleiner Angewohnheiten die wirksamste Art ist, um große Veränderungen einfacher zu machen: Nehmen Sie kleine, schrittweise Veränderungen im Laufe der Zeit vor, die sich schließlich zu großen entwickeln.

EINFÜHRUNG

WARUM ICH DEN BEGRIFF »GEISTESKRANKHEIT« ABLEHNE UND WARUM SIE DAS AUCH TUN SOLLTEN

In Zeiten tiefgreifender Veränderungen erben die Lernenden die Erde, während die Gelehrten sich wunderbar gerüstet finden, sich in einer Welt zurechtzufinden, die nicht mehr existiert.

Eric Hoffer

Als ich an einer Ampel an der Ecke Hollywood and Vine in Hollywood, Kalifornien, auf dem Weg zu einem Podcast mit dem Geschichtenerzähler und Social-Media-Phänomen Jay Shetty feststeckte, sah ich einen Mann um die 30, etwa um die 1,80 Meter groß, mit schmutzigen blonden Haaren, zerrissener Kleidung und Blut im Gesicht, der mit sich selbst sprach, wäh-rend er wild mit den Händen in der Luft gestikulierte. Er schien die Leute um sich herum gar nicht zu bemerken und die Fußgänger in der Nähe schenkten ihm ebenfalls keine Beachtung. In Hollywood and Vine sehen die Leute so etwas schon gar nicht mehr. Die meisten meiner Kollegen hätten bei ihm Schizophrenie oder eine instabile bipolare Störung diagnostiziert und sich gefragt, warum er seine Medikamente nicht nehme, um die Stimmen und Visionen loszuwerden. Als ich ihn sah, fragte ich mich, wann er zum letzten Mal eine Hirnverletzung gehabt hatte, ob er Schimmel oder Umweltgiften ausgesetzt war, ob er unter schweren Darmproblemen litt oder ob er eine Infektionskrankheit wie Lyme-Borreliose oder Toxoplasmose hatte, die gerade sein Gehirn zerstörte.

Wir stehen an der Schwelle zu einer Revolution, die die Gesundheitsversorgung in Bezug auf psychische Krankheiten für immer verändern wird. Dieses Buch verwirft ein veraltetes, stigmatisierendes Paradigma, in dem Menschen mit abfälligen Etiketten versehen werden, was sie daran hindert, die Hilfe zu erhalten, die sie brauchen. Wir ersetzen dieses alte Schema nun durch ein modernes Programm, das auf der Funktion des Gehirns basiert, sich auf den ganzen Patienten konzentriert und auf Neurowissenschaften und Hoffnung beruht. Niemand wird stigmatisiert, wenn er Krebs, Diabetes oder Herzkrankheiten bekommt, auch wenn der Lebensstil des Patienten bedeutend dazu beiträgt, eine solche Erkrankung zu entwickeln. Ebenso sollte sich niemand für Depressionen, Panikattacken, bipolare Störungen, Suchtprobleme, Schizophrenie und andere Probleme mit der Gesundheit des Gehirns schämen müssen.

In den letzten 30 Jahren haben meine Kollegen und ich die weltweit größte Datenbank für verhaltensbezogene Hirnscans aufgebaut. Wir haben mehr als 160 000 Einzelphotonen-Emissionscomputertomografien (Single-Photon Emission Computed Tomography, SPECT) zur Messung von Durchblutungs- und Aktivitätsmustern des Gehirns und mehr als 10 000 QEEGs (quantitative Elektroenzephalogramme) zur Messung der elektrischen Aktivität bei Patienten im Alter von neun Monaten bis 105 Jahren aus 121 Ländern durchgeführt. Unsere Arbeit im Bereich der Bildgebung des Gehirns hat die Art und Weise, wie wir unseren Patienten helfen, gesund zu werden, völlig auf den Kopf gestellt, und diese Informationen können auch Ihnen helfen, selbst wenn niemand jemals Ihr Gehirn (per Hirnscan) näher anschauen sollte. Das menschliche Gehirn ist ein Organ wie Ihr Herz und all Ihre anderen Organe und Ihre psychische Gesundheit hängt direkt davon ab, wie gesund und funktional ihr Gehirn ist.

Für uns ist vollkommen klar geworden, dass wir es als Psychiater nicht mit Fragen der geistigen/psychischen Gesundheit zu tun haben, sondern mit Fragen der Gesundheit des Gehirns; und diese eine Erkenntnis hat alles verändert, was wir tun, um unseren Patienten zu helfen.

Wir haben es nicht mit Fragen der geistigen Gesundheit zu tun, sondern mit Fragen der Gesundheit des Gehirns; und diese eine Erkenntnis hat alles verändert.

Inzwischen bin ich so weit, dass ich einen regelrechten Groll auf Begriffe wie »Geisteskrankheit« und »psychiatrische Störungen« habe, und bei Ihnen sollte es nicht anders sein. Solche Bezeichnungen legen den Schwerpunkt auf die falsche Domäne (den Geist oder die Psyche). Dabei haben wir während unserer Arbeit in der Bildgebung gelernt, dass wir uns zuerst auf das Gehirn konzentrieren müssen. »Geisteskrankheit« und »psychiatrische Störungen« beschwören stigmatisierende Bilder von regelrecht durchgedrehten Menschen herauf, die verrückt, gestört, unausgeglichen oder instabil sind, obwohl diese Adjektive auf einen extrem kleinen Prozentsatz von Menschen zutreffen, die mit Problemen der Gesundheit des Gehirns/der psychischen Gesundheit zu kämpfen haben.

Wird eine Geisteskrankheit oder eine psychiatrische Störung diagnostiziert, wird der Patient, der mit diesen offensichtlichen Problemen der Psyche kämpft, auf heimtückische Weise stigma-tisiert und sein Ansehen in den Schmutz gezogen, sodass die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass er jemals Hilfe suchen wird, aus Angst, dass sein Ansehen in den Augen anderer abnehmen könnte.

Schauen Sie sich nur an, was mit dem 1972 für das Amt des Vizepräsidenten nominierten Thomas Eagleton geschah. Der aufstrebende Senator aus Missouri, der der jüngste General-staatsanwalt des sogenannten Show-Me-States gewesen war, ein frommer Katholik und ein glühender Gegner des Vietnamkrieges, wurde als Präsidentschaftskandidat von George McGovern angeworben und galt als die perfekte Wahl.3 Als man jedoch herausfand, dass er wegen einer Depression behandelt worden war, wurde er nur 18 Tage nach seiner Nominierung gebeten, von der von McGovern in Aussicht gestellten politischen Karriere abzusehen. Seit dieser dunklen nationalen Episode gelten Schwierigkeiten mit der psychischen Gesundheit in politischen Kreisen als absolut tödlich.

Laut dem Biografen Joshua Wolf Shenk kämpfte Abraham Lincoln »sein ganzes Leben lang mit einer Depression, und wenn er heute noch leben würde, würde seine Krankheit als ›Charakterfrage‹ angesehen werden – das heißt, als eine politische Belastung. In der Tat war seine Krankheit für ihn eine Charakterfrage: Sie gab ihm das Rüstzeug, um die Nation zu retten.«4 Shenks Argument lautet, dass Lincoln durch seine Depression an Leid gewöhnt war und Techniken entwickelt hatte, um in schwierigen Zeiten seine negativen Gefühle in den Griff zu bekommen. Bemerkenswert ist jedoch auch, dass Lincoln im Alter von zehn Jahren eine schwere Kopfverletzung erlitten hatte, weil er von einem Pferd am Kopf getreten worden war und das Bewusstsein verloren hatte.5 Sie werden anhand der weiteren Beispiele in diesem Buch sehen, dass Kopfverletzungen eine häufige und oft übersehene Ursache für emotionale und Verhaltensprobleme sind.

Lincolns Depression war in der Tat eine Charakterfrage: Sie gab ihm das Rüstzeug, um die Nation zu retten.

Bezeichnet man derartige Schwierigkeiten als psychiatrische Krankheiten oder Probleme mit der geistigen Gesundheit statt als Beeinträchtigung der Gesundheit des Gehirns, dann leiden Menschen im Stillen, weil sie sich schämen. Denken Sie nur einmal an die vielen Selbstmorde von Prominenten und Todesfälle durch Überdosis von Menschen, die zu verunsichert oder beschämt waren, um um Hilfe zu bitten (von Ernest Hemingway, Judy Garland und Junior Seau bis hin zu Robin Williams, Mindy McCready, Philip Seymour Hoffman, Anthony Bourdain und Kate Spade). Von außen kam es uns so vor, als hätten diese Personen wirklich alles; doch hinter den Kulissen war ihr Leid unerträglich.

Wenn wir das Stigma für solche Probleme der Gesundheit des Gehirns nicht auslöschen oder doch wenigstens verringern, werden noch viel mehr Menschen unnötig leiden und sterben, ohne die Hilfe zu erhalten, die sie brauchen. Hier nur einige Gründe, warum wir uns in dieser Hinsicht bessern müssen:

Etwa alle 14 Minuten stirbt in den Vereinigten Staaten ein Mensch durch Selbstmord. Selbstmord ist die zehnthäufigste Todesursache insgesamt und die zweithäufigste Todesursache bei den 10- bis 34-Jährigen.

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Seit 1999 ist die Zahl der Selbstmorde um 33 Prozent gestiegen, wodurch die Lebenserwartung insgesamt gesunken ist, während im gleichen Zeitraum die Zahl der Krebserkrankungen um 27 Prozent zurückgegangen ist.

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Das letzte Mal, dass Amerika einen Rückgang der Lebenserwartung erlebte, war Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Spanische Grippe und der Erste Weltkrieg fast eine Million Menschen töteten. In meiner Familie und Umgebung hat es viele Selbstmorde gegeben. Meine Tante brachte sich um, ebenso wie der biologische Vater meines Adoptivsohns und der Vater meines Schwiegersohns. Der Schmerz, der durch einen Selbstmord entsteht, ist anders als bei jedem anderen Verlust, denn die Menschen sehen ihn vielmehr als eine persönliche Wahl und nicht als Folge einer Krankheit.

Alle acht Minuten stirbt jemand an einer Überdosis Drogen

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und die aktuelle Opiatkrise in Amerika wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Im Jahr 2017 gab es mehr als 70 000 Fälle einer Überdosis von Drogen, davon 67 Prozent durch Opiate (ein Anstieg von 45 Prozent gegenüber 2016).

9

Im Jahr 2017 waren Teenager und junge Erwachsene in den Vereinigten Staaten anfälliger für Depressionen, Stress und Selbstmord als Millennials, als diese in dem entsprechenden Alter waren.

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36 Prozent der Mädchen leiden im Teenageralter an einer Depression, im Vergleich zu 13 Prozent der Jungen im Teenageralter.

11

Beide Werte sind vollkommen inakzeptabel.

23 Prozent der Frauen im Alter zwischen 40 und 59 Jahren nehmen Antidepressiva.

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Gemäß einer großen epidemiologischen Studie haben 50 Prozent der US-Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben mit einem Problem der psychischen Gesundheit zu kämpfen.

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Angststörungen (28 Prozent), Depressionen (21 Prozent), Impulskontrollstörungen (25 Prozent) und Substanzmissbrauch (15 Prozent) sind die häufigsten. Die Hälfte aller Fälle beginnt im Alter von 14 Jahren und 75 Prozent beginnen im Alter von 24 Jahren.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind 25 Prozent aller gesundheitsbezogenen Beeinträchtigungen auf psychische Gesundheit und Substanzmissbrauch zurückzuführen − achtmal mehr als Beeinträchtigungen durch Herzkrankheiten und 40-mal mehr als Krebs.

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Scham hält die Menschen davon ab, die Hilfe zu bekommen, die sie brauchen. Niemand schämt sich für Krebs, Diabetes oder Herzkrankheiten; ebenso sollte sich niemand für eine Depression, Panikstörung, bipolare Störung und andere Probleme der Gesundheit des Gehirns schämen müssen.

Obwohl ich schon seit 40 Jahren Psychiater bin und meinen Beruf liebe, bin ich kein Fan der Schublade, in die meine Kollegen und ich oft gesteckt werden: Psychiater werden oft als unwissenschaftlich abgetan und von anderen medizinischen Fachleuten und der breiten Öffentlichkeit missachtet. Als ich 1980 meinem Vater, einem hochintelligenten und erfolgreichen Unternehmer, sagte, dass ich Psychiater werden wolle, fragte er mich: »Wieso willst du kein richtiger Arzt werden? Warum willst du ein Irrenarzt werden und den ganzen Tag mit Verrückten zu tun haben?« Damals habe ich mich über seine Worte aufgeregt, aber 40 Jahre später habe ich ein tieferes Verständnis dafür, warum er besorgt war. In ähnlicher Weise habe ich unzählige Patienten sagen hören: »Ich gehe doch nicht zum Psychiater, ich bin ja nicht verrückt.« Das Stigma ist allgegenwärtig. Mir ist die Bezeichnung »klinischer Neurowissenschaftler« lieber als Psychiater.

Eine neue Darstellung der geistigen Gesundheit als Gesundheit des Gehirns ändert alles

Schon früh in meiner Karriere habe ich gelernt, dass nur sehr wenige Menschen einen Psychiater freiwillig aufsuchen wollen. Niemand will als »defekt« oder »unnormal« abgestempelt werden, aber sobald die Menschen über die Bedeutung ihres Gehirns Bescheid wissen, wollen sie ein Gehirn, das möglichst gut funktioniert. Was wäre, wenn psychische Gesundheit schlicht die Gesundheit des Gehirns (also ein gesundes Gehirn) wäre? Das lehren uns die Scan-Aufnahmen des Gehirns, die wir in den Amen Clinics täglich durchführen und besprechen. Stellen Sie es sich so vor: Ihr Gehirn kann ein Problem haben, genauso wie Ihr Herz ein Problem haben kann. Die meisten Menschen, die zu einem Kardiologen gehen, hatten noch nie einen Herzinfarkt. Sie sind dort, weil bei ihnen Risikofaktoren vorliegen − eine familiäre Vorgeschichte mit Herzkrankheiten, Bluthochdruck oder zu viel Bauchfett −, und sie wollen einen Herzinfarkt verhindern. Um psychischen Erkrankungen ein Ende zu setzen, müssen wir zu einer ähnlichen Denkweise kommen.

Eine Neuausrichtung des Diskurses um die psychische Gesundheit hin zu einem Fokus auf die Gesundheit des Gehirns ändert alles. Dann nämlich fangen die Leute an, ihre Erkrankungen als medizinische und nicht als moralische Probleme zu sehen. Ein solcher Fokus verringert Scham und Schuldgefühle und erhöht die Vergebung und das Mitgefühl der involvierten Familien.

Die Verlagerung der Diskussion hin zu einem Diskurs um die Gesundheit des Gehirns stellt außerdem eine genauere Beschreibung der Problematik dar und schafft neue Hoffnung, steigert den Wunsch, Hilfe zu bekommen, und erhöht die Bereitschaft, die notwendigen Änderungen der Lebensweise vorzunehmen. Sobald die Menschen verstehen, dass das Gehirn alles steuert, was sie tun und was sie sind, wünschen sie sich ein besseres Gehirn, damit sie ein besseres Leben führen können.

Eine Neuausrichtung des Diskurses um die psychische Gesundheit hin zu einem Fokus auf die Gesundheit des Gehirns ändert alles:

Die Menschen sehen ihre Erkrankungen als medizinische und nicht länger als moralische Probleme.Stigmatisierung, Scham und Schuldgefühle nehmen ab.Ein solcher Ansatz erhöht das Mitgefühl und die Vergebung der betroffenen Familien.Mit dieser Sichtweise lassen sich die zugrunde liegenden biologischen Vorgänge genauer beschreiben.Sie weckt Hoffnung.Sie erhöht die Einhaltung von Behandlungsplänen.

Dieses Buch wird Ihnen eine völlig neue Art und Weise eröffnen, über Probleme mit der Gesundheit des Gehirns/der geistigen Gesundheit wie Angststörungen, Depressionen, bipolare Störungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADS/ADHS), Abhängigkeiten, Zwangsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Schizophrenie und sogar Persönlichkeitsstörungen nachzudenken und diese zu behandeln. Das Buch basiert auf einer sehr einfachen Prämisse: Lassen Sie Ihr Gehirn gesund werden und Ihre Psyche wird folgen. Dutzende von Studien belegen inzwischen, dass eine Verbesserung der physischen Funktionsweise des Gehirns die Psyche gesünder werden lässt.15

Die Geschichte Ihres Gehirns ist nicht Ihr Schicksal

Der Grund, warum ich dieses Buch meinen beiden Nichten Alizé (15) und Amelie (10) gewidmet habe, ist, dass sie in eine Familie geboren wurden, die von psychischen Krankheiten geplagt ist – es gab mehrfache Selbstmorde, schwere Depressionen, Schizophrenie, Drogenmissbrauch, manisch-depressive Verhaltensweisen, Zwangsstörungen, Angst- und Panikstörungen, ADS/ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit/ohne Hyperaktivität), Störungen der Körperwahrnehmung (Körperdysmorphie) und auch kriminelle Verhaltensweisen. Beide Mädchen waren also schon vor der Geburt genetisch stark anfällig für psychische Erkrankungen. Darüber hinaus wurden sie in ein familiäres Chaos hineingeboren, mit Eltern, die mit Suchterkrankungen, Depressionen und Verhaltensproblemen zu kämpfen hatten. Im Jahr 2016 nahm das Jugendamt, das die Gefahr zu Hause als sehr hoch einstufte, sie aus dem Haushalt. Die beiden Mädchen erinnern sich noch lebhaft an die Panik und den Horror, als sie von der Polizei von ihrer Mutter weggeführt wurden.

Damals hatte sich meine Frau Tana von ihrer Halbschwester Tamara, der Mutter der Mäd-chen, entfremdet, aber als wir erfuhren, dass die Kinder in Pflegefamilien aufgenommen worden waren, wussten wir, dass wir handeln mussten. Wir sorgten dafür, dass Tamara geeignete medizinische und psychiatrische Unterstützung durch Therapeuten bekam (damals weigerte sich der Vater, Hilfe anzunehmen); und sie konnte die Kontrolle über ihre Sucht, Depression, ADHS und früher erlittene Verletzungen des Gehirns gewinnen (sie hatte 19 Autounfälle gehabt). Dank dieser Fortschritte konnte sie am Muttertag 2017 wieder mit ihren Töchtern vereint werden. Seit dieser Zeit haben Tamara, Alizé und Amelie es auf der Grundlage der in diesem Buch dargelegten Prinzipien geschafft, sich weiter gesund zu entwickeln. Wie alle Menschen, die diese Art von Chaos erleben, hatten sie Höhen und Tiefen, aber Tamara ist erwerbstätig in einem Beruf, den sie liebt, und die Mädchen sind beide Einserschülerinnen − glücklich, sozial gefestigt und zielstrebig. Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich diesen Text verfasse, ist Alizé Mitglied einer sogenannten Honor Society (Ehrengesellschaft zur Auszeichnung besonders guter Schüler und Studenten in den USA), macht Crosslauf und Leichtathletik. Im letzten Schuljahr wurde sie als beste Schülerin für ihre Leistungen in Sprachen, Biowissenschaften und Automatisierung und Robotik ausgezeichnet.

Tana, Tamara und ich setzen uns dafür ein, den Kreislauf der psychischen Krankheit bei den Mädchen sowie bei deren zukünftigen Kindern und Enkelkindern zu durchbrechen. Dieses Buch ist unsere Blaupause. Es ist auch Ihre Blaupause. Das Ende der psychischen Erkrankungen beginnt bei Ihnen und den Ihnen nahestehenden Menschen.

Alizé (rechts) und Amelie

Dieses Buch ist Ihre Blaupause

Teil 1 des Buchs führt Sie kurz in die Geschichte der Psychiatrie und der psychiatrischen Behandlung ein. Um dies zu veranschaulichen, werde ich einige der überraschenden und geradezu schockierenden Methoden aufzeigen, mit denen man einen meiner Patienten, Jarrett, im Laufe der Jahrhunderte wohl behandelt hätte. Ich werde Ihnen zeigen, wie sich psychische Krankheiten neu definieren lassen. Wir werden ein veraltetes diagnostisches Paradigma, das nur auf Symptomclustern basiert, hinter uns lassen und durch ein hirnzentriertes Paradigma ersetzen, das auf Symptomen plus Neuroimaging (bildgebende Verfahren des Gehirns/Scans), Genetik und einem personalisierten medizinischen Ansatz für die Gesundheit von Gehirn und Körper beruht. Als Nächstes werde ich Ihnen die zwölf wichtigsten Lehren vorstellen, die wir aus unserer Arbeit im Bereich der Bildgebung des Gehirns gezogen haben und die die Art und Weise, wie wir über unsere Patienten denken und ihnen helfen, völlig verändert haben. Ich werde Ihnen unser Bright-Minds-Programm zur Beendigung psychischer Erkrankungen (Amen Clinics Four Circles Bright Minds Program to end mental disease) vorstellen. Das Programm basiert auf dem einfachen, aber sehr wirkungsvollen Konzept, dass der Mensch, um einen gesunden Geist zu haben, zunächst einmal ein gesundes Gehirn haben muss. Um dies zu erreichen, müssen Sie die vier Kreise eines ganzen Lebens (biologisch, psychologisch, sozial und spirituell) optimieren sowie die elf Hauptrisikofaktoren, die das Gehirn schädigen und Ihre Psyche beeinträchtigen können, meiden oder behandeln.

Bright Minds steht für:

Blood Flow (Durchblutung)

Retirement/Aging (Ruhestand/Älterwerden)

Inflammation (Entzündung)

Genetics (Genetik)

Head Trauma (Kopfverletzungen)

Toxins (Giftstoffe)

Mind Storms (Übermäßige elektrische Aktivität des Gehirns)

Immunity/Infections (Immunsystem/Infektionen)

Neurohormone Issues (Hormonveränderungen, die Einfluss auf das Gehirn haben)

Diabesity (Diabetes und Übergewicht)

Sleep (Schlaf)

In Teil 2 erfahren Sie, wie man psychische Erkrankungen hervorrufen oder erfolgreich behandeln kann. Wenn Sie wissen, wie sie entstehen, haben Sie auch das Rezept, um sie zu vermeiden und zu behandeln. Hier werden Sie den enormen Einfluss entdecken, den die moderne Gesellschaft auf die explodierende Krise der Gesundheit von Gehirn und Psyche in Amerika hatte. Dieser Abschnitt wird auch die elf Bright-Minds-Risikofaktoren untersuchen, die eine stabile Psyche stark beeinträchtigen können, und Ihnen zeigen, wie Sie diese vermeiden können. Ich habe in meinem Buch Memory Rescue bereits ausführlich über diese Risikofaktoren geschrieben, aber nur im Zusammenhang mit dem Gedächtnis. Dieselben Faktoren haben allerdings auch großen Einfluss auf andere Probleme des Gehirns beziehungsweise der Psyche. Sie werden sehen, wie Ihr Gehirn − und Ihre Psyche − gesünder werden, sobald Sie Ihre Risikofaktoren reduzieren.

In Teil 3 werde ich viele praktische Strategien vorstellen, mit denen Sie Ihr Gehirn stärken und Ihre psychische Gesundheit optimieren können. Hier wird es auch um psychiatrische Medikamente im Vergleich zu Nahrungsergänzungsmitteln (Nutrazeutika) gehen, sowie darum, welche medizinischen Untersuchungen Sie jedes Jahr durchführen lassen sollten, und um die entscheidende Bedeutung Ihrer Nahrung. Darüber hinaus fasst das Schlusskapitel zusammen, wie psychische Erkrankungen entstehen und wie wir sie in den Griff bekommen können.

Lassen Sie Ihr Gehirn gesund werden und Ihre Psyche wird folgen. Es ist an der Zeit, die Hilfe zu bekommen, die Sie brauchen, indem Sie ein veraltetes, stigmatisierendes, unwissenschaftliches Paradigma ablegen.

Hier ist ein Beispiel dafür, warum wir das derzeitige überholte Paradigma zugunsten unseres neuen Modells aufgeben sollten.

Wie Chase seine »psychische Krankheit« erfolgreich bekämpfte, indem er sein Gehirn heilte

Chase war ein kluger, erfolgreicher junger Mann, der gerade seinen Collegeabschluss gemacht und einen tollen Job gefunden hatte. Aber innerlich litt er. Chase kämpfte mit schweren Ängsten, unkontrollierbaren Stimmungsschwankungen, negativen Gedankenmustern, lähmenden Panikattacken, Jähzorn und Schlafstörungen. Er hatte Schwierigkeiten mit beruflichen Kontakten und Freundschaften. Er konnte nicht mit Menschen sprechen und schien immer schlecht gelaunt zu sein. Außerdem fehlte ihm ein klares Gefühl dafür, dass sein Leben einen Sinn hatte.

Als Teenager suchte er einen Psychiater auf, der, nachdem er ihn gebeten hatte, einen Fragebogen auszufüllen, bei Chase eine bipolare Störung (eine schwere Stimmungsstörung, bei der Menschen zwischen Depression und Manie wechseln) sowie ADHS und eine Störung der Impulskontrolle diagnostizierte. Chase hatte außerdem eine Familiengeschichte mit Depressionen und Suchtkrankheiten.

Im Laufe der Jahre probierte er ein Medikament nach dem nächsten aus und versuchte, etwas zu finden, das wirkte. Die Nebenwirkungen verschlimmerten seinen Zustand allerdings noch weiter und er nahm mehr als 40 Kilo zu. Der junge Mann, der bereits soziale Ängste hatte, hatte nun noch mehr Gründe, sich selbst zu isolieren. Nicht nur das Gehirn von Chase, sondern auch sein Körper gaben schließlich auf; er hatte einen Nervenzusammenbruch und wurde arbeitsunfähig.

Die Stiefmutter von Chase, Terry, schlug vor, dass er zu einer Untersuchung in unsere Klinik in New York City kommen solle. Terrys Tochter hatte mit Lernschwierigkeiten und Angstattacken zu kämpfen gehabt; nach ihrem Besuch in unserer Klinik ging es ihr deutlich besser. Das inspirierte auch Terry zu einem Besuch in einer unserer Kliniken. Dies half ihr, die Gesundheit ihres Gehirns zu stärken, wodurch sie unter anderem eine bessere Geschäftsfrau wurde. In der Folge schickte Terry viele andere Mitglieder ihrer Familie in eine unserer Kliniken, um dort Hilfe zu suchen.

Wie bei allen unseren Patienten führten wir auch bei Chase zunächst umfassende Untersuchungen durch. Als Teil unseres diagnostischen Prozesses nahmen wir eine detaillierte Anamnese auf; es erfolgten neuropsychologische Untersuchungen und Laboruntersuchungen (Chase hatte einen niedrigen Vitamin-D- und Testosteronspiegel) und Hirnscans, um Durchblutung und Aktivitätsmuster seines Gehirns zu beurteilen.

Gesunde SPECT-AufnahmeVollständige, gleichmäßige, symmetrische Aktivität

Chases SPECT-AufnahmeGeringe Aktivität (Bereiche, die wie eingedrückt aussehen), insbesondere im präfrontalen Kortex und in den Temporallappen

Chase rast gegen eine Wand

Die SPECT-Untersuchung zeigt, wie das Gehirn funktioniert. Sie unterscheidet sich von der Computertomografie und Magnetresonanztomografie, bei denen es sich um Aufnahmen allein der anatomischen Strukturen des Gehirns handelt. Mit SPECT-Aufnahmen hingegen lässt sich darstellen und beurteilen, wie das Gehirn funktioniert beziehungsweise wie es »arbeitet«; sie sind daher meiner Meinung nach viel hilfreicher für Menschen mit komplexen Problemen des Gehirns beziehungsweise der Psyche, wie ADS/ADHS und bipolaren Störungen. Sie werden in den Kapiteln 2 und 3 mehr über unsere Arbeit mit SPECT erfahren.

Der SPECT-Scan von Chase (siehe die Bilder auf Seite 22, die seinen Scan mit dem Scan eines Gesunden vergleichen) zeigte eine signifikant niedrige Gesamtblutzufuhr zum Gehirn, insbesondere zum präfrontalen Kortex (eine Hirnregion, die mit Fokus, Vorausdenken, Urteilsvermögen, Planung, Empathie und Impulskontrolle in Zusammenhang steht) und den Schläfenlappen (eine Hirnregion, die mit Stimmungsstabilität, Lernen, Gedächtnis und Temperamentskontrolle assoziiert ist). Die Scans seines Gehirns zeigten Auffälligkeiten, die zu früheren Kopfverletzungen und dem Einfluss von giftigen Stoffen passten. Das veranlasste uns, Chase gezieltere Fragen zu stellen, um zu verstehen, warum sein Gehirn diese Veränderungen aufwies.

Es stellte sich heraus, dass seine Familie eine NASCAR-Rennstrecke besaß und Chase seit seiner Kindheit Rennwagen fuhr und dabei über lange Zeit giftige Benzindämpfe eingeatmet hatte. Er hatte eine Reihe von schweren Gehirnerschütterungen erlitten, darunter eine beim Rennsport. Bei vielen Menschen wird eine bipolare Störung (psychische Krankheit) fälschlich diagnostiziert, nachdem diese Menschen eine heftige Gehirnerschütterung (Erkrankung des Gehirns) erlitten haben, die sich auf den präfrontalen Kortex und die Schläfenlappen ausgewirkt hat.

Bei vielen Menschen wird eine bipolare Störung fälschlicherweise diagnostiziert, nachdem sie eine schwere Gehirnerschütterung erlitten haben. Die richtige Diagnose ist entscheidend für eine wirksame Behandlung.

Nachdem wir Chases Scans gesehen und seine Lebensgeschichte verstanden hatten, war klar, dass er nicht an einer bipolaren Störung, ADHS und Impulskontrollstörungen litt, sondern an den Langzeitfolgen von Gehirnerschütterungen und toxischer Belastung durch Benzindämpfe als Ursache für seine Symptome. Wir setzten seine Medikamente ab und gaben ihm Nahrungsergänzungsmittel, die die Funktion des Gehirns unterstützen. Um die Gesundheit seines Gehirns weiter zu verbessern, begannen wir mit dem Bright-Minds-Programm, das in den kommenden Kapiteln ausführlich beschrieben wird.

Als Teil des Programms änderten wir die Ernährung von Chase vollständig und ermutigten ihn, nur Nahrungsmittel zu essen, die der Gesundheit des Gehirns dienten, und solche, die ihr schaden, ganz wegzulassen. Außerdem fing er an, täglich Sport zu treiben. Chase tat alles, was wir ihm empfahlen.

SPECT vorherGeringe Aktivität, insbesondere im präfrontalen Kortex und in den Schläfenlappen

SPECT nach der BehandlungAllgemeine Verbesserung

Vorher

Nachher

In nur wenigen Monaten stieg sein Selbstvertrauen. Einige Monate später zeigte sein Gehirn eine deutliche Verbesserung. Seine Haut verbesserte sich ebenfalls und er hatte 40 Kilo abgenommen − weitere Anzeichen dafür, dass sein Gehirn gesünder war. Jetzt hat er einen noch besseren Job, von dem er sagt, dass er dort großartige Arbeitsbeziehungen hat; er hat viele Freunde außerhalb des Büros, probiert gerne neue Dinge aus und ist in einer festen Beziehung.

Nachdem er etwas über die Funktionsweise und die Gesundheit seines Gehirns gelernt hat, schaut Chase immer noch gerne Autorennen, sagt aber, dass er selbst nie wieder Rennen fahren wird. Und das nicht nur wegen der Gehirnerschütterungen, sondern auch wegen der Giftstoffe, die er dort eingeatmet hatte: Gas, Öl, verbranntes Gummi und all die anderen Chemikalien, die er nicht in seinem Körper haben will.

Chase brauchte dringend einen radikal neuen Ansatz; sowohl seine körperliche als auch seine psychische Gesundheit hatten sich verschlechtert.

Chase hatte drei psychiatrische Diagnosen von seinem Psychiater erhalten (bipolare Störung, ADHS und Impulskontrollstörung). Der Arzt hatte Checklisten und Gruppen verwandter Symptome, sogenannte Symptomcluster, aus dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) der American Psychiatric Association verwendet (also dem Standardbuch zur Diagnostik psychischer Krankheiten in den USA), um zu dieser Diagnose zu kommen. Die Behandlung allerdings hatte Chase mehr geschadet als geholfen. Ja − oberflächlich betrachtet ist es viel einfacher, verschiedene Medikamente auszuprobieren, in der Hoffnung auf eine schnelle Lösung, und sich nicht darum bemühen zu müssen, sein Leben zu verändern. Aber die Medikamente, die wir in der Psychiatrie einsetzen, sind oft tückisch, denn wenn man einmal damit anfängt, ist es sehr schwer, sie wieder abzusetzen. Die Wirkstoffe verändern Ihr Gehirn so, dass es sie braucht, damit Sie sich normal fühlen können. Auf lange Sicht ist es im Allgemeinen einfacher, ein wenig daran zu arbeiten, Ihre Gewohnheiten zu ändern, sodass Sie weniger oder in manchen Fällen gar keine Medikamente benötigen.

Oberflächlich betrachtet ist es einfacher, in der Hoffnung auf eine schnelle Lösung verschiedene Medikamente auszuprobieren und sich nicht mit Änderungen des Lebensstils herumschlagen zu müssen. Aber psychiatrische Medikamente sind oft tückisch, denn wenn man einmal damit angefangen hat, ist es sehr schwer, sie wieder abzusetzen. Die Wirkstoffe verändern Ihr Gehirn so, dass es sie braucht, damit Sie sich normal fühlen können.

Die Art und Weise, wie wir die Symptome von Chase untersucht und beurteilt und ihm geholfen haben, unterscheidet sich stark von der typischen Art und Weise, wie die meisten Menschen im Fall von »psychischen Erkrankungen« diagnostiziert und behandelt werden. Wenn Sie im Jahr 2020 den Verdacht haben, dass Sie ein psychisches Gesundheitsproblem haben, werden Sie wahrscheinlich einen Psychiater oder Hausarzt aufsuchen (die 85 Prozent der psychiatrischen Medikamente verschreiben), der Sie erst einmal bitten wird, Ihre Symptome zu beschreiben. In den meisten Fällen wird Ihr Arzt zuhören, eine Untersuchung durchführen und dann nach Symptomclustern suchen. Auf dieser Grundlage wird er Ihnen eine Diagnose und einen Behandlungsplan vorlegen, der in der Regel eines oder mehrere psychiatrische Medikamente umfasst.

Wenn Sie zum Beispiel über vermehrte Angst berichten, erhalten Sie in der Regel die Diagnose »Angststörung« und am Ende ein Rezept für ein Medikament gegen Angstzustände, das in einigen Studien mit einer Häufung von Demenz in Verbindung gebracht wurde.16 Wenn Sie Aufmerksamkeitsprobleme haben, kann es sein, dass Sie am Ende die Diagnose »ADHS« erhalten und ein Rezept für Stimulanzien wie Ritalin oder Adderall ausgestellt bekommen. Diese Medikamente können vielen Menschen helfen, aber es ist wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass sie bei manchen Menschen auch deren ursprüngliches Problem verschlimmern können.

Oder Sie sagen vielleicht: »Ich bin deprimiert.« Ihr Arzt wird Sie dann in eine Diagnose-schublade stecken, die den gleichen Namen trägt wie Ihre Symptome − Depression in diesem Beispiel −, ohne dabei biologische Informationen zu berücksichtigen. Bei der Behandlung handelt es sich in der Regel um ein Antidepressivum.

Laut dem Psychiater Thomas Insel, dem ehemaligen Direktor des National Institute of Mental Health (NIMH), »ist die Ansprechrate bei den Antidepressiva (…) weiterhin langsam und niedrig. In der bisher größten Wirksamkeitsstudie mit mehr als 4000 Patienten mit schwerwiegenden depressiven Störungen in der Primärversorgung und in Gemeindeeinrichtungen befanden sich nach 14 Wochen optimaler Behandlung nur 31 Prozent in Remission. (…) In den meisten Doppelblindstudien mit Antidepressiva liegt die Placebo-Ansprechrate auch bei etwa 30 Prozent. (…) Die Realität ist leider, dass die Medikamente, die uns derzeit zur Verfügung stehen, zu wenigen Menschen helfen, sich besser zu fühlen, und nur sehr wenigen Menschen helfen, wirklich gesund zu werden.«17 Dies stimmt mit dem überein, was Insels Vorgänger, Steven Hyman, der ehemalige Direktor des NIMH, im Jahr 2018 schrieb: Laut ihm haben wir im letzten halben Jahrhundert bei den Medikamenten zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen keine nennenswerten Fortschritte erzielt.18

Ein typisches Beispiel für diese veraltete diagnostische Methode sieht man bei Menschen, die Schwierigkeiten mit ihrem Temperament haben, wie Chase, die ab und zu emotional regelrecht explodieren. Sie erhalten oft die Diagnose »Impulskontrollstörung«, was eigentlich absurd ist. Diesen Menschen wird häufig Anti-Aggressions-Training empfohlen oder ihnen werden verschiedene Medikamente verschrieben.

Aus unserer Erfahrung mit Zehntausenden von Patienten in den Amen Clinics und nach 40 Jahren auf diesem Gebiet bin ich davon überzeugt, dass es unangemessen und respektlos gegenüber den Patienten ist, Diagnosen allein auf der Grundlage von DSM-Symptomclustern wie Angst, Depression, Wutausbrüchen oder einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne zu stellen.

SYMPTOME

Die Symptome sagen uns nichts über die zugrunde liegenden körperlichen, also biologischen, Probleme, die unsere Patienten haben. Alle anderen Mediziner schauen direkt auf die Organe, die sie behandeln, aber Psychiater sind daran gewöhnt, einfach davon auszugehen, dass bestimmte biologische Mechanismen Krankheiten wie Depression, ADS/ADHS, bipolaren Störungen und Sucht zugrunde liegen, ohne jemals das Gehirn zu betrachten, obwohl unsere Patienten genauso krank sind wie solche mit Herzkrankheiten, Diabetes oder Krebs.

Diagnosen ausschließlich auf der Grundlage von DSMSymptomclustern wie Angst, Depression, Wutausbrüchen oder einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne zu stellen, ist unangemessen.

Eine brisante Studie aus dem Jahr 2019 in der Zeitschrift Psychiatry Research bestätigt, was ich schon seit Jahrzehnten sage: Psychiatrische Diagnosen allein aufgrund von Symptomclustern zu stellen, ist wissenschaftlich bedeutungslos und entspricht auch nicht der Wahrheit. Die von Forschern der University of Liverpool geleitete Studie konzentrierte sich auf eine akribische Analyse von fünf Kapiteln im DSM-5: Angststörungen, depressive Störungen, traumabezogene Störungen, bipolare Störungen und Schizophrenie. Ihre Hauptergebnisse heben viele der Unzulänglichkeiten des gegenwärtigen diagnostischen Paradigmas hervor:19

Die Symptome verschiedener Diagnosen überschneiden sich stark.

Viele Diagnosen übersehen die Rolle von psychischen Traumata und Kopfverletzungen.

Der gegenwärtige Ansatz berücksichtigt selten den einzelnen Patienten.

Durch die sehr genaue Analyse dieser Daten zeigte sich in dieser Studie, wie undurchsichtig und inkonsistent das diagnostische Modell ist. Zum Beispiel »gibt es fast 24 000 mögliche Symptomkombinationen für eine Panikstörung im DSM-5, verglichen mit nur einer möglichen Kombination für eine soziale Phobie«. Ebenso besorgniserregend ist das Ergebnis, dass »zwei Menschen die gleiche Diagnose erhalten können, ohne auch nur ein einziges Symptom gemein zu haben«. Außerdem macht die schiere Anzahl der Symptomkombinationen es fast unmöglich, eine genaue Diagnose zu stellen. Denken wir zum Beispiel einmal über diese verblüffende Tatsache nach: »Im DSM-5 gibt es 270 Millionen Kombinationen von Symptomen, die sowohl die Kriterien für eine PTBS als auch für eine schwere depressive Störung erfüllen würden, und wenn fünf andere häufig gestellte Diagnosen auch noch mit eingerechnet werden, steigt diese Zahl auf eine Trillion an Symptomkombinationen an − mehr als die Anzahl der Sterne in der Milchstraße.« Die Forscher kommen in der Studie zu dem Schluss, dass eine andere Herangehensweise wirksamer sein könnte, als sich auf ein, wie sie es nennen, »ungenaues System von Kategorien« zu stützen.20

Aber keine Angst, wir müssen nicht so weitermachen wie bisher. Wenn wir die Art und Weise, wie wir über »Geisteskrankheiten« denken, ändern, indem wir sie als Probleme der Gesundheit des Gehirns betrachten, wird das Ganze um einiges genauer. Diese Entdeckung ist es, die die Art und Weise, wie wir in den Amen Clinics an die Diagnose und Behandlung unserer Patienten herangehen, völlig verändert hat. Sie ist auch der Grund dafür, dass die Amen Clinics eine der höchsten publizierten Erfolgsraten für Patienten mit komplexen psychischen Krankheiten haben, bei denen im Durchschnitt 3,3 Gesundheitsdienstleister und fünf Medikamente versagt haben.21 In der Tat berichten 84 Prozent der Patienten mit komplexen, behandlungsresistenten Erkrankungen, die wir in den Amen Clinics behandeln, dass sie sich nach sechs Monaten besser fühlen.

Dieses Buch wird einige ihrer Geschichten erzählen und auch Ihnen die Schritte aufzeigen, um psychische Erkrankungen in den Griff zu bekommen. Denn dies ist nicht nur im Leben von Alizé und Amelie möglich, sondern auch in Ihrem eigenen Leben und im Leben Ihrer Kinder und Enkelkinder.

Lassen Sie uns den Begriff »Geisteskrankheit« aus unserem Vokabular streichen und ihn durch die Begriffe »Gesundheit des Gehirns/psychische Gesundheitsprobleme« ersetzen.

Wir verwerfen das veraltete diagnostische Paradigma, das ausschließlich auf Symptom-clustern basiert, und ersetzen es durch ein hirnzentriertes Paradigma, das auf Symptomen plus Aufnahmen (Scans) des Gehirns, Genetik und einem personalisierten medizinischen Ansatz zur Gehirn-/Körpergesundheit basiert (siehe die Kapitel 1 bis 3).

Wir beurteilen und behandeln den ganzen Menschen in vier Kreisen − dem biologischen/physischen, dem psychologischen, dem sozialen und dem spirituellen (siehe Kapitel 4).

Wir zeigen Ihnen, wie Sie die elf wichtigsten Bright-Minds-Risikofaktoren, die dem Gehirn und Ihrer Psyche schaden, erkennen und behandeln können (siehe die Kapitel 5 bis 15).

Richte keinen Schaden an. Erfahren Sie mehr über die wissenschaftlichen Fakten, die Psychopharmaka mit Nutrazeutika vergleicht. Die Wirkung von Nutrazeutika ist stärker durch wissenschaftliche Untersuchungen gestützt, als die meisten Menschen wissen, und sie sind oftmals eine tatsächliche evidenzbasierte Option (Kapitel 16).

Informieren Sie sich über wichtige Befunde/Blutwerte und lassen Sie diese jährlich überprüfen, um Probleme der Gesundheit des Gehirns/psychischen Gesundheit zu vermeiden, bevor sie überhaupt erst auftreten können (Kapitel 17).

Essen Sie Nahrungsmittel, die die Funktion Ihres Gehirns fördern, anstatt solcher, die Krankheiten Ihres Gehirns und Ihres geistigen Zustands begünstigen (Kapitel 18).

Wir wollen auch in Schulen, Unternehmen, Kirchen und überall dort, wo Menschen zusammenkommen, für die Gesundheit des Gehirns/psychische Gesundheitserziehung sorgen (Kapitel 19).

TEIL 1

ALLES ÄNDERT SICH, WENN WIR UNS DIE PSYCHISCHE GESUNDHEIT ALS GEHIRNGESUNDHEIT VORSTELLEN

KAPITEL 1

VOM EXORZISTEN ZUM HAUSARZT

Eine kurze Geschichte der Diagnosen und Therapien psychischer Erkrankungen

Wenn es einer einzigen Person besser geht, kann sich dies wie ein Dominoeffekt positiv und unterstützend auf mehrere Generationen von Menschen hinweg auswirken. Als ich meine Frau Tana 2006 zum ersten Mal traf, mochte ich sie wirklich sehr, sehr gern. Ich war zu dem Zeitpunkt seit sechs Jahren geschieden und ich hatte mir selbst vorgenommen, dass ich, bevor ich jemals wieder heiraten würde, den Gehirnscan der Frau sehen müsste, bevor ich noch einmal so weit gehen würde. Etwa drei Wochen nachdem wir uns kennengelernt hatten, lud ich Tana tatsächlich in die Klinik ein. Sie war Intensivkrankenschwester im Bereich Neurochirurgie und wir bauten eine Verbindung zueinander über unsere Liebe zum Gehirn auf; daher war das Ganze gar nicht so furchtbar seltsam, wie es jetzt vielleicht klingt. In der Scan-Aufnahme war ihr Gehirn wunderschön und zweieinhalb Jahre später waren wir verheiratet. Dieser eine Hirnscan führte im Laufe der Jahre dazu, dass das Gehirn vieler anderer Menschen verändert wurde.

Einige Monate nach dem Scan von Tana diagnostizierte ein Neurologe bei ihrem Vater, mit dem sie kaum Kontakt hatte, die Alzheimerkrankheit. Aber als ich ihren Vater erneut untersuchte, zeigte sein SPECT-Scan, dass er gar kein Alzheimer hatte, sondern eher eine Depression, die sich als etwas ganz anderes tarnte. Wir verschrieben ihm natürliche Nahrungsergänzungsmittel und einige Monate später konnte er ein sechsstündiges Seminar in der Kirche seines Wohnortes halten. Als sich Tanas Mutter und ihr Onkel bei der Arbeit zerstritten, untersuchte ich sie und führte bei beiden einen Scan durch. Wie sich zeigte, litten sie beide an einer überaus ausgeprägten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Mit Medikamenten kamen sie viel besser zurecht und auch ihr Unternehmen wuchs nun. Dann sah eine Jugendfreundin von Tana uns zusammen in einer Sendung im öffentlichen Fernsehen und kontaktierte Tana nach vielen Jahren erneut, weil ihr Sohn Jarrett echte Probleme hatte.

Jarrett

Bei Jarrett wurde bereits in der Vorschule ADHS diagnostiziert. Seine Mutter sagte, dass er sozusagen von einem Motor mit zu hoher Drehzahl angetrieben wurde. Er war hyperaktiv, redete sehr viel, unruhig und impulsiv und er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Er schlief nicht gut und unterbrach ständig seine Gesprächspartner. Er hatte keine Freunde − seine Klassenkameraden mieden ihn und andere Eltern hielten ihre Kinder von ihm fern. Seine Lehrerin in der dritten Klasse sagte, er würde nie gut in der Schule sein, und riet seinen Eltern dazu, ihre Erwartungen herabzuschrauben. Er war bei fünf verschiedenen Ärzten gewesen, die ihm fünf verschiedene stimulierende Medikamente gegen ADHS verschrieben hatten. Dadurch wurde aber alles noch viel schlimmer, denn die Medikamente führten bei Jarrett zu Stimmungsschwankungen und schrecklichen Wutausbrüchen. Er schlug Löcher in die Wände ihres Hauses und erschreckte seine Geschwister. Sein Verhalten war derart untragbar geworden, dass sein letzter Arzt ihm ein antipsychotisches Medikament verabreichen wollte. Da brachte ihn seine Mutter zu uns. Jarretts SPECT-Scan des Gehirns zeigte deutlich eine dramatische Überaktivität in einem Muster, das wir »den Feuerring« nennen. Kein Wunder, dass Stimulanzien nicht wirkten; das war in etwa so, als würde man noch Benzin ins Feuer schütten. Unsere veröffentlichten Forschungsergebnisse zeigen eindeutig, dass Stimulanzien dieses Muster in 80 Prozent der Fälle noch verschlimmern.2

Wir rieten ihm zu einer Reihe natürlicher Nahrungsergänzungsmittel zur Beruhigung seines Gehirns − zusammen mit einem Elterntraining und strukturierten Gewohnheiten, die ebenfalls seiner Hirngesundheit zugutekamen. Daraufhin verbesserte sich Jarretts Verhalten dramatisch. Seine Noten stiegen, die Wutanfälle hörten auf und er fand endlich Freunde. Er steht nun das achte Jahr in Folge auf der Ehrenliste seiner Schule. Nach so langer Suche sind seine Eltern dankbar, den richtigen Behandlungsplan für ihn gefunden zu haben, der seinen Lebensweg völlig verändert hat. Man kann nicht sagen, was die Zukunft für Jarrett bereitgehalten hätte, wenn er auf seinem bisherigen Weg geblieben wäre.

Jarrett und Dr. Amen

Wie wäre Jarrett in früheren Zeiten behandelt worden?

Das Wort »Psychiatrie« stammt von dem mittelalterlichen lateinischen Begriff psychiatria ab und bedeutet »Heilung der Seele«.3 Viele frühere Gesellschaften sahen psychische Krankheiten als eine Art göttliche Bestrafung oder dämonische Besessenheit an. Dieses Kapitel führt Sie durch die Geschichte, um Ihnen einige der seltsamen und beunruhigenden Methoden zu zeigen, die bei dem Versuch, Jarrett zu heilen, wohl angewendet worden wären.

Antike Zivilisationen

In altindischen, ägyptischen, griechischen und römischen Schriften wurden Geisteskrankheiten oft als religiöses oder persönliches Versagen beschrieben. Bereits 6500 vor Christus zeigten prähistorische Schädel und Höhlenmalereien Hinweise auf sogenannte Trepanationen, einen chirurgischen Eingriff, bei dem ein Loch in den Schädel gebohrt oder gekratzt wurde, um böse Geister freizusetzen, von denen man annahm, sie seien darin gefangen.4

Behandlung: Religiöse Führer hätten möglicherweise einen Exorzismus bei Jarrett versucht oder ihm ein Loch in den Schädel gebohrt, um die bösen Geister herauszulassen.

Trepanation, um eingesperrte böse Geister herauszulassen

Hippokrates

Der griechische Arzt Hippokrates (460−370 vor Christus) glaubte, dass alle Geisteskrankheiten vom Gehirn ausgehen.5 Er schrieb: »Die Menschen sollten wissen, dass im Gehirn, und zwar nur im Gehirn, unsere Freude, unser Lachen und unsere Scherze, aber auch unsere Sorgen, Schmerzen, Niedergeschlagenheit und Tränen entstehen. (…) Und durch dasselbe Organ werden wir auch wahnsinnig und verfallen ins Delirium, wo Ängste und Schrecken über uns hereinbrechen. (…) All diese Dinge lässt unser Gehirn uns erleiden, wenn es nicht gesund ist.«6

Als »Vater der Medizin« schlug Hippokrates eine der ersten Klassifikationen psychischer Störungen vor, darunter Manie, Melancholie, Phrenitis (Gehirnentzündung, Fieber, Delirium), Wahnsinn, Ungehorsam, Paranoia, Panik, Epilepsie und Hysterie. Einige dieser Begriffe werden auch heute noch verwendet. Der renommierte Arzt hielt Geisteskrankheit nicht für beschämend; er war der Ansicht, dass psychisch Kranke für ihr Verhalten nicht verantwortlich seien und sprach sich dafür aus, dass ihre Familie zu Hause für sie sorgen solle. Er war ein Pionier in der Behandlung psychisch kranker Menschen mit rationaleren Techniken, wobei er sich darauf konzentrierte, die Ernährung, das Umfeld oder den Beruf einer Person zu ändern und außerdem Medikamente, Bewegung, Musik, Kunsttherapie und sogar das Beten zu den Göttern empfahl.

Es ist unglaublich, wenn man bedenkt, dass Hippokrates bereits vor fast 2500 Jahren vorgeschlagen hat, dass psychische Erkrankungen als physische (körperliche) medizinische Erkrankungen behandelt und mit Änderungen der Lebensweise behandelt werden sollten (was ja auch das Hauptargument dieses Buches ist).7 Er stellte jedoch auch die Theorie auf, dass physische Krankheiten durch ein Ungleichgewicht von vier essenziellen Körperflüssigkeiten oder Körpersäften (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Phlegma) verursacht würden, was teilweise für die Praktiken des Aderlasses und der Entschlackung (ähnlich der Anwendung von Abführmitteln zur Darmentleerung) verantwortlich ist.

Behandlung: Wahrscheinlich hätte Hippokrates Jarrett Sport, Musik, künstlerische Betätigung und die Konzentration auf eine Beschäftigung empfohlen, die seiner rastlosen Natur besser entsprach. Möglicherweise hätte er auch einen Aderlass verordnet, um überschüssiges Blut freizusetzen, und ihm einige natürliche Nahrungsergänzungsmittel verschrieben.

Galen

Galen (130−201 nach Christus), ein weiterer griechischer Arzt, der während des Römischen Reiches lebte und arbeitete und letztlich einer der einflussreichsten Ärzte der Geschichte wurde, stimmte mit der Humorallehre (Säftelehre) der Krankheiten des Hippokrates überein und assoziierte sie mit den vier Temperamenten:

Sanguiniker (Blut: extrovertiert, sozial, risikofreudig)

Phlegmatiker (Phlegma: entspannt, friedlich, locker)

Choleriker (gelbe Galle: angriffslustig, entschlossen, zielorientiert)

Melancholiker (schwarze Galle: kreativ, freundlich und introvertiert)

Wie Hippokrates glaubte auch Galen, dass es keinen Unterschied zwischen psychischen und physischen/körperlichen Krankheiten gab,8 und stellte fest, dass psychischer Stress geistige Gesundheitsprobleme verursachen konnte. Ihm wird die Entwicklung einer dreigliedrigen Seelentheorie zugeschrieben, in der er zu lokalisieren versuchte, wo die drei Teile der Seele im Körper untergebracht waren: rational (Gehirn), spirituell (Herz) und begehrend (Leber). In seiner Schrift De propriorum animi cuius libet affectuum dignotione et curatione (Über die Diagnose und Heilung der Seelenleidenschaft) erörterte Galen die Behandlung psychologischer Probleme, die von einigen Experten als frühe Versuche im Bereich der Psychotherapie bezeichnet wurde.9 Er wies Menschen mit psychologischen Problemen an, ihre tiefsten Leidenschaften und Geheimnisse zu teilen, da er davon ausging, dass sie sich dadurch besser fühlen würden.

Behandlung: Galen hätte Jarrett einen Behandlungsplan verschrieben, der dem von Hippo-krates geähnelt hätte, mit dem Zusatz einer Gesprächstherapie.

Mittelalter

Im Mittelalter tauchten in Europa erneut übernatürliche Erklärungen für psychische Erkrankungen auf, um Naturkatastrophen wie Seuchen und Hungersnöte zu erklären. Im 13. Jahrhundert wurden psychisch kranke Menschen, vor allem Frauen, als von Dämonen besessene Hexen angesehen. Im 16. Jahrhundert versuchten der niederländische Arzt Johann Weyer und der Engländer Reginald Scot ihre Zeitgenossen davon zu überzeugen, dass die der Hexerei beschuldigten Personen in Wirklichkeit Menschen mit psychischen Krankheiten waren, die Hilfe brauchten, aber die Inquisition der katholischen Kirche verbot ihre Schriften. Diese Praxis ging erst im 17. und 18. Jahrhundert zurück. In der Zeit der meisten Hexenprozesse in den Vereinigten Staaten, zwischen Februar 1692 und Mai 1693, wurden in Salem, Massachusetts, mehr als 200 Menschen als Hexen angeklagt; 20 wurden hingerichtet (14 Frauen und 6 Männer), und andere starben im Gefängnis.

Im 16. und 17. Jahrhundert wurden »Irrenhäuser« errichtet, in denen die Erkrankten gegen ihren Willen eingesperrt wurden. Die Häftlinge, von denen viele angekettet und geschlagen wurden, lebten oftmals im Elend. Manchmal wurden sie gegen Bezahlung von Schaulustigen auch wie Zootiere vorgeführt. Außerdem unterzog man sie einer Reihe von obskuren medizinischen Praktiken wie erzwungenes Erbrechen, eine Anwendung heißer Auflagen auf der Haut, die zu einer Blasenbildung führte, oder Aderlass.10

Behandlung: Religiöse Führer hätten möglicherweise versucht, bei Jarrett einen Exorzismus durchzuführen; Ärzte hätten ihn womöglich in eine Anstalt eingewiesen, wo man seine Haut verbrannt, ihn zur Ader gelassen oder ihm ein Abführmittel verabreicht hätte.

18. und 19. Jahrhundert

1789 verfiel König Georg III. von England dem Wahnsinn. Seine Ärzte waren nicht in der Lage vorauszusagen, ob er sich erholen würde oder ob die Suche nach einem Nachfolger veranlasst werden sollte.11 Diese Krise veranlasste die Ärzte in Englands Anstalten für psychisch Kranke dazu, sich verstärkt mit den Vererbungsmustern von psychischen Erkrankungen zu beschäftigen. Lange vor der Entdeckung der DNA begannen Ärzte damit, Familiengeschichten von Geisteskranken, Kriminellen und Menschen mit geistigen Behinderungen in den Heimen, Gefängnissen und Schulen für »schwachsinnige« Kinder zu sammeln. Damals wurden Ärzte, die sich auf Geisteskrankheiten spezialisierten, im Englischen als »Alienists« bezeichnet, weil sie Menschen behandelten, die der Gesellschaft entfremdet (alien) waren. Einige dieser Alienisten glaubten, dass Stress psychische Erkrankungen verursachen konnte, aber die meisten waren der Ansicht, dass sie schlicht durch Vererbung in den Familien weitergegeben wurden.

Die Leiter der psychiatrischen Anstalten begannen, Stammbäume und Umfragen zu verwenden, um betroffene Verwandte ihrer Patienten zu untersuchen und ausfindig zu machen, und schlossen diese ebenfalls in ihren Anstalten ein, da sie der Meinung waren, dass diese Menschen davon abgehalten werden müssten, sich fortzupflanzen. Anstaltsleiter, Gesetzgeber und Sozialreformer traten eine zutiefst fehlgeleitete Eugenikbewegung zur Verbesserung der Gesellschaft los, indem sie Sterilisationsgesetze verabschiedeten, die schließlich vom Obersten Gerichtshof der USA unterstützt wurden (Fall Buck versus Bell 1927). Sie wurden in 32 Staaten verabschiedet und waren Teil der Begründung für die Gräueltaten in Nazideutschland. Diese Bewegung setzte sich bis in die 1960er-Jahre fort, und mehr als 60 000 Amerikaner wurden infolgedessen sterilisiert.12

Im Europa des 18. Jahrhunderts brachen Proteste gegen die Zustände in den Heimen aus und die Reformer setzten sich daran, die missbräuchlichen Praktiken zu beenden. Sie befreiten die Patienten von den Ketten und setzten sich für gute Hygiene, Erholung und Berufsbildung ein.13 In den Vereinigten Staaten etablierte einer der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, der Arzt Benjamin Rush, der als Vater der amerikanischen Psychiatrie gilt, eine wohlwollendere Haltung, indem er Patienten von Ketten befreite, Schläge verbot und Lobbyarbeit für bessere Lebensbedingungen in Pennsylvania betrieb.

Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Therapien, die Rush einsetzte, hilfreich waren. In seinem Buch Medical Inquiries and Observations upon the Diseases of the Mind (Medizinische Untersuchungen und Beobachtungen über die Krankheiten des Geistes) schrieb er, dass Hypochondrie, eine Form der Melancholie oder dem, was wir heute Depression nennen, durch »direkte und drastische Eingriffe« behandelt werden müsse, die einen »Angriff auf Geist und Körper des Patienten« beinhalteten mussten, wodurch die Konstitution des Patienten wiederhergestellt werden sollte.14 Er empfahl den Ärzten, die Systeme der Patienten durch Blutungen (Blutegel), Blasenbildung und Schröpfen zu »säubern« (ähnlich dem aktuellen Trend zum Schröpfen, der landesweit Aufmerksamkeit erregte, als der Schwimmer Michael Phelps bei den Olympischen Spielen 2016 mit den verräterischen violetten Flecken auf seinem Rücken, die durch die Behandlung entstanden waren, gesichtet wurde).15 Rush verschrieb auch Medikamente wie Quecksilber, Arsen und Strychnin, von denen bekannt ist, dass sie giftig sind und Erbrechen und Durchfall auslösen können, und schlug vor, zwei oder drei Tage lang zu fasten.16 Nachdem der Körper gereinigt worden war, empfahl er Stimulanzien wie Tee und Kaffee, Ingwer und schwarzen Pfeffer in großen Dosen, Magnesiumoxid, Senf, heiße Bäder, um Schwitzen zu induzieren, gefolgt von kalten Bädern und Bewegung.

Als Abraham Lincoln im Januar 1841 schwer depressiv wurde, schloss sich sein Arzt Dr. Anson Henry Rushs aggressiven Theorien an und unterwarf den zukünftigen Präsidenten wahrscheinlich diesen harten Behandlungen. Nachdem Lincoln eine Woche allein mit Dr. Henry verbracht hatte, bezeichnete er sich selbst »als den elendsten Menschen auf der ganzen Welt«.17

Rush glaubte auch, dass viele psychiatrische Erkrankungen das Ergebnis eines blockierten Blutkreislaufs seien. Um die Durchblutung des Gehirns bei schizophrenen Patienten zu verbessern, schnallte Rush sie auf den »kreisenden Stuhl«, ein Gerät, das sie herumwirbelte, bis ihnen schwindelig wurde. Das half natürlich nicht.

In den 1770er-Jahren wurde Europa durch den deutschen Arzt Franz Anton Mesmer beeinflusst, der versuchte, die »Energieblockaden« zu behandeln, von denen er glaubte, dass sie die Ursache für psychische Erkrankungen seien. Er glaubte, dass alle Krankheiten auf einen unzureichenden Fluss dieser Energien zurückzuführen seien, die er »animalischen Magnetismus« nannte. Indem er Patienten in einen tranceähnlichen Zustand versetzte und dann bestimmte Körperteile sondierte, um den Energiefluss wiederherzustellen, trieb Mesmer seine Patienten in Krisenzustände (Delirium oder Anfälle). Bei einigen Patienten verschwanden die Symptome nach der Behandlung auf wundersame Weise, sodass Mesmer den Status einer Berühmtheit erlangte. 1843 prägte der schottische Arzt James Braid den Begriff »Hypnose« für eine ursprünglich vom »animalischen Magnetismus« abgeleitete Technik zur Induktion hypnotischer Trancen.

Behandlung: Man hätte Jarrett möglicherweise in einer Anstalt eingesperrt und sterilisiert, wenn nicht sogar getötet, und seine Familie wäre ebenfalls in Verdacht geraten. Möglicherweise hätte der US-amerikanische Arzt Dr. Rush verordnet, seine Haut so zu behandeln, dass sich Blasen bilden, und giftige Medikamente wie Arsen empfohlen, gefolgt von heißen und kalten Bädern. Der deutsche Arzt Dr. Mesmer hätte Jarrett vielleicht hypnotisiert, um eine Energieblockade zu lösen.

Freud und die Psychoanalyse

Ende des 19. Jahrhunderts besuchte der Wiener Arzt Sigmund Freud das Pariser Krankenhaus Salpêtrière, wo er beim Begründer der modernen Neurologie Jean-Martin Charcot studierte, der vor allem für seine Arbeit in den Bereichen Hysterie und Hypnose bekannt war. Charcot setzte Hypnose als kathartische Energiefreisetzung ein, um eine Heilung zu ermöglichen. Später gab Freud die Hypnose zugunsten der Psychoanalyse auf, der Gesprächstherapie, die die Psychiatrie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beherrschte.

Freud, der Neurologe war, war entschlossen, die menschliche Psyche zu verstehen. Er versuchte, diese aus der Perspektive der Neurowissenschaften beziehungsweise des Gehirns zu verstehen, gab aber 1895 auf, als er zu dem Schluss kam, dass die Wissenschaft seiner Zeit der Aufgabe, die Symptome der Patienten zu erklären, nicht gewachsen war. Schließlich begann er an die Macht eines Unterbewusstseins zu glauben, auf das im Wachzustand kein Zugriff möglich war, welches aber im Zuge von hypnotischen Trancen und später auch durch Psychoanalyse zugänglich wurde. Für Freud war der Verstand eine Art Eisberg − der größte Teil war unbewusst und dem Blick verborgen. Er argumentierte, dass der Verstand drei Teile habe:

Das Es: kindliches Selbst, egoistische Wünsche und Instinkte

Das Ego: erwachsenes Selbst, das hilft, das Es zu kontrollieren, um rationalere Entscheidungen zu treffen

Das Über-Ich: moralisches Selbst, die Stimme in Ihrem Kopf, die Ihre Handlungen beurteilt