GETÄUSCHT - Chris Merscheider - E-Book

GETÄUSCHT E-Book

Chris Merscheider

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Beschreibung

Felix und Adriaan wollten nur eine Nacht allein. Doch das Schicksal machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Als Felix’ Vater unerwartet und viel zu früh nach Hause kommt, ist es zu spät. Der orange Rucksack, die Kleidung auf dem Boden, der Geruch von Liebe – alles verrät ihn. Felix hat die Angst vor einer schmerzhaften Abfuhr so lange verdrängt, doch jetzt steht die Wahrheit im Raum. Und er muss die quälende Frage beantworten: Was passiert, wenn seine Liebe zu Adriaan auffliegt?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

1. Nachmittag

2. Abend

3. Nacht

Impressum

Landmarks

Inhaltsverzeichnis

Cover

Beginn des Textes

GETÄUSCHT

Nachmittag

Mein Name ist Felix. Felix heißt »der Glückliche«, habe ich mir mal sagen lassen. Ich weiß aber nicht, ob das stimmt oder besser gesagt, ob mein Name zu mir passt.

Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag starb meine Mutter durch einen Autounfall. Unser Verhältnis war zu der Zeit nicht mehr so wirklich gut. Mag sein, dass das mit meinem Alter zusammenhing. Dass ich über beide Ohren verliebt war, machte es mir auch nicht leichter und dass meine Liebe einem Jungen galt schon gar nicht. Ich habe es meiner Mutter nicht mehr erzählen können, sie hat mir aber auch nicht alles mitgeteilt. Es gab da ein Geheimnis, das auch mich betraf, das spürte ich genau. Dieses Geheimnis belastete unser Verhältnis zueinander. Sie hat es mit in ihr Grab genommen.

Ungefähr ein halbes Jahr später stand ich in Solingen im Hauptbahnhof und wartete auf den Zug aus Remscheid. Nein, eigentlich wartete ich nicht auf den Zug, sondern auf Adriaan, meinen Freund, der mit dem Zug aus Remscheid kam. Wir gingen beide auf dasselbe Gymnasium, das EMMA, aber in verschiedene Klassen.

Anfangs waren wir Schulfreunde, dann beste Freunde und dann verliebten wir uns ineinander. Letzteres konnten wir in der Schule und auch sonst gut verheimlichen, auch wenn es schwerfiel. Dass wir in den Pausen und nach der Schule immer unzertrennlich waren und auch gegenseitig bei dem anderen übernachteten, war nicht auffällig.

Geknutscht haben wir immer nur dann, wenn wir allein waren. Dabei hätte ich Adriaan den ganzen Tag abknutschen mögen. Natürlich entdeckten wir auch unsere Sexualität zusammen, was aber schon deutlich schwieriger war.

Ein paar Mal waren Adriaans Eltern über Nacht weg und wir hatten „sturmfreie Bude“. Zumal Adriaans Schwester Cathelijne gerade ausgezogen war. Bei mir hätten wir öfter Gelegenheit gehabt, da Mutter regelmäßig Spätschicht hatte. Doch nach ihrem Unfall zog mein Vater von Hamburg nach Solingen, um sich um mich kümmern zu können. Ich war froh, nur nach Solingen umzuziehen und so wenigstens die Schule nicht wechseln zu müssen.

Der Zug fuhr ein, seine Bremsen quietschten. Das Erste, was ich von Adriaan sah, war sein leuchtend oranger Rucksack mit den zwei schwarzen Löwen und dem rot-weiß-blauen Holland-Schriftzug. Als er ausstieg, strahlte die Julisonne mit seinem Lächeln um die Wette. Was hätte ich dafür gegeben, ihn mit einem Kuss zu begrüßen. Auch wenn uns hier keiner kannte, wir trauten uns nicht.

Ein paar Wochen zuvor war ich bei Dri, wie Adriaan in der Schule und auch von mir genannt wurde, zu Hause. Er hatte es nicht geplant, aber irgendwie hatte es sich ergeben, dass er sich seinen Eltern gegenüber als schwul geoutet hat. Ich stand nicht nur räumlich daneben. So wie Dri es gesagt hatte, nahmen seine Eltern nicht wahr, dass ich nicht mehr nur sein bester Freund, sondern seine Beziehung war. Seine Mutter hatte, freundlich ausgedrückt, absolut kein Verständnis. Sein Vater leider noch weniger. Dri bekam eine Ohrfeige, die auch mich schmerzte – und selbst heute noch jedes Mal schmerzt, wenn ich mich zurückerinnere. Um mich vor der Homosexualität zu schützen, warf mich Adriaans Mutter etwas unsanft aus der Wohnung. Dri bekam Stubenarrest und durfte sich nicht mehr mit Jungen treffen. Also auch mit mir nicht.

Glücklicherweise war es seinen Eltern schlicht unmöglich, dieses Verbot auch durchzusetzen. Vielleicht wollten sie es auch gar nicht. Die Wut wandelte sich in Ignorieren. Sex und Homosexualität, sowie die bösen Worte, die gefallen waren und auch die Ohrfeige, wurden zum Tabuthema. Dri brachte keine Freunde mehr mit nach Hause und erzählte einfach nicht mehr, mit wem er sich traf.

Dri begrüßte mich wie einen guten Freund, doch seine Augen funkelten vor Liebe. Himmelblaue Augen, strohblonde Wuschelhaare und einen muskulösen Sportler-Body – mit Sixpack. Es gab aber etwas, das mich fast noch mehr anmachte als sein traumhafter Body: Sein holländischer Akzent.

»Felix, alter Baumschubser. Wartest du schon lange? Der blöde Zug hatte mal wieder Verspätung.«

»Nö! Zehn Minuten oder so. Hat sich aber gelohnt!« Ich zwinkerte ihm zu.

Dann warteten wir gemeinsam auf die S-Bahn nach Düsseldorf.

»Nur gut, dass der Regen aufgehört hat. So wie die Sonne jetzt scheint, könnte nachher wieder alles getrocknet sein.« Sagte Dri beiläufig, aber ich wusste, was er damit meinte.

Vor Kurzem hatten wir unterhalb von Schaberg eine einsame Lichtung gefunden. In einer kleinen Bodenmulde konnte man es sich dort im Gras gemütlich machen, ohne Angst haben zu müssen, dass jemand vorbeikam.

Mit einem breiten Grinsen erwiderte ich: »Dann muss ich aber noch etwas besorgen, hab' nichts dabei.« Das war zwar nicht die ganze Wahrheit, schließlich hatte ich schon etwas »vorbereitet«, doch »dabei« hatte ich tatsächlich nichts.

»Nicht nötig, hab' ich vorhin schon erledigt!«

Ich habe ihn immer dafür bewundert, wie easy er in einen Laden gehen und Gummis kaufen konnte. Ich lief dabei immer feuerwehrrot an.

Die S-Bahn fuhr ein und wir hatten Glück. Es war nicht viel los und wir hatten einen Viererplatz für uns alleine.

Ich bin mal mit der Schule in den Wuppertaler Zoo gefahren. Sandra und Totto waren zu der Zeit ein Paar und haben im Zug nebeneinandergesessen und die ganze Zeit geknutscht. Junge mit Mädchen – dann geht das.

Aber Dri und ich saßen uns lieber gegenüber. Dabei konnten wir die Beine ausstrecken und uns so wenigstens etwas berühren. Und wir konnten uns in die Augen schauen. Knutschen ging zwar nicht, aber heimlich flirten. Wir verstanden uns auch ohne Worte.

Wenn ich sage, dass eine leere S-Bahn Glückhaben heißt, wie soll ich dann die überfüllte U-Bahn in Düsseldorf nennen, mit der wir in die Altstadt fuhren? Glück?! Warum die Bahn so voll war, weiß ich nicht. Vielleicht war sie es um die Zeit immer. Vielleicht war die Bahn vorher ausgefallen. Oder beides. Egal. Aber warum hatten wir Glück, dass sie so voll war? Weil wir dicht aneinandergedrängt stehen »mussten« und somit in aller Öffentlichkeit uns näher kommen konnten als Sandra und Totto im Zug. Dri stand hinter mir und hielt sich an der Stange vor mir fest. Ich spürte seinen Atem im Genick, seine Wärme an meinem Rücken. Er ahnte nicht, welche Pläne ich für die Nacht mit ihm geschmiedet hatte.

Düsseldorf war eine große Stadt und eine bunte. Nicht so regenbogenbunt wie Köln und auch nicht so groß. Aber uns war sie groß- und vor allem bunt genug. Außerdem war sie für uns Schüler einfacher zu erreichen. Ein weiterer und sehr wichtiger Vorteil für uns war, dass Dris Schwester in Düsseldorf wohnte und dass er dort immer mal wieder übernachten durfte. Köln als Ziel wäre für Dri auch deswegen problematisch gewesen, weil Köln halt eine sogenannte „Schwulenhochburg“ war oder ist. Nach dem Ohrfeigennachmittag hätte er Köln wohl besser nicht als Ziel angeben dürfen.

---ENDE DER LESEPROBE---