Gewalt im Haus - Barbara Peveling - E-Book

Gewalt im Haus E-Book

Barbara Peveling

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Beschreibung

Alle drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet – doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Barbara Peveling schreibt auch über all die Formen häuslicher Gewalt, die darunter liegen, die eng verbunden sind mit traditionellen Geschlechterrollen, ökonomischer Ungleichheit und dem Haus als intimer Arena der Dominanz. Dabei spricht sie als Betroffene: Sie hat als Kind zwischen ihren Eltern und als Erwachsene in ihren Beziehungen Gewalt erlebt. Sie zeigt auf, dass die Strukturen der Dominanz allen schaden, auch Männern wie ihrem Vater, der als Täter die Gewalt letztlich gegen sich selbst richtete. Ein aufrüttelnder Essay über die Zyklen der Gewalt, über Schweigen und Scham, Gegenwehr und Hoffnung. »Barbara Peveling findet eine Sprache für häusliche Gewalt, die mich hat verstehen lassen, was die Gewalt für Betroffene bedeutet. Sie verbindet gekonnt persönliche Erzählung mit feministischer Theorie. Lest dieses Buch!« Bettina Wilpert »Barbara Peveling zeigt, welche Kräfte uns formen, in Beziehungen führen, einsperren und wie wir ihnen im Akt des Erzählens entkommen. Schonungslos und sprachgewaltig.« Florian Werner

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2024

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BARBARA PEVELING, geboren 1974 in Siegen, ist promovierte Ethnologin, Autorin und Journalistin. Mit Nikola Richter gab sie 2021 die Flugschrift Kinderkriegen. Reproduktion reloaded heraus. Sie lebt bei Paris und in Köln.

Die Autorin dankt der Kunststiftung NRW und dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen für die Arbeitsstipendien.

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D - 22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus GmbH 2024

Erstauflage September 2024

Umschlaggestaltung: Maja Bechert

www.majabechert.de

Satz: Corinna Theis-Hammad

www.cth-buchdesign.de

Porträt der Autorin

auf Seite 2: © privat

Bilder auf Seite 48 und 102:

© privat

1. Auflage

ePub ISBN 978-3-96054-377-0

Triggerwarnung

Dieses Buch enthält Schilderungen physischer und psychischer Gewalthandlungen, die belastend oder retraumatisierend wirken können.

Hilfetelefon

Gewalt gegen Frauen: 0800 116 016

Rund um die Uhr, für Betroffene, Angehörige und Freund*innen

»Alles, was ich an meinem Leben mag, alles, was mich gerettet hat, verdanke ich meiner Männlichkeit.«

Virginie Despentes, King Kong Theorie

Inhalt

Nacht

Honeymoon

Dominanz

Mythen

Gabe

Haus

Wunde

Konflikt

Unterwerfung

Traumpfade

Glasglocke

Widerspruch

Ignoranz

Versprechen

Hoffnung

Prügel

Misshandlung

Schuld

Gefängnis

Scham

Sabotage

Sucht

Wut

Gedächtnis

Grenze

Sororität

Lachen

Dank

Anmerkungen

Literatur

Nacht

Keine dieser vielen Nächte, nicht eine einzige von ihnen, ließ mich verstehen, in welchem System ich gefangen war. Diese Nächte voller Angst und Wut, in denen Schreie wie Sprengladungen explodierten. Nächte, in denen mit Drohungen, Beleidigungen und Anklagen um Dominanz gerungen wurde, bis das Schweigen mich umgab wie Dunkelheit. Für jede einzelne dieser Nächte suchte ich eine logische Erklärung, fand einen Zusammenhang, hielt sie immer wieder nur für einen Ausfall der Ordnung, einen Zufall, schrecklich zwar, da unvorhersehbar, aber reparierbar, ein Versehen, etwas hatte nicht funktioniert, nicht gepasst, damals in meiner Kindheit zwischen den Erwachsenen, die mich aufzogen, später zwischen mir und dem anderen Menschen im Haus, ein Missverständnis war geschehen, ein Irrtum hatte sich ereignet und zu dieser einen dramatischen Nacht geführt. Und auch zu all den anderen Nächten danach, die dieser ersten so sehr glichen, als wären sie Zwillinge, als wären sie identisch, ein grausamer Doppelgänger, der irgendwo in der Ecke, in der Finsternis lauerte und immer wieder hervorgekrochen kam. Egal wie sehr ich mich bemühte, wie unglaublich ich mich anstrengte, dieser einen mir zugeschriebenen Rolle zu entsprechen und den gesellschaftlichen Erwartungen an einen weiblich gelesenen Körper zu genügen – die Explosionen dieser Nacht kehrten beharrlich zurück. Denn diese eine, diese erste Nacht war der Winkel, nach dem sich alle anderen Nächte, eine Nacht nach der anderen Nacht, im Haus ausrichteten. Sie war wie ein Prisma, durch das sich nicht Licht, sondern Dunkelheit brach, die lange, viel zu lange verhinderte, dass ich etwas von dem Prinzip des Hauses erkennen konnte, das Teil einer Gesellschaft ist, die Körper in einzelne Kategorien einteilt und ihnen unterschiedliche Bedeutungen und Rollen zuordnet.

Diese eine Nacht war der Auftakt für alle anderen Nächte. Sie war gekommen, um zu bleiben.

Doch in meiner Vorstellung gehörten diese Nächte lange nicht zu meinem Alltag, obwohl sie sich ständig wiederholten. Sie waren dysfunktional, Ereignisse jenseits der Norm. Ein Unfall ließ diese Nacht zum Abgrund werden. Sie war ein Missgeschick, für das ich mir oft, allzu oft selbst die Schuld gab. Vor allem als Kind, vor allem nach dieser einen fatalen Nacht der Nächte, in der ich meinen Vater verlor, herrschten das Schweigen und die Scham lange über mich, sie beherrschten mich.

Die Nächte blieben, sie wurden zu Jahren, und aus Jahren wurden Jahrzehnte, sie wurden zu einem ganzen Leben, einer Existenz, meiner Existenz. Und in diesen Jahren, diesen Nächten erzählte mein Leben ein Narrativ, das dem von Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht glich. Ich überlebte, indem ich der Welt und mir die Geschichte einer Frau erzählte, einer Frau, die mit Mann und Kindern in einem Haus mit Garten lebt, die das Heim pflegt, den Herd heizt und die Kinder hütet, während der Mann das Geld verdient. Diese alte Erzählung, Scheherazades Erzählung, war in meiner Version selbstverständlich etwas modernisiert, mit Ausbildung und Berufstätigkeit, also alles in allem das gesellschaftlich angepasste Narrativ einer heteronormativen Frau.

Mir gelang es nicht, die Scheherazade in mir zu töten. In ihrem Buch Wie ich Scheherazade tötete. Bekenntnisse einer zornigen arabischen Frau 1 dekonstruiert Joumana Haddad die für sie prägende Vorlage der mythischen Frau, die dem Tod durch die Hand ihres Mannes nicht nur durch List und Tücke, sondern auch durch Unterwerfung entrinnen kann. Die innere Tötung dieser Mythen und Vorbilder ist ein wichtiger Schritt der Befreiung, sie ist aber auch wieder eine Form der Gewalt, die wir uns selbst antun. Ich glaube, wir können uns von diesen emanzipieren, indem wir ihre Lesart neu formulieren. Doch dazu müssen wir erst einmal die Strukturen und Mechanismen der intimen Form der Dominanz entschlüsseln.

Ich erkannte lange nicht, dass die Nächte kein Ausfall, sondern das System selbst waren. Ein System der Körper, der Liebe, der Fürsorge, der Beziehungen, der Familie, Kleinfamilie vor allem, mit Kindern – ein System der Gewalt. Und sie ist überall, sie sitzt schon im Mutterleib vor dem ersten Atemzug, sie wächst mit dem Herzschlag in der Fruchtblase, sie hockt in der Angst auf dem Heimweg von der Schule, der Angst vor Fremden, vor der Schutzlosigkeit und der Erkenntnis, dass es keine Flucht gibt, sie lebt in der Angst, schwanger zu werden beim ersten Mal, ungewollt, sie sitzt in dem Gedanken, nicht schlank, nicht attraktiv genug zu sein, nicht stark, nicht anziehend, nicht männlich oder weiblich genug, sie gehört zum Alltag, sie ist das Schlaflied der gesellschaftlichen Normen und kehrt sich, leise und kontinuierlich, gegen den Menschen selbst.

Gewalt als die von Menschen gegenüber anderen »eingesetzte Kraft ohne Rücksicht auf die Eigenart des Gegenübers«2 wird von allen Körpern erfahren. Sie wird vor allem von den Körpern erfahren, die einer Minderheit angehören, die in körperlicher Stärke unterlegen sind, die ein Stigma tragen, sei es Hautfarbe, Herkunft oder körperliche Beeinträchtigung. Aber auch die Körper auf der anderen Seite, Repräsentanten der »dominanten« Gruppe, der männlich gelesenen, weißen Körper, sind nicht frei von Gewalt. Denn wer Gewalt ausübt, unterwirft sich ihr gleichzeitig, und so tragen auch die sogenannten Täter diese in sich, richten sie gegen sich und andere, denn irgendwo muss sie ja hin, diese Gewalt, die ein System produziert und reproduziert, die es am Leben hält – und davon handelt dieser Text.

Ich habe lange, viel zu lange gebraucht, um dieses System zu verstehen. Vielleicht, weil die Prägung zu existentiell war. Denn wer bin ich, wenn ich nicht das kleine Mädchen bin oder war, das mit den Puppen spielte, die man mir ungefragt gab? Ich kann mich nicht daran erinnern, wer mir meine erste Puppe schenkte, ob ich sie mir gewünscht hatte, aber ich hatte viele Puppen und ich liebte sie. Ich fuhr sie sonntags spazieren und gab ihnen abends einen Brei, bevor ich sie schlafen legte. Ich war eine gute Puppenmutti. Und aus dieser Perspektive schreibe ich dieses Buch, aus der eines Menschen in einem weiblich gelesenen Körper, einer Frau, einer weißen Frau, aufgewachsen in einem zwar privilegierten, aber gewaltproduzierenden System, in dem die Etablierung der Dominanz durch die Rollenzuteilung Einzelner systemerhaltend wirkt. Ich schreibe aus der Perspektive einer Frau, die in Mitteleuropa aufgewachsen ist, die Gewalt als intime Form der Dominanz in ihrem Leben als Erwachsene in zwei europäischen Ländern, Frankreich und Deutschland, erlebt hat. Meine Beschreibungen beziehen sich auf persönliche Erfahrungen sowie auf historische und politische Entwicklungen in beiden Gesellschaften. Dabei konzentriere ich mich auf den gesellschaftlichen Umgang mit patriarchaler Gewalt, und dabei vor allem auf Gewalt gegen Frauen.3 Ich erzähle also von mir, von meiner persönlichen, intimen Nacht, wohl wissend, dass denen, die sprechen, meist eher Sanktionen drohen als den anderen, aber auch im Bewusstsein, dass meine private Geschichte politisch ist.

Frühlingserwachen

Ganz am Anfang, noch bevor die Regelblutung einsetzte, die Brüste wuchsen und mit diesen die Scham, konnte ich in meiner frühen Kindheit für kurze Zeit in eine andere, »verlorene« Identität schlüpfen. An ihr ist »ein Junge verlorengegangen«, sagten die großen Leute, denn außer Puppen liebte ich auch wilde Spiele. Vor allem unter Aufsicht meines Vaters, der keinen Sohn hatte, der sich vielleicht einen Sohn gewünscht hatte oder, schlimmer noch, an sich zweifelte, weil er eben keinen Sohn hatte. Für ihn war ich so etwas wie ein Sohn, er ließ mich in seiner Gegenwart Sohn sein, ermunterte mich sogar dazu. Diese kurze Zeit und diese amüsierten oder vielleicht sogar mitleidigen Blicke der Erwachsenen waren für mich die Erlaubnis, wenigstens für eine gewisse Zeit wild und unbändig sein zu dürfen, mich körperlich messen zu können, bis ich mich unterordnen, ein Mädchen sein musste und die Gewalt nicht mehr ausüben durfte, sondern sie ertrug. Da war dieser Nachmittag, als ich beim Spielen im Stacheldraht hängen blieb. Mein Vater war da schon tot, hatte sich selbst Gewalt angetan, so dass er nicht mehr sagen konnte, Indianer kennen keinen Schmerz.

Wenn du heiratest, sagten die, die mich aus dem Draht zogen, sieht man nichts mehr, aber die Narbe ist heute noch da und ich habe mich oft gefragt, was passiert wäre, wenn mir jemand stattdessen gesagt hätte: Indianer kennen keinen Schmerz. Wenn mir Stärke vermittelt worden wäre statt Unterwerfung, statt dem Warten auf den Prinzen und damit auf das Verschwinden der Narben. Meine Erziehung als Frau ging Hand in Hand mit der Dressur zur Abhängigkeit vom männlichen Zuspruch, ich wollte Cinderella sein, wie Colette Dowling4 schreibt, und auf keinen Fall die böse Hexe. Das Ertragen beginnt mit dem Tragen, dem Tragen eines geschlechtsreifen Organs, das einen anderen Körper im eigenen zu produzieren fähig ist, denn auch das ist eine Wahrheit des Systems: Eine wirkliche Frau ist nur die, die getragen und geboren hat, die einen anderen Körper aus ihrem geschaffen hat. Nur sie erhält diesen Status, der dem einer Heiligen gleichkommt, mit all den unterschiedlichen Ikonen aus den verschiedenen kulturellen Gedächtnissen, die unser gesellschaftliches System heute dominieren – der Muttergottes aus dem Christentum vor allem. In diesem System drohen selbst sehr berühmte und erfolgreiche Frauen wie die Schauspielerin Jennifer Aniston unter dem öffentlichen Druck zu zerbrechen, der auf sie ausgeübt wird, wenn sie die Körperfunktion des Reproduzierens nicht bedienen.5 Lange habe ich mich in diese Rolle der Frau als Mutter eingefügt und auch darum gekämpft, nicht allein mit meinen Kindern zu sein, denn dies ist die andere Seite der Medaille: Es reicht nicht, Mutter zu sein, es braucht auch den Mann dazu, biologischer Vater oder nicht, aber mindestens einen Begleiter, einen Beschützer, wie sie sagen, eine Schulter zum Anlehnen, mindestens. Dass es meist recht fragile Schultern sind, die einem weiblichen Körper zum Anlehnen geboten werden, und dass frau sich daran auch nicht einfach anlehnen kann, sondern diese stützen, aufrichten, sich ihnen sogar unterordnen muss, damit der Besitzer der Schultern zufrieden ist und bleibt, ist eine weitere Geschichte, und auch davon handelt dieser Text. Viele Jahre also reagierte ich wie ein dressiertes Tier: Das System gab mir Anerkennung und Zuspruch, solange ich in der Rolle der Frau funktionierte, mit all ihren zugeschriebenen Qualitäten der Mutterschaft, der Liebenden, der Muse, der Aufmerksamen, der Fürsorgenden, derjenigen, die an die Geburtstage denkt und Feiern wie Weihnachten ausrichtet, denn dafür hat der Mann als Hauptverdiener meist ja keine Zeit.

Dann kam #MeToo und ich habe diese Bewegung bewundernd begleitet, obwohl ich erst dachte, dass ich keine von jenen Frauen, keine Betroffene bin. Ich glaubte, meine (Gewalt-)Erfahrungen wären zu gering, nicht dramatisch genug, zu wenig drastisch, um Teil dieser Bewegung zu sein. Ich wurde nicht vergewaltigt, nicht körperlich missbraucht. Ich war nicht zum Sex gezwungen worden. Ich war kein Opfer. Ich lebte nicht in patriarchalen Strukturen, oder doch?

Aber ich fühlte mich solidarisch mit denen, die den Mut hatten, laut zu sprechen. Häusliche Gewalt hat lange im Schatten von #MeToo gestanden, wie die ZEIT 2018 anmerkte.6 In Deutschland wird die Thematik um Gewalt in intimen Beziehungen nur zögerlich und langsam zu einem Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Olaf Scholz hat zwar bereits 2001 als Hamburger Innensenator eine Rede7 gehalten, in der er strengere Maßnahmen gegen häusliche Gewalt forderte; heute als Bundeskanzler beschränkt er sich aber darauf, wie seine Vorgängerin übrigens auch,8 lediglich einmal im Jahr zum Tag der Gewalt an Frauen am 25. November ein Statement abzugeben.9 Statements helfen aber nicht, gesellschaftliche Strukturen zu verändern. In Frankreich findet das Thema durch den Aktivismus von feministischen Bewegungen wie dem MLF (Mouvement de libération des femmes, Bewegung zur Befreiung der Frauen) bisher mehr Aufmerksamkeit. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte die Thematik zum Teil seines Wahlprogramms gemacht.10

Dass #MeToo vor allem ein »Gesprächsangebot«11 ist, wie Jagoda Marinić schreibt, und damit auch mich und meinen ganz persönlichen Alltag betrifft, habe ich erst mit der Zeit verstanden. Ich fing an, mein eigenes Leben abzutasten, als würde ich mich durch die nächtliche Dunkelheit tasten. Dabei wurde mir klar, dass vor allem männlich gelesene Körper Gewalt in eine soziale Gemeinschaft bringen. Dies soll nicht heißen, dass Männer nicht auch selbst unter der Gewalt leiden würden, ihnen diese sogar aufgezwungen wird, sie diese ausüben, um einem männlichen Habitus zu entsprechen, da sie Angst davor haben, sonst nicht als Mann gesehen zu werden. Auch ein Mann ist, schreibt Jack Urwin, »Opfer toxischer Männlichkeit. Doch er ist nur ein Opfer seiner toxischen Männlichkeit, nicht das Opfer.«12

Unter dem System der intimen Dominanz des Patriarchats leiden alle Menschen. Der Femizid, die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs der Gewalt im Haus. Der Begriff Femizid wurde von der Soziologin Diana E. Russel in den 1980er Jahren geprägt.13 Die heteronormative Kultur unserer Gesellschaft ist nach Russel gewaltgenerierend, dabei schließt sie homosexuelle Partnerschaften nicht aus, denn diese sind dem binären System auch weiterhin untergeordnet.14 Dieser Meinung schließe ich mich an. Die Vorherrschaft der heteronormativen Kleinfamilie ist eine mögliche Erklärung dafür, warum die Zahlen der häuslichen Gewalt stetig steigen.15 Denn sie fördert durch Rollenzuschreibungen intime Formen der Dominanz, wie beispielsweise wirtschaftliche Ungleichheiten und Abhängigkeiten. Es sind die Strukturen, die die Gewalt etablieren, und sie zu verlassen, gelang mir erst durch das Schreiben dieses Essays.

Dämmerung

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter, sie reicht von verbaler über wirtschaftliche bis hin zu körperlicher Gewalt. Jede Form der Gewalt ist für sich traumatisierend, und allen ist gemeinsam, dass sie zu einem gesellschaftlichen System gehören. Die Strukturen dieses Systems sind im kulturellen und sozialen Gedächtnis unserer Gesellschaft verankert. Über dieses Gedächtnis, so Aleida Assmann, werden in Kulturen Identitäten hergestellt und Legitimation gewonnen.16 Dieses das System erhaltende Gedächtnis ist nicht unbedingt ein bewusster Prozess, sondern verankert in Narrativen, wie Mythen, sowie in unseren Körpern und auch in sozialen Räumen. Dieses Buch ist aus dem Wunsch entstanden, über die Form der Erzählung die verschlüsselte Sprache dieses Gedächtnisses zu lesen, verbunden mit der Hoffnung, die Strukturen der Gewalt ein wenig aufzubrechen und vielleicht sogar zu verändern. Durch die wachsende Aufmerksamkeit für häusliche Gewalt sind in den letzten Jahren einige wichtige Publikationen zu der Thematik im deutschsprachigen Raum entstanden. Dazu gehören Alle drei Tage17 von Backes und Bettoni, Femizide. Frauenmorde in Deutschland18 von Cruschwitz und Haentjes sowie Heimat bist du toter Töchter19 von Widler. Zuletzt erschien Die stille Gewalt20 von Asha Hedayati. Diese Bücher setzen sich vornehmlich journalistisch, über Interviews mit Expert*innen und Betroffenen, mit Femiziden auseinander, geben Erklärungsmuster von männlicher Gewalt und entwerfen Perspektiven, wie diese in Zukunft verhindert werden könnte. In AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt21 setzt sich Christina Clemm, wie auch Hedayati, aus einer juristischen Perspektive mit dem Erfahrungshorizont von Betroffenen auseinander. Clemm weist darauf hin, dass es nicht ausreicht, selbst keine Gewalt auszuüben, sondern dass es wichtig ist zu verstehen, woher sie kommt.22 Die Historikerin Franziska Benkel zeichnet in Wir haben nichts mehr zu verlieren … nur die Angst! Geschichte der Frauenhäuser in Deutschland23 die Entwicklung von Wahrnehmung und Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt in Deutschland nach. Das Buch Femi(ni)zide24 von dem Autor*innenkollektiv Biwi Kefempom nimmt das Fundament der patriarchalen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft als Gewalt hervorbringendes System in den Blick. An dem gewählten Begriff Femi(ni)zid als Konzept patriarchaler Gewalt und ihrer Strukturen möchte ich im Folgenden festhalten. Während die allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse oft in den Hintergrund geraten, rücken sie hier ins Zentrum. Die Autor*innen stehen mit diesem Begriff meinem Ansatz am nächsten.

Was mir in der deutschsprachigen Literatur zu häuslicher Gewalt gefehlt hat, ist die Entschlüsselung von Mechanismen, die dazu führen, dass in einer intimen Beziehung ein Partner mithilfe seiner Dominanz das Leben seiner Partnerin so sehr beeinflusst, dass diese sich wie in einer Art Spinnennetz befindet, aus dem sie sich kaum noch aus eigener Kraft befreien kann. Diese die Betroffenen nahezu paralysierende Einflussnahme wurde in Frankreich von Marie-France Hirigoyen beschrieben.25 Auch fehlte mir oft die Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen häusliche Gewalt. Was, wenn das Opfer, wie Elsa Dorlin in Selbstverteidigung26 schreibt, selbst zum Angreifer wird? Mein Buch greift diese Punkte verstärkt auf. Dabei nimmt es nicht nur die gesellschaftlichen Strukturen in den Blick, sondern ist auch die autobiografische Erzählung einer Betroffenen. Anhand meiner eigenen Geschichte möchte ich anderen Betroffenen eine Stimme geben. Es ist die Erzählung einer Frau, die als Kind häusliche Gewalt erlebte, die, lange unbewusst, diese Strukturen, die häusliche Gewalt ermöglichen, als Erwachsene duldete und sogar auch selbst ermöglichte, diese zu reproduzieren. Es ist der Erfahrungsbericht eines langen Weges der Bewusstwerdung und der Emanzipation vom Opferstatus. Die Opfer von häuslicher Gewalt werden noch heute oftmals in der Öffentlichkeit verurteilt, indem davon ausgegangen wird, die Gewalt sei nur in einem bestimmten Milieu oder einer Klasse zu finden. Aber die Gewalt ist überall. Es ist an der Zeit, den Opfern eine Stimme zu geben und ihnen zuzuhören. Es ist auch an der Zeit, den Tätern früher und aktiver präventiv zu helfen, um Gewalt zu verhindern. Denn dies ist auch die Geschichte eines Kindes, das ein Elternteil an häusliche Gewalt verlor. Auch wenn mein Vater die Gewalt ausübte, erlag er dieser, durch seinen Suizid, selbst. Dieses Essay nimmt Opfer wie Täter in den Blick.

Es ist entstanden aus einer Nacht, die für viele Nächte steht, aus der Nacht meiner Kindheit, als hinter der Glastür ein Löwe tobte. Ich dachte lange, er sei aus meiner Fantasie, aus meinen Träumen gekommen, bis ich verstand, dass der Löwe in meinem Kopf eigentlich das Bild meines Vaters war, in jenen Momenten, in denen er als Mann im Haus auftrat. Dieses Buch ist entstanden aus der Nacht, in der das Gewehr in unserem Haus gebraucht wurde. Ich schreibe hier als Frau, als Mensch, aufgewachsen in einem weiblich gelesenen Körper mit dem Blick einer Frau auf Männer. Nicht wie Siri Hustvedt, die auf Männer blickt, wie sie auf Frauen schauen27, sondern im Haus als intimem Raum und in der dort ausgeübten Dominanz und Gewalt. Der Blick auf Männer betrachtet diese in ihren sozialen Rollen als die eigenen Väter, Partner, Väter der eigenen Kinder, Stiefväter, das andere Geschlecht. Dabei erlaube ich mir, den erzählerischen Aspekt des Essays zu erweitern, die Erlebnisse und Ereignisse nicht nur allein biografisch, sondern auch literarisch zu beschreiben.

Die Psychologin Lenore Walker hat mit ihrer Theorie des Kreislaufs der Gewalt einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis und der Therapie von häuslicher Gewalt geleistet.28 In diesem Kreislauf spielt die Phase des Honeymoons eine wichtige Rolle. Er beschreibt die Phase zwischen zwei Krisen, den Moment der Reue, des Innehaltens, Zusammenkommens auch, der Hoffnung vor allem, bevor sich wieder die Spannung aufbaut und die Arena des Kampfes, des Ringens um Dominanz neu eröffnet wird. Es ist auch der Augenblick, der die Chance zur Bewusstwerdung und Änderung bietet. Doch leider ist der Honeymoon im Zyklus der Gewalt eben doch oft nur ein Moment der Ruhe vor dem Sturm.

Es ist wichtig, Licht in die Dunkelheit zu bringen. Licht in all diese Nächte, meine, seine, unsere, die Zeugen der Gewalt sind, die nicht aufhören will und wird, solange nicht das Schweigen gebrochen und Widerstand geleistet wird. So beginnt die Dämmerung. »Als wäre es etwas Verbotenes«, beginnt Annie Ernaux in Die Scham29 von dem Tag zu erzählen, als ihr Vater die Mutter fast erwürgte – und damit, die Scham zu überwinden und dieses Essay zu schreiben, ist vielleicht schon ein erster Schritt ins Licht getan, hoffentlich. Ich schreibe es für jeden Menschen, der sich von häuslicher Gewalt betroffen fühlt.

Nicht jede Nacht, aber jeden Tag

Ich schreibe an diesem Essay an einem dieser Tage, an denen mir nicht die Kraft fehlt, über das nachzudenken, was in all diesen Nächten geschah und was ich lieber als Irrtum, als Fehlleistung, als dummen Zufall, der nur einmal passiert, als Ausfall, aber nicht als System habe sehen wollen, als einen nicht enden wollenden Traum. Ich schreibe diesen Text aus den Tiefen dieser Tage, an denen die Angst mir nicht im Nacken sitzt und mich nicht gefügig macht wie eine unterwürfige Frau, wie eine von denen, die nur dafür geboren und erzogen worden sind, um einem Mann zu dienen, und ist sie nicht willig, so braucht er Gewalt. Ich schreibe diesen Text für alle Frauen, deren Angst größer ist als ihr nächster Atemzug, so dass sie nicht anders können, als dem System zu gehorchen, sich unterzuordnen, obwohl sie wissen oder ahnen, wenigstens hoffen, dass es falsch ist, dass sie mehr wert sind als die Funktion im Haus, die ihnen zugeordnet wird. Ich schreibe diesen Text für alle Frauen, die den Blick senken, die runterschlucken, die Schultern einziehen, die mit der Scham aus dem Haus gehen, weil es hinter den Wänden in ihrem Haus nicht aufhört zu donnern, obwohl der Donner doch nur draußen sein sollte, in der freien Natur, und nicht im sicheren Haus, im intimen Bereich. Ich schreibe diesen Text für die Frauen, die es geschafft haben, die Gewalt hinter sich zu lassen, und die sich fragen, wie es nur dazu kommen konnte und warum es sie traf. Ich schreibe dieses Buch für jede einzelne Frau, die ihr Leben lassen musste, die durch die Hand eines Mannes starb. Ich schreibe dieses Buch für die Kinder der Frauen, die einen Knoten im Bauch haben, jede Nacht und jeden Tag. Ich schreibe dieses Buch für die Kinder, die mit offenen Augen im Bett liegen und die lauten Stimmen hören. Ich schreibe dieses Buch für die Kinder, die noch nicht lesen und schreiben können, sich aber schon fragen müssen, wo sie leben wollen und mit wem, denn wenn es morgen endgültig kracht, wissen sie, dass einer ihrer beiden Eltern gehen wird und zwar für immer. Ich schreibe dieses Buch für das Kind, das ich war und das diese Frage niemals hat beantworten können. Ich schreibe dieses Buch für das Kind, das ich war und das gedacht hat, es würde, nein, es müsste mit seinem Vater gehen, denn sein Vater, das war damals schon klar, hätte sonst niemanden mehr. Ich schreibe dieses Buch für die Liebe der Kinder zu ihren Eltern und für das Recht ihrer Liebe für jedes ihrer Elternteile, denn die Liebe lässt sich nicht teilen oder subtrahieren wie eine Rechenaufgabe. Denn das Recht auf die Liebe zu den Eltern ist auch das Recht auf die eigene Identität. Ich schreibe dieses Essay für die Väter dieser Kinder. Ich schreibe dieses Essay für jeden Mann, der sich nicht kontrollieren kann. Ich schreibe dieses Essay für jeden Mann, der die Beherrschung verliert, immer und immer wieder, obwohl er versprochen hat, es das nächste Mal nicht zu tun, keine Schimpfworte, keine Schläge, keine Gewalt anzuwenden. Ich schreibe diese Erzählung für alle Männer, die genau wissen, dass sie sich beherrschen können, wenn sie wollen, und es trotzdem nicht tun. Ich schreibe dieses Buch für jeden Mann, der einer Frau ins Wort fällt. Ich schreibe dieses Essay für jeden Mann, der Chef sein will, der Chef sein muss, der den Big Man spielt, egal ob er will oder nicht anders kann. Ich schreibe dieses Buch für jeden Mann, der sich vornimmt, anders zu sein, anders als sein Vater zu sein, als sein Bruder, sein Onkel, als der Nachbar, als einer dieser vielen Männer, die Frauen unterbrechen, weil sie es besser wissen, die Frauen spüren lassen, dass Männer es besser wissen, dass Frauen für sie down30 sind, für Männer, die Bemerkungen über das Einparken fallen lassen, die Witze machen, mit denen sie männliche Überlegenheit ausdrücken, die Frauen anfassen, ohne dass diese angefasst werden wollen, wütend sind, weil diese nicht angefasst werden wollen, ihre Wut runterschlucken oder nicht. Ich schreibe diesen Text für die Männer, die schon einmal unter anderen Männern gelitten haben, weil sie nicht mithalten konnten, mit dem Trinken, beim Sport, bei diesem tagtäglichen Wettkampf der toxischen Virilität. Ich schreibe dieses Essay für alle, die dem Hashtag #NotAll-Men folgen, denn ja, selbstverständlich sind es nicht alle Männer, die schlagen, töten, erniedrigen, die Gewalt anwenden. Nicht alle Hunde beißen, nicht alle Frauen haben Misogynie erlebt oder würden sagen, sie hätten sie erlebt, aber solange es Menschen gibt, die aufgrund des ihnen zugeschriebenen oder von ihnen gewählten Geschlechts von anderen Menschen unterdrückt werden, solange gesellschaftliche Strukturen existieren, die dazu führen, dass Menschen unterdrückt werden, geht dies uns alle an. Denn nicht zuletzt schreibe ich für meinen Vater, der Täter wurde, weil er Opfer war, und der am Ende schließlich doch wieder auch nur Opfer war. Ich schreibe, damit es keine Opfer mehr gibt, denn ohne Täter keine Opfer, oder umgekehrt. Ich schreibe.

Honeymoon

Das geht so lange, bis das Klima der Spannung wieder aufgebaut ist. Wann hatte die Therapeutin diesen Satz zu mir gesagt? Auf welche Erzählung von mir war dies ihre Antwort? Welche meiner Erinnerungen waren der Auslöser für diese Worte gewesen?

Honeymoon, hatte sie gesagt, ein Mond voller Honig, eine Lunation des Glücks, die sich immer wieder selbst erneuert, aber nicht von Dauer ist, flittert und flirrt, wie das Lied der Liebenden, gehört zum sogenannten Teufelskreis häuslicher Gewalt. Ihre Worte aber ignorierte ich, indem ich einfach weitererzählte. Ich musste etwas loswerden, mein Leid abladen, dort in dieser Sitzung all das lassen, was mir unüberwindbar vorkam. Ich wollte ihre Praxis nach der Sitzung mit der Melodie der Hoffnung in meinem Herzen wieder verlassen, wie ein Kind, das an einer Serinette dreht.

Später habe ich Briefe geschrieben. Alle Mitglieder meiner Herkunftsfamilie bekamen einen Brief, in dem ich von meinem Wunsch nach Trennung sprach. Ich habe geschrieben, dass es schwer ist und ich es nicht mehr aushalte. Dass es einfach nicht mehr geht. Ich habe nicht geschrieben, helft mir, holt mich hier raus. Nur, dass es nicht weitergeht.

Was hatte ich erwartet, damals? Sicher etwas anderes als die wohlwollenden Antworten, die ich erhielt. Ihr werdet sicher wissen, was zu tun ist, stand da, die richtige Entscheidung mit gereifter Überlegung treffen, war auch zu lesen. Vielleicht war es für meine Familie bereits anstrengend, mir überhaupt darauf zu antworten, immerhin ging es sie ja nichts an, sondern nur ihn und mich. So gingen sie wohl davon aus, ihr Bestes zu tun. Mehr ging nicht. Schweigen ist auch eine Haltung der Scham.

Was hätten sie getan, wenn ich geschrieben hätte: Ich bin kurz davor, mich umzubringen, bevor er mich umbringt, ich habe Angst, holt uns hier raus, bitte, helft mir, helft den Kindern, ich kann nicht mehr, wenn das so weitergeht, fahre ich mit den Kindern gegen den nächsten Baum.

Es fehlt an offiziellen Zahlen zu Selbstmorden von Frauen in Europa, die durch häusliche Gewalt provoziert wurden. Psychische Gewalt ist zwar strafbar, aber gerade in der Partnerschaft besonders schwer nachzuweisen. Würde man beispielsweise die Zahlen der Selbstmordopfer zu den bestehenden Opferzahlen hinzuaddieren, würde sich ein noch dramatischeres Lagebild häuslicher Gewalt ergeben, als dies bereits heute der Fall ist.

Vielleicht hätte man mich zu einer Behandlung bei einem Psychiater schicken sollen. Keine Gesprächstherapie, sondern Medikamente, die mich ruhigstellen, vor allem meinen Kopf. Niemand hat mich aus dem Haus geholt, niemand hat mich einliefern lassen, aber glaubt nicht, dass dies um meinetwillen nicht geschah. Wer hätte die Kinder versorgt, wenn nicht ich? Wer hätte die Care-Arbeit im Haus gemacht?

Die Worte der Therapeutin, Honeymoon oder Klima der Spannung oder Krise, sind mir im Ohr geblieben. Diese Hinweise auf zyklische Momente, auf einen wiederkehrenden Rhythmus, auf Phasen, wie bei einem Gewitter: Wachstum, Reife und Zerfall. Drei Phasen hat Lenore E. Walker auch für den Zyklus häuslicher Gewalt bestimmt: Spannung – Krise – Honeymoon. Ich fragte mich, ob dieses zyklische Geschehen vorhersehbar, vielleicht sogar kombinierbar und damit kontrollierbar wäre, wie die wiederkehrenden Töne einer Melodie.

Es gibt vieles, worüber ich bei der Therapeutin geschwiegen habe, viele Momente, die ich ihr nicht erzählen konnte, ohne mir der Scham und auch Schuld bewusst zu werden.

Die Kinder waren noch sehr klein und an diesem Abend besonders unruhig. Sie rannten immer wieder vom Restauranttisch in die Spielecke, und weil sie eben noch so klein waren, musste jemand mit ihnen in dieser Ecke sein, in der es nichts außer einem Fernseher gab, auf dem in einer Endlosschleife Disneyclips liefen. In dieser Ecke hockte ich, als die andere Mutter aus dem Kindergarten vorbeikam und mich ansprach. Gerade lief die Szene, in der Donald in einem Campingwagen durch eine Schlucht rast, dieses fahrende Haus, das sich nicht mehr bremsen lässt, und ich fragte mich, wie oft ich die Szene nun schon gesehen hatte. Wir tauschten nur wenige Worte aus, Smalltalk zwischen Müttern, über die Betreuerinnen, über die Verwaltung der Einrichtung, nichts von Bedeutung eigentlich, da stand er plötzlich neben uns und sagte etwas. Seine Stimme klang ziemlich genervt, es wäre ja mal wieder ein grausiger Abend hier, unmöglich, die Kinder unter Kontrolle zu bringen. Nicht nur ich, auch die andere Mutter zuckte zusammen, sein Tonfall war unmissverständlich, es war ihm deutlich anzuhören, dass er die Situation kaum mehr ertrug und dass er mich, seine Frau, für den misslungenen Abend, die lärmenden Kinder, die Unruhe, den fehlenden Spaß verantwortlich machte. Die andere Mutter entschuldigte sich lächelnd und ging. Mir wurde heiß vor Wut und vor Scham. Er ging zurück zum Tisch, ich folgte ihm und setzte mich. Er entschuldigte sich nicht, ich aber war bemüht, die Kinder doch noch ruhigzustellen, redete auf sie ein, aber selbstverständlich vergeblich, meine Stimme zitterte ja schon. Er sprach weiter mit diesem genervten Unterton, jetzt war das Stück Fleisch auf seinem Teller kalt geworden, weil er uns hatte suchen müssen. Später würde er sagen: Ich wollte doch nur einen Moment für uns beide, und wie enttäuscht er darüber war, dass das nicht ging, dass wir keine ruhige Minute zusammen hatten, dass er nicht einmal in Ruhe zwei Sätze mit mir wechseln konnte. Dies war später seine Entschuldigung, da war die Spannung vorbei, die Krise auch, er sagte es im Honeymoon. Und er sagte noch viel mehr, vor allem, dass das nie wieder vorkommen würde. Aber noch saßen wir zusammen am Tisch, an dem sich die Spannung aufbaute, es kriselte auf uns herab, wie ein leichter Regenschauer, er grummelte vor sich hin und auf mich herab, in seinen Bart, wie man das bei Männern so sagt, ob sie einen Bart tragen oder nicht. Heute kann ich nicht mehr sagen, ob er einen trug oder sich für den Abend frisch rasiert hatte, aber nur wenig später, als die Kinder wieder aufgeregt durchs Restaurant liefen, stieg die Spannung weiter, sagen wir, das Grollen wurde lauter, bis plötzlich der Blitz einschlug. Vorher war da dieses aufgedrehte Kind, unser Kind, das am Tisch vorbeilief und ein Weinglas umkippte. Die Hälfte ging ihm auf die Hose. Ich wusste nicht, was ihn mehr ärgerte, der verschüttete Wein oder die schmutzige Hose, aber Wolken türmten sich auf, er fasste nach dem Kind, griff es hart am Arm, so dass sich die Augen des Kindes ängstlich weiteten, drohte ihm mit Liebesentzug, es sei verbannt, denn er wolle nun nicht mehr sein Vater sein, nichts mehr mit ihm zu tun haben, wenn es sich nicht sofort anständig benähme. Das war eine irrationale Strafe, ich musste hart schlucken, die Spucke blieb mir weg. Die Wut kochte wieder auf und ich fauchte, er könne nicht mit solchen Dingen drohen, das sei nicht nur gemein, das würde er auch nie umsetzen können, sei inkonsequent, sei – er schnitt mir den Satz ab, wenn ich ihn mal machen, ihn den Kindern mal einen Klaps geben ließe, wäre das nicht so ein Krampf mit der Erziehung, und wenn der Wein nicht auf seiner Hose wäre, würde er ihn mir jetzt ins Gesicht schütten. Der Blitz schlug ein, ich wusste, wir würden jetzt weiter so streiten, es würde blitzen, donnern, vielleicht sogar hageln, so lange, bis ich mich wieder ducken würde vor seiner Dominanz, und weil ich das nicht wollte, bin ich aufgestanden, um nach den nicht mehr aufgedrehten, sondern nun erschreckten Kindern zu sehen, ich riss sie regelrecht mit, zog sie mit mir hinaus auf die Straße und bestellte noch im Gehen ein Taxi.

Ich drehte mich nicht um. Wenn nicht er den Autoschlüssel in der Tasche gehabt hätte, wäre ich einfach mit dem Wagen davongefahren. Ich weiß noch, wie ich mich mit zitternden Knien hinter einem Busch versteckte, vor ihm, vor den Blitzen und dem Donner; falls er hinauskäme, um uns zu suchen, würde ich nicht mit ihm sprechen wollen, er würde mir sowieso nicht mehr zuhören, das Gewitter war da, die Krise auch, den Kindern redete ich gut zu, sie sollten bei mir, sollten ruhig bleiben. Als ich im Taxi saß, stellte ich mein Handy aus. Danach brachte ich schnell die Kinder ins Bett, verschloss aber vorher alle Türen und auch Fensterläden, und als er dann draußen stand und nach mir rief, schwieg ich, bis seine Rufe so laut wurden, dass ich Angst bekam, die Nachbarn würden die Polizei verständigen. Als er das nächste Mal an die Tür schlug, stellte ich mein Handy wieder an: Er solle sich ein Hotel suchen, verschwinden, das Auto habe er ja. Das könne ich nicht machen, brüllte er, ich würde die Familie, ich würde ihn zerstören. Aber er ging.

In jener Nacht handelte ich instinktiv, aus einem Impuls heraus, ich war die Frau und die Mutter, die vor dem Gewitter davonlief, bemüht, einen Brand durch Blitzschlag zu verhindern. Damals hatte ich noch nicht begriffen, dass das Haus als Heimstätte der Kleinfamilie und der Rollenzuschreibungen die intimste Arena des Ringens um Dominanz ist und dass es das gesellschaftliche Konzept des Hauses war, vor dem ich flüchten musste.

Für diese Szene schäme ich mich, deswegen habe ich sie der Therapeutin nie erzählt, auch jetzt, indem ich sie aufschreibe, ist die Scham da. Ich schäme mich, und zwar nicht, weil ich an diesem Abend von ihm so herablassend behandelt wurde, und auch nicht, weil ich mich gewehrt, weil ich nach Hause gegangen bin, die Türen abgeschlossen und ihn ausgesperrt habe – sondern weil ich diese einen Tag später doch wieder öffnete, dafür schäme ich mich. Ich schäme mich für meine Schwäche. Die Spannung war vorbei, die Krise auch. Honeymoon ist die erste und letzte Phase des Zyklus häuslicher Gewalt.

Ich habe mich niemals in einen Mann verliebt, der gewalttätig war, sondern immer nur in Männer, die gerne stereotyp männlich auftraten, dabei vielleicht nicht mal starke Schultern oder harte Bizepse hatten, sondern die es mochten, mit gespreizten Beinen zu sitzen, und denen es gefiel, mich als Frau zu sehen. Und mir hat es vor allem gefallen, dass sie sich für mich und meinen Körper begeistern konnten, für seine ausstrahlende Weiblichkeit, die ich mit der entsprechenden Kleidung, mit Make-up, mit regelmäßigen Diäten zu unterstützen suchte. Gingen wir zusammen essen, bestellte ich Salat und kein Steak, ich wählte ein weibliches Getränk, einen Kir oder ein Glas Chardonnay, keinen Whiskey oder härtere Sachen. Ich suchte meine Worte mit Bedacht, ich war aufmerksam, hatte immer die passenden Utensilien für Notlagen in der Tasche, Aspirin gegen Migräne oder Kater, Feuchttücher für spuckende Kinder. Ich nahm Rücksicht und war begeistert von der Ausstrahlung dieser meiner Männer, von ihrer Kraft, ihren Worten, ihren Entscheidungen und ihrem Schwanz, wenn sie mir nahekamen. Ich wollte ihre Härte spüren, das war wichtig, diese gegenseitige Anziehung, die körperliche vor allem, sie legitimierte das Gemeinsamsein. Ich mochte diese maskuline Art, mir unvermittelt zwischen die Beine zu greifen, entschlossen, aber nicht zu fest, mir zuzuhören, damals kam es mir noch so vor, als wäre es ein Hören, aber eigentlich war es nur ein Aufschnappen meiner Satzanfänge, damals erschien es mir noch selbstverständlich, dass ein Mann mehr zu sagen hatte als ich, mich also mitten im Satz unterbrach, indem er mir zärtlich über den Kopf strich, den Hals küsste, mir das Wort abschnitt, meine Sätze für mich weitersprach, wie das ein Mann eben mit einer Frau macht. Mitten in der Begegnung, dieser Liebe auch, lag die Suche nach gesellschaftlicher Verankerung durch meinen Körper. Während ich bemüht war, mich durch meinen Körper als Frau zu definieren, rang mein Gegenüber damit, sich ebenso körperlich als Mann zu definieren, und die Arena dieses Ringens war das Haus und Honeymoon nur die Pause zwischen jeder neuen Runde.

Warum schreibe ich über dieses Ringen eigentlich in der Form eines Essays, in einer Textform, in der ich mich als Autorin praktisch selbst ausziehe und mich bloßstelle? Ich schrieb schon einmal auch fiktiv über eine entsprechende Beziehung, über eine Liebe. Mit einem Mann, einem von ihnen, angefangen mit dem Vater. Ein Auszug aus dieser alten fiktiven Erzählung wurde einmal bei einem Wettlesen nominiert. Ausgewählt damals von dem einzigen weiblichen Jurymitglied. Noch heute empfinde ich Scham bei der Erinnerung an die Diskussion um meinen Text, den die Jurorin gegen die Juroren erfolglos zu verteidigen suchte. Worte wie Frauenliteratur fielen.

Nach dieser Besprechung kamen einige Kolleginnen zu mir, Autorinnen, hier betont weiblich, sie meinten, sie wären ja auch mal mit so einem Mann zusammen gewesen, früher, als sie jung waren. Sie hätten meine Erzählung gut nachempfinden können. In ihren Blicken lag Mitleid, und ich wusste nicht, ob dies der eigenen Erfahrung galt oder der schlecht gelaufenen Textbesprechung. Und hier ist also der andere Textkorpus, der ohne Tarnkappe, der sich nicht hinter dem Fiktiven versteckt, der die Körper entblößt, ihr ganzes Leid und ihr Ringen mit- und gegeneinander.

Während ich dies schreibe, sitze ich im Zug, neben mir in der Sitzreihe hat ein älteres Ehepaar Platz genommen. Die Frau blickt immer wieder zu mir rüber, lächelt, während der Mann die ganze Zugfahrt, die mehr als drei Stunden dauert, in seine Zeitung starrt. Er liest seine Zeitung, während sie das Desinfektionsgel auspackt und es ihm reicht, wenig später holt sie Brote aus der Tasche und gibt sie ihm, dann auch das Wasser, er trinkt es praktisch aus ihrer Hand, den Blick immer auf die Zeitung gerichtet. Sie ist die Geberin, er der Empfänger.

Mir fällt die Kurzgeschichte Lies deine Zeitung! von Jean Cocteau ein. Ich schreie, ich frage, ich rege mich auf, ich verliere den Verstand. Und mein Gegenüber? Eine Zeitung.

Cocteau gehörte zu den Wenigen, die Françoise Gilot unterstützten, die Malerin und Autorin, die sich mit dem Text Leben mit Picasso emanzipierte. In einem Interview erzählte sie später, dass Picasso ihr mal eine Zigarette im Gesicht ausgedrückt hatte.

Der Mann im Zug liest weiter seine Zeitung; als seine Frau mühsam aufsteht und mit zitternden Fingern ihren Stützgürtel um die Hüfte bindet, der ihre schmerzenden Glieder zusammenhalten soll, blickt er nicht einmal auf. Später, als er sich den Rucksack aufsetzt, ist sie sofort zur Stelle. Sie zerrt für ihn von hinten an der Schnalle, hält die Tasche, damit er sich den Gurt vorne leichter umschnallen kann.

Sie sorgt für ihn, während er sie ignoriert.

»Niemand ist Frauen gegenüber überheblicher und herablassender als ein Mann in Sorge um die eigene Virilität«31, schreibt Simone de Beauvoir. Ich notiere mir Sorgearbeit der Virilität, in meinem Kopf tauchen Bilder auf, Erinnerungen, wie die an den Vater eines Klassenkameraden meines Kindes, der seine Harley direkt vor dem Eingang der Grundschule parkte, den siebenjährigen Sohn absteigen ließ, als wäre er Tom Cruise auf dem roten Teppich. Es war derselbe Junge, der meinen Sohn für seinen angeblich mädchenhaften Fahrradkorb gehänselt hatte. Auch der Vater meines Kindes hatte davon abgeraten, diesen Korb zu kaufen, sie werden ihn auslachen, hatte er gesagt, aber mein Kind fährt noch heute mit diesem Korb. Sorgearbeit der Virilität ist ein hartes Geschäft.

Vielleicht sollte ich allgemeiner und weniger persönlich schreiben, ebenso wie Simone in Das andere Geschlecht. Sie schreibt ja nichts über Jean-Paul, der vielleicht in Sorge um die eigene Männlichkeit war, sie schreibt einfach nur: Mann.

Geschlechterkrieg ist auch so ein allgemeines Wort, mit dem ich aufgewachsen bin. Dieser Krieg, der wie alle, oder fast alle, vor den Kindern ausgetragen wurde oder auch hinter ihrem Rücken, wenn sie schliefen, mit bemüht gedämpften Stimmen, wobei es uns kaum gelang, bei diesen Kämpfen ruhig zu bleiben, denn dabei ging es um alles, um die Betreuungszeiten, um das Haushaltsgeld, um den Feierabend, das Atmen, vielleicht sogar die Anwaltsklage. Diese Kriege in der Vorweihnachtszeit, die Kriege kurz nach den Feiertagen, die Kriege zu Ostern, zu den Geburtstagen, bei Schnupfen oder Pandemien und wenn die Kitas streikten. Diese Kriege, die nach Stolz, Reue und Hochmut rochen und auch ein wenig nach der wahnsinnigen Angst vor Verlust, sie kamen immer wieder, und gingen, und ich ignorierte völlig, dass ich mich nie an sie gewöhnen, sondern mich ihnen nur unterwerfen konnte. Einige Wochen nach der Krise im Restaurant lud er mich ins Theater ein. Ich überlegte, aber nur kurz, denn in der letzten Zeit hatte er sich doch unter Kontrolle gehabt, außerdem versprach er mir, er habe sich geändert, die Therapie tue ihm gut, er sei jetzt viel ruhiger. Ich nahm die Einladung an, weil ich ja auch diese Hoffnung in mir trug, sie klimperte mir unter dem Herzen wie eine kleine Spieluhr, sie gehörte schon so lange zu mir. Lange bevor ich Mutter wurde, lange bevor ich ihn liebte, bevor ich überhaupt wusste, was das war, zu lieben, da war schon diese Hoffnung da, dass mich einer lieben würde, ein Mann, für immer und ewig, in guten wie in schlechten Zeiten, und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie noch heute, und so nahm ich die Einladung an und wir gingen zusammen aus. Ein letztes Mal.

Und alles fing wieder von vorne an, das Gewitter war vorbei, Anfang bei null, beinahe tabula rasa wenigstens, unsere Geschichte sollte neu geschrieben werden. Ich habe Bilder abgespeichert, andere wieder gelöscht, ich hatte dieses dringende Bedürfnis, alles zu sortieren, mein Leben vor allem, das Gute von dem Schlechten, ich habe die schlimmen Nachrichten gelöscht, aber die guten, die schönen, die zärtlichen, die romantischen, die erotischen stehen gelassen. Bei dieser Gelegenheit löschte ich den Brief, den ich an meine Familie geschrieben hatte, von meinem Computer. Der Sturm war vorbei, die kleine Melodie spielte wieder, er und ich, wir hatten unsere Vernunft zurückgewonnen. Er zuerst, und dann ich und ich auch nur, weil er nochmal die Kurve gekriegt hatte. Wir haben das Kriegsbeil begraben und mit so viel Erde bedeckt, wie unser kleiner Vorgarten nur hergab. Ohne ihn wären wir nicht hier angekommen, das war ja die doppelte Wahrheit: Ich wollte gehen, er hatte mich nochmal zurückgehalten. Seinetwegen wollte ich mich trennen, aber seinetwegen bin ich auch geblieben. Wenn ich nicht die Kinder mit ihm hätte, diese Familie, diesen Kern des Intimen, das Konzept des Hauses, dann hätte ich nicht all diese Anstrengungen mit ihm und für ihn gemacht. Das sagte ich mir selbst, immer und immer wieder, als wäre es ein Mantra, oder die Melodie der Serinette meines Herzens. Und jetzt schreibe ich das alles auf, hier, in diesem Zug: Die Gewalt im Haus existiert, da das Häusliche in einer strikten Hierarchie der zugeschriebenen Rollen funktioniert. Ohne diese Rollen, ohne diese Hierarchie gäbe es keine Gewalt im Haus.

Denn mit jedem neuen Femi(ni)zid sehen wir als Gesellschaft nur die Spitze des Eisbergs, wir ignorieren dabei die »stille Gewalt«32, wie Asha Hedayati schreibt, die Gewalt, die von den herkömmlichen Strukturen begünstigt wird. Ich hätte ihn fallenlassen können, so wie er mich hatte fallenlassen, immer und immer wieder. Aber jetzt war ich doch da, er hatte mich aufgefangen, also ging ich nicht, blieb. Ich hätte noch einmal allein neu anfangen können, stattdessen ließ ich ihn mit mir neu anfangen, gab ihm noch eine Chance, noch einmal, und unser Honeymoon begann.

Dominanz

Meinen ersten Therapeuten erbte ich von meinem Vater. Er war sein Therapeut bis zu dessen gewaltvollem Tod gewesen und hatte, nachdem er davon erfuhr, meiner Mutter geschrieben und angeboten, gleich bei ihr und dem Nachwuchs mit der Therapie weiterzumachen. Während ich dies aufschreibe, frage ich mich, ob die Therapie oder das Therapiertwerden nicht überhaupt das Wichtigste war, was mir mein Vater hinterlassen hat. Eine Therapie, die mein Leben durchzog wie ein roter Faden, das Bedürfnis danach, die Notwendigkeit, sich helfen zu lassen, um sein Leben auf die Reihe zu bekommen.

Mein Vater, so hieß es nach seinem Tod, habe nichts außer Schulden zurückgelassen. Er hatte sich wenige Tage nach seinem vierzigsten Geburtstag mit einem Jagdgewehr das Leben genommen. Dieser gewaltsame Tod kam nicht überraschend, obwohl es sich anfühlte, als wäre in meinem jungen Leben eine Bombe eingeschlagen, hätte das Dach über unserem Haus weggerissen und einen Krater hinterlassen. Es war eine Bombe, sicherlich, doch diese kam nicht von außen. Sie war in unserem Haus gewesen, lange schon, so wie das Gewehr, das mein Vater besaß. Meine Mutter wusste davon und sie kannte die Gefahr, denn die Drohung, er könnte auch sie und die Kinder umbringen, hatte sie durchaus ernst genommen und ihn bedrängt, er solle das Gewehr aus dem Haus schaffen. Dass er es nicht verkauft hatte, entgegen seiner Behauptung, wusste sie nicht. Das Gewehr war die Bombe seiner Gewalt, die irgendwo zwischen den Wänden in unserem Zuhause tickte, bis sie in der fatalen Nacht hochging.

Über die Schulden, die mein Vater hinterlassen hatte, wurde in unserer Familie nie weiter gesprochen. Meine Eltern kamen aus dem bürgerlichen Milieu, es gab Mittel, um diesen Mangel auszugleichen. Wenn ich den Lebenslauf meines Vaters anschaue, so steht das Milieu meiner Herkunft im Gegensatz zu seinem Werdegang. Er fand niemals seinen Platz auf der Karriereleiter, hatte keinen beruflichen Erfolg, blieb Suchender, seine letzte Arbeitsstelle behielt er gerade mal ein Jahr. Danach folgten Krankenhausaufenthalte, die Diagnose: depressive Versagenszustände.

In dem Schreiben des behandelnden Psychiaters ist zu lesen, dass mein Vater aus einer erfolgreichen Arztfamilie kommt, die Familienpraxis aber bereits vom älteren Bruder okkupiert wäre, so dass eine Ausbildung zum Arzt niemals eine Option war. Tatsächlich wurde mein Vater bereits sehr jung, nach der Volksschule, von zu Hause fort auf den Hof eines kinderlosen Verwandten geschickt, um Landwirt zu lernen, in der Hoffnung, den Hof später übernehmen zu können. Doch dieses Ziel erreichte er nicht, eine Arbeitsbescheinigung, in der bestätigt wird, dass mein Vater dort als Fünfzehnjähriger und später für einige Jahre beschäftigt war, ist alles, was ihm von den Jahren harter Arbeit auf dem Hof blieb.

Natürlich reicht es nicht, Klasse und Herkunft zu betrachten, um das Werden eines Menschen zu bestimmen. Die Familienkonstellation spielt in der Entwicklung eine ebenso wichtige Rolle wie das Milieu, aus dem ein Mensch kommt. Wenn ich das Leben meines Vaters betrachte, so ist es von der Gewalt bestimmt, die ihm angetan wurde. Die Gewalt, aus der das Gefühl entstand, versagt zu haben, ohne zu wissen warum, von dem Scheitern der Suche nach einem Platz im Leben, weil ihm kein Platz vorbestimmt war und ihm die Kraft fehlte, sich selbst einen zu erobern.

Aus der Therapie meines Vaters ist mir ein Brief geblieben. Ein Brief seines Therapeuten an ihn, den ich mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod gefunden habe. Mein Vater hatte einen Therapietermin abgesagt und mitgeteilt, er würde sich wieder melden; unter diesen Umständen, schrieb der Therapeut, sei er nicht bereit weiterzuarbeiten. Dem Lebenslauf meines Vaters ist zu entnehmen, dass nur drei Tage vor dem abgesagten Termin der Vertrag seiner letzten Arbeitsstelle endete. Dies alles geschah nur Wochen nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Diese Zeichen der Vergangenheit sind Hieroglyphen für mich, die sich schwer entziffern lassen. Hatte mein Vater Angst? Fühlte er sich unter Druck, weil es ihm nicht gelang, als Familienoberhaupt für Stabilität und ein sicheres Einkommen zu sorgen? Der Therapeut warf ihm in seinem Schreiben vor, dass ihm die Sache nicht ernst genug sei, obwohl immerhin doch seine Ehe und seine Familie auf dem Spiel stehen würden.

Oft schon habe ich mich gefragt, woher er das wusste, der Therapeut. Und ob das richtig war, einem Menschen, der unter Depressionen litt, der selbstmordgefährdet war, diese Worte zu schreiben? Ich war mir unsicher und ich schrieb an die Praxis, um, drei Jahrzehnte später, dort das Gespräch zu suchen, immerhin war ich als Kind nach dem gewaltvollen Tod meines Vaters dort selbst Patientin gewesen. Der Therapeut schickte mir eine Erklärung zur Entbindung der gesetzlichen Schweigepflicht für meine Mutter, die diese auch unterschrieb. Die Erklärung habe ich seit zehn Jahren und bis heute nicht zurückgeschickt. Sie löste in mir die Sorge aus, der Therapeut würde mir nur die Version meiner Mutter erzählen, eine Geschichte also, die ich schon kannte, und nicht das Erleben meines Vaters.

An die Sitzungen dort als Kind erinnere ich mich wenig. Sie sind Erinnerungssplitter in meinem Gedächtnis, wie die vielen Momente, in denen ich lieber mit Freunden und Freundinnen unterwegs gewesen wäre. Einmal war ein Schulausflug in die Eishalle geplant und ich saß dort in der Praxis, bekam den Mund nicht auf, denn ich wusste, jetzt