19,99 €
Pflege-, Sozial- und Gesundheitsberufe sehen sich zunehmend an vielen Stellen des Gesundheitswesens mit aggressiven und potenziell gewalttätigen Patienten konfrontiert. Sie müssen daher nach Möglichkeiten suchen, um Aggressionen vorzubeugen, aggressive Ausbrüche zu verhindern und im Fall von Gewalttätigkeit Schaden von sich und anderen abwenden. Dazu liefert das Praxishandbuch wissenschaftlich fundierte Grundlagen sowie kurz gefasste und leicht lesbare Assessments, Tools und Techniken. Aus dem InhaltEinführungBegriffserklärungenOrte der Gewalterfahrung und ihre HäufigkeitGewalterlebnisse von PflegendenGewalterlebnisse von Angehörigen und PflegebedürftigenTheorien und Modelle der AggressionsentstehungEskalationsprävention und DeeskalationsstrategienHilfen für BetroffeneZusammenfassung
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2018
Gewaltfreie Pflege
Johannes Nau, Nico Oud, Gernot Walter
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege:
Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund
Johannes NauNico OudGernot Walter
Gewaltfreie Pflege
Praxishandbuch zum Umgang mit aggressiven und potenziell gewalttätigen Patienten
Johannes Nau. Dr. rer. cur., Dipl.-Pflegepäd, DE-Ludwigsburg
E-Mail: [email protected]
Nico Oud. MScN, N. Admin., RN, NL-Amsterdam
E-Mail: [email protected]
Gernot Walter. Dipl. Pflegewirt, Fachkrankenpfleger für Psychiatrie, DE-Mainhausen
E-Mail: [email protected]
Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Anregungen und Zuschriften bitte an:
Hogrefe AG
Lektorat Pflege
z.Hd.: Jürgen Georg
Länggass-Strasse 76
3000 Bern 9
Schweiz
Tel: +41 31 300 45 00
E-Mail: [email protected]
Internet: www.hogrefe.ch
Lektorat: Jürgen Georg, Martina Kasper
Bearbeitung: Michael Herrmann
Herstellung: René Tschirren
Umschlagabbildung: Jürgen Georg, Schüpfen
Umschlaggestaltung: Claude Borer, Riehen
Illustration/Fotos (Innenteil): Johannes Nau
Satz: Claudia Wild, Konstanz
Druck und buchbinderische Verarbeitung: AZ Druck und Datentechnik GmbH, Kempten
Printed in Germany
1. Auflage 2018
© 2018 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95866-8)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75866-4)
ISBN 978-3-456-85866-1
http://doi.org/10.1024/85866-000
Der Erwerber erhält ein einfaches und nicht übertragbares Nutzungsrecht, das ihn zum privaten Gebrauch des E-Books und all der dazugehörigen Dateien berechtigt.
Der Inhalt dieses E-Books darf von dem Kunden vorbehaltlich abweichender zwingender gesetzlicher Regeln weder inhaltlich noch redaktionell verändert werden. Insbesondere darf er Urheberrechtsvermerke, Markenzeichen, digitale Wasserzeichen und andere Rechtsvorbehalte im abgerufenen Inhalt nicht entfernen.
Der Nutzer ist nicht berechtigt, das E-Book – auch nicht auszugsweise – anderen Personen zugänglich zu machen, insbesondere es weiterzuleiten, zu verleihen oder zu vermieten.
Das entgeltliche oder unentgeltliche Einstellen des E-Books ins Internet oder in andere Netzwerke, der Weiterverkauf und/oder jede Art der Nutzung zu kommerziellen Zwecken sind nicht zulässig.
Das Anfertigen von Vervielfältigungen, das Ausdrucken oder Speichern auf anderen Wiedergabegeräten ist nur für den persönlichen Gebrauch gestattet. Dritten darf dadurch kein Zugang ermöglicht werden.
Die Übernahme des gesamten E-Books in eine eigene Print- und/oder Online-Publikation ist nicht gestattet. Die Inhalte des E-Books dürfen nur zu privaten Zwecken und nur auszugsweise kopiert werden.
Diese Bestimmungen gelten gegebenenfalls auch für zum E-Book gehörende Audiodateien.
Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.
Gerade fünf Jahre ist es her, dass unser großes Buch „Aggression und Aggressionsmanagement – Praxishandbuch für Gesundheits- und Sozialberufe“ (Walter et al. 2012; Bern: Huber) erschienen ist. Inzwischen bezeichnen es viele als Standardwerk, ist es Grundlage zahlreicher Fortbildungen geworden und hat nicht nur im beruflichen Bereich interessierte Leser gefunden. In Anbetracht seiner über 600 Seiten ist das ein sehr erfreuliches Ergebnis.
Immer wieder wurden wir darauf angesprochen, ob es nicht auch ein kompaktes Buch geben könnte, in dem ein schneller, praxisorientierter Überblick geboten werden würde und das weniger wiegt als die 1,3 Kilo des Hauptwerks. Diesem Wunsch soll mit diesem kleinen Büchlein entsprochen werden.
Es ist nicht nur voll kompatibel mit dem großen Buch, sondern berücksichtigt auch die Entwicklungen, die zum Glück in der Zwischenzeit stattgefunden haben. Es wurde stärker auf interessierte Leser zugeschnitten, die sich nicht (nur) beruflich mit der Thematik auseinandersetzen. Wer nach dieser praxisorientierten Einführung Sachverhalte vertiefen oder wissenschaftlich aufbereiten möchte oder spezielle Antworten für spezielle Settings sucht, kann zur weiteren Vertiefung problemlos und ohne Brüche in der Logik das große Buch danebenlegen.
Besonders erfreulich wäre es, wenn dieses Buch für viele weitere Personen, wie pflegende Angehörige, Ehrenamtliche und beruflich Pflegende zu einem niederschwelligen Einstieg führen und dort seine entlastende Wirkung entfalten und Mut machen würde.
Stuttgart, im November 2017
Johannes Nau
Nico Oud
Gernot Walter
Fühlt es sich gut an, aggressives oder gewalttätiges Verhalten an sich zu erfahren? Nein!
Fühlt es sich gut an, zu wissen, dass man selbst sich grenzüberschreitend verhalten hat? Nein!
Selbst wer einen Krieg gewonnen hat, hat den Frieden verloren, sagt ein altes Sprichwort. Da ist es doch sehr erstaunlich, weshalb es in der aufgeklärten Welt so häufig zu übergriffigem Verhalten kommt. Auch die Welt des Gesundheits- und Sozialwesens gehört dazu. Das ist umso verwirrender, als es dabei im Eigentlichen um die Welt des Helfens und Hilfe-Empfangens geht.
Über Skandale zu Aggressionsereignissen im Gesundheitswesen wird gerne in großen Lettern in Tageszeitungen berichtet. Häufig werden Pflegende als Aggressor dargestellt. Erst seit jüngerer Zeit findet man Beiträge darüber, dass das Gesundheitspersonal oder Angehörige Ziel aggressiven Verhaltens werden. Fragt man Pflegepersonal und im Besonderen Leitungsverantwortliche von Gesundheitseinrichtungen oder Pflegeheimen nach Problemen mit Aggressions- und Gewaltereignissen, so können immer noch zurückhaltende bis verneinende Antworten gehört werden. Der wissenschaftliche Erkenntnisstand zeigt aber, dass erkrankte oder pflegebedürftige Menschen nicht friedlicher als andere Menschen sind. Im Gegenteil befinden sich diese Menschen in besonderen, krisenhaften Lebenssituationen. Wir wissen, dass jede Person in eine überfordernde Krisensituation geraten kann, in der sie auf sozial erwünschte Kommunikationsformen keinen Zugriff mehr hat, obgleich ihr das ansonsten möglich wäre.
Aggression, die gegen Gesundheitspersonal gerichtet ist und von Patienten ausgeht, ist ein Problem, welches alle Fachbereiche und Abteilungen betrifft (Cooper et al., 2002; Hahn et al., 2008; Needham et al., 2005; von Hirschberg et al., 2009). Notaufnahmen wie auch Normalstationen sind als potenzielle Orte von Aggression durch Patienten und Besuchende zu sehen – darauf weist schon 2001 der International Council of Nurses (ICN) hin (ICN, 2007). Aber auch innerfamiliäre Übergriffe spielen eine bedeutende Rolle. Für einen 5-Jahreszeitraum ermittelten Hirsch und Brendebach (1999), dass zirka 10% der alten Menschen in ihren Familien Gewalterfahrungen gemacht haben. An Demenz leidende Menschen sind dabei einem besonders hohen Risiko ausgesetzt (Thoma et al., 2004).
Erstaunlicherweise ist bis heute der Umgang mit aggressivem Verhalten bzw. die Vorbeugung aggressiven Verhaltens von Patienten und Angehörigen in vielen Ländern kein geregelter Gegenstand der Pflegeausbildung – auch in Deutschland nicht (Nau et al., 2010b). Dabei scheinen gerade Studierende und Auszubildende besonders stark von der Problematik betroffen zu sein (Nau, 2014; Nau et al., 2010a; Nau et al., 2010b).
Aggressionserlebnisse in der Pflege und Hinweise auf stattgefundene Gewalt scheinen ein Tabuthema zu sein. Es kann eine Scheu beobachtet werden, Hinweise auf innerfamiliäre Übergriffe anzusprechen (Grassberger et al., 2013b) wie auch über eigene Erfahrungen zu berichten. Pflegekräfte reden selten über Aggressionen von Patienten und deren Besuchern (Danesh et al., 2008). Sie scheinen häufig von der Sorge geleitet, dass ein von ihnen berichtetes aggressives Patientenverhalten dann ihnen selbst zur Last gelegt werden würde. Manche hegen sogar die Überzeugung, Aggressionsereignisse seien eben „unausweichlich“ als part of the job zu sehen (Duxbury, 2002; Rintoul et al., 2009). Die Schlussfolgerung „Unausweichlichkeit“ ist jedoch kritisch zu sehen, da es inzwischen hilfreiche, an Pflegesituationen ausgerichtete Präventions- und Deeskalationsmethoden gibt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) macht zusammen mit dem International Council of Nurses (ICN), der International Labour Organization (ILO) und den Public Services International (PSI) deutlich, dass Anstellungsträger die Pflicht haben, einen sicheren und gewaltfreien Arbeitsplatz zu gewährleisten und dass ein Angestellter das Recht darauf hat, solches zu erwarten (International Labour Office [ILO] et al., 2002).
In dieses Buch fließen die aktuelle Kenntnislage aus nationalem und internationalem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und aus dem praktischen Alltag sowie aus wissenschaftlichem Diskurs ein. Leitend für dieses Buch ist der Wunsch, auf Belege gegründetes wissenschaftliches Wissen in Verbindung mit Erfahrungswissen weiterzugeben. Es gilt, Theorie und Praxis in gegenseitigem Kraftschluss zu halten. Es geht dabei um den Leitsatz, der Immanuel Kant zugeschrieben wird: „Theorie ohne Praxis ist leer, Praxis ohne Theorie ist blind“.
Wir Autoren stehen im nationalen und internationalen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus dem praktischen Alltag und aus der Wissenschaft. Leitend für dieses Buch ist der Wunsch, mehr als Erfahrungswissen weiterzugeben, nämlich die beste Kenntnislage, die uns mit Blick auf unsere täglichen Handlungen hilfreich ist.
Dieses kompakte Buch hilft dem Praktiker, den Sachverhalt zu durchschauen und gibt wertvolle Hinweise zur Vorbeugung sowie für das Reagieren in aggressiven Situationen. Durch die Verwendung umfangreicher wissenschaftlicher Referenzen bietet es zudem hohe Transparenz und ist auch für akademische Zwecke ein guter Einstieg in das Thema.
Die Wortstämme zu Aggression und Gewalt tauchen in unterschiedlichsten Kontexten auf. Auch die Erklärungsansätze sind äußerst vielschichtig. Sie gehen von evolutionstheoretischen Ansätzen, Sozialisationstheorien über neurophysiologische und hormonelle Prozesse bis hin zu Persönlichkeit und Motivation (Wahl, 2009). Sie konkretisieren sich schließlich in der jeweiligen Situation, in der zwei oder mehr Menschen miteinander interagieren. Das vorliegende Buch nimmt speziell Aggressionsereignisse und Gewalt zwischen Menschen im Gesundheits- und Sozialwesen in den Fokus. Andere Gewaltbegriffe, wie zum Beispiel staatliche oder strukturelle Gewalt, sind für dieses Buch davon abgegrenzt.
Mit staatlicher Gewalt sind Organisationsprinzipien gemeint. In einem demokratischen Rechtsstaat ist das zum Beispiel die Unterteilung in Legislative, Exekutive und Judikative. Ein Staat kann ein Tun (z.B. Steuern zu zahlen) oder ein Unterlassen fordern (z.B. keine Bank auszurauben). Ein Rechtsstaat ist sogar selbst in seinem Tun oder Unterlassen gebunden und ordnet seine ausführenden, gesetzgebenden und rechtsprechenden Gewalten einer gegenseitig mäßigenden Kontrolle unter.
Bei struktureller Gewalt handelt es sich um eine vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse (Galtung, 2007). Dieser Gewaltbegriff findet sich auch in Schriften über das derzeitige Gesundheits- und Sozialwesen, wenn kritisiert wird, dass Patienten oder Bewohnende organisationsbedingt in der Ausübung ihrer persönlichen Gewohnheiten und Bedürfnisse eingeschränkt werden. Strukturelle Gewalt wird oft nicht direkt wahrgenommen, da die Gewalt sich nicht durch identifizierbare einzelne Angriffe äußert. Sie kann aber, wie später im Rahmen des NOW-Modells dargestellt werden wird, als Umgebungsfaktor die Entstehung von Aggressionsereignissen vorbereiten.
Der Fokus liegt also auf Aggressions- und Gewaltereignissen im Gesundheits- und Sozialwesen. Doch ist wirklich klar, was mit Aggression und Gewalt gemeint ist? Um den Sachverhalt näher beleuchten zu können, ist es zunächst erforderlich, die Begriffe „Aggression“ und „Gewalt“ genauer zu betrachten. Definitionen und Theorien gibt es zuhauf (Bjørkly, 2006). Es sollte deshalb darauf geachtet werden, eine Definition zu nutzen, die Beschreibungen, Erklärungen und Vorhersagen ermöglicht, welche für die Konstellationen im Gesundheits- und Sozialwesen hilfreich sind. Aggressionsereignisse im Gesundheits- und Sozialwesen lassen sich in der Regel als reaktive Aggressionen einordnen. Im Unterschied zu einer geplanten (proaktiven) Handlung, wie zum Beispiel Bankraub, handelt es sich hier um Handlungen, die als Reaktion auf etwas Erlebtes stattfinden (Tab. 2-1). Das können zum Beispiel erlebte Ungerechtigkeit, Missachtung, Gefahr oder Eingriffe in die Freiheitsrechte sein.
In diesem Buch sollen die Begriffe „Aggression“ und „Gewalt“ gemäß Morrison (1990), Anderson (2000) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2002) verstanden werden.
In Anlehnung an eine Veröffentlichung der American Psychological Association (APA) aus dem Jahre 1974 definierte Morrison den Begriff „Gewalt“ als jegliche Form von verbalem, nonverbalem oder körperlichem Verhalten, welches für den Patienten selbst, andere Personen oder deren Eigentum bedrohlich ist, oder körperliches Verhalten, wodurch der Patient selbst, andere Personen oder deren Eigentum zu Schaden kommen.
Anderson hatte für die Enzyklopädie der APA im Jahr 2000 die Betrachtung weiter ausdifferenziert und der subjektiven Komponente Gültigkeit gegeben (vgl. Anderson, 2000). So verzichten Anderson und Bushman (2002) darauf, definitorisch zu unterscheiden, ab wann ein Verhalten nicht mehr nur Aggression ist, sondern als Gewalt bezeichnet werden muss. Stattdessen wird der Person, die das Ereignis erlebt hat, die Definitionsmacht gewährt und sie entscheidet selbst, ob sie noch von Aggression oder bereits von Gewalt sprechen will. Gewalt wird in dieser Definition als die extreme Form von Aggression gesehen. Der Verzicht auf eine Unterscheidung durch sichtbare äußere Merkmale ist sinnvoll, denn identisch scheinende Ereignisse können von verschiedenen Menschen unterschiedlich bewertet werden. Empfindet nur eine der beteiligten Personen ein Verhalten als übergriffig, aggressiv, gewalttätig, so ist dieses fraglos prägend für die weitere Entwicklung. Es kommt also nicht nur darauf an, was passiert ist, sondern auch darauf, wie es erlebt wurde. Beispielsweise empfinden manche Menschen angespuckt zu werden als unangebracht, aber nicht weiter belastend, während andere solches Verhalten als schockierend und zutiefst demütigend einordnen.
Bei Anderson steht die Intentionalität einer aggressiven Handlung im Vordergrund (Anderson, 2000). Ihm zufolge ist menschliche Aggression das Verhalten von einer Person (des Angreifers) mit der Absicht, einer anderen Person zu schaden, von der der Aggressor glaubt, dass sie den Schaden vermeiden möchte. Schaden schließt direkte physische und psychische Schäden und indirekteSchäden, wie die Beschädigung von Sachen, ein. Die WHO-Definition von Gewalt geht noch einen Schritt weiter und betont, dass die Behinderung einer normalen Entwicklung sowie Entbehrung, Mangel und Verlust („maldevelopment or deprivation“) genauso zu berücksichtigen sind (WHO, 2002).
Wichtig ist hierbei, Folgendes im Blick zu behalten:
Auch wenn sich jemand in einer Situation nur