Gift im Aargau - Ina Haller - E-Book

Gift im Aargau E-Book

Ina Haller

4,8

Beschreibung

Andrina Kaufmann gerät unter Verdacht, ihre Freundin getötet zu haben. Einen Tag nach der Tat verschwindet ihr Lebensgefährte, der Leiter der Abteilung Leib und Leben der Kripo Aargau, spurlos. Steckt womöglich die Polizei hinter dem Mord? Andrina, die den Ermittlern immer mehr misstraut, beginnt auf eigene Faust zu recherchieren - und bringt sich dadurch in Lebensgefahr.

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Ina Haller wurde 1972 geboren. Nach dem Abitur studierte sie Geologie. Seit der Geburt ihrer drei Kinder ist sie «Vollzeit-Familienmanagerin» und Autorin. Zu ihrem Repertoire gehören Kurz- und Kindergeschichten sowie Kriminalromane. Sie lebt mit ihrer Familie im Kanton Aargau, Schweiz. Im Emons-Verlag erschien «Tod im Aargau».www.inahaller.ch

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ebenso sind die Orte, an denen die Verbrechen stattfinden, nur Fiktion. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und realen Handlungen sind nicht gewollt und rein zufällig.Am Ende findet sich ein Glossar.

© 2014 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: Ina Haller Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-397-2 Originalausgabe

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Für Urs, Pascale, Rebecca und Manuela

EINS

Aus dem Nebel hatte es zu nieseln begonnen. Das ging nun seit zwei Wochen so. Momentan regnete es dauernd. Gab es einmal eine Regenpause, lag der zähe Hochnebel wie eine Decke über dem Mittelland.

Andrina warf einen Blick nach oben. Zum Glück war es um diese Zeit dunkel. So konnte man das Nebelgrau wenigstens nicht sehen. Sogar die Häuser der Aarauer Altstadt mit den bemalten Unterseiten der Dachgiebel wirkten schmutzig und trostlos. Sie nahm ihre Tasche vom Gepäckträger ihres Velos und überquerte die Strasse, nachdem der Bus der Linie 2 in Richtung Erlinsbach vorbeigefahren war.

Mit der Schulter stiess Andrina die Haustür auf und zögerte. Sie entschied sich gegen den Lift und nahm die Treppe. Schliesslich hatte sie den ganzen Tag im Büro gesessen. Ungeduldig hatte sie gewartet, bis endlich Feierabend war, denn sie freute sich auf das Wiedersehen und den Frauenabend mit ihrer Freundin Sumalee.

Vor einigen Tagen hatte Sumalee angerufen. Durch Zufall sei sie im Internet über den Cleve-Verlag gestolpert und habe auf der Webseite Andrinas Namen und ihr Foto gesehen. Daraufhin habe sie im Telefonbuch nach ihrer Adresse gesucht. Sie war erstaunt gewesen, weil Andrina immer noch in Aarau lebte.

Andrina hielt im zweiten Stock inne. Sie musterte die Namensschilder neben den Klingelknöpfen und fand den, der mit «Sumalee Stoller» angeschrieben war. Gerade als sie klingeln wollte, bemerkte sie, dass die Wohnungstür nur angelehnt war. Andrina lächelte. Sumalee war immer noch so wie früher. Vermutlich war sie rasch in den Keller gegangen, um Getränke zu holen. Sie klopfte und stiess die Tür auf.

«Sumalee, ich bin es. Andrina.»

Keine Antwort. Andrina sah sich um. Das Licht im Gang war ausgeschaltet, aber es duftete nach Braten. Sofort knurrte ihr Magen. Heute hatte sie keine Zeit gefunden, mehr als ein Sandwich zu essen.

«Hallo», rief sie.

Immer noch keine Antwort.

Andrina betrat die Wohnung und schaltete das Licht ein. An der Garderobe hingen eine Winterjacke und eine Handtasche. Stiefel standen auf einer Plastikunterlage. Inzwischen mischte sich ein weniger angenehmer Geruch unter den Bratenduft. Es roch, als würde in Kürze etwas anbrennen.

«Sumalee?»

Andrina klopfte an die Küchentür und öffnete sie. Zwar hatte Andrina gehofft, Sumalee würde Thailändisch kochen, aber beim Anblick des Bratens im Ofen lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

Auf der Küchenanrichte stand eine Schüssel mit Salat und auf dem Herd ein Topf, in dem es knisterte und unter dessen Deckel Dampf hervorquoll. Andrina hob den Deckel und zog den Topf sofort von der Herdplatte. Mit einem Löffel, der neben der Salatschüssel lag, rührte sie durch den Reis. Zum Glück war er nur leicht am Boden des Topfes festgepappt. Andrina schaltete den Herd aus.

«Sumalee?», rief sie.

Nichts.

Gut, in dem Fall würde sie im Wohnzimmer warten. Früher als Studentinnen hatten sie es so gehandhabt.

«Wenn ich unterwegs bin, komm einfach rein», hatte Sumalee gesagt. «Du musst sicher nicht vor der Tür warten.»

Andrina ging in den Flur zurück. Sie zog ihre Winterjacke aus und hängte sie an die Garderobe. Nachdem sie ihre Stiefel abgestreift und neben Sumalees gestellt hatte, schob sie die Tür neben der Garderobe auf, die nur angelehnt war. Die Stehlampe neben dem Fernseher war eingeschaltet. Der kleine Esstisch war gedeckt. Servietten waren wie eine Rosette gefaltet und lagen auf den weissen Tellern. Mitten auf dem Tisch standen eine Flasche Wein und ein Krug. Zwei Teelichter, die bereits angezündet waren, verliehen dem Raum eine angenehme Wärme.

Mit einem Mal machte sich ein mulmiges Gefühl breit. Was stimmte nicht?

Andrina schaute nach rechts und erblickte im selben Moment Beine, die neben dem Sofa hervorschauten. Eine Hand lag auf der Sofalehne und war rot verschmiert. Auf der Sofalehne erkannte Andrina ebenfalls rote Streifen. Blut? Mit wenigen Schritten war sie am Sofa und schaute direkt in die weit aufgerissenen Augen ihrer Freundin.

Sumalee lehnte gegen die Wand. Der weisse Pullover war mit Blut durchtränkt. Neben ihr lag ein Messer, das einem Stilett ähnelte und ebenfalls mit Blut verschmiert war. Andrina schrie auf und taumelte nach hinten.

***

«Nochmals, warum sind Sie hier?» Der Mann in Polizeiuniform beugte sich nach vorne. Er musste um die dreissig sein. Das Licht der Küchenlampe spiegelte sich auf dem glatt rasierten und polierten Schädel. Ein goldener Ring funkelte im linken Ohrläppchen. Andrina wäre am liebsten zurückgewichen, konnte sich aber nicht rühren.

«Ich …» Mehr brachte sie nicht heraus.

Wo war dieser glatzköpfige Mann hergekommen? Sie konnte sich an nichts erinnern. Bis auf die blutüberströmte Sumalee. Dieses Bild hatte sich vor ihrem inneren Auge eingebrannt. Sie schaute an dem Beamten vorbei. Auf die Salatschüssel. Der Duft des Bratens im Ofen verursachte Übelkeit. Mit Mühe gelang es Andrina, den Würgereiz zu unterdrücken.

«Sie sind neben der Leiche aufgefunden worden.»

«Leiche?», echote Andrina.

Der Beamte schnaubte. Bevor er etwas sagen konnte, presste Andrina die Hände vors Gesicht.

«Sumalee», stiess sie hervor und schluchzte auf.

«Ich möchte eine Antwort auf meine Fragen!»

Andrina schüttelte den Kopf.

«Ich kann Sie gern zum Verhör mitnehmen, wenn Ihnen das lieber ist.»

«Das reicht!»

Die Stimme kam Andrina bekannt vor. Sie hob den Kopf. Durch einen Tränenschleier erkannte sie Feller in der Küchentür.

Der Beamte drehte sich um.

«Wer sind Sie?»

«Feller, Kripo Aargau –»

«Diese Frau hier ist dringend des Mordes verdächtig», fiel der Mann ihm ins Wort.

«Das glaube ich weniger.» Feller betrat die Küche. Unterdrückte Wut blitzte in seinen Augen, deren blaue Farbe dadurch intensiver wurde. Das Licht der Küche und die dunkelbraunen Haare liessen das Blau zusätzlich stärker leuchten.

«Wie bitte? Glauben?» Der Glatzkopf lachte. «Sie wurde neben der Leiche der Frau im Wohnzimmer aufgefunden, und sie hielt das Stilett in der Hand.» Er stand auf und baute sich vor Feller auf. Feller verschränkte die Arme vor der Brust und schaute auf den Mann hinab.

«Was? Haben Sie Frau Kaufmann mit dem Stilett in der Hand angetroffen?»

«Das hat mir mein Kollege, der zuerst am Tatort war, gesagt.» Der Glatzkopf wich ein Stück zurück.

«Ich übernehme», knurrte Feller.

«Sie kooperiert nicht», schnaubte der Glatzkopf in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

«So kommen Sie nicht weiter», sagte Feller, als spräche er zu einem widerspenstigen Kleinkind. Die Gesichtsfarbe des glatzköpfigen Beamten nahm eine leicht rosa Färbung an. «Frau Kaufmann ist völlig durcheinander. Sehen Sie das nicht?»

Er klang beinahe wie ein Lehrer, der einem begriffsstutzigen Schüler etwas erklärte. Eine Ader trat an der Schläfe des Glatzköpfigen hervor.

«Das wäre ich nach einem Mord auch», schnauzte er. «Woher kennen Sie überhaupt ihren Namen? Bis jetzt hatte sie mir nicht die Ehre erwiesen, sich vorzustellen.»

Feller trat dicht an den Beamten heran. Mit dem Kopf wies er zur Tür. An seinem Hals konnte Andrina das Pochen des Pulses erkennen.

«Raus!»

Der Beamte streckte das Rückgrat durch und marschierte aus der Küche. In der Tür drehte er sich nochmals um und warf Feller einen wütenden Blick zu. «Das wird Konsequenzen haben.»

«Ja, für Sie.»

In den Augen des Glatzköpfigen flammte ein Ausdruck auf, den Andrina als Erkenntnis interpretierte. Es schien ihm plötzlich klar geworden zu sein, wer Feller war. Seine Schultern sackten nach unten, und er floh zur Tür hinaus.

Feller schloss die Tür und zog Andrina vom Küchenstuhl hoch. Er drückte sie an sich und strich mit der Hand über ihren Rücken. Andrina klammerte sich an ihn. Ein Beben durchlief ihren Körper. Sie liess den Tränen freien Lauf. Feller stützte sein Kinn auf ihren Scheitel und sagte nichts, wofür sie dankbar war.

Schliesslich hob sie den Kopf. «Warum bist du hier?», murmelte sie.

«Ich habe mich heute zum Pikett einteilen lassen, da meine Freundin zum Essen eingeladen war.» Neue Tränen drängten in Andrinas Augen. «Das neue Jahr ist noch nicht einmal zwei Wochen alt und dann das.» Er strich mit den Fingerspitzen über Andrinas Wange. «Wie du weisst, müssen wir dir Fragen stellen.»

«Wir? Warum nicht nur du?»

Feller nahm ihr Gesicht in beide Hände. «Ich darf nicht.»

«Warum?», rief Andrina. Es klang wie ein Aufschrei und hallte in ihren Ohren nach.

«Ich bin befangen. Fahren wir ins Polizeikommando.» Andrina reagierte nicht. «Es tut mir leid, Andrina. Das muss sein. Komm.»

Er führte sie aus der Küche. Im Gang wollte Andrina ihre Winterjacke nehmen, aber Feller hielt ihre Hand fest.

«Tut mir leid, die muss erst einmal hierbleiben.»

«Und meine Stiefel?»

«Die auch. Komm mit ins Treppenhaus. Ich hole aus dem Wagen meine Ersatzschuhe.» Andrina sah ihn zweifelnd an. «Er steht direkt vor der Haustür. Die paar Meter wirst du in meinen Schuhen schaffen.» Er lächelte.

Mit gesenktem Kopf folgte Andrina ihm die Treppen hinunter. Vor der Haustür wartete sie, bis Feller seine Ersatzschuhe geholt hatte. Sie schlüpfte hinein und starrte auf seinen schwarzen BMW. Daneben standen zwei Streifenwagen und dahinter ein weisser Van.

Die Autos wirkten in der Altstadt fehl am Platz. Besonders störend war das Blinken der Blaulichter der Streifenwagen und des mobilen Lichts, das auf dem Dach des BMW befestigt war. Feller schaltete es ab, löste es und legte es auf die Rückbank.

Andrina verharrte nach wie vor in der Haustür. Sie erblickte Schaulustige hinter der Absperrung und an den Fenstern der Häuser.

«Komm», forderte Feller sie auf.

Andrina schlurfte in den zu grossen Schuhen zur Beifahrertür. Sie stieg ein und hätte beinahe die Schuhe verloren.

Kurz darauf öffnete sich die hintere Tür und ein Mann stieg hinter Andrina ein. Sie zuckte zusammen.

«Ich bin Hans Meili», sagte der Beamte. «Ich fahre mit Ihnen.»

Feller stellte eine Tasse Tee vor Andrina hin und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Fenster.

Sie sass in Fellers Büro auf einem der beiden Stühle vor seinem Tisch. Das Zimmer, in dem normalerweise solche Gespräche stattfanden, wurde neu gestrichen, hatte Feller erklärt.

Andrina starrte geradeaus. Auf dem Tisch lagen Akten verstreut.

Warum sprach Feller nicht? Bereits auf der Fahrt hatte er kein Wort gesagt. Nur Meili hatte mit ihr geredet.

Andrina warf Feller einen Blick zu. Warum setzte er sich schräg hinter sie? Sie legte beide Hände um die heisse Tasse und starrte auf den Dampf, der sich über der Tasse kräuselte.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Meili trat ein. Andrina schätzte ihn auf Ende fünfzig. Er wirkte mit dem grauen Haarkranz und seiner rundlichen, gedrungenen Gestalt wie ein Mönch.

Meili nahm auf Fellers Stuhl hinter dem Schreibtisch Platz. Andrina verstand nichts mehr. War das nicht mehr Fellers Büro? Nervös schaute sie sich zu ihm um.

«Herr Meili wird dich befragen», meinte Feller. Die Panik in ihren Augen musste deutlich zu erkennen sein. «Es tut mir leid, Andrina. Es geht nicht anders. Und es tut mir leid, dass wir das bereits jetzt machen müssen. Wie du weisst, ist es für uns wichtig, so schnell wie möglich Informationen zu bekommen.»

«Ich weiss», murmelte Andrina kaum hörbar.

Sie fuhr zusammen, als Meili sich vorbeugte. Er schob einige Akten zur Seite.

«Bring mir bitte keine Unordnung rein», sagte Feller.

«Unordnung?» Meilis Mund verzog sich zu einem Lächeln.

«Das ist alles sortiert.»

«Das Genie überblickt das Chaos.»

Ein Schnauben hinter Andrina.

«Entschuldige, Chef. Es ist nur … Ja, schon gut. Ich fange an.» Er stützte die Unterarme auf dem Tisch ab und schaute Andrina in die Augen. Das Schweigen zog sich in die Länge. Meili musterte Andrina weiter, als wollte er ihre Gedanken lesen.

Die Panik schlug wie eine Woge über Andrina zusammen. Sie wirbelte zu Feller herum.

«Warum befragst du mich nicht? Du kannst doch eine Ausnahme machen.»

Das wäre um vieles einfacher gewesen. Zu ihm hatte sie Vertrauen. Befangenheit hin oder her. Er sollte das übernehmen. Feller war bei seinen Fragen einfühlsam, wie Andrina bereits am eigenen Leib erfahren hatte.

Sie war erleichtert gewesen, als Feller in Sumalees Küche erschienen war. Bei ihm musste sie sich nicht zusammenreissen. Den Mann hinter Fellers Schreibtisch kannte sie nicht. Sie wollte mit keinem Fremden reden. Ausserdem wirkte Meili im Gegensatz zu Feller unnachgiebig.

«Es ist besser. Nennen wir es eine Absicherung, damit uns später niemand vorwerfen kann, wir hätten uns unkorrekt verhalten.»

Andrina starrte ihn an. Er hielt sich strikt an die Vorschriften. Angst schnürte ihre Kehle zu. Feller stand auf und kam zu ihr. Als er sich zu ihr herunterbeugte, erkannte sie die Sorge in seinem Gesicht. Er strich eine Haarsträhne hinter Andrinas Ohr.

«Ich darf wirklich nicht. Du bist meine Freundin. Herr Meili kann das genauso gut wie ich. So gern ich dir entgegenkommen würde, es geht nicht.» Seine Lippen bewegten sich lautlos. «Bitte vertrau mir», las sie von ihnen ab.

Sie nickte.

Feller richtete sich auf und machte eine Handbewegung zu Meili, die wohl heissen sollte, er solle beginnen. Feller kehrte zu dem Stuhl zurück.

«Wie Marco Feller bereits gesagt hat, ist es für uns wichtig, so schnell wie möglich Informationen von Ihnen zu erhalten.»

Andrina nickte dem Mann zu. Meilis Augen hatten nach wie vor diesen aufmerksamen Ausdruck.

«Am besten erzählen Sie zuerst, wie Sie Sumalee Stoller aufgefunden haben.»

Andrina berichtete von der angelehnten Wohnungstür, von dem Braten im Ofen und dem Reis, der beinahe angebrannt wäre.

«Ich dachte, sie wäre in den Keller gegangen, um Getränke zu holen und hätte die Tür aufgelassen, damit ich hineinkonnte. Das hat sie früher immer so gemacht.»

«Früher?»

«Sumalee war recht sorglos. Häufig hatte sie etwas vergessen und ist nochmals losgegangen, wenn wir verabredet waren. Nachdem ich mehrmals vor der Tür gewartet habe, hat sie diese einfach offen gelassen, damit ich in die Wohnung konnte.»

«Machte sie das bei jedem?»

«Ich glaube nicht.»

«Sie glauben?»

«Ich weiss nicht. Wir haben nie darüber gesprochen.»

«Woher kannten Sie Sumalee Stoller?»

«Wir haben zusammen Geologie in Basel studiert.»

Meili nickte. «Hatten Sie nach dem Studium Kontakt?»

«Wir haben uns aus den Augen verloren. Vor einigen Tagen rief sie überraschend bei mir …» Hilflos warf sie Feller einen Blick zu. «… sie rief bei mir zu Hause an.»

Feller lächelte. Er hatte den Anruf entgegengenommen. Andrina wurde immer klarer, warum er sie nicht befragen durfte.

«Warum suchte sie plötzlich den Kontakt zu Ihnen?»

Schwere Frage. Das hatte Sumalee nicht gesagt. «Keine Ahnung.»

«Haben Sie lange miteinander gesprochen?»

Andrina warf einen neuen Blick über die Schulter. Ein leichtes Lächeln huschte über Fellers Gesicht. Sogleich wurde er wieder ernst.

«Fast zwei Stunden», meinte sie.

«Worüber?»

«Wir sprachen darüber, was wir in den letzten Jahren gemacht haben. Sie erzählte, dass sie einen Job als Hydrologin gefunden hat. Dann hat Sumalee mich spontan eingeladen.»

«Ist Ihnen was an ihr aufgefallen? Ich meine, klang sie angespannt?»

Andrina überlegte. «Nein. Sie klang eher fröhlich.»

«Okay, zurück zur Wohnungstür. Ist Ihnen nichts daran aufgefallen? Ich meine, ausser dass sie angelehnt war.»

Andrina schaute Meili verständnislos an.

«Sah sie aus, als hätte jemand versucht, sie aufzubrechen?»

«Darauf habe ich, ehrlich gesagt, nicht geachtet.»

«Was haben Sie danach gemacht? Ich meine, nachdem sie den Reis von der Herdplatte genommen haben.»

«Ich bin zum Wohnzimmer gegangen.»

«War die Tür zu?»

Andrina lehnte den Kopf nach hinten und schloss die Augen. «Ja, ich glaube.»

«Das heisst, Sie wussten nicht, dass sich hinter dieser Tür das Wohnzimmer befindet, oder waren Sie schon mal in der Wohnung?»

«Nein. Ich war noch nie dort. Wir haben uns, wie ich eben gesagt habe, nach mehreren Jahren das erste Mal verabredet.»

Ein leicht aggressiver Tonfall mischte sich in ihre Stimme. Andrina konnte nicht anders. Verwunderung trat in Meilis Gesicht. Er nahm einen Stift von Fellers Schreibtisch und lächelte sie an. Andrina entspannte sich ein wenig.

«Im Gang gab es vier geschlossene Türen», fuhr sie fort und brachte es fertig, die Gereiztheit aus ihrer Stimme zu verbannen. «Auf der einen stand ‹WC›. An eine Tür habe ich geklopft. Das war die Küche. Auf einer Tür war ein Mond aufgeklebt, also vermutete ich da das Schlafzimmer. Bei dem anderen Raum musste es sich um das Wohnzimmer handeln. Zumindest nahm ich das an.»

«Mussten Sie die Klinke der Wohnzimmertür herunterdrücken?»

Was war das für eine seltsame Frage? Verwirrt schaute Andrina ihn an. Mit einem Mal begriff sie. «Die Tür war angelehnt.»

«Haben Sie die Türklinke berührt?»

Andrinas Hals wurde eng. «Ich glaube … ich weiss nicht.» Sie schloss die Augen, schaffte es aber nicht, sich zu erinnern. «Als ich sie öffnete, sah ich den gedeckten Tisch. Und die Getränke», fuhr sie fort.

«Welche Getränke?», hakte Meili nach.

«Eine Flasche Wein und Wasser.» Meili runzelte die Stirn. «Dann sah ich ihre Beine.»

«Beine?»

«Und ihre Hand», fügte sie kaum hörbar an.

«Ihre Hand?»

«Auf der Armlehne des Sofas und …», Andrina stockte, «… das Blut.» Sie umklammerte die Tasse.

Hinter sich hörte sie ein Geräusch, als ob ein Stuhl zurückgeschoben wurde. Meili hob die Hand und schüttelte den Kopf. Ein Seufzen erklang aus Fellers Richtung.

«Sumalee … sass da … der Pulli blutdurchtränkt … neben ihr … dieses lange, dünne Messer. Stilett nennt man das, oder?»

Andrina brach ab und umklammerte die Tasse fester. Ihre Hände zitterten, und Tee schwappte über den Rand auf ihre Finger. Er war heiss, aber Andrina nahm es nicht richtig wahr.

«Haben Sie was angefasst?»

«Ich weiss es nicht.»

«Das Stilett?»

«Ich weiss es nicht.»

«Frau Kaufmann, das ist wichtig.»

Andrina schaute auf. «Ich weiss es nicht. Plötzlich war dieser Polizist da.»

«Weshalb wussten Sie, dass es sich um einen Polizisten handelte.»

«Er hat mir gesagt, er habe früher bei der Polizei gearbeitet, sei heute aber im Ruhestand. Er hat mich aus dem Raum geführt und in die Küche gebracht. Danach kam dieser andere.»

«Welcher andere?»

«Den du rausgeschmissen hast, Marco.» Andrina drehte sich zu Feller um.

Er nagte am Daumennagel. «Werner Küng», sagte er und schaute Meili an.

«Oh Mann, ausgerechnet der.» Meili zog eine Grimasse. Sofort wurde sein Gesicht wieder ausdruckslos. «Haben Sie sonst etwas angefasst oder verändert?»

«Ich habe mich zu Sumalee hinuntergebeugt.»

«Warum?»

«Ich weiss es nicht.»

«Haben Sie sie berührt?»

Andrina schüttelte den Kopf. «Aber ich habe das Stilett zur Seite geschoben.»

Meili nickte.

«Ich meine gestossen. Ich … ich wollte es weghaben.»

«Wo lag das Stilett genau? Ich meine, bevor Sie es zur Seite gestossen haben.»

Hilflos sah Andrina ihn an. «Es lag neben ihr auf dem Boden.»

«Können Sie es genauer sagen?»

Andrina starrte an die Decke. «Es befand sich neben ihrem rechten Oberschenkel.»

«Und danach?»

«Keine Ahnung. Dann kam, wie gesagt, dieser Polizist.» Mit dem Zeigefinger fuhr Andrina den Henkel der Tasse entlang. «Jetzt habe ich schon wieder was an einem Tatort angefasst.» Sie wandte sich erneut zu Feller um. «Als ob ich nicht damals aus dem Mord an Ulrich Strahm meine Lehren gezogen haben sollte.»

Er sagte nichts. Andrina war klar, dass er nichts sagen durfte, aber sie fand es trotzdem verwirrend. Immerhin sass er im selben Raum. Das war wenigstens ein wenig beruhigend. Vermutlich war es das äusserste Zugeständnis, das in ihrer Situation erlaubt war, und sie war sehr dankbar für seine Anwesenheit.

«Haben Sie Sumalee Stoller berührt? Damit meine ich, den Puls gefühlt oder so», führte Meili die Befragung weiter.

«Nein, dieser Polizist war vorher da. Er hat mich daran gehindert.»

«Was meinen Sie damit?»

«Er hat mich beim Arm gepackt und von Sumalee fortgezogen.» Sie schaute erneut zu Feller.

Feller kam zu Andrina und ging vor ihr in die Hocke. Er strich über Andrinas Wange und wischte die Tränen fort, die nach wie vor über ihr Gesicht liefen. «Ich glaube, lassen wir es fürs Erste, Hans.»

«Ich denke auch.» Meili stand auf und kam hinter Fellers Schreibtisch hervor. Feller richtete sich auf.

«Das ist eine dumme Situation», sagte Meili. «Für dich, Frau Kaufmann und uns alle.»

«Vielen Dank, dass du es übernommen hast. Kannst du Andrina bitte nach Hause fahren?»

«Klar, ich übernehme das.»

Andrina versteifte sich.

Feller strich über ihre Wange. «Ich weiss nicht, wann ich nach Hause komme. Bei Hans bist du in guten Händen.»

ZWEI

Andrina lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Die Strassenlaterne erhellte leicht den Raum. Andrina hatte die Vorhänge nicht zugezogen. Heute brauchte sie das bisschen Licht, das die Strassenlampe gab.

Feller war noch nicht zurück. Er hatte sich auch nicht gemeldet. Das bedeutete, es würde länger dauern.

Andrina starrte in die Richtung der Zimmertür. Diese Nacht würde sie keinen Schlaf finden, befürchtete sie. Sobald sie die Augen schloss, tauchte das Bild der ermordeten Sumalee vor ihr auf.

Zum wiederholten Mal fragte sie sich, wie Feller diesen Job ausüben konnte. Zwar sagte er, teilweise würden die Fälle ihn in den Schlaf verfolgen. Trotzdem konnte er recht gut abschalten und brachte die Arbeit nicht im Kopf mit heim.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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