Gift und Galle - Günter Dönges - E-Book

Gift und Galle E-Book

Günter Dönges

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Beschreibung

Exzellent – das ist er im wahrsten Sinne des Wortes: einzigartig, schlagfertig und natürlich auch unangenehm schlagfähig. Wer ihn unterschätzt, hat schon verloren. Sein Regenschirm ist nicht nur sein Markenzeichen, sondern auch die beste Waffe der Welt. Seinem Charisma, Witz und Charme kann keiner widerstehen. Der exzellente Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! Nachdem Josuah Parker den Lift verlassen hatte, schritt er würdevoll wie ein Aristokrat durch den mit einem dicken Velourteppich ausgelegten Korridorgang und suchte nach dem Apartment eines gewissen Mr. Wald D. Flagstaff. Diese Tür fand er am Ende des Korridors. Im Näherkommen hörte er die wohlklingenden Töne einer Orgelmusik, die durch die Tür nach draußen klang. Wenn Parker nicht alles täuschte, handelt es sich um eine Bach-Fuge. Versonnen blieb er einen kurzen Moment stehen und lauschte. Dann zwang er sich förmlich dazu, seinen schwarz behandschuhten Finger auf den Klingelknopf zu legen. Er bedauerte es ungemein, diese Musik durch ein ordinäres Klingeln stören zu müssen. Gewiß, die Musik, die wahrscheinlich aus einem Radio kam, war ungemein laut, doch selbst in der lautstarken Verzerrung war sie noch geeignet, Parker freudig zu stimmen. Das diskrete Klingeln wurde verständlicherweise überhört. Die Musik war wirklich zu laut. Josuah Parker sah sich gezwungen, nachdrücklicher zu läuten. Er ließ, seinen Finger diesmal einige Sekunden lang auf dem Klingelknopf ruhen. Die Orgelmusik wurde schlagartig leiser. Schritte näherten sich der Tür. Parkers Haltung wurde in der Erwartung noch steifer und würdevoller als sonst. Die Tür öffnete sich. Ein mittelgroßer Mann, schlank, mit hagerem Gesicht und schütterem Haar, sah den Butler fragend und irgendwie unsicher und etwas überrascht an. »Ja...?«

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der exzellente Butler Parker – 73 –Gift und Galle

Günter Dönges

Nachdem Josuah Parker den Lift verlassen hatte, schritt er würdevoll wie ein Aristokrat durch den mit einem dicken Velourteppich ausgelegten Korridorgang und suchte nach dem Apartment eines gewissen Mr. Wald D. Flagstaff.

Diese Tür fand er am Ende des Korridors. Im Näherkommen hörte er die wohlklingenden Töne einer Orgelmusik, die durch die Tür nach draußen klang. Wenn Parker nicht alles täuschte, handelt es sich um eine Bach-Fuge.

Versonnen blieb er einen kurzen Moment stehen und lauschte. Dann zwang er sich förmlich dazu, seinen schwarz behandschuhten Finger auf den Klingelknopf zu legen. Er bedauerte es ungemein, diese Musik durch ein ordinäres Klingeln stören zu müssen. Gewiß, die Musik, die wahrscheinlich aus einem Radio kam, war ungemein laut, doch selbst in der lautstarken Verzerrung war sie noch geeignet, Parker freudig zu stimmen.

Das diskrete Klingeln wurde verständlicherweise überhört. Die Musik war wirklich zu laut. Josuah Parker sah sich gezwungen, nachdrücklicher zu läuten. Er ließ, seinen Finger diesmal einige Sekunden lang auf dem Klingelknopf ruhen.

Die Orgelmusik wurde schlagartig leiser. Schritte näherten sich der Tür. Parkers Haltung wurde in der Erwartung noch steifer und würdevoller als sonst.

Die Tür öffnete sich.

Ein mittelgroßer Mann, schlank, mit hagerem Gesicht und schütterem Haar, sah den Butler fragend und irgendwie unsicher und etwas überrascht an.

»Ja...?« fragte er dann gedehnt.

»Parker mein Name, Josuah Parker«, stellte der Butler sich vor und deutete eine leichte, höfliche Verbeugung an. »Mr. Flagstaff bat mich zu sich, ein Wunsch, dem ich umgehend nachkam, wie Sie sehen können.«

»Ach so...!« gab der Mittelgroße etwas fahrig zurück und ließ den Butler gleichzeitig eintreten, »zu Flagstaff wollen Sie...! Kommen Sie herein. Ich... ich bin ein Bekannter von Flagstaff...!«

»Ich komme hoffentlich nicht ungelegen«, meinte Josuah Parker. »Ich hatte allerdings den Eindruck, daß Mr. Flagstaff umgehend meinen Besuch erwartete.«

»Sie stören überhaupt nicht«, antwortete der mittelgroße, schlanke Mann. Und dann schlug er zu, als Parker ihn passierte.

Dieser Schlag, mit einer Stahlrute ausgeführt, kam für den Butler derart überraschend, daß er noch nicht einmal den Versuch einer zaghaften Gegenwehr unternehmen konnte.

Die Stahlrute dröhnte auf Parkers schwarze Melone herunter und veranlaßte ihn, gegen seinen Willen in die Knie zu gehen. Parker wollte sich peinlicherweise an einem Mantel festhalten, der an der Garderobe hing, doch ein zweiter, vielleicht noch härterer Schlag ließ ihn vollends zu Boden gehen.

Stumm und leidend breitete' der Butler sich auf dem Boden aus, ohne dabei aber erstaunlicherweise an Würde oder Gemessenheit zu verlieren. Dann blieb er regungslos liegen und sah nicht, daß der Mittelgroße inzwischen eine Automatik gezogen hatte, deren Lauf er auf den Butler richtete.

Das Gesicht dieses Mannes, der höchstens dreißig Jahre alt sein mochte, zeigte kaum eine Regung. Es war offensichtlich, daß dieser Mann sich in Handhabungen und Praktiken dieser Art bestens auskannte. Die schußbereite Automatik hielt er ganz sicher nicht zum erstenmal in der Hand. Es war eine Frage von Bruchteilen von Sekunden, bis er abdrückte.

Parker war diesem Mann hilflos ausgeliefert. Er konnte noch nicht einmal ahnen, in welcher Lebensgefahr er schwebte.

Bruchteile vor diesem Schuß erschien ein zweiter Mann in der geräumigen Diele, in der Parker auf dem Boden lag. Dieser Mann war breitschultrig, muskulös und hatte ein grobes Gesicht. Er schien einem Handbuch für Gangster- und Schlägertypen zu entstammen.

»Bist du verrückt, Steve?« zischte diese Schlägertype den Waffenbesitzer an, »fehlt noch, daß du hier herumknallst!«

Der Mittelgroße wandte sich nervös zu dem Schläger um.' Dann wies er auf den immer noch regungslos am Boden liegenden Butler, als drohe von ihm eine besondere Gefahr.

»Das ist Parker...!« sagte Steve dann, als sei damit bereits ein Programm genannt.

»Na und...?« fragte der Grobschlächtige zurück. Er grinste verächtlich.

»Das ist Parker, Dan«, wiederholte Steve noch einmal. »Parker ist der raffinierteste Bursche weit und breit!«

»Der komische Bursche da?« meinte Dan verächtlich und verlieh seinem groben Gesicht einen spöttischen Ausdruck.

»Du bist eben neu hier in der Stadt«, redete Steve hastig weiter, »du sollst sehen, der Boß ist nachträglich einverstanden! Vielleicht rückt er sogar mit ’ner Prämie ’raus! Ich hab’ mir schon immer gewünscht, dem ’ne Ladung zu verpassen!«

»Kanone runter«, kommandierte Dan grob. Er kniff die Augen zusammen und musterte seinen jüngeren Begleiter, dessen Wangen sich rötlich gefärbt hatten. Steve leckte sich die Lippen und lachte plötzlich auf.

»Kanone ’runter«, kommandierte Dan noch einmal. »Ohne ’nen ausdrücklichen Befehl vom Boß wird nicht geschossen, klar! Los, hauen wir ab! Hier ist für uns nichts mehr zu holen!«

»Aber der Kerl weiß doch jetzt, wie ich aussehe«, gab Steve nervös zu bedenken.

»Na und...? Wenn er Ärger macht, bekommst du ’n erstklassiges Alibi«, gab Dan zurück. Trotz seines wirklich finsteren Aussehens, trotz der groben Primitivität, die er ausstrahlte, vermochte er schnell und logisch zu denken.

Er schien seinem jüngeren Partner Steve nicht über den Weg zu trauen, was die Automatik anbetraf. Blitzschnell und überraschend geschickt schlug er Steve die Waffe aus der Hand. Dann stellte er seinen Fuß darauf und deutete zur Korridortür.

»Hau ab...!« sagte er dann leise, »Das Ding bekommst du unten zurück, klar? Es wird höchste Zeit, sonst sind wir dran!«

Steve zog förmlich den Kopf ein. Er schien die Kräfte seines Partners Dan zu fürchten. Als Dan sich hach der Waffe bückte und sie aufhob, glomm in Steves Augen deutlicher Haß auf. Seine Lippen bildeten einen schmalen, blutleeren Strich. Langsam ging er zur Tür und trat hinaus auf den Korridor.

Dan warf einen letzten Bick auf den Butler und folgte seinem jüngeren Begleiter. Dann zog er von außen die Tür zu und ließ den Butler ungeschoren zurück.

Genau in diesem Augenblick richtete der Butler sich auf.

Seine Ohnmacht schien nicht besonders tief gewesen zu sein. Er mußte den größten Teil der Unterhaltung zwischen Steve und Dan mitbekommen haben. Dennoch war er regungslos liegengeblieben, was wieder einmal für seine ausgezeichneten Nerven sprach. Trotz der tödlichen Bedrohung hat er sich nicht gerührt.

Parker stand auf und sorgte erst mal dafür, daß der Sitz der steifen, schwarzen Melone wieder als korrekt zu bezeichnen war. Dann klopfte er sich einige Stäubchen von seinem schwarzen Zweireiher und legte den Griff seines Universal-Regenschirms über den linken Unterarm. Die leichten Kopfschmerzen ignorierte der Butler. Er war schließlich aus hartem Holz geschnitzt.

Interessiert betrat er das Wohnzimmer, aus dem die beiden Gangster gekommen waren.

Schwere Ledersesselgarnituren beherrschten den Raum. Auf dem Boden lagen weiche, üppige Teppiche, die ein kleines Vermögen gekostet haben mußten. Die Wände trugen wohlgefüllte Bücherregale, die fast bis hinauf zur Zimmerdecke reichten. Durch eine Rundbogentür sah Parker dann hinein in das Arbeitszimmer.

Ein langer, breiter, derber Arbeitstisch stand unter dem Fenster. Auch in diesem Raum Bücher über Bücher, die selbst auf dem Boden gestapelt waren. Auf einem kleinen Beistelltischchen rechtwinklig zum Arbeitstisch stand eine bereits angejahrte Schreibmaschine, in die ein Bogen eingespannt war. An der Längswand standen moderne Karteischränke, deren Schubladen aufgerissen und durchstöbert worden sein mußten. Auf dem Boden stapelten sich herausgerissene Karteiblätter, die ein Windstoß durcheinandergewirbelt zu haben schien.

Parker sah sich das alles mit einem schnellen, umfassenden Blick an und prägte sich Einzelheiten ein. Darüber vergaß er natürlich nicht die Hauptsache.

Sie bezog sich auf einen massigen Mann, der mit ausgebreiteten Armen vor dem Arbeitstisch lag und ganz offensichtlich tot war!

*

Parker wollte sich um Details kümmern.

Zu seiner Überraschung kam es nicht mehr dazu. Plötzlich, ohne jede Vorwarnung, erschütterte eine dumpfe Detonation die Luft. Parker warf sich instinktiv zurück in das große Wohnzimmer, wurde aber noch von einer bärenstarken Druckwelle erfaßt und zu Boden geschleudert.

Ziegelbrocken, Kalkmörtel, zersplittertes Holz und Glasscherben wirbelten in den Wohnraum hinein. Parker war von der Druckwelle hinter eine der querstehenden Couches geschleudert worden.

Genau das war sein Glück.

Die Wirkung der Sprengladung pfiff über ihn hinweg. Er konnte unbeschädigt aufstehen und hüstelte gegen seinen Willen. Dichter Qualm und Rauch quollen ihm entgegen. Es roch nach Feuer und Brand. Mißtrauisch beobachtete Parker die Trennwand zwischen Arbeitszimmer und Wohnraum. Sie hatte sich in ihre Einzelteile zerlegt und drohte mit ihrem Rest in den Wohnraum hineinzufallen.

Dennoch riskierte der Butler es, sich zurück in das Arbeitszimmer zu kämpfen. Flammenzungen bleckten ihm entgegen. Dort, wo die Karteikästen stehen mußten, war nur noch Feuer und Rauch zu sehen. Die beiden Gangster mußten offensichtlich einen Sprengsatz mit Brandfüllung verwendet haben.

Parker kümmerte sich erst einmal um den Toten, den er jetzt hart neben der Tür entdeckte. Er schleifte den leblosen Körper hinüber in den Wohnraum. Dann arbeitete er sich noch einmal zurück in das Arbeitszimmer und kämpfte sich an die Schreibmaschine heran.

Doch dort, wo sie gestanden hatte, befand sie sich nicht mehr. Die gewaltige Explosion schien sie irgendwohin in den Raum gewirbelt zu haben.

Ein berstendes Krachen über Parkers Kopf belehrte ihn, daß die Decke einzustürzen drohte.

Parker schaute hoch.

Im ersten Moment war er starr vor Schreck.

Die Decke, von der Explosion aufgerissen, neigte sich langsam nach unten.

Parker löste sich aus seiner Starre und tat einen fast verzweifelten Sprung zurück in den Wohnraum. Dabei stolperte er über einen sperrigen, harten Gegenstand, der ihn erneut zu Boden warf.

Parker raffte sich schleunigst wieder auf.

Bruchteile von Sekunden später donnerte die aufgerissene Decke nach unten in den Arbeitsraum. Eisenträger wirkten wie riesige Rammen. Der Fußboden dröhnte. Mauersteine spritzten wie Ping-Pong-Bälle durch die Luft.

Parker erhob sich und sah bedauernd an seinem schwarzen Zweireiher hinunter. Er stellte fest, daß er keineswegs mehr korrekt aussah. Die Ereignisse waren stärker als er gewesen. Er sehnte sich zurück in das Dachgartenhaus seines jungen Herrn, um sich endlich pflegen zu können.

Er wollte sich gerade abwenden, als er die Schreibmaschine entdeckte. Genau über sie war er gestolpert. Einer der herabgestürzten Eisenträger hatte sie ein Stück in den Wohnraum hineingeschoben.

Das Manuskriptblatt in der Walze sah zwar sehr verknittert und mitgenommen aus, doch es ließ sich noch aus der Maschine ziehen. Was Parker selbstverständlich umgehend besorgte. Ohne einen Blick auf den darauf befindlichen Text zu werfen, faltete er das Papier zusammen und ließ es in seiner Brieftasche verschwinden.

Das Feuer breitete sich bestürzend schnell aus. Es roch nach brennendem Öl. Der Rauch wurde schwärzer und ätzender. Parker, nach Luft schnappend, bemühte sich zum nahen Fenster hinüber.

Er braucht es nicht mehr zu öffnen, um frische Luft atmen zu können. Der Explosionsdruck hatte bereits sämtliche Fensterscheiben hinunter auf die Straße gepustet.

Parker nahm ein paar Atemzuge frischer Luft zu sich und kümmerte sich dann weiter um den Toten, bei dem es sich offensichtlich um Wald D. Flagstaff handeln mußte.

Er schleppte den fast zwergenhaft kleinen Körper hinüber in die Diele und legte ihn dort nieder. Dann begab er sich erstaunlich würdevoll und ohne jede Hast noch einmal zurück in die Verwüstung und sah hinüber zum Arbeitszimmer.

Nein, dort war für ihn leider nichts mehr zu holen. Die Sprengladung hatte ganze Arbeit verrichtet. Der Flammsatz im Zeitzünder hatte den Raum bereits in eine glühende Hölle verwandelt.

Wie wichtig mochten die Papiere sein, die dort jetzt zu Asche wurden? Um sie war es sicher gegangen. Parker konnte sich wieder einmal lebhaft vorstellen, daß manches Geheimnis in den Karteikästen verborgen gewesen war.

Parker mußte sich entschließen, das Apartment zu räumen.

Nachbröckelndes Mauerwerk kündigte weitere Einstürze an. Die teuren, üppigen Teppiche hatten bereits Feuer gefangen und zündeten fleißig auch das Mobiliar im Wohnraum an.

Parker ging zurück zu dem toten Mr. Flagstaff, um ihn draußen im Korridorgang zu bergen. Als er in der Diele stand, fiel sein Blick auf eine modische Ledertasche, wie sie von Herren in leitender Stellung bevorzugt wurden. Eine Reisetasche, die einen mittelgroßen Koffer durchaus ersetzen konnte.

Parker schaltete augenblicklich.

Er riß den Reißverschlug auf und warf einen Blick auf den Inhalt dieser dunkelbraunen Reisetasche. Einige zusammengekniffene Schnellhefter staken darin. Darüber und daneben lagen solide aussehende Geldscheinbündel.

Parker riß die Tasche an sich und warf sie hinaus in den Korridorgang. Anschließend kümmerte er sich um Mr. Flagstaff, den er wenig später im Korridor niederlegte.

Endlich konnte Parker sich eine kleine Ruhepause gönnen. Von der Korridortür aus sah er hinein in das Wohnzimmer. Es brannte nun auch schon lichterloh. Der dunkle, fette Ölqualm quoll, wie von einem starken Gebläse getrieben, in den Korridor hinein. Ob Parker wollte oder nicht, er mußte sich weiter zurückziehen.

Erleichtert nahm er zur Kenntnis, daß unten auf der Straße Feuerwehr und Polizei eingetroffen waren. Das auf- und abschwellende Geräusch der Sirenen drang bis hinauf ins Haus.

Es dauerte nur noch wenige Minuten, bis die ersten Männer der Löschpolizei oben vor dem Apartment eintrafen. Parker trat diskret zur Seite und zog sich zurück. Er wollte nicht stören. Takt wurde bei ihm schon immer großgeschrieben.

Sein Taktgefühl war derart groß, daß er sich plötzlich zu seiner Überraschung unten auf der Straße befand. Im Gegensatz zu den vielen Neugierigen, die sich neben den Fahrzeugen der Feuerlöschpolizei bereits aufgebaut hatten, zog der Butler sich noch weiter zurück.

Bis er nach dreißig Minuten zu seiner weiteren Überraschung in den Räumen der Dachgartenwohnung seines jungen Herrn war!

*

»Zum Teufel, Parker, warum sind Sie nicht am Tatort geblieben?« fragte Anwalt Mike Rander, ein mittelgroßer schlanker Mann, Mitte der Dreißig. »Wir werden natürlich wieder einmal Ärger mit Lieutenant Madford bekommen.«

»Ich möchte fast sagen, Sir, daß ich außerordentlich verwirrt war«, gestand der Butler leicht verschämt. »Sie dürfen die plötzliche Explosion nicht übersehen.«

»Sie und verwirrt...!« Mike Rander schmunzelte ironisch. »Kommen Sie mir doch nicht mit der Tour, Parker. Ihnen ging es mal wieder um den gewissen Vorsprung vor der Polizei! Na schön, was haben Sie ausgegraben? Warum wollte Flagstaff Sie so unbedingt sprechen?«

»Wenn Sie erlauben, Sir, werde ich Ihnen meine Geschichte in wenigen treffenden Worten schildern«, begann Parker und blieb stocksteif schräg vor dem tiefen, bequemen Sessel stehen, in dem sein junger Herr Platz genommen hatte.

»Wenn es geht, bitte noch kürzer«, meinte Anwalt Rander, der die sprichwörtliche, barocke Ausdrucksweise seines Butlers nur zu gut kannte.

»Ich werde mich ehrlich bemühen, Sir«, erwiderte Josuah Parker. »Vor nun genau anderthalb Stunden erreichte mich der Anruf des besagten Mr. Flagstaff. Er wünschte Sie dringend zu sprechen, Sir. Ich konnte damit leider nicht dienen, weil Sie sich ja in Detroit befanden. Nun, Mr. Flagstaff ließ sich nicht abweisen. Nach kurzem Nachdenken erklärte er sich bereit, mit meiner bescheidenen Wenigkeit vorlieb zu nehmen. Da mir Mr. Flagstaffs Person aus den einschlägigen Veröffentlichungen bekannt ist, erklärte ich mich selbstverständlich bereit, ihn sofort aufzusuchen.

»Flagstaff, Walt D. Flagstaff!« Mike Rander erhob sich und wanderte vor dem Schreibtisch auf und ab. »Bekannter Kolumnist... Gefürchtet wegen seiner spitzen Feder. Gehaßt wegen seiner Kritiken und Indiskretionen. Bekannt als der Giftzwerg der Chikagoer Presse.«

»Ein durchaus treffender Ausdruck, Sir«, pflichtete Parker seinem jungen Herrn zu. »Dieser Mann muß Hunderte von Todfeinden gehabt haben.«

»Das kann man wohl sagen«, gab Rander zurück, »Ich möchte nicht wissen, wie viele Premieren, Produktionen und Karrieren er auf dem Gewissen hat. Ich weiß genau, daß er von den Künstlern gehaßt wurde. Sie brachten auch den Ausdruck Giftzwerg auf. Stimmt ja auch rundum. Flagstaff ist klein, mager, wirkt irgendwie verwachsen. Und er verspritzt sein Gift.«

»Ob sich hier nicht bereits der mutmaßliche Täterkreis abzeichnet, Sir?«

»Ausgeschlossen wäre das sicher nicht«, antwortete Mike Rander. »Aber passen diese beiden Gangster dann noch ins Bild? Solche Killer kann man schließlich nicht bei der erstbesten Stellenvermittlung engagieren.«

»Wohl kaum«, pflichtete Parker seinem jungen Herrn bei, »doch gibt es in unserer Stadt Dinge, die man nicht zu träumen wagt.«

»Denken Sie an die Explosion«, gab Rander zurück. »Denken Sie an den Brand. So etwas deutet auf abgebrühte Profis hin, die aus einer anderen Ecke heraus gesteuert wurden. Würden Sie diese beiden Killer übrigens wiedererkennen?«

»Ich bin mir dessen vollkommen sicher, Sir«, entgegnete der Butler. »Um auf die Vorfälle noch einmal zurückzukommen, Sir. Ich möchte Ihnen ein Manuskriptblatt zeigen, das ich in Mr. Flagstaffs Schreibmaschine fand. Es handelt sich offensichtlich um einen angefangenen Artikel, den Mr. Flagstaff schreiben wollte.«

Parker reichte seinem jungen Herrn das Manuskript.

»Sie wissen natürlich, wie der Text lautet, oder?« erkundigte sich Mike Rander, seinen Butler ansehend.

»In der Tat, Sir«, antwortete Josuah Parker. »Es handelt sich, wenn ich ihn richtig interpretiert habe, um den Beginn einer Kolumne, die sich mit den Machenschaften eines gewissen Nachtklubbesitzers beschäftigen wollte.«

»Eben! Und dieser Nachtklubbesitzer heißt Benny Ordens«, stellte Mike Rander fest. »Ordens ist ein ganz übler Gangster! Womit er sein Geld verdient, ist leider nicht bekannt. Bekannter schon sind seine Schläger.«

»Überraschend, Sir, daß die beiden Gangster Steve und Dan diese so wichtige Manuskript übersahen«, warf der Butler würdevoll ein.

»Sie sagen es, Parker, Sie sagen es!« Mike Rander runzelte die Stirn. »Sieht fast nach Absicht aus, oder? Oder hatten die beiden Kerle keine Zeit mehr, dieses Blatt aus der Maschine zu reißen.«

»Zeit war ausreichend vorhanden, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, Sir. Sie dürfen nicht vergessen, daß ich in einer wenig feinen Art und Weise zu Boden geschlagen wurde.«

»Stimmt... Nach Ihrem Niederschlag wäre noch Zeit genug dazu gewesen. Na ja, vielleicht handelt es sich aber auch nur um einen glücklichen Zufall. Wir werden ja sehen.«

»Darf ich Ihrer Bemerkung entnehmen, Sir, daß Sie sich einverstanden erklären, diesen Fall zu bearbeiten?«

»Ja, natürlich! Immerhin brauchte Flagstaff ja unsere Hilfe! Hat er am Telefon wenigstens angedeutet, warum er mich und dann Sie zu sprechen wünschte?«