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Es könnte ein schönes, ruhiges Leben sein. Hier am verträumten Badesee im kleinen Paradies, wie es von den Menschen im Dorf liebevoll genannt wird. Wäre da nicht dieser sonderbare Badeunfall, mit dessen Aufklärung Abteilungsinspektor Giovanni Sinovats betraut wird. Und der nicht nur die Idylle, sondern auch die vermeintliche Harmonie der nur auf den ersten Blick eingeschworenen Dorfgemeinschaft gehörig aus dem Gleichgewicht bringt. Schon bald bleibt kein Stein auf dem anderen im kleinen Paradies am See. Sogar Erdbeben sowie ein profitgeiler Grundbesitzer werden da zur absoluten Nebensache. Zu allem Überfluss treibt auch noch Mama Sinovats mit ihrem Italienfaible alle in den Wahnsinn. Allen voran Giovanni selbst…
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2026
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CHRISTIAN KLINGER
TOD AM SEE – SINOVATS ERMITTELT
Antikrimi
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
ZUM ABSCHIEDSGELEIT
EPILOG
DANKSAGUNG
Aus der Vogelperspektive hinterlässt der See mangels auffälliger Merkmale keinen nachhaltigen Eindruck beim Betrachter. Vor Jahrzehnten künstlich angelegt, ist er nur ein Fleck in der weiten Landschaft. Wie ein gestauchtes Rechteck sieht er aus, mit einem fehlenden Stück an dem einen Winkel rechts unten. Als hätte jemand davon abgebissen, allerdings nicht so stylish wie beim Apfel aus Silicon Valley. Auch sonst hat das Gewässer am Ostrand Österreichs wenig mit der Westküste Amerikas gemein. Die kleine Beule neben dem fehlenden Eck am unteren Rand ist am Satellitenbild von Google zu erkennen. Beule und Eck bilden das Ufer. Niemand würde Strand dazu sagen, auch wenn es drei Stege gibt, die ins Wasser führen.
Das Besondere offenbart sich erst aus der Nähe. Das Wasser schimmert an der Oberfläche undurchdringlich grün und ist vom meist aus Süden wehenden Wind leicht gekräuselt. Gezeiten wie am Meer gibt es nicht. Damit die Wassermoleküle sich einmal zu einer Welle aufrichten, muss der Sturm schon ordentlich blasen. Der See hat einen kleinen Zulauf, doch der Wasserstand speist sich überwiegend aus dem Grundwasser. In trockenen Jahren, wie es sie zuletzt gab, sinkt der Spiegel und legt zusätzliche Sprossen an den Schwimmleitern frei, die von Ufergrundstücken und privaten Badeplätzen aus ins Wasser reichen.
Haus reiht sich an Haus. Über 200 sind es. Wie sortierte Schuhschachteln wirken die quadratischen Bungalows, die im Karree um den Badesee gewachsen sind, und glücklich diejenigen Besitzer, die einen direkten Zugang zum Gewässer haben. Die anderen müssen über die Querstraßen vor zu dem fehlenden Eck im Wasser, weil dort findet sich die Wiese, die diesen anderen ihr Bad im See möglich macht. Im Sommer an den Wochenenden oder während der großen Ferien gleitet das Lachen und Schreien der Kinder über die Wasseroberfläche, schwappt über die Ufer und verteilt sich wie ein Dünger für gute Laune in der kleinen Feriensiedlung, die sich das Paradies am Wasser nennt. Radelt zum Sommeranfang eines der Mädchen oder einer der Burschen von dort ins nahe Dorf, um beim Kaufmann Eis zu holen, wird das Kind gefragt, ob es aus dem Paradies kommt. Paradiesvögel, so nennen die Einheimischen die Leute aus der Siedlung, die oft nur die Ferien dort verbringen. Die Dorfbewohner haben wenig Kontakt mit ihnen, weil meist kommen sie aus der Stadt, und wenn es auch die nahe Landeshauptstadt ist.
Viele solcher Jugendlicher gibt es jedoch nicht mehr. Als die Häuser in den Neunzehnsiebzigern um den künstlichen See errichtet wurden – sie wurden oft von den stolzen Besitzern zum Teil am Wochenende selbst mit viel Schweiß gebaut, umgebaut, erweitert – brachten diese ihre meist noch kleinen Kinder mit, die in den großen Sandhaufen spielten und mit Stolz ihrem Papa halfen, wenn sie auch einmal eine Schaufel Zement in die Mischmaschine werfen durften. Die Kinder sind jetzt groß und fliegen lieber auf die Malediven oder fahren mit dem Schiff ans Nordkap. Geblieben sind die Eltern, die zu Großeltern wurden und ab und an die Enkel bei sich haben. Oder sie haben verkauft, weil die Arbeit zu viel wurde und es niemanden gab, für den man das halten wollte. Dann kamen wieder einzelne Familien ins Paradies, das sich mit den Jahren verändert hat wie ein Mensch, der Hilfe beim Schönheitschirurgen sucht: Die renovierten Stellen lenken nur kurzfristig davon ab, dass die Substanz veraltet ist.
Möwen und andere Wasservögel spannen ihre Flügel über den bei Schönwetter azurblauen Himmel, bevor sie im Wasser landen, die Füße vorgestreckt wie das Fahrwerk eines Flugzeugs beim Anflug auf das Rollfeld. Im Frühjahr kommen die Störche aus Afrika. Mit ihren mächtigen Schwingen schweben sie durch die Luft, ihren Nistplätzen entgegen.
Morgens trägt der Südwind den würzigen Duft aus der nahen Puszta vorbei. Man sieht bildlich die getrockneten, roten Schoten und die verschrumpelten Maiskolben, die dort zuhauf von der Decke der Scheunen hängen. Abends sind es manchmal verwehte Fetzen von Musik. Im Sommer beschallen diverse Bühnen und Festivals Weingärten wie Ortschaften. Oder es ist der Nachbar, der den lauen Abend mit Musik beim Grillen ausklingen lässt. Der würzige Duft des Abends riecht dann nach gegrilltem Fleisch.
Mit dem langsamen Verglimmen des Tageslichts ziehen die Schwalben ihre engen Kreise nahe der Oberfläche und stechen dabei in die über dem Wasser tanzenden Mückenschwärme.
Doch kehren wir zurück zum Satellitenbild an diesem Morgen. Auf der eingangs beschriebenen Landzunge (da, wo jemand vom See abgebissen hat) stört ein dunkler Punkt das ansonsten friedliche Ensemble. Es ist weder eine Verschmutzung auf der Linse des 620 Kilometer über der Erde im Orbit kreisenden Satelliten noch ist es ein Fussel auf dem Bildschirm oder ein Pixelfehler in der Darstellung. Dort, wo sonst die Badenden ins Wasser gehen, findet sich ein Fleck, der nicht hingehört und auch am Vorabend noch nicht da war. Genau genommen war diese Störung im Paradies noch nicht einmal im Morgengrauen da. Würde man jetzt den Zoom auf die höchstmögliche Vergrößerung stellen, man würde unscharf Büsche erkennen, vielleicht sogar die Spitzen der einzelnen Grashalme. Und die Nahaufnahme aus dem All würde sogar die Umrisse dieses Objekts erkennen lassen.
Doch bevor wir uns diesem bald die Idylle störenden Objekt zuwenden wollen, dringen wir zunächst ein wenig in die Intimsphäre einer der ansässigen Familien ein. Es ist doch oft so, dass man ganz gern in die Häuser hineinschauen möchte. Warum dann nicht auch ein wenig hineinhören? Die Bewohner beobachten, heimlich, damit sie sich ganz natürlich geben, ganz ohne Geheimnisse. Die Neugier ist eben nicht nur ein Hund, sie ist vor allem allgegenwärtig. Wir machen jetzt das, was manche Staaten als tägliche Routine im Umgang mit ihren Untertanen anstellen, pfeifen auf die Privatsphäre und schauen uns diese ein wenig genauer an. Beginnen wir mit der Familie Zump:
„Explosion in Ottakring! Hast du das gehört?“, Alois klappt die Zeitung zusammen. Er grinst zufrieden, so als hätte er seiner Frau eine wesentliche Erkenntnis voraus.
Ilse: „Heute kam was im Radio.“
Also doch nicht. Also mit Vorsprung. Alois faltet sein Revolverblatt wieder auf. Ilse hat ihn um die Freude gebracht. Was muss auch immer der blöde Apparat schon von früh an in der Küche plärren, denkt er.
An diesem Sommermorgen sitzt das Ehepaar auf der überdachten Terrasse und Alois Zump liest seine Kronen Zeitung, die er schon seit über zwanzig Jahren abonniert hat. Von April bis Ende September lässt er sie sich ins Paradies nachschicken. Sie sind beide über sechzig und Alois seit dem letzten Jahr in Pension, Ilse sogar schon etwas länger. Als ehemalige Friseurin verdient sie jetzt ein wenig schwarz dazu, wenn sie einigen ehemaligen Kundinnen oder den Damen aus der Nachbarschaft die Haare macht. Eine gewerbliche Pfuscherin mit mobilem Frisiersalon würde ein Steuerfahnder in seinem Protokoll notieren.
Alois blättert um. Noch gibt er sich nicht geschlagen.
Alois: „Schon wieder eine Messerstecherei beim Tichy.“
Ilse: „Immer die Ausländer.“
Alois liebt seine Kronen Zeitung. Politik hat bei ihm wie im Blatt eine geringe Bedeutung, dafür ergötzt er sich am umfangreichen Chronikteil, wo sich die Boulevardmeldungen mit fetten Lettern reißerisch betitelt überschlagen. Begleitet von einem Kopfschütteln und Ausrufen der Empörung oder des Erstaunens gibt er den Succus der Schreckensbotschaft (Mord, Totschlag, Feuersbrunst, Betrug) wieder. Ilse nickt und betrachtet ihren Mann dabei. Seit über vierzig Jahren fragt sie sich, warum sie diesen Menschen geheiratet hat. Nach jener Frage, die sich um den Sinn des Lebens dreht, wohl die zweithäufigste Frage weltweit, zumindest in Österreich am Land. Er ist nicht groß, hat in den letzten Jahren einen Schmerbauch angesetzt und die Haare am Rücken werden sichtbar, wenn er so wie heute nur ein T-Shirt mit Rundausschnitt trägt. Dafür ist da, wo früher Locken bei jedem seiner Schritte mitschwangen, kahle Wüste. Ein kleiner grauer Haarkranz ist das Letzte, was von der einstigen Pracht verblieben ist.
Die Sonne hat seinen Platz erreicht. Kleine Schweißperlen dringen durch die Poren auf Stirn und der blanken Haut am Oberkopf. Ilses Blick konzentriert sich auf das Shirt. Mit dem bunten Logo auf der Brust ist es etwas zu jugendlich für ihn. Sie hat es ihm gekauft, damit er endlich einmal etwas anderes anzieht als seine altvaterischen Pensionisten-Polos.
„Aber ich bin doch Pensionist“, sagt er dann, wenn sie ihm mit dieser Begründung ein neues Kleidungsstück hinhält.
„Und das muss man nicht sofort sehen“, entgegnet sie und denkt sich, genauso gut könnte ich ein Foto seines Seniorenausweises auf sein Leiberl drucken lassen. So, wie es die in diesem Shop auf Mallorca gegeben hat. Sie seufzt. Dieser Urlaub ist auch schon wieder Jahre her, denn Alois fliegt nicht gerne. Alois fühlt sich am wohlsten daheim.
Er ist nun bei dem Teil der Zeitung mit Annoncen und dem Horoskop angelangt, löst einen Bogen heraus und schiebt ihn Ilse hin.
„Dein Kreuzworträtsel“, sagt er.
Sie bedankt sich. Jeden Tag löst sie das Rätsel aus der Krone bei einer Tasse Kaffee. Sie ist davon überzeugt, dass geistige Herausforderung mit fortschreitendem Alter wichtig ist, und sie ist auch davon überzeugt, dass dieses Rätsel genau diesem Zweck dient. Und eines weiß sie ganz gewiss. Sie hat Alois nicht wegen seines Namens geheiratet. Sie, eine geborene Nehoda, hat sich zu einer Zeit verehelicht, als es noch kein Wahlrecht gab und Frauen den Namen des Mannes annehmen mussten. So ein Nachname ist für manche eine Verpflichtung, für andere eine Bürde, aber den meisten Menschen ist er egal, weil er immer schon da war. Sie sind mit ihm groß geworden und haben sich an ihn gewöhnt. An Zump gewöhnt man sich schlecht. Zumal, wenn das Kind fortlaufend erzählt, wie es in der Schule von den anderen deswegen gehänselt wird. Von der Volksschule bis zur Hauptschule und HTL. Wenn der Vater dann bekräftigt, dass es schon ihm so ergangen sei, ist das alles andere als ein Trost. Und dann hat Alois immer erzählt, wie es zu dem Namen kam, denn der Urgroßvater habe Zumpe geheißen. Aber der Standesbeamte, der die Geburt von Alois’ Großvater eingetragen hat, dem sei die Tinte ausgegangen und habe für den letzten Buchstaben nicht mehr gereicht. Der mit Bleistift angefertigte Zusatz sei mit den Jahren verblasst. Als es vor einigen Jahren ein besonders auffälliger Sonderling zum amerikanischen Präsidenten geschafft hat, da hat Alois gern einen Vergleich bemüht und dann gemeint: „Seht ihr, auch mit einem sonderbaren Namen kann man Karriere machen.“
Hängt man ein „f“ an Trump wird daraus Trumpf. Herz ist Trumpf! Trumpf schlägt alles! Bei Zump verbleibt es primär beim österreichischen Begriff für das männliche Geschlecht. Etwas Positives kann man daraus nicht machen, nur solche Wahrheiten schiebt Alois gern beiseite, wie er alles ausblenden kann, was andere betrüben oder belasten würde.
Ilse hat aus der Not eine Tugend gemacht. Ihr Frisiersalon hieß Salon Z und sie ließ sich Frau Zeta rufen. So wie der Buchstabe im griechischen Alphabet. Das war lange bevor eine Schauspielerin mit gleichem Namen Karriere gemacht und sich den gutaussehenden Michael Douglas geangelt hat. Der musste in den 1970ern, als Ilse ihren Laden eröffnet hat, noch in den Straßen von San Francisco ermitteln. Als Juniorpartner an der Seite von Karl Malden, der mit seiner markanten Knollennase der bekanntere Schauspieler von beiden war. So gesehen konnten auch wenig attraktive Männer dennoch anziehend wirken, also mit dem Paradoxon des Attraktiven am Unattraktiven, weil eben Besonderem, weil ungewöhnlich. Doch so komplizierte Gedanken wälzt Ilse selten. Außerdem ist sie seit 40 Jahren damit beschäftigt sich Gedanken über ihre Ehe zu machen und den Grund dafür zu suchen. Doch der Grund ist fast genauso alt wie diese ihre Frage und wurde Frank getauft, denn der leibliche Vater, ein Musiker, ist nach Amerika, um in die Band von Frank Zappa einzutreten. Er hat, kurz nachdem er Ilse geschwängert hat, um seine letzten Ersparnisse ein One-Way-Ticket nach Los Angeles gekauft und ist mit der Gitarre im Gepäck nach Amerika ausgewandert. Ohne ein Wort des Abschieds. Gerade einmal zu einer feigen Karte mit ein paar schnell hingekritzelten Worten hat es bei ihm gereicht. „Muss zu Frank nach L.A.“. Jahre später hat Ilse erfahren, dass er bei einem Tankstellenüberfall in Texas getötet worden ist. Er als Räuber, erschossen vom waffennarrischen Tankwart. Frank Zappa hat er nie getroffen.
Denkt Ilse also an ihr Kind, denkt sie auch die Antwort auf ihre Frage mit. Alois war gut zu ihr. Alois hat sie genommen, obwohl sie von einem anderen schwanger war. Alois hat sich um ihr Kind gekümmert, als wäre es seines, obwohl er wusste, dass ein anderer vor ihm seine Gene weitergegeben hat. Sie hat Alois kennengelernt, als sie im fünften Monat schwanger war. Der kleine Bauchansatz hat sich anfangs noch gut kaschieren lassen und sie war auf der Suche nach einem Mann. Andernfalls hätte sie in die Stadt ziehen müssen, um sich und vor allem ihren Eltern die Schande eines ledigen Kindes, eines Bankerts, wie man die hier genannt hat, zu ersparen. Sie hätte zwar den Job wechseln können, um in der Stadt in einem Frisiersalon anzufangen, doch mit dem Verdienst wäre sich eine eigene Wohnung nicht ausgegangen. Von einer Freundin hat sie damals gehört, dass die Jungen in der Stadt Wohngemeinschaften bilden, um sich die Miete zu teilen. Auch Frauen täten das jetzt. Sie hat sich bei zweien davon vorgestellt, doch das waren alles Studentinnen und die wollten niemanden haben, der arbeitete. Plan B war, öfter auszugehen, um einen Ehepartner zu finden. Die dabei aufgetanen Bekanntschaften liefen nur auf das eine hinaus. Die paar Männer deuteten schnell in Richtung Bett, aber um das Standesamt wurde ein Bogen gemacht. Hielt etwas länger als eine Nacht, dann suchten sie das Weite, sobald es um das Thema Nachwuchs ging. Das Kind eines anderen wollte von denen keiner.
Was für eine Wohltat im Gegenzug war es dann, als sie Alois begegnet ist. Mittlerweile ließ sich ihr Zustand optisch nicht mehr verbergen. Sie benötigte etwas aus dem Baumarkt und als sie der Verkäufer hilflos durch die Regalfluchten eilen sah, kam er auf sie zu und bot ihr seine Hilfe an und auch einen Platz.
„Sicher anstrengend bei der Hitze“, sagte er, deutete auf ihren Bauch und zog einen Hocker herbei, auf den sie sich setzte, ehe er ihr ein Glas Wasser brachte. Als er sie fragte, ob er sie heimbringen solle („Ich mache bald Schluss“), hatte sie dieses Angebot lächelnd angenommen, wie später auch seine Einladung für ein Abendessen. Der Mann war nicht schön, aber er war nett.
„Wollen wir in die Stadt fahren? Heute ist Markt?“, schlägt Ilse vor.
Alois hat seine Lektüre beendet. Er schiebt die Zeitung von sich und greift sich ans linke Ohr. Das tut er, wenn er über etwas nachdenken muss, noch bevor er darüber nachgedacht hat, aber schon von seinem Bauchgefühl her weiß, dass ihm das Nachdenken und der zu treffende Entschluss Unbehagen bereiten werden. Alois mag keine Veränderungen. Daher mag er auch keine Ortsveränderungen. Ilse sieht ihm dieses sein Ringen an. Er bekommt schmale Lippen und atmet tief und lange ein. Wie ein Apnoetaucher, bevor er auf Minuten in der Tiefe verschwindet.
„Warum nicht? Das ist eine gute Idee“, sagt er dann, weil er weiß, was seine Frau von ihm erwartet. Und Ilse bekommt eine zusätzliche Bestätigung dieses Bundes. Er tut es für sie. Seine Nettigkeit wiegt die Langeweile dieser Beziehung auf, selbst wenn die alltägliche Langatmigkeit im Zusammensein etwas von der Trostlosigkeit der braunen Stoppelfelder eines endlosen Winters in dieser Gegend hat.
Doch jetzt hat der Sommer die Oberhand. Über den Köpfen der beiden beginnt sich die Luft, die sich nachts am dunklen Blechdach zum Ausruhen zusammengerollt hat, langsam wieder auszudehnen. Die Sonne hat sie wachgekitzelt und jetzt streckt sie sich. Wieder kündigt sich ein Tag an, an dem sie auf dem heißen Blech wird tanzen müssen.
Ein paar Häuser weiter ist vor wenigen Jahren eine Familie mit Kindern eingezogen. Man erkennt es sofort an den bunten, kleineren Schuhen mit Klettverschluss, die neben dem Fußabstreifer den Eingang belagern. Dafür ist das Haus renoviert und aus dem Garten sind Blumen und heimische Stauden verschwunden. Der Landschaftsgärtner hat überall mediterrane Beete angelegt. Mit weißem Karstkies zwischen dem Lavendel und den Grasstauden. Wir klopfen nicht an. Wer sich einschleichen will, klopft nicht an. Auf dem Namensschild steht Senefelder. Es ist so eines aus Keramik mit kindlichen Buchstaben geschrieben, so eines wie sie auf Weihnachtsmärkten angeboten werden, mit Lettern zum Zusammensetzen. Aber halt! Ich habe vergessen, dass der Familienvater ja arbeiten muss. Also auf in sein Büro.
Norbert Senefelder sitzt an seinem Schreibtisch und streicht einen Bogen Papier glatt. Er hat vorhin einem unreflektierten Impuls nachgegeben und seiner Emotion folgend den Brief zerknüllt. Jetzt ärgert er sich doppelt: über den Inhalt und über seine Reaktion. Er greift nach dem Handy und wählt eine Nummer.
„Gut, dass ich dich erreiche. Ich schicke dir gleich was vorbei. Schau dir bitte an, ob das rechtens ist. … Was heißt, woher sollst du das wissen? Du bist der Anwalt. Ich hab dir mit deiner Steuer auch geholfen, also tu das für mich.“ Er schiebt ein rasches „Bitte“ nach, dann geht er ins Sekretariat und weist seine Bürokraft an, eine Kopie des Briefs an Doktor Mirkovits zu schicken. Sofort, wie er betont. Frau Kölly nickt und nimmt das Schreiben entgegen. Sie geht damit zum Kombigerät, das Drucken, Kopieren und auch Scannen kann, um den Auftrag ihres Chefs zu erfüllen. Dabei denkt sie, dass der Herr Magister, seit er zwei kleine Kinder hat, wohl nicht mehr häufig seiner Frau beiwohnen kann und deswegen in letzter Zeit eher schlecht gelaunt ist. Sie denkt sich das in nicht ganz so gewählten Ausdrücken: „Sei Oide wiad eam nimma sou oft driabersteig’n loussn“.
Und wenn sich jemand bislang gefragt hat, ob man auch im Dialekt denken kann, dann ist das mittlerweile bewiesen. Beim Träumen sind sich die Forscher noch nicht ganz sicher. Als die Sekretärin die Mail mit den üblichen Worten (Beachten Sie bitte den Anhang!) versendet hat, fragt sie ihren Arbeitgeber, ob sie heute schon etwas früher Schluss machen kann. „I’ tatert ins Bad gehen woulln.“ Sie spricht ihn auch, den Dialekt. Auch im Büro.
„Ist die Steuererklärung vom Prieler schon erledigt?“
Frau Kölly müht sich zu einem Lächeln. „I wartert nou auf Unterlagen voum Herrn Dokta.“
„Dann klären Sie das bitte zuvor telefonisch.“
„I houb eam ned erreicht. Er ruaft z’ruck.“
Norbert Senefelder hebt eine Augenbraue und seinen Zeigefinger. „Sehen Sie, es kann sein, dass sich unser Klient darauf verlässt, dass er bis 17:00 Uhr jemanden in der Kanzlei erreicht, um sein Anliegen vorzutragen. Haben Sie verstanden?“
„Na! Ko i jetzt gehn?“
„Nein, natürlich nicht!“, wird Senefelder lauter, der sich fragt, warum er diese dumme Person nicht schon längst hinausgeworfen hat. Wäre da nicht diese blöde Weihnachtsfeier gewesen, er hätte es sicher schon getan. Auch wenn die anderen Damen im Büro da wohl protestieren würden. Die gute Kölly ist bei den anderen überaus beliebt. Aber diese Überlegungen sind müßig, das letzte Wort in dieser Angelegenheit hat ohnehin sein Kompagnon und Senior Dr. Übleis. Übleis und Senefelder Steuerberatung, so heißt die gemeinsame Kanzlei, wobei die zwei Partner dazu eine Gesellschaft haben gründen und Norbert Senefelder einen ordentlichen Batzen Geld in die Hand hat nehmen müssen. Für die in den Vorjahren von seinem neuen Partner und ehemaligen Arbeitgeber getätigten Investitionen in Büro und Ausstattung. Jetzt befindet Senefelder sich in der Aufbauphase jedes Selbständigen, die es in den ersten Jahren der Geschäftstätigkeit zu überwinden gilt. Hohe Umsätze, viel Arbeit und wenig Netto am Konto. Für ungeplante Ausgaben fehlen ihm im Moment die Reserven. Da ist auch der Kredit, den er für den Umbau des Hauses am See hat nehmen müssen, und die Leasingraten für den Audi Q8, den er als Partner vor kurzem angeschafft hat. Ein standesgemäßes Gefährt eben.
„Erfolgreich ist, wer dafür gehalten wird, das ist das Geheimnis“, hat Doktor Übleis gesagt. Den alten Skoda hat er seiner Frau Kerstin gelassen. „Mit den Kindern da draußen wirst du ein Auto brauchen.“
Kerstin hat einen Blick aufgesetzt, als hätte sie mit Essigreiniger gegurgelt, wie er mit dem neuen Schlachtschiff aufgekreuzt ist. Sie könne alle Wege gut mit dem Fahrrad erledigen hat sie protestiert. „Für die Kinder brauch ich nur einen neuen Anhänger.“
„Schatz, wir sind nicht mehr in Neubau. Hier muss man mit dem Auto fahren.“
Kerstin Senefelder ist eine überzeugte Grüne. Hätte sie nicht zwei kleine Kinder, die jetzt zu versorgen sind, sie würde noch heute an einer stark befahrenen Kreuzung kleben. Sie widerspricht ihm und bringt die Argumente, die sie vor einem Jahr schon gegen das Wegziehen aus der Bundeshauptstadt, und zwar genau aus jenem zu einer Alternativoase mutierten Bezirk mit Begegnungs-, Fußgänger- und sonstigen verkehrsberuhigten, begrünten Zonen, vorgebracht hat. Norbert hat gehofft, dass der Umzug in ein Haus mit Garten mitten am Land („Das ist ja auch im Grünen“) Kerstin mit Glück erfüllen und sie als Familie zusammenschweißen würde, doch mit jedem Jahr wird es schlimmer und Kerstin fällt zusehends die Decke auf den Kopf. Sagt sie. Meist abends, wenn Norbert sich ihr nähern will, wie es unter Eheleuten üblich ist. Wenn die zwei Buben endlich eingeschlafen sind. Doch sie liegt am Rücken und starrt an die Decke. „Ich muss etwas tun.“
Norbert ignoriert diese Ansagen regelmäßig. Kerstin hat schon immer etwas tun müssen. Neben dem, was sie ohnehin schon zu tun hatte. Während des Studiums hat es begonnen. „Ich muss etwas tun.“ Dann kam die Phase der Malerei mit Atelier, dann wollte sie Sängerin in einer Band werden, dann war es ein Imkerkurs. Als sie im Büro von ihrem Vater gearbeitet hat (er hat ihr das Studium nicht mehr ewig finanzieren wollen, weil sie keine Ergebnisse mehr gebracht hat), hat sie wieder was tun müssen. Mit Kindern. Sie hat in einem Kindergarten angefangen, als sie bald festgestellt hat, dass sie nichts mit Kindern anfangen kann, sondern eher mit Tieren. Es folgten drei ehrenamtliche Monate beim Tierschutz, dann war ihr klar, was sie tun muss. Sie hat ihre Liebe zu Pflanzen entdeckt. Es war die Zeit, als der Handel im Internet zu boomen begonnen hat. „Ich werde exotische Pflanzen aus Samen großziehen“, hat sie ihre Idee erläutert. „Heute kann man alles im Internet nachlesen. Ich schaff das. Ich muss das tun.“ Aber die Setzlinge sind eingegangen, bevor nur eine einzige Pflanze über ihren Webshop verkauft worden ist.
Norbert hat sie zur Sparsamkeit gemahnt. Er hat zuvor schon das meiste finanziert: Atelier, Proberaum und zuletzt ein Gewächshaus für die Terrasse. Die Gäste wurden auch im Sommer nur mehr in der Küche bewirtet. „Als dein Wirtschaftsprüfer müsste ich dir sagen, du bist insolvent.“
Er denkt besser nicht dran, dass sein Partner ihm selbiges sagen würde, wenn er durchrechnet, wie er wegen dem neuen Heim mit Verbindlichkeiten zugepflastert ist. Aber das hat er alles nur für Kerstin getan. Jetzt hat sie ein Haus, in dem es Platz für die künstlerischen Aktivitäten gibt. Sie hat Kinder, mit denen sie sich beschäftigen kann, sie hat einen Hund, mit dem sie Gassi gehen muss, und sie hat einen Garten mit Pflanzen, die zu kultivieren sind, wenn sich nicht alles zu einem undurchdringlichen Gestrüpp zusammenwachsen soll. Und doch liegt sie da, sieht zur Decke und sagt: „Ich muss was tun.“
Norbert betrachtet nochmals das Schreiben der Liegenschaftsverwaltung und schaut auf sein Handy. Sein Freund und Anwalt hat noch nicht zurückgerufen. Heute braucht er Markus als Anwalt. Norbert ist sich sicher, hätte er ihn vorhin gefragt, ob sie nach dem Büro noch einen Aperitif nehmen wollen, würde der keine fünf Minuten später zurückgerufen und ein Treffen vereinbart haben. Aber jetzt, wo er etwas liefern soll, da ist er auf Tauchstation. Er entsperrt das Telefon mit seinem Fingerabdruck und das bislang schwarze Display beginnt in bunten Farben zu leuchten, als es neben Uhrzeit und Empfangsstärke das Familienfoto vom letzten Strandurlaub auf Korsika als Hintergrundbild generiert. Kein versäumter Anruf von Markus. Er hat ihn als M.M. gespeichert.
Neben diesem Eintrag hat er nur einen zweiten mit den Anfangsbuchstaben des Namens in seinem digitalen Telefonbuch gespeichert: M.N., Milena Nöhr, seine ehemalige Kollegin, mit der er gemeinsam die Ausbildung in der Kanzlei absolviert hat. Jetzt ist sie dort nicht mehr tätig. Das hat zwei Gründe. Der eine, und das ist der wesentliche Aspekt, weil nach abgelegter Berufsprüfung Dr. Übleis nur einen von den beiden als Partner hat aufnehmen wollen. Der andere: Frau Kölly hat Norbert bei der Weihnachtsfeier zusammen mit Milena ertappt. Sie hat die Bluse geöffnet gehabt und der Busen hat aus dem verschobenen BH hervorgeblitzt. Norbert weiß nicht, wie es dazu gekommen ist. Dr. Übleis hat ihm am selben Nachmittag eröffnet, dass er ihn zum Jahreswechsel zum Partner machen möchte. Norbert hat nach Milena gefragt, doch Übleis mit einer wegwerfenden Geste geantwortet: „Ich arbeite lieber mit Männern zusammen, mit den Frauen gibt es doch immer Probleme. Und heute lassen die sich auch mit fünfundvierzig noch schwängern, weil ihnen sonst was abgeht im Leben.“ Klassischer Macho eben. Hätte man früher mit bewunderndem Lächeln gesagt. So ein Arschloch heißt das heute, aber, da wo die Geschichte spielt, gehen die Uhren noch anders, da heißt es zwar, so ein Arschloch, doch der Tonfall drückt Bewunderung aus und das Lächeln versteckt sich hinter den entsetzten Lippen.
Verpasster Anruf von M.M. müsste hier stehen, hätte sich der Owezahra zurückgemeldet. Norbert ist aufgebracht. So kann er keinen neuen Akt anfangen oder beenden, ihm mangelt es an Konzentration. Er beschließt früher Schluss zu machen. Als er sich im Sekretariat verabschiedet, schauen die drei dort beschäftigten Damen kurz über den Bildschirm. Von der Kölly erntet er einen Blick, der sagt: „Ich weiß noch immer, was du auf der Weihnachtsfeier getan hast.“
„Quod licet Iovi“, denkt Norbert an eine der wenigen Überbleibsel aus dem Lateinunterricht. Der Chef darf eben auch das, was er seinen Untergebenen verbietet.
In der Garage ruft er aus dem Auto Kerstin an und teilt ihr mit, dass er bald nach Hause kommt. Er schlägt ihr vor, sie könnten noch in eines der Uferrestaurants des großen Sees, den sich das Land mit den Ungarn teilt, gehen.
„Und die Kinder?“ fragt Kerstin.
„Kommen mit. Und der Hund freut sich auch über Auslauf.“
„Da sind sicher viele Gelsen am Wasser.“
Norbert beendet das Gespräch und seufzt. Typisch Kerstin. Für jede Lösung zehn neue Probleme.
Der Verkehr in Richtung Süden, bevor er auf den Autobahnzubringer einbiegen kann, ist für den späten Nachmittag moderat. Nach nicht einmal fünfzehn Minuten parkt Norbert den Audi unter dem Carport, den er vor der Einfahrt hat hinstellen lassen. Als er aussteigt, sieht er seinen Nachbarn. Auch der steigt aus dem eben abgestellten Wagen aus und grüßt in Richtung von Norbert. Dieser überlegt, ob er ihn darauf ansprechen soll, ob auch er einen Brief von der Liegenschaftsverwaltung erhalten hat. Doch im selben Moment verwirft er die Idee. Was, wenn sich der Nachbar an ihn anhängen möchte? Wenn er sich wie ein Schmarotzer von Norbert alles erklären lässt und dann dasselbe tut wie er? Dabei weiß er noch gar nicht, ob und was er unternehmen kann. Markus hat noch immer nicht zurückgerufen. Doch jetzt vor Kerstin will er dieses Thema nicht breittreten. Sonst kommt sie gleich wieder mit ihrer süffisanten Art und sagt dann: „Ich habe doch gleich gesagt, wir sollten in der Stadt bleiben.“
Norbert winkt zurück und fragt: „Alles gut bei euch?“
„Schönes Wetter, schöne Frau, was will man mehr“, antwortet Werner Kukla.
Fast synchron betreten beide ihr Grundstück und ebenso fallen sie sich ins Wort, als sie sich beide bemüßigt sehen, zu sagen: „Jetzt müssen wir das wirklich bald einmal machen mit einem Glaserl Wein bei euch oder bei uns, sonst ist der Sommer wieder vorbei.“
Sie nicken sich zu und lassen ihre Tore ins Schloss fallen. Ende des gemeinsamen Auftritts. Noch wissen sie nicht, was sich heute hier in ihrem Paradies abgespielt hat. Dabei ist die Aufregung ob des Erdbebens vor wenigen Tagen noch nicht ganz abgeklungen. Einerseits, weil die Medien es als sogenanntes Jahrhundertereignis bezeichnet haben, denn Erdstöße gibt es hier so gut wie nie, andererseits haben doch die meisten Gebäude leichte Schäden in Form von Rissen oder Sprüngen im Mauerwerk davongetragen.
Es hat nicht lange gedauert, da ist der dunkle Fleck zum Anlass für einen Menschenauflauf geworden. In natura ist er nämlich viel größer als nur ein Klecks wie von einem verirrten Fliegenschiss auf dem Bildschirm, in echt handelt es sich um einen menschlichen Körper. Sogar ein Luxuskörper, was das Volumen angeht. Es gibt Körper, die sind üppig wie die Familienpackung bei einem Abholmarkt, ein XXL-Pack eben. Als die ersten Badegäste mit ihrem Zeugs auf die Wiese gekommen sind, ist dem Kind von den Mesoniggs sofort der aufgeblähte Bauch daran aufgefallen.
„Schau, der Mann hat aber einen dicken Bauch!“, hat sie der Tante zugerufen. Die ist rot geworden, hat sich den Finger an die Lippen gedrückt und „Pssst!“ gemacht. „Das sagt man nicht. Das kränkt den Mann sonst“. Sie hat gezwungen in dessen Richtung gelächelt, dann aber schnell gesehen, dass den Mann nichts mehr kränkt, so blau wie der im Gesicht war. Dahinter kamen die Schäfers mit ihren zwei Enkeln, Bub und Mädchen, beide etwas älter als die kleine Mesonigg, und dahinter ein Pärchen, das sich unter der Hand den Bungalow von Freunden gemietet hat, um der Hitze der Großstadt zu entkommen. Sofort nehmen andere Erwachsene den Toten in Augenschein, die Tante hält Anja Mesonigg die Augen zu und will sie wegdrehen, doch das Kind steht da wie angewurzelt und macht sich in die Badehose.
