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Teil 4 der Gipfelliebe-Reihe Auf dem Bergbauernhof von Marie und Georg ist nach der Hochzeit Ruhe eingekehrt. Der Umbau zum Biobetrieb läuft erfolgreich, Marie ist glücklich mit ihrem Leben als Mutter und Teilzeit-Pferdewirtin. Warum nur wird Georgs Laune immer schlechter? Er vernachlässigt den Hof, schreit Marie an und fährt sein Auto zu Schrott. Reden will er auf keinen Fall, was gibt es schon zu sagen? Dann kommt er nachts nicht nach Hause und Marie findet ihn am nächsten Morgen betrunken neben dem Feldweg. So kann es nicht weitergehen – Marie macht sich auf die Suche nach Erklärungen. In einer dunklen Ecke von Georgs Elternhauses findet sie eine erschreckende Antwort, die sich als Bedrohung für ihre Liebe und das gemeinsame Leben entwickelt.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kurzbeschreibung:
Auf dem Bergbauernhof von Marie und Georg ist nach der Hochzeit Ruhe eingekehrt. Der Umbau zum Biobetrieb läuft erfolgreich, Marie ist glücklich mit ihrem Leben als Mutter und Teilzeit-Pferdewirtin. Warum nur wird Georgs Laune immer schlechter? Er vernachlässigt den Hof, schreit Marie an und fährt sein Auto zu Schrott. Reden will er auf keinen Fall, was gibt es schon zu sagen? Dann kommt er nachts nicht nach Hause und Marie findet ihn am nächsten Morgen betrunken neben dem Feldweg. So kann es nicht weitergehen – Marie macht sich auf die Suche nach Erklärungen. In einer dunklen Ecke von Georgs Elternhauses findet sie eine erschreckende Antwort, die sich als Bedrohung für ihre Liebe und das gemeinsame Leben entwickelt.
Mariella Loos
Gipfelglück für Anfänger
Roman
Edel Elements
Edel Elements
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2018 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2018 by Mariella Loos
Lektorat: Annekatrin Heuer
Korrektorat: Martha Wilhelm
Covergestaltung: Marie Wölk, Wolkenart
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-138-6
www.facebook.com/EdelElements/
www.edelelements.de/
Marie öffnete die Haustür und schnupperte. Seit fast einer Woche hatte dichter Nebel die Berge verhüllt. Endlich war er verschwunden. Jetzt war die Sicht weit über das Tal hinaus frei, und die Sonne zauberte ein buntes Glitzern in die Luft. Marie schnupperte noch einmal. Ja, da war es, worauf sie gehofft hatte: der Geruch des Frühlings. Es war früh am Morgen, noch bedeckte der Morgentau den Boden mit einer feucht knisternden Decke. Dennoch war es unverkennbar: Heute war der erste Tag des neuen Frühlings, und Maries Herz hüpfte vor Freude.
Sie schlüpfte in ihre festen Schuhe, warf sich die Wolljacke über, die im Flur am Haken hing, und zog die Tür leise hinter sich ins Schloss. Ihre Schritte knirschten im Tau, als sie den Hof durchschritt. Sie näherte sich dem Holzhaus im hinteren Bereich und blieb kurz stehen. Kaum zu glauben, dass vor weniger als einem Jahr genau an dieser Stelle die alte Scheune in Flammen aufgegangen war. Mehrmals hatte sie sich gefragt, ob das Schicksal den Brand von langer Hand geplant hatte. Marie war ein rational denkender Mensch. Aber in ihrem Leben waren schon einige Dinge passiert, die sie daran glauben ließen, dass es womöglich mehr zwischen Himmel und Erde gab, als die Menschen sich vorzustellen vermochten. Der Scheunenbrand war eines davon, hatte er doch die Ehekrise zwischen ihr und Georg abrupt beendet. Durch das Feuer war Marie klar geworden, dass sie die wahren Schätze des Lebens pflegen muss, denn sie sind vergänglich. Seitdem bemühte sie sich, ihr Leben hier auf dem Sonnhof bewusst zu genießen. Es war auch einfach wunderbar. Ihre Tochter, die kleine Sophie, war inzwischen eineinhalb Jahre alt und ein echter Sonnenschein. Seit Kurzem konnte sie laufen. Es machte Marie einen riesigen Spaß, ihr dabei zuzusehen, wie sie über den Hof watschelte und jeden Winkel erkundete.
Und natürlich die Pferde! Marie wurde es warm ums Herz, als sie auf ihr geliebtes Holzhäuschen zuging, über dessen Tür in großen Lettern „Maries Pferdepension“ stand. Georg und ihre Freunde hatten das Haus selbst gebaut, dort, wo früher die Scheune gestanden hatte. Drinnen gab es vier große Boxen für die Tiere und einen breiten Gang in der Mitte. Alles war hell und freundlich, und es roch so gut!
Marie öffnete den Holzriegel, und kaum war sie im Haus, empfing sie auch schon die warme, nach Heu duftende Luft. Ein leises Rascheln deutete darauf hin, dass die Pferde wach waren und auf ihr Frühstück warteten. Marie kümmerte sich zuerst um Harry. Das Pony war der jüngste Gast in der Pferdepension. Es war erst vor einem Monat dazugekommen, weil seine Besitzerin, Frau Mertens, für eine Weile ins Ausland gezogen war und für die Zeit ihrer Abwesenheit einen guten Platz für ihren Liebling gesucht hatte. Harry war jung und übermütig. Er brauchte am meisten Auslauf und begrüßte Marie mit einem aufgeregten Schnauben.
„Guten Morgen, mein Kleiner“, antwortete sie und tätschelte ihm den Hals. „Heute nach dem Frühstück geht es nach draußen. Freust du dich?“
Als hätte das Pferd sie verstanden, schnaubte es fröhlich zur Antwort. Marie füllte Futter und frisches Wasser nach. Während Harry sich darüber hermachte, säuberte Marie die Box. Danach bürstete sie Harrys Fell und liebkoste ihn ausgiebig, bevor sie aus der Box trat.
Weiter hinten standen die Geschwister Flocke und Irina friedlich nebeneinander und knabberten an ihrem Heu. Die beiden Haflinger waren gleichzeitig bei Marie eingezogen. Ihre Besitzerin, eine ehemalige Kollegin Maries aus der Klinik, hatte ihren Pferdehof aufgegeben und gefragt, ob Marie die beiden Senioren aufnehmen könne. Eigentlich hatte Marie ihre Plätze vermieten wollen. Aber Flocke und Irina hatten ihr leidgetan, also hatte sie zugesagt und die beiden als erste Gäste in der neu eröffneten Pferdepension willkommen geheißen. Flocke und Irina waren kurz darauf eingezogen und hatten eine gemeinsame große Box bekommen.
Auch sie schienen sich zu freuen, dass Marie kam. Sie begrüßte die Haflinger ausgiebig und versorgte die beiden mit Futter, Wasser und frischem Heu.
Marie liebte die Arbeit im Stall. Nach Sophies Geburt war ihr die körperliche Arbeit zunächst schwergefallen. Aber seit ein paar Monaten war sie wieder fit und kräftig und genoss es, sich im Stall und draußen auszutoben. Als sie mit der Haflinger-Box fertig war, räumte sie Bürste und Heugabel weg und öffnete das Schloss an der hinteren Holzwand. Die beiden großen Türen ließen sich nach außen aufschieben und gaben den Weg auf die umzäunte Weide frei, die Georg und sie für die Pferde erschlossen hatten. Nacheinander führte Marie ihre Gäste nach draußen, wo die drei sofort begannen, fröhlich herumzulaufen und das junge Gras zu probieren.
Marie beobachtete die Pferde noch eine Weile, dann kehrte sie zurück ins Haus. Drinnen war alles ruhig. Georg hatte sich nach dem Melken wieder hingelegt. Heute war Samstag, noch hatte die arbeitsreichste Saison auf dem Hof nicht angefangen, sodass er am Wochenende etwas länger schlafen konnte.
Marie ging in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine an. Das freundliche Blubbern passte wunderbar zu ihrer Stimmung. Bald würde Sophie aufwachen, sie würden sich einen schönen Tag machen. Vielleicht könnten sie ins Dorf fahren und nachsehen, ob die Eisdiele schon geöffnet hatte.
Marie seufzte zufrieden. So sollte es immer weitergehen. Rundum perfekt, mein Leben, dachte sie, während sie den Frühstückstisch deckte.
Kurz darauf kam Georg in die Küche. „Guten Morgen, schöne Frau“, begrüßte er sie und nahm sie in den Arm.
Marie liebte Georgs Umarmungen, sie waren stark und zärtlich zugleich. Einen Moment schmiegte sie sich an seine Brust. Dann drückte sie ihm einen sanften Kuss auf den Mund. „Hallo, ausgeschlafen?“
Georg nickte und setzte sich an den Tisch. Marie und Georg bemühten sich um Gleichberechtigung in Beziehung und Alltag. Seit Marie nicht mehr als OP-Schwester im Krankenhaus arbeitete, legte sie Wert darauf, die Aufgaben zwischen sich und Georg gerecht zu verteilen. Auf keinen Fall wollte sie in die Rolle der Hausfrau und Mutter hineinrutschen und ihrem Mann jeden Handgriff im Haushalt abnehmen. Heute war sie jedoch bester Laune, und es machte ihr Freude, Georg ein wenig zu bedienen. Sie goss ihm Kaffee in seinen Becher und schob ihm Butter und Brotkorb hin. Als kurz danach Sophie aus dem Kinderzimmer zu hören war, sprang Marie auf und eilte nach nebenan.
Ihre Tochter stand in ihrem Gitterbett und lächelte Marie an. Dabei kamen ihre kleinen Zähne zum Vorschein, was so süß aussah, dass Marie sofort ganz gerührt war. Sie hob die Kleine in ihre Arme und drückte sie liebevoll an sich. Danach trug sie ihr Töchterchen in die Küche und setzte es in den Kinderstuhl an den Tisch.
Georg begrüßte die Kleine mit einem Kuss auf die Wange. Er war ein toller Vater, fand Marie. Er verbrachte viel Zeit mit Sophie, und die beiden hatten eine Menge Spaß miteinander.
Jetzt schnappte Georg sich den Plastiklöffel und fing an, Sophie mit dem Getreidebrei aus ihrem Kinderteller zu füttern. Die Kleine sperrte den Mund weit auf und hatte nach kurzer Zeit den Teller fast geleert.
„Ich will mit Sophie nachher ins Dorf runter, kommst du mit?“, fragte Marie.
Georg überlegte kurz. „Nein, das schaffe ich nicht“, antwortete er dann. „Ich muss zum Landmaschinenhändler wegen dem Geohobel. Ich fahre lieber gleich nach dem Frühstück los, sonst wird es zu spät.“
Marie zuckte bedauernd die Schultern. Sie war es gewohnt, dass Georg an den Wochenenden weniger Zeit hatte als andere Männer. Dafür musste er zum Arbeiten nicht den Hof verlassen. Er war fast immer in der Nähe, und Marie genoss das.
„Schade. Kannst du dann noch kurz auf Sophie aufpassen, solange ich mich fertig mache?“, fragte sie.
„Logisch“, erwiderte Georg und grinste. Er beugte sich zu Sophie und zog eine Grimasse, was der Kleinen ein erfreutes Quieken entlockte.
Nachdem Marie geduscht und sich frisch angezogen hatte, band sie sich die Haare zu einem Pferdeschwanz und setzte sich an den Computer. Sie öffnete die Seite ihrer Bank und klickte auf die Nummer ihres Kontos. Sie fuhr die Reihe mit den letzten Geldeingängen nach unten. Bingo!
Marie schaltete das Gerät wieder aus und lief zurück in die Küche. „Sie hat bezahlt!“, rief sie und strahlte Georg an. Als der sie fragend anschaute, fuhr sie fort: „Frau Mertens hat bezahlt. Ich habe mit Maries Pferdepension mein erstes Geld verdient!“
Mit einem erfreuten Ausdruck im Gesicht kam Georg auf sie zu und umarmte sie stürmisch. „Herzlichen Glückwunsch. Das müssen wir feiern.“ Er ließ sie los und trat einen Schritt zurück. „Heute Abend?“
Marie nickte zustimmend.
Georg drehte sich zu Sophie, die immer noch am Tisch saß. „Hey Sophie, was sagst du dazu: Deine Mutter ist jetzt eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Klatsch ein.“ Er hielt die Hand nach oben, woraufhin Sophie vergnügt dagegenpatschte.
„Ich fahre dann los. Bis später.“ Georg beugte sich über seine Tochter und drückte sie an sich. Dabei vergrub er die Nase in Sophies weichen Kinderhaaren. Seine kleine Familie erfüllte ihn mit Stolz und Dankbarkeit. Und seit seine Frau ihr Glück in der neuen Pferdepension gefunden hatte, war sie endlich wieder so ausgeglichen und fröhlich wie früher.
„Mach’s gut“, antwortete Marie, „bis spätestens heute Abend.“
Nach einem zärtlichen Abschiedskuss eilte Georg aus der Küche in den Flur. Er griff nach seiner dicken Jacke, entschied sich dann aber für die ungefütterte daneben. Schließlich schlüpfte er in die robusten Arbeitsschuhe und verließ das Haus. Draußen kniff er die Augen zusammen. Bis auf ein paar kleine Wolken war der Himmel unbedeckt. Es würde wohl mild werden in den kommenden Tagen. Das war gut für seinen Betrieb. So konnten sie die Felder früh vorbereiten, und die Bodenbearbeitung und Aussaat mit seinem neuen Werkzeug konnte rechtzeitig beginnen.
Vor neun Monaten hatte Georg einen Kurs für angehende Bio-Bauern besucht. Seitdem war viel passiert. Er hatte seinen Betrieb Schritt für Schritt umgestellt. Er hatte die Restbestände an Dünger und Pflanzenschutzmitteln verkauft und sich stattdessen mit neuen umweltverträglicheren Alternativen eingedeckt. Und er hatte sich für den Kauf des Geohobels entschieden, den sie ihnen im Kurs empfohlen hatten. Er freute sich darauf, das neue Gerät abzuholen, mit dem sich die Bodenoberfläche angeblich deutlich besser und nachhaltiger würde bearbeiten lassen. Beschwingt lief er durch das Hoftor nach draußen. Ein paar Schritte entfernt hatten er und sein Vater Max vor Jahren einen offenen Unterstand für den Traktor und das große Werkzeug gebaut. Georg betrat den großen Verschlag und stolperte beinahe über einen Rasenmäher. Hier drinnen müsste er dringend einmal aufräumen. Aber im Moment war zu viel zu tun, und die wenige freie Zeit verbrachte er lieber mit seiner kleinen Familie. Während er zwei Heugabeln und den Rasenmäher an ihren Platz räumte, dachte er über den neuen Biobetrieb nach. Seit vielen Jahren hatte er davon geträumt, den Hof entsprechend umzubauen. Sein Vater Max hatte davon nichts wissen wollen. Nach dessen Tod hatte Georg zunächst die Mühe und das finanzielle Risiko gescheut. Marie hatte ihn schließlich davon überzeugt, dass ein besserer Zeitpunkt für die Veränderung nicht kommen würde. Immerhin lebten sie nur zum Teil aus den Einnahmen vom Hof. Die kleine Milchwirtschaft und die wenigen Felder trugen einfach nicht genug ein. Zum Glück verdienten sie mit der Vermietung eines Ferienhauses und der Verpachtung einiger Felder im Tal noch etwas Geld dazu. Nur so war es möglich, den Betrieb des Sonnhofes aufrechtzuerhalten. Wenn er all diese Umstände bedachte, war Georg gleich noch viel stolzer, dass sie den Umbau zum Biobetrieb inzwischen erfolgreich gemeistert hatten. In diesem Jahr würden sie zum ersten Mal fast komplett nach den Regeln des alternativen Landbaus arbeiten. Georg kletterte auf den Traktor und ließ den Motor an. Als er aus dem Unterstand nach draußen rollte, kam ein Sonnenstrahl hinter dem Berggipfel hervor und strahlte ihm direkt ins Gesicht. Georg lächelte. Hier war es schön, hier war er zu Hause und hier war er glücklich.
Zufrieden machte er sich auf die Fahrt ins Tal. Das erste Stück war holprig, und er musste aufpassen, um den Traktor auf dem schmalen Weg zu halten. Das Waldstück auf halber Strecke umfuhr er in einem weiten Bogen. Kurz darauf schwenkte er in den breiten Feldweg ein. Ab hier war die Fahrt angenehmer. Es ging noch ein Stück sanft bergab und anschließend auf einer Landstraße bis ins übernächste Dorf.
Ungefähr eine Stunde später rollte Georg in den Hof von „Landmaschinenbau Kieninger“. Als er abstieg, kam ihm Werner Kieninger entgegen, der Sohn der Familie, der vor Kurzem das Geschäft übernommen hatte. Georg kannte ihn seit Jahren und begrüßte ihn freundschaftlich.
„Na, dann komm, ich zeige dir dein neues Baby“, meinte Kieninger.
Georg war begeistert von seinem neuen Werkzeug, das in Wirklichkeit noch besser aussah als im Katalog. Eine Weile diskutierten sie über die Vorzüge des Geohobels, der den Boden in genau der richtigen Tiefe bearbeiten und gleichzeitig die optimale Saatmenge ausbringen konnte, sodass der Besitzer auf chemische Hilfsmittel verzichten konnte. Danach befestigten sie den Geohobel am Traktor und testeten ihn auf dem Feld des benachbarten Hofes.
Es war später Nachmittag, als Georg sich von Kieninger verabschiedete und sich auf den Heimweg begab. Mit dem angehängten Hobel konnte er nur langsam fahren, es würde eine ganze Weile dauern, bis er daheim war. Er tastete nach der Box, die Marie ihm heute Morgen zugesteckt hatte. Drinnen lagen zwei belegte Brote und ein Apfel. Dankbar machte er sich darüber her. Während er vor sich hin tuckerte, wanderten seine Gedanken zu Marie. Er freute sich auf sie und vor allem auf ihren gemeinsamen Abend.
Sobald Georg am Sonnhof angekommen war, stellte er den Traktor unter, zog den Schlüssel ab und ließ ihn in die Brusttasche seiner Arbeitshose gleiten. Dabei berührten seine Finger das Kuvert. Den Brief hatte er ganz vergessen. Am Morgen hatte er im Briefkasten nachgesehen. Werbesendungen und Rechnungen hatte er liegen gelassen, aber dieses Schreiben war ungewöhnlich, also hatte er es mitgenommen. Über den Besuch beim Maschinenbauer hatte er es ganz vergessen. Das Kuvert war schon etwas zerknittert. Im Empfängerfeld stand sein Name, einen Absender gab es nicht. Offensichtlich hatte jemand sich die Mühe gemacht, auf den Berg zu steigen und ihm persönlich einen Brief einzuwerfen. Wer tat so etwas? Georg runzelte die Stirn. Er beschloss, das Kuvert erst zu öffnen, nachdem er sich von dem gröbsten Schmutz befreit hatte.
Er betrat das Haus, zog die schlammigen Schuhe aus und ließ sie im Treppenhaus stehen. Marie, Sophie und er bewohnten die Drei-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss, seine Mutter Christl die kleinere Wohnung im ersten Stock. Im Moment schien niemand da zu sein. Georg trat über die Schwelle. „Jemand zu Hause?“, fragte er in die Stille. Keine Antwort.
Sobald er geduscht und sich frische Sachen angezogen hatte, griff er nach dem Brief und ging in die Küche. In der Spüle standen zwei benutzte Teller. Marie und Sophie hatten offensichtlich zu Hause zu Mittag gegessen. Georg blieb unschlüssig im Raum stehen und drehte das Kuvert noch einmal in seinen Händen. Vielleicht war der Brief für Marie und er sollte lieber auf sie warten? Nein, da stand eindeutig Georg Gruber. Also holte er ein Messer aus der Schublade und schlitzte das Kuvert auf. Es enthielt zwei Seiten dünnes cremefarbenes Papier, einseitig beschrieben in blauer Tinte. „Hallo Georg“, stand in der ersten Zeile. Obwohl Georg sich nicht erinnern konnte, die Handschrift schon einmal gelesen zu haben, zog sich bei ihrem Anblick etwas in ihm zusammen. Irgendwo ganz hinten in seinem Kopf begann eine Bewegung, eine Erinnerung klopfte an, vorsichtig, aber hartnäckig.
„Ich weiß nicht, ob Du Dich an mich erinnerst“, hieß es in dem Brief. „Es ist fast zehn Jahre her, dass wir uns getroffen haben.“ Georg zwinkerte, und ganz allmählich kroch die Erinnerung weiter nach oben. „Unsere gemeinsame Zeit war kurz. Jedoch hat sie in meinem Leben sehr viel verändert.“ Bei dem nächsten Satz traf es Georg wie ein Schlag. Plötzlich wusste er, von wem der Brief stammte. „Es hat mich sehr verletzt, dass Du einfach verschwunden bist, aber ich habe das schon lange verarbeitet und Dir verziehen. Wir waren damals beide noch jung.“
Oh ja, sie waren jung gewesen. Mit einem Mal blitzten Bilder vor Georgs innerem Auge auf. Er spürte ein Ziehen im Magen und musste sich setzen, bevor er weiterlesen konnte.
„Was ich Dir schreibe, wird Dich überraschen“, stand da. „Aber bitte nimm Dir die Zeit, meine Zeilen bis zum Ende zu lesen.“
