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Was macht einen Berg unvergesslich? In Gipfelstürmer erzählen berühmte Alpinisten von ihren Lieblingsbergen – von ikonischen Gipfeln bis zu versteckten Juwelen. Persönliche Erlebnisse, packende Anekdoten und beeindruckende Leistungen machen dieses Buch zu einer Hommage an die Faszination der Berge. Mit O-Tönen, Hintergrundinfos und Tourenfakten – für alle, die selbst aufbrechen oder einfach träumen möchten.
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2025
Heinz Mariacher gehörte zu den Vordenkern des alpinen Sportkletterns.
Uli Auffermann
Spannende Geschichten berühmter Bergsteiger über ihre Lieblingsberge
In der Eiger-Nordwand bündelt sich die alpine Geschichte.
Es gibt einen Kern, eine Konstante, ein Lebensgefühl, das all diejenigen miteinander verbindet, die von den Bergen beseelt sind. Frauen und Männer, deren Gedanken stets um die Berge kreisen, einerlei ob sie im Büro sitzen und nur sonntags gipfelwärts ziehen oder ob sie professionell vom Bergsteigen leben.
Stellvertretend für die ganze Bandbreite dieser Bergbegeisterten steht die Avantgarde, stehen die Extremen, die Spitzenleute. Sie sind es, die den Alpinismus mit Nahrung versorgen, die ihn bewahren und auch voranbringen. Durch ihre Erstbegehungen und ihre Pionierleistungen, ihre ethische Einstellung und ihren Wirkungsgrad als Botschafter der Berge.
Jene Konstante aus Leidenschaft und Lebenslust zeigt sich am besten an den Bergen, mit denen sich die Protagonisten besonders verbunden fühlen. Das können ihre Lieblingsberge sein, die sie immer wieder gern besteigen, Berge der Heimat, die man vielleicht schon seit der Kindheit besonders mag, Gipfel, an denen die Akteure Pioniertaten vollbrachten, aber auch Schicksalsberge, an denen sie besondere Hochgefühle erlebten oder mitunter gescheitert waren. Immer jedoch sagen diese Berge etwas über die Alpinistin, den Alpinisten aus, über die Werte, die Ethik, den Charakter.
Und so geht es in diesem Buch um Bergsteiger und ihre Berge in den Alpen. Um eine untrennbare Einheit aus Mensch und Gebirgsnatur, in der sich all das bündelt, was wir Alpinismus nennen.
Die Auswahl der Beteiligten steht nicht für ein Ranking. Denn klar, sehr viele weitere Alpinisten wären es wert, vorgestellt zu werden. Mögen mir deshalb alle verzeihen, die mit ihrem Namen und ihrem besonderen Berg keinen Einzug in dieses Buch gefunden haben!
So wünsche ich allen Leserinnen und Lesern viel Kurzweil und Freude bei der Begegnung mit den Bergsteigern und ihrem ganz persönlichen Berg, ihrer Geschichte, ihrer individuellen Verbindung!
Ihr Uli Auffermann, im Mai 2025
Vorwort
1 – Dani Arnold
Mit Speed Zum Gipfel
Salbitschijen
2 – Hansjörg Auer
Free Solo Zum Niederknien
Marmolada
3 – Walter Bonatti
An Den Grenzen Des Machbaren
Grand Capucin
4 – Robert Bösch
Mit Dem Blick Für Die Berge
Mont-Blanc-Südseite
5 – Loulou Boulaz
Stark Und Emanzipiert
Mont Salève
6 – Lothar Brandler
Mit Der Kamera In Den Nordwänden
Rotwand Im Rosengarten
7 – Riccardo Cassin
Der Meister Aus Italien
Piz Badile
8 – Michel Darbellay
Wenig Worte, Grosse Taten
Petit Clocher Du Portalet
9 – Kurt Diemberger
Nordwände, Achttausender Und Filmprojekte
Königsspitze
10 – Thomas Dünsser
Zwischen Allgäu Und Wallis
Matterhorn
11 – Angela Eiter
Von Der Kletterwand Zur Alpenwand
Muttekopf
12 – Simon Gietl
Spezialist Für Komplexe Unternehmungen
Heiligkreuzkofel
13 – Ludwig Gramminger
Passion Für Die Bergrettung
Hochwanner
14 – Peter Habeler
Könner Und Grandseigneur
Olperer
15 – Anderl Heckmair
Ein Leben In Den Bergen
Höfats
16 – Toni Hiebeler
Abenteurer Und Journalist
Zimba
17 – Klaus Hoi
Vom Klettern Beseelt
Grimming
18 – Andy Holzer
Mit Dem Gefühl Für Den Fels
Grosse Laserzwand
19 – Walter Hölzler
Extrem Im Allgäu
Piz Palü
20 – Thomas Huber
Kletterstar Mit Bodenhaftung
Untersberg
21 – Alexander Huber
Ein Artist In Den Felsen
Drei Zinnen
22 – Daniela Jasper
Eine Klasse Für Sich
Jungfrau
23 – Robert Jasper
Meisterliches Aus Dem Schwarzwald
Eiger
24 – Beat Kammerlander
Weit Weg Vom Durchschnitt
Drusentürme
25 – Hans Kammerlander
Zwischen Dolomiten Und Weltbergen
Peitlerkofel
26 – Helmut Kiene
Mit Dem Mut Zum Aufhören
Sass Rigais
27 – David Lama
Mit Können Und Charisma
Hochtennspitze
28 – Karl Und Fritzi Lukan
Hand In Hand In Die Berge
Raxalpe
29 – Heinz Mariacher
Anspruchsvoll Und Ehrlich
Marmolada
30 – Pierre Mazeaud
Mit Französischer Leichtigkeit
Mont Blanc
31 – Alix Von Melle
Vom Flachland Ins Bergland
Klimmspitze
32 – Simon Messner
Mit Leidenschaft Für Die Dolomiten
Heiligkreuzkofel
33 – Fritz Miller
Der Mann Für Die Minusgrade
Aggenstein
34 – Ines Papert
In Fels Und Eis Grandios
Reiteralm
35 – Ivo Rabanser
Bergführer Mit Blick Für Die Historie
Langkofel
36 – Herbert Raffalt
Fotograf Und Bergführer
Bischofsmütze
37 – Mathias Rebitsch
Seiner Zeit Weit Voraus
Laliderer Spitze Und Laliderer Wand
38 – Darshano L. Rieser
Mit Frack Und Zylinder
Marmolada-Südwand
39 – Roger Schäli
Ein Kreativer Kopf
Eiger
40 – Leo Schlömmer
Alpiner Alleskönner Aus Der Steiermark
Dachstein
41 – Pit Schubert
Fachmann In Sachen Sicherheit
Piz Ciavazes
42 – Stephan Siegrist
Souverän Am Berg
Eiger
43 – Walter Spitzenstätter
Tiroler Gipfelstürmer
Petit Dru
44 – Christian Stangl
Der Skyrunner
Admonter Reichenstein
45 – Ueli Steck
So Schnell, So Kreativ
Eiger
46 – Luis Stitzinger
Ein Richtig Starker Allgäuer
Biberkopf
47 – Luis Trenker
Von Südtirol In Die Welt
Langkofel
48 – Michel Und Yvette Vaucher
Ein Starkes Paar In Den Westalpen
Dent Blanche
49 – Daisy Voog
Mehr Als Die Eiger-Nordwand
Torre Venezia
50 – Gudrun Weikert
Die Führung Am Berg
Grosse Zinne
Register
Bildnachweis
Impressum
Robert Bösch am Frêneypfeiler auf der Südseite des Mont Blanc
Ein nepalesischer Schrein, aufgestellt im Gedenken an David Lama
Simon Messner und Franz Wagner bei der Erstbegehung der Route Sisyphos am Heiligkreuzkofel
Klettern an der Rotbrättwand der Jungfrau ist für Roger Schäli wie ein Heimspiel.
Der Eiger ist zweifellos eine dominierende Berggestalt im Berner Oberland.
Luis Stitzinger bedeuteten die Allgäuer und Lechtaler Alpen ein Stück Heimat.
Thomas Huber, eindrucksvoll in Szene gesetzt von Heinz Zak
Mit Speed Zum Gipfel
Salbitschijen
Der Schweizer Bergführer und Extrembergsteiger liegt mit seinen atemberaubenden Speed- und Solobegehungen schwierigster Wände und Routen voll im Trend, doch Dani Arnolds Wurzeln sind fest im traditionellen Alpinismus verankert! Triebfedern sind die Lust an nachhaltigen Erfahrungen in den Bergen, sich auszuloten und dabei Risiko und Grenzen in Einklang zu bringen. Man spürt seine gewachsene Verbindung zu Fels und Eis, seine Liebe zur Natur und zum Gebirge, die in seiner Kindheit hoch oben in den Bergen des so lieblichen wie wilden Schächentals zwischen den Felswänden der Jegerstöcke und der Gletscherwelt des Tödi entstanden. Diese Verbundenheit mit den Elementen gibt Dani Arnold eine starke Bodenhaftung! Mit einer Reihe von spektakulären Begehungen sorgt er seit knapp 15 Jahren für Aufsehen, darunter Eiger-Nordwand in 2:28 Stunden, Matterhorn-Nordwand in 1:46 Stunden, Große-Zinne-Nordwand in 46 Minuten oder Petit-Dru-Nordwand in 1:43 Stunden – immer sicher und souverän, alle in Rekordzeit, und nur die Bestzeit am Eiger holte sich Ueli Steck zurück!
Granitklettern am Salbitschijen – für Dani Arnold ein Genuss
Und was macht für ihn den Salbitschijen so besonders? »Der Westgrat ist eine der besten Klettertouren in den gesamten Alpen«, schwärmt Dani Arnold. Genau dort hat er auch, bezogen auf Länge und Schwierigkeit, seine erste »richtige« Solotour umgesetzt, die zur Initialzündung für sein eindrucksvolles Nordwand-Projekt wurde! Westlich von Göschenen, dem Talort am Gotthard-Strassentunnel, steht er, sein Lieblingsberg. Im Umkreis des idyllischen Göscheneralptals haben sich die wohl schönsten und beliebtesten Kletterberge der Urner Alpen versammelt. Darunter der Salbitschijen oder Salbit, wie er kurz genannt wird, ein Granitklotz mit sehr markanten Graten und Türmen und einem bekannten Klettergarten. Den langen, schwierigen Westgrat hatte sich Dani Arnold 2010 für sein anspruchsvolles Solo ausgesucht, denn: »Die Qualität des Gesteins, die 35 Seillängen und die fünf Türme auf den Gipfel, der so dünn ist wie eine Nadel, sind außergewöhnlich.« Unglaublich schnell war der Schweizer damals unterwegs. »Wer als Seilschaft diese Tour in zehn Stunden klettert, ist sehr gut! Auf meine Zeit von 1 Stunde 35 Minuten bin ich immer noch stolz.«
Leichtfüßig eilt der Schweizer über den Grat, das Seil dient nur zum Abseilen.
Der Extremalpinist lebt in Bürglen, südlich des Vierwaldstättersees, im Herzen der Schweiz. Genau dort, wo auch Wilhelm Tell der Sage nach zu Hause gewesen sein soll. Und vielleicht besitzen ja die Leute im Urkanton auch heute noch ein besonders großes Bedürfnis nach Unabhängigkeit – Dani Arnold jedenfalls hat eine klare Vorliebe für Alleinbegehungen. Er ist sehr nervenstark, kann gut mit exponierten Passagen umgehen und sich die Einzelheiten einer Route sehr präzise merken. »Es gehörte damals zu meiner Solovorbereitung, dass ich den Westgrat davor ungefähr vier- oder fünfmal mit Partner geklettert bin«, erzählt er, »und dabei habe ich schon versucht, alles möglichst detailgenau zu speichern.« Anschließend kannte er die Tour fast auswendig – hätte sozusagen blind klettern können! »Die Schlüsselstellen bestimmter Routen sind mir noch Jahre später gegenwärtig, wie auch die genauen Kletterbewegungen«, versichert der Schweizer dem staunenden Zuhörer. Größte Herausforderung für ihn im Kampf gegen die Zeit: von jedem Turm abzuseilen, das Seil abzuziehen und wieder ordentlich aufzunehmen zum Weiterklettern! »Beim letzten Abseiler ist mir das Seil beim Abziehen prompt hängen geblieben. Ich ließ es erst mal dort, kletterte zum Gipfel und kam dann wieder zurück, um das Seil zu lösen. Wäre das früher passiert, wäre es vorbei gewesen mit der schnellen Begehung.« So dagegen stand er nach etwas mehr als anderthalb Stunden bereits auf dem winzigen Gipfelplateau der beeindruckenden Felsnadel des Salbitschijens! »Bei meinem Solo damals war ich meganervös. Heute finde ich es cool, dass noch immer keiner schneller war«, gibt der 41-Jährige lachend zu.
Viele begeisternde Touren konnte Dani Arnold seither unternehmen, und immer wieder hat er auch den Salbit besucht. Er muss ja nur dem Reusstal nach Süden folgen zu seinem Lieblingsberg. Dass der ihm keine Ruhe ließ, versteht sich beinahe von selbst. Im Sommer 2023 war es soweit: Das Projekt »Alle drei Grate des Salbitschijen allein und so schnell wie möglich klettern« hatte genau die ernstzunehmende Herausforderung, die dem Schweizer so liegt. Das muss auch so sein, denn sonst wird er faul, hat keine Lust zu trainieren! Südgrat, Westgrat und Ostgrat hintereinanderweg, dabei den leichtesten an den Schluss gelegt. Etliche Male galt es, kurz abzusteigen und abzuseilen, Traversen zu klettern und sich genau zu orientieren, unterwegs die Kletterschuhe gegen die Bergschuhe zu tauschen, wenn das Gelände es erforderte. Nach 1500 Klettermetern und gut neuneinhalb Stunden war es vollbracht! Wieder einmal durfte der besonnene Schweizer sein zufriedenes Grinsen zeigen – auch wenn das Gefühl des Erfolgs sich erst viel später so richtig einstellte. So ist Dani Arnold. Ein Profi, der hart trainiert und sich gewissenhaft vorbereitet, aber sicher nicht in völliger Askese. Mit der gleichen Lust steht er auch allen anderen Genüssen des Lebens offen gegenüber.
In grandioser Szenerie: Dani Arnold exponiert auf dem Gipfel des Salbitschijen
Free Solo Zum Niederknien
Marmolada
Mit ihm hatte das moderne Felsklettern einen Namen, fest verankert in einer großen Tradition: Hansjörg Auer (1984–2019). Es waren nicht nur seine fast unvorstellbaren Leistungen und Erfolge. Der Tiroler aus dem Ötztal stand für das, was das Bergsteigen in seinem Innersten zusammenhält. Mit seinen Träumen vom Neuen, vom Unbekannten. Und wie er diese Träume zu leben imstande war! Fair und ehrlich, voller Leidenschaft und Begeisterung, entsprungen aus einer Sehnsucht, sich auf das Wagnis einzulassen, einen Schritt weiterzugehen. Begonnen hatte alles bei Hansjörg Auer mit dem Bergsteigen im klassischen Sinn, mit alpinen Klettertouren, die er gern auf eigene Faust unternahm. Doch mehr und mehr fokussierte er sich auf das Sportklettern und lernte dabei auch alpenferne Kletterspots kennen. Am liebsten aber war er in den Dolomiten. Und was Hansjörg Auer dort 2007 mit seiner Free-Solo-Durchsteigung in der Marmolada-Südwand am Weg durch den Fisch vollbrachte, war ohne jeden Zweifel seiner Zeit weit voraus!
Letzte Vorbereitungen für die Marmolada-Südwand, die Auer nur mit Helm und Magnesiabeutel anging.
Immer wieder hat es in der Geschichte des Alpinismus Momente gegeben, in denen auch die besten Kletterer von »unvorstellbar«, ja von »unmöglich« sprachen. Dies war ein solcher Moment! 37 Seillängen umfasst die Führe, mit Schwierigkeiten bis 9- und Stellen, die an Kompaktheit ihresgleichen suchen. Der Tiroler kletterte sie in knapp drei Stunden, nur mit Magnesiabeutel und Kletterschuhen. Ein Quantensprung in der Geschichte des extremen Kletterns! Zuvor hatte Auer an der Marmolada-Südwand bereits mit dem Free Solo der Moderne Zeiten hohe Wellen geschlagen, einer Route des Österreichers Heinz Mariacher mit ähnlichem Kultstatus wie der Fisch.
Fragt man Hansjörgs Bruder, Matthias Auer, und den besten Freund, Heiko Wilhelm, der damals die spektakulären Fotos im Fisch gemacht hat, sind sich die beiden sofort einig: Hansjörgs Lieblingskletterziel war die Marmolada-Südwand. »Mit der Tour durch den Fisch wurde er zum Teil der Alpingeschichte«, bestätigt Matthias Auer. »Ja, das Ombrettatal und die Südseite der Marmolada haben Hansjörg wirklich gefesselt!« Sehr gemocht habe er auch die Malga Ombretta, denn von dort sieht man die Südwand besonders gut. Dass die Alm ein überaus reizvolles Ziel für eine Wanderung ist, wird viele andere ebenso erfreuen. »Ein wunderbarer Weg hinauf, der dann unter der Südwand vorbeiführt«, findet auch Matthias Auer, der selbst Bergführer und in der Bergführerausbildung tätig ist: »Hansjörg hat schon richtig gern in dieser Wand geklettert!« 2010 eröffnete er dort die Tour Bruderliebe – ein bleibendes Statement. Die enge Verbindung zu Matthias, mit dem Hansjörg unter anderem in den Nordwänden von Eiger, Matterhorn und Grandes Jorasses klettern war, ist auch der Grund, warum der Strahlkogel, daheim in Umhausen, für Hansjörg Auer und seinen Bruder ein besonderer Berg war. »An dem haben wir beide als Jugendliche das Bergsteigen gelernt«, klärt Matthias Auer auf, »bei jedem Wetter sind wir über die Grate und Wände hinaufgestiegen.« Ein bisschen brüchig sei es, und man müsse im 3. Grad klettern, weiß er: »Der Berg hat uns oft gesehen!«
Free Solo im
Weg durch den Fisch
: Jetzt darf nichts schiefgehen, jeder Griff muss sitzen.
Man nennt sie auch die »Königin der Dolomiten«, die 3343 Meter hohe Marmolada, mit der Punta Penia als höchster Erhebung. Ein Traumziel für Bergsteiger – der perfekte Berg. Das in Ostwestrichtung verlaufende Massiv ist auf seiner Nordseite vergletschert. Gegen Süden aber beeindrucken bis zu 800 Meter hohe Steilabbrüche. Und in dieser etwa zwei Kilometer breiten Südwand über dem Ombrettatal wurde immer wieder Klettergeschichte geschrieben. Rund 200 Routen bis zum 10. Schwierigkeitsgrad durchziehen die Wand, die ein Magnet für die besten Felsartisten ist. Als im September 1864 der Wiener Paul Grohmann mit seinen Führern den Gipfel der Marmolada vom Fedajapass über den Gletscher erstmals bestieg, da war das noch eine echte alpine Herausforderung. Die Marmolada ist der einzige Berg der Region mit so einem Gletscher und beliebt als Skigebiet. Zudem kann der Bergstock die höchste Seilschwebebahn der Dolomiten für sich beanspruchen, aber auch den ältesten Klettersteig von 1903. Dass die Marmolada im Ersten Weltkrieg Teil der Frontlinie war, daran erinnert in der Seilbahnstation das höchstgelegene Museum Europas, das Gebirgskriegsmuseum (Museo Marmolada Grande Guerra, 3000 m). Heute lockt der höchste Dolomitenberg Jahr für Jahr eine große Zahl von Touristen aus aller Welt an. Bequem gelangt man per Seilbahn auf die Punta Rocca (3309 m), um das herrliche Panorama zu genießen.
»Wir wollen alle wieder gesund zurückkehren, wollen die Familie und die Freunde wiedersehen. Doch ich riskiere auch gern etwas. Gerade das ist es, warum unser Tun spannend bleibt. Ich weiß, wie weit ich gehen kann, kenne meine Grenzen, habe sie schon viele Male ausgelotet«, schrieb Hansjörg Auer einmal, »doch die Grenzen, die mir die Berge stellen, kenne ich nur bedingt. Objektive Gefahren können wir nur einschätzen und beurteilen, jedoch nicht beeinflussen.« Der leidenschaftliche Tiroler Kletterer und Extremalpinist wusste genau, dass das Bergsteigen immer auch unberechenbare Risiken in sich birgt. Im April 2019 verunglückte er zusammen mit David Lama und Jess Roskelley in den kanadischen Rocky Mountains bei einem Lawinenabgang tödlich.
Nach einer Durchsteigung der steilen, felsigen Südwand zeigt die Marmolada auf dem Gipfel ihre vergletscherte Nordseite und bietet eine prachtvolle Aussicht.
An Den Grenzen Des Machbaren
Grand Capucin
Es war die erste eigene Neutour und gleich ein Superlativ. Eine so erschreckend steile, schwierige und große Wand im Granit des Mont-Blanc-Massivs konnte bis dahin noch nicht durchstiegen werden! Mit seiner Erstbegehung des rötlich-gelben Ostwand-Pfeilers am Grand Capucin brachte der Italiener Walter Bonatti (1930–2011) das damals vor allem in den Dolomiten betriebene hakentechnische Fortbewegen am Steilfels auch in die Westalpen. An diesem Pfeiler war schon die Orientierung eine Kunst für sich. In der immer wieder leicht überhängenden, mit Vorsprüngen und Dächern durchsetzten Wand, die nur wenige Meter vorauszuschauen erlaubte, musste sich Bonatti andauernd über einem scheinbar unendlichen Abgrund weit hinauslehnen, um doch nur zu erahnen, wie es weitergehen könnte. 1949 hatte er »den wunderbar roten, die Szene beherrschenden Pfeiler« am Grand Capucin entdeckt. Er ragt neben dem Mont Blanc du Tacul 400 Meter hoch aus dem Glacier du Géant hervor, mit Freikletterstellen im damals höchsten Grad – dem 6. Grad – und technisch zu kletternden Passagen. »Er war absolut senkrecht, und allein die Idee, seine Besteigung anzupacken, machte mich schwindlig«, schrieb Walter Bonatti später. Immer hatte der damals erst 19-Jährige davon geträumt, einen Gipfel über eine selbst erdachte und gefundene Route zu erreichen. Doch eigentlich fehlte ihm für so eine große jungfräuliche Wand die Erfahrung. »Nie zuvor habe ich eine solch beeindruckende Atmosphäre erlebt, es ist beängstigend, sich plötzlich mittendrin wiederzufinden«, gestand sich der Italiener damals ein.
In jungen Jahren setzte Walter Bonatti Maßstäbe im Alpinismus.
Im August 1950 kam Walter Bonatti mit Luciano Ghigo zum zweiten Mal, nachdem er im Juli von einem Gewitter vertrieben worden war. Langsam kämpfte er sich höher. Überhängen und Dächern ausweichend, war zügiges freies Klettern teilweise unmöglich, stattdessen hielten das Hakenschlagen und Trittschlingen-Einhängen auf. Nach drei kraftraubenden Tagen konzentrierten Wegfindens schlug das Wetter um! Zwar schafften es die Alpinisten am Morgen des vierten Tages bei Schneetreiben, mit steif gefrorenen Hanfseilen hantierend, das große Band noch unterhalb der Gipfelkappe zu erreichen, aber weiter hinauf ging es nicht. Also Rückzug – abseilen. Ein Jahr später, im Juli 1951, waren Bonatti und Ghigo wieder da und verbrachten am Ende des zweiten Tages ein angenehmes Biwak auf dem Band, an dem im Vorjahr Schluss war. Den folgenden Tag nahm die ungeheuer ausgesetzte Gipfelkappe an »abgrundtiefer Leere« in Anspruch. Nochmals biwakieren – aber wo? Ein kaum fußbreiter Absatz im steilen Fels musste genügen, um die Nacht in Seilschlingen hängend, an zwei Felshaken gesichert, mit stechenden Schmerzen in den Beinen zu überstehen. Vierter Tag, vereister Fels, eisig kalte Hände. Dem letzten großen Gipfeldach, der sogenannten Kapuze, wich Bonatti damals nach rechts aus, und bei immer noch schlechtem Wetter erreichten die Italiener endlich den Gipfel.
Nach dem Drama am Frêneypfeiler: Walter Bonatti trägt Pierre Mazeaud aus dem Krankenhaus.
Grenzen auszuloten gehörte zum Stil Walter Bonattis.
Ein außerordentlicher Erfolg, mit den klassischen Mitteln des traditionellen Bergsteigens errungen! Mont-Blanc-Kenner und Bergführerkollege Gaston Rébuffat aus Frankreich würdigte dies als »das größte Unternehmen, das bisher im Fels vollbracht wurde«, und selbst ein Hermann Buhl, der vier Jahre später, 1955, auf nun bekanntem Weg mit nur noch einem Biwak durchkam, nannte die Bonatti-Route die »absolut schwierigste Kletterei im Granit«. Wie viel Walter Bonatti die Neutour am Grand Capucin bedeutete, bewies er 1976, als er zum 25-jährigen Jubiläum dorthin zurückkam, um seine erste große Route noch einmal zu durchsteigen, obwohl er dem extremen Bergsteigen den Rücken gekehrt hatte. Sofort war Bonatti alles wieder vertraut, kehrten die damaligen Gefühle von Zerbrechlichkeit im Angesicht der gewaltigen Bergnatur zurück. Am Ende aber war er enttäuscht, denn auch seine Route war durch Bohrhaken »entweiht«. »Um einen Bohrhaken anzubringen, muss man ein Loch in den Fels bohren; seine Verwendung finde ich wirklich verfehlt«, hatte er wiederholt gemahnt, dabei stets den Verfall von Sitten und Werten am Berg angeprangert. Bonatti forderte einen Alpinismus mit tieferem Sinn, in dem das »Unmögliche« fortbestehen darf, ohne immer neue und raffiniertere technische Hilfsmittel!
Heute gilt Walter Bonatti nicht nur als einer der größten Bergsteiger aller Zeiten. Durch ihn erhielt der Alpinismus eine neue Komponente. Er sah darin die Chance, Grenzen auszuloten, eine Reise nach innen anzutreten und sich mit den Tiefen seiner Gefühlswelt zu konfrontieren, daran zu wachsen und in den Bergen zu einer moralisch und ethisch starken Persönlichkeit zu werden. Wer seine mitreißenden Bücher kennt, begreift, dass Bergsteigen erheblich mehr ist als irgendeine sportliche Betätigung! Bonatti war ohne Zweifel ein Ausnahmealpinist – im Fels, im Eis, im heikelsten kombinierten Gelände wie auch in großer Höhe. Seine Erfolgsliste ist lang, und immer waren seine Erstbegehungen und Besteigungen gekennzeichnet von Besonderem. Immer war es der große, der ernste Alpinismus, war es das wirkliche Abenteuer. Damit hat der Italiener alpine Geschichte geschrieben, die Fachwelt in Atem gehalten. Doch richtig verstanden fühlte er sich nicht. Und so zelebrierte Walter Bonatti 1965 seinen Abschied vom extremen Bergsteigen mit einer Begehung an der Matterhorn-Nordwand auf neuer Route, allein und noch dazu im Winter!
Beeindruckend schön und herausfordernd: der Ostwand-Pfeiler am Grand Capucin
Mit Dem Blick Für Die Berge
Mont-Blanc-Südseite
Will man Robert Bösch portraitieren, so müsste man eigentlich zwei Biografien anlegen. Denn zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust: die des Fotografen und die des Alpinisten. Beide Leidenschaften hat er zur wahren Meisterschaft gebracht. Aber sie konkurrieren nicht miteinander, sondern bilden vielmehr eine Symbiose. Als Bergsteiger, als Kletterer ist er dem ehrlichen Alpinismus verpflichtet – ohne Netz und doppelten Boden. Intensives Erleben im Gefahrenraum führte ihn in extreme Routen, in steilste Wände und in große Höhen. Und eröffnete ihm Perspektiven für seine Profession als Fotograf. Seine Bilder sind atemberaubend, fesseln, erreichen den Betrachter tief. Er verdichtet Licht, Linien und Kontraste zu einzigartigen Kompositionen. Bösch ist kein beliebiger Fotograf. Er ist Dramaturg, Gestalter – ein ganz besonderer Fotokünstler. Dabei interessiert ihn bei Weitem nicht nur die eigentliche Bergfotografie.
Im Rätikon, 4. Kirchlispitze: Bösch bei der Erstbegehung
Hannibals Albtraum
mit Martin Scheel
Geografie hat der 1954 geborene Schweizer studiert, kam damals auch zum Bergsteigen und begann sehr bald die Ausbildung zum Bergführer. Die Liebe zur Fotografie gab es damals bereits in Robert Bösch. Sich für den Beruf des Fotografen zu entscheiden, war trotzdem nicht leicht, denn Erfahrungen im Tätigkeitsfeld Journalismus hatte er nicht. Die Arbeit als Bergführer stand deshalb zu Beginn im Vordergrund, doch nach und nach konnte er sich einen Namen mit seinen Fotos und Reportagen machen. Schon seit Langem wollen die Redaktionen renommierter internationaler Magazine, große Verlage und Werbeagenturen seine Arbeiten haben, sind zahlreiche Bildbände und zahllose Kalender entstanden. Dabei kam das Bergsteigen keineswegs zu kurz, denn für Robert Bösch war das sportliche Klettern auf hohem Niveau immer wichtiger Teil seines Lebens, nicht nur im Hinblick auf den Beruf. »Nur die optimale Kombination von Können, Selbsteinschätzung und Risikobereitschaft führt zum Erfolg«, sagte er einmal. Allzeit fit und gut trainiert zu sein, gehörte zu seinem bergsteigerischen Ehrgeiz. Und den lebte er sehr gern an der mächtigen, beeindruckenden und herausfordernden Südseite des 4806 Meter hohen Mont Blanc aus.
Wild und zerklüftet zeigt sich die Südseite des Mont Blanc.
Ausgerechnet an den extrem schwierigen Frêneypfeiler sollte ihn Anfang der 1980er-Jahre zusammen mit seinem Kletterpartner sein erster Ausflug ins Mont-Blanc-Gebirge führen. Natürlich wusste der Schweizer von der erschütternden Tragödie, die sich dort 1961 bei einem Erstbegehungsversuch Walter Bonattis abgespielt hatte, als vier erfahrene Gefährten bei einem tagelangen Wetterinferno zu Tode gekommen waren, das Bonatti und zwei weitere Mitstreiter nur knapp überlebten. »Die Geschichte vom Frêneypfeiler kannte ich auswendig, und die Schwarz-Weiß-Bilder in Walter Bonattis Buch hatten sich in mein Gedächtnis festgesetzt«, erinnert sich Bösch, der damals bereits die meisten Regionen der Schweizer Alpen kennengelernt und überall anspruchsvolle Touren unternommen hatte. »Doch als ich sozusagen Angesicht zu Angesicht vor der Mont-Blanc-Südwand mit ihren gewaltigen Fels- und Eisabstürzen stand, rutschte mir das Herz in die Hose.« Ihm wurden plötzlich die Dimensionen klar, alles war größer, wilder, abgelegener und höher als anderswo in den Alpen. »Am liebsten wäre ich abgehauen.« Da kam ihm das schlechter werdende Wetter für die Psyche gerade recht. Doch lange dauerte die Schonfrist nicht, und das Wetter spielte wieder mit. »Flüchten oder einsteigen – beides war nicht lustig. Wir entschieden uns fürs Zweite.«
»Rückblickend wurde mir bewusst, dass das Mont-Blanc-Gebiet – und vor allem dessen Südwand, wo ich in den folgenden Jahren viele Routen durchstieg – für mich der erste Schritt aus den Schweizer Bergen in die ›Berge der Welt‹ war: Yosemite, Cordillera Blanca, Himalaya, Karakorum, Antarktis, Patagonien kamen später dazu.« Die Erlebnisse am Mont Blanc hätten sich vielleicht am tiefsten in seinen Erinnerungen festgesetzt, meint er. »Die Spannung, die Angst, aber auch manchmal das ›saugute‹ Gefühl, an einem so menschenfeindlichen Ort alles im Griff zu haben, die Intensität in der Wand und die Erleichterung, die Route geschafft und der abweisenden Südseite auf die sichere Nordseite entflohen zu sein – all diese Gefühle sind immer noch präsent.« Und Robert Bösch kehrte immer wieder zum Mont Blanc zurück. Nach wie vor ist der sehr abgelegene Frêneypfeiler ein Traumziel nur für echte Spitzenkletterer mit hochalpiner Erfahrung. Nur einen Monat nach der Tragödie von 1961 gelang übrigens die erste Durchsteigung, mit dabei der starke Brite Chris Bonington.
Siebzig ist Robert Bösch mittlerweile und keineswegs im Ruhestand. Aber solchen Herausforderungen wie am Mont Blanc stellt sich der Schweizer, der in Oberägeri am Ägerisee lebt, nicht mehr. »Inzwischen sind mir natürlich die gewaltigen Felspfeiler und Eiswände zu hoch und zu schwierig geworden«, erklärt er völlig uneitel. »Eine wunderschöne Kletterei mit meinen Freunden Ueli Steck, Ueli Bühler und Dani Mader über den Arête du Diable vor ein paar Jahren entpuppt sich rückblickend als meine Abschiedstour von dieser grandiosen wilden Landschaft. Es bleiben die Erinnerungen.« Und fantastische Fotos! Robert Bösch, der von seinem Umfeld Röbi genannt wird, legt es dabei gar nicht unbedingt immer auf die Wahnsinnsleistung des Felsartisten an, sondern noch viel mehr reizt ihn der perfekte Bildausschnitt und die Befriedigung, genau den richtigen Moment erwischt zu haben. »Ein gutes Bild – egal was das Motiv ist – muss eine Kraft haben, die den Betrachter, wenigstens für einen kurzen Moment, in Bann zieht.«
Mit Juerg Roffler an der Chandelle des Frêneypfeilers
Stark Und Emanzipiert
Mont Salève
S
