Glaube & Schönheit - André Bégert - E-Book

Glaube & Schönheit E-Book

André Bégert

4,8

Beschreibung

Es ist der größte Diebstahl aller Zeiten: Wer hat die Christenheit der Schönheit beraubt? Wo ist der Glanz geblieben, der der besten Botschaft einst innewohnte? Seit jeher lehren uns die Künste: "Wahre Schönheit ist immer auch ein Ausdruck unserer Sehnsucht nach Gott." Etwas scheint uns abhandengekommen zu sein, der "Bildersturm" hat Spuren hinterlassen. Ungebrochen ist indes die Anziehungskraft christlicher Kunst und Architektur selbst für die Menschen, die Gottesdiensten eher fernbleiben. Welcher Zauber liegt der Schönheit inne? Und wie heißt das Gebot der Stunde für eine Kultur, in der das Schöne und das Wahre sich weithin verloren haben? Die ganze Schöpfung erzählt von Gottes Schönheit und Herrlichkeit. Das ist ein Anfang. Und mit diesem Anfang im Rücken führt uns der Autor in Geschichten hinein, die etwas vom Glanz wahrer Schönheit in Worte fassen. Augen-Blicke, die uns daran erinnern, dass wir zur Wahrheit und zur Schönheit berufen sind.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2018

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André Bégert Glaube & Schönheit

Widmung

Don’t walk behind me. I may not lead. Don’t walk in front of me. I may not follow. Just walk beside me and be my friend.

André Bégert

Glaube & Schönheit

Erzählungen über den größten Diebstahl aller Zeiten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Um die Rechte einzelner Personen zu schützen, wurden einige Namen im Buch geändert.

Die Bibelstellen sind folgenden Bibelausgaben entnommen: Luther 21, «Hoffnung für alle» und Elberfelder Bibel.

© 2018 by Fontis-Verlag Basel

Umschlag: Gabriel Walther Media & Design, Berlin Foto Umschlag: Andrew Yakovlev E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-516-2

Inhalt

Prolog

Hollywood

Spieglein, Spieglein an der Wand

Stadt der Engel

Glamour

Das Kind im Brunnen

Finsternis

Irrlichter

Fake News

Die Schönheit des Unsichtbaren

Von der Kunst, das Übermächtige zu bezwingen

Warum die kleinen Dinge wichtig sind

Mont-Saint-Michel

Lebenszeichen

Bildersturm

Wahre Identität

Die zwei Bäume

Der Nächste, bitte!

Jessie

Epilog

Prolog

«Die beiden wichtigsten Tage deines Lebens sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der Tag, an dem du herausfindest, warum.»

– Mark Twain

Was braucht es, um ein Buch über den Glauben oder die Schönheit zu schreiben? Ich habe weder Kunst noch Theologie studiert, noch saß ich jemals in einem Kurs für Ästhetik, Grafik oder Philosophie. Doch Glaube und Schönheit sind für mich schon von Kindesbeinen an eine große Inspirationsquelle gewesen. Als Kind habe ich oft die Mathematikstunde geschwänzt, um unter einer riesigen Buche im Wald ein Buch zu lesen. In meinen ersten Sommerferien, kurz nachdem wir das ABC gelernt hatten, verschlang ich alle verfügbaren Werke von Jack London und habe seither nicht mehr mit Lesen aufgehört. Noch während meiner Schuljahre las ich Cervantes, Poe, Flaubert, Hugo, Wilde, Dostojewski, Freud, Frisch und Hemingway.

Per Zufall bin ich irgendwann im Verlagswesen gelandet. Man könnte sagen, ich sei ein Buchmensch. Doch viel Wissen, viele Geschichten, Erzählungen und Sachthemen sind irgendwie nicht an mir haften geblieben, denn sie haben nichts mit meiner Geschichte zu tun. Ob Drama, Epik oder Lyrik: Ein rein intellektueller Anspruch ist mir zu wenig. Ich finde schöne Kunst und schönen Glauben am erquickendsten und berührendsten; werden Glaube und Schönheit hingegen erklärungsbedürftig, drehe ich mich um und gehe weiter.

Heute lege ich Bücher lieber zur Seite, wenn sie mich nicht zum Staunen bringen. Der Fluch des fachlichen Bewertens und Beurteilens ist mir zur lästigen Notwendigkeit geworden. Am liebsten würde ich nur noch betrachten oder lauschen, was ein Buch, ein Bild, ein Kunstwerk oder ein Gespräch in mir bewirken.

Auch jenseits von Eden lockt der Baum der Erkenntnis, und immer noch halte ich mich zu oft unter ihm auf, beobachte zu wenig und urteile zu viel, lege mich mit Leuten an, die eine andere, eine bessere oder eine schlechtere Meinung haben. Mein Urteil ist nicht immer schön. Glaube und Schönheit haben aber mit dem Baum der Erkenntnis wenig zu tun, und in seinem Schatten wächst nichts, was für mein Leben von Bedeutung wäre.

Ich spähe täglich hinüber zum Baum des Lebens, der nicht meinen Intellekt oder mein Ego nährt, sondern mein Herz. An mir liegt es, mich lieber an seinen Früchten zu laben. Seine Wurzeln reichen hinab zu einer Quelle, die niemals versiegt. Stehe ich beim Baum des Lebens und lebe aus dem Herzen, finde ich meine wahre Identität. Dann darf ich alles, was das Leben an mich heranträgt, beobachten. Und wenn etwas nicht zu mir spricht, darf ich es loslassen und muss es nicht benennen. Dennoch finde ich mich jeden Tag unter dem Baum der Erkenntnis wieder und frage mich, ob es ein gutes Heute werden wird und warum die Mühen des Tages bereits ihre Schatten bis in mein Bett werfen.

Mein Leben kommt mir oft vor wie ein Spielfilm in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Er ist zwar untertitelt, und ich wechsle im Geist ständig vom Text zum Bild, zum Ton und zur Musik, aber das macht es mir unmöglich, mich ganz auf die Handlung zu konzentrieren. Und da der Film eben gerade von meinem eigenen Leben handelt, will ich keine wichtige Sequenz verpassen und fange an, zu interpretieren, was gerade vor sich geht: «Was will der Autor eigentlich damit sagen? Und wer ist der Autor meines Lebens überhaupt?»

Die Handlung meines Lebens findet zwischen den beiden Bäumen statt: dem Baum der Erkenntnis und dem Baum des Lebens. Ich ertappe mich des Öfteren dabei, wie ich ein Seil von einem Baumstamm zum anderen spanne und wie ein Lebenskünstler versuche, zwischen beiden Bäumen hin und her zu tänzeln. Aber diese Akrobatik ist vergebliche Kunst und kann nur sehr schwach die Unmöglichkeit verdecken, bei beiden Bäumen gleichzeitig zu sein.

Hollywood

Montag, 7. Mai 2018. Das Konzert der irischen Popgruppe U2 im SAP-Center in San Jose war zu Ende. Wo zuvor eine großartige Lightshow mit Tausenden von LED-Lampen die Konzerthalle beleuchtete, strahlte nun die Hallenbeleuchtung trostlos auf die Zuschauer hinab, die sich von ihren Plätzen erhoben und hinausströmten in die Nacht.

Jessie summte seinen Lieblingssong «Staring at the Sun», während er mit all den andern die Tribünentreppen hinunterstieg. Am Ausgang wurde er angerempelt und verlor beinahe das Gleichgewicht. Zuerst dachte er, jemand hätte ihn erkannt, aber so war es nicht.

Er zog seine Baseballmütze noch tiefer ins Gesicht und ließ sich dann mit der Menschenmenge hinaustreiben auf den riesigen Parkplatz, wo ihn sein goldener Pontiac Catalina Station Wagon erwartete. Eigentlich war es ein Irrsinn, den ganzen Weg von L.A. hochzufahren nur für dieses eine Konzert, aber U2 waren nun mal seine Lieblingsband. In wenigen Stunden würde er wieder in Los Angeles sein, wo das große Finale wartete.

Auf dem Parkplatz beobachtete er einige Arbeiter, die damit beschäftigt waren, auf einem gigantischen Stahlgerüst ein neues Filmposter aufzukleben. Einige Buchstaben fehlten noch, aber Jessie kannte den Film sowieso bereits. In riesigen Lettern stand da: «A Netflix Original Series, coming up this fr…. Hollywood J….»

Auf dem Rücksitz seines Wagens lag seine braune Ledersporttasche mit seinen Habseligkeiten, denn die Zeit war zu knapp, um zum Schlafen nach Hause zu fahren. Also würde er versuchen, im Wagen ein paar Stunden Schlaf zu kriegen.

Beim ersten Drehen des Zündschlüssels sprang der V8-Motor ohne Murren an und blubberte vor sich hin. Nach kurzem Rauschen meldeten sich aus den Lautsprechern U2: «You’re not the only one, staring at the sun …»

Am nächsten Morgen waren die Autoscheiben seines Wagens beschlagen vom Morgennebel, der über der Küste schwebte wie eine weiße Bettdecke, die jemand nachts vom Meer her über die Stadt der Engel gezogen hatte.

Jessie schlief zusammengerollt auf der Ladefläche seines Pontiac-Kombis. Sein Kopf ruhte auf seiner Ledertasche, und sein Körper war zur Hälfte bedeckt mit einer grünen Army-Jacke, unter der sein Gesicht verborgen war.

Im Innenraum des Autos roch es ein wenig nach Benzin. Jessie war die ganze Nacht von San Jose durchgefahren. Auf halbem Weg musste er irgendwo in der Nähe einer kleinen Stadt namens El Paso de Robles tanken. Beim Herausziehen des Zapfhahns ergoss sich ein kleiner Schwall Benzin über seinen Unterarm und bildete sofort einen großen dunklen Fleck auf seinem Ärmel. Er machte einen Sprung rückwärts und verbrannte sich dabei seine Lippen am heißen Kaffee, den ihm ein mürrischer Tankwart zuvor in einen Styroporbecher gefüllt hatte.

Mit einem Schlag war er hellwach. Er stieg ein und steuerte seinen Wagen über die staubige Tankstelleneinfahrt zurück auf den Highway. Der Pontiac schnurrte wie eine vollgefressene Katze. Jessie nahm eine bedruckte Seite Papier aus einem Stapel und murmelte leise die Worte, die auf den untersten zwei Linien standen: «Vater, nimm diesen Becher weg von mir, doch nicht, was ich will, sondern was Du willst, soll geschehen.» Dann schob er die Seite zurück in den Stapel.

Als die Sonne aufging, rollten die Weißwandreifen seines riesigen Kombis über den Santa Monica Boulevard. Es war Dienstagmorgen, noch sehr, sehr früh. Jessie lenkte seinen Wagen hinunter auf das Deck des Santa Monica Piers und zog einen Parkschein. Er musste noch ein paar Stunden schlafen, bevor der letzte große Tag begann. Er stieg aus und öffnete den riesigen Kofferraum, rollte sich hinein und zog von innen die Hecktür zu. Dann griff er nach der Tasche auf dem Sitz vor ihm und legte seinen Kopf darauf. Er zog die Jacke über sich und schlief sofort ein.

Aus dem Tiefschlaf weckte ihn ein Pochen und Klopfen auf das Dach seines Wagens. Die Parkplätze links und rechts von ihm hatten sich gefüllt, und auf dem Pier bildete sich eine große Menge.

Jessie rieb sich die Augen. Draußen rief ein Mann lautstark: «Da bist du ja, Jessie, komm schon raus, heute ist dein letzter Tag! Action, Jessie, Action!» Er stieg aus und schlug die Heckklappe seines Kombis zu. Durch die Ritzen der Holzplanken des Santa Monica Piers schimmerte das Meer. Eine der Möwen, die über ihm kreisten, setzte zur Landung auf dem schmalen Geländer an.

Der Himmel war strahlend blau, und ein frischer Wind trug den Duft von Meersalz, Muscheln und Seetang hinauf auf den Pier. Rostige Nägel ragten in Reih und Glied aus dem Holz wie eine Garnison römischer Soldaten in Marschformation. Aus den Gondeln des weißen Riesenrades, das sich gemächlich im Wind drehte, erklang das Lachen von Kindern. Einige Meilen im Hintergrund zierten weiße Buchstaben einen kargen Hügelzug: Hollywood.

Jessie bahnte sich einen Weg durch die Menge. Alle wollten heute dabei sein, hatten seine Wundertaten am Fernsehen mitverfolgt, und die Social-Media-Kanäle waren voll mit Berichten über ihn.

Der Showdown begann! Tausende waren zum Pier gekommen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie er Kranke heilen, Blinde sehend und Taube hörend machen würde – und wie er den Menschen ihre Sünden vergab. Andere waren da, weil sie das angekündigte Spektakel aus erster Hand beobachten und beurteilen wollten.

Eine kleine Frau mit verkrümmter Wirbelsäule und in alte Lumpen gekleidet folgt ihm durch die Menschenmasse und berührt seinen Trenchcoat. Umgehend wird sie von der Kraft, die von ihm ausgeht, ergriffen und richtet sich auf der Stelle kerzengerade auf. Sie hebt die Hände gegen den Himmel und beginnt, Gott in einer fremden Sprache zu loben. Sie tanzt aufrecht vor den Menschen, die verwundert stehen bleiben, und klatscht mit ihren Händen über dem Kopf. Ihre Lumpen verwandeln sich in ein edles, mit Goldfäden durchwobenes Kleid und glitzern in der Sonne. Ihre wegen der Schmerzen zerfurchten Gesichtszüge verschwinden, und Freude strahlt aus ihren funkelnden Augen. Sie stimmt ein Kirchenlied an, und einige der Umstehenden summen mit: «Du gibst mir Schönheit statt Asche.»

Die Leute scheinen zu Tränen gerührt. Jessie dreht sich um und läuft weiter. Ein Kind, in weißes Leinen gewickelt, wird ihm vor die Füße gelegt, offensichtlich ist es gestorben. Wehklagen schwingt durch die Luft, Frauen schluchzen. «Hört auf zu weinen», sagt er sanft. «Das Kind ist nicht tot, es schläft nur.»

Einige Männer lachen, während Jessie niederkniet, das Mädchen bei der Hand fasst und ruft: «Kind, steh auf!» Das Mädchen erhebt sich, springt zur Mutter und umarmt sie. Ein Raunen geht durch die Menge. Das Wehklagen schlägt um in Freudengeschrei.

Jessie schaut hinauf zum blauen Himmel und blinzelt in die Sonne. Vom Helikopter aus filmt ein Team die Szene aus der Luft. Die Umstehenden strecken ihre Smartphones aus und posten ihre Aufnahmen mit Kommentaren in die Datenwolken, damit geschehe, was geschrieben steht: «Seht, er wird auf den Wolken kommen. Alle Menschen werden ihn sehen, auch die, die ihn ans Kreuz geschlagen haben.»

Ein kleinwüchsiger rundlicher Mann, der in Los Angeles diverse Night-Clubs und auf dem Santa Monica Pier ein Restaurant besitzt, will Jessie um jeden Preis sehen, doch niemand macht ihm Platz. Wer ihn kennt, weiß, dass er sich seinen Reichtum ergaunert und erschwindelt hat. Er klettert vor seinem Etablissement auf einen Abfallkorb, der an einer Laterne befestigt ist, um einen Blick auf Jessie zu erhaschen. Als dieser an ihm vorübergeht, spricht er ihn an: «Steig von der Laterne, Zaccini, ich werde heute bei dir einkehren.»

Einige, die an ihrer Kleidung als eine religiöse Gemeinschaft erkennbar sind, murmeln erzürnt. Jessie aber lässt sich nicht beirren und setzt sich mit Zaccini an einen freien Tisch auf der Veranda. Die Kellner bringen umgehend einen Korb Brot und verneigen sich.

Die Menge vor dem Restaurant tobt, einige Reporter schimpfen: «Wir sind doch nicht gekommen, um ihm beim Essen zuzusehen!» Zaccini jedoch tanzt vor Freude um den Tisch und ruft: «Lieber Jessie, ich werde die Hälfte meines Vermögens an die Armen in der Stadt verteilen, und wem ich zu Unrecht Geld abgeknöpft habe, dem gebe ich es vielfach zurück.»

Jessie umfasst seine Hand und zieht ihn auf den Nachbarstuhl. Er nimmt ein Brot aus dem Strohkorb und bricht es in zwei Teile. «Wie viele davon habt ihr noch?», fragt er einen Kellner. «Wir haben nur noch wenige Brote, denn die Bäckerei konnte heute wegen dem Getümmel auf dem Pier nicht liefern», antwortet dieser. Da fordert Jessie die Menschen mit einer Geste auf, still zu sein. Er erhebt sich, spricht ein Dankgebet und teilt die Brote an die Kellner aus, die diese weiterverteilen.

Kurze Zeit später stehen Tausende kauend auf den Planken des Santa Monica Piers. Nur das Summen einiger Drohnenkameras ist zu hören. Das Riesenrad hat aufgehört, sich zu drehen, und das Lachen der Kinder ist verstummt. «Er hat das Brot vermehrt, ein weiteres Wunder», flüstert eine Reporterin in ihr Mikrofon, während sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischt und mit einem Taschentuch eine Träne aus dem Auge tupft.

Jessie wendet sich an Zaccini: «Heute hat Gott dir und allen, die mit dir leben, Rettung gebracht. Ich bin gekommen, um Verlorene zu suchen und zu retten: Heute habe ich dich gefunden.»

Er tritt von der Veranda und geht durch die Gasse, die von den Menschen vor ihm gebildet wird. Er weiß, es ist sein letzter Gang, denn draußen auf dem Pier wartet John Anghrist, der bekannte TV-Evangelist, auf ihn. Er hatte Jessie in seinen Fernsehsendungen angegriffen und ihm vorgeworfen, seine Wundertaten seien Magie und Hexerei, er würde die Menschen verzaubern und sie nicht ins Reich Gottes, sondern direkt in die Hölle führen.

Ganz draußen, auf der Spitze des Piers, soll es zum Showdown kommen.

Einige von Anghrists Anhängern drohen, Jessie über das Geländer des Piers ins Meer zu werfen, damit die ganze Welt sieht, ob er wirklich übers Wasser gehen kann. John Anghrist selbst hatte Jessie in einer Fernsehsendung zu einem öffentlichen Schlagabtausch aufgefordert: «Er wird nicht den Mut haben, sich öffentlich mit einem wahren Diener Gottes anzulegen. Ich werde am Ende des Santa Monica Piers auf ihn warten, und er wird es bereuen, sich als Werkzeug Gottes ausgegeben zu haben. Sein ausschweifender Lebensstil und sein Gefolge aus Huren, Zuhältern und Filmstars wird sehen, wem sie in Tat und Wahrheit nachgefolgt sind. Dieser Nichtsnutz bildet sich ein, er könne den Menschen ihre Sünden vergeben, aber das ist Gotteslästerung. Nur Gott allein kann Sünden vergeben.»

Die Sonne hat ihren Höchststand erreicht und glüht erbarmungslos am Himmel. Der Wind hat gekehrt und weht nun die heißen Santa-Ana-Winde, auch Teufelswinde genannt, aus dem Landesinnern über die Bucht hinweg. Das Thermometer steht bei über 30 Grad, und das im Mai. Ein weißes Segelboot vor der Küste kämpft im Pazifik mit den heftigen Böen und versucht vergeblich, die Segel einzuholen und den Bordmotor anzuwerfen. Ungewollt nimmt es Kurs auf die Küste. Das Segel hat sich wie ein Leichentuch um den Mastbaum und den großen Querbalken gewickelt und sieht aus, als wäre an Bord ein riesiges weißes Kreuz errichtet worden.

Jessie geht an einer Frau vorbei, die gerade einen Schluck aus einer PET-Flasche nimmt, und spricht zu ihr: «Wenn du von meinem Wasser trinkst, wirst du nie mehr durstig sein …»

Der Tumult wird lauter, denn die Frau ist Samantha Stone, eine ehemalige Pornodarstellerin, die sich den Gouverneur von Kalifornien geangelt hatte. Die Hochzeit war ein riesiges Medienspektakel gewesen.

Während Jessie das Ende des Piers anvisiert, beginnt der Mob an seinen Kleidern zu zerren und laut zu rufen: «Weg mit dir, weg mit dir!»

Die Gesichtszüge von John Anghrist gehen in ein Dauergrinsen über, als er sieht, dass seine Anhänger auf Jessie einschlagen und jemand mit einer Pistole gestikulierend schreit: «Ich töte dich, du Bastard, du elender Gotteslästerer!»

Panik, ein Schuss – und Jessie sinkt leblos zu Boden.

Einige Schläger packen den leblosen Körper und schleppen ihn zum Rand des Piers, wo sie ihn johlend über die weiße Reling hieven. Unbemerkt von der Menge ist das manövrierunfähige Boot unter den Pier getrieben worden und schwankt nun, zwischen den riesigen Pollern verhakt, hin und her.

Jessie fällt direkt auf das Mastkreuz. Seine Arme verfangen sich an den Beschlägen, die aus dem Holz des Querbaums herausragen. Durch den Aufprall löst sich das verwickelte Segel, und eine Windböe treibt das Boot weg vom Steg. Die Menschen, die sich am Pier tummeln, sehen, wie Jessie – am Kreuz des Mastbaums hängend – auf die offene See zutreibt. Der Namenszug in dunklen Lettern ist nun gut auf dem Bug des Bootes zu lesen: «Golgatha».

John Anghrist und seine Häscher schauen mit Genugtuung aufs Meer hinaus. Die Menge schreit, die Helikopter kreisen, die Leute zücken ihre Handys, um die unglaublich beeindruckende Szene aufzunehmen. Die ersten Hashtags folgen auf den Social-Media-Plattformen:

#lastdayofshooting und #lastsceneofJessie.

Dann nimmt jemand ein Megafon hervor, hält es vors Gesicht und schreit hinein: «Cut!» Die Kameras werden abgestellt, die Helikopter drehen weg. Die Statisten auf dem Pier knöpfen sich ihre Filmkostüme auf und stehen schwitzend in der Sonne. Jemand verteilt Wasserflaschen.

Jessie ist bereits vom Mastbaum abgeseilt worden und steht auf den Planken des Bootes. Er nimmt eine Flasche Cola aus einer Kühlbox und lächelt. Ridley Scott steht von seinem Regisseur-Stuhl auf und spricht erneut ins Megafon: «Great job, guys! Das war der letzte Take, der Film ist im Kasten.»

Beim Aufstehen hat sich die Rückenbanderole des mit Stoff bespannten Regisseur-Stuhls gelöst und hängt jetzt schräg herunter. Darauf steht: Hollywood Jesus!

Spieglein, Spieglein an der Wand

«Manchmal treffen wir die falsche Entscheidung – und landen im richtigen Ergebnis.»

– Marguerite Duras, «Der Liebhaber»

Die Fähigkeit zur Unterscheidung von Realität und Fantasie entwickelt sich beim Menschen schon in den ersten Lebensjahren. Im Alter von etwa zwei Jahren können Kinder bereits den Unterschied erkennen und finden es lustig, auf einem Besen zu reiten, so wie auf einem Pferd, oder die Ellbogen auf und ab zu bewegen und so zu tun, als würden sie fliegen.

Vierjährige können die Fantasiewelten in Comic-Büchern bereits ganz klar auseinanderhalten und kennen den Unterschied zwischen Realität und Fiktion. Schwieriger wird es allerdings, wenn fiktive Erzählungen mit dem persönlichen Leben verknüpft sind, wenn es zum Beispiel um den Weihnachtsmann geht oder um den Klapperstorch, der das kleine Brüderchen ins Bett legt nebenan.

Mit anderen Worten: Die intuitive Trennung von Fantasie und Realität muss trainiert werden, sie ist als solche nicht angeboren.

In der schönen neuen digitalen Medienwelt soll uns gerade diese Fähigkeit wieder abgewöhnt werden, indem diese Grenzen mit aller List wieder verwischt werden. Neue Begriffe tauchen auf wie «Realtainment» und «Scripted-Reality», in denen die Grenze von Fiktion und Realität verschwindet, wenn Laienschauspieler erfundene Geschichten mimen und so tun, als wären sie echt.

Die neuen Sendeformate, auch die für Erwachsene, zielen auf das geistige Niveau eines Kindes im Vorschulalter, Fantasie und Fiktion werden austauschbar, die Inhalte sind einfach gestrickt und meistens ziemlich hässlich. Im Grunde geht es jedes Mal darum, dass die Zuschauer untalentierten Laiendarstellern dabei zuschauen, wie ihr Leben den Bach runtergeht. Der Höhepunkt ist, wenn sich alle anschreien und die Quote stimmt. Denn es geht immer um die Zuschauerquote. Ist sie gestiegen, knallen bei den Produzenten der Sendung die Korken; sinkt sie, bricht bei allen Panik aus.

Trash-TV feiert weltweit riesige Erfolge, und mittlerweile weiß man auch mehr über die sozialen Auswirkungen in der Gesellschaft: Studien ergaben, dass nur noch knapp 20 Prozent der Zuschauer Scripted-Reality-Sendungen als fiktiv erkennen. Über die Hälfte meint, es würden echte Fälle nachgespielt, und 30 Prozent glaubten, es würden hier die tatsächlichen Erlebnisse der gezeigten Menschen dokumentiert. Ich habe das übrigens auch lange Zeit gedacht, bis mir vor Jahren Professor Langteaux von der L.A. Filmschool die Wahrheit über Reality-TV erzählte. Je echter das Ganze aussieht, desto fingierter ist die Geschichte.