Glaube unter imperialer Macht - Mitri Raheb - E-Book

Glaube unter imperialer Macht E-Book

Mitri Raheb

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Beschreibung

Jesus, der Jude – Anwalt der Palästinenser

Für Mitri Raheb wirft die Geschichte des Volkes in Palästina, die zugleich seine eigene Geschichte als arabischer Christ ist, ein völlig neues Licht auf die biblische Botschaft wie auch auf Geschichte und Geschick Jesu. Was Jesus wollte und welche Hoffnung in der biblischen Botschaft zu Hause ist, das erschließt hier ein palästinensischer Christ an der Geschichte seines unterdrückten Volkes. Ein Palästinenser, der den Juden Jesus für sich in Anspruch nimmt! – Eine Provokation!

  • Die Bibel als Buch der Gerechtigkeit und der Befreiung – auch für Palästinenser
  • Eine Provokation für Juden und Christen

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Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2014

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MITRI RAHEB

Glaube unter

imperialer Macht

EINE PALÄSTINENSISCHE

THEOLOGIE DER HOFFNUNG

AUS DEM ENGLISCHEN ÜBERSETZT

VON EVA CHR. GOTTSCHALDT

GÜTERSLOHER VERLAGSHAUS

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2014 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Umschlagmotiv: Nabil Anani »Jesus«, © Nabil Anani

Hintergrundmotiv: © yuliaglam – Fotolia.com

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-14285-8V002

www.gtvh.de

In Erinnerung an meinen Vater

Bishara Mitri Raheb,

der mich zum Glauben führte

und den kreativen Widerstand lebte.

INHALT

Danksagungen

Einleitung

1 Geschichte und biblische Erzählung

Geschichte als longue durée

Geschichte und Identität

Geschichte und Erinnerung

Geschichte und Mythos

Geschichte und Erzählung

2 Vorspiel zu einer palästinensischen Erzählung

Herrschende Kultur

Eine Stimme aus dem Exil

Der Aufstand des Volkes

Die Reaktion der Weltöffentlichkeit

Neue jüdische Stimmen

Zweifel an der vorherrschenden Erzählung

Vielversprechende Entwicklungen

Kairos Palästina

3 Der Nahe Osten: Die Geopolitik des Nahen Ostens

4 Palästina

Die Vorstellung

Geopolitik

5 Imperiale Macht

Kontrolle über die Bewegung

Kontrolle über die Ressourcen

Siedlungen

Staatlicher Terror

Exil

Jerusalem und der Tempel

Imperiale Theologie

6 Das Volk von Palästina

Wo bist du, Gott?

Wer ist mein Nachbar?

Ein Weg in die Befreiung?

Wann werden wir einen Staat haben?

7 Gott

Offenbarung

Gott als geopolitische Größe

8 Jesus

Der Messias ist da!

Geschichte in longue durée

Glaube als Widerstand

Die Gemeinschaft wiederherstellen

Das politische Programm Jesu

Die Botschafter des Königreiches

9 Der Geist

Nicht mit Gewalt

Vielfalt

Mehr als nur Opfer

Freiheit

Frauen

Kreativer Widerstand

Kultur des Lebens

EPILOG: VISION UND HOFFNUNG

Anmerkungen

Auswahlbibliographie

Danksagungen

Dieses Buch wurde während eines Aufenthaltes an der Yale Divinity School im Sommer 2012 geschrieben. Mein Dank gilt zahlreichen Freunden und Kollegen, deren Unterstützung die Veröffentlichung möglich gemacht hat: John Lindner, dem Direktor der Abteilung für auswärtige Beziehungen der Yale Divinity School, für seine Freundschaft und dafür, dass er mir meinen Aufenthalt dort möglich und angenehm machte; den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren dort unter der Leitung von Paul Stuehrenberg, deren Hilfe und Unterstützung ich mir stets sicher sein konnte, und dem Overseas Mission Study Center (OMSC) für seine Gastfreundschaft. Ein besonderer Dank geht an Frau Sarah Makari für ihre Mühe bei der Überarbeitung des Manuskriptes.

Einleitung

Jesus war ein palästinensischer Jude aus dem Nahen Osten. Würde er heutzutage durch westliche Länder reisen, würde er womöglich »zufällig« beiseitegenommen und er und seine Papiere würden überprüft. Die Bibel ist ein Buch des Nahen Ostens. Sie entstammt dieser Weltgegend mit all ihren vielschichtigen Zusammenhängen. Obwohl dies auf der Hand liegt, bin ich überzeugt davon, dass dieser Umstand längst nicht ausreichend beachtet wird. Selbst aus dem Nahen Osten stammend habe ich doch erst in den letzten zehn Jahren verstanden, wie bedeutend geopolitische Zusammenhänge in dieser Region sind. Dabei ging mir auf, dass die drei monotheistischen Religionen und ihre Heiligen Schriften keineswegs nur zufällig auf Gedeih und Verderb derselben Umgebung entstammen. Der Ausgangspunkt dieser Sicht auf die Dinge und somit auch dieses Buches ist die geopolitische Situation. Mich, den Christen aus Palästina, führte die Erkenntnis dieser Tatsache zu aufregenden Entdeckungen.

Allerdings machte ich diese Entdeckungen nicht irgendwo inmitten westlicher Akademikerkreise und sie waren auch nicht das Ergebnis einer Studie in einem Forschungszentrum. Vielmehr erweiterte sich mein Wissen, indem ich – sozusagen »im Feld« – über lange Zeit Bewegungen und Entwicklungen in Palästina verfolgte. Kurzum, ich beobachtete, untersuchte und versuchte zu begreifen, was um mich herum geschah. Dass es nicht im westlichen Wissenschaftsbetrieb und nicht unter Anwendung westlicher Forschungsverfahren entstanden ist, macht dieses Buch aber nicht »weniger wissenschaftlich«. Ich meine vielmehr, dass dies eine Wissenschaft besonderen Inhalts ist, weil sie auf eingehender und langanhaltender Beobachtung auf palästinensischem Boden basiert. Denn Beobachtung ist die Mutter der »Wissenschaft«. Sie verhilft uns zur Erkenntnis wiederkehrender Muster oder »logischer Tatsachen«, sogar dann, wenn unserem Gefühl nach die Dinge fürchterlich unlogisch und die Geschehnisse nicht vorherzusehen sind. In den letzten zwanzig Jahren habe ich Tag für Tag die geopolitischen und religionssoziologischen Entwicklungen in Palästina beobachtet. Doch zugleich bin ich auch ein Pfarrer, der Sonntag für Sonntag auf die Kanzel zu steigen und den Leuten in den Kirchenbänken die Schrift zu »übersetzen« hat. Und als Pfarrer weigere ich mich, die Wirklichkeit dieser Welt von der Wirklichkeit der Bibel zu trennen und auf diese Weise ein »billiges Evangelium« zu verkünden, das weder die Realität herausforderte noch sich von ihr herausfordern ließe. Diese besondere Aufgabe – eine persönliche, andauernde und sehr ernste Herausforderung – ist der Ort dieser Untersuchung.

Ich werde hier eine Theologie im palästinensischen Kontext vorlegen. Aber nochmals: Dies sollte meine Ergebnisse beziehungsweise ihre Belastbarkeit nicht in Frage stellen. Meine Überzeugung ist vielmehr, dass mir mein Miterleben der Auseinandersetzungen in Palästina – sowohl als Christ, der täglich mit der Schrift ringt, als auch als Akademiker, der sich bemüht, die Entwicklungen in seiner Umgebung zu untersuchen und zu verstehen – zu einem einzigartigen Lebenskontext für so eine Untersuchung verholfen hat. Die Ausgangsbedingung für diesen Versuch ist mein Leben als Christ unter israelischer Besatzung in Palästina. In diesem Buch soll der Versuchsverlauf dokumentiert werden, damit die Ergebnisse nicht verlorengehen, sondern einem größeren Publikum zur Verfügung stehen, das darauf aufbauen mag. Die Anordnung zu diesem Versuch ist allerdings insofern besonders einzigartig, als sie womöglich unwiederholbar bleiben wird. Die schlichte Tatsache, dass die Zahl der Christen in Israel-Palästina und dem Nahen Osten insgesamt in jedem Jahr weiter abnimmt, wird einen wichtigen Ausgangspunkt für dieses Buch – die christliche Komponente – zum Verschwinden bringen. Womöglich ist meine Generation die letzte, die sich mit der Schrift und ihrer Botschaft unter den Bedingungen ihrer Entstehung – nämlich denen andauernder Besatzung – auseinandersetzen wird.1

Als ich im Juni 2012 an die Yale Divinity School ging, um dieses Buch zu schreiben, dachte ich zu wissen, wie es auszusehen hätte. Meine Absicht war es, in die biblische Hermeneutik einen neuen Ansatz einzubringen, an dem ich fast ein Jahrzehnt lang gearbeitet hatte. Ich wollte ein wissenschaftliches Werk für Theologen und Theologiestudenten in der ihnen vertrauten Sprache schreiben. Aber als ich eine Woche lang darüber nachgedacht hatte, war mir klar, dass es nicht das war, was mir wirklich entsprach. Statt ein Buch über methodische Ansätze und Grundlagen zu schreiben, das nur von Fachtheologen verstanden würde, entschloss ich mich, ein allgemeinverständliches Buch zu verfassen, zugänglich sowohl für Laien auf der Suche nach dem Sinn biblischer Texte als auch für Leser, die sich für den Nahostkonflikt im Allgemeinen und den Palästinensisch-israelischen Konflikt im Besonderen interessieren – sowie für Millionen Andere, die den Druck imperialer Mächte in ihren täglichen Auseinandersetzungen spüren. Statt hermeneutische Theorien zu erörtern, wollte ich darlegen, wie ein gegenwartsbezogenes Lesen der Bibel im Nahen Osten aussehen könnte und sollte. Um dem Werk einen theologischen Rahmen zu geben, fügte ich zwei wissenschaftliche Kapitel ein.

Das erste Kapitel erläutert mein Verständnis von Geschichte im Verhältnis zur biblischen Erzählung und zur Entstehung von Identität. Für mich als einen palästinensischen Christen ist Palästina einerseits das Land meiner biologischen Vorfahren, andererseits aber auch das Land meiner geistlichen Vorväter und Vormütter. Insofern ist die biblische Geschichte untrennbarer Teil der Geschichte meiner Nation, einer Geschichte fortwährender Besatzung durch aufeinanderfolgende Großreiche. Tatsächlich kann die biblische Erzählung am besten als Antwort auf die geopolitische Geschichte der Region verstanden werden. Wer mit meinen früheren Büchern vertraut ist, wird in dieser Monographie eine neue Sprache vorfinden, einen Ansatz und eine Blickrichtung, die sich von denen einiger meiner früheren Schriften unterscheiden. In jenen Arbeiten – das merke ich jetzt – tanzte ich sozusagen nach den Rhythmen europäischer Orgelmusik und Theologie. Ich wollte beweisen, dass ich das Instrumentarium der europäischen Methodologie beherrschte, und versuchte, mit diesen Werkzeugen meine Sache als palästinensischer Christ zu verteidigen. Ich fühle, dass ich nun mit diesem Buch Musik für Trommeln komponiere – für die wichtigsten Musikinstrumente des Nahen Ostens.

Nach einer langen Reise durch die angelsächsische Theologie empfinde ich mich nun endlich angekommen im Nahen Osten, wo ich hingehöre. Insofern ist das Werk eine Einladung an den Leser, mich auf der Reise in das Herz des Nahen Ostens und der biblischen Botschaft zu begleiten.

Das zweite Kapitel des Buches wird zeigen, dass ich mich mit diesem Ansatz durchaus im Einklang mit den Geisteswissenschaften im weiteren Sinne befinde, dass seit den späten siebziger Jahren aber ein äußerst interessanter Prozess stattgefunden hat, der eine neue Lesart sowohl der Geschichte als auch der biblischen Erzählung ermöglicht. Obwohl eine solche Herangehensweise nicht vorherrschend ist, wurde bereits in palästinensischen, israelischen und europäischen Kreisen – wie auch von Autoren der südlichen Hemisphäre – viel dazu geschrieben, was ebenfalls in diese Richtung geht. Das vorliegende Buch baut auf diesen jüngeren Entwicklungen auf, wendet neue Methoden auf den palästinensischen Kontext an und schafft auf diese Weise eine neue und authentische palästinensische theologische Erzählung, die sowohl den ursprünglichen Kontext der Bibel als auch den gegenwärtigen politischen Zusammenhang ernstnimmt.

Kapitel drei beginnt mit einem näheren Blick auf die geopolitischen Zusammenhänge der gewöhnlich als Naher Osten bezeichneten Region. Das Auftauchen von fünf regionalen Mächten um die erste Jahrtausendwende v. Chr. und die weitere Entwicklung dieser Mächte zu gewaltigen Großreichen haben das Schicksal Palästinas während der letzten 2500 Jahre als besetztes Gebiet und als Schlachtfeld konkurrierender Reiche bestimmt. Die Besatzung Palästinas durch Israel ist insofern ein weiteres Glied in einer langen Kette der ununterbrochenen Fremdherrschaft. Solche Fremdherrschaft ist das prägende Merkmal unserer Geschichte: von den Assyrern (722 v. Chr.), den Babyloniern (587 v. Chr.) und Persern (538 v. Chr.), gefolgt von den Griechen (333 v. Chr.), den Römern (63 v. Chr.), den Byzantinern (336), den Arabern (637), dann den Tartaren (1040) über die Kreuzritter (1099), die Ayyubiden (1187), wiederum die Tartaren (1244), die Mamelucken (1291) bis zu den Mongolen (1401), gefolgt von den Osmanen (1516), den Briten (1917) und schließlich den Israelis (1948/1967) – um nur die wichtigsten zu nennen. Diese raue geopolitische Wirklichkeit ist Gegenstand des vierten Kapitels.

Das fünfte Kapitel beschreibt, was Leben unter all der Fremdherrschaft für die palästinensische Bevölkerung bedeutete und was dies heute für uns bedeutet. Imperien entwickeln ihre eigenen Theologien, um ihre Macht und ihre Besatzung zu rechtfertigen. Sie entwerfen Raster für die Kontrolle über Menschen und Güter. Derartige Unterdrückung weckt eine Reihe von gewichtigen Fragen bei den Betroffenen: »Wo bist du, Gott?« und »Warum handelt Gott nicht, um Sein Volk zu retten?« Wenn sich dann unter wechselnden Herrschaften unterschiedliche Identitäten in den verschiedenen Gegenden Palästinas herausbilden, stellt sich die Frage: »Wer ist mein Nachbar?« Und schließlich wird die ständige Frage: »Wie kann Befreiung erlangt werden?« von den verschiedenen religiösen, politischen und sozialen Gruppierungen unterschiedlich beantwortet werden. Solange die Herrschaft andauert, werden die Menschen fragen: »Wann werden wir unseren eigenen Staat haben?« Alle diese Fragen und die unterschiedlichen Antworten darauf finden sich in der Bibel, genauso wie im Palästina der Gegenwart. Sie werden im sechsten Kapitel erörtert.

Das siebte Kapitel schließlich thematisiert den Glauben an Gott als eine Kraft, die die imperiale Macht herausfordert und die Wirklichkeit wirksam verändert. Gott kommt in den Nahen Osten, um die Geopolitik der Region zu überwinden. Liest man die Bibel unter diesem Blickwinkel, wird man gewahr, dass Jesus wie kein anderer die Machtverhältnisse seiner Umgebung durchschaute. Unter der römischen Herrschaft geboren und vom römischen Imperium am Kreuz vernichtet, war Jesus in der Lage, seine Vision eines Königreiches zu entwerfen, das viel größer als Palästina und viel mächtiger als das Imperium sein würde. Er sah sich ausgesandt, sein Volk zu befreien, indem er ihm das Gefühl der Gemeinschaft zurückgab und es befähigte, Botschafter des neuen Königreiches zu werden. Jesu Politikverständnis ist Gegenstand des achten Kapitels.

Das neunte Kapitel handelt von der Spiritualität, die im Nahen Osten erforderlich ist, um heute voranzukommen. Gewaltloser und kreativer Widerstand, Unabhängigkeit und Freiheit, Gleichberechtigung der Frauen und eine lebensbejahrende blühende Kultur sind unverzichtbare Voraussetzungen für die Zukunft Palästinas und des Nahen Ostens.

Können wir uns einen anderen Nahen Osten vorstellen? Wird es eine andere Zukunft geben? Dies sind wichtige Fragen in der Bibel – genauso wie im Zusammenhang mit den heutigen Aufbrüchen in der arabischen Welt, die der sogenannte arabische Frühling hervorbrachte. Prophetische Vorstellungskraft erlaubt uns, über die Gegenwart hinauszublicken, und christliche Hoffnung versetzt uns in die Lage, uns auf den Weg zu machen, damit eine neue Sicht auf die Dinge beide in Bewegung versetzt.

Dieses Buch ist die Antwort auf eine persönliche Herausforderung, aber ich bin mir sicher, dass das Ergebnis eine noch größere Herausforderung für viele andere sein wird. Es wird Palästinenser herausfordern, weil es ihrem Identitätsverständnis der letzten Jahrzehnte widerspricht und weil meine Thesen kein rasches Ende der Besatzung versprechen. Auch zahlreiche Christen, zionistisch gesinnte Juden und Bibelkundige werden meinen Ansatz provokativ finden, weil er ihren geläufigen westlich geprägten Annahmen widerspricht. R. S. Sugirtharajah hat diagnostiziert: »Die vorherrschende Gelehrsamkeit ist wie eine Insel, blockiert von ihren eigenen, bornierten eurozentristischen Fragestellungen ... Aufs Ganze gesehen, hat die übliche Bibelwissenschaft künstliche Erfordernisse geschaffen und die biblische Geschichte darum gruppiert, sie hat das Textverständnis verstellt und die Leser von den wirklichen Bedürfnissen und Wünschen der Menschen abgelenkt.«2

Vor sieben Jahren hat das Diyar Consortium (eine Dachorganisation verschiedener Bildungs- und Sozialeinrichtungen in Bethlehem, d. Ü.) ein auf zehn Jahre angelegtes Forschungsprojekt unter dem Titel »Gemeinschaftstiften in Krisenzeiten: Land, Völker und Identitäten« ins Leben gerufen.3 Die Idee dahinter ist, Entwicklungen in der Theologie der letzten hundert Jahre zu untersuchen und herauszufinden, wie diese die Sicht auf die Sache der Palästinenser beeinflussen. Zugleich zielt es auf den Entwurf einer neuen Erzählung, die sich auf ihre nahöstlichen Wurzeln beruft und dem unterdrückten Volk von Palästina eine Stimme gibt, damit sie weiterhin – so wie ihre Vorväter und Vormütter – ihre Geschichte der Besatzung zum Trotz erzählen können. Dieses Buch ist eine weitere Frucht dieses Vorhabens. Es zielt darauf, die Grundlage zu schaffen für ein authentisches Narrativ der Christen in Palästina, das politisch bedeutsam und theologisch schöpferisch ist. Es soll zu einer neuen Sicht auf die biblische Erzählung und die Sendung Jesu verhelfen, wobei die gegenwärtige Problematik Palästinas als hermeneutischer Schlüssel zum Verständnis des ursprünglichen Kontextes und Gehalts der Bibel dienen mag. Letzten Endes verbindet die Geschichte der Menschen in Palästina die biblischen Zeiten mit der Gegenwart. Ihre Erzählungen werfen ein einzigartiges Licht auf jene in der Bibel. Dieses Buch ist erst ein Anfang, ich hoffe, weitere werden folgen.

1   Geschichte und biblische Erzählung

GESCHICHTEALS LONGUEDURÉE

Innerhalb der von Christen betriebenen Geschichtsschreibung zum Nahen Osten und zu Palästina lassen sich durchgängig und ohne Ausnahme zwei Zugänge beobachten. Zunächst ist da die biblische Geschichtsschreibung, die ungefähr bei Abraham einsetzt und mehr oder weniger bis in die Zeit Jesu reicht. Dementsprechend bemühen sich die Gelehrten, etwas über die Geschichte der Assyrer, der Babylonier, der Perser, der Griechen und Römer herauszufinden, und überlegen, welche Auswirkungen die Existenz dieser Großreiche auf Palästina hatte. Für gewöhnlich endet diese Linie der Geschichtsbetrachtung mit dem Zweiten jüdischen Aufstand Mitte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. Wegen des biblisch geprägten Blickwinkels endet das Interesse solcher Geschichtsschreibung an Palästina an dieser Stelle. Niemand, der diese Linie verfolgt, sieht sich veranlasst, irgendetwas zur Kenntnis zu nehmen, zu lernen oder gar zu untersuchen, das mit der palästinensischen Geschichte seit dieser Zeit zu tun hat.

Der zweite Zugang ist die Geschichte der Kirche. Dabei wird Kirchengeschichte zumeist als Weltgeschichte und vor allem als Geschichte des Westens gedacht. Für gewöhnlich setzt sie bei der frühen Kirche ein und schreitet vom Konstantinischen beziehungsweise Byzantinischen Reich über das Heilige Römische Reich, die Kreuzzüge, das Zeitalter der Scholastik bis zur Reformation fort und schließlich von der Geschichte der Mission bis in die Gegenwart. Lediglich in den ersten beiden Jahrhunderten und – bis zu einem gewissen Grad – im Hinblick auf die Zeit der Kreuzzüge erscheint Palästina erwähnenswert, und so bleibt seine Geschichte weitgehend im Dunkeln.

In meinen Augen ergeben diese Herangehensweisen überhaupt keinen Sinn. Für mich als Palästinenser lässt sich die Geschichte meines Landes von der Ur- und Frühgeschichte bis in die Gegenwart nachzeichnen, und Rom war auch nicht die letzte imperiale Macht, die über die Palästinenser herrschen sollte. Auf die Römer folgten in unserer Geschichte, wie bereits erwähnt, die Byzantiner (332), die Araber (637), die Tartaren (1040), die Kreuzfahrer (1099), die Ayyubiden (1187), wiederum die Tartaren (1244), die Mameluken (1291), die Mongolen (1401), die Osmanen (1516), die Briten (1914) und die Israelis (1948/67) – um nur die wichtigsten Besatzungsmächte zu nennen.

Dasselbe gilt für die Kirchengeschichte, die die Zeit von der Geburt der Kirche zu Pfingsten in Jerusalem bis in die Gegenwart umfasst. Die biblische Geschichte hingegen ist in beträchtlichem Maße zugleich die Geschichte meines Landes. Als Palästinenser betrachte ich sie als wesentlichen Teil der Geschichte meiner Vorfahren. Ich lese biblische Geschichte nicht als Geschichte eines Landes in der Mitte von »Irgendwo« oder des »Ostens von Irgendwas«, sondern als unsere Geschichte. Insofern schließt für mich die Kirchengeschichte nahtlos an die biblische Geschichte an. Da gibt es keinen Bruch. Diese Einsicht verhilft mir zu einer ganzheitlichen Geschichtsbetrachtung.

Was für die christlichen Gelehrten gilt, gilt auch für die säkularen Geschichtswissenschaftler von heute. Ob im Rahmen von Nahoststudien und von Studien zu Nordafrika oder in der Politikwissenschaft – stets fällt ein Umstand ins Auge: Sämtliche Verfasser der schier unzähligen Arbeiten zum israelisch-palästinensischen Konflikt beginnen ihre Betrachtung irgendwann im späten neunzehnten Jahrhundert mit dem Entstehen der zionistischen Bewegung. Jeder nur denkbare Aspekt dieser Bewegung und der mit ihr zusammenhängenden Konflikte wurde wissenschaftlich untersucht. Und dennoch mangelt es allen diesen Untersuchungen an historischem Zusammenhang. Ganze Jahrhunderte entgehen ihrem auf die Einzigartigkeit des gegenwärtigen Konfliktes verengten Blick, den sie daher auch nicht als Teil eines fortlaufenden Musters erkennen können. Diese Abkoppelung der Untersuchungen vom historischen Zusammenhang hat falsche Ergebnisse zur Folge, welche die Palästinenser teuer zu stehen kommen.

Dieser doppelte Bruch hat für die Betrachtung der Geschichte Palästinas zweierlei Folgen: Entweder befassen sich die Historiker mit antiker »Sakralgeschichte« ohne wesentlichen politischen Belang für die Palästinenser von heute, oder die säkulare Zeitgeschichtsschreibung beschränkt sich auf ihr Fachgebiet ohne Bezug zur vorangegangenen Geschichte. Die einen sind ausschließlich der biblischen Geschichte verpflichtet, während die anderen sich einzig und allein der Kolonialgeschichte widmen. Beides wird also in voneinander getrennten Fachbereichen behandelt – unter Verwendung jeweils unterschiedlicher Herangehensweisen und Theorieansätze. Niemand möchte Bibelwissenschaft mit zeitgenössischen Fragestellungen vermischen, die einem gegenwärtig andauernden Konflikt entspringen, und kein Säkularhistoriker fühlt sich von etwas herausgefordert, das in seinen Augen als religiöser Diskurs daherkommt.

In diesem Buch werde ich die antike und die moderne Geschichte Palästinas als kontinuierliche historische Entwicklung innerhalb ebenso vielfältiger wie einzigartiger Zusammenhänge behandeln, innerhalb derer sich allerdings bestimmte Themen wiederholen. Während ich das Teleobjektiv zu schätzen weiß, das es uns erlaubt, geschichtliche Ereignisse genauer in Augenschein zu nehmen, werde ich das Weitwinkelobjektiv der »longue durée«1 einsetzen, um die Geschichte über längere Zeiträume und als fortlaufende Entwicklung zu betrachten. Für mich als Historiker ist der israelisch-palästinensische Konflikt untrennbarer Bestandteil der Geschichte des europäischen Kolonialismus. Schließlich war es die Führung des British Empire, die den Staat Israel in den Nahen Osten einfügte, und es ist der Westen, der Israel fortlaufend – militärisch, finanziell und ideologisch – unterstützt. An dieser Stelle spreche ich von Imperium, von imperialer Macht. Gleichzeitig sehe ich, wie die gesamte Bibel, das Alte ebenso wie das Neue Testament, darum ringt, auf verschiedene und wiederkehrende Imperien eine Antwort aus dem Glauben zu entwickeln. Ich verstehe »Sakralgeschichte« als eine mögliche Antwort auf die »weltlichen« Geschichten gewalttätiger Imperien. Weil mächtige Imperien weiterhin den roten Faden in der Geschichte Palästinas bilden, bleibt die Frage nach Gott entscheidend und der Glaube ist ebenso herausgefordert wie einbezogen.

GESCHICHTE UND IDENTITÄT

Mein Vater wurde 1905 in Bethlehem als Bürger des Osmanischen Reiches geboren und hatte osmanische Ausweispapiere. Als Jugendlicher erlebte er mit, wie die Osmanen von den Briten abgelöst wurden, und plötzlich, nahezu über Nacht, wurde aus ihm ein Bürger des palästinensischen Mandatsgebietes, der einen von den britischen Mandatsbehörden ausgestellten palästinensischen Pass besaß. Als Bethlehem im Jahr 1949 Teil von Jordanien wurde, verwandelte er sich ebenso plötzlich in einen Bürger des Haschemitischen Königreiches von Jordanien. Und 1975 starb er unter israelischer Besatzung und besaß eine Israeli ID Card. Durch alle Wechselfälle der politischen Geografie hindurch blieb er indes ein und dieselbe Person, der keine andere Wahl blieb, als sich den jeweils veränderten politischen und hoheitlichen Gegebenheiten anzupassen.

Durch die ganze palästinensische Geschichte hindurch kamen imperiale Mächte, hielten das Land für eine gewisse Anzahl von Jahren besetzt und wurden dann jedoch wieder vertrieben. Meistens machte ein Imperium lediglich dem nächsten Platz. Die Mehrheit der Einheimischen verließ das Land nur selten. Während der ganzen langen Geschichte – und zum ersten Mal im Rahmen des Assyrischen Exils – wurde jeweils nur eine kleine Minderheit außer Landes gezwungen und nur ein geringer Teil der Bewohnerschaft wanderte aus freien Stücken aus. Weitaus die Mehrheit blieb im Land ihrer Väter (2 Kön 25,11). Sie bildeten die »Am Haaretz«, die alteingesessenen »Leute des Landes«, ungeachtet der verschiedenen Imperien, die das Land jeweils beherrschten. Deshalb benutze ich in diesem Buch den Ausdruck »Leute des Landes« als Bezeichnung für die ursprünglichen Bewohner, die durch die ganze Geschichte hindurch im Land blieben – denn sie sind die Träger des historischen Zusammenhangs.

Ihre Identität mussten sie freilich verändern und den neuen Gegebenheiten und Imperien anpassen, unter deren Herrschaft sie sich jeweils wiederfanden. Sprachlich wechselten sie vom Aramäischen über das Griechische zum Arabischen, während ihre Identität von kanaanitisch zu hethitisch wechselte und danach zu hiwitisch, perisitisch, girgaschitisch, amoritisch, jebusitisch, philistisch, israelitisch, judäisch/samaritanisch, gefolgt von hasmonäisch, jüdisch, byzantinisch, arabisch, osmanisch und schließlich palästinensisch – um nur einige zu nennen. Und auch der Name des Landes veränderte sich von Kanaan zu Philisterland, von Israel zu Samaria und Judäa, schließlich zu Palästina. Religiös gingen die Menschen vom Baalskult zur Jahwe-Verehrung über. Später dann glaubten viele von ihnen an Jesus Christus und wurden Christen. Waren die ersten aramäisch sprechenden Christen noch »Monophysiten«, wurden sie alsbald zum griechisch-orthodoxen Glauben gezwungen. Um den ihnen auferlegten Sondersteuern zu entgehen, konvertierten viele zum Islam und wurden Muslime. Trotz allem blieben sie durch die Jahrhunderte dort, wo sie waren, als »Leute des Landes« mit einer dynamischen Identität. In diesem Sinne stehen heutige Palästinenser in geschichtlicher Kontinuität zum biblischen Israel. Die alteingesessenen Leute des Landes sind Palästinenser! Das Volk von Palästina (Muslime, Christen und palästinensische Juden) ist die entscheidende und lebendige Verbindung von Kanaan zur Zeit der Bibel, von den Griechen über die Römer, die Araber und die türkische Ära bis in die heutige Zeit. Sie sind die ursprünglichen Völkerschaften, die alle diese Imperien und Besatzungen überdauert haben. Und sie sind zugleich die Nachkommen der einfallenden Heere und Siedler, die es vorzogen, im Land zu bleiben und dort Wurzeln zu schlagen, statt in ihre Herkunftsländer zurückzukehren. Die Palästinenser sind das zusammengeballte Ergebnis dieser unglaublich wechselvollen Geschichte mit ihren tiefgreifenden geopolitischen Veränderungen.

Diese Sicht der Dinge ist keineswegs die unter Palästinensern, Europäern oder Israelis vorherrschende. Manche Palästinenser übernahmen die westliche Sichtweise und begreifen sich selbst als der Wüste entstammende reine Kanaanäer oder Araber. Dass Palästinenser nichts anderes sind als die einheimischen Leute des Landes, ist in Vergessenheit geraten. Interessanterweise war aber genau diese Sichtweise unter den ersten jüdischen Immigranten durchaus nicht selten.2 Ber Borochov, einer der führenden Persönlichkeiten der zionistischen Linken, der die Juden während der Uganda-Debatte (1902) für Palästina gewinnen wollte, schrieb:

»Die lokale Bevölkerung in Palästina ist den Juden vom rassischen Standpunkte her näher als jedes andere Volk auf der Welt, selbst unter den ›Semiten‹. Es ist anzunehmen, dass die Fellachen in Palästina direkte Nachkommen der Überbleibsel der kanaanäischen und jüdischen Bauern sind, ergänzt um eine kleine Beimischung arabischen Blutes ... Man sieht, dass der rassische Unterschied zwischen einem Diaspora-Juden und den palästinensischen Fellachen nicht auffälliger ist als der Unterschied zwischen einem aschkenasischen und einem sephardischen Juden.«3

David Ben-Gurion – der spätere Premierminister des Staates Israel – und Itzhak Ben-Zvi – später dann Staatspräsident – verfassten 1918 zusammen ein sozialgeschichtliches Werk unter dem Titel »Eretz Israel in the Past and in the Present«. Darin findet sich die Feststellung:

»Die Fellachen stammen nicht von jenen arabischen Eroberern ab, die im siebten Jahrhundert in Eretz Israel und Syrien einfielen. Die Araber vernichteten die bäuerliche Bevölkerung, die sie dort vorfanden, nicht. Sie vertrieben lediglich die fremden byzantinischen Herrscher, tasteten die ansässige Bevölkerung aber nicht an.«4

Ben-Gurion und Ben-Zvi kamen zu dem Schluss, dass »trotz Unterdrückung und Leid, die ländliche Bevölkerung dieselbe geblieben war«.5

Genau diese Vorstellung war es, die etliche der ersten jüdischen Einwanderer nach Palästina zog, Israel Belkind zufolge in der sicheren Erwartung, dass sie in den Palästinensern »zum guten Teil eigene Leute ... von ihrem eigenen Fleisch und Blut« antreffen würden.6

GESCHICHTE UND ERINNERUNG