Gleißendes Licht - Marc Sinan - E-Book

Gleißendes Licht E-Book

Marc Sinan

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Beschreibung

Türkisch. Deutsch. Armenisch. Eine Familiengeschichte voller Glanz, Tragik und Gewalt. Als der Berliner Komponist Kaan für einen längeren Aufenthalt nach Istanbul reist, wird er mit Gewalt auf die verschüttete Geschichte seiner Familie gestoßen. Deutlich und unerwartet überkommt ihn das Trauma seiner Großmutter, die durch den Völkermord an den Armeniern zur Waise wurde. Kaan beginnt, sich zu erinnern: an seine Großeltern, sie Armenierin, er Türke, die in den Jahren der Republik unter Atatürk zu Wohlstand kamen, um am Ende doch alles zu verlieren. An seine Mutter, die ihre türkische Heimat für einen deutschen Mann hinter sich ließ. An seine eigene Kindheit, Besuche bei den Großeltern am Schwarzen Meer, die nach grünen Bohnen und salzigem Fisch schmeckten, nach der Wärme der Bağlama klangen und in den Farben der Wellen leuchteten. Und während Kaan erzählt, erfasst ihn ein Wunsch nach Rache. Und nach Vergebung. Marc Sinans Romandebüt besticht durch Erfindungskraft, Poesie und fantastische Erzähllust.  

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Marc Sinan

Gleißendes Licht

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Türkisch, deutsch, armenisch. Eine Familiengeschichte zwischen drei Kulturen, voller Glanz, Tragik und Gewalt.

Als der Berliner Komponist Kaan zu einem Stipendienaufenthalt nach Istanbul reist, geht seine Welt entzwei: Deutlich und unerwartet überkommt ihn das Trauma seiner Großmutter, deren Familie bei dem Völkermord an den Armeniern ausgelöscht wurde.

Kaan beginnt zu erinnern: an seine Großeltern, sie Armenierin, er Türke, die in den Jahren der Republik unter Atatürk zu Wohlstand kamen, um am Ende doch alles zu verlieren. An seine Mutter, die ihre türkische Heimat für ihren deutschen Mann hinter sich lässt. An seine eigene Kindheit, Besuche bei den Großeltern am Schwarzen Meer, die nach grünen Bohnen und salzigem Fisch schmeckten, nach der Wärme der Bağlama klangen und in den Farben der Wellen leuchteten … In allem war für den Jungen Musik.

Und während Kaan erzählt, erfasst ihn ein Wunsch nach Rache: an einem türkischen Präsidenten, der den ersten großen Genozid der Moderne nach über hundert Jahren noch immer leugnet.

Ein Roman, der ein ganzes Jahrhundert erzählt, von den 10er Jahren in der Türkei über München in den 80er Jahren bis ins Berlin der Gegenwart: Marc Sinans Debüt verfängt durch überbordende Fantasie, poetische Raffinesse und unbändige Erzähllust.

Vita

Marc Sinan wurde 1976 als Sohn einer türkisch-armenischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren. Er ist Komponist und Gitarrist. Täter und Opfer und Völkermord: darum geht es in Marc Sinans Werk, u.a. dem Musiktheater "Komitas“, der Konzertinstallation "Hasretim (Meine Sehnsucht) - eine anatolische Reise" und dem Oratorium "Gleißendes Licht". In seinem ersten Roman, der ebenfalls den Titel "Gleißendes Licht" trägt, greift er diese Themen auf und verarbeitet sie zum ersten Mal literarisch. Marc Sinan lebt in Berlin.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2023

Copyright © 2023 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung Michael Schlegel

ISBN 978-3-644-01416-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für Dich,

Mimi,

Du Liebe meines Lebens.

Başka yerde nur içinde yatılacağına, burada nur içinde yaşanır.

Statt im Jenseits im gleißenden Licht zu ruhen, lässt es sich hier darin leben.

(Cevat Şakir, Halikarnas Balıkçısı, Der Fischer von Halikarnassos)

 

Die Wahrheit ist eben kein Kristall, den man in die Tasche stecken kann, sondern eine unendliche Flüssigkeit, in die man hineinfällt.

(Robert Musil)

Oh, the rare old Whale, mid storm and gale

In his ocean home will be

A giant in might, where might is right,

And King of the boundless sea

 

Oh, der alte Wal, im Sturmgefecht,

Ist in seinem Ozeanreich

Ein Riese an Macht, wo Macht ist Recht,

Und König im endlosen Teich

(Herman Melville)

wie wir doch hadern

mit dem tod,

bloss,

 

unausweichlich wir

ihn denken,

bloss,

 

die welt wär uns

paradies,

könnten wir

ihn nicht sehn,

 

doch auch

zum sterben

blass.

Als er auf das offene Schwarze Meer hinausrudert, am windstillsten Tag dieses späten Frühlings 1915, ist Hüseyin fünfzehn Jahre alt. Zur gleichen Zeit schreibt ein namenloser deutscher Grenadier in einem polnischen Schützengraben diese letzten Zeilen vom Hadern mit dem Tod, und keine Menschenseele wird je erfahren, ob er seine Angst bezwingen konnte, bevor dieselbe Kugel erst sein rechtes Auge und danach sein Großhirn zerfetzte. Nichts wird später an ihn erinnern, nur diese Zeilen.

Er hätte ein großer Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts werden sollen, doch der Krieg kommt über die Menschen und nimmt sie sich, als stünden sie ihm genauso hilflos gegenüber wie dem Lauf der Gestirne. Dabei sind sie selbst der Krieg, und die Gestirne sind die Gestirne.

Mit Hüseyin sitzt nur der zahnlose Steuermann im Heck des Bootes, und der starrt an ihm vorbei nach vorne, mit gelb aufgerissenen Augen. Hüseyin ist ganz aufs Rudern konzentriert. Keiner ist so gut wie er, deshalb haben sie ihn geheuert. Das Wasser liegt still an diesem Morgen, es ist dunkel und doch hell genug, dass er enorme Schwärme Istavrit, jene makrelenartigen Meeresfische, unter der Oberfläche vorbeirasen sieht. Nur sie bringen Unruhe unter das straff gespannte Schwarz, die Erinnerung der vergehenden Nacht. Die Hügel verhängt von dämmernden Nebelschwaden. Es wird ein diesiger Tag werden, einer, an dem das Meer keinen Horizont hat, weil die Farbe des Wassers mit dem Himmel verschwimmt. Ohne Horizont verliert der Mensch den Verstand, hat Hüseyin gelernt. Vielleicht sind wir Schwarzmeertürken deshalb so verrückt.

Er zieht kraftvoll die Ruder. Nur ein weiterer Mann aus Hüseyins Gegend sitzt im Boot, der aber ganz vorne im Bug: Topal Hikmet, der Stolperer.

Jetzt weist der Steuermann Hüseyin mit schmerzverzerrter Miene, die Ruder einzuholen. Hüseyin will sich umdrehen, doch mit einem schnellen Kopfschütteln zeigt der Zahnlose ihm an, stillzuhalten. Nur kurz kann Hüseyin aus den Augenwinkeln sehen, dass die zwei Soldaten mit traditionellen roten Feshüten aufgestanden sind und ihre M87-Gewehre durchgeladen haben.

 

Die beiden Männer hatten sich Hüseyin nicht vorgestellt, als sie am Nachmittag zuvor in Begleitung des Stolperers auf dem Markt seinen Weg kreuzten, um Tabak von ihm zu kaufen. Zu kriegerischen Preisen, versteht sich, denn es war ja Krieg.

Oğlum, Junge, kannst du auch Gewehre reinigen?, fragte der eine Hüseyin.

Dann legen wir was drauf, sagte der andere.

Kein Wort mehr.

Es schien, als machten sie sich nur mit Kopfbewegungen und den schaukelnden Quasten ihrer Fese verständlich. Und wenig später polierte Hüseyin die Halbmonde auf den Kammerstängeln ihrer Mauser-Gewehre.

In Wahrheit waren die Soldaten ausgeschickt worden, um Einheimische zu finden, die dem Bataillon bei einer geheimen, aber für die Zukunft der Nation lebensnotwendigen Mission helfen sollten. Dazu mussten die Angeworbenen ein Boot für zehn bis fünfzehn Passagiere besorgen und rudern können. Die Idee ließ Hüseyins Herz höherschlagen. Hüseyin war gerade noch zu jung für die Front, aber besser als jeder andere der im Dorf verbliebenen Männer. Und er ruderte für sein Leben gern. Transportbataillon, Hilfssoldat Hüseyin Umut zu Befehl!

 

Als man sich heute im Morgengrauen im Schein von Laternen traf, waren die zwei Soldaten nicht allein. Hüseyin zählte vierzehn in Lumpen gekleidete Kinder, zwischen vier und zehn Jahren – so genau konnte er das nicht schätzen, er war ja selbst noch ein Kind –, die zitternd, aber mucksmäuschenstill vor der Baracke am Ufer standen.

Guten Morgen, Herr Kommandant, zu Diensten, wohin soll die Reise gehen?, rief Hüseyin.

Sus, sei still, zischte der Steuermann, der mit dem Stolperer bei den Kindern stand. Man hatte nur noch auf Hüseyin gewartet. Die Soldaten sprachen auch jetzt nicht. Mit den Kolben ihrer Gewehre zeigten sie an, was zu tun sei, und stießen Hüseyin und die Kinder empfindlich in die Seiten, bugsierten sie erst zum Ufer und dann in das noch fest vertäute Boot. Eigentlich brauchte man auf jeder Seite drei Ruderer, um es in angemessener Geschwindigkeit zu bewegen, aber Hüseyin wusste, dass er die Soldaten nicht enttäuschen würde. Wenn das Ding erst einmal in Bewegung war, würden sie auch Fahrt aufnehmen.

Gefangenentransport, raunte der Stolperer. Nicht länger als einen halben Tag würden sie seine Dienste in Anspruch nehmen.

Geizkragen, dachte Hüseyin, aber Geschäft ist Geschäft. Der Weg nach Ordu war weit, und dorthin ging es wohl, vermutete er.

 

Hüseyin rudert für zwei. Seine Gedanken kreisen eng. Ihm ist, als hätte der Muezzin heute nicht vom Minarett der Moschee zum täglichen Morgengebet gerufen. Kann das sein? Welch unseliger Tag, sollte er wirklich nicht gerufen haben, sagt Hüseyin sich.

Er zieht kraftvoll die Ruder.

Zug,

Zug.

Ob er wohl krank ist?

Zug.

Oder bin ich so müde, denkt er, dass ich es überhört habe, und der Muezzin hat doch gerufen: Bismillahirrahmanirrahim?

Zug,

Zug,

Zug.

Oder haben sie den Muezzin verschleppt, weil er den Mund nicht halten kann?

Zug.

Oder weigert er sich, zum Gebet zu rufen, weil die Zeiten unheilig sind, Bismillahirrahmanirrahim?

Zug,

Zug,

Zug,

Zug.

Morgen sollte ich zur gleichen Zeit wiederkehren und mit meiner Misine Istavrit angeln, denkt Hüseyin, auf das Wasser und die Schwärme blickend. Ich könnte sicher Hunderte fangen und sie dann auf dem Markt verkaufen und einige selbst verzehren. Ich liebe Istavrit mehr als jeden anderen Fisch.

Plötzlich ist Hüseyin wütend auf den Muezzin und dessen Nachlässigkeit. Wenigstens auf ihn muss man sich verlassen können, denkt er, wenigstens auf sein tägliches Gebet.

Etwas später liegen sie im offenen Wasser, und anstatt nach rechts, Richtung Südwesten, also Ordu zu steuern, hat der Steuermann das Ruder gerade gestellt, und sie sind direkt aufs Meer gefahren, nur fort vom Ufer.

Die Riemen klappern gegen die Bordwand, Hüseyin liest mit dem Auge die Küste. Links hinter der kleinen Moschee des heillosen Muezzins geht es hoch nach Kuzmahalle.

Wenn er bald genug Geld vom Tabakhandel angehäuft hat, will er diesen Hügel kaufen und ins Geschäft mit Haselnüssen einsteigen, das steht fest, denkt Hüseyin noch und reißt im nächsten Augenblick die Schultern zu den Ohren, weil er erschrickt vom dumpfen Schlag ins Wasser. Als würde ein schwerer Stein fallen gelassen.

Das Boot schwankt heftig, und doch wagt er es nicht, sich zu regen. Was ist das für ein unerhörtes Geräusch, denkt er, und sofort noch mal: der nächste Schlag, wie eine tiefe Hochzeitstrommel, und dann der Klang von Wasser, das sich über dem in den Fluten versinkenden Körper schließt.

Vierzehn Mal wiederholt sich der Schlag, und Hüseyin fragt sich, wie sie so still sind, die Kinder, wenn sie die anderen in den Fluten verschwinden sehen, um schließlich selbst hinterherzugehen. Und warum sie sinken, sinken, sinken wie Steine.

Bumm,

bumm,

bumm,

bumm,

bumm,

bumm,

bumm,

bumm,

bumm,

bumm,

bumm,

bumm,

bumm,

bumm.

Armenier eben.

 

800 Kilometer westlich, zur gleichen Zeit, geschieht ein kleines Wunder. Zum ersten Mal seit etwa zweitausend Jahren verirrt sich ein Wal, oder genauer: eine Pottwalin, von den Dardanellen her kommend nach Nordwesten hinein ins Schwarze Meer. In dem Augenblick, als Hüseyin vom Kind zum Erwachsenen wird, ohne sich darüber im Klaren zu sein, schwimmt sie die letzten Kilometer durch die Meerenge, die Europa von Asien trennt, den Bosporus. Sie hört die merkwürdigsten Klänge, die sie je vernommen hat, nicht brüllend, wie die Schrauben und Schaufeln der Ungeheuer, die sie seit Jahren den letzten Nerv kosten, nein: singende, surrende, fremde Schläge, als könnten Makrelen mit ihren Körpern Klänge erzeugen.

Hungrig reißt die Walin das Maul auf und klickt. Mit ihren Augen, dem linken, nach Westen schauenden, und dem rechten, gen Osten, würde sie die Beute ohnehin zu spät erkennen. Deshalb klickt sie ein wenig vor sich hin wie ein Sonar, schickt ihrer Route akustische Schockwellen voraus, denn wer weiß, vielleicht erwischt sie den einen oder anderen schnell vorbeiziehenden Fisch, wenn sie ihn im Echo hört, ihren Kiefer öffnet und gewaltige Mengen Wasser nebst überrumpelter Meeresbewohner in ihrem Schlund verschwinden lässt.

Sie ist hochschwanger, sie ist einsam, sie ist hungrig. Und ihr ist heiß, als würde sie im Kern glühen. Das laue, flache Wasser des Bosporus schenkt wenig Linderung. Sie sucht die kalte Tiefe, nur die Klänge lenken sie ab. Die wenigen brüllenden Motoren blendet sie aus und hört nur noch ihr eigenes Klicken, die Makrelencluster und vierzehn tiefe, sehr ferne Schläge. Eine Trauermusik, die sie bestürzt. Und – es ist ihr unerklärlich – die ihr zugleich Gewissheit schenkt.

 

Leise summend verschwindet sie in den dunklen Tiefen, in den dunklen Tiefen.

Erster Teil:Kayıp Masumiyet, Die verlorene Unschuld

München, 1986 bis 1992

Kaan war ein miserabler Fußballer, und die Kinder, mit denen er spielte, fühlten sich nicht wie Freunde an. Roland ein wenig, aber der war zwei Jahre älter als er und sein Vater Dorfpolizist, der die Republikaner wählte. Wenn Kaan zu Roland nach Hause ging, spielten sie Nachmittage auf dem Commodore C64, der für ihn unerreichbar blieb. Jedes Jahr wünschte Kaan sich einen zu Weihnachten und dann, als er wieder nur Bücher und Kleidung bekam, zum Geburtstag. Zu seinem zehnten Geburtstag bekam er einen schnöden Schachcomputer, der ihn zu Tode langweilte, weil er ihn entweder mit wenigen Zügen mattsetzte oder weil er nach ewig dauernden, einsamen Spielen verlor. Da gab er auf und wünschte sich nichts mehr. Auf Rolands C64 spielten sie Vampire’s Empire und tranken Spezi, bis ihre Augen brannten. Das war es, was er wollte: spielen, bis die Augen brennen. Und eine Mutter, die Spezi und lasche, warme Wiener Würste auf einem Tablett ins Kinderzimmer bringt. Aber nichts davon wäre im Bereich des Denkbaren gewesen.

Alles war gewöhnlich an Kaan. Seine blonden Locken, das Haus der Familie im Vorort von München, zehn Minuten mit dem Fahrrad zur S-Bahn, ein Reihenmittelhaus. Der Vater, Ingenieur mittleren Alters, mittlerer Angestellter bei Siemens. Die Mutter, technische Zeichnerin, hatte in seiner Abteilung gearbeitet und wusste gleich, er war der Richtige für sie. Kein Macho, ein weicher, schüchterner, gut gekleideter und recht attraktiver Mann, unerfahren in der Liebe und ihr völlig verfallen. Sie verliebte sich ein wenig in ihn, und ihr Verstand sagte ihr, dass er ihr gegenüber loyal sein würde. Ihr Gefühl sagte ihr, dass das mehr war, als sie je von einem der Männer hätte erwarten können, die sie sehr geliebt hatte.

Ungewöhnlich für eine Münchner Durchschnittsfamilie war, dass Kaans Mutter Nur hieß. Nach einem Jahr in München sprach sie fließend Deutsch. Nach einem weiteren Jahr perfekt, sodass man sie am Telefon für eine junge Frau aus Hannover oder Braunschweig hielt und nicht für eine Türkin vom Schwarzen Meer. Zwei Wendungen sollten sie jedoch für immer verraten. Sie sagte «Miltsch» statt «Milch» und «Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum weg». Doch die wusste sie zu vermeiden. Sie war schön, schämte sich aber für ihre schiefen Zähne. Sie war sehr klein, doch das war ihr nicht bewusst.

Kaan. Ein beschissener Name für Deutschland, ein beschissener Name fürs Dorf. Kahn, Kanu, Kanne, Kannix, Kack, Kaan Bock, Schlag-mich-tot-mit-doofen-Spitznamen. Doch kam ihm jemand blöd, regelte es seine Mutter. Direkt auf der Straße, wenn er sein weinrotes Fahrrad heulend auf den Asphalt knallte, nach Hause rannte, petzte und sie die Übeltäter gleich zu fassen bekam. Oder sie ging zu den Müttern an deren Reihenhaustür und machte sie zur Schnecke. Bald sagten alle «Kaan». Punkt.

Wenn einer deinen Namen anrührt, will er dich anrühren, sagte Nur ihm, wenn sie ihm am Abend Geschichten vorlas. Er will dich ändern. Denn das Wort wird dich formen. Kaan ist türkisch und heißt, du bist der Boss, und: das Leben ist ein Kampf. Sie las ihm Grimms Märchen vor, Krieg und Frieden, Andersens Märchen, Doktor Schiwago, Jack London, Karl May, Elias Canetti. Sie hatte keine Ahnung von Kindern, das lag wohl an ihrer eigenen Mutter.

Auch sonst tat Nur alles dafür, dass die Menschen im Dorf dachten, er sei ein deutsches Kind. Sie sprach, bis er in die Schule kam, ausschließlich Deutsch mit ihm. Sie kleidete ihn wie ein reiches Kind, mit Kickers-Sandalen, Petit-Bateau-Unterhemden, dunkelblauen Socken, die Fussel zwischen den Zehen hinterließen. Kaan liebte heimlich den käsigen Geruch seiner Füße, den nur die Kombination aus jenen Sandalen und jenen Socken an bayerischen Sommertagen zustande brachte. Ein deutsches Kind, bis auf den Namen.

 

Den ganzen Nachmittag hatten sie Fußball gespielt, und seine Nichtfreunde hatten ihn ins Tor gestellt, an der Seite des Platzes, die stark abfiel und an einen steilen, verwilderten Hang grenzte, der in einen Wald überging. Das Tor hatte kein Netz. Also musste Kaan unzählige Male den Hang hinab und im Gestrüpp den Ball finden. Ob er den Ball nicht hielt, wie meistens, wenn den anderen ein Schuss aufs Tor gelang, oder ob sie danebenschossen, spielte keine Rolle. Der Torwart holt den Ball.

Irgendwann gab Kaan es auf, ihn halten zu wollen, und übte stattdessen, cool zu springen, wenn jemand aufs Tor schoss. Hechtrolle war sein Ziel. Roland, der in der gegnerischen Mannschaft war, hatte Kaans Mitspieler lieblos ausgedribbelt und sich seinem Tor auf wenige Meter genähert. Oder war es ein Meter? Jedenfalls zog er durch, mit der Kraft eines Erwachsenen. Kaan warf sich an diesem schwülen Donnerstagnachmittag des 31. Juli 1986 in die Hechtrolle, und wie es der Teufel wollte, kreuzten sich Rolands brachialer Nahschuss und Kaans Sprung in der Art, dass das Leder ungebremst in Kaans Eier knallte.

Der Schmerz war unbeschreiblich, Kaan wurde ohnmächtig. Sein rechter Hoden schwoll am Abend zur Größe eines Tennisballs. Er pulsierte und fühlte sich an wie heiße gebratene Hühnerherzen.

 

Im schlampig gekachelten Bad der Eltern eines Freundes steht Kaan knappe sechs Jahre später, wenige Wochen vor Beginn der Sommerferien, mit heruntergelassener Hose und ist verzweifelt. Sein rechter Hoden ist wieder geschwollen, und er schmerzt wie damals, als er nach Rolands Schuss überzeugt war, nie mehr zeugungsfähig zu sein, weil seine Mutter es gesagt hatte.

Die Party ist verlaufen wie alle Feste, die er mit seinen Freunden feiert. Nun hat er Freunde. Jeden Tag fährt er mit der S-Bahn die 35 Kilometer in die Stadt, um dort ein musisches Gymnasium zu besuchen. Eine Schule mit lauter Gleichgesinnten. Fast alle haben Eltern, die ihre Kinder für hochbegabt halten. Das Gefühl verbindet. Sie spielen Instrumente, singen im Chor, spielen Theater oder malen mit Öl auf Leinwand.

Nach Rolands Schuss begann in Kaans Jugend eine neue Zeitrechnung. Er spielte fortan weder Fußball noch Computer mit seinen Nichtfreunden. Er übte nur noch Gitarre. Täglich drei, vier Stunden, manchmal mehr. Er hatte die Schule gewechselt, Jugendwettbewerbe gewonnen und die Aufnahmeprüfung als Jungstudent am Mozarteum in Salzburg bestanden. Jede Woche freitags fuhr er mit dem Zug dorthin und nahm Unterricht bei einem berühmten Amerikaner und einem jungen kubanischen Meister, dessen freizügige Lebensweise Kaan schockierte, überforderte und zutiefst beeindruckte.

Natürlich stieg ihm dieses Leben zu Kopf. Das Gefühl, besonders zu sein und einzigartig, hatte Nur in ihm gesät. Alles sei für einen wie ihn möglich, jede Tür stehe ihm offen, ihrem Sohn, dem Enkel von Hüseyin Umut, dem legendären Haselnussmagnaten des Schwarzen Meeres.

Kaan versucht, seinen Schmerz zu stillen. Auf Zehenspitzen steht er vor dem Waschbecken und schöpft eiskaltes Wasser aus der Leitung über sein Geschlecht. Doch erst das kühle Porzellan des Beckens bringt Linderung.

Es ist ein sechzehnter Geburtstag, den sie feiern. Die Muster der Abende, die die Jugendlichen gemeinsam verbringen, ähneln sich. Sie treffen sich am späten Nachmittag, entzünden ein Feuer im Garten, essen Selbstgekochtes, Mitgebrachtes, Salat, Chips, Bolognese, Grillwürstchen, Gummibärchen, und beginnen früh, Bier zu trinken. Einer spielt Gitarre und singt halbe Lieder von Nirvana, den Fugees, Eric Clapton und den Beatles.

Michelle, ma belle

These are words sed go together well

Michelle, ma belle

Se la ba la sed

Tres bien la la da

I love you, I love you, I love you

scheissescheisse

Das Haus des Freundes ist ein ehemaliger Bauernhof, weit draußen zwischen Seen, S-Bahn-Gleisen und Waldrand. Die Feuchte des Waldes kühlt das Haus, er hat eine mythische Dimension, ist schier unendlich. Viel später wird Kaan an Adalbert Stifter denken oder an Lars von Trier, wenn er sich an diesen Wald erinnert. Als bald Sechzehnjähriger ist er nur beunruhigt. Er kann es nicht in Worte fassen, es ist ein Tagtraum, der ihn heimsucht, der sich draußen in der Tiefe des Unterholzes verliert und der sein Gedärm in Unruhe bringt wie eine dunkle Vorahnung. Oder wie das Erschrecken über den verrenkten Körper eines gewaltvoll zu Tode gekommenen Tieres. Oder wie Frischverliebtsein.

Die Eltern des Freundes kommen nie vor, kein Mensch weiß, wo sie sind. Gegen zehn ist die eine Hälfte der Leute betrunken, die andere fährt mit der S-Bahn nach Hause. Die, die bleiben, die Coolen, spielen Trinkspiele, liegen sich bald in den Armen und knutschen harmlos miteinander.

Doch etwas ist diesmal anders. Kaan hat mit Susanne geknutscht. Susanne, zu der ihre Freunde kurz «Zizi» sagen, gesprochen mit weichem S, geschrieben mit hartem Z, nicht zu verwechseln mit der kaiserlichen Sissi. Eigentlich hatte er sich ein anderes Mädchen ausgeguckt. Eine aus der Zwölften, mit glatten, aschblonden langen Haaren und großen Zähnen, aber die hatte noch die S-Bahn genommen.

Dann also Zizi. Ein Mädchen, das die Klasse quer über den Schulflur besucht, die 11a oder e oder so, und die schöne, sehr uncoole Kleider trägt, geschnürte bis zu den Knien reichende Lederschuhe, schwarze blickdichte Strumpfhosen, weite Wollpullover.

Zizis Mund ist eine entspannte schmale Linie, kaum breiter als Kaans Gitarristendaumen. Mit seiner Zunge ergründet er ihre Lippen und die dahinter verborgene Tiefe. Ihre Zurückhaltung bemerkt Kaan kaum, viel zu vereinnahmt ist er von der überraschenden Intensität seiner Gier. Ihre Frisur ist eine Reminiszenz an die gerade vergangenen Achtziger, ein exakt auf Höhe des Kinns geschnittener Bubikopf. Ihre Augen grün, die Haare in erstaunlichem Rot, eine Mischung, die, wie Kaan einmal erfahren soll, die seltenste ist unter den Menschen. Viel später wird ihr Gesicht von Sommersprossen überdeckt sein.

Zu dem Zeitpunkt, als die Weißheit ihrer Haut Kaan wie ein Blitz trifft und ihn mehr erregt als alles, was er je zuvor gesehen, als jedes Mädchen, das er zuvor berührt hat, der Duft ihres Nackens, ihre Feinheit, das Zögerliche ihrer Bewegung: Zu dem Zeitpunkt kann Kaan ihre Sommersprossen noch zählen.

 

Er steht im Bad. Seine Verzweiflung gründet darauf, dass er wieder rauswill zu Zizi und weiß, er muss sich in den Griff kriegen. Es ist mitten in der Nacht. Stundenlang lagen Zizi und er unter dem Tisch im Garten, und die Schwellung ist die Folge seiner ununterbrochenen Erektion. Selbst jetzt, allein und unter Schmerzen, lässt sie kaum nach. Tränen stehen ihm in den Augen, denn er will zurück zu ihr, ist in der kurzen Zeit süchtig nach ihr geworden. Doch kein Weg führt dahin, seine Hose wieder anzuziehen.

Als er schließlich, nach einem kalten Sitzbad und dem langen, erfolglosen Versuch, sich selbst zu befriedigen, das Bad verlässt, ist Zizi fort.

In den folgenden Wochen stehen Zizi und Kaan oft im Schulflur, doch sie schenkt ihm kaum Beachtung. Er unterhält sich intensiv mit ihren Freundinnen und lacht zu laut, was bei ihr nicht verfängt. Zizi hingegen fesselt seine ganze Aufmerksamkeit. Er kann ihr nicht ohne Beunruhigung gegenübertreten. Auch nicht, wenn sie ihn auffällig ignoriert.

Drei Tage vor den Sommerferien hält Kaan es nicht länger aus. Er weiß, er muss weitere Register ziehen, denn die Aussicht auf sechs Wochen ohne Zizi bereitet ihm Panik.

Das Telefon seiner Eltern hat ein langes Kabel, das in der Dose im Erdgeschoss steckt. Es ist gerade lang genug, um es über die Holztreppe bis hoch in sein Kinderzimmer zu spannen. Kaan überdehnt es ein wenig, sodass er den Apparat an der Tür vorbeischieben kann, bevor er sie schließt.

Er nimmt den Hörer ab. Der Ton ist etwas tiefer als 440 Hz, aber immer noch ein solides eingestrichenes a. Er spannt die spiralförmige Schnur so weit, dass er sich aufs Sofa setzen kann.

Auf dem ungemachten Bett liegt seine Gitarre, ein 1988er Millennium-Modell von Thomas Humphrey. Fichtendecke, dynamisch wie ein junges Fohlen und «as loud as a gun», wie sein kubanischer Lehrer zu sagen pflegt. Kaan hat sich angewöhnt, die Gitarre nach Stunden ununterbrochenen Spielens in weitem Bogen in die Daunendecke zu werfen. Nie ist dem Instrument dabei etwas passiert, wenn auch die Distanz beim Wurf mit der Zeit immer größer geworden ist.

Kaans Mutter hatte ihren Golf verkauft, um die Gitarre zu bezahlen, aber er hatte dafür keine besondere Wertschätzung gezeigt. Er wusste, sie konnte gut mit Geld umgehen, und es war kein Problem für sie, auf das Auto zu verzichten. So oder so brauchte er die Gitarre. Kein Mensch spielt E-Dur-Partita auf einer Kinderklampfe.

Neben der Gitarre liegen ein paar Pornohefte, die er im Keller gefunden hat. Über den Boden verteilt schmutzige Socken und Unterhosen. Gegenüber vom Schreibtisch ein dreiflügeliger Kleiderschrank aus kirschfurniertem Sperrholz, dessen mittlere Tür einen mannshohen Spiegel fasst. Er steht gerne davor und betrachtet sich. Er zieht die Backen ein, die Augenbrauen streng zusammen und dreht sich ins Dreiviertelprofil. Oder er zieht sein Hemd aus und trainiert mit den Hanteln seines Vaters. Manchmal holte er dann Nurs Schminkspiegel aus dem Bad und betrachtet, mit dem Rücken zum Schrank, versonnen seine Latissimus-Muskeln.

Er lehnt sich ein wenig nach vorne. So ist das Kabel entspannter, so könnte er sprechen. Noch immer hört er den Ton und denkt nach.

Er kennt Zizis Nummer nicht, und er wollte sich bisher nicht die Blöße geben, sie danach zu fragen. Was, wenn sie nichts von ihm wissen will? Dann steht er da wie ein Dummkopf. Der schlaue, schöne, talentierte Mr. Kaan.

Zizi, Zizi.

Zizi.

Kaan legt den Hörer auf die Gabel und geht zur Tür. Er drückt das Ohr aufmerksam an die blickdichte Glasfüllung. Seine Mutter ist im Dachgeschoss und arbeitet. Absolute Stille.

Leise öffnet er die Tür und geht auf Strümpfen die Treppe hinab. Er wendet sich nach links über den rotbraunen Fliesenboden in die Küche. Hebt die Schublade leicht an, bevor er sie langsam und geräuschlos rauszieht. Neben gehäkelten Topflappen eine Packung Zigaretten, lange Eve 120. Ekelhaftes Zeug. Kaan klappt den Deckel der Schachtel nach hinten und prüft, wie voll sie ist. Wenn nur zwei, drei, fünf Zigaretten in der Packung sind, fällt es auf, dass eine fehlt. Aber es sind dreizehn, und Kaan weiß, dass seine Mutter es nicht merken wird, wenn er heimlich eine nimmt. Er klemmt sich eine Kippe zwischen die Lippen und schließt die Schublade ebenso vorsichtig, wie er sie geöffnet hat. Mit der flachen Hand prüft er die Hosentasche seiner Jeans. Darin verbirgt sich sein Benzinfeuerzeug. Mit den Eckzähnen zieht er den Filter aus der Zigarette, damit sie mehr knallt, und wirft ihn in den Mülleimer. Er achtet darauf, dass der Filter unter anderem Unrat verschwindet.

Er schleicht die Treppe zurück nach oben, vor seiner Zimmertür hält er inne. Dann hebt er das Telefon vom Boden auf, trägt es mit sich ins Bad. Von außen schaltet er die Lüftung ein, nicht aber das Licht. Warum hab ich nicht zwei Zigaretten genommen, denkt er und spürt die Unruhe im Bauch. Welch merkwürdiger Zufall, auch hier reicht das Kabel gerade bis über die Schwelle. Er schließt die Tür hinter sich und sperrt ab.

Es ist stockdunkel, lediglich ein wenig Licht dringt durch den schmalen Türspalt. Kaan lehnt sich mit dem Rücken ans Holz, rutscht auf den Boden und zündet die Zigarette an. Ein intensiver Würgereiz überkommt ihn, aber der kleine Blitz im Hirn ist es wert. Jetzt ist er wirklich aufgeregt. Im Dunkeln ertastet er die Wählscheibe und wählt die Nummer der Auskunft. Familie Engel, irgendwo im Westen von München. Nach zwölf Versuchen kommt er an eine Nummer, die die richtige sein könnte. Während er die Ziffern dreht, spürt er sein Herz schneller schlagen. Es klingelt einmal, zweimal, siebenmal, er ist kurz davor aufzugeben.

Engel, meldet sich eine Männerstimme.

Kaan legt hektisch auf. Ich will rauchen, ich will rauchen, brüllt sein Hirn. Doch die Zigarette ist längst aufgeraucht und die Reste im Klo runtergespült.

Er wartet ein paar Minuten und nimmt all seinen Mut zusammen. Er wählt die Nummer erneut.

Ja, hier ist die Zizi?

Im Erdgeschoss hört Kaan es rumpeln. Tülin, die Putzfrau, sie hat er vergessen. Offenbar trägt sie den Staubsauger die Treppe hoch. Herrgott noch mal.

Hi, hier ist Kaan.

Hi.

Kaan schweigt. Tülin flucht auf Türkisch und geht die Treppe wieder runter. Kaan horcht auf das Knistern in der Leitung. Die Hitze steigt ihm zu Kopf, sein Mund wird trocken. Warum sagt sie nichts? Die ist aufgeregt. Wahrscheinlich total überrascht, dass ich anrufe. Oder sie findet es blöd. Wie kann er ihr bloß erklären, woher er ihre Nummer hat?

Zizi schweigt.

Was ist mit der los? Da überkommt es Kaan, er ist jetzt total erregt. Er erinnert sich an den Kuss. Er hat schon einige Mädchen geküsst, aber mit ihr war es anders. Einfach total anders und irre intensiv. Jetzt halt mal den Ball flach, Kaan. Sag was Cooles.

Kaan merkt, dass er zwar ewig gebraucht hat, um bei Zizi anzurufen, aber überhaupt nicht darüber nachgedacht hat, was er ihr sagen möchte. Er will sich mit ihr treffen. Aber nur, wenn sie es auch will. Also eigentlich möchte er, dass sie sagt, sie will ihn treffen, und dann möchte er sagen, klar, aber vielleicht nächste Woche, hab am Wochenende Konzert, muss E-Dur-Partita spielen.

Zizi, ich glaub, ich hab mich total in dich verknallt, platzt es aus ihm heraus.

Zizi?

Zizi?

Sie sagt immer noch nichts. Was ist los mit ihr?

Zizi?

Kaan springt auf und stößt sich an der Türklinke den Kopf. Verdammt. Er drückt die Gabel am Telefon und lauscht. Nichts. Er drückt noch zweimal, blitzschnell. Wieder nichts. Tot. Das Telefon ist tot.

Kompliziert zieht er sein Hemd aus der Hose und versucht, den Stoff zurechtzuzupfen, um seine Erregung zu verbergen. Er öffnet die Tür. Das Licht blendet ihn. Vor ihm steht Tülin.

Kaset getirdim, hab dir Musikkassetten mitgebracht, auf deinem Tisch. Bist du hungrig, gibt auch Bohnen und Joghurt.

In der Hand hält sie das aufgewickelte Telefonkabel.

Lag auf der Treppe. Musst du aufpassen. Kann man drüberfallen.

Kaan nimmt ihr das Kabel aus der Hand, gibt ihr einen Kuss auf die Backe, merhaba Teyze, hallo, Tülin, und verschwindet mit rotem Kopf in seinem Zimmer.

Die Gitarre steht kippelig an der Wand, die Wäsche ist weg, Papiere und Bücher auf dem Schreibtisch sind nach Größe gestapelt und die Pornohefte ordentlich verstaut unter dem gemachten Bett.

Erst Jahre später fragt sich Kaan, warum seine Eltern nie bemerkten, dass er heimlich im Bad rauchte.

Es ist ein Jahrhundertsommer, zähflüssig dehnt er sich wie eine Asphaltfuge auf einer glühend heißen bayerischen Landstraße. Kaan ist ein Gefangener seiner Gefühle, und er steckt fest. Er hat damit gerechnet, während der Ferien auf einem Festival in Italien aufzutreten, doch in letzter Minute hat sich die vielversprechende, väterlich formulierte Einladung eines berühmten älteren Komponisten, der junge Gitarristen liebt, in Luft aufgelöst. Ein Freund, mit dem Kaan eine Reise ins Donaudelta geplant hat, hat Ärger mit seinen Eltern und Hausarrest bekommen.

Die Quecksilbersäule unter der dunkelorange leuchtenden Markise hinterm Haus klettert über 40 Grad, und je höher sie steigt, desto schwerer wiegt Kaans Gemüt. Er hat Zizi nicht mehr angerufen seit dem missglückten Gespräch. Er stellt sich vor, dass sie sein lächerliches Liebesgeständnis gehört hat und sich mit Freundinnen über ihn lustig macht. Zu gerne hätte er ihr eine gemeine Karte aus Italien geschrieben, seine Worte als Witz abgetan und irgendetwas Herablassendes hinzugefügt.

Aber nein, er sitzt allein auf der orangefarbenen Terrasse und isst Himbeerrolle vom Wochenende. Der Biskuit ist aufgeweicht, die Sahne klumpig. Himbeerreste kleben an der Tupperdose und schmecken nach bitterer, vertrockneter Marmelade. Die Blätter der Birke im Nachbargarten hängen regungslos. Kaan und die Wespen sind die einzige Quelle von Unruhe weit und breit.

Noch mal anrufen, formen seine Lippen lautlos.

Hi, wie geht’s.

Du fehlst mir.

Quatsch.

Na, auch nicht in Urlaub gefahren?

Bock auf Kino?

Gott, wie blöd.

Nach einigen Minuten steht Kaan auf, geht ins kühle Haus. Er klemmt sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter und wählt im Gehen. Die Nummer wird er sein Leben lang nicht vergessen. Die Wählscheibe vibriert am Zeigefinger. Er kann die Ziffern drehen, ohne auf die Scheibe zu blicken.

Tscht-grrrrr, tscht-grr, tscht-grrrrrrrrrrr, tscht-grrrrrrrrrr, tscht-gr…

Bis er fertig ist, sitzt er wieder auf der Terrasse. Nach ein paar Sekunden hört Kaan den Freiton. Er steht auf, der Terrassentisch reicht ihm bis unters Knie. Er lehnt sich mit Gewicht gegen seine Schienbeine, will die Kante spüren. Fünf, sechs, zehn Freitöne. Nichts. Verdammt.

Drei Wespen haben sich über die Krümel auf seinem Teller hergemacht. Kaan sieht, wie ihre Kiefer große Stücke aus dem verklebten Teig schneiden. Ihre Flügel zittern vor Anstrengung, sie sind mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit auf die Beute fokussiert. Behutsam greift Kaan nach dem leeren Glas neben dem Teller. Er betrachtet die Unterseite und schätzt die Größe der Fläche mit zusammengekniffenen Augen.

Nicht zu langsam, nicht zu schnell, zerdrückt er die Insekten zu Brei. Dabei dreht er das Glas ein wenig, doch er verwendet seine Kraft maßvoll. Als er es wieder hebt, winden sich die zerquetschten Glieder noch. Gut, denkt Kaan, wohlgelitten, und bläst die Überreste von Wespen und Kuchen ins Blumenbeet.

 

Später diesen Sommer träumt er von den Wespen und einem Schauder, der ihn überkommt, einer unscharfen Vorstellung unauslöschlicher Schuld, die er auf sich geladen hat.

Manchmal, wenn er nicht übt, raucht er heimlich am Weiher im feuchten Gras am Ende der Schlucht, die hinter dem Abhang der Fußballwiese ins Tälchen führt. Der Bach, in den sich der Weiher ergießt, treibt ein altes Mühlrad an. Das Mühlhäuschen liegt unheilvoll in der Senke. Unbewusst liebt Kaan die Beunruhigung, die von diesem Ort ausgeht. Sicher, am Hang hinter der Mühle rodelte er damals im Winter mit seinen Nichtfreunden. Doch nie hatten sie sich dem Haus mehr als nötig genähert. Nie hatte jemand einen Menschen das Häuschen betreten oder verlassen sehen oder selbst einen Blick hinter die blinden Fenster mit den zugezogenen Vorhängen geworfen.

In seinen Tagträumen hinter der Mühle wähnt Kaan sich krank. Er hadert mit sich, er verflucht seine Jungfräulichkeit, von der niemand erfahren darf. Mit geschlossenen Augen windet er sich auf der Wiese und zerdrückt mit der Zunge honigsüße Schlüsselblumenblüten. Ich werde sterben, ohne je gefickt zu haben. Was für ein erbärmliches kleines Leben. Mit geschlossenen Augen liegt er bäuchlings im Gras und reibt sich an Unebenheiten unter dem weichen Grün.

Wenn ich sterben muss, wenn ich weiß, ich habe nur noch Wochen oder Tage, werde ich sie fragen! Ich werde sie unter Tränen bitten, sich mir ein einziges Mal zu schenken. Ein einziges Mal und dann in Frieden gehen.

Am Ende des Sommers steht Zizi wieder im Schulflur, umgeben von einem Duft, der Kaan schwindeln lässt. Ihre Haare sind in der Sonne noch leuchtender geworden.

Hinteres Treppenhaus, 8.45  Uhr, hat er auf einen kleinen Zettel gekritzelt und ihn ihr, die mit den Schulterblättern und der rechten Schuhsohle an der Wand lehnt, in den Pulloverärmel gesteckt. 8.45  Uhr ist ein idealer Zeitpunkt, um allein zu sein. Zu spät für die Nachzügler, die ihre S-Bahn verpasst haben, zu früh für die, die erst zur zweiten Stunde kommen.

Als Zizi das Treppenhaus durch die Glastür betritt, steht am Boden eine brennende Kerze, daneben liegt ein einzelnes pinkes Rosenblatt. Und ein weiteres, etwa einen Meter entfernt, dann noch eines und noch eines. Die Spur führt die Treppe hinauf bis ins oberste Stockwerk. Dort liegt unter einem losen Häufchen Rosenblätter ein Kuvert. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als sie es öffnet, erklingt im Treppenhaus eine Gitarre, Kaans Gitarre: Schumann. Kaan sitzt vier Stockwerke tiefer, im Verborgenen. Kaum hat sie den komplizierten Brief entziffert, ist die Träumerei vorbei.

Khän, ruft sie ins Treppenhaus, und es klingt ihm so herrlich übertrieben amerikanisch und angenehm vertraut.

 

Eine Stunde später nähert sie sich dem Monopteros, wie er es sich blumig und verklausuliert von ihr gewünscht hat, dem klassizistischen Pavillon mitten im Englischen Garten. Der Tag verspricht warm zu werden, doch die bayerischen Spätsommernächte verbreiten schon eine Kühle, wie man sie andernorts nicht kennt. Sie lassen die Menschen frieren, wie man im Fieber friert.

Kaans Mandeln schmerzen. Er lehnt mit dem Rücken am runden Stein, der als gekrönte, goldbeschriftete Stele inmitten des marmorbesäulten Pavillons steht, und sieht Zizi aus der Ferne auf sich zukommen. Am kalten Stein entlang gleitet er in Deckung. Er weiß nicht, warum. Will er sie kindisch erschrecken, oder liebäugelt er mit der Möglichkeit, ungesehen zu verschwinden?