Glühwürmchen und Liebe - Andreas Zenner - E-Book

Glühwürmchen und Liebe E-Book

Andreas Zenner

0,0

Beschreibung

Zauber der ersten Liebe, scheue Blicke, zärtliche Berührungen, stürmisch klopfende Herzen. Küsse, die nach wilden Erdbeeren und jungem Rotwein schmecken. Das Glück der beiden Liebenden unter der milden Sonne Südtirols könnte vollkommen sein, wäre da nicht Enzo, ein junger Italiener mit zweifelhaftem Ruf. Wird die gerade erblühte Leidenschaft allen Anfechtungen zum Trotz bestehen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 113

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Andreas Zenner

Glühwürmchen und Liebe

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Glühwürmchen und Liebe

II

III

Impressum neobooks

Glühwürmchen und Liebe

Manche Menschen werden nie erwachsen, sagt der Volksmund und bei manchen, wie bei mir, geschieht es in einer einzigen Nacht. Letzte Nacht.

Der Pfiff der Trillerpfeife des Schaffners reißt mich aus meinen Gedanken. Abschiede haben etwas Endgültiges, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Die Türen des Kurswagens nach München schnappen zu und der Zug setzt sich ruckelnd in Bewegung. Er rollt gemächlich aus dem Bahnhof von Meran, quert die Passer Brücke und folgt dem Lauf der Etsch. Über der Stadt leuchten die auch im Juni noch schneebedeckten Gipfel der Texel-Gruppe, davor thronen die stolzen Türme von Schloss Tirol im Morgenlicht. Der Blick weitet sich und wir schnaufen hinaus ins weite Tal des Flusses, vorbei an Obsthainen und kleinen Dörfern. Die Sonne lacht vom lichtblauen Himmel, die Luft reingewaschen vom gestrigen Gewitter, so klar, dass sich jede Felsspalte der drei Zinnen scharf abzeichnet. Doch mein bedrücktes Herz kann all die Pracht nicht fassen. Der Zug kriecht prustend und schnaubend an Lana vorbei mit dem berühmten, geschnitzten Schnatterpeck-Altar in der Pfarrkirche. Tisens grüßt herüber und dann Nals. Dort oberhalb liegt sie die Burg, auf der ich die drei glücklichsten Wochen meines noch jungen Lebens verbringen durfte. Weiter an einer Reihe von Weilern vorbei, deren bloße Namen einen Weinkenner wie meinen Vater mit der Zunge schnalzen lassen. Herrliches, gottbegnadetes Fleckchen Erde. Hier lässt sich die Luft freier atmen, scheint die Sonne heller, schmeckt der Wein süßer als zu Hause in der behäbigen Welthauptstadt des Bieres. Heute habe ich für all die Schönheit keinen Sinn. Tränen umfloren meinen Blick. Wehmütig denke ich an die glückliche, wundersame Zeit meiner ersten Liebe. Dabei ist es nicht einmal vier Stunden her, dass wir uns trennen mussten. Wir hatten uns geschworen, uns bald wieder zu treffen, doch tief in unseren Herzen wussten wir, die Entfernung und die Zeit würden unbarmherzig an unserer Liebe nagen, wie die Würmer am fauligen Apfel. Meine Augen blicken zurück, suchen den Gampenpass, das Dörflein unterhalb, versteckt in der Senke umragt von lichten Wäldern und die Burg. Ich sauge das Bild mit den Augen auf, schließe es in mein Herz, um es nie wieder loszulassen. Jetzt zischt der Zug unterhalb der Wehrburg vorbei. Der dicke und der schlanke Turm beherrschen die Anhöhe über dem Tal. Ich sehe dich vor mir, wie du auf dem Söller lehnst, vorgebeugt zwischen den Zinnen, wie du herunter winkst. Der Wind zaust dein blondes Haar und ich stelle mir vor, Tränen rinnen über deine Wangen.

Mit einem Ruck schiebe ich das Zugfenster herunter. Der Fahrtwind fährt ins Abteil, zerrt an den flatternden staubigen Vorhängen. Die ältere Dame mir gegenüber im grünen Lederkostüm umklammert krampfhaft ihren Meraner Boten und mustert mich mit einem strafenden Blick über die dicken Brillengläser. Ich tue als bemerke ich ihre Rüge nicht. Ich winke hinauf, wohl wissend, dass du mich nicht sehen kannst, ebenso wenig wie ich dich. Dazu ist die Entfernung zu groß. Aber was tut’s. Ich denke an dich und ich fühle wie meine Kehle trocken wird, sich plötzlich zuschnürt. Wäre ich alleine im Abteil, ich hätte meinen Tränen freien Lauf gelassen. Aber ich beherrsche mich. Lediglich ein kurzer abgehackter Schluchzer entringt sich mir. Weinen, zumal in meinem Alter, ist in der Öffentlichkeit peinlich.

„Ich komm wieder“, flüstere ich. „Ich komm wieder. Wart auf mich.“

Viel zu rasch wandern die beiden Türme, das langgestreckte Haupthaus aus meinem Blickfeld. Der Zug schlängelt sich in eine weite Kurve und das liebliche Bild verschwindet hinter einem grün bewaldeten Hügel. Die ältere Dame mir gegenüber räuspert sich und ich schließe gehorsam das Fenster. Ich lehne mich zurück, die roten Kunstlederpolster fühlen sich hart und kühl an. Meine Gedanken sind bei dir. Ich schließe die Augen und versuche mich an jede einzelne Sekunde der vergangenen Tage zu erinnern. An die Zeit meiner ersten zärtlichen, kaum erblühten Liebe, die ihr Ende nur aus einem einzigen Grund fand. Am Montag ist Semesterbeginn.

II

Im letzten Jahr hatte ich mein Abitur bestanden. Nicht glanzvoll, aber es reichte für einen Studienplatz in Latein und Romanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität. Zur Belohnung schenkte mir mein Vater eine Urlaubsreise. Da ich neun Jahre die harten Holzbänke des königlich bayerischen Maximiliansgymnasiums gedrückt und mir dabei manchen Schiefer in die Haut gerammt hatte, rechnete ich fest mit einem dreiwöchigen Griechenlandaufenthalt. Ich wollte endlich all die Stätten sehen, von denen mein alter Griechischlehrer stets mit einem ehrfürchtigen Schaudern in der Stimme erzählt hatte. Nicht nur in Altgriechisch sondern auch in Geschichte und natürlich in Kunst wurden wir mit der Antike getrietzt, gerade so als sei die Welt um 1000 vor Christus stehen geblieben. Athen mit der auf einem Felsen über der Stadt strahlenden Akropolis, Delphi und sein sagenumwobenes Orakel mit der geheimnisvollen Quelle, Olympia die Geburtsstätte der Spiele, heiß die Luft und erfüllt vom Schwirren der Zikaden. Die Thermopylen, die vom Heldenmut der Spartaner zeugten. Viele Namen, Orte hatten sich mir unauslöschlich, als die Wiege unserer westlichen Kultur eingeprägt.

„Andra moi ennepe, mousa, polytropon, hos mala polla.“ Die Anfangszeile der Odysee summte ständig in meinem Kopf. Gleich nach der Abifeier sollte es losgehen. Doch für den zu leistenden Zivildienst bot sich mir eine günstige Gelegenheit beim Roten Kreuz und so verschob ich kurzerhand die Reise.

Meine Enttäuschung im Frühsommer war entsprechend groß, als mir mein Vater eröffnete: meine Reise ginge nur nach Südtirol zu einem seiner Freunde, der dort einen Gasthof betreibe. Als wohlerzogener Sohn murrte ich nicht. Ich wusste, mein Vater steckte mit seiner kleinen Buchhandlung in finanziellen Schwierigkeiten. Meine Reise und das anschließende Studium würden ihn viel mehr kosten, als er es sich im Moment leisten konnte. Ich hatte schon überlegt zu verzichten, aber das ließ mein Vater nicht zu.

„Es wird dir gefallen, glaube mir. Helmut hat Kinder, etwas jünger als du.“

Meine Mutter seufzte, als sie mir das Taschengeld auf den Küchentisch zählte. Sie versuchte ihre Sorgen zu verbergen, ich merkte es trotzdem. Ich wusste, in meiner Abwesenheit würden des Öfteren Pellkartoffeln mit Kräuterquark als Mittagessen auf dem Tisch stehen.

„Es wird schon gehen“, äußerte sich mein Vater begütigend. „Der Bub muss mal raus hier.“

Er sagte immer noch Bub zu mir, obwohl ich schon achtzehn Jahre zählte.

„Nur immer lernen und die Nase in Bücher stecken, da wird nie ein Mann aus ihm.“

Also packte ich, genauer gesagt meine Mutter, den alten Koffer aus Pappe mit dem speckigen Wachstuchbezug. Ich nahm den Nachtzug nach Meran, sah die beiden untergehakt am Bahnsteig stehen und mir nachwinken.

Eine Abiturreise sollte es werden und wurde doch, ohne mein Zutun, eine Fahrt ins Erwachsensein.

Meine Enttäuschung wandelte sich in klammheimliche Freude, als der Zug ächzend über den Brenner kroch. Die erste Reise, die ich ohne meine Eltern unternahm. Ein wenig bang war mir schon so ganz auf mich alleine gestellt. Bei Brixen tauchten wir ein in das Tal. Weinreben an steilen Hängen säumten rechts und links den Schienenstrang und die tosenden Wasser der Eisack unter uns bahnten sich ihren Weg durch felsige Schluchten. Die Luft roch nach Freiheit und Abenteuer. Hinter Bozen öffnete sich das Tal weit. Die Felsen wichen zurück und liebliche Obsthaine mit schmuck herausgeputzten Dörfern lagen breit und behäbig zu beiden Seiten des Bahngleises. Die frühsommerliche Hitze in Meran sprang mich an und ich warf mir die abgestoßene Jacke über die Schulter. Der Vater hatte mir den Weg genauestens beschrieben und obendrein fürsorglich auf dem Durchschlag eines alten Rechnungsformulars eine Skizze angefertigt. Ich nahm den klapperigen Bus, der zweimal täglich über die Gampenpassstraße hinauf nach Tisens zockelte. Dort griff ich mir mein Köfferchen und wanderte stillvergnügt über einen schmalen Wiesenweg nach Prissian. Im Tal wirbelten die Blütenblätter von den Obstbäumen, taumelten wie rosa Schneegestöber in der lauen Luft, hier oben aber hatten Äpfel und Birnen ihr Hochzeitskleid angelegt und die Blüten leuchteten weiß-rosafarben im zarten Grün der frischen Blätter. Die Luft erfüllt vom Summen der Bienen die geschäftig den Blütenstaub in ihren Stock trugen. Ein süßer Duft wehte mir in einem leichten Lüftchen entgegen. Mir wurde leicht ums Herz und ich summte ein altes Wandererlied.

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.

dem will er seine Wunder weisen in Berg und Tal und Strom und Feld.“

Wie oft hatten wir dieses Lied im Schulchor geprobt. Kein Klassenausflug, auf dem wir es nicht pflichtschuldigst gröhlten. In der lauen Luft hoch über dem Etschtal bekam der Text plötzlich wieder Sinn.

Am Wegesrand wiegte sich ein Meer von Wiesenblumen, dicht gedrängt wie die Farbtupfen auf einer Malerpalette. Viele kannte ich dem Namen nach aus dem Biologieunterricht. Da prangte rot die Bachnelkenwurz neben einem Nest Kuckuckslichtnelken, die blaue Kuhschelle, lateinisch pulsatilla mit ihren pelzigen Blättern und unzählige Glockenblumen, campanula neben Flockenblumen und Wiesensalbei, salvia pratensis. In Gedanken suchte ich nach den lateinischen Namen, aber nicht alle fielen mir ein. Honigsüße Düfte kitzelten mich in der Nase – oder waren es die vorwitzigen Sonnenstrahlen? Über all dem Blühen und Grünen wurde ich übermütig. Ich zog mir den Schlips vom Halse, knöpfte das weiße gestärkte Hemd auf und krempelte die Ärmel hoch. Am liebsten hätte ich mich im hohen Gras hingestreckt und in den lichtblauen Himmel geblinzelt auf dem majestätisch weißen Wolkenschiffe schwammen. Der warme Sonnenschein streichelte wohlig über meine blasse Pennälerhaut. Im fernen München, kaum sechs Stunden entfernt, bliesen noch frostig kalte Frühlingswinde durch die Häuserschluchten. Meine Sinne waren betäubt von all der Schönheit, den Gerüchen, der klaren Luft.

„Frei, endlich frei“, jauchzte ich. Mein Blick schweifte trunken über das Etschtal. Ein Gefühl von Weite und Frieden erfüllt mich, wenn ich auf einer Anhöhe wie hier stehe und ins Tal hinunterblicke. Ein Wiedehopf trippelte über den zerfurchten Feldweg. Er legte den Kopf mit den aufgestellten Federn schief und beäugte mich einen Augenblick bevor er ins hohe Gras tauchte. Mir schien, Gott hat in Südtirol den Menschen ein letztes Stück Paradies als Lehen überlassen, zur Erinnerung an den verlorenen Garten Eden. Die ersten Gehöfte tauchten aus dem Wiesengrund auf. Grau und trutzig aus fast unbehauenen Feldsteinen errichtet, jedes eine kleine Burg für sich, umgeben von Bauerngärten mit aufgeschichteten Mauern aus denen lila der Steinbrech wucherte. Ich wanderte über die malerische kleine Holzbrücke mit dem spitzen Giebeldach. An den Balken Geranien in Töpfen, die rotblühend ihre schweren Blütenköpfe hängen ließen.

Den Gasthof zum Mohren zu finden war nicht schwer, denn es gab in Prissian nur zwei Gasthöfe, die dicht nebeneinander lagen. Das runde Wirtshausschild mit dem gemalten Negerkopf ragte in die schmale Gasse, lud zum verweilen ein. Ich tat noch einen tiefen Atemzug, betrat dann die Albergo. In der holzgetäfelten Wirtsstube begrüßte mich die Frische der dicken Steinmauern. Die letzten Mittagsgäste saßen draußen auf der Veranda unter Weinreben und schlürften ihren Espresso. Drei Bauern in ihren typischen blauen Schürzen hockten am blankgescheuerten Tisch vor ihrem Glas Roten und spielten lautstark Karten. Hinter dem Tresen stand der Wirt und polierte die Weingläser mit einem Tuch. Er erkannte mich sofort, obwohl wir uns noch nie gesehen hatten. Er kam auf mich zu, schüttelte mir die Hand.

„Sie müssen Thomas sein. Die Ähnlichkeit mit Ihrem Herrn Vater ist unverkennbar. Kommen Sie, Sie sind sicher hungrig und durstig nach der langen Fahrt.“

Tatsächlich verspürte ich ein flaues Gefühl in der Magengegend.

„Danke, sehr freundlich, aber ich möchte keine Umstände machen.“

Er lächelte. „Es ist bestimmt noch etwas da, vom Mittagessen.“

Er verschwand in der Küche und wenige Minuten später standen ein paar dampfende Spinatknödel dick mit Käse bestreut vor mir auf dem Tisch. Er setzte sich zu mir auf die Terrasse in den Schatten und wir tranken einen Schoppen Roten seiner Hausmarke. Ich musste ihm von meinen Eltern und den Geschwistern erzählen.

Vater und Mutter hatten vor vielen Jahren hier ihren Hochzeitsurlaub verbracht und seit dieser Zeit waren unsere Familien befreundet. Meine Eltern fuhren, wenn es ihre Finanzen erlaubten, jedes Jahr auf ein paar Tage nach Prissian, um ihre Erinnerungen aufzufrischen. Sie nannten es ihren Jungbrunnen. Wohl auch um wieder ein wenig Abstand von uns Kindern und dem Geschäft zu bekommen. Mich hatten sie nie mitgenommen. Ich verstand, sie wollten ein paar Tage alleine sein und auch wir Kinder genossen die Zeit ohne die ständig mahnende Kontrolle unserer Mutter. Wenn sie zurückkehrten, hatten die beiden immer so ein Leuchten in den Augen. Wir Kinder belächelten dies zwar, respektierten jedoch ihre gelegentlichen Ausflüge in die Vergangenheit, an denen wir nicht teilhaben konnten und wollten. Herr H. trug, wie alle Südtiroler Männer im Dorf eine blaue Schürze, wohl auch um sich von den einsickernden Italienern zu unterscheiden, wie ich später erfuhr. Mitten in meinem Bericht wurde die Tür zur Gaststube aufgerissen. Ein junger Mann mit abgestoßener schwarzer Lederjacke und Cowboystiefeln stampfte in die Wirtschaft.

„Was willst du noch hier?“, fuhr ihn Herr H. an.

„Ich will Steffi sehen.“

„Das kannst du vergessen“, wies ihn Herr H. zurück. „Sie will dich nicht mehr sehen.“

Die Szene kam mir vor wie in einem schlechten Western und ich erwartete, die beiden Kontrahenten würden gleich ihre Waffen zücken. Ich fühlte mich unbehaglich und drückte mich an die Wand. Der Kerl ballte die Fäuste, das konnte ich sehen.

„Kann ich wenigstens ein Bier haben?“

„Wir haben geschlossen, das solltest du noch wissen.“

„Und er?“

Der Bursche zeigte mit dem Finger auf mich.

„Geht dich nichts an.“

Herr H. erhob sich und stellte sich breitbeinig in die Terrassentür.

„Und überhaupt“, sagte er wütend, "will ich dich hier nie wieder sehen.“

Der Kerl stieß einen Fluch auf Italienisch aus, den ich nicht verstand, drehte sich grummelnd um und verließ das Haus. Es klang wie eine Drohung.