GMO Indien - Andreas Zenner - E-Book

GMO Indien E-Book

Andreas Zenner

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Beschreibung

Der dritte Teil des Buches über Genmanipulation: für alle, die damit neu beginnen, empfiehlt es sich, mit "GMO Indien" zu beginnen, dann "GMO" zu lesen und zum Abschluss "GMO China". Der Autor deckt damit beispielhaft die weltweit stattfindenden Genmanipulationen und deren Auswirkungen auf die Menschen auf.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Andreas Zenner

GMO Indien

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

I

II

III

IV

V

VI

Impressum neobooks

I

Die Lampe hat sich geleert,

das Öl ist verbraucht,

das Tamburin ist verstummt,

der Tänzer schlafen gegangen,

das Feuer erloschen und kein

Rauch erhebt sich mehr,

die Seele ist im einen

es gibt keine Dualität mehr

Kabir

Der Bauer Saddik Ramesh krepierte am Mittwoch den 23. Januar 2006. Er ließ seine Frau Shakina und die zwei halbwüchsigen Kinder Ragha und Mana zurück. Vor nicht allzu langer Zeit waren es drei Kinder gewesen, von den bei der Geburt verstorbenen einmal abgesehen, Savita, die älteste Tochter hatte er vor einem Jahr verloren und dies war eine der Ursachen seines Freitodes. Zweiundvierzig Jahre wurde er alt, als er in auswegloser Lage die scharfen Reste des Unkrautvernichtungsmittels Roundup hinunterwürgte. In seiner letzten Nacht wälzte er sich mit schrecklichen Bauchschmerzen auf seiner Tscharpoi. Die verzweifelten Fragen seiner Frau wies er mit einer unwirschen Handbewegung zurück. Kleine Schweißperlen standen auf seiner Stirn, die Shakina angstvoll mit einem nassen Tuch abtupfte. Seine Eingeweide krampften sich zusammen und weißer Schaum tropfte in einem dünnen Rinnsal aus seinem Mund. Er konnte und wollte ihr nicht sagen, was er getan hatte, so sehr schämte er sich

„Es tut mir leid“, flüsterte er sterbend seiner Frau ins Ohr.

„Es tut mir leid“.

Gegen Morgen, die Krähen vollführten wie stets bei Sonnenaufgang einen ohrenbetäubenden Lärm im Banyanbaum, brachen seine Augen. Der ausgemergelte Körper sackte auf der Pritsche in sich zusammen. Die verzerrten Gesichtszüge entkrampften sich. Mit einem wilden, verzweifelten Schrei warf sich Shakina über ihn, schüttelte ihn, versuchte ihn ins Leben zurückzuholen. Aber Roundup ist ein gutes Gift, zuverlässig vernichtet es das Unkraut auf den Baumwollfeldern. Genauso rasch und gnadenlos wirkt es beim Menschen. Verstört, mit Angst erfüllten Augen standen die beiden Kinder in der Tür. Sie verstanden nicht was vor sich ging, ahnten nur, etwas Schreckliches musste mit ihrem Vater geschehen sein.

„Euer Vater ist tot“, hauchte ihre Mutter mit erstickter Stimme.

„Lauft und holt die Nachbarn.“

Doch die zwei standen wie erstarrt, unfähig sich von der Stelle zu rühren hielten sie sich zitternd an den Händen. So verharrten sie, stumm vor Entsetzen, stumm vor Trauer und ihre Welt hörte auf sich zu drehen. Fern am Horizont zuckten die ersten Sonnenstrahlen über den glasklaren Morgenhimmel von Gujarat.

Als Saddik nicht zur Morgenwaschung kam und auch nicht wie die Dorfbewohner auf das Feld ging, sah eine besorgte Nachbarin in Rameshs Hütte. Sie fand die drei wimmernd und klagend an der Liege des Verstorbenen. Große schwarze Fliegen, angelockt vom Geruch des Todes, schwirrten um das Gesicht des Leichnams. Mit einer rührenden Geste wischte sie Shakina zur Seite, doch die Biester ließen sich nicht verscheuchen. Frech krabbelten sie über den eingetrockneten Speichel, setzten sich auf Augen und Ohren. Über die staubigen Gesichter der Kinder rannen bittere Tränen, zeichneten kleine salzverkrustete Bahnen, tropften auf den Lehmboden. Shakina umklammerte den Verstorbenen, ohnmächtig mit ihren Armen und stieß kleine spitze Klagelaute aus. Schreiend rannte die Nachbarin aus der Hütte und in kurzer Zeit strömten die Frauen der Nachbarschaft weinend und klagend ins Totenhaus. Sie verhüllten ihre Gesichter, kreischten und schluchzten. Spät am Vormittag, die Gesichter der Trauernden leer geweint, wickelten sie den Leichnam in ein grobes weißes Baumwolllaken. Der Brahmane tauchte gegen Mittag auf, nachdem Ragha ihn informiert und um seinen Besuch gebeten hatte. Er bestimmte durch das Horoskop den Zeitpunkt der Einäscherung. Bis dahin legten sie den Leichnam in eine Bale, ein einfacher Holzsarg, auf dem Hof. Diese hatten sie von den Nachbarn geborgt, denn Shakina und ihre Kinder besaßen nichts als die Kleider, die sie auf dem Leib trugen. Die Felder und die Hütte gehörten schon lange dem Bania, dem Geldverleiher. Nun gab es niemanden mehr, der die horrenden Zinsen bezahlen konnte. Seufzend kramte Shakina in der Blechschachtel, in der ihr Mann einige wenige gesparte Rupien versteckt hatte. Viel war es nicht, aber es reichte um drei Krüge mit Ghee zu kaufen und einige Kräuter, vielleicht sogar für ein paar Sandelholzsplitter, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden sollten. Als sie Saddik nach 42 Tagen einäscherten, brannte die Sonne Gujarats unbarmherzig vom Himmel. Kein Wölkchen zeigte sich, der Monsun war ausgeblieben, wie im Jahr zuvor. Die Baumwollpflanzen der Sorte New BT cotton hybrid welkten verkümmert auf den staubtrockenen, ausgedörrten Feldern. Nicht einmal das Unkraut, für das das Herbizid eigentlich gedacht war, überstand die tödliche Dürre. Mit dem Ausbleiben des Regens schwand die letzte Hoffnung der Baumwollfarmer Gujarats: Mit einer guten Ernte ihre Lebensgrundlage wenigstens für ein Jahr zu sichern. Das Feuer des Scheiterhaufens fraß sich rasch durch die dürren Zweige, qualmte ein bisschen, als es den Leichnam erfasste. Eine dünne weiße Wolke stieg in den gnadenlos blauen Himmel. So wie das Brandopfer, so lösten sich die Träume der Bauern in Rauch auf. Schweigend standen die Dorfbewohner um das Feuer, beteten und hingen ihren Gedanken nach. Saddik war einer der ihren gewesen, genau so arm, genau so verführt wie sie. Mancher Bauer dachte mit Schaudern daran, was ihm und seiner Familie in Zukunft noch alles drohte. Die Götter hatten sie nicht gesegnet. Indra, die Göttin der Fruchtbarkeit sich von ihnen abgewandt, der lebensspendende Regen war ausgeblieben, trotz unzähliger Opfer und Gebete. Drei Jahre zuvor hatte das Verhängnis der Bauern des Dorfes Dasada begonnen. Doch damals sahen sie es nicht, denn alles hatte so verheißungsvoll angefangen.

Frühjahr 2003

An einem heißen Frühjahrsmorgen fielen die Vertreter der Firma Mahyco über das Dorf Dasada her, klappten Stühle auf im Halbkreis um einen offenen Pritschenwagen. Der Sarpantsch war schon Tage zuvor im Auftrag des Pantschajat von Hütte zu Hütte gegangen und hatte zu einer Veranstaltung von höchster Wichtigkeit eingeladen. Da hockten sie nun, die zerlumpten Bauern, die nicht schreiben und nur wenig rechnen konnten und lauschten den verführerischen Worten der Mahyco-Vertreter. Ein höherer Beamter des Landwirtschaftsministeriums war mitgereist, um die Meute Kraft seines Amtes zu unterstützen. Sie saßen im kühlen Schatten des großen Banyanbaumes, unter dem sie sich immer trafen um den Klatsch des Dorfes durchzuhecheln. Unter den Bauern auch Saddik Ramesh. Seine wirtschaftliche Lage war schlecht, um nicht zu sagen miserabel, auch wenn sein Vater durch die Landreform vier Morgen Ackerland zugeteilt bekommen hatte.

Der Dorfälteste begrüßte wortreich den Regierungsvertreter, der schwitzend in einem Korbsessel in der ersten Reihe lehnte. Die Luft drückend heiß und der korpulente Mann versuchte vergeblich mit einem Taschentuch die dicken Schweißperlen von der Stirn zu wischen, bevor sie in die Augen rinnen konnten, wo sie unangenehm brannten. Aus einem Lautsprecher auf dem Toyota Pritschenwagen quäkte die indische Nationalhymne. Die Mahyco-Handlungsreisenden, jung und drahtig, in weißen Leinenanzügen, schwitzten nicht, sie zeigten jene Agilität die einen guten Vertreter auszeichnet. Der Vortrag begann.

„Baumwolle“, verkündete ihr Sprecher, „ist das Produkt der Zukunft, eurer Zukunft. Der Weltmarkt reißt sich um indische Baumwolle, die Preise schießen in die Höhe. Wollt ihr ein gutes Einkommen für euch und eure Familien, baut Baumwolle an. Wir bieten euch ein Saatgut, die BT-Baumwolle, eine neue erfolgreiche Züchtung aus Amerika. Baumwolle mit der ihr einen um 80 Prozent gesteigerten Ertrag erzielen könnt. Sie hat außerdem den unschätzbaren Vorteil, deutlich weniger Pestizide zu brauchen.“

Das hörte sich gut an. Die Anwesenheit des Sekretärs des Landwirtschaftsministeriums schuf Vertrauen. Die Bauern glaubten, ihre Regierung unterstütze das Projekt. Dass der Sekretär diese Veranstaltungen lediglich wegen des guten Honorars besuchte, ahnten sie nicht. Es folgte ein langer Vortrag über die Möglichkeiten und die Ertragsaussichten, die sich aus dem Anbau von BT-Baumwolle ergeben sollten. Die neue Sorte zeige sich immun gegen den Kapselbohrer und gegen die Kräuselkrankheit, die gefürchteten Baumwollschädlinge. Sie sei resistenter in Dürreperioden. Dazu zeigten sie Grafiken und zitierten aus verschiedenen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Obwohl die Bauern nicht viel davon verstanden, nickten sie höflich mit den Köpfen. Ihre Lage war verzweifelt, denn politische Zusammenhänge, von denen sie nichts wissen konnten, brachten sie in schlimmste Existenznöte. Im vergangenen Jahr hatte eine anhaltende Dürre die Ernteerträge erheblich geschmälert. Hinzu kam ein Beschluss der Zentralregierung in Neu Delhi, die auf Druck der WTO die Importzölle und die Subventionen drastisch kürzen musste. Indische Bauern sahen sich gezwungen, mit Anbietern aus der EU, den USA und China zu konkurrieren. Diese Länder jedoch schützten ihre Agrarprodukte durch Zölle und ihre Landwirte wurden mit Steuermilliarden subventioniert. Darüber jedoch berichtete der Nachrichtensprechen im Radio vor dem Haus des Sarpantsch, des Dorfvorstehers nichts in den12:00 Uhr Nachrichten. Dieses japanische Transistorradio stellte die einzige Informationsquelle der Bauern von Dasada in Hindi ihrer Sprache dar. Es hing auf der Veranda des Sarpantsch an der Wand und tönte den ganzen Tag in voller Lautstärke. Saddik versäumte es nie, sich die Meldungen anzuhören, wenn er vom Feld zurückkehrte. Er hatte der Familie seine Anweisungen erteilt und da keine Ernte anstand, blieb ihm genügend Zeit sich zu informieren, zumal er sich freute ein Schwätzchen mit den Nachbarn zu halten.

„Die BT-Baumwolle sichert euch eine glänzende Zukunft. Ihr werdet Wohlstand erlangen, genug Nahrung für eure Familien erwirtschaften“, schallte es aus dem Lautsprecher. Saddik träumte von einem festen Haus, keiner windschiefen Hütte mehr. Von einem eigenen

kleinen Radio oder sogar von einem eigenen Fahrrad. Wichtiger aber schien es ihm, Geld zurückzulegen für das Hochzeitsfest seiner Tochter Savita. Diese Männer hatten gütige Götter gesandt, um ihrem Elend ein Ende zu bereiten, davon waren die meisten der Bauern mittlerweile überzeugt.

„Versäumt nicht die ungeheuren Möglichkeiten, die euch die BT-Baumwolle bieten kann. Wer heute nicht auf unsere neue Baumwolle umsteigt, bleibt für immer in Armut und Not. Wollt Ihr das euren Frauen und Kindern antun?“, hallte es blechern über den Platz. Einige Werber schwärmten aus, verteilten Kugelschreiber und andere kleine Geschenke, drückten jedem einen Prospekt in die Hand, auf dem üppige Baumwollfelder prangten und glücklich strahlende Bauern vor schmucken weiß gekalkten Häusern. Den Text konnten die Bewohner des Dorfes Dasada nicht lesen, aber sie bestaunten andächtig die bunten Bilder.

„Auch Ihr könnt ein sorgenfreies Leben führen, dazu müsst ihr nur unser BT Saatgut kaufen“, klang es schmeichlerisch.

Saddik seufzte. Woher sollte er das Geld für das neue Saatgut nehmen, war er doch beim Geldverleiher schon mit mehr Rupien verschuldet als er zählen konnte. Er wischte die staubigen Hände an seiner Dhoti ab, drehte verlegen die Broschüre in den Fingern, zögerte, und kleinmütige Gedanken zogen durch seinen Kopf. Doch die bunten Bilder zeigten ihre verführerische Wirkung. Sie hackten sich in seinen Träumen fest wie Kletten, keimten hoffnungsvoll in seinem Herzen. Baumwolle ja, das war die Zukunft. Er ballte die Fäuste, sah sich auf einer Veranda sitzen mit einem schönen neuen Turban. Ein erfolgreicher, geachteter Mann. Sein gesundes Misstrauen und die über Generationen gewonnene Lebensweisheit schienen wie ausgelöscht. Der Beamte aus dem Landwirtschaftsministerium ergriff das Wort.

„Wir sehen diesen Fortschritt gerne“, tönte er und wischte sich ein weiteres Mal die Schweißperlen von der Stirn.

„Wir haben die neue Baumwolle kritisch geprüft und sie in vielen unabhängigen Anbauversuchen für gut befunden. Die Kongresspartei und die Zentralregierung arbeiten eng mit den Wissenschaftlern von Mahyco zusammen. Der Mutterkonzern dieser Firma, Monsanto aus den Vereinigten Staaten, bürgt für die Qualität des neuen Saatgutes. Gewiss, es ist teurer, aber die zu erwartenden Erträge werden euch mehr als entschädigen.“

Ächzend ließ er sich in den Korbsessel zurückfallen. Leicht verdientes Geld dachte er bei sich. „Ihr bekommt das BT-Saatgut über euren Landwirtschaftshändler“, ereiferte sich der Einpeitscher. Er redete viel und schnell.

„Schon die nächste Ernte wird euch überzeugen. Kauft BT-Saatgut und eine goldene Zukunft steht euch bevor.“ Erschöpft ließ er das Megaphon sinken. Er hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet.

Der Dorfälteste dankte den Männern von Mahyco und die Versammlung lief auseinander.

„Das sollte ich mit Shakina besprechen“ dachte Ramesh der Bauer. Bis spät in die Nacht diskutierte Saddik mit seiner Frau. Nicht, dass er dazu verpflichtet gewesen wäre, aber er schätzte Shakinas Rat, außerdem fühlte er sich besser wenn er eine so schwerwiegende Entscheidung mit ihr teilen konnte. Er zeigte ihr die farbenprächtigen Bilder blühender Baumwollfelder, sprach von den fantastischen Ernten und er malte den zukünftigen Wohlstand in den buntesten Farben aus. Ganz wohl war ihm nicht dabei, aber die leise warnende innere Stimme brachte er schnell zum Schweigen.

„Wie willst Du das bezahlen?“, fragte Shakina.

„Wir müssen uns eben beim Bania Geld leihen.“

„Wir haben doch schon so viele Schulden“, gab sie respektvoll zu bedenken.

„Die wir in der jetzigen Situation ein Leben lang nicht zurückzahlen können.“ Shakina seufzte. Saddik wusste, was ihr Seufzen bedeutete. Einen großen Teil der Schulden hatte er von seinem Vater geerbt, einen weiteren selbst angehäuft. Er hatte sich so viel Geld leihen müssen, dass an eine Rückzahlung nicht zu denken war, nicht einmal sein Sohn, so der denn die ärmlichen Felder übernehmen würde, könnte die Summe abstottern. Seit Jahren schon war es ihm nicht möglich mehr als die Zinsen zu begleichen. Sogar die Butter seiner einzigen Kuh brachte er regelmäßig zum Geldverleiher, ganz zu schweigen von den wenigen Rupien die er für seine Ernte bekam. Insgeheim befürchtete er, der Bania würde ihm nichts mehr leihen. Der Geldverleiher war ein verschlagener alter Fuchs, der den Wert jedes Ackers, jeder Kuh und jedes Hauses im Dorf kannte. Nun gut, auch der Bania war unter den Zuhörern des Vortrages der Mahyco Leute gewesen und wie Saddik aus den Augenwinkeln beobachteten konnte, hatte der Mann mit am eifrigsten geklatscht.

„Vielleicht sollte ich vorher mit dem Dorfältesten reden“, überlegte er bevor ihn der Schlaf übermannte. In dieser Nacht wälzte sich der Bauer unruhig auf seiner Pritsche. Zu viele Gedanken jagten durch seinen Kopf und verursachten wirre Träume. Saddik erwachte vor dem Morgengrauen, gähnte geräuschvoll, hustete laut. Dann berührte er ehrfürchtig den kleinen goldenen Ring am Finger, den ihm sein Vater außer den Schulden als Glücksbringer hinterlassen hatte. Glück hatte Saddik heute nötig um eine kluge Entscheidung zu treffen. Er ging an den Dorfteich, um sein tägliches Morgenbad zu nehmen. Dabei stieg er mit seiner Dhoti in den Teich, wusch sich und sprach seine Gebete. Nachdem er einige wenige Löffel Dal gegessen hatte, machte er sich auf den Weg zum Dorfältesten. Die Beiden diskutierten lange über die neue Baumwolle, wogen die Argumente gegeneinander ab, kamen jedoch zu keiner Entscheidung. Der Sarpantsch schüttelte gedankenvoll den weißhaarigen Kopf.

„Nicht alles, was neu ist, ist auch ein Segen für uns“, äußerte er nach langem Überlegen. „Kann sein, dass es eine Möglichkeit für dich ist, kann aber auch sein, dass nicht.“ Saddik nickte ehrfurchtsvoll.

„In meinem Leben habe ich erfahren, die alten Sitten und Gebräuche sind für uns die besten und sie sollten nicht geändert werden.“

„Aber“, entgegnete Saddik, „wir tun doch dasselbe wie schon unsere Väter und Großväter, lediglich der Samen der Baumwolle ist anders.“

„Und teuer“, warf der Alte ein.

„Ja“, klagte Saddik, „aber wenn nicht bald etwas geschieht, wird meine Familie verhungern, zwei Kinder sind mir schon weggestorben.“

Der Alte seufzte.

„Glück und Unglück liegt allein in der Hand der Götter. Wäge weise und bete.“ Mit einer müden Handbewegung entließ er Saddik, der sich mehr von dem Gespräch erhofft hatte. Unschlüssig stand er vor dem Haus des Dorfältesten, doch dann wandte er sich um und lenkte seine Schritte zum Haus des Geldverleihers. Zumindest erkundigen könnte er sich, ob ihm der Bania überhaupt noch Geld leihen würde. Der Bania saß schwitzend hinter einem klapprigen Holztisch, auf dem sich die Schuldverschreibungen in Stößen häuften. An der Decke surrte ein träger Ventilator, der jedoch die aufkommende, stickige Hitze lediglich gleichmäßig im Raum verteilte.

„Moment“, brummelte der Geldverleiher und wühlte in seinen Papieren. Er gab sich wichtig, obwohl er nichts anderes zu tun hatte, als einer Spinne gleich im Netz auf seine Opfer zu warten. Es war ihm zur zweiten Natur geworden, seine Klienten erst ein wenig zappeln zu lassen. Gut fürs Geschäft, bildete er sich ein. Saddik verharrte geduldig. Schließlich hob der Bania das Gesicht und funkelte Saddik mit listigen Augen über den Rand der Brillengläser an.

„Na Saddik, ich habe dich gestern bei den Mahyco Leuten gesehen, brauchst wohl Geld für das neue Saatgut?“ Saddik rang verlegen die Hände und nickte.

„Ja das wäre eine tolle Sache, wenn das mit der Baumwolle so eintreffen würde“, meinte der Bania. Im Stillen rechnete er aus, wie hoch sein Gewinn bei der Transaktion sein könnte.

„Ich will nachschauen, wie viel du mir schon schuldest.“ Er blätterte in einem der Papierstöße, fischte mit den fetten, beringten Fingern ein Blatt heraus und runzelte die Stirn.

„Mhm, ich sehe schon.“ Es gab nicht mehr viel, was Saddik hätte verpfänden können.

„Deine Kuh und der Ochse gehören mir schon, ebenso dein Haus. Die Felder sind nichts wert.“ Saddik nickte betreten und schwieg.

„Was kannst du mir als Sicherheit anbieten?“

Saddik zuckte mit den Schultern. Außer der Option auf zukünftige gute Ernten hatte er nichts anzubieten. Der Geldverleiher musterte ihn scharf, sagte nichts.

„Ich fürchte, ich kann nichts für dich tun“, stellte der Bania ungerührt fest. Saddik senkte den Kopf, wandte sich ergeben zum Gehen.