GMO China - Andreas Zenner - E-Book

GMO China E-Book

Andreas Zenner

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Beschreibung

"GMO China" setzt das Thema des Buchs "GMO" über Genmanipulation fort: In China erleidet ein kleines Mädchen einen zunächst unerklärlichen, lebensbedrohlichen allergischen Schock. Mit knapper Not kann ihr Leben gerettet werden. Der zweite Teil über den Fluch genetisch manipulierter Organismen.

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Andreas Zenner

GMO China

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I

II

Impressum neobooks

I

Denn so wenig wie ein Baum

Weißt du vom Menschen wenn du ihn in seiner Dauer

ausbreitest

und ihn nach seinen

Unterschieden einteilst

Mitnichten ist der Baum zuerst

Same, dann Sproß,

dann biegsamer Stamm

dann dürres Holz

Man darf ihn nicht zerlegen

wenn man ihn kennenlernen will.

Der Baum ist jene Macht,

die sich langsam dem Himmel

vermählt.

Antoine de Saint Exupéry

Großvater Chuang saß auf einem dreibeinigen Schemel vor dem Haus und saugte genüsslich an seiner Pfeife. Die von der Feldarbeit müden Beine von sich gestreckt, lehnte der Rücken an der sonnenwarmen Lehmmauer. Nach dem schweren Tageswerk kehrte Ruhe ein im Dorf Roter Pfeffer. Vom Hofplatz her klang das aufgeregte Gackern der Hühner, die seine Enkelin Hsien mit sanften Lauten anlockte und fütterte. Im Schweinekoben grunzte ein, jetzt im Frühjahr, noch recht mageres Schwein. Die umlaufende Mauer schützte den Alten vor den kalten Nordwinden. Langsam senkte sich die Dämmerung über das Land. Die Pappeln warfen lange Schatten, die wie die Finger einer Riesenhand über die Lehmwände strichen. Die Sonne stürzte dem Horizont zu, tauchte das Dorf in ein mildes rötliches Licht, ließ den Himmel ein letztes Mal golden aufflammen, um dann zu verlöschen. Die Nacht senkte sich rasch; der alte ausgemergelte Mann schauderte in der Kälte. „Hsien“, rief er „Zeit für das Abendessen und dann ins Bett mit dir.“ Ein kleines Mädchen mit geröteten Wangen und dicken schwarzen, geflochtenen Zöpfen sprang um die Ecke. „Nur noch einen Augenblick“, bettelte sie. Sie hockte sich still neben dem Großvater auf die Fersen; umfasste die kleinen Knie. Gemeinsam betrachteten sie die letzten verlöschenden Strahlen am Himmel. „Großvater,“ – Hsien zupfte den Alten am Kittel – „was tun Mama und Papa jetzt? Ob sie auch dem Sonnenuntergang zuschauen?“ Chuang nahm die Pfeife aus dem Mund und stieß ein Rauchwölkchen in die Luft. Er wiegte den Kopf. „Sicher“, murmelte er bedächtig. „Sicher sind sie so müde wie wir.“

„Wie ist es am Gelben Fluss auf der Baustelle?“

„Da arbeiten tausende von Menschen. Sie errichten den größten Staudamm der Welt. Er wird uns mit Elektrizität versorgen, die jährlichen Überschwemmungen verhindern und uns zu neuem Wohlstand verhelfen.“

Er hatte dies in einer Wandzeitung am Haus des Dorfvorstehers gelesen, konnte sich aber unter den propagandistischen Schlagworten nichts vorstellen.

„Was ist Elektrizität?“, wollte die Kleine wissen.

„Nun“, versuchte der Alte zu erklären, „das ist…“ – er suchte nach Begriffen, fand keine. Schließlich sagte er: „Das ist, wenn du in das Haus gehst, einen Schalter umlegst und plötzlich wird es in einer Lampe hell. Heller als in einer Petroleumlampe. Du kannst damit ein Radio zum Klingen bringen und…“ Ihm fielen keine weiteren Beispiele ein, denn er hatte das Wunder des Stroms nur ein einziges Mal in der fernen Provinzhauptstadt gesehen. Die lag zwei Tagesreisen entfernt am Li-Fluss und Hsien war niemals dort gewesen. Bis in ihr Dorf waren die Segnungen der Zivilisation nicht vorgedrungen. Der Wissensdurst der Enkelin schien mit dieser einfachen Erklärung befriedigt zu sein.

„Schön“, meinte sie altklug, „dass meine Eltern bei einem so wichtigen Projekt mithelfen.“ Eine kleine Stille stand zwischen ihnen. Verstohlen suchte das Mädchen die Hand des Großvaters, schob ihre Rechte in die raue, abgearbeitete Hand des Alten. Schließlich flüsterte sie leise, mehr zu sich selbst: „Sie fehlen mir.“ Eine Träne kullerte aus ihrem Auge, rollte über die Wange und tropfte in den Staub. Der Großvater drückte die kleine Hand leicht. „Es gibt zu wenig Arbeit, in unserem Dorf. Viele Menschen müssen weit entfernt von hier arbeiten und ihr Brot verdienen. Du wirst es verstehen, später.“ Sie nickte tapfer.

„Lass uns nach drinnen gehen, mir wird kalt.“ Hand in Hand gingen sie ins Haus. Chuang zündete die Petroleumlampe an und augenblicklich erhellte ihr milder Schein den kargen Raum. Der Großvater machte sich am Herd zu schaffen, er stocherte mit dem Schürhaken in der Glut, blies in die halbverloschene Asche und legte einige Scheite nach. Wohlige Wärme breitete sich in der Stube aus und bald köchelte der Reis mit ein wenig Gemüse auf der gusseisernen Herdplatte. Schweigend nahmen sie das karge Nachtmahl zu sich. In den papiernen Fenstern verfing sich knisternd der Nachtwind.

„Nun geh zu Bett.“ murmelte der Alte schließlich. Hsien verschwand gehorsam in ihrer Schlafkoje, drückte dem Großvater einen Kuss auf die faltige Stirn.

„Großvater“, tönte es aus der Koje. „Ich vergaß zu erzählen, morgen kommt eine Arbeitsbrigade in unser Dorf. Was sie machen, habe ich nicht richtig verstanden.“ Der Großvater hatte den Anschlag gelesen und wusste Bescheid.

„Bäume wollen sie pflanzen, viele Bäume. Das soll den Wind abhalten, der uns die Erde wegbläst, und im Frühjahr die Flut eindämmen.“ knarzte der Alte. „Jetzt schlaf.“

„Ich schicke Mama und Papa schnell noch ein paar liebe Gedanken, damit sie spüren, dass ich an sie denke.“

„Tu das…“, stimmte der Großvater zu und kaum hörbar „…meine arme Kleine.“

Als Hsien am anderen Morgen erwachte, werkelte der Großvater am Herd. Es rauchte fürchterlich und die grauen Schwaden bissen Hsien in den Augen. Sie musste husten. Besorgt sah sie der Alte an.

„Es wird gleich besser“, entschuldigte er sich zärtlich. Hsien hustete in letzter Zeit häufiger und Chuang machte sich Sorgen um die Gesundheit der Enkelin, die ihm die Eltern anvertraut hatten, als sie zur Baustelle am Drei-Schluchten-Staudamm aufbrachen. Es war nicht einfach für ihn, auf das kleine quirlige Mädchen aufzupassen, das wilde Spiele so mochte. Auch bei den Schulaufgaben konnte er ihr nicht helfen. In seiner Jugend musste Großvater Chuang hinaus aufs Feld, da blieb keine Zeit, Lesen und Schreiben zu lernen. Nun war er ein alter Mann mit gebeugtem Rücken, den bei jedem Wetterwechsel die Knochen schmerzten. Er ließ sich die Schmerzen nicht anmerken, wollte Hsien nicht beunruhigen, allein sein Leben wurde von Tag zu Tag beschwerlicher. Vor Jahren schon war ihm die Frau weggestorben, einfach so, über Nacht. Seitdem fühlte er sich sehr alleine. Da war es gut, die Enkeltochter bei sich zu haben, die mit ihm sprach, die ihn freilich mit ihrem unaufhörlichen Geplapper auch des Öfteren nervte. Großvater Chuang klagte nie. Er tat sein Bestes, Hsien das Fehlen der Eltern nicht merken zu lassen, allein er wusste, er konnte Mutter und Vater nicht ersetzen. Als sie das Haus verließen, wehte ein eisiger Nordwind und kleine Staubfahnen wirbelten über die Dorfstraße. Der Großvater knöpfte der Enkelin die blaue Jacke zu, schlang ihr das rote Tüchlein der Revolution um den Hals, und schon rannte sie zur Schule. Er schob sich den breiten Basthut in den Nacken und schlurfte mit tastenden Schritten hinaus aufs Feld. Den größten Teil der Äcker bewirtschaftete das Dorf gemeinsam – an der schweren Feldarbeit musste der Großvater nicht teilnehmen, seine Kräfte reichten nicht mehr aus, hinter den Büffeln herzugehen und die Erde mit dem hölzernen Pflug aufzubrechen. Seit einigen Jahren war es der Landbevölkerung wieder gestattet, für den eigenen Bedarf Gemüse, Sojabohnen und Mais anzubauen. So schleppte sich Chuang jeden Morgen hinaus auf seinen Acker, die Hacke über der Schulter und versuchte dem wild wuchernden Unkraut Herr zu werden. Ein vergebliches Unterfangen, müde und langsam wie er war und einem Boden hart wie Stein. Es hatte lange nicht geregnet.

An diesem Tag rückte die kleine Klasse von Frau Ma, der Dorfschullehrerin, gegen Mittag aus. Die Kinder marschierten gesittet in Reih und Glied, in der Hand hielten sie kleine rote Papierfähnchen, die sie pfleglich behandeln sollten, denn Frau Ma würde sie nach der Begrüßungszeremonie wieder einsammeln, um sie beim nächsten Anlass erneut einzusetzen. Die Kinder zogen der Arbeitsbrigade entgegen, die über die, unasphaltierte Straße kommen sollte. Die Klasse musste lange warten und Buben und Mädchen vertrieben sich die Zeit damit, revolutionäre Lieder zu singen. Wenig später stießen der Dorfvorstand und einige Frauen zu den Wartenden. Das Begrüßungskomitee war vollständig und der Dorfvorsteher, der sich extra für diesen Anlass seine alte grüne Rotgardistenuniform angezogen hatte, schwitze unter der Mao-Mütze, die ein roter emaillierter Stern zierte. Er hatte, um Eindruck zu schinden, sogar seinen alten Orden herausgekramt, den er für lang zurückliegende Verdienste – keiner wusste nebenbei bemerkt wofür – von der Bezirksregierung verliehen bekam. Endlich zeigte sich in der Ferne eine Staubwolke, aus der das Knattern von Traktoren dröhnte. Frau Ma ordnete die Kinder zu einer Reihe, sie schwenkten die Fähnchen und stimmten das Revolutionslied an, das sie die Tage vorher immer wieder hatten üben müssen. Aus der Staubwolke rollte ein Lastwagen mit winkenden Arbeitsbrigadisten, ihm folgten drei Traktoren, deren Anhänger mit jungen Pappeln beladen waren. Der Tross hielt mit quietschenden Bremsen knapp vor dem Ortsvorsteher. Ein Offizier sprang aus dem Fahrerhaus des alten klapprigen Armeelastwagens. Er baute sich vor dem Ortsvorsteher auf und salutierte. Die Kinder jubelten wie befohlen und stimmten erneut das Lied an, das sie schon ein Dutzend mal abgesungen hatten. Der Dorfvorsteher hielt eine lange Rede, in der er die Errungenschaften der Revolution lobte und auch die Verdienste des Großen Vorsitzenden Mao immer wieder einflocht. Der Brigadier dankte mit den gleichen Phrasen. Die Arbeiter mit den wettergegerbten Gesichtern steckten sich derweilen Zigaretten in den Mund. Dann zog die Gruppe in das Dorf.

Die Männer der Arbeitsbrigade errichteten Zelte aus Bastmatten als notdürftige Unterkünfte auf einem Feld. Die Kerle ruhten sich, erschöpft von der anstrengenden Fahrt aus. Der Brigadeführer und der Ortsvorsteher beugten sich heftig diskutierend über eine Landkarte, zeichneten hier etwas ein, schraffierten dort ein Areal. Gegen Abend hockten die Männer um ein prasselndes Feuer. Einer der Arbeiter zog eine abgewetzte Mundharmonika aus der Jacke und stimmte eine schwermütige Weise an. Die Männer der Brigade summten leise mit.

Am nächsten Morgen teilten sich die Arbeiter in zwei Gruppen und begannen mit der Baumpflanzaktion. Zuerst hoben die Brigadisten Erdlöcher aus, in gleichmäßigem Abstand, circa achtzig Zentimeter tief und breit genug, den Wurzelballen aufzunehmen. Die Pflanzung konzentrierte sich auf die Straße und die Begrenzungen der Felder. So entstand eine Allee und mehrere Karees rund um das Dorf. Dem Trupp der Arbeiter, welche die Pflanzlöcher ausgehoben hatten, folgte in Schrittgeschwindigkeit einer der Traktoren mit dem Anhänger auf dem die jungen Pappeln lagen. Ein weitere Gruppe setzte die Bäumchen ein und stampfte den Boden um die Pflanzlöcher fest. Sie häuften kleine Erdwälle auf. Die Dorfbewohner sollten ihre Bäume gießen können, bis sie fest mit dem Boden verwurzelt waren. Die Brigade arbeitete schnell und konzentriert. Gegen Mittag brachten die Schulkinder den Männern frisches Wasser aus dem Brunnen des Dorfes; da huschte ein Lächeln über die faltigen, schweißverkrusteten Gesichter. Nachmittags mussten die Dorfbewohner die frisch gepflanzten Bäume wässern. Für diesen besonderen Anlass waren sie vom Dienst auf den Feldern befreit. Der Transport des Gießwassers gestaltete sich schwierig, da ein großer Teil des kostbaren Wassers bei der Fahrt der wackligen Ochsenkarren durch die tiefen Schlaglöcher aus den Fässern schwappte. Am Abend waren alle Bäume angegossen. Auch Großvater Chuang beteiligte sich an den Arbeiten, obwohl ihm das Schleppen der Wassereimer zu beschwerlich war. Im Dorf lebten nicht mehr viele junge Männer. Die meisten waren in die Städte gezogen, um sich mit Tagelöhnerarbeiten durchzubringen. Die kräftigen Frauen hatten sie mitgenommen, zurück blieben die Alten und die Kinder. Entsprechend mühsam war das gemeinsame Bestellen der dorfeigenen Felder. Allein die Leute des Dorfes Roter Pfeffer klagten nicht. Sie waren es nicht anders gewohnt und schwere Arbeit kannten sie von Kindheit an.

Als der Großvater abends mit dem Enkelkind zusammensaß, schwärmte Hsien dem Alten von den bald grünenden Bäumen vor. Sie hatten in der Schule ausführlich über dieses Ereignis gesprochen und auch davon, welche Ehre es sei, dass gerade ihr Dorf für die Wiederaufforstungskampagne ausgewählt worden sei.

„Weißt du, Großvater“, berichtete sie stolz, „wir haben eine besondere Art Pappeln bekommen. Sie sind unempfindlich gegen Schädlinge und widerstehen der Trockenheit besser als die herkömmlichen Sorten.“

„Du redest wie ein Funktionär“, grinste der Großvater. Die Kleine ließ sich in ihrem Eifer nicht bremsen und plapperte nach, was sie in der Schule gelernt hatte.

„Die Sorte heißt Poplar-12 und ein Professor der Universität Peking mit Namen Chien Sungling hat sie gezüchtet. Er soll in den nächsten Tagen in unser Dorf kommen und einen Vortrag über unsere Bäume halten. Gehen wir hin?“, bettelte das Kind.

„Aber sicher“, lächelte der Großvater, der wusste, der Dorfvorsteher registrierte genau, wer bei diesem besonderen Anlass fehlte.