Glüxfall - Til Jørgson - E-Book

Glüxfall E-Book

Til Jørgson

0,0
4,99 €

oder
Beschreibung

Mailin ist schwanger. Und autistisch. Und Chinesin. Und liebt einen Deutschen. Sie wurden entzweit in einer Märznacht im Schwarzwald. Trampelnde Stiefel, schwarze Klamotten und Stabtaschenlampen. Hendrik schlief, der Gerechte. Sie ging mit, die Unschuldige. Kein Abschied, keine Tränen, kein Kuss. Jetzt suchen sie sich über Kontinente hinweg. Sie liebt ihn, obschon er jedem Rock hinterherläuft. Er hört nicht auf, an sie zu denken, obwohl sie nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Nicht gerade ein ideales Paar, sollte man meinen. Falls sie sich jemals wiedersehen, könnte das überraschend werden. Schwanger? Künstlerpech! Die Urlaubsquarantäne hat Folgen für die Autistin und den Filou. Mailin sucht Hendrik jedoch der Liebe wegen. Geld und Konventionen sind ihr egal. Durch Corona getrennt leben sie auf verschiedenen Kontinenten. Dieser spannende Liebesroman beschreibt die gegenseitige Suche. Es ist eine erotische Geschichte, eine lustige und eine weit gefächerte. Denn es geht in Glüxfall nicht nur um Mailin und Hendrik. Wir erfahren, wer die schönste Frau Chinas ist, dass Triaden nicht nur kriminell sind und Freudenmädchen zwar Freude spenden, aber selten welche haben. Wir machen einen Grundkurs in Norwegisch und einen in katholisch. Aber Mailin und Hendrik sind immer mittendrin. Sie suchen nach Liebe, nach Abwechslung und Zuneigung. Sie suchen sich und finden anderes. Jeder denkt an den anderen und malt sich ein Wiedersehen aus. Wie fängt man eine Suche an, wenn man die Sprache des anderen nicht spricht und noch nicht einmal eine Telefonnummer hat? Mailin ist erwacht und dadurch ruhelos. Wenn sie ihn nicht findet, will sie wenigstens etwas finden. Hendrik ist wie immer und doch nagt es an ihm, dass er nicht weiß, warum sie verschwand, aus seinem Leben gerissen, aus der quälenden Langeweile der Quarantäne. Sie sucht offenbar Liebe, dabei will sie Befriedigung finden. Er hat Befriedigung nach Belieben und sucht nach Liebe. Werden sie sich begegnen? Und wo werden sie sich treffen? In der Mitte? Im Herz? Im Schoß? Oder war die erste Begegnung der beiden ein nicht zu wiederholender, glücklicher Zufall? Von Mudanjang bis Mützenich, einmal um die Welt und doch mehr als eine Weltreise. Die Chinesin ist endlich erwacht, aber der Rest der Menschheit verhält sich, als wäre nie etwas geschehen, als hätte Mailin nicht gerade ihre Sexualität entdeckt. Was tun, wenn der Erwecker zwölftausend Kilometer entfernt in Deutschland ist? Mailin braucht ein Ventil und Hendrik ein Ziel.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Glüxfall

verschlungene Pfade der Liebe

von Til Jørgson

L'édition libertine Frankfurt am Main Deutschland

Mailin – ist ein Genie, fruchtbar, blauäugig und ist süchtig nach …Hendrik – ist nur groß, aber nicht erwachsen und tolerant bis wahllos.Solveig – nur ihr Busen ist noch größer als ihr Herz, spricht lustig.Shenmi – ist nicht in guter Hoffnung, macht sich Hoffnung auf Jahzen.Biyu – hat ein güldenes Herz und den saubersten Job in ganz China.Apotheke – spielt heuer keine große Rolle, ist so glücklich wie lange nicht.Xin Liu – ist kurz erbost und schnell wieder versöhnt, danach ein Magier.Ayumi – japanisches Schneewittchen erfährt alles Wichtige am Telefon.Bao – ist zwar kein Bauer, nimmt dem Schwein, was es nicht verdient.Liang – blicket stumm auf dem Meeresgrund herum.Ju'gen – würde nie in die Luft gehen, er hat Geduld und Zigaretten.Yanzhou – zu ihr kommt die Liebe Schlag auf Schlag.Lene – glaubt an den Erlöser, aber der Erlöser nicht an sie.Drachenmeister – hat sein Drachenblut verdünnt und Schweineblut vergossen.Jahzen – kann nicht reden, hat oft Hunger, liebt Frauen und Brüste.Mia – ist in die Nachbarin, von der man heimlich immer geträumt hat.

Alle Personen des Romans sind völlig frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind keinesfalls beabsichtigt. Die meisten der erotischen Begebenheiten sind hingegen tatsächlich passiert. Gott sei Dank.

Mit den Masken ist es so, wie mit den Kondomen. Man weiß, dass sie in bestimmten Situationen schützen. Das heißt nicht, dass ich sie ständig erwähnen muss. Wem der Roman zu masken- oder kondomlos ist, kann sich ja beim Lesen welche aufsetzen oder drüberrollen.

In dem Buch gibt es einige wenige norwegische Sätze. Doch das täuscht. Was dort steht, ist das, was ein Deutscher versteht, wenn er Norwegisch hört und dies aus der Erinnerung notiert. Der omnipräsente Übersetzer aus dem weltweiten Netz muss hier versagen. Hendrik hat es schließlich auch nicht verstanden. Man braucht nicht immer alles zu wissen.

Sehr Ferner Osten

Mudanjiang, Nordchina im Frühling 2020

 

 

 

Zum nächsten Goethe-Institut waren es fünfundzwanzig Tagesmärsche. Davon unbeirrt lernte Mailin in jeder freien Minute. Deutsch. Fernstudium. Goethe hätte statt seiner Italienischen Reise besser eine Mongolische Reise unternommen. Läge das Institut dann näher? Deutsch! Manchmal hatte sie es dermaßen satt, dass sie am liebsten alles stehen und liegen gelassen hätte. Wo nahmen die Deutschen bloß all diese harten Konsonanten her? Kr, tz, pf, qu, gr, kn, pr, … es war schier nicht auszuhalten.

Vermutlich war jede andere Sprache der Welt für einen Chinesen leichter zu lernen als Deutsch. Von Tschechisch mal abgesehen. Tsch! Deu-Tsch! In ihren dunkelsten Momenten erinnerte sie sich an Hendrik, den sie dereinst Hend'ik genannt hatte und presste ihre Lippen zusammen. Unvergessen, was war. Unbeweint, was ist. Unwissend, was kommt. Stur wie ein Steppenkamel hielt sie ihr Ziel im Blick.

Mailin brauchte eine Pause. Ihre Augen tränten. Sie stand auf und ging zum Spiegel. Dann kotzte sie ins Waschbecken. Schwanger kam ihr in den Sinn, womöglich war sie schwanger? Wieder ein Schwall. Sie wischte sich Tränen aus den Augenschlitzen und Schleim aus dem Mundwinkel. Sie übergab sich sonst nie. Schwanger. Mailin musste kotzen. Was für ein Mist. Was machte sie nur hier?

Es war keine drei Monate her, da war sie in einer deutschen Kleinstadt interniert gewesen. Eingepfercht. Kaserniert in einem Hotel mit zu vielen Gästen und zu wenigen Zimmern. Quarantäne. Langweilige Tage unterbrochen von Sex und Nächte mit Alkohol und mehr Sex. Hendrik war der Mann, der sie aus ihrem autistischen Dämmerzustand weckte. Und der Letzte. Der Einzige. Zum Kotzen dachte sie und würgte gleich wieder.

Dann, in der sechsten Nacht, waren drei Gestalten erschienen. Spezialeinheit. Asiaten. Mailin war sich vorgekommen wie im Film. Sie hatten den Zimmerschlüssel gehabt und sie eilends und unbemerkt aus dem Schwarzwälder Hotel entführt. In einem dunklen Geländewagen mit dunklen Scheiben. Bevor sie registrierte, was das bedeutete, saß Mailin längst im Flugzeug nach Hause. In China erfuhr sie, dass ihre Arbeit im Institut kriegswichtig war. Dabei wusste Mailin weder, dass Krieg war, noch, was sie dazu beitrug. Sie war Mathematikerin. Zwei Tage darauf hatte sie Mudanjiang erreicht und sich wieder an die Arbeit gemacht.

Ihr Chef, Herr Xin Liu hielt ihr eine Standpauke.

»Wie können Sie in solch einer Krise Urlaub machen? Überhaupt nur an Urlaub denken?«

»Sie haben doch gesagt, ich soll ein paar Tage Urlaub nehmen!«

»Schon, aber ich habe nicht gesagt, dass sie wochenlang abtauchen und von der Bildfläche verschwinden sollen. Nach Deutschland fahren! Was denken Sie, was hier los war!«

Mailin wurde kleinlaut, denn sie hätte es wissen müssen. Nun war sie einmal egoistisch. Was sie ihrem Chef nicht erzählte: An ihrem ersten Urlaubstag hatte sie den schlechtesten Sex ihres Lebens erlebt. Und das wollte etwas heißen, denn Mailin kannte bis dato nur schlechten Sex und grottenschlechten Sex. Schnauze voll. Die Flucht nach Deutschland war ein Kurzschluss. Trotz.

Mailin wusste um ihre Kriegswichtigkeit. Im Institut stand ein Quantencomputer. Wahnsinnig geheim. Hochexperimentell, unbezahlbar und spielentscheidend. Sie war ein entscheidendes Rädchen im Programmiergetriebe, unersetzlich. Vor Mailins Ausflug nach Deutschland berechnete der Koloss der Weisheit die Ausbreitung und Geschwindigkeit der neuen Seuche. Weil die offensichtlich chinesischen Ursprungs war, musste alles um jeden Preis vertuscht werden. Deshalb herrschte Krieg. Deshalb die Standpauke. Und die Urlaubssperre. In der Phase nach dem Berechnen der Ausbreitung und vor der Arbeit an einem Impfstoff lagen einige Tage Pause. Ein technischer Grund. Die neuen Programme waren fertig geschrieben, alle Arbeit vorerst getan und Mailin verschwand.

Sie hatte sich selbst gewundert, wieso man es ihr gestattet hatte, im Februar noch auszureisen. Gestattet war übertrieben. Man hatte es nicht bemerkt. Vermutlich lag es an der Größe Chinas, dass die kleine Mailin durch die Maschen schlüpfen konnte. Doch nun war sie zurück, mitten aus einem feuchten Traum gerissen. Und in die Realität eines Computers geworfen, der nur arbeitete, wenn seine empfindlichen Teile nahe dem absoluten Nullpunkt gekühlt wurden: minus 273°C. Doch Mailin dachte lieber an Hendriks empfindliche Teile. Die waren bedeutend wärmer und längst nicht so störrisch wie die Q-Bits des Quantencomputers. Niemand wusste genau, was in dem vorging. Kaum spuckte der ein genehmes Ergebnis aus, brandete Jubel auf. Prophezeite er eine Horrorversion, dann wurde sein experimenteller Charakter betont. Die Kopflosigkeit der Parteiführung in der Pandemie schlug nach unten durch.

Nicht nur das ging ihr gegen den Strich. Im Mittelpunkt zu stehen war wider ihre Natur. Sie arbeitete alleine. Mit ausgesuchten Kollegen, von denen jeder eine ähnlich große Macke hatte wie sie. Doch damit war seit November Schluss. Nun lungerten hier ständig fremde Leute herum. Politiker, Parteikader, Speichellecker. Das war nicht immer auseinanderzuhalten. Falls etwas klappte, gerierten sie sich als Weltretter. Falls nicht, waren die chinesischen Wissenschaftler schuld. Oder ausländische Zulieferer.

Früher hatte sie oft die Wochenenden durchgearbeitet. Außer ihrer Arbeit hatte Mailin nicht viel. Seit der Schwarzwaldreise war das anders. Ihre freie Zeit nutzte sie zum Lernen. Neuerdings auch zum Kotzen. Hendrik hatte ihr, ohne es zu ahnen, ein Ei ins Nest gelegt. Vielleicht hat er es doch geahnt und ihm war es egal? Vielleicht dachte Hendrik nicht so weit. Vielleicht dachte er gar nicht. Oder mit dem Schwanz.

Diese Innigkeit beim Sex war ihr nicht nur neu, sie war in ihrer Unermesslichkeit unbegreiflich. Ihr Körper durchdrungen und abhängig von seinem. Die Intensität war ein Schock. Davon hat sie sich bis jetzt nicht erholt. Obwohl sie einander nichts sagen konnten, hatte Hendrik ihr mehr zu sagen, als ein halbes Dutzend Männer vor ihm. Mehr als alle davor und mehr als alle danach.

In ihrer Verwirrtheit ob der neuen Empfindung wollte sie nicht wahrhaben, was offensichtlich war. Männer brachten's nicht. Nicht bei ihr. Keiner außer Hendrik. Zurück in China hat sie sofort einen aufgetrieben und es mit ihm getrieben. Lauwarm. Es war mehr als alle Männer zusammen vor Hendrik und es war trotzdem gerade einmal unteres Mittelfeld. Mit ihm hingegen war es ein Wirbelsturm.

Ein Handy vibrierte. Seins! Das hatte Hendrik ihr besorgt, als sie im Schwarzwald gestrandet war, ohne Geld, ohne Telefon, ohne alles. Sie suchte die Fremde, doch inmitten ihrer chinesischen Reisegruppe fand sie nichts. Erst als sie separiert, alleine und schutzlos war, gab das Leben ihr eine Chance, von der sie niemals erwartet hätte, dass es sie gäbe. Das Telefon aus einem Handyladen in Gernsbach hatte noch nie einen Mucks von sich gegeben. Es konnte nur einen geben, nur Hendrik hatte diese Nummer. Ihre Übelkeit war wie weggeblasen, dafür klopfte ihr das Herz, sodass sie ihre Hand auf die Brust legen musste. Die Erinnerung schoss ihr mit Macht in die Nippel und den Unterleib. Ihre Hände zitterten und sie griff nach dem unschuldigen Telefon.

 

 

 

Hendrik in Fahrt

Deutschland im Frühling 2020

 

 

 

Zwei Tests und drei Wochen später hatte man mich aus der Quarantäne entlassen. Zum Glück. Denn nachdem Mailin in einer Nacht- und Nebelaktion verschwunden war, machte mir das Eingesperrtsein zu schaffen. Constanze hatte mehr zahlende Opfer gefunden und war beschäftigt. Außerdem kaum noch interessiert. Der kleine Teufel war über die grüne Grenze nach Frankreich geflohen. Nur Frau Apothekerin ließ sich nicht lange bitten. Leider war sie eine Quartals-Frau. Für ein Stelldichein alle drei Monate oder seltener. Das hielt die Anziehung frisch und sorgte für intensive Gefühle auf beiden Seiten. Mir war es lieber alle zwölf Wochen für fünf Stunden, als zehnmal im Monat für eine halbe.

Aber Corona. Corona schmiss alle Vorsätze über den Haufen. So vögelten Frau Doktor und ich nach beinahe jedem Feierabend. Bis sie kurz und schmerzlos zum Höhepunkt kam. Das war nichts, was mich befriedigte, sah man einmal vom Erguss ab. Für den jedoch hätte es den Aufwand nicht gebraucht. Trotzdem, Apotheke war total nett, sie hatte nur zu wenig Zeit. Und sie trank. Womöglich musste sie sich Mut antrinken, oder war das bei ihr Schöntrinken? Hoffentlich nicht. Vielleicht sollte ich einmal kritisch in den Spiegel sehen.

Sie hatte mich mit einer Zehn-Jahres-Ration an Potenzpillen versorgt. Und alleine das war es wert gewesen, es ihr zu besorgen, wann immer sie wollte. Frau Apothekerin war Geschichte und ich auf dem Weg nach Osten. Die Autobahn war leer. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Für die autofreien Sonntage war ich zu spät geboren und seit ich denken konnte, war der Verkehr zu stark. Zu laut, zu schnell, zu viel. Und das rund um die Uhr. Oder twentieforsäwen wie die Schnösel sagten.

Jetzt hatte das Coronavirus die Straßen geleert. Fast bedauerte ich es, nicht gerne zu rasen. Das wäre der Zeitpunkt gewesen, mit dreihundert über die Piste zu kacheln. Aber sogar ohne die dreihundert ging meine Kalkulation hinten und vorne nicht auf. Ich war immer zu früh, zu schnell. Wie sollte ich so auf meine Stunden kommen, wenn ich nicht wenigstens eine davon im Stau stand? Im Radio brachten sie apokalyptische Nachrichten, abwechselnd mit eindringlichen Appellen, doch bitte zu Hause zu bleiben. Hätte ich gerne gemacht, aber der Appell prallte an meiner Firma ab. So lange jemand atmete, und wenn es nur ein Röcheln war, wurde er zu den Kunden geschickt. Wenn ich nur daran dachte, dass ich mich ansteckte, dann wäre die Katastrophe perfekt. Ich war in halb Deutschland unterwegs.

Alle Autobahnraststätten stellten auf neue Hardware um. Das Toilettensystem ToiFair bekam neue Entwerter. Vier Teams für sämtliche Autobahnkilometer. Hätte ich mich infiziert, wäre ich kein Superspreader gewesen. Ich wäre der ultimative, alles in den Schatten stellende Mega-Hyper-Spreader geworden. Der Barkeeper aus Ischgl dagegen – der reinste Waisenknabe. Und das, was in Gernsbach noch nicht der Fall gewesen war, schlug mit einem Mal überall voll durch: Die Angst vögelte mit. Viele Mädels waren nicht mehr bereit, die Sause zu machen, die Panik ging um. Was für eine öde Scheiße. Mehr und mehr Nächte musste ich alleine im Hotelzimmer verbringen. Ein bisschen sexy chatten, mehr war kaum drin. Und Mailin. Ich schrieb ihr nicht, denn wozu sollte das gut sein? Ich glaubte nicht, dass die allseits präsenten Übersetzungstools im Internet was taugten. Die waren schon bei Englisch grausam, wie das bei Chinesisch aussah, konnte ich mir ausmalen.

Aber ich trackte Mailin. Das Billighandy von dem freundlichen Deutschen mit Migrationshintergrund und dem Bart zwischen Taliban und Hipster hatte sie immer noch. Es war mir ein komplettes Rätsel, denn sie hatte garantiert ein eigenes Handy, oder nicht? Ein Chinese, der in Europa Urlaub machen konnte, war reich. Sie war demnach jederzeit in der Lage, sich ein Ersatzhandy zu besorgen.

War sie umweltbewusst und nutzte ein Gerät, so lange es durchhielt? Da war sie vermutlich die Einzige in China. Sie schien im Home-Office zu arbeiten. Das Handy zeigte mir, dass es in einem Hochhaus in Mudanjiang lag und von dort bewegte es sich keinen Meter weg. Vielleicht stand es dort ja auch, hing von der Decke oder schwebte, aber es ging keinen Meter außer Haus. Den Tracker hatte ich seinerzeit installiert, weil sie in Gernsbach in die Fänge eines Polizisten geraten war. Ich kam zufällig des Wegs und rettete sie. Für alle Fälle bekam sie ein Handy mit Verfolger-App. Auf die Rettung erfolgte abrupt eine robuste Kopulation, die ich nie wieder vergessen sollte.

So wie Mailin, die vergaß ich auch nicht. Ich tippte Mudanjiang in die Suchmaske und der virtuelle Globus drehte sich um hundertachtzig Grad, mir wurde schwindlig. Das war das Ende der Welt! Komm, sagte ich mir, vergiss doch das Mongolenliebchen. Ich schnappte mir mein Handy. Das Icon für den Tracker schwebte eine Sekunde über dem Papierkorb, dann ließ ich los. Ich bereute es auf der Stelle. Jeder kann sich meinen Stoßseufzer vorstellen, als das Handy fragte, willst du die App »Bin bei Dir« wirklich deinstallieren? Nein! Ich wollte nicht.

Ich drückte schnell auf »Abbrechen«. Im Gegenteil, ich hätte im Moment viel dafür gegeben die App »Komm doch zurück« zu installieren, leider war die in meinem App-Laden nicht verfügbar. Mir blieb der Trost, den blinkenden Punkt auf dem kleinen Bildschirm meines Telefons zu sehen. Dass sie das Telefon noch besaß und es Strom bekam, fand ich schon bemerkenswert. Warum tat sie das? Weil sie in der von oben betrachtet hässlichsten und gleichförmigsten Millionenstadt der Welt lebte? Ich bekam Beklemmungen, als ich mir Mudanjiang von oben ansah. Als hätte ein Städteplaner den dystopischen Entwurf einer seelenlosen Stadt von morgen vorlegen müssen und dafür den ersten Preis abgeräumt – summa cum laude. Der nostalgisch verklärte Blick auf ihr Billighandy aus dem Schwarzwald erinnerte sie an mich und an das, was ich ihr angetan hatte. Angetan oder geboten? Die beiden Begriffe waren prädestiniert zu verschwimmen, jedenfalls bei uns beiden. Strafrechtlich relevant war nichts, aber über einen Hashtag »#aufschrei« oder »#metoo« hätte ich mich nicht beschweren dürfen. Ich wusste ja nicht einmal, was nein auf Chinesisch hieß.

 

 

 

 

Es wächst in ihr

Mudanjiang, Nordchina im Frühling 2020

 

 

 

Es war eine SMS auf Deutsch und Mailin verstand kein Wort.

 

»Lieber Kunde, liebe Kundin von Billich-Fon, Ihr Guthaben ist aufgebraucht. Wenn Sie weiter online bleiben möchten, dann laden Sie es auf. Entweder mit einem Guthabenbon, mit PayNow, per Kreditkarte oder unserer App. Herzlichst, Ihre Billich-Fon-Kundenbetreuung.«

 

Nachdem sie den Text über Umwege auf ihr Notebook und in ein Übersetzungsprogramm gebracht hatte, war die Enttäuschung allumfassend. Das letzte Band zwischen Hendrik und ihr war zerschnitten. Ohne Hilfe war sie unmöglich in der Lage, das Guthaben des Telefons aufzuladen. Die Webseite der Telefongesellschaft musste selbst für einen Deutschen rätselhaft sein. Für sie war das nicht zu entschlüsseln.

Die Überlegung war ohnehin müßig, da Hendrik sich nicht gemeldet hatte und sich nicht melden würde. Urplötzlich wurde ihr flau im Magen und daran war nicht die vermutete Schwangerschaft schuld. Sie hatte etwas für immer verloren. Dabei spielte es keine Rolle, dass er der Urheber ihrer Leibesfrucht war. Sie verdrängte den Gedanken, dass ein Kind aus ihrem Schoß kommen würde. Zu abstrakt, weit weg und irreal.

Hendrik, den sie verlassen musste, während er schlief. Er, der so anders war. Anders als jeder andere Mann. Hendrik lachte ständig. Lachte sie an oder aus, es war ihr egal. Er redete mit ihr. Fasste sie an. Immer. Er berührte sie im Inneren. Zuerst außen, dann innen und dann tief innen. Sie schloss die Augen und bekam eine Gänsehaut.

Sie wollte ihn zurück. Sie wollte zurück. Nach Deutschland. Nur herrschte in China eine strenge Ausgangssperre. Diesmal wäre sie nicht so leicht aus dem Land geschlüpft. Womöglich nicht einmal über Wladiwostok. Mailin nahm an, dass die Grenze scharf bewacht wurde. Zudem war nicht einmal sicher, dass sie es von Russland aus nach Europa schaffte. Der Flugverkehr war kaum vorhanden, die Welt stand still. Ausnahmsweise nicht Kopf, nur still. Stillstand. Sie trat ans Fenster und es herrschte gar kein Verkehr. Noch weniger Verkehr als sonst. Keiner mehr. Jedes Auto, was fuhr, erregte Aufmerksamkeit.

Kein Vergleich zu Frankfurt und den Autobahnen in Deutschland, dachte sie. Wo Hendrik wohl wohnte? Sie hatten nicht miteinander gesprochen oder etwas besprochen. Nichts, was über unmittelbare Bedürfnisse oder Sex oder beides hinausging. Jetzt hatte sie ein Bedürfnis und sie war sich sicher, Hendrik hätte sie verstanden. Und gelacht. Angelacht oder ausgelacht? Es war egal, mit seinem Lachen war alles so leicht. The Big Easy. Sein Lachen verzaubernd, seine Berührungen einfühlsam und brennend, seine Liebe innig, seine Lust geradlinig und sein Streben kompromisslos. Wieso waren ihre Männer bisher so herzlos und zweckmäßig gewesen? Was trieb jemanden dazu, alles Spielerische wegzulassen und nur daran zu denken, sich schnellstmöglich zu erleichtern?

Bis vor ein paar Wochen war sie sicher gewesen, dass körperliche Liebe immer so war. Der Mann signalisierte, dass er jetzt wollte, man zog sich aus, legte sich hin und wurde begattet. So kannte sie den Akt. Sie hatte vergessen, wie viele es waren. Ein halbes Dutzend, alle mehr oder weniger gleich. Sie spürte nie viel und es war normal. Sie war immer passiv und es schien in Ordnung. Danach wischte man sich ab, ging aufs Klo und das wars. Der eine verschwand sofort, ein anderer trank einen Tee oder ein Bier. Dann waren sie weg. Sie war nicht enttäuscht. Vielmehr verwundert, denn wenn man sich umsah, war die Welt sexualisiert. Im Leben von Erwachsenen schien es kaum etwas anderes zu geben als Sex, Sex und Sex. Jedenfalls nicht, wenn man Film, Fernsehen, den Zeitschriften, der Werbung und den Büchern glauben wollte. Nahezu alles drehte sich um das eine. Warum? Warum, wenn doch der echte Sex im Leben so enttäuschend war?

Das Telefon riss sie aus ihren Gedanken, ihr normales Telefon. Ihre Schwester. Mailin legte das Gerät unter ein dickes Kissen und ignorierte den Anruf. Sie wollte jetzt an Hendrik denken. Sie hatte ihn einmal fotografiert, heimlich. Beim Schlafen, auf der Seite mit freiem Oberkörper. Kurz zuvor hatte er sich mit ihr gepaart und nach seinem Erguss war er eingeschlafen. Selbst diese kurze Episode war intensiver gewesen als jeder andere Sex, den sie kannte. Sie hatte Angst gehabt, er würde aufwachen, weil das Handy beim Fotografieren ein lautes Geräusch machte. Da Hendrik sich bewegte, beließ sie es bei einem Bild. Aber sie sah ihn lange an und wünschte sich Dinge, die sie nicht kannte.

Was später kam, stellte jeden Wunsch, den sie gehabt hatte, völlig in den Schatten. Jetzt verstand sie, was ein Liebhaber war. Keiner, der sich auszog, wartete, bis sie lag, ihre Beine spreizte und sich dann auf sie legte und darauflos rammelte. Ein Liebhaber musste ein Mann mit Händen sein, die einen verzauberten, sodass man weder wusste, wo vorne und hinten, noch oben und unten war, weil man vor Lust verbrannte. Der einem Schauer über den Rücken jagen konnte, dessen Stimme schon genügte, dass sich der Unterleib verflüssigte. Der ihre Brüste wog und die Nippel zog.

Hendrik war weg, die Erinnerung noch da. Mailin streichelte ihren Schoß seit einer Weile und merkte es kaum, so war sie auf ihren Liebhaber fixiert. Es war nicht so gut, als hätte er es gemacht, aber um Klassen besser als bei allen anderen. Sie kniff die Augen zusammen und stellte sich vor, er würde es tun. Mailin spürte ihre Vulva anschwellen, in weiser Voraussicht und echter Vorfreude auf den Mann. Sie konnte es nicht fassen, dass sie feucht wurde, eine neue Empfindung.

Sie dachte früher, das Feuchte beim Sex wäre der Samen des Mannes. Dass sie selbst feucht, oder regelrecht nass werden kann und dass es zwingend zum Sex gehört, lernte sie in Gernsbach. Ob die Lust der Grund war, dass sie schwanger wurde? Es wäre ihr peinlich, so etwas nicht zu wissen, doch davor behütete sie ihr Autismus. Mailin maß mit anderem Maßstab. Sie schämte sich nicht leicht. Nicht für ihre Nacktheit, die Mandelaugen oder ihren gedrungenen Körper. In Europa nicht für ihr mongolisches Aussehen und in China nicht darüber, ihr Gesicht zu verlieren. Sie schämte sich weder für den kleinen Busen noch ihr buschiges Schamhaar.

Die Dinge waren, wie sie waren, zwecklos, sich darüber Gedanken zu machen. Sie schämte sich nicht für ihre dunkle Haut oder ihre schwarzbraune Vulva. Sie hatte keine Ahnung, dass diese Dinge bei anderen Leuten eine große Rolle spielten und dass rund um die Welt ein Schönheitswettlauf und Optimierungswahn ausgebrochen war. Sie wusste aber, dass sie beim Versuch, sich zu befriedigen, früher oder später an etwas anderes dachte. Der Moment, in dem es hätte klappen können, verging. Was machte man, wenn ein Kind in einem wuchs? Mailin hatte keine Ahnung, sie hatte in Biologie weggehört und an Mathematik gedacht. Ihre Schwester hat keine Kinder, sie wusste demnach auch nichts. Mailin nahm sich vor, etwas darüber zu lesen. Sie wusste immerhin, dass genug Zeit war. Vor dem Winter kam das Kind gewiss nicht.

 

 

Halt. Mich. Fest.

Rothenburg ob der Tauber im Frühling 2020

 

 

 

Warum war Mailin verschwunden? Konnte es damit zu tun haben, dass ich sie beim Sex falsch behandelt hatte? Kaum. Constanze hatte mir vom dubiosen Auftauchen des deutsch-asiatischen Kommandos berichtet. Das werden nicht die chinesischen Sittenwächter gewesen sein. Vier Uhr morgens. Constanze war zur besten Gestapo-Zeit rausgeklingelt worden. An der Tür war deutsche Polizei, aber um Mailin kümmerten sich nur die Chinesen.

Ob sie eine gesuchte Verbrecherin war? Den Eindruck hatte ich nicht. Verbrecher, zumal Frauen, stellte ich mir ein bisschen taffer vor. Wenn asiatisch, dann eher wie Lucy Liu, aber Mailin? Irgendein geheimer Computerscheiß? Oder ein fieser Milliardenbetrug? Womöglich hatte man Mailin zu James Bond gebracht? Eine kühne These, denn sie war auch optisch weit entfernt von Lucy Liu. Was hätten die asiatischen Geheimdienstleute mit mir gemacht, wäre ich aufgewacht? Laut Constanze hatten sie keine Waffen gehabt, keine sichtbaren zumindest. Wobei, asiatische Spione hätten keine Waffen benötigt, um mit mir fertig zu werden. Easy come, easy go. Wie gewonnen, so zerronnen.

Das war mein Motto, nur seltsamerweise nicht bei Mailin. Ich dachte eindeutig zu oft an sie. Zum Einen das und zum Anderen wusste ich dabei um die Aussichtslosigkeit. Wie konnte ich nur glauben, sie je zu finden?

Bei den momentan herrschenden Ausreiseverboten käme ich nicht einmal bis zum Sinai. Niemals nach China. Und falls wieder geflogen würde, China war groß. Was hatte diese Frau? Ich konnte sie nicht vergessen. Sie war nicht hübsch. Außer womöglich nach den Maßstäben eines mongolischen Volksstammes, dessen Namen ich nicht aussprechen konnte. Dort, wo der Mann seine Braut mit Rentieren bezahlte. Beim Sex war sie nicht im Ansatz aktiv. Im Gegenteil. Die ersten beiden Male war sie das berühmte Brett gewesen. Sie lag mit mir im Bett und rührte sich nicht.

Später taute sie auf, etwas. Nichts Dramatisches, aber sie gab Laute von sich, ihr Körper reagierte. Heftiger als Mailin erwartet hatte. Ihre Muschi geschwollen und nass. Sie selbst unkontrolliert, sie hörte ihr Fiepen nicht, ihr Stöhnen, spürte ihr Zittern nicht, ihr Klammern, die kleine Chinesin war auf einem anderen Stern. Das mandeläugige Dornröschen beim Erwachen zu begleiten, war das schönste Erlebnis der letzten Jahre. Zehn Jahre, mindestens. Ich war gerührt. Mit Wehmut wünschte ich ihr, dass sie ihren Weg machte. Ich war fast sicher, dass sie es nicht schaffte. Aber wer weiß? Ich kannte mich mit Autisten gar nicht aus. Alles, was ich wusste, hatte ich aus dem Film Rain Man. Und dass Mailin einen Schaden hatte, war nicht zu leugnen. Ihre Teilnahmslosigkeit war ich-bezogen. Denn Dinge, die sie interessierte, nahm sie genau wahr und beobachtete sie akribisch. Falls sie etwas nicht betraf, nahm sie davon kaum Notiz.

Unser Sex hatte sie in eine Art Trance versetzt. Das war keine Angststarre, wie ich zuerst vermutet hatte, das war höchste Konzentration. Mailin war erfrischend ehrlich und als ihr Knoten geplatzt war, gab es für sie kein Halten mehr. Mit kindlicher Neugier und geweckter Lust war Mailin bei der Sache. Ihre infantile Begeisterung war ansteckend und sie nicht zu bremsen. Ich bekam eine Erektion beim Fahren. Kein schönes Gefühl. Unpraktisch obendrein. Zum Glück war nichts los auf der Straße. Ich hatte ein neues Ziel. Der Job für ToiFair war erledigt. Ich war nicht krank, war kein Super-Spreader und meine Firma schickte mich weiter.

Diesmal nach Bayern. Ausgerechnet Bayern! Der CSU-Ministerpräsident war ein scharfer Hund. Bayern hatte die strengsten Coronaregeln von allen. Ich fuhr nach Rothenburg ob der Tauber. Den Namen hatte ich schon mal gehört, nicht so wie Gernsbach. Ich fuhr durch die Stadt – ausgestorben. In unmittelbarer Nähe zu meinem Parkplatz waren drei Dönerläden. Alle drei zu. Was aßen die Rothenburger bloß? Ich fuhr aus dem mittelalterlichen Stadtkern hinaus und suchte einen Supermarkt. Eine hell erleuchtete Insel in graubrauner Kleinstadtsuppe. Der Supermarkt hatte geöffnet. Und der Asia-Imbiss innendrin auch! Ich war begeistert und ging erst einmal Bier kaufen. Bier first, Bedenken second.

Die Schlange am Imbiss war so mittel. Ich hätte erwartet, sie würde bis München reichen. Immerhin schien es der einzige offene Imbiss in Bayern. Derweil sah ich den kleinen Leuten hinter dem Tresen beim Wuseln zu. Mein Magen knurrte. Mir lief im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser im Mund zusammen. Frühstücksbuffet war all-exclusive gewesen und Mittagessen hatte ich auf meine Ankunft hier verschoben. Ich schwankte zwischen Ente mit Erdnusssoße und Ente süßsauer. Ich bin nicht der Experimentierfreudigste. Erdnuss, süßsauer, Erdnuss, süßsauer.

»Hatschi!«

Einer der hektisch hantierenden Köche hatte soeben in die Auslage auf die Zutaten genießt. Auf alle. Ohne Maske. Hatte der keine Armbeuge? Wie krank musste man sein? Anstatt den Ball flachzuhalten, ging der mit Schnupfen zur Arbeit! Mir wurde schlecht. Ich drehte mich angewidert um und suchte den Ausgang. Ich war der Einzige. Gleichmütig blieb die Schlange stehen und wartete auf Frühling oder Frühlingsrollen. Keiner, der mir folgte. Alle anderen waren von ihrem Essen dahoam zu angewidert, als dass sie es sich jetzt anders überlegten.

Was zum Teufel sollte ich essen? Ich hatte Bier im Rucksack. Ich konnte damit schlecht zurück in den Supermarkt. Außerdem war die heiße Theke dort schon seit Wochen kalt. Auf Cracker und Frischkäse hatte ich keine Lust. Der heuschnupfengeplagte Fidschi kochte seelenruhig weiter.

Ich hasste ihn. Damische Drecksau, verfluchte. Ich hatte mich so gefreut, warum musste er mir jetzt das Essen verniesen, vermiesen? Sich keiner Schuld bewusst rührte er im Wok stoisch seine Fettpampe um.

Gegenüber vom Hotel war eine Tanke. Es gab Bier und Chips zum Abendbrot. Aus alter Gewohnheit öffnete ich meine Dating-App. Ohne große Hoffnung. Ich war noch nicht richtig warm, da erschien eine Asiatin. Nein, nicht Mailin. Ich war skeptisch, ob man überhaupt zehntausend Kilometer Suchradius eingeben konnte. Sie hieß Ayumi und war gelangweilt. Seit Wochen alleine in einem winzigen Zimmer. Gelangweilt war ich auch. Wir gingen spazieren. Sie war Japanerin. Weiß wie Schnee ihre Haut. Schwarz wie Ebenholz ihre Hochsteckfrisur, die durch Essstäbchen gehalten und mit Blüten verziert war. Was zum Teufel machte eine Japanerin ausgerechnet in der bayerischen Provinz?

»Was tust du hier?«

Sie antwortete mit leichtem Akzent: »Du warst bestimmt noch nie hier, stimmts?«

Ich schüttelte den Kopf, wusste aber nicht, was die Zwischenfrage sollte.

»Hier wimmelt es von Japanern. Na ja, zur Zeit leider nicht.« Mit einer Armbewegung verdeutlichte sie mir die Leere der mittelalterlichen Stadt, die ohne Leute wie eine Filmkulisse wirkte.

»Hast du dir hier mal eine Speisekarte angesehen? Ach nee …« Sie merkte selbst, wie blöd die Frage war. Alles war ja zu.

»Die Stadt ist nicht mal mehr ein Schatten ihrer selbst. So leer war es hier seit Urzeiten nicht mehr. Rothenburg ist das Urlaubsziel! Vor allem für Japaner und Amerikaner.«

Ich sah mich um. Skeptisch. »Hier? Was gibts denn hier?«

»Schau dich doch mal um!«

Mir waren die Fachwerkhäuser aufgefallen. Alles schien alt und unzerstört. Architektur aus hunderten von Jahren. Die vielen Geschäfte taten ihr übriges. Ungewöhnlich für eine solch kleine Stadt.

»Wenn du hier eine Speisekarte bekommst, hast du Glück, wenn du sie lesen kannst! Alles für die Touristen.«

Ich schüttelte den Kopf. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Doch jetzt fügte es sich zu einem Bild. Der Supermarkt draußen vor der Stadtmauer; die vielen alten Mauern, Türmchen, Tore, es war pittoresk.

»Zehntausend Rothenburger und jedes Jahr über eine halbe Million Übernachtungen. Die zweitmeisten aus Japan. Dazu massenweise Tagestouristen. Und guck es dir hier und heute an.«

Ich sah mich um. Ehrlich? Mir fehlte nichts, ich vermisste die Touristen nicht. Meinetwegen brauchten die nicht wiederzukommen. Ich konnte die einmalige Gelegenheit, Rothenburg ob der Tauber menschenleer zu erleben, nicht angemessen würdigen. Dazu bedeuteten mir das Fachwerkensemble und all die anderen Sachen, die hier so sehenswert waren, nicht genug. Rothenburgs wahre Attraktion kam aus dem Land der aufgehenden Sonne und lief neben mir, das reichte vollends. Wenigstens war mir jetzt klar, was eine Japanerin ausgerechnet in Rothenburg machte. Erstaunlich, dass sie so gut Deutsch sprach. Wäre aber egal gewesen, wir hielten uns nicht lange mit Reden auf. Ich nahm sie mit ins Hotel, obschon ich es bei ihr schöner gefunden hätte. Das Hotel war leer, mein Auto war das einzige auf dem Parkplatz. Ayumi muss das gewusst haben. Ihre Stimme, ihr Repertoire, die Lautstärke und die Geräuschkulisse beeindruckten mich. Später. Viel später.

Denn bevor ihre Stimme zum Tragen kam, klammerte sie. Wie ihr musste es vielen in der Pandemie gehen. Ausgehungert nach Berührung von anderen. Nach einem echten Körper, nach wahrhaftig existierenden Händen. Ausgehungert nach fremdem Herzschlag, nach der Wärme nackter Haut. Doch davor klammerte sie. Die Zimmertür war noch nicht zu, da setzte Ayumi zu einer Umarmung an, die es in sich hatte. Ich stehe auf Umarmungen. Klingt ein bisschen schräg, wenn man mich kennt, oder es glaubt, ist aber so. Ohne sie läuft nichts. Eine Umarmung ist essentiell und unverhandelbar. Ich hatte schon Sex ohne vorherige Umarmung. Lieblos, kühl, freudlos, uninspiriert, witzlos, zwecklos, zum Vergessen. Wie bei Huren. Will man, dass frau sich wie eine Nutte fühlt, lässt man die Umarmung weg.

Umarmungen sind das grundsolide Fundament, die Vertrauensbasis für fantastischen Sex. Die unmissverständliche Einleitung, der Gradmesser dafür, wie weit man sich aufeinander einlässt. Und bei ihr zeigte mir ihre Umarmung, wie sehr sie Nähe, Liebe, Zuneigung und Berührung nötig hatte. Wir drückten einander und spürten uns. Es nahm kein Ende. Es gibt in unserer Gesellschaft massenhaft Normen. Wie nah darf man einem Fremden kommen? Wie und wo gibt man sich Begrüßungsbussis? Und wie viele? Wie lange hat man Blickkontakt in der Bahn, im Café? Missachtet man das, fällt es auf. Der zu lange Blick ist oft ein Flirt oder der Versuch dazu. Kommt man jemandem zu nahe, provoziert man eine Reaktion. Über die Dauer von herzlichen und einleitenden Umarmungen hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Bis jetzt. Egal, was die Konvention über diese Dauer sagte, Ayumi überschritt sie deutlich. Nicht, dass ich der Umarmung überdrüssig gewesen wäre. Aber auffallend war es. Meine kleinen Versuche, Phase zwei einzuläuten: Einen Drink anzubieten, sich zu setzen, Musik zu machen, erstickte die fremde Weißhäutige im Keim. Mit fester Umarmung. Hatte sie Angst, dass die Umarmung der einzige herzliche Teil des Kommenden bleiben würde?

Sie ließ nicht los. Ich auch nicht. Manchmal lockerten wir, für einen schüchternen Kuss, einen begehrenden Blick, nur um uns gleich darauf wieder in den Armen zu liegen und uns zu drücken. Sie drückte mich und ich drückte zurück, was das Zeug hielt. Ich genoss es, bis zu einem Punkt, wo ich mir sagte, jetzt war auch die allerherzlichste Umarmung zwischen Liebenden vorbei. Dann ließ ich etwas locker. Ayumi genauso. Wieder ein gegenseitiger Blick, ein wohlwollendes Lächeln, Streicheln über die Wange, ein Kuss oder zwei. Und zack! War ich wieder im Schraubstock. Natürlich war das nicht alles beim Umarmen, das wäre langweilig. Wir spürten mehr als nur den Druck. Die Hände hörten nicht auf zu fühlen, die Ohren nicht auf zu hören, die Nase nicht auf zu riechen. So war das Kennenlernen, während man sich umarmte, zwar ungewöhnlich, aber es war ein Erlebnis.

Und da die Umarmung so lange dauerte, waren meine Hände warmgeworden. Ayumi trug einen Strickpulli und darunter? Ich tastete mich einige Zentimeter ihren Rücken empor. Da war nichts. Kein Hemdchen. Die Frau strahlte Wärme ab, fantastisch. Ob das vom schraubstocken kam? Apropos Schraubstock, der ließ kurz nach. Die Hand auf ihrem Rücken quittierte sie mit Stutzen, dann mit einem Schauder. Und damit, mich wieder in die Arme zu nehmen. Fest. Langsam gewöhnte ich mich daran. Ich strich mit der Hand über ihren schwach ausgeprägten Speck auf den Hüften. Ihre Haut meldete das weiter und Ayumis vegetatives Nervensystem befahl tausenden feinster Härchen, sich aufzurichten. Ihre Gänsehaut an meinen Fingerkuppen, ihren Atem an Wange und Ohr fühlte ich die Erregung in ihr. Lockerzulassen war keine Option, nicht für Ayumi. Und innezuhalten war keine für mich. Was ich auf den Hüften konnte, klappte genauso auf ihrer Wirbelsäule.

Drei Handbreit über dem Steiß war keine Spur von Wäsche oder Büstenhalter. Aber viel Haut und wenn ich ihre Reaktion betrachtete, eine Menge Gefühl. Ich holte aus, beide Hände auf dem nackten Rücken, jeden Quadratzentimeter anfassend, befühlend, ertastend, blind vor Verlangen. Blinde Hände, die mir sagten, wenn sich Ayumi sensationell auf dem Rücken anfühlte, wie musste dann erst der Rest sein? Sie wand sich unter meinem Streicheln. Die Stellen ihrer Haut, die ich aus Versehen verfehlte, wölbte sie mir entgegen, dehnte und drehte sich. Bis ihr auffiel, dass der Druck nachließ. Dann presste sie ihre Brüste wieder an mich, als gelte es, sie einzuebnen. Tat das nicht weh? Oder hatte sie keinen Busen? Durch den Pulli konnte man das weder sehen, noch fühlen. Sicher war sie nicht so üppig bestückt wie Frau Doktor, das stand fest.

Als Ayumi kurz innehalten und Luft holen musste, nutze ich die Gunst der Stunde. Ich brachte eine Hand zwischen uns. Einstweilen auf ihren Bauch, aber schon das war ein Erfolg. Durch den Druck war ihr Bauch wärmer als der Rücken und durch die Erregung wesentlich empfindlicher. Mit der Hand zwischen uns presste sie sich zwar noch an mich, aber oben, am Hals. Sie achtete darauf, dass meine Hand auf dem Bauch genug Manövrierraum hatte, um ihren Unterleib zu entflammen. Wie sich herausstellte, ließ sie mir nicht nur genug Platz am Bauch, sondern auch an den Brüsten. Das Hotelzimmer war ungeheizt. Für die Jahreszeit dreist. Der Vorteil war, dass die kalte Luft unter den Wollpullover strich und für mehr als nur Gänsehaut sorgte. Durch die kühle Luft im Zimmer spürte ich ihren Leib Hitze ausstrahlen. Sehr strahlend.

Wir hatten ihren Busen nicht plattgedrückt, obgleich sich Ayumi alle Mühe gegeben hatte. Bevor ich das vollumfänglich herausfand, überraschte ich sie. Den Spieß umgedreht, drückte ich sie an mich. Frei waren wieder nur Rücken, Taille, Hüften und Hintern – auch wenn der bedeckt war, Ziele gab es genug. Und der folgende Kuss versprach mehr als die schüchternen davor. Wir lösten uns und sahen uns an. In die Augen. Selbst, als ich zum ersten Mal ihre Brüste mit meinen Händen bedeckte. Während ich Ayumis Busen zum ersten Mal berührte, sahen wir uns in die Augen. So banal es klingt, das hatte ich zuvor noch nie getan. Erst hinterher fiel mir auf, wie ungewöhnlich das war. Falls ich erwartet hatte, dass sie sittlich und nach (wie ich dachte) asiatischer Gepflogenheit schüchtern den Blick senkte – Pustekuchen. Wenn Blicke fordern könnten. Dann brach der Damm.

Einander umarmend stolperten und fielen wir auf das Bett. Wir tollten umher mit der Mischung aus Sexsüchtigen und Kindern. Ausziehen ging nicht, dazu hielten wir uns zu fest. Mit der Umarmerei aufzuhören war keine Option, wollten wir die Erregung nicht abflauen lassen. Ayumi schob mir einen Oberschenkel zwischen die Beine, rieb sich an meiner Erektion und steckte ihr Terrain ab. Damit war klar, dass unser Vorspiel eines war, was zu etwas Größerem gehörte. Das machte keine Frau, die nur kuscheln wollte. Vielleicht mochte sie unbedingt noch viel länger herumtollen, herzen und umarmen. Das eingeschobene Bein offerierte mir einen Deal.

Es flüsterte: »Was ich durch unsere beiden Hosen hindurch spüre, bekommt heute mehr geboten. Aber gerade ist es wunderschön, mach es nicht kaputt. Zieh mich nicht aus, dich nicht, das kommt noch.«

Vielleicht machte ich mir zu viele Gedanken. Das Bein drückte penetrant. Schwierig zu ignorieren. Wollust unter dem Wollpulli. Den sie immer noch trug. Ich war rührig und die Wollust manifestierte sich in ihren Nippeln, die so klein, hart und dunkel waren wie Wacholderbeeren. Nur schmeckten sie besser. Ich sog. Die Frau stöhnte. Sie schmeckte nach Ayumi, nach Haut, Schweiß und Pheromonen, nach Frau und einem Hauch Pfefferminze. Für Frauenduft hatte ich spezielle Rezeptoren. Der Geruch dockte an und blies mir das Gehirn weg. Tittengeruch, Tittenhärchen, Tittengänsehaut, ich war gebannt. Völlig fasziniert. Von ihren Brüsten im Speziellen und von Ayumi im Besonderen. Ich war unbedeutend und trotzdem würde ich die Frau in Besitz nehmen. Oder sie sich mir hingeben. Darum drehte sich letztlich alles. Gib dich hin, mir, der Lust, dem Zwang. Gib mir.

Umarmung. Vertrauen. Hingabe. Erfüllung. Fehlte eins in dieser heiligen Phalanx von Lust und Drang, war es nur der halbe Spaß. Höchstens. Eine halbe Rolle und Ayumi ließ los, schwang sich nach oben. Saß auf meinem Schoß. Ich strich über ihren Bauch. Was würde sie jetzt tun? Wollen? Ich hätte ihr liebend gerne den Pullover über den Kopf gezogen. Aber ich fürchtete, sie würde sich verheddern. Essstäbchenhochsteckfrisuren waren der natürliche Feind selbstgestrickter Wollpullover. Wenn so etwas beim Liebesspiel passierte, konnte es die Choreographie ins Stocken bringen. Ich kannte keine Asiatinnen, wenn man von der autistischen Mailin und einer vietnamesischen »Masseurin« einmal absah. Wusste nicht, ob ich mit Ayumi die Unterbrechung mit ihrem Kopf im Pullover feststeckend würde weglachen können. Ich wusste wenig. Über Asien, China und jetzt Japan. Jedoch war meine Lernkurve steil.

Kühl war es zudem, jedenfalls im Zimmer. Unter Ayumis Pulli war es warm. Mit meinen Händen auf den Hüften bewegte sie ihr Becken. Sie rieb ihre Vulva auf meinem Schoß. Vor. Zurück. Selbst durch den Stoff hindurch spürte sie genug. Abzulesen an ihrem Gesicht, einem Blick voller Erwartung, einem Mund, der mehr Gefühl zeigte, als er verbarg. Ich versuchte sie zu bremsen, vergeblich. Ayumi hatte Kraft in ihrem Becken. Sie dachte nicht ans Aufhören. Die Augen halb geschlossen horchte sie auf die Signale ihrer Schamlippen, des Kitzlers, die beide schon weiter waren. Beim Lobpreisen. Beiden schien das Reiben nicht mehr zu genügen. Wenn Ayumi sich jetzt nicht stoppte, war sie in drei Minuten die Frau mit dem schleimigsten Höschen. In Rothenburg, wenn nicht gar in ganz Franken. Alles sah danach aus, als wäre das ihr Ziel. Sie beugte sich zu mir herunter und sagte leise: »Entschuldige mich kurz. Ich muss …«

Als kein Wort mehr kam, half ich ihr vom Sattel und sagte: »Okay, ich geh kurz runter, 'ne Flasche Wasser holen.«

Ich brauchte gar kein Wasser, ich hatte ja Bier. Und ob sie Wasser mochte, konnte ich nicht wissen. Aber ich wollte ihr die Peinlichkeit ersparen, im Nebenzimmer auf die Toilette gehen zu müssen. Japanerinnen war die Vorstellung, dass jemand ihr Pipi plätschern hörte, äußerst peinlich. Zumal Ayumi und ich uns kaum kannten. Deswegen ging ich raus. Ob sie erleichtert war, vermochte ich nicht zu sagen. Ich stand auf, verließ das Zimmer und ging zum Auto. Zum Glück war sogar eine Flasche Wasser drinnen.

Ein wenig war ich froh, abkühlen zu können. Die Umarmungen und das Herumrutschen auf meinem Schwanz brachten mich in Wallung. Zurück im Zimmer und meine kleine japanische Freundin war noch gar nicht fertig. Ich rechnete schon mit dem Schlimmsten. Der Funk-Lautsprecher blinkte geduldig, was sollte ich spielen? Das Einzige mit Bezug wäre Deep Purple gewesen. Made in Japan. Ich machte mir ein Bier auf und musste über meinen eigenen Witz lachen. Dann fiel mir Haruki Murakami ein und ich spielte unaufdringlichen Jazz. So wie in einer sündteuren Bar in Tokio.

Ich saß auf der Bettkante, sah zur Tür und: Auftritt Ayumi. Wie ein Mannequin kam sie heraus, nur dass sie nackt war. Nackt, bis auf ein weißes Höschen. Auf dem Venushügel war es durchsichtig. Allerdings nicht werksseitig. Ayumi hatte ihren Slip dermaßen durchweicht, dass der nasse Baumwollstoff den Busch mehr zeigte, als verbarg. Tiefer klebte er an den Schamlippen. Aufregend. In Zeitlupe hob Ayumi ihre Arme und ließ mich schnaufen. Sie zog mit ihren Brüsten auf dem Präsentierteller und in enervierender Langsamkeit einen Schmuck nach dem anderen aus ihrer Frisur. Die Essstäbchen fielen achtlos und unbeachtet zu Boden. Die Blumen hinterher. Ihre schwarzen Haare fielen herunter und bedeckten die Brüste. Ich hätte geschworen, Ayumi übte so was, wenn sie gelangweilt zu Hause hockte, alleine und sich ausmalte, was sein könnte, wenn …

Das Hotel war aus den Sechzigerjahren und die letzte Renovierung lag gut fünfzehn Jahre zurück. Aber das Boxspringbett war neu. Ayumi kam auf mich zu und setzte sich, nackt und mit durchfeuchtetem Höschen auf mich. Es federte, das Bett gab nach und kam zurück. Luxus. Ich ließ den Oberkörper zurücksinken und stellte mein virtuelles Sucherbild so ein, dass sich in dem Ausschnitt Gesicht, Haare und ihre Brüste befanden. Und meine Hand, meine Hände. Wir machten da weiter, wo wir aufgehört hatten und dass sie nackt auf mir saß, raubte mir den Atem. Meine Bemühungen die Hose herunterzuziehen, unterstützte sie. Ein bisschen. Weit kam ich nicht.

Kaum waren zwei Handbreit meiner Körpermitte und damit mein Schaft befreit, half sie ihm, half sie sich. Sie hatte ihr nasses Höschen noch an, aber zur Seite gezogen, denn ihre glitschigen Schamlippen lagen bloß. Ayumi hielt mich gepackt. Pulsendes Leben bebte in ihrer Hand. Sie zögerte nicht und setzte sich darauf. Eine Frau, die Extreme liebte. Ihr ungewöhnliches langes Vorspiel. Danach die bemerkenswerte, nackte Offenbarung. Und jetzt ein eindringliches Erlebnis, ohne zu bummeln. Ayumi hatte ihren eigenen Rhythmus. Das war nicht ohne Reiz, besonders da ich sie beobachtete.

Mit der verbissenen Konzentration eines Kindes und in der tiefen Kniebeuge von Naturvölkern hockte sie auf mir. Sie sah an sich, an uns herunter und beobachtete fasziniert, wie sie sich meinen Schwanz in den Leib stieß. Wie sie sich ihn einverleibte. Wörtlich. In den Leib fuhr er ihr, tief in den Unterleib. Ihre Haare bildeten einen Vorhang. Den Bühnenvorhang unserer besten und liebsten Freunde. Wir sahen ein exquisites Theaterstück von äußerstem Liebreiz, mangelnder Varianz und einsetzendem Orchester. Ein Puppentheater für Liebende. Die Darstellerin sang mit den Lippen ihr eigenes Lied von Lust und Gipfel. Der Darsteller mit hochrotem Kopf, gefangen in der anmutigsten Höhle aller Zeiten. Das zweistimmige Orchester aus Bariton und Sopran schaffte es nicht, mit seinem Crescendo das Schmatzen zu übertönen.

Ayumi war laut. Stöhnte laut. Frei und ohne Hemmungen. Ich liebte ihre Stimme. Sie ließ sich die Luft mit Lust aus den Lungen pressen. Ein Schrei. Harmlos. Wieder einer. Und wieder. Ayumi schrie, weil es nicht anders ging. Ich stöhnte tief und laut, weil es mir kam und nicht aufzuhalten war. Obschon sie schrie, sah sie meinem Schwanz zu. In ihr. In sie fahren. Gottgleicher Akt, erhabene Schöpfung. Ayumi, sah ihn unkontrolliert zucken und wusste, dass es in dem Moment geschah. Sie ließ ihn durch ihre Schamlippen gleiten. Während ich ejakulierte. Rein und raus, bis ihr mein Sperma auslief und sie ein allerletztes Mal aufschrie. Sie sank auf meine Brust. Maximal denkbares Glück.

Man sieht noch nichts

Mudanjiang, Nordchina im Juni 2020

 

 

 

»Mailin, warum wohnst du nur so weit weg? Ich vermisse dich. Kannst du nicht endlich mal wieder kommen und mich besuchen? Und Mama vielleicht? Es ist schon so ewig her.«

Beinahe überstanden, sie waren am Ende des Gesprächs. Mailin hörte Shenmis Worte und verstand ihren Sinn. Was sie nicht verstand, warum sie die Fragen stellte. Ihre Schwester wusste, dass es eine Pandemie gab und man nur schwer verreisen konnte. Und sie wusste, dass Mailin hier arbeitete. Unabkömmlich. Nahe der Kältesteppe der Inneren Mongolei. Shenmi neigte zum Plappern, was Mailin nicht verstand, manchmal verstörte. Leute redeten überflüssige Dinge, stellten überflüssige Fragen. Mailin behandelte Wörter und Sätze wie mathematische Brüche. Man kürzte, so lange man konnte. Was zum Schluss übrig war, die Essenz, die sagte oder fragte man dann. Aller Zierrat, aller Schmuck – weg. In China waren höfliches Geplapper und endlose Schmeicheleien im gesellschaftlichen Leben unabdingbar. Man machte sich mit Mailins Haltung keine Freunde. Wo sie aufgewachsen war, kannte man sie. Wegen der guten Verbindungen ihrer Mutter zu gewissen Kreisen behandelte man sie ausgesucht höflich und verständnisvoll. Hinter ihrem Rücken sah es anders aus, aber das kümmerte Mailin nicht.

»Shenmi, ich komme, wenn wieder alle reisen dürfen.«

Sie hatten sich bald ein halbes Jahr nicht mehr gesehen. Shenmi hatte keine Ahnung, was unterdessen passiert war. Sie wusste nichts vom Ausflug nach Deutschland. Nichts vom Schwarzwald. Nichts von Hendrik. Nichts davon, dass Mailin von der Staatsmacht zurückgeholt worden war. Oder dass sie ein Kind erwartete. Mailin plapperte nicht gern. Doch weil sie gemerkt hatte, dass gewisses Geplapper andere Leute fröhlich machte, hatte sie sich ein paar Dinge zurechtgelegt. Mailin war es im Grunde egal, wie es Shenmis Mann ging, trotzdem fragte sie.

»Wie geht es Liang?«

Shenmi wusste, dass ihre Schwester fragte, weil sie nett sein wollte. Es war ihr egal, wie es ihrem Mann ging. Jedoch liebte sie solche normalen Momente. So konnte sie für kurz die Illusion einer normalen Familie genießen. Dann war sie für einen Augenblick nicht die uneheliche Tochter eines Triadenliebchens. Im Gegensatz zu Mailin schämte sich Shenmi manchmal ob ihrer Herkunft.

»Du kennst ihn ja. Er ist glücklich, wenn die Geschäfte gut laufen.«

»Tun sie das denn? Was ist mit Corona?«

Mailin hatte zu oft ferngesehen. Dass sie so rege am Tagesgeschehen teilnahm, war Shenmi nicht gewohnt. Und fast beschämt, dass sie nicht genau wusste, was er trieb. Liang war oft viele Tage weg. Wenn er dann zuhause war, hatten sie sich kaum etwas zu sagen. Zwei Jahre hatten sie gebumst, damit sie endlich schwanger würde. Nichts. Sie blutete Monat für Monat und zusammen mit ihrem Blut verlor Shenmi die Geduld. Und die Liebe zu ihrem Mann. Ihr lief die Zeit davon und Liang? Ihm war es egal. Es gab schlichtweg nichts, was sie hätte erzählen können.

»Vielleicht verkauft er ja Masken.«

Mit dieser Antwort gab Mailin sich zufrieden. Damit war ihre soziale Interaktion mit der Familie für heute und die nächsten vier Wochen erledigt. Sie hatte ihre Schuldigkeit getan. Shenmi hingegen seufzte. Sie hätte gerne eine Schwester, der sie ihr Herz ausschütten konnte. Die sie verstand und umgekehrt. Doch das änderte nichts, am allerwenigsten Mailin. Hätte Shenmi gewusst, dass ihre Schwester schwanger war! Würde sie dies nur ahnen, nichts würde sie halten können! Sie würde zu ihr fahren. Trotz Pandemie und Ausgangssperre. Es gab genug Freunde der Familie, die in dem Fall helfen konnten. Aber Mailin hatte kein Sterbenswort gesagt, keine Andeutung gemacht. Es war kein Staatsgeheimnis und es wäre ihr nicht peinlich gewesen. Es kam ihr nur nicht in den Sinn, zu sagen, stell dir vor, ich bin schwanger!

Shenmi hatte Unrecht, Mailin hatte die letzten Tage nicht ferngesehen. Sie saß am Computer und informierte sich. Sie war schwanger. Das war nicht mehr zu leugnen. Sie bekam sogar schon einen kleinen Bauch. Ihre Brüste, größer als sonst, spannten ungewohnt und bis vor ein paar Tagen musste sie sich öfter übergeben. Soweit, so normal. Nicht normal war, dass sie nicht zum Arzt ging. Ständig las sie, dass man deswegen den Frauenarzt ansprechen müsste. Und das sollte man ihn fragen. Jenes könnte er für einen tun. Der Gynäkologe war der Liebe Gott, so schien es. Mailin war auch Wissenschaftlerin. Vielleicht war etwas Wahres dran. Sie vereinbarte einen Termin bei ihm. Ein paar Tage später, um Mittsommer herum, stand sie morgens in der Praxis. Sie füllte einen Haufen Formulare aus und wurde in das Sprechzimmer geschickt.

Mailin besah sich den Untersuchungsstuhl. Da sie praktisch veranlagt war, leuchtete ihr das Funktionsprinzip ein. Um Vulva, Vagina und Gebärmutterhals untersuchen zu können, um sehen zu können, musste die Frau eine gewisse Position einnehmen. Sie hatte sich schon gefragt, wie der Arzt es anstellen würde, sie zu untersuchen. Sie hängte ihre Sachen über einen stummen Diener und setzte sich nackt mit gespreizten Beinen in den Untersuchungsstuhl. Da war er wieder, ihr Mangel an Sensibilität, ihr fehlendes Wissen von Konventionen. Es war ein heißer Sommertag und sie war froh, nicht zu frieren. Hätte sie im Winter mit dem Ausziehen gewartet? Der Arzt betrat das Zimmer und stutzte. Dass eine Patientin sich zum Vorgespräch auszog, war ungewöhnlich. Dass sie sich freiwillig in eine derart exponierte Position begab, war bizarr. Dass sie schlief und leise schnarchte, die Krönung. Schon wieder so ein Bauerntrampel aus dem Norden, dachte er und verdrehte die Augen. Er räusperte sich. Mailin schnarchte. Er räusperte sich lauter. Nichts. Jetzt stellte er sich ans Kopfende neben sie und sagte: »Guten Tag!«

Mailin schlug die Augen auf, war eine Sekunde verwirrt. Dann fiel ihr ein, wo sie war, und sie erwiderte den Gruß. Und schwieg. Die notwendigen Angaben hatte sie ja schon vor der Untersuchung gemacht. Der Arzt räusperte sich erneut. Keine Reaktion beim Untersuchungsobjekt. Er hatte nichts gelesen, nur gesehen, dass sie schwanger angekreuzt hatte. Schwangere hatten die Unart, ihm alles dreimal zu erzählen. Und ihn alles dreimal zu fragen. Deswegen sparte er sich die Lektüre der Anamnese meistens. Außer bei Funktionärsfrauen. Am liebsten hätte er sie wieder weggeschickt. Sollte die maulfaule Nomadentochter doch zum Stammesschamanen gehen. Später würde sie versuchen, ihn mit Rentier-Milch zu bezahlen. Er verfluchte sich und seinen unruhigen Docht, der ihn erst in diese missliche Lage am Rand der Welt gebracht hatte.

»Dann wollen wir mal.« Mit diesen Worten drückte er zwei Knöpfe, und der Stuhl fuhr mit dem leisen Summen der Elektromotoren in eine voreingestellte Position. Durch Chinas Ein-Kind-Politik vergangener Jahre waren Frauen rar, selbst Bauerntrampel. Doch irgendein Hinterwäldler hatte beim Weibchen neben ihm Glück gehabt. Er hatte einen Stich gemacht, ganze Arbeit geleistet. Der Arzt hoffte, dass es nicht ihr Lieblingspony gewesen war. Und falls doch, dass er keine Haare mehr finden würde. Der Doc spulte sein Routineprogramm ab. Stellte ihr die Standardfragen. Auf die nach der letzten Menstruation sagte Mailin, dass sie nur den Tag der Zeugung wüsste. Der Arzt zog fragend die Augenbrauen hoch und nickte ihr zu. »Ja?«

»Es war am zehnten März.«

Das klang nach dem Goldenen Schuss. Einmal und Peng! Er war überrascht, dass sie den Gregorianischen und nicht den Bauernkalender benutzte. Und er fragte sich, ob sie zwischen Pony und Mann einen Unterschied machte. Er tastete ihre Brüste ab und fragte Mailin, ob die gewachsen wären, spannten? Danach berührt er ihren Bauch. Zuerst sachte, fast liebevoll. Wie ein Liebhaber, nicht ein Arzt. Bis er sich zusammenriss und in seinen Untersuchungsmodus umschaltete. Sie gründlich unter die medizinische Lupe nahm. Er schien zufrieden. Für die Herztöne des Babys war es zu früh, die der Mutter waren robust. Nichts anders hatte er erwartet bei so einem Landei. Beim Ultraschall zuckte sie kurz, weil das Gel so kalt war. Er hätte die Frau nicht so empfindlich eingeschätzt. Sie sah aus, als würde sie bei minus zwanzig Grad in einer Jurte übernachten. Ohne Tiere. Doch die äußere Ultraschalluntersuchung brachte kein Ergebnis. Er erkannte darauf nichts, er musste ihr den Stab in die Scheide einführen. So bekam er immerhin ein kleines Highlight.

Er wusste, dass er ein verbittertes Arschloch war. Diese Stelle hier war sein Straflager und er konnte froh sein, dass er so glimpflich davongekommen war. Seinen Brass ließ er an Bauernmädchen aus, die nicht mal lesen und schreiben konnten. Die erkannte er auf den ersten Blick. Sie bekamen den Mund nicht auf, hatten robuste Körper und eine dunkle Haut. Sie ließen sich die Schlitzaugen nicht wegmachen. Mit ihren breiten Becken gebaren sie zu viele Kinder und fielen selbst in Mudanjiang auf, weil sie solche Trampel waren, und aussahen wie unterbelichtete Mongolen. Doch jetzt kam der spannende Teil. Der Teil, weswegen er Gynäkologe geworden war. Man konnte ihm vieles nachsagen, aber nicht, dass er sein Handwerk nicht verstand. Er interpretierte es nur ein wenig anders als die meisten Kollegen. Freier. Künstlerischer. Religiöser.

Für ihn war die Vulva eine Göttin. Die höchste aller Göttinnen und die Schönste. Er hatte zwei Dutzend Namen für den schönsten Körperteil einer Frau. Der Doc betete sie an. Und er liebte sie alle. Er hatte schon so viele Variationen gesehen, eine schöner als die andere und es verging kaum ein Tag, an dem er nicht überrascht wurde. Überrascht, weil eine Frau ihm etwas Heiliges, etwas Besonderes zwischen ihren gespreizten Beinen offenbarte. Mach die Beine breit und ich verehre dich, dachte er. Der Gynäkologe verstand und vergötterte die Schüchternheit vor dem ersten Mal. Bevor sie das erste Mal vor ihm Farbe bekennen mussten, sich ihm öffneten. Sich ihm offenbarten und keine schützende Schranke mehr zwischen ihrer Vulva und seinem forschenden Blick war. Das betraf eher die bessergestellten und die jungen Frauen. Bauerntrampel hatten spätestens nach dem ersten Kind keine Hemmungen mehr. Falls sie es überhaupt für nötig hielten, herzukommen. Er glaubte, dass die meisten Geburten bei den Nomadenvölkern im Zelt stattfanden. Deswegen war er völlig perplex, als Mailin sagte, dass dies ihr erstes Kind sein würde. Normal waren sie zu dem Zeitpunkt völlig gehemmt.

Obwohl sie die ganze Zeit nackt gewesen war, hatte er es bisher vermieden, sie zwischen ihren Beinen genauer anzusehen. Er zelebrierte das. Wie immer. Erst dimmte er das Raumlicht bis auf ein Minimum und knipste seine Untersuchungsleuchte an. Er war geblendet. Nicht von der Lampe. Von Mailin. Von ihrer Vulva und er schämte sich ein wenig, weil er die Frau in Gedanken beleidigt hatte. Heute war erneut ein Tag, an dem er etwas Seltenes sah. Denn wenn man Mailins Gesicht vergaß, musste man attestieren, dass sie seinem Schönheitsideal entsprach. Dass sie es sogar übertraf, so eine asymmetrische Schönheit war sie. Kaum hatte er ihren Gesichtsausdruck ausgespart, bekam er eine Erektion. Da sie zum ersten Mal beim Frauenarzt war, riskierte er es. Er tat so, als würde er Mailin weiter untersuchen, aber das war im Grunde Fassade. In Wirklichkeit geilte er sich an ihr auf. Romantik wurde überbewertet, Flirten auch. Schummriges Licht war nicht sein Freund und Musik brauchte er keine. Brüste waren ihm egal, Küsse. Am Hintern war er nicht interessiert. Sein Fetisch war sein Beruf. Die offen präsentierte Vulva. Hilflose Frauen, die mit gespreizten Beinen vor ihm lagen und Einblick gewährten.

Er studierte jedes Fältchen an ihr, jede Nuance ihrer Farben. Vom Dunkelbraun, fast schwarz der Lippen bis zum Pink des Inneren. Mailin war nicht die hellste Kerze am Baum, sicher nicht die hübscheste Frau. Doch der Schatz zwischen ihren Beinen, der gehörte auf einen Altar, auf dass er täglich angebetet würde. Die Gravidität wölbte ihre äußeren Schamlippen. Als hätte sie diese aufgepumpt. Doch es waren nur die Hormone, die Mailins Vulva so exponierten und überbetonten.

Mit Daumen und Zeigefinger spreizte er die Schamlippen, die Spitze ihrer Klitoris leuchtete weiß. Einladend. Erwartete etwas. So etwas wie eine Zunge oder einen gleitenden Finger. Er brachte es nicht über das Herz, und das der Frau, jetzt den Stab des Ultraschalls einzuführen. Kalter Kunststoff, der sie zusammenzucken und die Neugierde des Kitzlers verpuffen ließe. Schlimmer waren nur Instrumente aus Stahl, den die Frauen in ihrer Vagina spürten. Kalt und hart, als wären sie das Liebchen eines Teufels, der sie züchtigen will. Keine Vagina sollte von kaltem Chirurgenstahl vergewaltigt werden. Er schweifte wieder ab.

In seiner Brille waren Kameras eingebaut und er fotografierte Mailin für seine Ausstellung. Eine Ausstellung, die niemals jemand außer ihm zu sehen bekäme. Für Vulvakunst war die Gesellschaft nicht reif. Nicht mehr oder noch nicht, aber ganz sicher nicht. Natürlich war es streng verboten. Aber er fragte sich warum? Was hätte eine Frau dagegen haben können? Der Doc war sicher, dass die meisten Frauen nicht einmal in der Lage waren, ihre Vulva unter zwei Dutzend zweifelsfrei zu identifizieren. Was sollte der Aufstand? Klar machte er es heimlich. Aber keiner der zwei Millionen Einwohner dieser Provinzstadt, würde diese Frau wiedererkennen. Strafe dafür?

Er wärmt seine Instrumente auf. Die, die er brauchte, und selbst die, die er vielleicht bräuchte. Dabei hat er seine Stimme verändert, angepasst. Der Arzt sprach jetzt weicher, das Autoritäre hatte er verbannt. Er wusste, er bekäme Mailin dorthin, wo er sie haben wollte. Früher oder später landeten alle dort, wollten es alle. Alles Göttinnen.

Seine drei Jahre in Amerika: Da war die tiefschwarze Sudanesin, geflohen vor grausamer Barbarei, Beschneidung. Er hätte gedacht, sie täte sich schwer, ihm zu vertrauen, aber das Gegenteil war der Fall. Sie hatte mehr Angst vor Frauen. Den Blick zwischen ihre Schenkel vergaß er niemals. Fast blauschwarze Schenkel. Kurze, gekräuselte Haare über vor Schwärze kaum auszumachenden Schamlippen, aber als sie die Beine spreizte, meinte er, in die Sonne zu sehen. Er war geblendet von ihrem überirdischen Rosa. Die hellblonde Schwedin, deren Schamhaare noch heller als ihre Haut waren und deren Inneres dunkler war als ihr Äußeres. Die gesamte Untersuchung hatte sie verbissen geschwiegen und hatte einen hochroten Kopf gehabt. Armes Ding. Eine Japanerin mit einem Vorhang von glatten Schamhaaren. Sie war so stolz auf ihren außergewöhnlichen Busch. Dabei war in Amerika Schamhaar verpönt, seit Jahren schon. Nur nicht in Asien. Ihr Glück. Er hatte flammendes Rot gesehen, schmeichelndes Braun, er kannte Bronze und Elfenbein. Immer kombiniert mit einem Rosa, das sich in den Chip einer Kamera fressen und ihn zerstören konnte.

Die Kitzler in allen Formen – von Stecknadelkopf bis Paranuss. Und erst die Schamlippen! Er könnte Stunden über die Schönheit und Anmut der unterschiedlichen Labien berichten und schwärmen. Die Abfolge von Farben und Formen, endlos, sich scheinbar nie wiederholende Gebilde von schlichtem Liebreiz, sodass er am liebsten auf die Knie gesunken wäre und gebetet hätte. Jedes Mal aufs Neue. Er würde sich nie sattsehen können, nie genug bekommen, nie verstehen, wie Männer das nicht genauso empfanden. Oder wie Frauen glauben konnten, sie wären hässlich. Das war unentschuldbarer Frevel. Ein Verbrechen gegen die Schönheit der Natur. Dieses Mantra lief in seinem Hinterkopf vollautomatisiert ab, denn vorne war er zu beschäftigt damit, Mailins Schönheit zu bewundern.

Er riss sich gewaltsam vom Anblick los und berührte ihren Venushügel knapp über der Klitoris. Mailin, die mit einer Berührung rechnete, blieb entspannt. Sie war einiges gewöhnt und falls ihre Besteiger der Vergangenheit sie überhaupt angefasst hatten, dann wesentlich grober als dieser Arzt. Er berührte ihre Schamlippen und ihre Neugier wuchs. Misstrauisch? Ach woher! Wenn er so weitermachte, würde sie für ein paar Intimitäten in Zukunft lieber zum Arzt gehen, als sich ein weiteres Mal mit einem Kollegen oder einem Fremden zu verabreden.

Was Hendrik mühelos gelungen war, sie fließen zu lassen, gelang dem Doc ebenso mühelos. Ihre Vagina war hocherfreut, einen Könner zu begrüßen, und floss ihm entgegen. Mit diesem hochviskosen Schleim glitt sein Daumen über ihren Kitzler. Er hatte endgültig und unwiderruflich eine Grenze überschritten. Die Grenze, die den behutsamen Arzt vom wollüstigen trennte. Falls Mailin sich wunderte, ließ sie sich nichts anmerken. Der Beginn von ihrem schönsten Sex der Vergangenheit unterschied sich kaum vom Erlebnis in diesem Stuhl. Sie lag bequem.

---ENDE DER LESEPROBE---