Goethe schtirbt - Thomas Bernhard - E-Book

Goethe schtirbt E-Book

Thomas Bernhard

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Beschreibung

Der ganze Bernhard-Kosmos in vier Erzählungen. Zu Lebzeiten von Thomas Bernhard kam die Buchpublikation dieser Erzählungen nicht mehr zustande: zu sehr war er mit dem Romanopus "Auslöschung" und mit dem Theaterstück "Heldenplatz" sowie dem dadurch entfachten Skandal befaßt. In "Goethe schtirbt" werden die vier Erzählungen zum ersten Mal, dem Wunsch ihres Verfassers entsprechend, in einem Band zusammengefügt: Sie zeigen den abgeklärten Meister der tragischen Momente und komischen Situationen, der auf der Höhe seiner Kunst Motive und Strukturen seines Gesamtwerks entfaltet und übertreibend ironisiert.

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Seitenzahl: 88

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Thomas Bernhard

Goethe schtirbt

Erzählungen

Suhrkamp

Goethe schtirbt

Am Vormittag des zweiundzwanzigsten ermahnte mich Riemer, bei meinem für halbzwei angesetzten Besuch Goethes einerseits leise, andererseits doch nicht zu leise mit dem Manne zu sprechen, von welchem jetzt nurmehr noch gesagt wurde, daß er der Größte der Nation und gleichzeitig auch der allergrößte unter allen Deutschen bis heute sei, denn einerseits höre er jetzt das eine geradezu erschreckend deutlich, das andere aber beinahe überhaupt nicht mehr und man wisse nicht, was er höre und was nicht und obwohl es das Schwierigste sei in der Unterhaltung mit dem auf seinem Sterbebett liegenden, die ganze Zeit mehr oder weniger bewegungslos in die Richtung auf das Fenster schauenden Genius, die angemessene Lautstärke in der eigenen Rede zu finden, sei es doch möglich, vor allem durch die allerhöchste Aufmerksamkeit der Sinne, in dieser nun tatsächlich nurmehr noch traurig machenden Unterhaltung genau jene Mitte zu finden, die dem jetzt für alle sichtbar an seinem Endpunkt angekommenen Geist entspreche. Er, Riemer, habe die letzten drei Tage mehrere Male mit Goethe gesprochen, zweimal in Anwesenheit Kräuters, den Goethe beschworen haben solle, fortwährend und bis zum letzten Augenblick, bei ihm zu bleiben, aber doch einmal allein, weil Kräuter, angeblich infolge einer plötzlichen Übelkeit durch das Auftreten Riemers in Goethes Zimmer, dieses fluchtartig verlassen habe, wobei Goethe sofort, wie in alten Tagen, mit Riemer über Das Zweifelnde und das Nichtzweifelnde gesprochen habe, genau wie in den ersten Märztagen, in welchen, so Riemer, Goethe immer wieder auf dieses Thema gekommen sei, immer wieder und immer wieder mit größter Wachsamkeit, nachdem er sich, so Riemer, Ende Feber fast ausschließlich, gleichsam zur tagtäglichen Morgenübung mit Riemer, ohne Kräuter also und also ohne den von Riemer immer wieder als Ungeist bezeichneten Belauerer des goetheschen Absterbens, mit dem Tractatus logico-philosophicus beschäftigt und überhaupt Wittgensteins Denken als das dem seinigen aufeinmal zunächststehende, wie das seinige ablösende, bezeichnet hatte; daß dieses seinige gerade da, wo es in die Entscheidung gekommen sei zwischen dem, das Goethe zeitlebens als Hier und dem, das er zeitlebens als Dort einzusehen und anzuerkennen gezwungen gewesen sei, schließlich von dem wittgensteinschen Denken überdeckt, wenn nicht gar vollkommen zugedeckt hatte werden müssen. Goethe soll sich in diesem Gedanken mit der Zeit so aufgeregt haben, daß er Kräuter beschwor, Wittgenstein kommen zu lassen, diesen, gleich, was es koste, aus England nach Weimar zu holen, unter allen Umständen und so bald als möglich und tatsächlich hätte Kräuter Wittgenstein dazu bringen können, Goethe aufzusuchen, merkwürdigerweise gerade an diesem zweiundzwanzigsten; die Idee, Wittgenstein nach Weimar einzuladen, war Goethe schon Ende Feber gekommen, so Riemer jetzt, und nicht erst Anfang März, wie Kräuter behauptete, und Kräuter sei es gewesen, der von Eckermann in Erfahrung gebracht habe, daß Eckermann unter allen Umständen eine Reise Wittgensteins nach Weimar zu Goethe hatte verhindern wollen; Eckermann habe Goethe über Wittgenstein derartig Unverschämtes, so Kräuter, vorgetragen, daß Goethe, damals noch im Vollbesitz seiner Kräfte, naturgemäß auch der physischen und tagtäglich noch imstande, in die Stadt hineinzugehen, also durchaus den Frauenplan zu verlassen und über das schillersche Haus hinaus in die Gegend von Wieland, so Riemer, daß Goethe von Eckermann jedes weitere Wort über Wittgenstein, den Verehrungswürdigsten, wie sich Goethe wörtlich ausgedrückt haben solle, verbeten habe, Goethe soll zu Eckermann gesagt haben, daß seine Dienste, die er, Eckermann, ihm, Goethe, bisher geleistet habe und zwar allezeit, mit diesem Tage und mit dieser traurigsten aller Stunden der deutschen Philosophiegeschichte, null und nichtig seien, er, Eckermann, habe sich an Goethe durch die Niederträchtigkeit,Wittgenstein ihm gegenüber in Verruf zu bringen, unverzeihlich schuldig gemacht und habe augenblicklich das Zimmer zu verlassen, Das Zimmer soll Goethe gesagt haben, ganz gegen seine Gewohnheit, denn er hatte sein Schlafzimmer immer nur Die Kammer genannt, aufeinmal hatte er, so Riemer, Eckermann das Wort Zimmer an den Kopf geschleudert und Eckermann sei einen Augenblick völlig wortlos dagestanden, habe kein Wort herausgebracht, so Riemer, und habe Goethe verlassen. Er wollte mir mein Heiligstes nehmen, soll Goethe zu Riemer gesagt haben, er, Eckermann, der mir alles verdankt, dem ich alles gegeben habe und der nichts wäre ohne mich, Riemer. Goethe sei, nachdem Eckermann die Kammer verlassen hatte, selbst nicht befähigt gewesen, ein Wort zu sprechen, er soll immer nur das Wort Eckermann gesagt haben, tatsächlich so oft, daß es Riemer erschienen war, als sei Goethe nahe daran, wahnsinnig zu werden. Aber Goethe habe sich dann doch rasch fassen und mit Riemer sprechen können, kein Wort über Eckermann mehr, aber über Wittgenstein. Es bedeute ihm, Goethe, höchstes Glück, in Oxford seinen engsten Vertrauten zu wissen, nur getrennt durch den Kanal, so Riemer, der mir doch gerade in dieser Erzählung am glaubhaftesten schien, nicht wie sonst immer, schwärmerisch, unglaubwürdig; auf einmal hatte Riemers Bericht doch das Authentische, das ich sonst immer an seinen Berichten vermißte, Wittgenstein in Oxford, soll Goethe gesagt haben, Goethe in Weimar, ein glücklicher Gedanke, lieber Riemer, wer kann empfinden, was dieser Gedanke wert ist, außer ich selbst, der ich in diesem Gedanken der Glücklichste bin. Riemer unterstrich immer wieder, daß Goethe mehrere Male gesagt haben soll, Der Glücklichste. In bezug auf Wittgenstein in Oxford. Als Riemer sagte In Cambridge, soll Goethe gesagt haben Oxford oder Cambridge, es ist der glücklichste Gedanke meines Lebens und dieses Leben war voll von den glücklichsten Gedanken. Von allen diesen glücklichsten Gedanken ist der Gedanke, daß es Wittgenstein gibt, mein glücklichster. Riemer habe zuerst nicht gewußt, wie eine Verbindung zwischen Goethe und Wittgenstein herzustellen sei, und er habe mit Kräuter gesprochen, dieser habe aber, ebenso wie Eckermann, von einem Auftreten Wittgensteins in Weimar nichts wissen wollen. Während Goethe, wie ich selbst aus Äußerungen Goethes mir gegenüber weiß, Wittgenstein so bald als möglich sehen wollte, sprach Kräuter andauernd davon, daß Wittgenstein nicht vor April kommen solle, der März sei der unglücklichste Termin, Goethe selbst wisse das nicht, aber er, Kräuter, wisse das, Eckermann habe in vieler Hinsicht nicht unrecht gehabt,Wittgenstein Goethe überhaupt auszureden, was natürlich ein Unsinn war, so Kräuter zu mir, denn Goethe hatte sich niemals von Eckermann etwas ausreden lassen, aber Eckermann hatte immer einen guten Instinkt, so Kräuter zu mir, als wir gerade an dem wielandschen Hause vorbeigingen; Eckermann habe es an diesem fraglichen Tag, an dem Tag, an welchem Goethe unmißverständlich nach Wittgenstein verlangt habe, nach dem persönlichen Auftreten seines Nachfolgers, sozusagen, zu weit getrieben, er, Eckermann, habe ganz einfach an diesem Tage die Kräfte, die physischen und die psychischen Kräfte Goethes überschätzt, genauso wie seine Kompetenzen, und Goethe habe sich wegen Wittgenstein, wegen nichts sonst, von Eckermann getrennt. Ein Versuch der Frauen unten (die in der Halle standen!) Goethe umzustimmen aus dem Vorhaben, das ja schon zum endgültigen Entschluß geworden war, Eckermann tatsächlich zu verjagen und zwar wegen Wittgenstein für immer, was die Frauen natürlich nicht begreifen konnten, war fehlgeschlagen, für zwei Tage hatte Goethe sich ja, wie ich weiß, überhaupt den Frauenbesuch in der Kammer verbeten, gerade Goethe, sagte ich zu Riemer, der keinen Tag ohne die Frauen auszukommen imstande gewesen ist, solange er lebt; Eckermann soll bei den Frauen unten in der Halle gestanden sein, fassungslos, wie Kräuter später sagte, die Frauen sollen ihn sozusagen bestürmt haben, die Sache auf den schlechten Allgemeinzustand Goethes zurückzuführen und sie nicht im ganzen Umfange ernst zu nehmen, nicht so ernst jedenfalls, wie Eckermann sie im Augenblick nahm und eine der Frauen, ich weiß nicht mehr, welche von den vielen in der Halle stehenden, sei zu Goethe hinauf, um für Eckermann einzutreten, aber Goethe war nicht mehr umzustimmen, er soll gesagt haben, daß er von keinem jemals gelebten Menschen in einer solchen verletzendsten Weise enttäuscht worden sei, wie von Eckermann, er wolle ihn niemehr sehen. Dieses Niemehr Goethes sei dann in der Halle noch oft zu hören gewesen, auch dann noch, als Eckermann längst aus dem goetheschen Hause gewesen und dann tatsächlich auch nicht mehr gesehen worden war. Niemand weiß, wo Eckermann heute ist. Kräuter hat nachforschen lassen, aber alle diese Nachforschungen sind ohne Ergebnis geblieben. Selbst die Gendarmerie in Halle und Leipzig ist eingeschaltet worden und, so Riemer, auch nach Berlin und Wien hat Kräuter Nachricht vom Verschwinden Eckermanns gegeben, so Riemer. Tatsächlich habe Kräuter, so Riemer, noch mehrere Male versucht, Goethe von dem Gedanken abzubringen, Wittgenstein nach Weimar kommen zu lassen, und es war ja auch nicht sicher gewesen, so Kräuter, ob Wittgenstein tatsächlich nach Weimar kommt, selbst wenn er von Goethe eingeladen ist, von dem größten Deutschen, denn Wittgensteins Denken machte diese Sicherheit auf alle Fälle schwankend, so Kräuter wörtlich, er, Kräuter, so Riemer, habe aber Goethe in ungemein vorsichtiger Weise vor einem Auftreten Wittgensteins in Weimar gewarnt, sei nicht so plump und tatsächlich vertraulich vorgegangen dabei wie Eckermann, der in diesem wittgensteinschen Falle einfach zu weit gegangen sei, weil er sich dieser Sache sicher gewesen war, weil er nicht wußte, daß man in bezug auf die goetheschen Vorstellungen und Gedanken ja niemals und in keinem Falle hatte sicher sein können, was beweise, daß Eckermann bis zuletzt seine Geistesbeschränkung, die wir von Eckermann kennen, nicht ablegen hatte können, so Riemer, aber selbst Kräuter war es nicht gelungen, Goethe davon abzubringen, Wittgenstein nach Weimar kommen zu lassen. Einem solchen Geist ist kein Telegramm zu schicken, soll Goethe gesagt haben, einen solchen Geist könne man nicht einfach auf telegraphische Weise einladen, man müsse einen lebendigen Boten nach England schicken, soll Goethe Kräuter gegenüber gesagt haben. Kräuter soll nichts darauf gesagt haben, und da Goethe entschlossen war, Wittgenstein von Angesicht zu Angesicht zu sehen, wie Riemer jetzt pathetisch sagte, weil Kräuter es genau in dieser pathetischen Weise gesagt haben soll, mußte sich Kräuter schließlich, so schwer es ihm fiel, dem Wunsch Goethes beugen. Goethe soll gesagt haben, daß, wenn er bei besserer Gesundheit sei, er selbst nach Oxford oder Cambridge reisen würde, um mit Wittgenstein über Das Zweifelnde und das Nichtzweifelnde zu sprechen, ihm machte es nichts aus, Wittgenstein entgegenzugehen, auch, wenn die Deutschen einen solchen Gedanken allein nicht verstehen, darüber setze er, Goethe, sich vollkommen hinweg, wie er selbst sich immer über alle Gedanken der Deutschen hinweggesetzt habe, gerade weil er der Deutsche sei, was auszusprechen ihm völlig natürlich wäre, ich führe gern nach England an meinem Lebensende, soll Goethe zu Kräuter gesagt haben, aber meine Kräfte reichen dazu nicht mehr aus, so bin ich gezwungen, Wittgenstein den Vorschlag zu machen, zu mir zu kommen. Selbstverständlich, soll Goethe zu Kräuter gesagt haben, wohnt Wittgenstein, mein philosophischer Sohn sozusagen, so Kräuter, der sich für die Wörtlichkeit dieser Aussage Goethes verbürgt, in meinem Hause. Und zwar in dem allergemütlichsten Zimmer, das wir haben. Ich lasse dieses Zimmer genauso ausstatten, wie ich glaube, daß es Wittgenstein gefällt. Und wenn er zwei Tage bleibt, was Schöneres kann ich wünschen!