Goldadern der Bibel - Pieter J. Lalleman - E-Book

Goldadern der Bibel E-Book

Pieter J. Lalleman

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Beschreibung

Warum sollte man das Alte Testament noch lesen, wenn vieles davon aus vergangenen Jahrtausenden stammt? Pieter Lalleman zeigt leidenschaftlich, welche einzigartigen Einsichten im ersten Teil der Bibel stecken und was uns fehlen würde, wenn wir das Alte Testament nicht hätten. Zu Themen wie Politik, Sex, Zweifel, Leid, Umwelt u.a. sagt das Alte Testament viel mehr als das Neue! Lalleman schreibt leicht verständlich. Theologische Vorkenntnisse sind nicht nötig. Gesprächsfragen für Hauskreise runden das Buch ab. Eine gut lesbare Einladung zum "Gold schürfen"!

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Seitenzahl: 213

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Pieter J. Lalleman

Goldadern der Bibel

Von der bleibenden Bedeutungdes Alten Testaments

Aus dem Englischen übersetzt vonDr. Friedemann Lux

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Die erscheint in Zusammenarbeit zwischen

SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH,

Max-Eyth-Straße 41· 71088 Holzgerlingen und dem

SCM Bundes-Verlag, Witten.

Herausgeber: Dr. Ulrich Wendel

ISBN 978-3-417-22908-0 (E-Book)

ISBN 978-3-417-25359-7 (lieferbare Buchausgabe)

© der deutschen Ausgabe 2018

SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: [email protected]

Text copyright © Pieter J. Lalleman, 2015.

Original edition published in Dutch under the title

“Van blijvend belang” by Ark Media, Amsterdam, the Netherlands.

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse

folgender Ausgabe entnommen:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006

SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen

Umschlaggestaltung: Tobias Hermann, Gelsenkirchen

Titelbild: unsplash.com/Patrick Hendry

Satz: τ-leχιs · O. Lange, Heidelberg

Inhalt

Über den Autor

Vorwort

Einleitung

Der Mehrwert des Alten Testaments

1. Die Schöpfung

2. Die Namen und Titel Gottes

3. Unsere Sexualität

4. Politik und der Fremde

5. Skepsis und Zweifel

6. Klagen

7. Keine Widerrede? Bei Gott schon

8. Die Botschaft des Buches Ester

9. Der jüdische Kanon

Wie man das Alte Testament besser nicht benutzt

10. Kleine Galerie verschiedener Fehler

11. Das Wohlstandsevangelium

12. Sollten Christen jüdische Feiertage einhalten?

Schluss

Verwendete Literatur

Fragen für Gesprächsgruppen

Anmerkungen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Über den Autor

Dr. Pieter J. Lalleman ist Niederländer und arbeitet als Dozent für biblische Studien am Spurgeon‘s College, London. Er ist Herausgeber der Europäischen Theologischen Zeitschrift.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Vorwort

In diesem Buch geht es um den Mehrwert oder den „Überschuss“ des Alten Testaments. Mit diesem Ausdruck meine ich Themen im Alten Testament, die im Neuen Testament nicht oder kaum wieder auftauchen, aber die für uns als Christen wichtig sind. In diesem Buch möchte ich darlegen, dass das Alte Testament mehr ist als nur, wie manche denken, eine Reihe von Prophetien, die auf Jesus hindeuten – viel mehr! Es gibt im Alten Testament zahlreiche Passagen, die auch uns, die wir in der Zeit nach dem Neuen Testament leben, viel zu sagen haben. Wegen dieser wesentlichen und schönen Seiten des Alten Testaments ist der erste Teil der Bibel von bleibendem Wert für Christen, und daher ist dieses Buch ein freudiges „Ja“ zum Alten Testament. Ich möchte zeigen, was für ein wunderbares Buch das Alte Testament ist und wie es in unseren Kirchen und in unserem persönlichen Glauben eine wichtige Rolle spielen kann.

In der Einleitung zeige ich zunächst einiges über die Bibel und das Alte Testament allgemein. Ich erkläre auch, inwiefern das Alte Testament für uns heute nach wie vor relevant ist, nenne die Personen, die mich zu diesem Buch inspiriert haben, und begründe, warum ich glaube, dass der Mehrwert des Alten Testaments ein wichtiges Thema für die Gläubigen seit dem Neuen Testament ist.

In den dann folgenden Kapiteln stelle ich die verschiedenen Aspekte dieses Mehrwerts des Alten Testaments im Einzelnen vor. Diese Kapitel sind das Herzstück dieses Buches. In den letzten drei Kapiteln wende ich mich kurz verschiedenen Beispielen für falsches Lesen bzw. falschen Gebrauch des Alten Testaments zu.

Es haben schon andere Autoren ihr Bestes gegeben, damit das Alte Testament nicht unbeachtet verstaubt. Dieses Buch will ihre Bücher ergänzen. Ich konzentriere mich auf die wichtige Idee des Überschusses des Alten Testaments, in der Hoffnung, dass das Alte Testament in unserem persönlichen Glaubensleben und in unseren Gemeinden und Gruppen die ihm gebührende Beachtung bekommt.

Ich danke den Verlegern des niederländischen Originals dieses Buches für ihre freundliche Genehmigung, es für die deutschen Leser zu übersetzen und zu bearbeiten.

Dr. Pieter J. Lalleman, London 2017

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Einleitung

Israel

Gott hat in der Vergangenheit auf vielerlei Weise durch die Propheten des Alten Testaments gesprochen (Hebräer 1,1). Als Christen stimmen wir dieser Aussage zu. Denken wir kurz darüber nach, was diese Worte bedeuten. Jahrhundertelang offenbarte Gott der HERR1 sich Israel, und dies wird im ersten Teil unserer Bibel, dem Alten Testament, dokumentiert. Am Anfang gab es noch kein Volk Israel; Gott erschuf die Welt und offenbarte sich allen Menschen (1. Mose 1–11). Später rief derselbe Gott Abram hinaus aus seiner Heimat, damit er in ein fremdes Land ziehe, und machte ihn zum Vater eines neuen Volkes (1. Mose 12–50). Mit diesem Volk schloss der HERR einen Bund und offenbarte sich ihm (2. Mose). Die Bestimmungen und Gebote dieses Bundes werden in den Büchern 3. Mose bis 5. Mose detailliert dargelegt. Es beginnt eine lange Geschichte des immer wieder neuen Stolperns, Wiederaufstehens und erneuten Stolperns von Israel. Die Geschichte Gottes und Israels geht weiter in den Büchern Josua bis 1. und 2. Könige, und aus einem etwas anderen Blickwinkel lesen wir sie in den Chronikbüchern, Esra, Nehemia und Ester.

Die Linie der Offenbarung Gottes an Israel verblasst schließlich für längere Zeit – und dies, obwohl Gott dem Volk Propheten geschickt hatte, um ihm sich und seine Pläne noch besser zu offenbaren und ihm zu zeigen, wie es leben konnte (Jesaja bis Maleachi). Die Israeliten antworteten auf Gottes Offenbarung durch Lieder der Anbetung, der Klage und andere Lieder (die Psalmen). Weise Männer dachten über das rechte Leben und den Sinn des Leidens nach (Hiob, Sprüche, Prediger, Hohes Lied). Israel stellte seine heiligen Schriften zu einem Buch zusammen, das es Tenach nannte; die Christen nennen es das Alte Testament. Im Neuen Testament wird das Alte Testament an einer Stelle mit der Bezeichnung „Mose, die Propheten und die Psalmen“ benannt (Lukas 24,44). An verschiedenen Stellen des Alten Testaments finden wir die Erwartung, dass der Tag kommen wird, an dem Gott seinem Volk einen Erlöser schickt.

Jesus Christus

Zurück zum 1. Kapitel des Hebräerbriefes. Nach dieser langen Zeit, in der Gott sich Israel offenbarte, schickte er ihm tatsächlich den verheißenen Erlöser; er offenbarte sich tiefer und endgültiger als je zuvor in unserem Herrn Jesus Christus. Obwohl Jesus äußerlich wie ein gewöhnlicher Mensch aussah (Philipper 2,7; Jesaja 53), glauben die Christen, dass in ihm Gott selbst auf die Erde kam. Jesus starb für die Sünden der Welt, um am dritten Tag wieder aufzuerstehen. Wir wollen auf seine Person, sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung hier nicht weiter eingehen, aber es ist klar, dass Jesus die Geschichte der Welt für immer verändert hat. Er hat die Beziehung zwischen Gott und den Menschen wiederhergestellt. Diese Dinge sind im Neuen Testament aufgeschrieben worden, das vier Biografien dieses Jesus von Nazareth enthält (die Evangelien), die uns seine Einzigartigkeit zeigen.

Als Jesus die Erde wieder verließ, gab er seinen Jüngern den Auftrag, ihn der ganzen Welt bekannt zu machen; die Erfüllung dieses Auftrags nahm erst allmählich Fahrt auf (vgl. die Apostelgeschichte). In den folgenden Jahrzehnten schrieben die Leiter der jungen Kirche Briefe an Gemeinden und Einzelpersonen, in denen sie über die Bedeutung des Lebens und Wirkens von Jesus für diese Zeit und für die Ewigkeit nachdachten und die Situation in den Gemeinden beleuchteten (Römerbrief bis Johannesoffenbarung).

Zwei Teile

Israel hatte also seine heiligen Schriften gesammelt, und die christliche Kirche machte sich diese Sammlung zu eigen. Sie fügte sodann eine zweite, kleinere Sammlung von Büchern an, die aus den Evangelien, der Apostelgeschichte, den Briefen und der Johannesoffenbarung bestand. Bald setzte sich für die Sammlung der heiligen Schriften Israels die Bezeichnung „Altes Testament“ durch und für die neue Sammlung der Christen der Begriff „Neues Testament“. Da für Christen der Herr Jesus Christus wichtiger ist als alles im Alten Testament (dieser Unterschied ist das Thema des Hebräerbriefes), gab es bald eine Tendenz, das Alte Testament für zweitrangig und weniger wichtig zu halten. Ja, noch bevor der neutestamentliche Kanon endgültig festgelegt war, gab es sogar Stimmen, die argumentierten, dass man das Alte Testament nicht mehr brauche und zu den Akten legen könne. Diese letzte Position wurde besonders von dem Theologen Marcion vertreten, der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebte. Doch nur wenige schlossen sich ihm an, und die Kirche entschied, das Alte Testament beizubehalten und es weiter als den ersten Teil des verbindlichen Wortes Gottes zu betrachten. Trotz dieser eindeutigen Entscheidung der Alten Kirche kam es im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte bis in unsere Tage wiederholt zu Diskussionen über die Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament. Die deutsche liberale Theologie des 19. Jahrhunderts, allen voran Adolf v. Harnack, unternahm einen erneuten Versuch, das Alte Testament über Bord zu werfen, der indessen ebenfalls misslang.

Theorie und Praxis

Die Kirche verwarf also Marcions Vorschlag und behielt die Sammlung heiliger jüdischer Schriften (das Alte Testament) bei, zusätzlich zum Neuen Testament. Doch hier hat sich im Laufe der Zeit eine große Diskrepanz zwischen Lehre und Leben, Theorie und Praxis entwickelt, die heute im Begriff ist, noch größer zu werden. Theoretisch bekennen wir mit der Kirche aller Jahrhunderte, dass Gott uns ein heiliges Buch in zwei Teilen gegeben hat, das Alte und das Neue Testament. So lautet im Kürzeren Westminster-Katechismus (einer reformierten kirchlichen Unterweisung aus dem Jahr 1647, jahrhundertelang einer der verbreitetsten Katechismen weltweit) die zweite Frage:

Welche Regel hat Gott uns gegeben, um uns darin zu leiten, ihn zu verherrlichen und uns an ihm zu erfreuen?

Und die Antwort lautet:

Das Wort Gottes, das aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments besteht, ist die einzige Regel, die uns darin leitet, wie wir ihn verherrlichen und uns an ihm erfreuen können.2

Auch wenn evangelikale Christen sich oft nicht an historische Bekenntnisse gebunden fühlen, stimmen sie doch dem, was diese über die Bibel sagen, im Großen und Ganzen zu. Ebenso verhält es sich bei Christen, die nicht aus dem evangelikalen Raum kommen. Einem für Lutheraner und Reformierte wichtigen Bekenntnistext zufolge, der Leuenberger Konkordie von 1973, wird uns das Evangelium „grundlegend bezeugt durch das Wort der Apostel und Propheten in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments“3.

Doch wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir, dass unsere Praxis ganz anders aussieht. Wir lesen lieber im Neuen als im Alten Testament. Im Neuen Testament fühlen wir uns mehr zu Hause. Wir kennen es auch viel besser als das Alte Testament. Wir haben unsere Bedenken gegenüber dem Alten Testament; ein erbauliches Buch eines bekannten christlichen Autors ist uns oft lieber. Und viele unserer Pastoren und Prediger gehen mit schlechtem Beispiel voran: Ihre Predigten und Bibelstunden behandeln weit öfter das Neue Testament als das angeblich schwierige und langweilige Alte Testament. Das Fazit lautet unweigerlich: In der Praxis sind viele Christen (vor allem diejenigen, die nicht zu den reformierten Kirchen gehören) Anhänger des Marcion geworden, ob sie es nun zugeben oder nicht.

Eine unerwartete und wenig hilfreiche Wiederaufnahme der Gedanken Marcions wurde vor Kurzem von dem Berliner Professor Notger Slenczka veröffentlicht.4 Dass dies im 21. Jahrhundert so wieder geschehen konnte, zeigt, dass ein Buch wie das vorliegende durchaus notwendig ist.

Was dieses Buch will

Mit diesem Buch möchte ich versuchen, den Geist des Marcion auszutreiben, sodass das Alte Testament wieder den ihm gebührenden Platz in unserem persönlichen Glauben und in unseren Gemeinden bekommt. Ich möchte dies erreichen, indem ich verschiedene einzigartige und wichtige Aspekte des Alten Testaments aufzeige – Themen, bei denen das Alte Testament einen bleibenden Wert für alle Christen hat.

Das Wichtigste

Dieses Buch zeigt und begründet also den hohen, bleibenden Wert des Alten Testaments. Doch um nicht missverstanden zu werden: Es ist kein Aufruf, zum Judentum zu konvertieren oder nach dem jüdischen Gesetz zu leben. Auch für mich ist das Neue Testament wichtiger als das Alte, weil es uns Jesus offenbart, der unser Erlöser ist, ja der Erlöser der ganzen Welt (1. Johannes 2,2). Sein Kommen und vor allem sein Sieg über den Tod sind das Schlüsselereignis der Weltgeschichte. Ich setze voraus, dass meine Leser um diese Dinge wissen, und gehe daher nicht im Detail darauf ein. Ich nehme als gegeben an, dass das Neue Testament den ersten Platz in unserem Glaubensleben hat und dass man das Alte Testament in erster Linie im Lichte des Neuen Testaments lesen muss.

Und dennoch: Wir wollen und müssen das Alte Testament nicht aufs Altenteil schicken! Ich möchte in diesem Buch einiges davon zeigen, was das Alte Testament zu solch einem großen Buch macht, und darlegen, was für eine Rolle es heute in unserem Glauben und in unseren Gemeinden spielen kann.

Das Volk Gottes

Wie und warum kann man sagen, dass das Alte Testament von bleibendem Wert für uns als Christen ist? Was ist mit all den Dingen im Alten Testament, die Jesus und die Apostel nicht zustimmend aufgegriffen haben? Gibt es irgendwelche Kriterien, anhand derer man diese Fragen beantworten kann?

Als Christen sind wir durch den Glauben an Jesus als unseren Herrn Glieder des Volkes Gottes geworden; wir sind in den Ölbaum, der Israel ist, eingepfropft worden (so das Gleichnis von Paulus in Römer 11,13-18). Das Alte Testament enthält Gottes Offenbarung an sein Volk, und so wie es für das Volk Israels galt und gilt, so gilt es jetzt auch für uns Christen als Menschen, die nachträglich Glieder des Volkes Gottes geworden sind. Das Alte Testament sagt uns unter anderem, wer der HERR ist und was er mit seinem Volk und mit der Welt vorhat. Alle diese Dinge sind heute noch genauso wahr und wichtig wie damals, als das Alte Testament entstand und als Jesus und die Apostel nach ihm lebten.

Die Schriften

Wenn wir das Alte Testament wertschätzen, stehen wir in der Tradition von Jesus und der seiner ersten Jünger. Sie haben immer nur positiv vom Alten Testament gesprochen und betont, wie gut und wichtig es ist. Sie nannten es logischerweise noch nicht „Altes Testament“, weil es zu ihrer Zeit noch kein Neues Testament gab. Stattdessen nannten sie es, wie alle Juden damals, zum Beispiel „die Schriften“, „das Wort Gottes“. Es ist nicht schwierig, für die positive Einstellung von Jesus und der der ersten Christen gegenüber den Schriften des Alten Testaments Beispiele zu finden; ich möchte hier nur drei nennen:

› Unser Herr Jesus selbst sprach positiv über die Schriften; er sagte, dass auch die kleinste Einzelheit gültig bleiben würde (Matthäus 5,17-20).

› „Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam. Es ist schärfer als das schärfste Schwert und durchdringt unsere innersten Gedanken und Wünsche. Es deckt auf, wer wir wirklich sind, und macht unser Herz vor Gott offenbar.“ (Hebräer 4,12)

› Der Evangelist Matthäus betont wiederholt, wie die Schriften durch das Wirken von Jesus erfüllt wurden; vgl. Matthäus 1,22-23; 2,15.17.23.

Es ist daher nur folgerichtig, wenn wir als Menschen, die Jesus nachfolgen, uns die gleiche positive Einstellung gegenüber den Schriften des Alten Testaments zu eigen machen. Dieses Buch möchte den Lesern helfen, diese Schriften richtig zu lesen und zu verstehen.

Erfüllung

Hier müssen wir auch über den Begriff der Erfüllung nachdenken. Wir glauben, dass die Schriften des Alten Testaments in Jesus Christus erfüllt worden sind. In ihm hat Gott sich tiefer geoffenbart als je zuvor. Die Messiasverheißungen sind Realität geworden, und damit ist die Schrift erfüllt. Der Status des Alten Testaments hat sich von daher verändert. Den Gedanken der Erfüllung finden wir in Texten wie z. B. Lukas 4,21; 24,26-27.44-48; Johannes 5,39; Apostelgeschichte 3,18; Jakobus 2,3.

Viele verstehen den Gedanken der Erfüllung allerdings falsch; sie glauben, dass die Worte, die erfüllt worden sind, damit sozusagen ausgestrichen sind und nicht mehr gelten. Dies ist ein schlimmes Missverständnis. Wenn in unserem normalen Leben ein Versprechen erfüllt worden ist, bedeutet dies, dass wir das, was man uns versprochen hatte, bekommen haben. Unsere Erwartung ist Realität geworden, wir halten das Versprochene sozusagen in unseren Händen und dürfen es benutzen und genießen. So bedeutet auch in der Bibel „Erfüllung“ nicht Auslöschung oder Abschaffung, sondern vielmehr, dass etwas zur Reife kommt, dass es voll in Kraft tritt. In Jesus hat das Alte Testament sein Ziel erreicht, und damit ist es für uns von hohem Wert und kommt in der Rangfolge gleich nach dem Neuen Testament.

Das falsche Verständnis von „Erfüllung“ ist durch ungenaue Übersetzungen von Römer 10,4 genährt worden. In der Lutherübersetzung (2017) heißt es hier:

Christus ist des Gesetzes Ende, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt.

Im Griechischen schreibt Paulus hier aber, dass Christus der telos des Gesetzes ist, und das griechische „telos“ kann viel mehr bedeuten als „Ende“. Oft bedeutet es „Ziel“ oder „Absicht“, und andere, neuere Übersetzungen berücksichtigen dies auch. So formuliert die Neue Genfer Übersetzung: „Denn mit Christus ist das Ziel erreicht, um das es im Gesetz geht.“ Ähnlich übersetzen die neue Einheitsübersetzung 2016 sowie die Elberfelder Bibel und die Neues Leben Bibel.

Die Hebräische Bibel

An dieser Stelle ist auf eine andere Bezeichnung des Alten Testaments hinzuweisen. Viele Theologen reden heute von der „Hebräischen Bibel“. Ich halte dies für eine sehr sinnvolle Bezeichnung; sie hilft uns auf jeden Fall, das hässliche kleine Wort „alt“ zu vermeiden, das heute so einen negativen Klang hat. In diesem Buch werde ich meistens die Bezeichnung „Altes Testament“ benutzen, da sie in unseren Bibeln und unserer Alltagssprache üblich ist, aber hin und wieder werde ich, gleichsam zur Erinnerung, auch „die Hebräische Bibel“ sagen.

Verschiedene Textgruppen im Alten Testament

Wir kommen jetzt zu einem etwas kniffligen Thema, denn wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir, dass das Kommen von Jesus Christus (und nach ihm das des Neuen Testaments) auf verschiedene Teile des Alten Testaments unterschiedliche Auswirkungen gehabt hat. Die Erfüllung in Jesus hat nicht für alles im Alten Testament die gleichen Folgen. Wir können hier im Alten Testament mindestens sechs Gruppen von Texten unterscheiden.

1. Da gibt es zunächst die direkten Messias-Prophezeiungen. Über diese Verse können wir schlicht sagen, dass sie durch Jesus erfüllt worden sind und uns helfen, zu verstehen, wer Jesus ist. Hier nur zwei Beispiele: Micha 5,1 und Sacharja 9,9. Diese Texte sollten den Zeitgenossen von Jesus helfen, ihn als den Messias zu erkennen, anzuerkennen und zu verstehen. Für uns Heutige beleuchten sie, wer Jesus ist. Und umgekehrt hilft uns die Geschichte von Jesus im Neuen Testament, diese Prophezeiungen besser in ihrem alttestamentlichen Kontext zu verstehen. Nicht alle von ihnen sind eindeutig. Das bekannteste Beispiel für einen Text, der eindeutig prophetisch, aber schwierig zu verstehen ist, ist Jesaja 53 (genauer: Jesaja 52,13–53,12).

2. In einer zweiten Kategorie finden wir Texte, die unerwartet messianischen Sinn gewonnen haben; ihre israelitischen Verfasser hatten nie mit dergleichen gerechnet. Der Text sieht nicht messianisch aus, aber er ist messianisch. Ein Beispiel ist Psalm 22,2: „Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?“ Diese Worte stammen von David (vgl. die Psalmüberschrift) und waren ursprünglich eine Reaktion auf eine notvolle Situation in seinem Leben: Er wurde von Feinden verfolgt und fühlte sich so elend, als ob sogar Gott ihn verlassen hatte. Nichts in seinen Verzweiflungsschreien schien prophetisch zu sein – bis Jesus von Nazareth diese Worte am Kreuz ausrief. Jesus befand sich in einer ganz ähnlichen Situation wie einst David, nur dass für ihn diese Worte sozusagen noch wahrer waren. Was Jesus am Kreuz durchmachte, war noch grausamer als das, was David erlebte. David fühlte sich mutterseelenallein; unser Herr Jesus war am Kreuz wirklich von seinem Vater verlassen.

Im 19. Vers von Psalm 22 heißt es: „Sie teilen meine Kleider unter sich auf und würfeln um mein Gewand.“ Niemand, der David diese Worte singen hörte, und auch kein Israelit, der sie später sang, konnte vorhersehen, dass auch sie etwas beschreiben, was der Messias erleben würde. Aber mit Jesus ist genau dies passiert. Er hat diese Worte damals nicht selbst gesprochen, aber die ersten Christen erkannten den engen Bezug zwischen dem, was da am Karfreitag geschehen war, und den Worten Davids. Es fällt auf, dass alle vier Evangelisten, die ja in ihren Berichten oft verschiedene Schwerpunkte setzen, in den Passionsberichten diese Worte über Jesus zitieren (Matthäus 27,35; Markus 15,24; Lukas 23,34; Johannes 19,24). Doch allein Johannes sagt explizit, dass hier eine alttestamentliche Schriftstelle erfüllt wird; er kommentiert: „So sollte sich erfüllen, was in der Schrift vorausgesagt war … Genau das taten die Soldaten“ (Johannes 19,24 NGÜ).

3. Eine dritte Gruppe von Texten im Alten Testament besteht aus Geboten und Regeln, die für uns Christen heute noch Gültigkeit haben. Wir können hier zum Beispiel an die Zehn Gebote in 2. Mose 20 bzw. 5. Mose 5 denken. Das Volk Israel durfte keine Götzen haben, nicht stehlen, nicht Ehebruch begehen oder einem Mitmenschen seinen Besitz neiden, und dies gilt auch für die Christen. Für diese Kategorie von Texten hat das Kommen von Christus nicht viel geändert.

Hier ein konkretes Beispiel: Gott ist gegen die Ehescheidung. Man kann lang und breit darüber diskutieren, ob es nicht Ausnahmen vom Scheidungsverbot gibt, und zum Beispiel fragen, wann eine Scheidung möglicherweise das kleinere Übel ist. Solche Fragen haben sicher ihren Platz, aber das Grundprinzip bleibt unverändert: Gott hasst die Scheidung (vgl. auch Maleachi 2,16), gerade so wie er Götzendienst, Diebstahl usw. hasst.

4. Eine vierte Kategorie alttestamentlicher Texte sind solche, die Gebote und Vorschriften enthalten, die für uns, die wir unter dem Neuen Bund leben, nicht mehr so gelten wie damals für Israel. Es gibt zahlreiche Regeln und Gebote, die speziell zum Alten Bund gehören und seit dem Erlösungswerk von Jesus einen anderen Status bekommen haben. Beispiele sind die Opfervorschriften, die Gesetze über reine und unreine Tiere usw. Diese Entwicklung ist im Alten Testament selbst natürlich noch nicht sichtbar; man erkennt sie erst sozusagen im Rückblick – im Lichte dessen, was Jesus getan hat, und der Ausführungen von Paulus und anderen neutestamentlichen Verfassern. Im Verlauf der Kirchengeschichte wurden diese Themen oft diskutiert, und wir können aus diesen Diskussionen viel lernen.

Doch dass viele der Gesetzesvorschriften im 2. bis 5. Buch Mose für uns keine Gebote mehr sind, bedeutet nicht, dass sie für uns überhaupt keine Bedeutung mehr haben. Auch wenn wir sie als Christen nicht mehr im Wortsinn befolgen müssen, können wir doch aus ihnen Nutzen ziehen. In vielen dieser Regeln kommen moralische Prinzipien zum Ausdruck, die in einem allgemeinen Sinne nach wie vor gültig sind – zum Beispiel die Heiligkeit Gottes. Doch dieses Thema wollen wir in diesem Buch nicht vertiefen.5

Wo genau die Trennlinie zwischen den Texten der dritten und der vierten Kategorie – also zwischen den auch für Christen gültigen Geboten und Regeln und den „abgeschafften“ Vorschriften – verläuft, ist in der christlichen Kirche und zwischen den verschiedenen Denominationen vielfach umstritten. Jeder, der sich etwas mit den unterschiedlichen Strömungen in der Christenheit auskennt, weiß, dass es unterschiedliche Antworten auf die Frage gibt, welche Gebote und Regeln auch für Christen gelten und welche nicht. Manche Christen glauben z. B., dass Frauen keine Hosen tragen dürfen, und berufen sich dabei auf 5. Mose 22,5; andere finden, dass diese Regel für Christen nicht mehr gilt. Ein anderes Reizthema ist die Sabbatheiligung, die wir kurz in den Zehn Geboten finden (2. Mose 20,8-11; 5. Mose 5,12-15) und ausführlicher in 2. Mose 31,12-17. Manche Christen nehmen dieses Gebot wörtlich und begehen wie die Juden den Sabbat (Samstag) und nicht den Sonntag als wöchentlichen Ruhetag. Andere feiern den Sonntag als „Tag des Herrn“, versuchen aber, ihn wegen der entsprechenden Vorschriften im Alten Testament so arbeitsfrei wie möglich zu halten. Wieder andere gehen lockerer mit dem Sabbatgebot um und verhalten sich am Sonntag nicht viel anders als ein Nichtchrist.

5. Das Alte Testament enthält weiter zahlreiche Porträts der verschiedensten Menschen – Personen, die mit Gott gehen, und solche, die ihm den Rücken zukehren, Männer wie Frauen. Es ist offensichtlich, dass wir heute, mehrere Tausend Jahre später, aus diesen Porträts und Geschichten von Leuten, die ja Menschen waren wie wir, oft viel lernen können. Die biblischen Geschichten aus dem Alten Testament faszinieren seit eh und je, und Kinderkirche und Sonntagsschule haben viel zu ihrer Verbreitung beigetragen.

6. In diesem Buch werde ich mich auf eine sechste Kategorie von alttestamentlichen Texten konzentrieren. In diesen Passagen geht es weder um Gesetze und Vorschriften noch um messianische Prophetien, und die meisten sind auch keine Erzählungen oder Berichte. Der Status dieser ziemlich zahlreichen Texte wurde durch das Kommen von Jesus kaum verändert. Fast könnte man sagen, dass sie zeitlos sind. Im Zeitalter des Christentums sprechen sie (fast) genauso zu uns wie in der Zeit des Alten Bundes, bevor Christus kam. Zwei Beispiele sind die alttestamentlichen Texte über die Schöpfung und die Texte über die menschliche Sexualität. Diese Texte verschwinden aus unserem Blick, wenn wir das Alte Testament nur christozentrisch lesen, also aus der Perspektive dessen, was es uns über Jesus Christus sagt. In den folgenden Kapiteln werde ich dieses Material vorstellen, und zwar nach Themen geordnet – Themen, bei denen das Alte Testament auch uns heute direkt anspricht.

Mehrwert

Ich bin keineswegs der erste Autor, der die These aufgestellt hat, dass gewisse Teile des Alten Testaments für den Christen mehr oder weniger die gleiche Bedeutung haben wie für die Menschen vor Christus; anders ausgedrückt: Ich bin nicht der Einzige, der glaubt, dass es im Alten Testament eine „6. Kategorie“ von Texten gibt.

Im letzten Jahrhundert waren es vor allem zwei niederländische Theologen, die dies thematisierten: Arnold Albert van Ruler und Kornelis Heiko Miskotte. Der jüdische Philosoph Martin Buber soll gesagt haben, dass für Jesus die Hebräische Bibel weder alt noch ein Testament war. Van Ruler folgte mehr oder weniger Bubers Linie und hatte große Probleme mit der Bezeichnung „Altes Testament“. Als junger Pastor ging er so weit, dass er das Alte Testament „die eigentliche Bibel“ nannte und das Neue Testament lediglich einen „Anhang mit Worterklärungen“.6

Wir sollten diese provokative Aussage nicht unbesehen verwerfen. Ich kann van Ruler sicher nicht in allem zustimmen, aber sein Ansatz hat mir und vielen anderen geholfen, die richtige Perspektive zu finden. Das Alte Testament ist mehr als eine Sammlung von Prophezeiungen über Jesus Christus.

Einige Jahre nach van Ruler schrieb Miskotte, dass das Alte Testament die eigentliche Bibel sei, und in einem späteren Buch benutzte er einen Ausdruck, der in der englischen Übersetzung mit „surplus“ und in der deutschen mit „Überschuss“ wiedergegeben wird.7