Beschreibung

Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, Machtspiele und Intrigen, Liebe und Hass, Pluralität und Verunsicherung - die geniale Serie "Game of Thrones" hält unserer Gesellschaft einen Spiegel vor. Was uns der Klimawandel, ist für Westeros der Winter und die Bedrohung aus dem ewigen Eis. Der Theologe Thorsten Dietz, selbst begeisterter "Game of Thrones"-Fan, nimmt uns in diesem Buch mit auf die Reise durch die Religionen und Gottesbilder von Westeros. Dabei wird klar, dass die kluge Darstellung der Religion in "Game of Thrones" verstehen hilft, warum immer mehr Menschen sich von tradierten Glaubensformen abwenden, aber gleichzeitig die Sehnsucht nach Zugehörigkeit wächst. Und dass sich auch in Westeros genau wie im wahren Leben letztlich alles um die Frage dreht: "Gibt es einen Gott und kann er mir in dunklen Zeiten helfen?"

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 255

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

1. Götterdämmerung

Religiöse Konflikte – Im Spiegel von Game of Thrones

„Der Winter naht“

A Dream of Spring?

Zum Aufbau des Buches: Eine religiöse Reise

2. Die alten Götter

„Deine Götter machen all die Regeln“

Brans Reise

Frühe Religion

Die Gottoffenheit der Welt

3. Die neuen Götter

Der siebeneinige Gott

Wozu gibt es Götter?

Die neuen Götter – und das Christentum

Wie entsteht Glaube?

4. Totale Religion

Sehnsucht nach Ganzheit

Fanatismus

Die neue Gretchenfrage: Ist Religion gefährlich?

Religionen und ihre REFORM

5. Dualistische Religion

„Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken“

„Also sprach Zarathustra“

Gnosis und Charisma

Game of Thrones und der moderne Fundamentalismus

6. Zweifel – und neue Routen des Glaubens

Die Maester und die wissenschaftliche Kritik der Religion

Vielfalt und Geschichtlichkeit der Religionen

Die unmenschlichen Folgen der Religion

Das Problem der Theodizeefrage

Neue Routen des Glaubens

7. „Was tot ist, kann niemals sterben“

Jenseits der Mauer

„Ein Mädchen ist Niemand“

Was antworten wir dem Tod? Nicht heute!

Leben nach dem Tod?

8. „Ein Lennister begleicht stets seine Schulden“

Eine Frage der Ehre

Das humanistische Credo

„Was man nicht für die Liebe tut“

Das letzte Wort

9. Politische Religion

Glaube

Die Sprengerin der Ketten

Träume und Albträume der Revolution

Demokratie – eine christliche Lerngeschichte

10. Die neue Heldenreise

Der ungläubige Messias

„Krüppel, Bastarde und Zerbrochenes“

Hier sind Drachen

„Vielleicht kann ich ihn ja finden“

Anmerkungen

VORWORT

Gott und Game of Thrones – das ist keine selbstverständliche Kombination. Man kann sehr gut Fan dieser Serie sein, ohne sich für religiöse Fragen zu interessieren, oder an Gott glauben und von diesem Fantasy-Format keine besonderen Anregungen erwarten. Oder man gönnt sich einen Moment des Staunens darüber, dass die weltweit erfolgreichste Serie der 2010er-Jahre nicht nur ein Actionspektakel war, sondern eine Welt voller Götter, Priesterinnen und Glaubensfragen. Und man kommt auf die Idee: Lässt sich da nicht ein Brückenschlag versuchen zwischen den Religionen dieser Serie und der Gottesfrage unserer Welt? So habe ich es gemacht.

Dieses Buch ist für alle dazwischen. Für die Ungläubigen, die Sehnsucht nach Glauben kennen. Und für die Glaubenden, die ihren Glauben nicht als sicheren Besitz betrachten. Für die Wanderer zwischen den Welten, die mehr als eine Heimat haben und darum manchmal keine. Für alle, denen ihr Glaube zerbröselt und die doch nicht leben wollen ohne das, was er ihnen einmal an Kraft und Wärme gegeben hat. Und für diejenigen, denen Glaube unvertraut ist – und zunehmend faszinierend wird. Und natürlich auch für alle, die sich in keiner dieser Formulierungen wiederfinden; aber verstehen möchten, wie sich das Leben im Zwischenraum anfühlt. Für all diese kann Game of Thrones eine höchst anregende Welt sein. Und dieses Buch ein Reiseführer, der zweierlei bietet: a) Hintergrundinformationen zur Geschichte der Religionen, die in Game of Thrones verarbeitet sind; wer mehr weiß, sieht mehr. Und b) Anregungen und Warnungen für die Gestaltung der eigenen Reiseroute.

Auf meiner Reise zu diesem Buch war ich nicht allein. Die letzten Staffeln habe ich zusammen mit meiner Tochter Miriam geguckt. Sie war auch die Erstleserin vieler Kapitel. Für Ermutigung und Rat, Korrektur wie Inspiration danke ich weiter: Anne-Maria Apelt, Simon Baumgärtner, Michael vom Ende, Tobias Faix, Tobias Kunze, Jan Müller und Manuel Schmid.

1. GÖTTERDÄMMERUNG

RELIGIÖSE KONFLIKTE – IM SPIEGEL VON GAME OF THRONES

Die Religion ist zurück. So heißt es im 21. Jahrhundert vielfach. Eigentlich galt ihr allmähliches Verblassen als ausgemacht. Aber davon kann keine Rede sein. Religion ist wieder sichtbar. Nicht zuletzt: religiöse Konflikte. Konflikte zwischen unterschiedlichen Religionsgemeinschaften. Auseinandersetzungen zwischen Religiösen und Säkularen. Vielleicht am stärksten: Konflikte innerhalb religiöser Gemeinschaften. Zwischen Reformern und Traditionalisten, Konservativen und Liberalen, Rechten und Linken. Konflikte um die Rolle der Religion in der Politik. Über ihr Verhältnis zur modernen Wissenschaft. Ihre Bedeutung für eine heutige Sozial- und Sexualethik oder das Verhältnis von Mann und Frau.

Wir erleben eine Götterdämmerung. Und es ist unklar, ob es eine Morgen- oder Abenddämmerung ist. Ob die religiösen Konflikte nur Begleiterscheinungen dessen sind, dass sich Glaube lebendiger als je zuvor erweist; oder ob die Religionen im Zuge ihres eigenen Niedergangs aggressiver und dadurch sichtbarer als früher auftreten.

Religiöse Konflikte spiegeln sich auch in den Medien. Was Religion ist bzw. sein kann, ist für immer mehr Menschen nicht etwas, was sie an ihren eigenen Erfahrungen mit gläubigen Freunden oder ihrer Ortsgemeinde festmachen. Immer weniger prägt die eigene gläubige Großmutter die Vorstellungen von Religion, sondern: ihr öffentliches Bild in den Medien. Daher ist die Frage wesentlich: Welches Bild von Religion wird heute in den bekanntesten Serien und Filmen unserer Zeit vermittelt?

Religiöse Konflikte werden sichtbar – das gilt für kaum ein Epos so sehr wie für Game of Thrones, eine der erfolgreichsten Geschichten des 21. Jahrhunderts. Die Buchreihe Das Lied von Eis und Feuer umfasst jetzt schon ca. 6000 Seiten; zwei weitere lange Bände sind zumindest angekündigt. Die Fernsehserie Game of Thrones ist im Jahr 2019 mit der achten und letzten Staffel zu ihrem Abschluss gekommen.

Bei Game of Thrones ist nicht nur – wie bei Fantasy üblich – das Übernatürliche natürlich. Es gibt Drachen und Untote, es wird durch Magie getötet und von den Toten auferweckt. Diese Welt verfügt auch über eine höchst komplexe Religionsgeschichte. Bei aller Bewunderung für Tolkiens Der Herr der Ringe war George R. R. Martin unzufrieden, wie in diesem Klassiker Religion vorkommt. Klar, Der Herr der Ringe ist zutiefst geprägt von der christlichen Ideenwelt ihres Autors. Aber es gibt keine Kirchen und Kulte, Priester und heilige Schriften. Es gibt keine explizite Religion in Mittelerde. Aber in allen bekannten Kulturen sind Religionen ein zentraler Bestandteil der sozialen Realität. Doch im Auenland oder in Gondor (oder auch in Narnia, bei Harry Potter usw.) ist davon nichts zu bemerken.

In der Welt von Game of Thrones glauben die Menschen – an alte und neue Götter. Es gibt exotische und befremdliche Glaubensgemeinschaften. Aus religiösen Gründen wird getötet und geheilt, verflucht und gesegnet. Religiöse Konflikte führen zu Krieg und Zerstörung. Religiöse Ideen schenken Trost und Hoffnung. Aus Glauben kämpfen Menschen für das Leben und für den Tod, für andere Menschen und gegen sie. Es wird gezweifelt und verzweifelt. Glaube zerbricht und blüht auf. Es geht auch um vieles andere als Religion: um Macht, um Liebe, Vergeltung und Versöhnung. Aber ohne die verschiedenen Religionsformen und ihren Einfluss auf die Handlung wäre die große Geschichte von Game of Thrones unvorstellbar.

Dass das Übernatürliche natürlich ist, heißt längst nicht, dass der Glaube an Götter selbstverständlich ist. Machen wir uns das an einem Beispiel klar: In der siebten Staffel kommt es zu einem Gespräch zwischen einer Figur namens Sandor Clegane, Krieger, Mörder, Einzelgänger; und Beric Dondarrion, Mitglied einer religiösen Gemeinschaft. Beric war bereits sechsmal tot und wurde vom Priester seiner Gruppe jeweils wieder auferweckt. Sandor hat das selbst erlebt, als er Beric einmal getötet hatte.

Sandor: „Warum holt dich der Herr des Lichts immer wieder zurück? Ich kannte bessere Männer als dich. Und sie wurden an Querbalken aufgehängt oder geköpft oder haben sich einfach auf einer Wiese totgeschissen. Keiner kam je zurück. Wieso also du?“

Beric: „Denkst du, dass hätte ich mich nie gefragt? Wieder und wieder jeden Tag? Warum bin ich hier? Was ist meine Bestimmung? Was sieht der Herr in mir?“

Sandor: „Und?“

Beric: „Ich weiß es nicht. Und ich verstehe unseren Herrn nicht.“

Sandor: „Deinen Herrn.“

Beric: „Ich weiß nicht, was er von mir will. Ich weiß nur, dass er – er will, dass ich lebe.“

Sandor: „Wenn er ach so allmächtig ist, warum sagt er dir verdammt noch mal nicht, was er will?“ (07/01, 43,13 ff.)1

Menschen ringen mit ihrem Glauben. Auch Wunder helfen nicht wirklich. Was bedeuten sie? Sind sie ein Zeichen, ein Hinweis? Wofür? Aber es ist noch nicht zu Ende. Der anwesende Priester Thoros von Myr ruft Sandor zur offenen Feuerstelle.

Sandor: „Was willst du?“

Thoros: „Sieh in die Flammen!“

Sandor: „Ich will nicht in die verdammten Flammen sehen!“

Thoros: „Du hast mich ihn zurückholen sehen, nachdem du ihn erschlagen hast. Willst du nicht wissen, was mir die Macht dazu gab?“

Sandor: „Das frage ich ständig und keiner will es mir sagen.“

Thoros: „Wir können es nicht. Nur das Feuer kann es dir sagen. Was siehst du?“

Sandor: „Brennende Scheite.“

Thoros: „Sieh genau hin. Was siehst du?“

Und dann sieht Sandor. Dinge, die geschehen sind. Dinge, die geschehen werden. Große Gefahr ist im Anmarsch. Und er weiß nicht, warum ihm das geschieht. Aber er sieht es. Und das verändert sein Leben.

Thoros: „Glaubst du mir jetzt, Clegane? Glaubst du, wir sind nicht ohne Grund hier?“ (07/01, 44,45 ff.)

Aber noch so große Wundererfahrungen ersetzen nicht eine eigene Stellungnahme. Menschen ringen mit Gott. Mit seiner Realität – oder mit seiner Gerechtigkeit. Sie fragen nach dem Sinn der eigenen Existenz; und dem, wofür sie sich in dieser Welt einsetzen sollen. Menschen zweifeln, sie verlieren ihren Glauben, fluchen und verstummen. Und auf einmal entdecken sie einen neuen Zugang zu seinen Geheimnissen.

Die Welt von Westeros hält uns einen Spiegel vor. Und dieser Spiegel ist gleichsam fern und nah. Zunächst ist es ein ferner Spiegel. Die Handlung spielt in einer verzauberten Welt. Anscheinend werden weitgehend vormoderne Gestalten der Religion beschrieben. Überhaupt ist der Stoff tief von Anknüpfungen an unsere Vergangenheit durchtränkt. Die Grundidee ist schlicht und klassisch. In einer Fantasy-Welt kämpfen verschiedene Herrscherhäuser um einen Eisernen Thron, der die Macht über alle Königslande symbolisiert. Wesentliche Züge der Handlung lassen sich in der Zeit der englischen Rosenkriege des 15. Jahrhunderts wiederfinden.2 Wie damals die Yorks und die Lancasters um die Macht rangen, so sind es hier die Starks und die Lennisters. Überhaupt macht die Handlung viele Anleihen am Mittelalter. Der kleinwüchsige Tyrion Lennister erinnert an Shakespeares Richard III.3 In den Männern der Eiseninseln, deren ganze Kultur auf Raubzüge und Plünderungen ausgerichtet ist, spiegelt sich die frühmittelalterliche Bedrohung Europas durch die Wikinger.

Dieser ferne Spiegel ist zugleich auch ein naher. Denn die Serie setzt den religiösen Kosmos ihrer Welt zugleich modernen Zweifeln aus. Trotz der überall gegenwärtigen Religiosität ist nicht zu übersehen: Die Helden beten nicht. Die meisten hadern mit der Religion oder sie verachten sie gänzlich. Aber einige brechen doch zu ihrer ganz persönlichen religiösen Reise auf.

Kein Spiegel zeigt einfach die Wirklichkeit. Die jeweilige Perspektive, der Lichteinfall, die Umgebung etc. haben großen Einfluss auf das, was zu sehen ist. Und doch zeigt ein Spiegel etwas, was wir ohne ihn nicht im Blick haben.

Heute fällt es vielen sehr schwer, sich über ihre religiösen Überzeugungen oder Zweifel überhaupt klar zu werden. Noch mehr: über sie zu reden. Für viele moderne Zeitgenossen sind gläubige oder gar strenggläubige Menschen kaum zu ertragen. Sie können nicht nachvollziehen, wie man heute noch gläubig sein kann. Es befremdet sie. Ich kann mich selbst sehr gut an dieses Gefühl erinnern. Wie kann man nur an religiösen Märchen, lebensfeindlichen Geboten und kindischen Hoffnungen festhalten? Gläubigen dagegen fällt es oft auch nicht viel leichter, sich in die Welt von Agnostikern, Atheisten oder gar in die Welt Andersgläubiger hineinzuversetzen. Ein fremder Spiegel – fern und nah – kann helfen, überhaupt verschiedene Sichtweisen auf religiöse Fragen ertragen zu lernen. Game of Thrones führt uns mitten hinein.

„DER WINTER NAHT“

„Der Winter naht“ – so lautet ein Mottospruch des Hauses Stark in Westeros. Gilt dieses Wort vielleicht auch für die Religionen dieser Welt? Ein religionskritischer Grundzug der Darstellung von Religion in Game of Thrones ist kaum zu übersehen. Der Autor der Bücher George R. R. Martin kann sich bisweilen sehr kritisch zu seinen Erfahrungen mit Religion äußern. In einem Gespräch erzählt er:

„Ich wurde katholisch erzogen, aber glaubte nie wirklich daran. Während meiner Collegezeit hörte ich auf, in die Kirche zu gehen. Wir sollen uns an diese Gesetze halten, nur weil ein unsichtbarer Typ in einem sichtbaren Himmel das gesagt hat? Ich verstehe das nicht. Wie kann ein intelligenter Mensch nur an so etwas glauben?“4

Martin erinnert sich weiter daran, wie das Zweite Vatikanische Konzil der katholischen Kirche während seiner Jugend eine Reihe von Regelungen änderte. Er war mit der Erziehung groß geworden, dass Fleischgenuss am Freitag verboten sei und gebeichtet werden müsse, wenn man nicht in die Hölle kommen wolle. Auf einmal wurde dieses Gesetz nicht mehr so eng gesehen. Aber wie will man dann die ganzen Regeln der Kirche ernst nehmen, wenn man sieht, wie sich solche Vorstellungen im Laufe der Zeit ändern können?

Manchmal klingt seine Einschätzung von Religion auch sehr viel differenzierter: „Ich schätze, ich bin ein abgefallener Katholik. Sie würden mich für einen Atheisten oder einen Agnostiker halten. Ich finde Religion und Spiritualität faszinierend. Ich würde gerne glauben, dass dies nicht das Ende ist und dass es irgendetwas mehr gibt. Aber ich kann den rationalen Anteil in mir nicht davon überzeugen, dass dies irgendeinen Sinn ergibt.“5

Die Abbildung von Religion in Game of Thrones ist weit davon entfernt, eine bloße Abrechnung zu sein. Offensichtlich hat sich Martin intensiv mit der historischen Entwicklung der Religion beschäftigt und entwirft für seine Welt ein religionswissenschaftlich geschultes Panorama von Glaubensweisen. Die Art, wie die Geschichte der Religionen in Game of Thrones konzipiert ist, erinnert an die moderne Standarderzählung zur Geschichte der Religion: die Theorie zunehmender Säkularisierung der Welt. Einst war die menschliche Welt durch und durch religiös geprägt. Aber im Zeitalter von Wissenschaft und Aufklärung verlässt die Menschheit zunehmend ihre religiöse Phase. Natürlich ist das eine grobe Vereinfachung, Theorien der Säkularisierung gibt es in einer Vielzahl von Varianten. Aber mir geht es um diesen Grundzug, der sich vielfach finden lässt; auch in Game of Thrones.

Nehmen wir zur Verdeutlichung Maß an einer heute populären Gestalt solcher Betrachtung der Religion: die Bücher des israelischen Historikers Yuval Noah Harari. In seinen Veröffentlichungen hat Harari einen viel bewunderten Überblick über die Geschichte der Menschheit gegeben, inklusive eines Ausblicks auf Megatrends der Zukunft und aktuelle Lehren für die Gegenwart.6 Hararis Blick auf die Bedeutung der Religion ist in vielerlei Hinsicht repräsentativ für eine humanistische Skepsis gegenüber den Religionen. Führen wir uns Hararis Schema aus seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit in vier Schritten vor Augen:

Phase 1: Kognitive Revolution

Vor ca. 70 000 bis 100 000 Jahren macht die frühe Menschheit einen Entwicklungssprung. Eine Reihe von Befunden (wie die Herstellung von Kunst, Verfeinerung von Werkzeug, Grabbeigaben, Ausbreitung über die ganze Erde) bezeugt das Erreichen einer neuen Stufe. Die plausibelste Erklärung ist nach wie vor: Die Menschheit durchläuft eine kognitive Revolution. Der Gebrauch von Sprache bzw. der Erwerb von Symbolbewusstsein im weiteren Sinne hebt die frühen Menschen deutlicher als je zuvor von allen anderen Lebewesen ab.

Viele Befunde weisen darauf hin, dass auch die Anfänge der Religion in diese Zeit gehören. Religionen sind alt. Uralt. Sehr viel älter als die Schrift. Oder als das Rad. Religiöse Vorstellungen umgeben uns viel länger als Häuser. Wir bewegen uns in ihren Bahnen sehr viel länger, als es Straßen gibt. Menschen sind religiös, lange bevor es Staaten gibt oder Grenzen. Religion ist älter als Geld. Älter als Schulen, Schiffe oder Schokolade.

Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte ist Religion selbstverständlich. In den religiösen Kulten der Frühzeit haben Menschen ein vereinigendes Band gefunden. Religiöse Praxis stiftet Gemeinschaft. Sie bettet Einzelne in etwas Größeres ein. Menschen sind keine einsamen Wölfe. Nur in starken Gemeinschaften hatten sie eine Chance zu überleben.

Phase 2: Landwirtschaftliche Revolution

Vor ca. 12 000 Jahren beginnt eine weitere kulturelle Revolution.7 Nach dem Ende der letzten Eiszeit werden Menschen mehr und mehr sesshaft. Sie leben nicht mehr nur als Jäger und Sammler. Sie betreiben Landwirtschaft, wohl erst zusätzlich, zunehmend grundlegend. Sie zähmen Tiere; und auch diese Haus- und Nutztiere verändern das Leben massiv. Menschliche Gruppen werden größer, Siedlungen entstehen, Handel dehnt sich aus.

Religion bleibt wesentlich – und verändert sich. Religion wächst in eine neue Rolle hinein: Legitimation von Ordnung. Den Religionen gelingt es, „gesellschaftliche Normen und politische Strukturen zu legitimieren“8. Grundlegend dafür ist der Gottesgedanke. Götter ordnen und gebieten, belohnen und strafen. Religionen erklären die Anfänge und die Bestimmung der Welt, sie bestimmen den Ort des Menschen im Kosmos, sind die Grundlage für allgemein anerkannte Werte und Normen und für die Ordnung der Gesellschaft insgesamt.

Phase 3: Wissenschaftliche Revolution

Vor 500 Jahren findet der letzte große Entwicklungssprung der Menschheit statt. Die Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik verändert die Welt mehr als alles je zuvor. Das gilt schon rein quantitativ. Um 1500 leben ca. 500 Millionen Menschen auf der Erde. In der Antike und im Mittelalter gab es ein verhältnismäßig geringes Wachstum der Menschheit. Demnächst leben 8 Milliarden Menschen auf der Erde. Industrialisierung, Verstädterung, Technik und Medizin haben die Gesellschaft verwandelt wie nichts zuvor.

Am Anfang stand eine neue Bereitschaft, sich die eigene Unwissenheit einzugestehen. Viele überkommene Annahmen über die Welt wurden infrage gestellt. Beobachtungen, Experimente und mathematische Berechnung zählten mehr als Tradition und heilige Texte. Der Wert von Wissen war nicht mehr von seiner Quelle abhängig, sondern davon, dass das Wissen einsichtig und nützlich ist.

Für die Religionsgeschichte bedeutet die wissenschaftliche Revolution einen ungeheuren Einschnitt. Ging man früher davon aus, dass die heiligen Texte der Religionen alles Wissen enthalten, das wirklich wesentlich ist, so gilt nun zunehmend: Sehr viel Wichtiges steht nicht geschrieben. Und: Vieles, was geschrieben steht, ist zweifelhaft oder ungewiss.

Phase 4: Die humanistische Revolution

Die Geschichte der letzten 500 Jahre ist natürlich ungeheuer komplex.9 Weltanschauungen wie der monarchische Absolutismus, die imperialistischen Nationalismen, Nationalsozialismus, der russische Kommunismus oder der chinesische Maoismus kommen und gehen. Gleichwohl lässt sich eine Weltanschauung benennen, die sich in dieser Epoche zunehmend erfolgreich verbreitet: ein liberaler Humanismus, der in Renaissance und Humanismus seine Wurzeln und in der Aufklärung sein erstes Reifestadium erlangt und sich in der modernen Demokratie mit ihren Menschenrechten durchsetzt. Im liberalen Humanismus der Gegenwart ist nicht mehr irgendein Gott, sondern der Mensch heilig.10 Das Streben nach Glück, die Vermeidung bzw. Beseitigung von Leid und Schmerz gelten nun als höchste Ziele des Lebens, auf die sich ein großer Teil der Menschheit einigen kann.

Die klassischen Religionen verschwinden nicht einfach. Vielen Menschen sind sie heute noch wichtig genug, um an ihnen festzuhalten. Nur: Nach Harari leisten sie keinen Beitrag mehr zur weiteren Entwicklung der Menschheit. Heutigen Herausforderungen stehen die Religionen in der Regel ohne Antwort gegenüber. Was sie bieten, sind Geschichten, mit denen Menschen sich identifizieren können. Sie geben Menschen bis heute sinnstiftende Orientierung und Zugehörigkeit vermittelnde Gemeinschaften.

Was Harari in seinen Büchern zusammenstellt, dürfte bei Weitem die Mehrheitsüberzeugung in westlichen Gesellschaften treffen. Eine solche Geschichte kann man auch in Game of Thrones erzählt finden: Der Glaube an die alten Götter ist auf dem Rückzug. Nur noch hoch im Norden gibt es die alten Heiligtümer. Viel besser sieht es bei den neuen Göttern auch nicht aus. Auch auf der Ebene der wichtigsten Figuren lässt sich das beobachten. Die meisten haben von Anfang an nur schwache oder keine religiösen Bindungen. Allein die junge Sansa Stark wird uns als ein Mädchen vorgestellt, das wie selbstverständlich glaubt und betet. Auf ihrem weiteren Reifungsweg bekommt sie Gründe genug, jeder kindlichen Naivität zu entsagen. Säkularisierung findet statt. Die Götter und ihre Kulte verlieren an Bindungsmacht. Je selbstbewusster und eigenständiger Figuren ihren Weg gehen, desto weniger spielen religiöse Bindungen dabei eine Rolle.

Martin nennt sich zwar einen abgefallenen Katholiken, hat aber ein durchaus differenziertes Verhältnis zur Religion, wie in einer Reihe von Interviews deutlich wird.11 Denn zugleich enthält Game of Thrones andere, sehr interessante Nebentöne:

1. Religion ist für die menschliche Geschichte wesentlich. Religionen haben unsere Gesellschaft geprägt, unser Selbstverständnis, unsere Werte. Religion ist für die Menschheit so wesentlich wie Kunst, Sexualität, Krieg oder die Entwicklung der Wissenschaften. Diese Bereiche sind da, man kann sich ihnen persönlich entziehen, aber man kann sich keine Gesellschaft vorstellen, in der diese Lebenssphären gar nicht existieren. In der bisherigen Menschheitsgeschichte gilt das auch für die Religion.

2. Religion ist gefährlich. Religion motiviert Menschen, sich von anderen abzugrenzen, sie auszugrenzen oder zu hassen. Immer wieder haben Menschen andere Menschen getötet, weil sie glaubten, ein unsichtbarer Gott verlange das von ihnen oder billige es zumindest. Immer wieder hat Religion gefährliche Konsequenzen nach sich gezogen.

3. Religion ist faszinierend. Ihre Götter begegnen uns in fantastischer Vielfalt. Sie fordert uns durch ihre existenziellen Fragen heraus. Ihre Erzählungen handeln von Kraft und großen Machttaten. Und mehr: Sie handeln von Erlösung. Wir Menschen erfahren uns immer wieder in Schuld und Scheitern verstrickt. Erlösungsbedürftig. Und wir können diese Fragen nach Vergebung und Versöhnung nicht abschütteln.12

A DREAM OF SPRING?

Der letzte geplante Teil der Romanreihe Das Lied von Eis und Feuer wird den Titel A Dream of Spring tragen. Könnte man auch die Zukunftsaussichten des Glaubens unter das Motto eines „Frühlingstraums“ stellen?

Manche Gläubige sind nach wie vor davon überzeugt, die besseren Argumente für die Wahrheit ihres Glaubens auf ihrer Seite zu haben. Sie halten ihren Glauben für rational gut begründet. Religionskritische Betrachtungen wie gerade referiert halten sie für unbegründet und stellen dem Apologetik, die Verteidigung ihres Glaubens, entgegen. Apologetische Bücher verkaufen sich heute gut. Aber wie erfolgreich sind solche Ansätze?

Als sein Enkel und Möchtegernkönig Joffrey glaubt, seine Autorität als König eigens herausstellen zu müssen, weist sein Großvater Tywin Lennister ihn zurecht: „Ein König, der sagen muss: ‚Ich bin der König‘, ist kein richtiger König.“ (03/10, 7,25 ff.) Ich denke, so ist es auch in der religiösen Welt. Je mehr eine Religion der Apologetik bedarf, desto schwieriger ist ihre Lage. Dann hat sie das Charisma gewinnender Überzeugungskraft bereits verloren. Ohne eine gewisse Aura der Selbstverständlichkeit ist es schwer, gelassen zu glauben. Wenn es erst mal heißen muss: Das muss man aber glauben! Und dieses auch! Wenn du jenes nicht glaubst, dann gehörst du nicht mehr dazu! Dann ist es im Grunde schon zu spät. Auf diesem Wege ist nichts mehr zu retten und vieles zu verschlimmern.

Wer sieht, zeigt. Wer weiß, erklärt. Wer seiner Sache gewiss ist, sagt: Kommt und seht!13 Denn was eindeutig ist, leuchtet ein. Ganz offensichtlich funktioniert die christliche Apologetik der Gegenwart so nicht. Sie leuchtet in der Regel nur denen ein, die glauben oder glauben wollen.

Mehr denn je sollten gläubige Menschen genau hinhören, wo sie kritisiert werden, und die Vorwürfe erst einmal eine Zeit lang wirken lassen, bevor man sich an einer Widerlegung der Angriffe versucht. Kritik ist stets eine Form kostenloser Beratung, die man nicht gering schätzen sollte. Kritik hilft, Fehlentwicklungen in der eigenen Geschichte wahrzunehmen. Wer wirklich darauf vertraut, dass sein Leben in guten Händen ist, der vertraut auf seinen Gott – und nicht auf vermeintlich gute Argumente; die ja immer auf etwas anderes als auf Gott aufbauen, wenn sie den Glauben an ihn stützen sollen.

Natürlich kann und darf man sich in seinem Glauben auch Bestätigung wünschen und keine Verstärkung von Zweifeln. Nur: Eine solche Haltung kann nicht gleichzeitig darauf bestehen, als starker Glaube zu gelten. Gelassene Glaubensgewissheit hat keine Angst vor kritischen Fragen.

Im Judentum und im Christentum gibt es eine natürliche Affinität von Glauben und Religionskritik. Was ist die Bibel anderes als ein Buch voller Religionskritik? Die Schöpfungserzählung (Gen 1) entmythologisiert das Weltentstehungsbewusstsein der altorientalischen Religionen. Die Befreiung der hebräischen Sklaven aus Ägypten trotzt dem Sohn der Götter, dem Pharao (Ex 7–15). Die Propheten Israels kritisieren den Gottesdienst ihres Volkes im Namen des Gottes, der in der Fürsorge für die Armen und Fremden geehrt sein möchte (Jes 1; Am 3–6; Mi 2–6). Jesus von Nazareth streitet nicht mit den Zweiflern seiner Zeit, sondern mit den Schriftgelehrten (Mk 11–12). Religionskritik gehört zum Wesen des Glaubens. Gläubige, die ein gestörtes Verhältnis zur Religionskritik haben, sind in Gefahr. Im Grunde weiß das ja auch jeder. Viele Gläubige sind überzeugt, dass Religionskritik fast immer recht hat; nur nicht im Blick auf ihre eigene Religion.

Damit beziehe ich mich auf intelligente Religionskritik; nicht auf alles, was heute als Religionspolemik umgeht. Es gibt Formen der Glaubensschmähung, die mit ihren kritischen Argumenten gegen die Religion ihren Gegenstand schon im Ansatz verfehlen. Der sogenannte neue Atheismus des 21. Jahrhunderts war in vielerlei Hinsicht enttäuschend. Häufig wurde dort der Gottesglaube als eine Form der Welterklärung verstanden, die heute durch die Entdeckungen der Naturwissenschaften überholt ist. Eine solche naturalistische Weltsicht leidet an derselben Unfähigkeit, eigene Voraussetzungen zu hinterfragen, wie Formen des religiösen Fundamentalismus. Diese Erscheinungen können im Blick auf den Ursprung der Welt nur ein Entweder-Oder denken: Entweder die Bibel beschreibt die Welt, ihre Größe, die Beschaffenheit des Kosmos, die Entstehung des Menschengeschlechts auf irrtumslose Art und Weise; dann sind zentrale Erkenntnisse der Biologie, Geologie, Physik etc. falsch. Oder die Naturwissenschaften geben ein wahrheitsgemäßes Bild von den Ursprüngen unserer Erde und unserer Menschengeschichte; dann sind die Religionen offensichtlich märchenhafte Irrtümer.

Wer mit wissenschaftlichen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts glaubt, sich gegenüber religiösen Texten der Antike überlegen fühlen zu dürfen; oder umgekehrt: Wer meint, in jahrtausendealten Weltbeschreibungen heiliger Texte die Erkenntnisse moderner Wissenschaft vorweggenommen oder überboten sehen zu können, verfehlt letztlich, worum es in der Wissenschaft bzw. im Glauben eigentlich geht. Beide Positionen sind nicht in der Lage zu verstehen, was seit Langem der Konsens sowohl religiöser wie skeptischer Zeitgenossen ist: Es geht in religiösen Texten grundsätzlich nicht um die wissenschaftliche Beschreibung der Welt, sondern um Orientierungswissen bzw. um die Gottesbeziehung. Wo religiöse Texte sich auf die Welt oder die Geschichte beziehen, sind sie ganz selbstverständlich vom Weltwissen bestimmt, das zur Zeit ihrer Abfassung üblich war. Mit Hararis Sicht haben wir eine heute gängige Form der Religionsskepsis betrachtet, die darin klug genug ist: Sie versteht Religionen im Horizont ihrer geschichtlichen Entwicklung. Alles andere verfehlt seinen Gegenstand sofort. Seine kritische Betrachtung fragt nach der Leistung der Religion für die Zukunft; eine höchst legitime Frage.

Aber die grundsätzliche Logik einer solchen skeptischen Säkularisationstheorie ist keineswegs die einzig mögliche. Ich möchte dieser Skizze einen zweiten Deutungsrahmen gegenüberstellen, den ich geschichtlich viel erhellender finde. In seinem modernen Klassiker Ein säkulares Zeitalter zeichnet der katholische Sozialphilosoph Charles Taylor eine alternative Geschichte der Säkularisierung.14 Bei aller realistischen Einschätzung der Lage ist seine Diagnose eher einem „Dream of Spring“ verpflichtet. Taylor unterscheidet vor allem im Blick auf das Christentum folgende Phasen:

a) Die große Einbettung

In frühen Formen der Religion führen Menschen ein grundsätzlich „eingebettetes Leben“15, und das in mehrfacher Hinsicht. In der frühen Religion sind Menschen eingebunden in eine dichte soziale Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist zugleich verbunden mit der Natur bzw. mit elementaren Naturerscheinungen: dem Wasser oder dem Feuer, Bäumen und Bergen. Und in dieser Einbettung gehören Leib und Seele untrennbar zusammen. Frühe Religionen sind in erster Linie nicht Lehre oder Theorie, sondern Praktik. Schon daher können wir so wenig über ihre Glaubensinhalte oder Vorstellungen über das Jenseits sagen: Die ganzen modernen Unterscheidungen von Glauben und Praxis, Dogmatik und Ethik gab es so noch gar nicht.

b) Die achsenzeitliche Revolution

Diese Phase der Einbettung wird nach und nach abgelöst von einem Entwicklungsschub, den man als achsenzeitliche Revolution bezeichnet.16 Gemeint ist eine geistige Revolution, die zwischen 800 und 200 v. Chr. in unterschiedlichen Kulturen u. a. zu Hochreligionen führte, deren Ausstrahlungskraft heute noch lebendig ist (Konfuzius, Laotse, Buddha, die Propheten Israels, Zarathustra, Sokrates, Platon etc.).

In der Achsenzeit setzt sich die Idee absoluter Transzendenz durch. Gott und Welt werden deutlich unterschieden. Universale Ideen wie Vernunft, Gerechtigkeit, Menschheit etc. treten an die Stelle eines Denkens, in dem es um die eigene Gruppe im Unterschied zu anderen Gruppen ging. Auf der einen Seite beginnt mit diesem Wandel eine gewisse „Exkarnation“17 der Religionen. An die Stelle der Naturreligion treten Hochgötter, die ein Phänomen wachsender Sozialverbände sind. Je größer die Gemeinschaft ist, je weniger sich die einzelnen Angehörigen eines Verbandes noch kennen, desto wichtiger wird die Religion, die sie verbindet. Taylor beschreibt auch, dass es lange Zeit noch eine Verbindung zwischen solchen achsenzeitlichen Impulsen und der alten naturreligiösen Verwobenheit von Mensch, Gemeinschaft und Natur gab.18

c) REFORM

Vor allem im lateinischen Christentum kommt es seit dem Hochmittelalter zu unterschiedlichen Aufbrüchen, denen es um eine Reform des Glaubens geht. Diese Bestrebungen bestimmen die nächsten Jahrhunderte, sowohl als innerkirchliche Reformbemühungen als auch im großen Bruch zwischen der katholischen und der entstehenden evangelischen Christenheit. Diese Bewegungen wollen eine größere Durchdringung der ganzen Gesellschaft mit Glauben. Jeder Einzelne soll den Glauben zu seiner persönlichen Angelegenheit machen. Die Gesamtheit dieser Reformbewegung bezeichnet Taylor auch als REFORM.19 Diese Bewegungen wollen den Glauben vertiefen. Tatsächlich schreitet durch diese Reformen die weitere Entbettung der Religion voran. Es waren gerade diese Gruppen, die viele Praktiken der Volksfrömmigkeit als Aberglauben ablehnten. Viele Reformbemühungen gingen mit Spaltungen einher, die das Gemeinschaftsband der Gläubigen schwächten.

d) Entstehung der säkularen Option

Für Taylor haben diese Reformanstrengungen nicht nur Glaube vertieft, sondern auch grundsätzlichen Zweifel möglich gemacht. Es gab in der Antike keine Atheisten. Um 1500 war es praktisch unmöglich, nicht in irgendeiner Weise an Gott zu glauben. Wir kennen in der Menschheitsgeschichte überhaupt keine Zeugnisse religionsloser Kultur. Soweit unser Auge in die Vergangenheit reicht, überall sind Menschen in Riten, Kulte etc. eingebunden. Darum ist es ein ungeheurer Einschnitt, dass auf einmal Menschen außerhalb von Religion insgesamt stehen. Auch die innerchristlichen Spaltungen haben dafür gesorgt, dass Religion unglaubwürdig wurde. Letztlich begann ein langer Prozess, in dem Menschen lernen, ohne Religion zu leben. Menschen finden alternative Quellen moralischer Gewissheit. Sie finden in Kunst Erhebung und Trost. Menschliche Gemeinschaft wie Naturerfahrungen werden eine Ressource von Sinn und Halt. Auf diesem Weg entsteht auch eine Haltung, die Taylor als „ausgrenzenden Humanismus“20 bezeichnet: eine säkulare Geisteshaltung, die nicht nur jeden Glauben für sich ablehnt, sondern grundsätzlich Religion als bedrohlich, rückständig und überflüssig zeichnet und aus der Öffentlichkeit verbannt sehen möchte. Dieser exkludierende Humanismus führt letztlich den Absolutheitsanspruch weiter, der religiöse Reformbewegungen der frühen Neuzeit gekennzeichnet hat.

e) Die spirituelle Supernova

In der Neuzeit wandelt sich die Religion. Das ist nicht einfach die Folge wissenschaftlicher Welterkenntnis. Denn tatsächlich haben viele Gläubige zum Aufbau einer wissenschaftlichen Weltsicht eine Menge beigetragen. Es gibt viele Menschen, die die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft für selbstverständlich halten, die rationale Moral und Politik schätzen – und gleichwohl religiös bleiben. Denn Religion ist für diese Menschen kein unzureichender Vorläufer wissenschaftlicher Welterkenntnis. Religion ist für sie etwas Eigenes: ein Horizont der Fülle, eine Dimension der Sinnstiftung, eine vertrauensvolle Beziehung zur Transzendenz eines liebenden Gottes.

Religion erfährt in der Neuzeit eine regelrechte spirituelle Supernova.21 Es entstehen individuelle Suchbewegungen, radikale religiöse Gruppen, die unmittelbare Erfahrungsgewissheit suchen, rationale Glaubenssysteme, neue liturgische Frömmigkeitsformen, Zeichen- und Wunderbewegungen usw.

Mit dieser Beschreibung des Verlaufs der Religionsgeschichte greift Taylor ähnliche Beobachtungen auf wie die klassische Sicht der Säkularisierung. Zugleich gewinnt er für die Religion in der Neuzeit eine andere Deutung. Diese stirbt nicht einfach ab. Ihre Gestalt wandelt sich. Manche klassische Tradition erweist sich als langlebig. Anderes verfällt. Und es entstehen auch viele neue Formen der Frömmigkeit.

Was zeigt uns der Spiegel von Game of Thrones für die Zukunftsaussichten des Glaubens? Sicher überwiegend eine kritische Sicht auf die Religionsgeschichte: Der Winter naht. Niedergang und Krise alter und neuer Religionsformen werden ausführlich beschrieben. Die Helden beten nicht nur nicht, sie äußern auch offen ihre Kritikgründe an den Religionen.

Aber wir werden sehen: Es finden sich auch Geschichten von neuen religiösen Aufbrüchen. Vom Zweifel am Zweifel. Von letzten Fragen, die immer wieder hinführen zu religiösen Fragen – und Antworten.

ZUM AUFBAU DES BUCHES: EINE RELIGIÖSE REISE

Game of Thrones