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Es gibt im Leben einen Abschnitt, der dich verändert. Bei Jedem. Bei mir war es ein kurzer *Augenblick". Dieser eine Blick sagte aus, ob ich mein Leben ändern möchte oder ob ich weitermache wie gehabt. Ich entschied mich, dies zu ändern. So ging ich also diesen Weg, es war mir bewusst, dass es sehr schwer wird, da ein riesiger Berg vor mir stand, ich sah nach oben und dachte, das schaffst du nie im Leben! Doch ich lief weiter, immer steiler wurde es, hing kurzzeitig am Abgrund, raffte mich wieder auf, hatte Angst, weinte, der Sturm blies mir erbarmungslos ins Gesicht. Umkehren konnte ich nicht mehr, da der Weg nach unten nicht mehr sichtbar war. Es blieb mir nichts anderes übrig als weiterzugehen......
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Leeloo Minai
Gott ist ein DJ
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Leeloo Minai
Gott ist ein DJ
ISBN: 9783745019971
Coverfoto: artefacti / fotalia
Coverdesign, Satz & Layout: Christoph Vogt
Alle Rechte vorbehalten
1. Aufl. 2018
© Ines Hürbin
Es begann alles vor etwa drei Jahren. Mein Leben war bis dahin völlig in Ordnung. Wie jede Hausfrau widmete ich mich ganz der Familie. Wir schafften uns einen Hund an und ich genoss die Spaziergänge durch den Wald. So begann ich, auf ganz andere Gedanken zu kommen. Mein Lebensinhalt bestand darin, zu kochen, zu putzen und zu waschen. Ich verschwendete meine ganze Energie für solche Sachen. Durch die Spaziergänge lernte ich, dass es noch etwas anderes gab, das nichts mit Hausarbeit zu tun hatte. Ich suchte irgendetwas, wusste aber nicht, was es war. Ich hatte Fragen über Fragen über die Welt und das Universum. Gab es Außerirdische? Wie sieht der Tod aus? Welches ist meine Aufgabe? Sind wir allein? Woher kommt die Technik? (Wenn ich meiner Mutter so zuhöre, wie sie von früher erzählt: das reinste Mittelalter). Meine Fragen wurden alle beantwortet durch Bücher.
Das ist es, dachte ich, das, was du die ganze Zeit gesucht hast.
Ich kam mir vor wie jemand, der in der Wüste stand und endlich ein Wasserloch gefunden hatte. Ist der Tod der Anfang vom Ende? Sind Gedanken vergänglich? Gibt es Geister?, schien ich mich wieder einmal zu fragen und hatte meine eigene Theorie, wie das aussehen könnte. Und wie der Zufall so wollte, las ich dieselben Theorien in Büchern wieder, als ob die Bücher Bestätigungen meiner Theorien waren. Wie kommt‘s? Alles schien schon geschrieben zu sein: Bücher von Theologen, Physikern, Indianern (Tolteken), Philosophen und, und, und. Und weshalb verstand ich das alles? Am meisten interessierte ich mich für Menschen, die ein Nahtoderlebnis gehabt hatten. Ich las alles über diese Personen.
Ab und zu besuchte ich eine Frau. Mit ihr konnte ich über so etwas reden und sie verstand mich haargenau.
„Du willst es also wirklich wissen?“, fragte sie mich einmal.
„Ja“, antwortete ich, ohne Ahnung, was sie damit meinte.
„Bist du sicher, dass du das verkraftest?“
„Was denn? Ja, natürlich.“ Mich konnte nichts mehr aufhalten, was auch immer damit gemeint war.
„Nun denn, du scheinst so weit zu sein. Ich werde dir dabei helfen.“
Gesagt getan. Sie hat nichts Böses getan oder mich verhext, nur geredet. Worauf ich mich da einließ, sollte ich bald erfahren.
Ich las weiterhin Bücher, setzte mich mit dem Geschriebenen auseinander und manches wendete ich selber an. Vieles musste ich für mich behalten. Da sind vielleicht zwei Leute, die so denken wie ich, aber erzähl mal solche Geschichten einem Normalsterblichen. Der zeigt dir den Vogel oder denkt, die sollte man ins Irrenhaus sperren (diese Erfahrung sollte ich auch noch machen). Ich war nur noch mit mir beschäftigt, ich brauchte niemanden mehr, ich geriet völlig außer Kontrolle. Mein Lebensinhalt bestand nur noch aus Fragen und Antworten. Das Wesentliche, meine Familie, verlor ich aus den Augen. Es interessierte mich nicht, was die für Probleme hatten. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, war meine Meinung. Als mein Mann wieder einmal versuchte, mich zu bekehren und auf das zu achten, was wirklich wichtig ist – mich um die Kinder zu kümmern –, hörte ich ihm einfach nicht zu. Das heißt nicht, dass meine Kinder verwahrlost gewesen wären. Ich habe schon gekocht und geputzt, aber mit großem Widerwillen.
Früher nahm ich meine Aufgaben sehr ernst. Wenn mein Sohn nicht so war, wie ich mir das gewünscht hatte, schleppte ich ihn von einem Psychiater zum anderen, machte schulische Abklärungen, versuchte, ihn mit Medikamenten und Naturheilprodukten so hinzukriegen, wie die „Gesellschaft“ das wünschte. Ich tat dies, um mein Selbstwertgefühl wiederherzustellen. Der Junge weigerte sich und tat genau das Gegenteil von dem, was ich wollte. Ich schimpfte und wurde richtig laut. Er solle jetzt endlich seine Hausaufgaben erledigen. Er tat es nicht! Er bockte.
„Lass mich in Ruhe! Akzeptiere mich einfach so, wie ich bin“, schrie er zurück.
Das saß. Er hatte recht. Im Prinzip tat ich alles nur für die anderen. Hauptsache er passte in das System. All die Jahre kämpfte ich für eine Sache und wollte vor der Gesellschaft gut dastehen. Wie ich mich fühlte, dass ich fast zerbrach an falschem Ehrgeiz, sah niemand. Die müssen das doch wissen, schließlich haben die studiert, dachte ich immer. Jedes Mal, wenn ich mit einer anderen Meinung von irgendjemanden daherkam, hieß es: „Nein, dies ist der falsche Weg, so müssen sie das machen.“ Nichts half, ich hatte weiterhin Streitereien mit meinem Sohn und noch mehr Schuldgefühle obendrauf. Das muss man sich einmal überlegen: Schon im Kindergarten wird abgeklärt, ob das Kind schultauglich ist oder nicht – nur weil es nicht schön ausmalen kann! Was rede ich, bereits im Babyalter: Wehe, wenn das Baby nicht der Norm entspricht, dann kann man eh alles vergessen. Die Mütter werden regelrecht gedrängt, irgendeinen Psychologen zu konsultieren, weil die Nachbarin das auch tut. Schließlich will man ein gescheites Kind. Tut man dies nicht, wird man ausgestoßen. Man gehört nicht mehr dazu, man kann nicht mitreden. Wo gibt‘s denn so was, es hat schließlich jeder etwas, was nicht stimmt, basta! Und das alles, weil man nicht auf sich hört, sondern immer auf andere. Ich steige aus, ich kündige, keine Lust mehr, den Anforderungen anderer gerecht zu werden.
Es machte mir so viel Spaß, mich mit mir zu beschäftigen. Mein Umfeld interessierte mich schlichtweg nicht mehr. Einmal las ich, wie jemand geschrieben hatte, wie ein Nahtoderlebnis ihn total verändert habe. Da gebe es nichts, außer ein Meer von Liebe, so unglaublich, dass man dies unmöglich in Worte fassen könne. Es sei, als wolle man den Ozean in einen Fingerhut füllen. Ich stellte mir das wunderschön vor und mein Ziel war es, das zu erleben. Nur, wie kam ich dahin? Ich wollte kein Risiko eingehen, nahm keine Drogen oder tat sonst irgendwas, um eine Nahtodsituation herbeizuführen. Das sollte doch irgendwie möglich sein? Warum sollte man warten, bis der Tod eintritt, um so was Wunderschönes zu erfahren? Sollte es einem nicht im Leben gelingen, die Liebe zu erfahren? Weiß ich überhaupt, was Liebe ist? Muss das einem erst im Tod bewusst werden?
Nachts träumte ich und einen Traum kann ich bis heute nicht vergessen. Wie üblich surfte ich nachts im Weltraum umher und landete irgendwo. Da gab es Gestalten, die waren durchsichtig, ein helles Licht.
Sie schauten mich an und fragten: „Wer bist du? Und was machst du hier?“
„Was soll die Frage?“ Wo war ich? „Na da“, antwortete ich.
„Von welchem Planeten bist du?“
„Was?!“ Ich schaute zum Himmel. Es war Nacht, überall Sterne, aber wo war der Mond? Ich war komplett durcheinander. Wo bin ich denn jetzt? Um mich versammelten sich immer mehr Gestalten. Alle fragten mich, wo ich herkäme. Ich erzählte etwas und auf einmal tönte es:
„Ah, ein Erdling“, alle lachten, „du darfst aber noch nicht hier sein, wie hast du uns gefunden?“
„Hä?“, ich war den Tränen nahe, „was denn, was soll das heißen?“
„Möchtest du hierbleiben“, fragten sie mich.
Es gefiel mir sehr gut da. Ich überlegte und sagte, dass ich Familie hätte und dass ich schon zurück möchte, ich hätte da noch eine Aufgabe (ich wunderte mich, warum ich so etwas sagte).
„Nun denn, wenn das so ist, dann schicken wir dich zurück. Wir zeigen dir den Weg.“
Ich wachte sofort auf. Dieser Traum war so was von real gewesen, wie ich es noch nie erlebt hatte. Generell träumte ich auch am Tag. Ich schneiderte mir meine eigene Welt zusammen. Ich hielt mich tagtäglich in dieser „Fantasiewelt“ auf.
Die Frau, die ich immer wieder besuchte, sagte: „Pass auf, du musst dich unbedingt erden“.
„Ja, ich weiß, man hat eine Aufgabe hier“, antwortete ich trotzig.
„Genau, aber du musst es wollen, sonst kann ich dir nicht helfen.“ Sie meinte das todernst.
„Ja, mach ich“, versprach ich hoch und heilig (irgendwie war ich erschrocken über ihre Lautstärke), aber natürlich hielt ich mein Versprechen nicht!
Zuhause stauchte mich mein Mann zusammen: „Was ist bloß mit dir los? Du bist ja richtig weggetreten. Hör auf zu lesen, du nimmst das Ganze viel zu ernst!“
Bla, bla, bla. Ich hörte auf mit Lesen, träumte jedoch nach wie vor. Und dann geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte. Es war der 8. Dezember 2004. An diesem Tag begann alles. Ich hatte eine Begegnung und wir erzählten uns so allerlei. Ich hatte ihn noch nie vorher getroffen. Auf einmal schaute er mich mit seinen blauen Augen ganz tief und durchdringend an. Ich erschrak, so hatte mich noch nie jemand angesehen. Dem nicht genug, auf einmal knallte er mir die Wahrheit über mich vor mich hin, als wollte er sagen: „Das ist deine Wahrheit. Schau zu, wie du damit fertig wirst. Du kannst sie annehmen oder auch nicht. Es ist deine Entscheidung.“
Er ließ mich einfach stehen und verschwand. Ich stand unter Schock, ich war sehr wütend. Am liebsten hätte ich ihn erwürgt. Er hatte nichts gesagt, aber Blicke können auch sprechen: „Frau, was tust du dir an? Warum lässt du dich denn so runterdrücken? Steh endlich auf! Lass dir doch das nicht bieten! Du hast es doch in der Hand. Schau in den Spiegel und handle endlich! So was wie dich, habe ich noch nie getroffen, du weißt doch ganz genau, was du willst, warum tust du es denn nicht? Die ‚Asse‘, die du in der Hand hältst, willst du die in diesem Leben noch ausspielen?“ Der Typ schien von einer anderen Welt zu sein. Ich hatte noch nie so jemanden getroffen, der wäre aus Millionen von Leuten rausgestochen.
Zuhause fiel ich in eine tiefe Depression. Ich heulte und schluchzte tagein, tagaus. Ich aß nichts mehr, trank sehr wenig und vegetierte so dahin. Ständig musste ich an ihn denken.
Nach etwa drei Wochen kam noch die Grippe hinzu und schwächte mich noch mehr. Auf einmal wollte ich mich von meinem Mann trennen. Ich sagte ihm: „Hör zu, so geht das nicht weiter, ich möchte, dass du gehst“.
Er fiel aus allen Wolken. „Was ist jetzt los? Warum“, stammelte er, „was habe ich dir getan?“
„Nichts, ich möchte einfach Zeit für mich haben und außerdem liebe ich dich nicht mehr.“ Einfach so (ich staunte selber über mich) knallte ich ihm die Wahrheit hin.
Er heulte natürlich und ich auch. Ich ging noch am selben Tag zu einer Beerdigung (passte ideal) und ließ alles stehen und liegen. Abends, als ich zurückkam, saßen meine Kinder da und heulten. Mein Mann war weg. Ich weiß noch, es schneite und es war eisig kalt. Meine Tochter erzählte mir, dass er wiederkomme, weil kein Flieger mehr gehe. Alle standen unter Schock, ich inklusive.
Als er wieder da war, redeten wir das erste Mal in unserer 14-jährigen Ehe miteinander. Ich sagte ihm ehrlich und aufrichtig meine Anliegen. Am nächsten Tag dasselbe, wieder Tränen. Er sagte mir, dass er nicht gehe. Er wisse nicht wohin, er liebe seine Kinder und mich und würde uns nie verlassen. Wir schrien uns nie an, auch bewiesen wir Taktgefühl. Mein Zustand verschlechterte sich aber zusehends. Er schlug mir Ferien vor, ich könne hingehen, wohin ich wolle, ich solle nur endlich zur Besinnung kommen. Genau, das wollte ich: weg, weit, weit weg. Leider war ich so erschöpft und außerstande etwas zu buchen. Im Reisebüro stammelte ich: „Irgendwo, wo es warm ist.“ Mein Mann musste das wieder in die Hand nehmen und buchte für mich eine Woche Ägypten. Der Flieger ging früh am nächsten Morgen und die Tickets wurden am Schalter hinterlegt.
Am nächsten Tag saß ich im Flugzeug nach Sharm el-Sheik.
Kaum dort angekommen, war ich wie ausgewechselt. Alles gefiel mir, die Wärme, die Leute das Hotel. Ich konnte es kaum erwarten, an den Strand zu kommen. Meine erste Begegnung hatte ich mit einem deutschen Pärchen, das ein Zimmer neben mir hatte. Wir unternahmen sehr viel zusammen, aßen (schmeckte ausgezeichnet) und lachten, bis uns die Tränen kamen. Wir kullerten manchmal fast unter den Tisch, so lachten wir. Die Frau bewunderte ich so sehr, sie strahlte eine innere Stärke aus und doch war sie weiblich. Von da an war sie ein Vorbild für mich, dem ich nacheifern wollte.
Eigentlich sollte ich über alles nachdenken, mir klar werden, wie es weitergehen sollte. Aber ich unternahm Ausflüge, redete, machte Witze, wollte alles über das Land wissen. Ich hatte schlichtweg keine Zeit zum Nachdenken. Zuhause hatte ich Mordsprobleme, die sich hier in Luft auflösten.
Die Sternennacht in Ägypten war wunderschön. Die ganze Zeit starrte ich in die Nacht, es glitzerte überall. Es war, als ob ich eins wäre mit dem Universum. Es war zwar sehr kalt, aber ich wäre am liebsten für immer dageblieben.
Am nächsten Tag war Schnorcheln angesagt. Ich freute mich wie ein kleines Kind auf den Ausflug. Der Bus kam und ich stieg ein. Auf einmal überfiel mich ein merkwürdiges Gefühl, ein Gefühl, das ich nicht kannte. Wir wurden auf eine Jacht gebracht und bald ging die Reise los. Wir mussten ein Stück fahren, um jene Stelle zu erreichen, wo es angeblich am schönsten war. Ein Kameramann war auch dabei, um alles zu filmen. Ich starrte auf das Wasser, die Sonne strahlte auf das tiefe Blau, es glitzerte wieder. Ich war so fasziniert, es war, als ob ich weit weg wäre, als ob die Sterne im Wasser badeten. Wie in Trance schaute ich dem Schauspiel zu, es war, als ob ich mich im Universum befände und gar nicht hier – und wieder dieses Gefühl: Ich fühlte mich sehr wohl und richtig glücklich.
Nach einiger Zeit zog ich mir den Neoprenanzug an und endlich konnte es losgehen. Ich sprang in das Wasser. Kaum darin, fühlte ich mich gar nicht mehr, ich hatte einen Drang, als müsste ich eins werden mit dem Wasser. Ich schwamm, die Sonne glitzerte auf meiner Haut, ich tauchte unter und hatte das Gefühl, als könnte ich unter Wasser atmen. Ich tauchte, schluckte Wasser, versuchte es wieder und wieder. Mir wurde schwindlig, aber ich versuchte wieder und wieder, das Wasser zu atmen. Dann schaute ich mir die Fische an, ich glaubte doch tatsächlich, dass ich ohne Schnorchel geatmet hätte. Ich war so fasziniert von dem Ganzen, dass ich alles um mich herum gar nicht wahrnahm, als wäre ich tot. Ein Schwarm blauer Fische umgarnte mich, es war, als ob ich mich in einem Märchen befände.
Ich tauchte auf und auf einmal fühlte ich mich beobachtet. Alle waren schon weiter weg, nur einer war noch da, er gehörte zur Crew. Er tauchte unter, wie ein Delfin schwamm er, zeigte auf einige Stellen, die ich mir anschauen sollte. Ich war jedoch so hingerissen von seinen Bewegungen, dass mir die Fische ziemlich egal waren. Ich schaute immer nur auf ihn, es war, als ob er unter Wasser tanzen würde. Als er auftauchte, nahm er auf einmal meine Hand, ganz sachte, schaute mir tief in die Augen und ich in seine. Es war eine Vertrautheit da, als ob ich ihn schon ewig gekannt hätte. Ich wollte, dass das nie endet. Wir schauten uns nur an, sonst nichts. Er hielt immer meine Hand. Lass diesen Augenblick nie vergehen, bettelte ich in Gedanken. Wir hätten das Spielchen noch ewig machen können, wenn es bloß nicht so eisig kalt gewesen wäre. Auf einmal schlotterte ich, es war dermaßen kalt und mir wurde bewusst, dass ich zurück zum Boot musste, so schön es auch war. Er hielt meine Hand immer noch und begleitete mich zur Jacht.
Auf dem Boot war ich mit Schlottern beschäftigt, ich zitterte am ganzen Leib. Auch war ich sehr müde und der dritte Schnorcheltauchgang fand ohne mich statt. Ich fiel in einen tiefen Schlaf und träumte von dem Geschehenen. Als der Tag endete, fühlte ich mich so leicht. Als ich zum Bus lief, begegnete ich ihm noch einmal. Wir schauten uns wieder an, bis ich in den Bus einstieg und losfuhr.
Im Hotel zitterte ich am ganzen Körper und immer wieder träumte ich von dem Geschehenen, aber diesmal war es Nacht. Statt der Sonne glitzerten Sterne, die Situation war aber dieselbe.
Ich genoss die Woche in Ägypten in vollen Zügen. Die Abreise nahte, eigentlich wollte ich ewig dableiben, nur nicht nach Hause. Zum ersten Mal musste ich mich einer sehr unangenehmen Situation stellen. Wie weiter? Ich studierte krampfhaft von München nach Basel (vorher ging es nicht, weil mich zwei Leute vollquatschten), wie ich das Problem in den Griff kriegen könnte (als ob man das könnte), doch das Wunder blieb aus.
Zuhause riss ich mich zusammen und verbarg meine Gefühle vor meinen Kindern. Ich begann, Bewerbungen zu schreiben, ich wollte einen Job. Vielleicht fiel mir die Decke auf den Kopf. 14 Jahre zuhause, die Kinder aus dem Gröbsten raus, als Hausmütterchen nicht geboren, ein Job musste her, und zwar dringend! Mein Mann fragte mich, wie es nun weitergehen sollte. Ich blieb hartnäckig. „Bitte geh“, sagte ich.
Auch er blieb hartnäckig: „Nein, wir stehen das durch, komme was wolle.“
Wir wussten beide, so konnte es unmöglich weitergehen. Ich suchte eine Eheberatungsstelle auf und teilte ihm dies mit. Er war einverstanden (man glaubt es kaum).
Auch beim Arzt war ich. Es könnte vielleicht etwas Organisches vorliegen. Nichts (außer Eisenmangel). Man sah mir äußerlich nicht an, dass es mir so schlecht ging, im Gegenteil, ich sah besser aus. Zudem hatte ich etliche Kilo an Gewicht verloren. Der Arzt fragte sich, was ich haben könnte, brachte mir Broschüren über Depressionen und Burn-out und sprach von Kursen, die ich besuchen könnte. Ich hatte nicht die geringste Lust. Mein Mann musste die ganze Hausarbeit übernehmen, ich war außerstande, irgendwas zu tun. Den ganzen Tag konnte ich rumliegen und nichts, aber auch gar nichts zu tun, außer zu heulen (sah niemand). Doch etwas tröstete mich ein wenig: die Musik von Lenny Kravitz (Baptism). Stundenlang, tagelang, wochenlang hörte ich die CD von vorne bis hinten. Die Spaziergänge mit dem Hund taten mir ebenfalls gut (im Wald lässt es sich besonders gut weinen). Ich weiß noch, wie ich ständig zu mir sagte: „Ich will nicht mehr zurück, das geht nicht.“
So folgte dann ein Gespräch mit einer Therapeutin (Eheberatung) und ich erzählte alles, was mich bedrückte und was mir an meinem Mann nicht gefiel. Ich wollte einfach, dass er ging. Voller Wut und Trauer über die Situation hatte ich ehrlich gesagt maßlos übertrieben. Die Therapeutin sah nicht, wie schlecht es mir ging, und hielt alles für bare Münze. Auch erwähnte ich, dass ich es gern hätte, wenn das Einzelgespräch meines Mannes doch von einem Therapeuten durchgeführt würde. Sie war nur damit beschäftigt, das Geld schnellstmöglich überwiesen zu bekommen. Sie hörte überhaupt nicht zu!
Tags darauf fragte ich meinen Mann, ob wir irgendwo hingehen könnten, um zu reden. Er war sofort damit einverstanden. Ich sagte ihm alles, was mich all die Jahre bedrückt hatte. Er wurde richtig laut und fragte, warum ich ihm nie etwas davon gesagt hätte. Er habe das nicht gewusst! Wo er recht hat, hat er recht. Ich fraß alles in mich hinein. Ich dachte immer, er sähe mir das an, wenn ich wütend oder enttäuscht war. Auch wenn er manchmal sauer nach Hause kam, dachte ich, läge es an mir. Und so versuchte ich jahrelang, zu schlichten und zu besänftigen. Probleme kehrt man unter den Teppich, da wo sie hingehören. Missverständnisse über Missverständnisse. Vor mir stand immer noch derselbe Mann, den ich geheiratet hatte, und doch war es ein anderer. „Wer bist du?“, fragte ich ihn. Mir ging es aber ein wenig besser nach dieser heftigen Aussprache.
Sein Einzelgespräch folgte (ich hatte ihm nichts von meinem Gespräch erzählt). Er kam völlig verwirrt nach Hause und erzählte mir, dass er in Laufenburg eine Wohnung gefunden habe und dass er dorthin ziehen werde. Er sähe es jetzt ein. Er gehe lieber, bevor die Kinder vor Gericht erscheinen müssen, um auszusagen, wo sie hinwollen. Wenn ich die Scheidung haben wolle, so würde ich sie kriegen.
Was war passiert? Ich fragte, ob er der Therapeutin mitgeteilt hätte, dass wir uns über das Wochenende ausgesprochen hätten. Ja, das habe er und die Therapeutin habe gesagt: „Gehen Sie, die hat einen Freund!“
Jetzt schlägt es dreizehn! Ich hatte ihr nie gesagt, dass ich einen Freund hätte. „Wenn ich einen Freund hätte“, sagte ich ihm, „wäre es die einfachste Sache der Welt gewesen, einfach zu gehen.“ Ich verstand die Welt nicht mehr. Was sollte das, aus reiner Vermutung erzählt die so was. Begriff die überhaupt, was sie da machte, das hätte böse ins Auge gehen können. Da brauchst du Hilfe, und was kriegst du außer einer Rechnung? Nichts. Mein Motto heute: Hilf dir selbst, so wird dir geholfen.
Mit Müh und Not konnte ich meinen Mann überzeugen, dass da wirklich niemand war. Ich hätte fast in meiner Verzweiflung tatsächlich noch einen erfunden. Das stimmt jetzt auch nicht. Ich wusste, es war jemand da, aber für mich nicht sichtbar, es war nichts Greifbares. Immer hatte ich den Blick dieses Manns in Ägypten im Gedächtnis (vielleicht hat die Therapeutin das gesehen, vielleicht tue ich ihr unrecht; vielleicht ist ein Studium doch nicht so schlecht, eigentlich das, was ich immer machen wollte!).
Er liebe mich sehr, sagte er. „Du bist mein Leben, mein Ein und Alles.“ Welcher Mann sagt das schon nach 14 Jahren Ehe!
Ich heulte, wenn ich doch das alles auch zu ihm sagen könnte. Ich wusste selber nicht, was in mich gefahren war. Ich überlegte und überlegte, vegetierte wieder vor mich hin, schaute kein Fernsehen, hörte kein Radio, las keine Zeitungen. Nichts, aber auch gar nichts tat ich. Ich verlor immer mehr Gewicht, mein Hirn begann sich ständig ruckartig zusammenzuziehen, es fühlte sich an wie Wehen im Gehirn. Zum Arzt traute ich mich nicht, womöglich fände der etwas. Auch mein Mann war am Ende seiner Kräfte. Es war schon über 4 Monate her, seit alles begonnen hatte. Allmählich begann ich alles zu vergessen, ich wusste nicht mehr, was oben und was unten war, was richtig und was falsch war. War falsch richtig und richtig falsch? War kalt heiß und heiß kalt? Meine Glaubensgrundsätze, dachte ich, wären die richtigen. War das so? Ging ich den falschen Weg? Waren meine Eltern immer glücklich? Waren sie überzeugt von ihren Wertvorstellungen, die sie von ihren Eltern übernommen hatten? Tut man nicht immer alles für die anderen? Was tat ich für mich? Wie ist das mit der Ehe? Hat diese Institution ausgedient (Scheidungsrate ist enorm)? Hatte sie wirklich einmal funktioniert? Man gibt das Versprechen vor Gott ab, sich ewig die Treue zu halten und alles miteinander durchzustehen, komme was wolle. Wollte Gott, dass wir so etwas tun? Sollte man nicht sich selber für wichtig nehmen? Verlangt man nicht immer von anderen, dass sie sich ändern? Sollte man sich wirklich mit dem Schicksal abfinden und es einfach ertragen? Konnte man das nicht ändern? Auf der Stelle? Jetzt?
Ich schwor, keine Sklavin meiner Selbst mehr zu sein. Von einem Tag zum anderen änderte ich mich, und zwar enorm. Ich nahm nichts mehr persönlich, sondern hakte nach, wenn ich etwas nicht verstand, und zwar so lange, bis sämtliche Missverständnisse aus dem Weg geräumt waren. Ich hörte auf, für andere zu denken, und dachte nur für mich. Ich ging Kompromisse ein, damit beide gewannen. Und es funktionierte. Mein Mann und ich arbeiteten hart, weil beide es so wollten. Ich wurde spontaner, hatte den Drang nicht mehr, Punkt sechs zuhause zu sein, ließ ihn Hausaufgaben machen mit den Kindern (ich dachte immer, er könne das nicht) und gab vieles ab. Ich dachte immer, ohne mich läuft nichts. Irrtum, Männer können das genauso gut (meiner auf jeden Fall).
Es kam, wie es kommen musste: Ich verliebte mich (nicht, was ihr denkt). Ich verliebte mich aufs Neue in meinen Mann. Ich liebte in sehr (das kann ich schwören). Ich hatte die Liebe nicht gekannt, ich hatte keine Ahnung gehabt, was wirkliche Liebe bedeutet. Jetzt wusste ich es. Endlich konnte ich ihm das zurückgeben.
Es ging mir von Tag zu Tag besser. Ich war richtig glücklich. Uns sah man das von Weitem an, dass wir total ineinander verliebt waren. Wir kauften uns neue Kleidung, machten schöne Ferien im Süden, verbrachten viel Zeit miteinander.
Ich begann wieder zu lesen. Kaum angefangen, steckte ich wieder mittendrin. Ich fand alles schön und toll, die Leute waren nett und ich strahlte, als ob ich erleuchtet würde. Ich ließ mir nichts mehr sagen und vertrat meine Meinung lautstark (ob es gewissen Leute nun passte oder nicht). Auf meine Bewerbungen erhielt ich nur Absagen. „Tut uns leid …“ – die alte Leier. In den Ferien ging es mir richtig gut, kaum zu Hause, begann alles wieder. Ich änderte mich schon wieder (merkt man selber nie). Auch mein Mann bemerkte das und sagte: „Du steckst wieder drin, oder?“ Keine Ahnung, von was er sprach. Da ich mir nichts mehr verbieten ließ, schwieg er. Es kam niemand mehr an mich heran.
Auf einmal überkam mich eine tiefe Sehnsucht, aber nach was? Ich zog mich allmählich wieder in meine Welt zurück. Wollte von allen anderen nichts mehr wissen, besuchte auch die Frau nicht mehr. Nur noch meine Nichte interessierte mich. Ich hatte wieder Fragen über Fragen. Was mich nicht losließ, war die Frage, wie der Tod aussieht. Ich war sehr glücklich in meiner Welt. Den ganzen Tag konnte ich mich mit mir auseinandersetzen und philosophische Fragen stellen – und beantworten. Allmählich hob ich ab, verlor weiter an Gewicht, weil ich schlichtweg nichts mehr essen konnte. Auch süßes Zeug, das ich früher sehr gern gehabt hatte, konnte ich nicht mehr ausstehen. Ich war nur noch mit mir beschäftigt, wollte immer höher und höher, wurde überschwemmt mit Bildern und Worten. Ich spürte weder Kälte noch Wärme, hatte kein Hungergefühl mehr, alles war so leicht.
Den Haushalt machte ich mehr schlecht als recht, nur war mir das nicht bewusst. Wenn die Kinder um zwölf von der Schule kamen und aßen, fragte ich mich jedes Mal, wer denn dieses Essen zubereitet hatte (das ausgezeichnet schmeckte). Auch vergaß ich viel, die einfachsten Dinge konnte ich nicht mehr, zum Beispiel Einzahlung machen. Ich beschloss, mich mehr zu konzentrieren.
Wenn ich ins Auto einstieg, sagte ich mir: „Du fährst Auto, du fährst Auto.“ Kaum gedacht, war ich schon am Ziel, wusste aber nicht, wie ich in Gottes Namen dahin kam. Ich kam immer an den Ort, an welchen ich wollte, wusste aber nicht wie. Auch hatte ich Schwindelanfälle und Schweißausbrüche. Alle meine Organe schienen sich zu erneuern, der Bauch knurrte, ich brachte aber keinen Bissen herunter.
Einzukaufen war das Schwierigste überhaupt. Erstens wusste ich nicht, was ich einkaufen sollte, zweitens wusste ich nicht mehr, wo was war und drittens stellte sich die Frage, wie ich an der Kasse vorbeikam, ohne aufzufallen. Das Dümmste kommt noch: Wo war das Auto? Jedes Mal Stress, das Herz klopfte mir bis zum Hals. Immer dachte ich, du musst dich unbedingt zusammenreißen, reiß dich am Riemen.
Wenn ich mit dem Hund spazieren ging, dachte ich, du läufst jetzt diese Strecke ab. Das tat ich auch, nur zuhause fragte ich mich, ob der Hund jetzt schon draußen war oder nicht. Und immer wieder Bilder über Bilder. Es war alles so real und auf der Erde wie eine Illusion. Der Hund schaute mich manchmal so komisch an, auch nahm er Abstand zu mir.
Wenn die Kinder mit schulischen Problemen daherkamen und mich etwas fragten, wurde ich richtig wütend: „Lasst mich in Ruhe, habe jetzt keine Zeit.“
„Keine Zeit“, fragten sie mich, „was machst du den ganzen Tag, außer nachzudenken?“
Das schlechte Gewissen bedrückte mich, ich riss mich zusammen und fragte, ob ich helfen könne. Natürlich durchschauten sie mich und merkten, dass ich nicht die geringste Lust dazu hatte!
Ich wusste nicht mehr, wo ich war, was real war und was eine Illusion. Ständig hatte ich Schwindelanfälle, wusste nie, ob ich noch aufstehen konnte! Nachts konnte ich nicht mehr einschlafen, ständig diese Bilder im Kopf. Ich kann nicht mehr erzählen, was das war, irgendwie ging das sehr schnell. Ich vergaß alles, und doch war es mir, als ob ich mich an alles erinnern konnte.
Morgens beim Aufstehen hatte ich enorme Mühe. Ich lag einfach nur da, alles war so leicht, ich konnte mich weder bewegen noch irgendwas sagen, es war ein Gefühl der Hilflosigkeit. Das Ganze dauerte nur etwa eine Minute (keine Ahnung), bis ich mich wieder gefangen hatte. Ich tat alles unbewusst.
Eines Morgens ging ich wie üblich mit dem Hund spazieren. Unterwegs traf ich eine Kollegin und sprach mit ihr (musste mich enorm zusammenreißen). Auf einmal sah ich mir von oben herab zu, wie ich mit dieser Person sprach. Ich schaute mir selbst zu! Panik überfiel mich, ich stammelte, ich müsse jetzt gehen. Ich hatte solche Angst. Was war bloß mit mir los? Es schüttelte mich vor Heulkrämpfen. Was habe ich getan? Was ist passiert?
Zuhause hatte ich wieder solches Herzklopfen, es war mir zum Bersten schlecht. Ich sprach mit meinem Mann, wie das ginge, sich im Hier und Jetzt zu befinden (er hatte einen Kurs dazu besucht). Er machte mit mir Atemübungen und sonst noch so allerlei. Ich wurde extrem anhänglich, ich musste ihn immer festhalten, er durfte mich nie loslassen. Wie eine Klette hing ich an ihm. Wenn ich alleine war, hing ich sogar an Bäumen. Natürlich wunderte er sich, weshalb ich dies tat (hatte ich früher nie). Ich konnte ihm nicht erzählen, wie ich mich fühlte, sonst hätte er sich Sorgen gemacht. Er wäre nicht mehr zur Arbeit gegangen (und ich wusste, die hatten Probleme), auch hätte er mich nicht verstanden. Ich weiß nicht mehr, wie lange diese Situation gedauert hat, auf jeden Fall mehrere Tage. Bei jedem Spaziergang sah ich mir zu, wie ich lief, jede meiner Bewegung konnte ich beobachten.
Am nächsten Tag, es war der 5 Juli 2005, der Todestag meines Bruders, lag ich früh morgens im Bett. Wie üblich verging einige Zeit, bis ich wieder zu mir kam. Mein Mann war auf der Arbeit, die Kinder schliefen noch. Ich stand auf und wollte mit dem Hund raus. Ich fühlte mich eigenartig, auf einmal schien sich alles zu bewegen. Wenn ich lief, so war mir, als ob sich alles bog – die Bäume, die Felder, die Sträucher – und ich schweben würde. Ich rannte so schnell es ging nach Hause, ich stampfte nach Hause, weil ich den Boden unter mir nicht mehr wahrgenommen hatte. Wo ist der Boden? Alles war so weich.
Zuhause hatte ich Herzrasen, Panikattacken, ich schrie: „Lass mich in Ruhe“ (hatte meinen verstorbenen Bruder gemeint). Irgendwie schien es, als ob mich jemand verfolgen würde. Ich schaute immer wieder um mich herum, und sagte ständig: „Geh weg, lass mich in Ruhe, was willst du von mir? Was habe ich dir getan? Warum mich?“ Es war, als ob ich mich in Luft auflösen würde. Das ist es, dachte ich, das ist der Tod, der kommt dich holen. Ich habe nichts gesehen, aber gespürt. Du stirbst, Du stirbst. Meine Kinder kamen heulend angerannt. Ich sagte ihnen, dass ich sie sehr lieben würde und dass ich jetzt sterben würde. Es war der reinste Horror, was tun? Ich rief meinen Mann an, er solle sofort kommen, die Kinder schickte ich, die Nachbarin holen. Wie ein Tier sprang ich hin und her, sagte immer wieder: „Hau ab.“
Auf einmal wurde es still, so still, die Erde schien sich nicht mehr zu drehen. Ich schien alles zu sehen, alles verstand ich, alles. Wie in Trance rief ich die Frau an und sagte, sie müsse mir helfen, ich wisse nun alles, ich sähe alles glasklar, es sei wunderschön.
„Mein Gott“ rief sie, „das kannst du nicht tun, geh nicht, die wollen dich noch nicht haben! Das kannst du deiner Familie nicht antun, deinen Eltern schon gar nicht. Deine Zeit ist noch nicht gekommen, komm zurück!“
Ich wusste, was sie damit meinte. „Die wollen dich noch nicht haben“, klang es in meinen Ohren.
Ich sprach noch mit der Nachbarin, wie es ihr gehe und was sie so mache, nur um mich abzulenken.
Das Krankenauto kam, das mein Mann organisiert hatte. Natürlich war ich so durcheinander und verwirrt, dass der Pfleger das schon von Weitem sah. Ich sagte, ich wolle in das Spital und wolle eine Infusion, da ich zu wenig Flüssigkeit hätte.
Er sah mich an und sagte: „Das bringt nichts, sie sind zu durcheinander. Das Beste wäre, wenn wir sie in die Irrenanstalt fahren. Sind Sie damit einverstanden?“
Im Bruchteil einer Sekunde, dachte ich: Jetzt haben sie dich, sie werden dich einsperren, da kommst du nie mehr heraus. Ich wurde ganz ruhig, und sagte, ich käme mit für Abklärungen.
Sie fragten meinen Mann, was er meine. Er sagte, ja, es sei momentan das Beste.
Ich stieg in das Krankenauto ein. Ich wusste, wohin die Fahrt ging. Panik überfiel mich wieder und ich versuchte, mich selber zu beruhigen, was mir gelang. Ich starrte aus dem Fenster und betrachtete die Bäume, die Sonne, die Wolken. Natürlich wollte ich aus dem Auto raus. Wenn du jetzt einen Anfall hast, dachte ich, dann kannst du alles vergessen.
Der Pfleger versuchte, mich ebenfalls zu beruhigen (oder auch nicht), und sagte, dass es viele wie mich gäbe, dass man sich nicht zu schämen brauche.
Ach ja, dachte ich, Irrenanstalt blieb für mich Irrenanstalt!
Ich war noch nie in einer psychiatrischen Klinik gewesen. Als wir dort einbogen, sah ich einen großen trostlosen Komplex, alles schien mir so kalt. Wenn du bis jetzt noch keinen Knall hattest, spätestens hier kriegst du ihn, garantiert, war mein erster Gedanke. Sie brachten mich in einen Vorraum (natürlich die Türe zugesperrt). Alleine! Da hast du schon schiss, der Puls auf 180 und dann sperren die dich in einen kalten, unsympathischen (kein einziges Blümchen) Raum. Glatte 15 Minuten ließen sie mich alleine. Zum Glück kann ich hinterher sagen, dass ich die Zeit brauchte, um nachzudenken und endlich zur Besinnung zu kommen.
Der Psychiater kam mit einer Lehrtochter. Sie fragten mich, wie ich mich fühle!
„Beschissen“, antwortete ich.
Als Erstes fragte er mich, ob ich Stimmen im Ohr hätte, und ob ich im Sinn hätte, mir etwas anzutun!
Nein (auf die Idee kam ich nie) gab ich zurück, ich könne das meiner Familie niemals antun, so bescheuert wäre ich nun wirklich nicht.
Er glaubte mir.
Die Lehrtochter sah immer nur auf ihre Fingernägel. Ob ich die heute noch rot streichen soll?, fragte sie sich wohl.
Ich erzählte von früher, von der Kindheit und so (das schien ihn brennend zu interessieren), fragte mich aber, was die Kindheit gemeinsam hat mit dem, was passiert war.
Er fand nichts Außergewöhnliches an mir (hatte ja auch nicht alles erzählt), trotzdem meinte er, dass es vielleicht gut wäre, wenn ich über Nacht bleiben würde.
