Göttertage. Ein Paula Modersohn-Becker Roman - Gabriele Katz - E-Book

Göttertage. Ein Paula Modersohn-Becker Roman E-Book

Gabriele Katz

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Beschreibung

Ein bewegender Roman zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker am 8.Februar 2026 Paula Becker weiß schon früh, was sie will – Künstlerin werden! Als sie 1897 zum ersten Mal die Künstlerkolonie Worpswede besucht, ist sie begeistert. Clara Westhoff wird ihre engste Freundin, beide verbindet der Traum, nach Paris auf die Kunstakademie zu gehen. In Worpswede lernt Paula auch den Maler Otto Modersohn kennen, es ist eine schicksalhafte Begegnung... Gabriele Katz lässt uns in ihrem lebendig und fesselnd erzählten Roman tief in das Leben und die Gedankenwelt von Paula Modersohn-Becker eintauchen – basierend auf ihren Notizen, Briefen und Tagebüchern. »Dieses unentwegte Brausen dem Ziele zu, das ist das Schönste im Leben.« Paula Modersohn-Becker

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Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gabriele Katz

Göttertage

Ein Paula-Modersohn-Becker-Roman

ebersbach & simon

Kursiv gesetzte Zitate stammen aus Tagebüchern und Briefen von Paula Modersohn-Becker.

»Ich werde alle meine Kräfte anspannen und so viel aus mir machen wie nur möglich.«

Inhalt

Bremen, September bis Dezember 1893

Bremen, April 1895

Bremen, November 1895

Berlin, April bis Dezember 1896

Berlin, Januar bis März 1897

Worpswede, Sommer 1897

Berlin, Oktober 1897 bis Mai 1898

Worpswede, September 1898

Worpswede, Oktober 1898

Worpswede, November und Dezember 1898

Worpswede, Frühjahr und Sommer 1899

Bremen, Dezember 1899

Paris, Januar 1900

Paris, Februar und März 1900

Paris, April 1900

Paris, Mai 1900

Paris, Juni 1900

Worpswede, Juli und August 1900

Worpswede, September 1900

Worpswede, Oktober bis Dezember 1900

Berlin, Januar 1901

Berlin, Februar und März 1901

Worpswede, April bis August 1901

Worpswede, September und Oktober 1901

Worpswede, November und Dezember 1901

Worpswede, Februar bis April 1902

Worpswede, August 1902

Worpswede, November 1902

Worpswede und Paris, Januar und Februar 1903

Worpswede, April und Mai 1903

Worpswede, September 1903

Worpswede, Frühjahr und Sommer 1904

Paris und Worpswede, Februar bis April 1905

Worpswede, Mai bis September 1905

Worpswede, Oktober bis Dezember 1905

Paris, Februar bis Juni 1906

Paris, August 1906

Paris, September 1906

Paris, Oktober und November 1906

Paris, Februar 1907

Worpswede, April und Mai 1907

Worpswede, Juni bis September 1907

Zum Schluss

Bremen, September bis Dezember 1893

»Du wirst Dich meinen Wünschen fügen!«

Woldemar Beckers Augen blitzten, während er sich vorbeugte und seine Hände flach auf die Tischplatte legte. Paula stand mit lodernden braunen Augen vor ihm, das schmale, von tausend Sommersprossen gesprenkelte Gesicht umrahmt von ihrem störrischen Haar, die Füße in den Boden gerammt, die Hände zu Fäusten geballt. Ein Kobold.

»Auf keinen Fall. Ich will Künstlerin werden!«

Sie hatte wie schon zuvor ihre zwei Jahre ältere Schwester die Töchter-Schule von Ida Janson besucht, eine fortschrittliche Institution, in der die Mädchen nicht nur geistig gefördert und aufs Leben vorbereitet wurden, sondern sich auch körperlich ertüchtigen lernten. Es erschien ihm völlig selbstverständlich, dass sie nun ebenso wie Milly das der Schule angeschlossene Lehrerinnenseminar von Mathilde Lammers absolvierte. Doch Paula weigerte sich.

Diese Laune stammte aus England. Seine Halbschwester Marie hatte Paula im letzten Jahr auf ihr Landgut in der Nähe Londons eingeladen, damit sie ihre Sprachkenntnisse verbesserte und einige Fertigkeiten in der Hauswirtschaft erlernte, die sie auf eine Hochzeit oder die Ausbildung zur Lehrerin vorbereiteten. Letzteres hielt Woldemar für realistischer, zeigte Paula doch so wenig Anmut und Biegsamkeit, dass wohl kein Mann sie je zur Frau nehmen würde. Er verheimlichte es seiner Frau Mathilde, aber diese Tochter war nicht hübsch genug, um so hochfahrend zu sein, wie sie sich oft gab. Introvertiert bis zur Verschlossenheit, wenn etwas nicht nach ihrem Willen ging, vorlaut bis zur Dreistigkeit, sobald sie sich ihrer selbst sicher war. Außerdem würde sie keine Mitgift erhalten, die all diese Nachteile wettgemacht hätte, aber daran wollte er jetzt gar nicht denken.

Marie, die Paula in Dresden mit aufgezogen hatte, hatte ihm geschrieben, dass sich seine Tochter trotz all ihrer Bemühungen keinen Deut für das Herstellen von Pasteten, das Konservieren von Früchten, das Melken der Kühe und Herstellen von Butter interessierte, sondern in jeder freien Minute Tiere beobachtete und zeichnete, seitdem Maries Mann, ein reicher Teeplantagenbesitzer, ihr nicht nur Reitunterricht erteilte, sondern sie in der School of Arts in London angemeldet hatte, die immerhin zu der Aufnahme an der Royal Academy qualifizierte.

In der Kunstschule hatte Paula jeden Tag von 10 Uhr morgens bis nachmittags um vier mit dem Zeichenstift Arabesken oder den Gipskopf einer antiken Göttin kopiert, mit Tusche einen Vogel wiedergegeben oder mit Aquarellfarben eine Blume. Woldemar hatte nicht damit gerechnet, dass seine Tochter außer zur Freizeitbeschäftigung darauf noch einmal zu sprechen kommen würde, nachdem sie ihren Aufenthalt vorzeitig abgebrochen hatte, um den strengen, aber vernünftigen Regeln der Tante zu entgehen und sich in die Arme ihrer Mutter zu werfen, die ihr jede Laune verzieh.

»Keine Widerrede, es bleibt dabei. Eine junge Frau muss heiraten oder einen Beruf erlernen, von dem sie leben kann. Blumenstillleben oder niedliche Kinderbildchen helfen da nicht weiter.«

Paula schwieg. Beim Zeichnen hatte sie zum ersten Mal erlebt, dass sie etwas konnte, das aus ihr selbst kam. Dass sie nicht nur gehorchte, wie alle Welt es von einem Mädchen erwartete, und dafür belohnt wurde. Ihre Brüder würden ein Leben nach ihren Wünschen führen können. Kurt hatte ein Medizinstudium in Leipzig begonnen. Günther ging bei einem Kaufmann in Melsungen in die Lehre und träumte von fernen Ländern. Henner hegte mit seinen acht Jahren natürlich noch keine Berufspläne. Milly dagegen hatte ihren Wunsch nach einem Medizinstudium oder wenigstens einer Krankenschwesternausbildung nur Paula anvertraut und klaglos eine Stelle als Gouvernante in Genf angenommen. Wenn sie nicht so enden wollte, musste sie ihrem Vater jetzt die Stirn bieten.

»Auch Frauen können gute und wichtige Bilder malen. Das will ich lernen. Das ist ein Beruf. Männer üben ihn ja auch aus. Es gibt viele Mädchen …«

Als Mitglied des Bremer Kunstvereins hielt Woldemar Becker sich zugute, sämtliche bedeutenden Bilder nicht nur der Gegenwart, sondern auch der Vergangenheit zu kennen, doch es war nicht eines von einer Frau darunter. Und in Paulas Zeichnungen hatte er bislang wenig Talent oder auch nur Fleiß und Bemühung feststellen können. Sie warf alles viel zu schnell aufs Papier. Daran würde auch eine teure Ausbildung, wie sie einzig private Malschulen aus reiner Profitgier den Frauen eröffneten, nichts ändern. Außerdem fehlten ihm dafür die finanziellen Mittel.

Eine große Erschöpfung legte sich auf sein Gemüt wie eine schwere Daunendecke. Sich ihr einfach überlassen. Schlafen. Freundliche Dunkelheit, die alles aufsaugte, Gegenstände, Geräusche – und seine störrische Tochter.

»Ich werde es schaffen.«

Paula bebte. Nur jetzt nicht verstummen, erstarren, aufgeben, in sich verschrumpfen, zum lebendigen Eisklumpen werden, wie bei Tante Marie Hill, die ihr daraufhin nur vorgeworfen hatte, sie wäre egoistisch. Hier und jetzt würde sie ihren Stolz nicht noch einmal preisgeben.

»Ich gehe nur in diese grässliche Lehrerinnenschule, wenn ich Zeichenunterricht nehmen darf! Milly hatte schließlich auch Gesangsstunden.«

Ohne diese Zusage würde sie das Zimmer nicht verlassen. Sonst war ihr Leben vorbei, bevor es begonnen hatte. Aber wie sollte ihr Vater das verstehen, verschanzt hinter seinem großen Schreibtisch, die gestreifte Tapete gepflastert mit gerahmten Ansichten von Dresden, Bücherregale voller Lederrücken. Ein Leben in Braun und Schwarz.

Woldemar Becker dachte kurz an Millys sanftes Gemüt. Dann nickte er stumm und machte Paula mit einer knappen Geste klar, dass er sie entließ.

»Nein«, beharrte sie, »du musst es mir versprechen!«

»Also gut, Paula. Du hast mein Wort.«

Mathilde Becker stand am Fenster und lauschte dem Schlagen der Tür zum Arbeitszimmer ihres Mannes und den schnellen Schritten im Treppenhaus. Dann knallte die Haustür. Paula rannte in die Tiefe des großen Gartens, der das weiß gestrichene Haus mit Veranda, Freitreppe und mittigem Giebel umgab. Dort, wo das Grundstück an die Bahngleise grenzte, würde ihre Tochter unter die dichten Haselnusssträucher schlüpfen, um sich viele Stunden zu verbergen. Immer wenn sie mit etwas haderte, suchte sie die Einsamkeit. Schon als kleines Kind hatte sie sich zwischen den Blumen versteckt und lange mit ihnen Zwiesprache gehalten. Mathilde wünschte, sie hätte auch so einen Ort.

*

Drei Wochen später zog Paula mit dem Bleistift ein Oval, markierte männlich-strenge Züge, kreiselte einen Haarknoten, eine runde Metallbrille, den Ausschnitt eines schwarzen, hochgeschlossenen Kleids.

»Die Selbstständigkeit der Frau ist eine zentrale Forderung unserer Gegenwart und muss Ihnen leidenschaftlich am Herzen liegen, meine Damen.«

Mathilde Lammers Stimme schraubte sich in beachtliche Höhen. Bei aller in Bremen gebotenen protestantischen Zurückhaltung war die glühende Frauenrechtlerin eine überaus energische Person, deren Lebensziel die anerkannte ehelose weibliche Existenz darstellte.

»Auch Frauen sind in erster Linie Menschen, geschaffen um ihrer selbst willen, nicht als Geschöpfe zweiten Ranges, um eines Mannes willen.«

Warum erzählte sie das nicht den Vätern, Brüdern, Ehemännern und Söhnen, die ihnen genau das absprachen? Paula blickte von ihrem kleinen Porträt auf. Cornelia Ewers malte Herzchen auf die Tischplatte. Martha Störtebeker und Minna Fried hielten sich an den Händen. Emma Wolters las in einem dicken Buch. Die anderen starrten Löcher in die Luft oder kämpften gegen den Schlaf. Allein die mit wenig äußeren Reizen ausgestattete Rosine Krummbiegel hing an den Lippen der Lehrerin.

»Ans Selbstdenken müssen sich schon die Mädchen gewöhnen. Die Gedankenlosigkeit, die unser Geschlecht zum Echo des Männlichen macht und uns dem Vorurteil der Oberflächlichkeit geradezu in die Arme treibt, muss endlich aufhören.«

Hatte Paulas Unfähigkeit, selbst zu denken, sie etwa hierhergebracht? Wohl kaum.

»Fräulein Becker!«

Paula ließ den Stift auf den Tisch fallen und steckte die Zeichnung in ihr Heft.

»Wären Sie so freundlich, sich unserem Unterricht zuzuwenden.«

Ein Exemplar von Helene Langes Zeitschrift Die Frauflog auf den Tisch. Paula blies sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Dann las sie den Artikel Allein durchs Leben ohne die geringste Gefühlsbeteiligung vor.

So sehr sich ihr Vater das zu wünschen schien, aus ihr würde kein bescheidenes, unverheiratetes, graues Wesen werden, das anderen beim Leben zusah, sich im stillen Kämmerlein seinen Tee aufbrühte und in staubige Kekse biss.

*

»Ich gehe seit Wochen jeden Tag ins Seminar. Jetzt will ich endlich Zeichen- und Malunterricht nehmen. Du hast es mir versprochen!«

Woldemar Becker blickte von den Wahlverwandtschaften auf. Was Paula sagte, stimmte. Auch Mathilde hatte ihn bereits mehrfach an seine Zusage erinnert, offensichtlich stand sie hinter dieser Caprice. Vielleicht hätte er den beiden die Besuche im Künstlerverein verbieten sollen. Mit ihrem Stickrahmen in der Hand bot sie zwar ein Bild sanfter Weiblichkeit, aber in letzter Zeit hatte er neue, fast beängstigende Züge an der Frau entdeckt, die er vor mehr als 20 Jahren geheiratet hatte. Immer öfter teilte Mathilde nicht spontan seine Meinung, immer öfter mussten sie Dinge »diskutieren«.

Dieses neue Selbstbewusstsein, in Wahrheit war es schlicht und einfach Renitenz, gründete auf die Bekanntschaft mit Aline von Kapff. Natürlich malte auch sie, hatte bereits in ihrer Jugend gemalt, war in Paris gewesen, hatte malend Italien und sogar Afrika bereist und residierte in einer riesigen neogotischen Villa, die sie spöttisch »Sommerhaus« nannte. Dort hielt sie Hunde und Pferde, gab Kostümbälle, Teenachmittage und Musikabende, bei denen sich selbsternannte Literaten, Künstler und Kunstliebhaber trafen. Mathilde ging nur zu gern dort hin. Er mochte diese Exzentrikerin nicht.

Mathilde Becker las in den Gedanken ihres Mannes wie in einem offenen Buch, einem Buch allerdings, dessen Seiten sie schon viel zu oft umgeblättert hatte. Die achtjährigen Zwillinge Herma und Henner wechselten einen verschwörerischen Blick. Das konnte dauern. Keiner würde die langweilige Goethe-Lektüre fortsetzen wollen oder sie vermissen, also schlichen sie sich in ihr Spielzimmer. Dort zogen sie einen Abenteuerroman aus dem Versteck.

*

»Alle Achtung Paula, Sie haben Fräulein Lammers wirklich gut getroffen.«

Bernhard Wiegandt betrachtete anerkennend das Zeichenblatt, das er soeben vom Parkett gefischt hatte. Der Landschaftsmaler, der in Düsseldorf und München studiert hatte, lebte nunmehr seit drei Jahren in Bremen. Die Sommer verbrachte er in Worpswede, wo er den modernen Freilichtmalern nacheiferte. Seine neue Schülerin dagegen langweilte er bis zu diesem Moment mit antikem Gewandfall, Obstschalen und Blumensträußen.

Aus der Tiefe des Raumes ertönte das Klappern von Stricknadeln. Frau Wiegandt war guter Hoffnung und arbeitete an einer Strampelhose. Ihr Mann schob die Blumenvase an den Rand des Tisches und breitete Druckgrafiken von Rembrandt und Rubens, Raffael und Masaccio aus. In der nächsten Stunde legten Lehrer und Schülerin ein Raster an, auf dem sie Haaransatz, Augenbrauen, Augen, Ohren und den Mund einer Madonna markierten. Wiegandt dozierte darüber, dass die Mittellinie des Nasenstegs auch Lippe und Kinn teilt, der Mensch durch seine Augen spricht, Paula die Pupillen nie ganz ausmalen solle, die Iris dagegen nach außen hin dunkler werden lassen müsse, damit ein lebendiger Eindruck entstand. Das Wangenrot wischen, kleine Fältchen mit spitzem Bleistift akzentuieren.

»Haare sind die Königsdisziplin. Man kann nicht jedes einzelne zeichnen, daher mit Schattierungen Glanzlichter setzen, durch energisch geführte Striche Lebendigkeit schaffen!«

Dann kündigte er Paula an, sie würde demnächst nach einem lebenden Modell zeichnen dürfen.

*

In jeder freien Minute hantierte Paula nun mit dem Bleistift. Sie zeichnete ihre Mutter, ihre Geschwister, verärgerte einen Besucher mit einem wenig schmeichelhaften Porträt und konfrontierte sich zum ersten Mal mit sich selbst. Mit der hochgeschlossenen Bluse gab sie sich so wenig Mühe wie mit der Blattbrosche an deren Kragen. Auch verwendete sie keine Sorgfalt auf ihr Haar, wie Wiegandt es gefordert hatte. Die Lippen verwischte sie weich. Die Nase, nun ja, die war eben zu groß, viel zu groß. Paula zog skeptisch die Brauen hoch, insbesondere die rechte, und zeichnete. Die Pupillen ihrer braunen Augen betonte sie energisch. Der Blick verrutschte etwas.

Schön war anders, aber so sah sie sich eben, so erspürte sie sich. Eine junge Frau auf dem Weg zur Künstlerin. Das war alles, was zählte.

Mathilde Becker legte das Blatt versonnen auf den Tisch und träumte davon, dass Paula zur gefeierten Porträtistin der gehobenen Bremer Gesellschaft aufstieg, so wie es Amalie Murtfeldt vor knapp einem halben Jahrhundert gelungen war. Mit einem wohligen Schauer erinnerte sie sich, wie sie mit ihrem Mann eine Gedächtnisausstellung zu Ehren der Künstlerin besucht hatte. Dort hatten nicht nur wundervolle Bildnisse an den Wänden gehangen, sondern badende Nymphen und tanzende Bacchantinnen – schimmernde Farben, weiche Konturen, eine feine, frauliche Art der Idealisierung, die auch der erfolgreiche Historienmaler Arthur Fitger beispielhaft für die Epoche nannte. Nicht Amalie mit Flechtfrisur und Krinoline, sondern Paula, das Haar in einen eleganten Knoten gebannt, die schmale Figur mit einem dramatischen Korsett betont, schwebte in Mathildes Fantasie durch die Ausstellungsräume. Ihre Tochter würde ledig bleiben müssen wie alle Künstlerinnen, sie hatte aber auch noch keinerlei Interesse am anderen Geschlecht gezeigt.

Wenige Tage später ließ Mathilde ihrer Fantasie Taten folgen und richtete Paula im Gartenhaus ein erstes Atelier ein. Wegen des stets eher knapp bemessenen Budgets darin geübt, mit dekorativer Wirkung zu improvisieren, warf sie einen schönen Stoff über einen Flechtsessel, dem Paula einen grünblauen Anstrich gegeben hatte. Gemeinsam hefteten sie Skizzen an die Wand, stellten alte Einmachgläser auf den großen Tisch und steckten Stifte, Kreiden und Pinsel hinein. Daneben stapelten sie Papier und Kartons.

Der achteckige Raum wirbelte, als Paula sich wie ein Brummkreisel um die eigene Achse drehte, die Arme weit ausgebreitet. Das Gartengrün lächelte durch die vier Fenster. Der chinesische Papierlampion über ihr leuchtete rot.

*

An einem strahlend sonnigen Dezembertag eilte Paula vorbei an Vorstadtvillen, gepflegten Gärten und schmiedeeisernen Zäunen die Schwachhauser Chaussee entlang, um den Beginn des Mittagessens nicht zu versäumen. Da näherte sich an einer Straßenkreuzung das Gespann der Gemüsehändlerin Metta Cordes, von der man sich in Bremen erzählte, dass sie nach dem Tod ihres Mannes, der Arbeiter in einer Zigarrenfabrik gewesen war, vier ihrer fünf Kinder in ein Waisenhaus gegeben hatte und mit dem Jüngsten und einem Holzwagen, vor den sie einen Hund spannte, ihr Geschäft begonnen hatte. Jahre später schenkten ihr die Mitglieder einer Totengilde einen Esel.

Paula blieb wie gebannt stehen. Die alte Frau hatte den Oberkörper nach vorne gebeugt. Über ihrem Kopf und ihrer dunklen Strickjacke lag ein großes wollenes Tuch. Mit der linken Hand hielt sie es vor der Brust geschlossen. Die Rechte führte die Zügel des Esels. Im leeren Wagen trudelten letzte Erbsenschoten und welke Kohlblätter über den Boden. Sie würde sich vermutlich in dieser ruhigen Seitenstraße ein wenig ausruhen, bevor sie ihren Heimweg antrat. Vielleicht konnte Paula sie nach dem Mittagessen noch antreffen.

Neben der Esszimmertür wartete das Hausmädchen mit der Suppenschüssel und verdrehte die Augen. Der Vater steckte mit einem missbilligenden Stirnrunzeln seine goldene Uhr in die Westentasche. Paula löffelte und nickte seine Ausführungen über ein Leben in Pflichtentreue und Arbeit ab. Sie musste zu Mutter Cordes zurück, bevor sie das Gefühl für die Linie des Rückens verlor, der einmal einem jungen Mädchen gehört hatte, einer stolzen Braut, einer glücklichen Schwangeren, einer Mutter.

Endlich gab der Vater das Zeichen zum Ende der Mahlzeit. Paula hastete durch den Garten zu ihrem Atelierhäuschen und wählte einige Kohlestifte und ein ockerfarbenes festes Papier mit rauer Oberfläche.

Der Wagen stand ein paar Häuser weiter stadtauswärts am Straßenrand. Die Gemüsehändlerin schlief auf dem Bock, und auch der Esel döste vor sich hin. Paulas Kohle flog übers Papier. Der Bogen des Rückens, der umhüllte Kopf. Hände, braun mit vielen Schwielen und schwarzen Nägeln, entspannt auf der hellen Schürze. Unter dem festen dunklen Rock grobe Stiefel mit genagelten Sohlen. Sie schlich näher heran, zog mit Schwung die runde Form des Gesichts. Die flache Nase, der zahnlose Mund mit immer noch vollen Lippen, die Augen, verborgen hinter den leicht zuckenden Lidern, träumten. Dann, plötzlich, starrten sie Paula an, und die Alte schimpfte im breitesten Platt. Paula setzte zu keiner Verteidigung an, sondern warf ihrem ersten fremden Modell mit einem entschuldigenden Lächeln eine Münze in den Schoß.

*

Eine Mischung aus Kies und Schnee knirschte unter Aline von Kapffs Rädern. Als junge Frau war sie auf einem hohen Einrad und in Hosen durch Bremens Straßen gesaust und, sobald ihr eine Kutsche entgegenkam, mit einem kühnen Sprung über den Lenker abgestiegen, den sie heute noch Kaisersprung nannte, obwohl er sie zur Zielscheibe hämischen Klatsches gemacht hatte. Inzwischen begnügte sie sich mit einem Damenrad, das sie nun an die Hauswand lehnte.

»Wie schön dich zu sehen!«

Auf der Treppe zur Veranda blickte ihr Mathilde Becker erwartungsvoll entgegen. Aline wischte sich eine Träne aus dem Gesicht, dann küsste sie die ihr dargebotenen Wangen. Kurze Zeit später nahm sie eine Tasse Tee entgegen und bediente sich an der Gebäckschale.

»Paula hat Mutter Cordes gezeichnet!«

Mathildes Wangen glühten ebenso vor Begeisterung wie die von Paula, die neben ihrer Mutter auf dem Sofa saß.

Der Strich war noch wacklig, das Gesicht steif, ohne Tiefe, aber das Wesentliche hatte Paula mit Deutlichkeit herausgearbeitet. Ihre Entwicklung nahm Fahrt auf. Allein wie nah sie an das Modell herangerückt war. Auch Aline hatte vor zehn Jahren eine Gemüsehändlerin gemalt, die allerdings posierte im eleganten Kleid neben ihren sorgfältig drapierten Waren.

»Du bringst es auf den Punkt. Das lange Leben, die viele Arbeit, die Müdigkeit. Bravo, Paula! Alles ganz allein aus der Figur herausgearbeitet.«

Mathilde wuchs vor Stolz mindestens fünf Zentimeter in die Höhe, und Paula strahlte von einem bis zum anderen Ohr.

»Was mir besonders gefällt«, nahm Aline ihren Faden wieder auf, »du bist ohne Herablassung, ohne Sentimentalität an das Thema herangegangen.«

Das vertraute Gespräch unter Frauen an diesem stillen Sonntagnachmittag wurde jäh durch Woldemar Becker unterbrochen, der in den Salon trat und sich erkundigte, wie »das gnädige Fräulein von Kapff« denn die Weihnachtstage verbracht hatte.

Wie so oft beglückwünschte sich Aline, unverheiratet geblieben zu sein, und forderte Paula auf, sie am nächsten Tag zu besuchen. Dann beugte sie sich der Etikette, antwortete im Konversationston, sie hätte das Fest der Feste in aller Stille verbracht. Woldemar Becker hüstelte nervös beim Anblick der Zeichnung seiner Tochter, doch Aline beschloss, dies nicht zur Kenntnis zu nehmen, und schenkte stattdessen Mathilde ein ermunterndes Kopfnicken.

*

»Erzählen Sie mir bitte noch einmal von München!«

Paula rutschte ungeduldig auf dem tiefen Sessel hin und her. Sie konnte nicht genug hören über den Künstlerinnenverein der bayerischen Hauptstadt, die Freiluftmalerei in Dachau, die Feste, die Faschingsbälle, die Ausstellungen im Glaspalast, wo auch Bilder von Aline gezeigt worden waren.

»Aber jeder wirkliche Künstler und jede wirkliche Künstlerin«, Aline von Kapff fixierte Paula ernst, »muss nach Paris. Dort schlägt das Herz der Kunst.«

Sie selbst hatte in der französischen Hauptstadt nicht nur bei einem belgischen Maler studiert, sondern ihre Werke sogar im Salon de Paris gezeigt.

Hinter ihr leuchtete das Bild eines jungen blonden Mädchens, umrahmt von lauter Grautönen: das metallische Grau einer Tischplatte, eines Tellers, einer Schüssel, das stumpfe krustige Grau der Austern und das vielfarbige Grau der Fische.

Paula schnappte nach Luft angesichts dieser Farben, während Aline lässig die Beine übereinanderschlug und sich ein Zigarillo anzündete.

Bremen, April 1895

Die Bilder flogen nur so vorbei, als Paula schnellen Schritts durch die Ausstellungsräume der Bremer Kunsthalle lief.

Sie hatte in ihrem Gartenatelier gezeichnet und den Aufbruch der Eltern verpasst, dabei war sie so gespannt auf die Werke der Worpsweder Künstler, die der konservative Arthur Fitger wegen ihrer Revolte gegen die akademische Malerei als »Apostel des Hässlichen« beschimpft hatte.

Zahlreiche Menschen drängten sich vor einem großformatigen Bild, auf dem schwarz gekleidete Männer und Frauen im Freien den Worten eines Predigers auf der Kanzel lauschten. Nur die Schürzen zweier junger Mädchen leuchteten rot. Im Hintergrund reihten sich Ziegelhäuser mit moosbewachsenen Strohdächern.

»Das ist ein Missionsfest in Schlußdorf. In der Zeitung stand, Mackensen hat neun Jahre daran gearbeitet. Er hat dafür vom Künstlerverein sogar einen Glaswagen zur Verfügung gestellt bekommen.«

Ihr Vater übertönte mühelos die Gespräche der Umstehenden. Ihre Mutter schwieg. Paula gefiel die Einfachheit des Bildes, die nichts mit seinen Maßen zu tun hatte, und der Farbklang. Sie ging weiter zu Heinrich Vogelers Märchenmotiven und stoppte schließlich vor den stimmungsvollen Landschaften von Otto Modersohn.

Winter und Schnee, Weiß und Schwarz. Mann und Frau hielten sich auf dem Weg ins Dorf an den Händen, eine rührende kleine Geste. Blassrote Heide träumte unter tiefblauem Himmel, weißschwarze Birkenstämme spiegelten sich in kristallklarem Wasser. Paula glaubte Modersohns Blick zwischen der Landschaft und der Leinwand hin und her wandern zu sehen. Er fühlte, was er sah, er malte, was er fühlte. Er musste ganz bei sich selbst sein, dieser Otto Modersohn.

Empörtes Räuspern machte ihr klar, dass sie ihren letzten Gedanken laut ausgesprochen hatte. Sie lächelte entschuldigend.

Am Abend schrieb Paula ihrem älteren Bruder Kurt von Modersohns Bildern. Auch sie wollte eine Malerei, in der es auf das eigene Gefühl ankam und nicht auf die Konvention, auf das Gesehene, nicht das Gelernte. Heute hatte sie verstanden, wenn sie erst etwas konnte in der Kunst, musste sie nach Worpswede.

Bremen, November 1895

Die Preußische Eisenbahnverwaltung hatte Baurat Woldemar Becker im Zuge der Auflösung des unrentabel gewordenen Betriebsamtes Bremen in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.

Getrieben von dem Gefühl, für den Rest seines Lebens eine nutzlose Existenz führen zu müssen, war er daraufhin nach Leipzig abgereist, um vielleicht bei der Sächsischen Eisenbahn eine Anstellung zu erreichen, immerhin war er früher einmal Bau- und Betriebsinspektor bei der Berlin-Dresdener Bahn gewesen. Diese Krise hatte dazu geführt, dass es nicht die kleinste Feier zu Paulas bestandenem Lehrerinnenexamen gegeben hatte, nur zum Fotografen hatte sie gehen dürfen, der sie einen kecken Blick über ihre rechte Schulter werfen ließ.

Paula zog die Decke über den Kopf. Ihr Vater wünschte, dass sie sich umgehend eine Stelle als Gouvernante suchte, nachdem sie den Sommer mit Tennisspielen und Tanzen und dem Zeichnen von Hermas Porträt verbracht hatte.

Milly begleitete inzwischen die Kinder eines höheren österreichischen Beamten auf einer Reise durch Italien. Sie beherrschte nicht nur Französisch, sondern auch Italienisch nahezu perfekt. Ein Sprachgenie, der Vater hatte es mehr als einmal erwähnt und noch kurz vor der Abfahrt des Zuges betont, ihm fehle das Geld für die von Paula gewünschte kostspielige künstlerische Ausbildung. Jetzt mehr denn je. Es war so ungerecht, dass Frauen dafür so viel mehr bezahlen mussten als Männer!

Während Paula gegen die Steppdecke schnaubte, setzte sich ihre Mutter an den Schreibtisch, zog ein paar ihrer kleinen grauen Bögen hervor und verfasste zwei Briefe. Einen adressierte sie an den Künstlerinnenverein in Berlin, bei dem sie ihre Tochter für den Sommerkurs im Zeichnen anmeldete, den anderen an ihre älteste Schwester Paula, ebenfalls in Berlin. Als Paulas Patentante konnte sie die Bitte nicht abschlagen, ihre Nichte sechs Wochen bei sich aufzunehmen. So erhielt diese eine Belohnung für ihren Gehorsam und Fleiß und der finanzielle Aufwand blieb innerhalb vertretbarer Grenzen.

Hätte sie Woldemar um Erlaubnis fragen sollen? Nein, auch die beste Ehefrau konnte sich nicht in jeder Situation von der Zustimmung ihres Mannes abhängig machen. Und die würde Woldemar in diesem Fall bestimmt nicht geben. Als sie der Schwester schrieb, wie ähnlich sich Vater und Tochter doch seien, spielte sie auf Paulas rotes Haar und die markante Nase an, wollte aber in Wahrheit andeuten, wie schwer sie es mit einem Ehemann hatte, der, seit sie in Bremen lebten, immer schwermütiger wurde und nun ebenso vergeblich wie verbissen um seine berufliche Reputation kämpfte. Ganz gewiss könnte sie nicht zusätzlich noch eine Tochter verkraften, deren seelische Gesundheit durch den Verlust eines Lebenstraums ruiniert würde. Sie selbst hatte sich in Paulas Alter verlobt, aber sie blieb eine geborene von Bültzingslöwen, Mitglied einer alten thüringischen Adels- und Offiziersfamilie und Tochter des Stadtkommandanten von Lübeck.

Die Zwillinge tobten durchs Haus. Mathilde Becker erhob sich von ihrem Sekretär, um sie zur Ruhe zu bringen. Dabei strich sie sich den geblümten Rock ihres Vormittagskleides glatt und ihr typisches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, etwas verspielt, vor allem aber nachsichtig. Sie hatte es sich vor vielen Jahren antrainiert.

Alles fügte sich wie erwartet: Paulas Tante erklärte sich mit wenigen Worten bereit, ihre Nichte während des Sommerkurses bei sich aufzunehmen, der Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin akzeptierte sie als Schülerin und Woldemar reagierte schroff und gekränkt, weil Mathilde ihren Plan ohne sein Wissen ins Werk gesetzt hatte.

Berlin, April bis Dezember 1896

Paulas 20. Geburtstag am 8. Februar hatte die Mutter zum ausgelassenen Fest gemacht.

Mit leuchtenden Augen, einer Pappkrone auf dem Kopf und einer Blumengirlande um den Hals, stand sie den ganzen Tag im Mittelpunkt. Acht Wochen später wartete ihr Bruder Kurt am Bahnhof Friedrichstraße. Die Tante, zwölf Jahre älter als ihre Schwester und in zweiter Ehe mit einem Militär verheiratet, nahm Paula in der zweiten Etage der Perleberger Straße 23 in Moabit nahe Fritz-Schloss-Park und Charité ohne Begeisterung in Empfang. In der großen dunklen Wohnung wies sie ihr ein Zimmer nach hinten zu.

Dort blickte Paula mit ungläubigen Augen vom Fenster aus auf einen tristen Innenhof und die Rückfront des gegenüberliegenden, ebenfalls vierstöckigen Hauses. Weder aus Dresden noch aus Bremen kannte sie eine ähnlich dichte Bebauung. Diese Enge und Kühle und Dunkelheit war angsteinflößend.

Bevor am Nachmittag des 5. April der Unterricht beginnen sollte, wälzte sich Paula eine Nacht lang schlaflos in den Kissen. Wie mochten die Lehrer sein, nahmen sie ihre Schülerinnen ernst, konnte sie wirklich etwas von ihnen lernen, wie gut waren die anderen Mädchen?

Auf dem circa 15 Kilometer langen Weg in die Potsdamer Straße 38 stieß sie mehrfach mit eilig einhergehenden und dann schimpfenden Passanten zusammen, musste dem Pferdeomnibus oder der Pferdebahn ausweichen, bestaunte die Elektrische. Dann endlich stand sie vor dem roten Backsteinbau mit großen Atelierfenstern.

Im lichtdurchfluteten Zeichensaal saß ein eleganter Mann mittleren Alters auf einer der tiefen Fensterbänke und erzählte, er sei in Westerhever als Sohn eines Bauern geboren, habe die Akademien in Düsseldorf und München sowie die Académie Julian in Paris besucht und gehöre der Vereinigung der Elf an, die sich vier Jahre zuvor unter dem Vorsitz von Max Liebermann und Walter Leistikow von der Kunstpolitik des Kaisers samt dem Historismus eines Anton von Werner abgewandt hatte und ihre Werke in privaten Kunstgalerien ausstellte.

An den Wänden standen Bilder von locker getüpfelten, hellfarbig blühenden Hallig-Landschaften und detailfreudigen Innenräumen, die seine Begegnung mit dem französischen Impressionismus deutlich dokumentierten. Eine alte Frau betrat den Raum, grüßte und nahm auf dem Podest Platz.

»Meine Damen, nur zu!«, rief Jacob Alberts nun aufgeräumt. »Brustbild, wenn ich bitten darf!«

Die Kopfform, der Schwung der Schultern. Alles geriet zu groß, das Blatt reichte einfach nicht aus. Sie zerknüllte das Papier. Noch einmal. Kleiner, Paula, kleiner.

»Was ist denn das für ein Mist!«

Mit großer Geste korrigierte Alberts die Zeichnung von Paulas Nachbarin. Die Gescholtene wurde rot bis in die blonden Locken. Und Tränen stiegen in ihren blauen Augen auf. Dann nickte sie voll demütiger Zustimmung und piepste ein leises »Ja«.

Paula würde diese erzwungene Unterwerfung in der Kehle stecken bleiben. Ihr Bleistift rutschte ab und glitt quer übers Papier. Schnell ließ sie das verdorbene Blatt hinter einem hoffnungsvoll leeren verschwinden. Als sie den Kopf endlich komplett aufs Papier gebannt hatte, ging die erste Zeichenstunde zu Ende, ohne dass ihr Lehrer einen Blick auf ihre Arbeit geworfen hatte. Frustriert steckte sie ihren Zeichenblock und das Kästchen mit den Bleistiften und Kohlen in ihre neue große Künstlerinnentasche aus dunkelgrünem Samt.

Am nächsten Tag wischte Alberts mit der gesamten Handfläche über die Zeichnung einer Schülerin.

»Sie müssen mit mehr Leidenschaft arbeiten, meine Damen. So geht das!«

Verschwunden waren akribische Kreuzschraffuren, hervorgehobene Kontur. Paula starrte fassungslos. Doch der Lehrer setzte mit breitem Daumen noch ein paar Schatten in der linken Gesichtshälfte auf und schummerte mit einem Stück Brot, das er aus der Hosentasche zog, ein paar Lichter.

»Jetzt«, erklärte er, während er einen Schritt zurücktrat, den Kopf schief legte und sich an die Nase fasste, »ist die Zeichnung einzigartig und hat Flair.«

Paula wusste nicht, ob sie sich fürchten oder in Lachen ausbrechen sollte.

»Männer wissen immer alles besser. Niemand stellt das infrage. Erst recht nicht bei einem Lehrer.«

Das Mädchen, das diese nur zu wahren Worte flüsterte, trug eine moderne, ja beinahe revolutionäre Kurzhaarfrisur. Das gefiel Paula. Sie reichte ihr die Hand und stellte sich vor.

»Minna Hermine Paula Becker aus Bremen, also Paula!«

»Paula Ritter, ebenfalls Bremen!«

*

Zu den anderen Mitschülerinnen blieb Paula auf Distanz. Auch die große Stadt verlor nichts von ihrem Schrecken. Nur die vielen Gesichter auf den Straßen übten eine enorme Faszination auf sie aus. Im Vorbeigehen versuchte sie, sich das Charakteristische in Sekundenschnelle zu merken. Während am Abend ihre Tante stickte und ihr Onkel mit der Zeitung raschelte, zeichnete sie diese aus dem Gedächtnis oder schrieb der Mutter mit schwarzer Tinte auf einem Bogen hellgelben Papiers. Die Buchstaben reihten sich groß und fließend aneinander und verrieten nicht, wie schwer sich Paula damit tat, ihre Gefühle in Worte zu fassen und sich damit dem anderen ganz anzuvertrauen. Aber der Mutter war kein Detail zu viel. Und sie hatte Geld für eine Verlängerung von Paulas Aufenthalt geschickt.

Ihr Vater hatte dazu eine dezidierte Meinung: »Ich glaube nicht, dass du eine gottbegnadete Künstlerin ersten Ranges werden wirst.« Paula hörte die Worte in seinem schwerfälligen Deutsch, dessen Akzent seine baltische Herkunft noch immer verriet. Die R’s rollten durch ihren Kopf. Keine Künstlerin ersten Ranges. Er glaubte nicht an sie. Niemals würde er ihre Arbeiten seinen Grafikfreunden im Kupferstichkabinett der Kunsthalle zeigen. Kunst war und blieb in seinen Augen Männersache.

Ein dumpfer Schmerz breitete sich in Paulas Brust aus. Sie litt, stürzte aber nicht mehr ins Bodenlose, wie sie das früher bei einer Kränkung getan hatte. Die Kunst hielt sie. Sie würde nie mehr »das graue Entlein« sein.

Dem Vater antwortete sie: »Ich werde alle meine Kräfte anspannen und so viel aus mir machen wie nur möglich.« Danach ging sie mit ihrem Aquarellkasten in den Garten des Künstlerinnenvereins und malte die frühen Blumen.

*

»Was soll aus Paula werden?«, fragte Woldemar Becker am 3. Juli 1896 im Brief an seine Frau. »Auch ist sie und bleibt unselbstständig und hat nicht die Energie, aus sich selbst etwas zu schaffen und sich selbstständig zu machen.«

Sprach ihr Mann von seiner Tochter oder von sich? Paula hatte ihr Examen mit Bravour bestanden. Früher war sie ein stilles Kind gewesen, das Mathilde das Leben leicht gemacht hatte. Sie hatte sich quasi selbst erzogen. Lieblich und ein wenig verträumt. Vielleicht hing das mit dem Tod von Hans zusammen, der im Alter von zwei Jahren an Diphterie gestorben war. Paula war damals sechs gewesen, alt genug, um die Tragödie bewusst erlebt zu haben.

Woldemar behauptete nun, sie wäre ein muffiges Wesen, das nicht mehr zustande brächte, als Blumen in Vasen zu stecken und in den Zimmern zu verteilen. Was bitte war falsch an Blumen? Mathilde hatte ihren Mädchen eine Kindheit lang Kränze fürs Haar geflochten. Ihre Gartenblumen waren ihr ganzer Stolz. Aber es kam noch besser: »Ich glaube nicht, dass unsere Töchter sich verheiraten werden, Paula am wenigsten, weil sie für andere kritischer ist als für sich.« Auf Paula war Woldemar im Moment ärgerlich, aber wie konnte er über Milly ein so harsches Urteil fällen? Und Herma war noch so klein. Der Brief endete mit: »Du hast immer Entschuldigungsgründe.«

Natürlich hatte sie die, sie war schließlich ihre Mutter. Woldemar dagegen hatte nie verwunden, dass seine eigene Mutter bereits drei Jahre nach seiner Geburt gestorben war. Sein Vater, der Wirkliche Kaiserlich-Russische Staatsrat und Direktor des Französischen Lycée Richelieu in Odessa, hatte seinen Sohn mit neun Jahren in Pension zu einem Mathematikprofessor nach Dresden gegeben. Das lag wer weiß wie viele Kilometer entfernt. Woldemar war ein erwachsener Mann gewesen, als Adam von Becker schließlich mit seiner dritten Ehefrau und deren Tochter ebenfalls an die Elbe gezogen war. Jetzt schüttete ihr Mann wie so oft das Kind mit dem Bade aus. Sie beschloss, es zu ignorieren und ihn auch nicht darauf hinzuweisen, dass sie seit seiner überstürzten Abreise sämtliche Angelegenheiten der Familie regelte, die konsternierten Blicke der Freunde und Bekannten übersah und ihre spitzen Fragen überhörte, die ihm galten, nicht Paula.

*

Mit der großen Zeichenmappe unterm Arm kehrte Paula nach Bremen zurück. Ihre Mutter hatte eine Ermäßigung der Studiengebühr erreicht und zwei Zimmer der Wohnung untervermietet, um diese bezahlen zu können. Paula umarmte sie stürmisch. Der Vater, erfolglos von seiner Suche nach einer neuen Stelle heimgekehrt, echauffierte sich mindestens einmal am Tag.

Wenn sie die Eltern streiten hörte, schloss Paula die Tür zu ihrem Gartenatelier, breitete ihre Zeichnungen auf dem Fußboden aus, setzte sich davor, freute sich an ihrem zunehmend souveränen Strich mit der Kohle, den Fortschritten mit den Aquarellfarben. Manchmal klopfte Aline von Kapff an die Tür, ließ sich neben ihr nieder, schaute, machte Mut.

Auch die strenge Tante Marie Hill, inzwischen verwitwet und Besitzerin einer Gästepension in Stuttgart, unterstützte Paula, indem sie sie zu einer Malreise in ihr Ferienhaus nach Hindelang einlud. Paula stellte ihre Staffelei mitten in die Natur und wartete ungeduldig auf Milly, die aus Wien anreisen wollte. Auf der Rückfahrt besuchte sie in München die Neue Pinakothek und die Schack-Galerie.

Berlin, Januar bis März 1897

Erholt, gebräunt und mit größerer Willenskraft denn je ausgestattet, war Paula im Oktober 1896 nach Berlin zurückgekehrt.

Sie hatte nun auch die Aktklasse und die Landschaftsklasse belegt und seitdem an jedem Unterrichtstag acht Stunden gearbeitet. Ihre Freizeit verbrachte sie in den Museen. Bei Dürer, Cranach und Holbein fand sie eine große, ruhige Form, die alle Turbulenzen ihres Gemüts beruhigte. Ein Menschenbild, klar und reflektiert, breitete sich über ihr aus wie ein Schirm. Sie musste die Geschichten der Personen, die vor Hunderten von Jahren gelebt hatten, nicht kennen, ihre Gesichter sprachen von Allgemeingültigem.

Als Modelle wählte Paula weiterhin mit Vorliebe alte Frauen. Seit ihrem ersten Porträtversuch faszinierten sie die Lebensspuren im Gesicht eines Menschen. Berlin mit seinen schattigen Hinterhöfen, kalten Wohnungen, riesigen Fabrikhallen und ausgedehnten Armenvierteln hinterließ besonders dramatische. Der moderne Großstadtmensch schien nichts anderes zu sein als ein dürres Blatt im Wind.

An einem trüben Morgen in den ersten Januartagen saß in der Mitte des großen Zeichensaals eine nackte junge Frau schüchtern auf einem Hocker. Paula arbeitete sie mit dem Kohlestift gut aus dem Schatten heraus, wenn auch einzelne Körperpartien wie Brust und Bauch noch etwas unklar blieben. Das Thema Akt elektrisierte sie. Der Mensch an sich. Entblößt, wahrhaftig. Es kam einer Schöpfung gleich. Ernst Friedrich Hausmann lobte.

»Weißes oder farbloses Licht ist eine Mischung aus den farbigen Lichtarten rot, orange, gelb, grün, blau, violett.«

Ludwig Dettmann dozierte in einschläferndem Tonfall vor der Landschaftsklasse.

»Die verschiedenen Licht- oder Spektralfarben unterscheiden sich in ihrer Wellenlänge. Rotes Licht hat die größte Wellenlänge, violettes Licht die kleinste.«

Er hielt eine rote Vase in die Luft.

»Ein Gegenstand erscheint farbig, weil er von dem auf ihn fallenden weißen oder farblosen Licht nur einen bestimmten farbigen Anteil reflektiert und den Rest absorbiert.«

Alle blickten auf die Vase.

»Schwarz erscheinen Materialien, die fast alles Licht absorbieren.«

Der Lehrer schwenkte ein Stück schwarzen Samt, dann klappte er einen großen Holzkasten mit Farbtuben auf. Bleiweiß, Kremserweiß, Zinkweiß, Zinnober, roter Ocker, Krapplack, Karminrot, Umbra, Kadmiumgelb, Neapelgelb, Grüne Erde, Malachit, Grünspan, die wunderbaren Blautöne Azurit, Ultramarin, Smalte, Kobalt und Indigo.

Jeder Künstler erarbeitete sich seine eigene Paletten-Ordnung. Rembrandt hatte sich auf sechs Farbtöne beschränkt, in der Rubenszeit wurden mindestens acht Farben an den oberen Rand der Palette gesetzt, dazu noch einige Mischfarben.

»Otto Modersohn hat auch sein Schneebild im Freien gemalt«, flüsterte Paula einer Frau zu, die neben ihr stand, während der Pedell einen großen verdorrten Ast auf dem Podest ablegte.

Dann mischte sie auf ihrer Palette diverse Schwarz- und Ockertöne an und ließ das Ganze in Weiß erstrahlen. Das war schön, aber eben nicht nach der Natur. Dettmanns Assistent, der seine Gleichgültigkeit mit etwas Galanterie bemäntelte – »Mein gnädiges Fräulein« da und »mein gnädiges Fräulein« dort –, vollendete trotz Paulas vehementem Widerspruch jedes ihrer Bilder.

»Nehmen Sie es sich nicht zu Herzen.«

Emmy Meyer hakte sich bei Paula unter. Die zierliche Brünette stammte aus Hannover, war Tochter eines sehr erfolgreichen Schneidermeisters, hatte ihre Mutter früh verloren, ein Pensionat in Thüringen besucht und nach dem Tod ihres Vaters ein paar Jahre bei ihrem Bruder in London verbracht.

»Dettmann ist der festen Überzeugung, die hauptsächliche Begabung junger Frauen läge im Heiraten. Aber das ist ja eigentlich ganz unwichtig. Wer ist denn nun dieser Schneebildermaler?«

Paula erzählte der etwa zehn Jahre Älteren mit Feuereifer von der Ausstellung in Bremen und den Freilichtmalern im Teufelsmoor.

*

Ende Januar nahm Paula den Unterricht in der Porträtklasse von Jeanne Bauck auf. Die Deutsch-Schwedin, Tochter eines Komponisten, hatte in Dresden und Düsseldorf studiert. In München hatte sie mit ihrer Freundin Bertha Wegmann ein erfolgreiches Atelier für Porträtmalerei geführt und eine private Malschule für Frauen gegründet.

»Das war auch eine politische Botschaft für die Gleichberechtigung!«

Mit der imposanten Statur, dem spröden und klugen Gesicht, dem hellen Haar und dem energischen Wesen glich sie Aline von Kapff.

»Bertha und ich sind Seelenverwandte.«

Jeanne erzählte, dass sie mit der Freundin Studienreisen nach Italien und Paris unternommen und dort im Salon de Paris präsentiert hatte.

»Sie ist Dänin und wurde als erste Frau in den Vorsitz der Königlich Dänischen Kunstakademie gewählt.«

Paula war bezaubert von so viel Glück und Erfolg, Freiheit und Unabhängigkeit. Seelenverwandte, was für ein wundervolles Wort.

*

Zu ihrem 21. Geburtstag ermahnte der Vater Paula zur Selbstverantwortung im Erwachsenenleben und wünschte ihr gute Gesundheit und, sieh an, Fortschritte und Zufriedenheit in ihrer Kunst. Tante Marie Hills Stieftochter Cora von Bültzingslöwen schlug einen Umzug in ihre prächtige Villa nach Schlachtensee am Rande des Grunewalds vor. Paula bezog ein großes helles Zimmer mit Blick in einen parkähnlichen Garten und verfügte über ein eigenes Bad. Außerhalb des Grundstücks war nichts als Natur. Herrlich! Sie sollte die schöne Tante Cora und den stattlichen Onkel Wulf zum Dank dafür jeden Abend zeichnen, riet ihre Mutter.

Paula zerknüllte den Brief. Jeder Mensch war bildwürdig und Kunst nicht zur Verherrlichung von Schönheit da, sondern musste ernst und ehrlich sein, vom wirklichen Leben erzählen, oder sie blieb ein läppisches Sonntagsvergnügen. Niemals würde sie Salonbilder malen. Nicht einmal ihre Mutter verstand das.

»Du kannst nicht immer nur arbeiten, mein Kind«, sprach Tante Cora beim Frühstück eines Tages. Sie hatte einen deutlichen Akzent, denn sie war 1852 auf einem niederländischen Segelschiff vor der Küste Neuseelands geboren worden und dort auch aufgewachsen. »Dafür bist du viel zu jung.«

Um dieser einseitigen Lebensweise etwas Vergnügen entgegenzusetzen, lud sie Paula zu einem Faschingsball mit dem Motto Frühling ein.

Paula liebte diese Jahreszeit und besaß eine Reproduktion des berühmten Botticelli-Gemäldes. Entschlossen steckte sie ihr dichtes rotes Haar in einem Knoten zusammen, nestelte an jeder Schläfe eine Strähne hervor, die sie zur Locke drehte und fixierte darüber eine rosafarbene Kamelienblüte. Dieser Haarschmuck wertete selbst ihr Grauseidenes auf. Ansonsten war es praktisch, weil man es zu vielen Gelegenheiten tragen konnte, aber praktisch war nun mal das Gegenteil von elegant.

Den Weg zur Villa der Nachbarn fand Paula allein. Ein schwarz gekleidetes und weiß beschürztes Hausmädchen öffnete die stattliche Tür. Die große Halle mit Säulen und einem schimmernden Marmorboden war über und über mit Blumenarrangements geschmückt. Es duftete berauschend und sah überwältigend aus. Paula konnte die Augen nicht von den Farben und Formen abwenden, zerstreut reichte sie dem Mädchen ihren Mantel.

Tante Cora, im violetten Seidenkleid mit Fliederbukett am Ausschnitt, musste auf Paula gewartet haben, denn sie brachte sie sogleich zur Dame des Hauses. Sie glich einer Lilie, ganz in Weiß mit Perlen in den Ohren und am Hals, musterte sie mit einem leicht sarkastischen Lächeln in den Mundwinkeln und nahm ihren Dank für die Einladung huldvoll entgegen. Onkel Wulf, vertieft in wichtige Gespräche, winkte von Weitem.

Cora von Bültzingslöwen führte ihre Nichte nach ein paar freundlichen Worten in den Tanzsaal und stellte ihr einen Maler und einen Bildhauer vor. Die »Kollegen« interessierten sich jedoch nicht für sie, sondern verrenkten sich die Hälse nach als »gute Partien« herausgeputzten jungen Damen, tuschelten, lästerten, lachten.

Paula musste drei Mal hintereinander hüsteln, erst dann reichte ihr der schmächtige Maler ein Glas Sekt. Es war lächerlich, dass sie es sich nicht selbst vom Tablett nehmen konnte. Der Bildhauer forderte eine junge Dame zum Tanz auf, der Maler stand weiterhin unschlüssig neben ihr.

Paula tanzte für ihr Leben gern. Milly und sie hatten für den letzten Architektenball in Bremen weiße Kleider gewählt und waren, die eine blond, die anderen rothaarig, als Sensation des Abends gefeiert worden. Sie stellte ihr halb leeres Glas resolut auf einem zierlichen Beistelltischchen ab. Endlich verbeugte sich der Schmächtige artig vor ihr.

»Sie malen, Gnädigste?«, säuselte er beim Wiener Walzer.

»Ja«, entgegnete Paula knapp.

Ganz gewiss würde sie diesem Fremden nichts über die größte Freude ihres Herzens erzählen, dazu wirkte er viel zu grämlich. Wie einer, der widerspruchslos den akademischen Pinsel schwingt und hofft, sich damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wahrscheinlich hätte er auch Apotheker werden können.

»Es ist schön und beruhigend, wenn die jungen Damen etwas lernen, womit sie sich später einmal die Zeit vertreiben können.«

Das war ja noch schlimmer, als sie erwartet hatte.

»Ich vertreibe mir nicht die Zeit, ich studiere und arbeite. Ich werde Malerin.«

Der Frauenfeind mit den schweißnassen Händen beherrschte nur die Rechtsdrehung. Und die nur holprig. Paula kam in Konflikt mit ihrer Schleppe, auch ließ ihr enger Rock die Schrittgröße nicht zu, die ihr Tanzpartner starrsinnig vorgab. Das Korsett nahm ihr mit jeder Drehung mehr die Luft zum Atmen. Aber sie musste diese Zumutungen ertragen, sonst würde ihr Tänzer später herumerzählen, sie wäre hysterisch. Im Moment verfolgte er mit aufmerksamen Augen eine äußerst eng geschnürte Blondine mit von Diamanten blitzenden Ohren.

»Finden Sie nicht auch, Fräulein von Machwitz sieht heute besonders hinreißend aus.«

Paula war da anderer Meinung, doch ihr Ärger über seine Herabsetzung führte dazu, dass sie errötete. Dabei machte sie sich nicht viel aus Männern. Ihr war noch keiner begegnet, der sie mit seinem Äußeren fasziniert, mit seiner Stärke beeindruckt und mit seinem Humor für sich eingenommen hätte.

*

In den folgenden Wochen lernte Paula die Ölfarben lieben, ihre Eigenheiten, ihre Verwandtschaft, ihre Gegensätze. Sie malte ein schwungvolles helles Selbstporträt in impressionistischer Manier mit kühnem Blick, mit bewegtem Inkarnat und leuchtendem Haar. Jeanne hatte ihr gestanden, dass sie, wenn sie miteinander sprachen, in Gedanken Paulas Antlitz vermaß. Noch nie hatte ihr jemand ein Kompliment zu ihrem Gesicht gemacht. Jetzt erfuhr sie, es wäre interessant.

Ohne Bedauern machte Paula Schluss mit verdorrten Ästen und toten Baumstümpfen in Essig und Öl bei Dettmann, der seine Studentinnen bislang kein einziges Mal hatte draußen malen lassen, obwohl das Wetter es erlaubt hätte. Bevor dieser noch wie Albrecht Dürer ein Stück Frühlingsrasen ausgraben ließ und auf den Ateliertisch knallte, meldete Paula sich ab. Emmy Meyer würde sie weiterhin im Porträtunterricht treffen.

»Lasset die Blumen fest in der Erde wurzeln, aber in ihre Kelche lasset keine Erde fallen«, hatte Jeanne den frühromantischen Dichter Jean Paul zitiert. Paula und ihre Mitschülerinnen diskutierten lange über die Anforderung des Lebens, in der Realität verankert zu bleiben, aber seine Ideale nicht aufzugeben.

Dann wollte Paula über die Bedeutung von Blumen in der Malerei sprechen. Die Akelei, Symbol der Kreuzesnägel Christi, die Lilie als Zeichen jungfräulicher Reinheit, die zarte Nelke, die das Liebeswerben anzeigt, die aufgeblühte Rose als Zeichen der Liebeserfüllung. Mit der Sprache der Blumen konnte eine Malerin so viel über die Seele eines Menschen sagen.