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Erweiterte Neuauflage des bewährten Nachschlagewerkes zur germanistischen Linguistik. Der Band konzentriert sich auf die grundlegenden Bereiche der Grammatik und erläutert die grammatischen Grundbegriffe leicht verständlich und präzise. Der systematische Aufbau und zahlreiche Beispiele erleichtern das Erlernen der Fachbegriffe in Sachzusammenhängen. Ein grundlegendes Buch für alle Studierenden der germanistischen Sprachwissenschaft. Aus einer Rezension: „Die Präzision der Definitionen, ihre Erklärung im systematischen Zusammenhang und die Übersichtlichkeit der Darstellung sind drei wesentliche Argumente für die Stärke des Grammatischen Kompendiums“ (ZRS 4, 2012).
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Seitenzahl: 858
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Wilfried Kürschner
Grammatisches Kompendium
Systematisches Verzeichnis grammatischer Grundbegriffe
A. Francke Verlag Tübingen
© 2018 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen www.francke.de • [email protected]
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8463-4693-8
Der Charakter des vorliegenden Buches hat sich gegenüber den vorangegangenen Auflagen nicht verändert: Das Grammatische Kompendium nimmt eine Zwischenstellung zwischen terminologischem Wörterbuch und ausführlicher Grammatik des Deutschen ein. Anders als in den üblichen Terminologielexika unterliegt die Reihenfolge der hier aufgenommenen Termini nicht den Zufälligkeiten des Alphabets, sie werden vielmehr in sachlich-systematischen Feldern angeordnet, definiert und an Beispielen erläutert. Damit kann das Kompendium auch als eigenständiges kurzgefasstes grammatisches Lehrbuch benutzt werden.
Eine sachlich und terminologisch harmonisierende Darstellung der vorliegenden Literatur ist, auch angesichts der zahlreichen neuen Publikationen zur deutschen Grammatik, nicht zu erreichen. Der Leser sollte daher darauf gefasst sein, im vorliegenden Buch eine weder terminologisch noch sachlich mit irgendeiner anderen Grammatik völlig übereinstimmende Darstellung vorzufinden. Es dominieren hier die Vorstellungen der traditionellen und der Schulgrammatik, verbunden mit Elementen aus der Valenzgrammatik. Insofern kommt das Kompendium in den Kapiteln zu Wortarten und Syntax der grammatischen Begrifflichkeit in Schullehrbüchern, in Schulgrammatiken und in dem (im Anhang abgedruckten) »Verzeichnis grundlegender grammatischer Fachausdrücke« der Kultusministerkonferenz (1982), auf das sich die Schulbücher zu stützen haben, entgegen, ohne sie in jeder Hinsicht zu teilen.
Die vorliegende 7. Auflage des Grammatischen Kompendiums unterscheidet sich von der vorangehenden Ausgabe hauptsächlich von der äußeren Aufmachung her, inhaltlich nur in geringem Maß. Es waren einige (wenige) Versehen zu korrigieren, die immer noch stehengeblieben waren und auf die mich Studenten und Kollegen freundlicherweise aufmerksam gemacht haben. Außerdem wurden einige sachliche Zusätze und Modifikationen vorgenommen und die Literaturangaben aktualisiert.
Zu danken ist Olga Gowin, Johanna Helfer und Sönke Rasche (Vechta) für wichtige Anregungen zu Textänderungen. Sebastian Kürschner (Eichstätt) hat die neue Fassung gründlich durchgesehen. Tillmann Bub vom Verlagslektorat hat die Erstellung der Neuauflage mit Sachverstand und Freundlichkeit begleitet.
Vechta, im Juni 2017 Wilfried Kürschner
Das im Folgenden häufig verwendete, hier am Rand abgebildete Icon steht für ‘Redeweise’, ‘Redewendung’ und wird vor Angaben über Wortformen grammatischer Termini (z. B. »das Genus, des Genus, die Genera«) und vor typische Redewendungen der Grammatiker (z. B. »Dieses Verb regiert den Akkusativ«) gesetzt.
Angaben zur konventionellen Notation sind mit dem nebenstehenden Stift-Icon versehen.
Auf wichtige Hinweise im Text macht ein Icon mit einem Ausrufezeichen aufmerksam.
Der alltagssprachliche Ausdruck Sprache Sprachbegriffist mehrdeutig. Im Folgenden werden einige Begriffe zur Erfassung der unterschiedlichen Aspekte, unter denen der Gegenstand Sprache betrachtet werden kann, aufgeführt.
Menschliche SprachfähigkeitSprach- und SprechfähigkeitSprechfähigkeit und RedetätigkeitRedetätigkeit überhaupt.
der/die LangageLangage, des/der LangageLangage (Plural nicht gebräuchlich, Aussprache: [lA=Èga<Z])
die LangueLangue, der LangueLangue, die Langues (Aussprache: [lA=<g])
die ParoleParole, der ParoleParole (Plural nicht gebräuchlich, Aussprache: [paÈül])
Diese Begriffe (sowie die übrigen oben erwähnten das ZeichenZeichen betreffenden Begriffe) gehen auf Ferdinand de Saussure zurück (1857–1913, postum erschienenes Hauptwerk: »Cours de linguistique générale«, 1916). Noam Chomsky (geb. 1928) hat unter Rückgriff auf diese Begriffe die Unterscheidung von KompetenzKompetenz und PerformanzPerformanz eingeführt:
Wissen eines »idealen Sprecher-HörerSprecher-Höreridealer Sprecher-Hörers« von seiner Sprache, dem InventarInventar ihrer Elemente und ihren Verknüpfungsregeln; Fähigkeit des Sprecher-Hörers, auf dieser Grundlage eine unbegrenzte Zahl von Äußerungen zu bilden und zu verstehen.
Gebrauch der Sprache, ihre konkrete Realisierung in Äußerungen, die in einer bestimmten Situation von einem bestimmten Sprecher produziert und von einem bestimmten Hörer rezipiert werden.
Ebenfalls auf de Saussure geht die Unterscheidung von SynchronieSynchronie und DiachronieDiachronie zurück:
SprachzustandSprachzustand innerhalb eines bestimmten (kurzen) Zeitraums.
Geschichtliche Entwicklung einer Sprache.
Untersuchungen, die einen SprachzustandSprachzustand (etwa das AlthochdeutschAlthochdeutsche, das MittelhochdeutschMittelhochdeutsche, das GegenwartsdeutschGegenwartsdeutsche usw.) zum Gegenstand haben, heißen synchronsynchron oder synchronischsynchronisch (»Querschnittsuntersuchungen«). Entsprechend heißen auf die geschichtliche Entwicklung einer Sprache gerichtete Untersuchungen diachrondiachron oder diachronischdiachronisch (»Längsschnittuntersuchungen«).
Beispiel:
Mit der AusdrucksseiteAusdrucksseiteBirne sind drei Sememe = Lesarten = Bedeutungsvarianten verbunden: 1. ‘Frucht des Birnbaums’, 2. ‘Leuchtkörper’ , 3. ‘Kopf’ (umgangssprachlich).
das SememSemem, des SememSemems, die SememSememe (Betonung auf -me(m)-)
Beispiel:
Die BedeutungBedeutungen = InhaltInhalte = SememSememe der ZeichenZeichenMann, Junge und Ochse haben das semantische Merkmal = das SemSem ‘männlich’ gemeinsam, Mann und Junge außerdem das semantische Merkmal ‘Mensch’. Mann und Junge unterscheiden sich hinsichtlich des Wertes des semantischen Merkmals ‘erwachsen’ voneinander (‘+erwachsen’/[+erwachsen] bzw. ‘−erwachsen’/[−erwachsen], lies: »plus erwachsen« bzw. »minus erwachsen«), von beiden unterscheidet sich das SememSemem von Ochse durch das semantische Merkmal ‘Rind’, das anstelle von ‘Mensch’ vorhanden ist.
Angaben zu SememSememen und semantischen Merkmalensemantisches Merkmal stehen in halben AnführungszeichenAnführungszeichenhalbes-, semantische Merkmale auch in eckigen KlammernKlammereckigeeckige Klammer.
Beispiele:
sterben (konnotationsfrei) –abkratzen ‘sterben, elend’ – verscheiden ‘sterben, in Würde’
Pferd (konnotationsfrei) – Gaul ‘Pferd, abwertend’
Klasse von außersprachlichen Objekten (Gegenständen, Verhältnissen, Eigenschaften, Sachverhalten), auf die ein ZeichenZeichen oder eine Zeichenverbindung anwendbar ist.
Beispiel:
Die Menge der Steine ist das Designat des Zeichens Stein.
das Designat, des Designats, die Designate (Betonung auf -na(t)-)
Beispiel:
Bei der Äußerung eines Satzes wie Der Stein glänzt wird auf einen bestimmten, konkreten Stein Bezug genommen = auf ihn referiert.
die Referenz, der Referenz (Plural nicht gebräuchlich)
Verb: referieren
Beispiel:
Bei der Äußerung eines Satzes wie Der Stein glänzt ist der bestimmte, in der Sprechsituation gemeinte Stein der Referent des Zeichens Stein.
der Referent, des Referenten, die Referenten
das Denotat, des Denotats, die Denotate (Betonung auf -ta(t)-)
Beispiele:
schreiten – gehen
Rose – Blume
dunkelrot – rot
Zeichen, die gemeinsam Hyponyme eines anderen sind, sind Kohyponymkohyponym/Kohyponyme, z. B.:
Rose, Tulpe, Nelke – Blume
schreiten, trippeln, marschieren – gehen
das Hyponym, des Hyponyms, die Hyponyme (Betonung auf -ny(m-), Trennung: Hyp-onym oder Hy-po-nym)
die Hyponymie, der Hyponymie (Plural ungebräuchlich, Betonung auf -mie)
Adjektiv: hyponym
das Kohyponym, des Kohyponyms, die Kohyponyme
die Kohyponymie, der Kohyponymie (Plural ungebräuchlich)
Adjektiv: kohyponymkohyponym/Kohyponym
Der Inhalt des Zeichens/Das Zeichen) spazieren ist hyponym zu (zum Inhalt des Zeichens/zum Zeichen) gehen. (Das Zeichen) spazieren ist (ein) Hyponym von/zu (dem Zeichen) gehen. (Die Zeichen) spazieren und gehen stehen im Verhältnis der Hyponymie zueinander.
Beispiele:
gehen – schreiten
Blume – Rose
rot – dunkelrot
das Hyperonym, des Hyperonyms, die Hyperonyme (Betonung auf -ny(m)-, Trennung: Hy-per-onym oder Hy-pe-ro-nym)
die Hyperonymie, der Hyperonymie (Plural ungebräuchlich, Betonung auf -mie)
Adjektiv: hyperonym
das Supernym, des Supernyms, die Supernyme (Betonung auf -ny(m)-, Trennung: Su-per-nym)
die Supernymie, der Supernymie (Plural ungebräuchlich, Betonung auf -mie)
Adjektiv: supernym
(Der Inhalt des Zeichens/das Zeichen) gehen ist hyperonym/supernym zu (zum Inhalt des Zeichens/zum Zeichen) spazieren. (Das Zeichen) gehen ist (ein) Hyperonym/Supernym von/zu (dem Zeichen) spazieren. (Die Zeichen) gehen und spazieren stehen im Verhältnis der Hyperonymie/Supernymie zueinander.
ZeichenZeichen, das inhaltlich den GegenbegriffGegenbegriff eines anderen darstellt. Es steht zum Gegenbegriff im Verhältnis der AntonymieAntonymie.
Hauptfälle:
allgemeiner konträrer GegensatzGegensatzkonträrerkonträrer Gegensatz (‘nicht zugleich A und B’), z. B.:
Dreieck – Kreis (‘etwas ist nicht zugleich Dreieck und Kreis’)
sitzen – stehen
grün – rot
kontradiktorisch-konträrer = komplementärer GegensatzGegensatzkontradiktorisch-konträrerkontradiktorisch-konträrer GegensatzGegensatzkomplementärerkomplementärer Gegensatz (‘nicht zugleich A und B, nicht-A ist B’), z. B.:
wahr – falsch (‘etwas ist nicht zugleich wahr und falsch, und was nicht wahr ist, ist falsch’)
sinnvoll – sinnlos
männlich – weiblich
Leben – Tod
polar-konträrer GegensatzGegensatzpolar-konträrerpolar-konträrer Gegensatz (‘nicht zugleich A und B, A und B als Enden einer Skala’), z. B.:
jung – alt
neu – alt
dick – dünn
wachen – schlafen
KonverseKonversen, z. B.:
kaufen – verkaufen
borgen – leihen
geben – nehmen
Beispiel:
X kauft von Y, Y verkauft an X
das Antonymantonym/Antonym, des Antonyms, die Antonyme (Betonung auf –ny(m)-, Trennung: Ant-onym oder An-to-nym)
die Antonymie, der AntonymieAntonymie (Plural ungebräuchlich, Betonung auf -mie)
Adjektiv: antonym
die Konverse, der Konverse, die KonverseKonversen
(…) jung ist antonym zu (…) alt. (…) alt ist antonym zu (…) jung. (…) jung ist (ein) Antonym zu/von (…) alt. (…) jung und alt sind Antonyme (voneinander) …
Menge von inhaltsverwandten Wörtern, die einen bestimmten begrifflichen oder sachlichen Bereich abdecken.
Beispiele:
WortfeldWortfeld ‘Pferd’: Schimmel, Rappe, Fuchs, Falbe, Stute, Hengst, Wallach, Fohlen, Füllen, Pferd usw.
Wortfeld ‘sich fortbewegen’: gehen, laufen, spazieren, stolzieren, kriechen, krabbeln usw.
Menge von inhaltsverwandten Wörtern mit gleicher oder ähnlicher BasisBasis.
Beispiele:
binden, Band, Binde, Gebinde, Bund, bündeln, bündig, Binder
fangen, Fang, Fänge, Fänger, einfangen – aber nicht auchanfangen, da -fang- in an-fang(-en) bedeutungsmäßig nicht mit dem StammmorphemMorphemStamm-Stammmorphemfang- der Wortfamilie verwandt ist. Verwandtschaft besteht lediglich auf der Ausdrucksseite, auch bei der Formenbildung: fäng-st – anfäng-st, fing – anfing. So auch bei kommen, ankommen, Ankunft, Niederkunft, die eine Wortfamilie bilden, allerdings ohne bekommen, das zwar ebenfalls das Stammelement -komm- aufweist, aber wiederum ohne Bedeutungsverwandtschaft mit dem Stammmorphem komm- der Wortfamilie. – Wörter wie anfang(en), bekommen usw. sind lexikalisierte BildungenBildunglexikalisiertelexikalisierte Bildung, ▶ Nr. 5.5/13.
Übertragung eines Zeichens aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen, wobei der Übertragung Ähnlichkeiten der äußeren Gestalt, der Funktion und Verwendung usw. zugrunde liegen, ohne dass ein direkter Vergleich ausgedrückt wird.
Beispiele:
Der Himmel weint.
das Silber seiner Haare
Kopf der Familie
Die metaphorische Übertragung kann sich im Lauf der Sprachgeschichte verfestigen und zu Bedeutungswandel führen. Man spricht dann von lexikalisierter MetapherMetapherlexikalisiertelexikalisierte Metapher. Zum Beispiel bedeutete Kopf ursprünglich ‘gewölbte Schale’ (so noch in Pfeifenkopf); aufgrund der äußeren Ähnlichkeit wurde das Wort auf ‘Haupt’ übertragen. Weitere Beispiele:
begreifen ‘anfassen, abtasten’ >Größerzeichen (lies: »wird zu«) ‘verstehen’
Grund ‘Unterlage’ > ‘Ursache’
hell ‘in Bezug auf Farbton’ > ‘auch in Bezug auf Tonhöhe usw.’
die Metapher, der Metapher, die Metaphern (Betonung auf -ta-)
Adjektiv: metaphorisch (Betonung auf -pho-)
Übertragung eines Zeichens aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen, wobei die Übertragung auf Dingen und Erscheinungen beruht, die in einem äußeren (ursächlichen, räumlichen, zeitlichen u.ä.) Zusammenhang stehen.
Beispiele:
Schillerlesen (‘Schillers Werke’)
Samttragen (‘Kleidung aus Samt’)
eineFlaschetrinken (‘Flüssigkeitsmenge, die in eine Flasche passt’)
Die metonymische Übertragung kann sich im Lauf der Sprachgeschichte verfestigen und zu Bedeutungswandel führen. Man spricht dann von lexikalisierter MetonymieMetonymielexikalisiertelexikalisierte Metonymie. Zum Beispiel wurde Kragen (mit der Bedeutung ‘Hals’) zur Bezeichnung für das Kleidungsstück, das diesen Körperteil umschließt (die alte Bedeutung ist noch erhalten in Kopf und Kragen [riskieren o.Ä.]).
In diesen Zusammenhang gehört auch die SynekdocheSynekdoche mit ihren Haupttypen Pars pro Toto und Totum pro parte:
eigenerHerd ‘eigener Haushalt’,England ‘Großbritannien, Vereinigtes Königreich’ (Pars pro TotoPars pro Toto [ein Teil steht für das Ganze])
Amerika ‘USA’ (Totum pro ParteTotum pro Parte [das Ganze steht für einen Teil])
die Metonymie, der Metonymie, die Metonymien (Betonung auf -mie, Trennung: Met-ony-mie oder Me-to-ny-mie)
Adjektiv: metonymisch (Betonung auf -ny-)
die Synekdoche, der Synekdoche (Betonung auf -nek-), die Synekdochen (Betonung auf -do-, Trennung: Sy-nek-do-che oder Syn-ek-do-che)
Adjektiv: synekdochisch (Betonung auf -do-)
das Pars pro Toto, des Pars pro Toto
das Totum pro Parte, des Totum pro Parte
Ausdehnung des Bedeutungsumfanges eines ZeichenZeichens; GeneralisierungGeneralisierung.
Beispiel:
mhdMittelhochdeutsch. frouwe ‘Dame von Adel’ > nhdNeuhochdeutsch. Frau ‘weibliche Person’ (zu den Abkürzungen und zur hier zugrundegelegten Einteilung der deutschen Sprachgeschichte ▶ Beginn des Abschnitts 4.3)
Einengung des Bedeutungsumfanges eines ZeichenZeichens; SpezialisierungSpezialisierung.
Beispiele:
ahdAlthochdeutsch./mhdMittelhochdeutsch. varn ‘sich fortbewegen’ > nhdNeuhochdeutsch. fahren ‘sich mithilfe einer antreibenden Kraft fortbewegen’
mhdMittelhochdeutsch. frum ‘tüchtig, nützlich, gottgefällig’ > nhdNeuhochdeutsch. fromm ‘gottgefällig’
BedeutungswandelBedeutungswandel mit AufwertungAufwertung.
Beispiel:
ahdAlthochdeutsch. marahscalc ‘Pferdeknecht’ > mhdMittelhochdeutsch. marschalc ‘höfischer oder städtischer Beamter mit bestimmten Aufgaben’ > nhdNeuhochdeutsch. Marschall ‘Träger des höchsten Militärranges’
BedeutungswandelBedeutungswandel mit AbwertungAbwertung.
Beispiele:
mhdMittelhochdeutsch. wîp ‘Frau’ > nhdNeuhochdeutsch. Weib ‘abwertende Bezeichnung für Frau’
mhdMittelhochdeutsch. Knecht ‘Knabe, junger Mann’ > nhdNeuhochdeutsch. Knecht ‘Diener’
BedeutungswandelBedeutungswandel mit Austausch von Bedeutungen.
Hauptfälle (nach Schweikle 1996, S. 248 f.):
vom Besonderen zum Allgemeinen, z. B.:
mhdMittelhochdeutsch. hövesch/hübesch ‘hofgemäß, gebildet, gesittet’ > nhdNeuhochdeutsch. hübsch ‘angenehm, gefällig im Äußeren’
vom Allgemeinen zum Besonderen, z. B.:
mhdMittelhochdeutsch. berillus/berille ‘Beryll (Halbedelstein, aus dem Brillen hergestellt wurden)’ > nhdNeuhochdeutsch. Brille
vom Konkreten zum Abstrakten (oft metaphorischeMetapher Verwendung), z. B.:
mhdMittelhochdeutsch. sweric/swiric ‘voll Schwären, eitrig’ > nhd. schwierig
mhdMittelhochdeutsch. zwec ‘Nagel aus Holz oder Eisen’ , seit dem 15. Jh.: ‘Nagel, an dem eine Zielscheibe aufgehängt ist’ , dann: ‘das Ziel selbst’ > nhd. Zweck
vom Abstrakten zum Konkreten, z. B.:
mhdMittelhochdeutsch. sache ‘Rechtsgegenstand’ > nhd. Sache (jeder konkrete Gegenstand)
Für die Beschäftigung mit der SchreibungSchreibung (des Deutschen und anderer Sprachen, in denen AlphabetschriftSchriftAlphabet-Alphabetschriften verwendet werden) ist der Begriff BuchstabeBuchstabe zentral. »BuchstabeBuchstabe« wird alltagssprachlich allerdings in (mindestens) zweierlei Sinn gebraucht, wie aus den Antworten auf eine Frage wie »Aus wie vielen Buchstaben besteht (die graphische AusdrucksseiteAusdrucksseite des Wortes) besenrein?« deutlich wird. Wenn die Antwort »neun« lautet, werden BuchstabenvorkommenVorkommenBuchstaben-Buchstabenvorkommen(b, e, s, e, n, r, e, i, n) gezählt, wenn sie »sechs« lautet, BuchstabentypTypBuchstaben-Buchstabentypen(b, e, s, n, r, i). BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen können jeweils unterschiedliche Formen haben, z. B. a, A, a, a, a; b, b, b, b – sie werden dennoch als zum selben BuchstabentypBuchstabentyp gehörig betrachtet, und zwar deshalb, weil sie jeweils denselben WertWert haben: Gleichgültig, ob ab, Ab, ab, ab, ab, ab, ab, ab … geschrieben wird, immer handelt es sich um die graphische Wiedergabe des ZeichenZeichens ab.
Die Unterscheidung zwischen »TypTyp« und »VorkommenVorkommen« wird häufig auch mit den englischen Termini TypeType und TokenToken (sprich: [taíIp], [t«íUk«n]) benannt. Statt BuchstabentypBuchstabentyp ist der Terminus Graphem gebräuchlich, statt BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen der Terminus Graph:
BuchstabenvorkommenVorkommenBuchstaben-Buchstabenvorkommen; einzelner konkret realisierter BuchstabeBuchstabe.
das Graph, des Graphs, die Graphe
das Graphem, des Graphems, die Grapheme (Betonung auf -phe(m)-)
Der Vorgang der Zusammenfassung von GraphGraphen zu GraphemGraphemen wird KlassifizierungKlassifizierung genannt:
Zusammenfassung von Elementen, die materiell verschieden sein können, aber denselben WertWert haben, zu einer Klasse.
GraphGraphe werden zu einem GraphemGraphem klassifiziert; Graphe werden einem Graphem zugeordnet.
Voraussetzung für die Operation der KlassifizierungKlassifizierung von Elementen ist, dass die Elemente als voneinander unterschiedene, gegeneinander abgegrenzte Einheiten vorliegen. Diese Abgrenzung ergibt sich durch die Operation der Segmentierung:
Zerlegung einer Äußerungskette in kleinste, gegeneinander abgegrenzte Elemente.
In Texten, die mit DruckbuchstabeBuchstabeDruck-Druckbuchstaben geschrieben sind, treten (in der gebräuchlichen LateinschriftLateinschriftSchriftLatein-) normalerweise klar segmentierte, das heißt: voneinander unterschiedene, durch Lücken gegeneinander abgegrenzte Einheiten auf. In handschriftSchriftHand-Handschriftlichen Texten bereitet die SegmentierungSegmentierung häufiger Schwierigkeiten, da die Einheiten in den Wörtern meist miteinander verbunden und Anfang und Ende der jeweiligen Einheiten nicht klar zu bestimmen sind.
Kriterium für die Zulässigkeit der KlassifizierungKlassifizierung von Elementen zu einer Einheit ist, dass sie denselben WertWert haben. Ob dies der Fall ist, lässt sich dadurch feststellen, dass man prüft, ob bei der Ersetzung eines Elementes durch ein anderes Element das ursprüngliche ZeichenZeichen mit derselben BedeutungBedeutung erhalten bleibt oder ob sich dabei ein ZeichenZeichen mit einer anderen BedeutungBedeutung bzw. ein Nicht-ZeichenZeichenNicht--Nicht-Zeichen ergibt (verkürzt wird gesagt: »…, ob die BedeutungBedeutung gleich bleibt oder ob sie sich ändert«). Im ersten Fall liegt Substitution vor, im zweiten Fall Opposition:
Verhältnis zwischen zwei (oder mehr) Elementen, bei dem der AustauschAustausch des einen Elements durch das andere innerhalb derselben UmgebungUmgebung möglich ist, ohne dass sich dabei ein ZeichenZeichen mit anderer BedeutungBedeutung oder ein Nicht-ZeichenZeichenNicht--Nicht-Zeichen ergibt.
Verhältnis zwischen zwei (oder mehr) Elementen, bei dem der AustauschAustausch des einen Elements durch das andere innerhalb derselben UmgebungUmgebung zu einem ZeichenZeichen mit anderer BedeutungBedeutung oder einem Nicht-ZeichenNicht-Zeichen führt.
Erläuterungen und Beispiele zu Nr. 3.2/1 bis Nr. 3.2/6: Wir gehen aus von der AusdrucksseiteAusdrucksseite des ZeichenZeichens ab, mit der FormForm <ab> (Kombination der GraphGraphe <a> und <b>; zu den spitzen Klammern ▶ Nr. 3.2/7), und betrachten die Austauschbarkeit des ersten Elements = des ersten GraphGraphs, <a>; die gleichbleibende UmgebungUmgebung bildet das zweite GraphGraph, <b>. Wenn <a> ersetzt wird durch <A> oder <a> oder <a> oder <a>, ergeben sich <Ab>, <ab>, <ab>, <ab>, also jeweils Ausdrücke mit derselben Bedeutung, d. h. Bedeutunges ergeben sich keine anderen ZeichenZeichen. Dies zeigt, dass <a>, <A>, <a>, <a>, <a> denselben WertWert haben = dass sie einander substituieren = dass sie zueinander nicht in OppositionOpposition stehen = dass sie zu einer Klasse, d. h. zu einem Graphem,Graphem klassifiziert werden können = dass sie AllographAllographe (▶ Nr. 3.2/7) dieses GraphemGraphems (des Graphems «a», vereinfacht notiert: <a>) sind. Wird dagegen eines dieser GraphGraphe beispielsweise durch das GraphGraph <o> ersetzt, ergibt sich der Ausdruck <ob> mit einer anderen Bedeutung als <ab>, <Ab>, <ab>, <ab>, <ab>. Dies zeigt, dass <o> einerseits und <A, a, a, a> andererseits nicht denselben WertWert haben = dass sie einander nicht Substitutionsubstituieren = dass sie zueinander in OppositionOpposition stehen = dass sie nicht zusammen zu einer Klasse, d. h. zu einem Graphem,Graphem klassifiziert werden können, dass <o> (zusammen mit <o>, <o>, <o> usw.) vielmehr einem anderen GraphemGraphem, nämlich dem Graphem «o»Graphem, vereinfacht notiert: <o>, angehört. Entsprechendes gilt für <e> (und <e>, <e>, <e> usw.), nur dass sich beim AustauschAustausch ein Nicht-ZeichenZeichenNicht--Nicht-Zeichen, eb, ergibt (eb ist ein Nicht-ZeichenNicht-Zeichen, weil mit dem AusdruckAusdruck (Zeichen) <eb> im Deutschen keine BedeutungBedeutung verbunden ist).
GraphGraphe, die demselben GraphemGraphem angehören; Graphe, die untereinander im Verhältnis der SubstitutionSubstitution stehen.
das Allograph, des Allographs, die Allographe (Betonung auf -gra(ph)-)
(Die Graphe) <a>, <a>, <a> usw. sind Allographe des GraphemGraphems <a>.
GraphGraphe und AllographAllographe werden in spitzen KlammernKlammerspitzespitze Klammer notiert, GraphemGrapheme in spitzen DoppelklammernDoppelklammerspitzespitze DoppelklammerKlammereinfache spitzeKlammerspitze Doppel-. Zur Vereinfachung werden Grapheme ebenfalls in einfachen spitzen Klammern notiert. Zur Bezeichnung eines GraphemGraphems wird eines der AllographAllographe verwendet, normalerweise das am bequemsten zu schreibende.
Zum Terminus: Der Bestandteil »Allo-« in AllographAllograph (und weiter unten in AllophonAllophon) geht zurück auf griech. állos mit der Bedeutung ‘anders’. Er lässt sich gut verstehen, wenn man sich klarmacht, dass die Realisierung eines GraphemGraphems (besonders, wenn man an HandgeschriebenesSchriftHand-Handschrift denkt) jedes Mal etwas a n d e r s ausfällt – Größe, Form, Linienstärke usw. variieren von Fall zu Fall, dennoch handelt es sich jedes Mal um denselben BuchstabeBuchstaben (»BuchstabeBuchstabe« im Sinn von GraphemGraphem).
Die Unterscheidung GraphGraph – AllographAllograph bezieht sich nicht auf materiell voneinander unterschiedene Gegenstände, sondern ist eine theoretische Unterscheidung hinsichtlich des Aspekts, unter dem ein BuchstabeBuchstabe (im Sinn von BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen) gesehen wird: als BuchstabeBuchstabe vor der Zuordnung zu einem TypTyp: GraphGraph – als BuchstabeBuchstabe, dessen Zuordnung zu einem TypTyp bekannt ist: AllographAllograph. Unter einem GraphemGraphem wird dagegen nicht ein konkret realisierter BuchstabeBuchstabe verstanden; GraphemGraphem steht vielmehr für eine abstrakte Zusammenfassung von vorhandenen und möglichen Realisierungen von BuchstabeBuchstaben, die denselben WertWert haben.
Zum besseren Verständnis der Unterscheidung zwischen GraphGraph, GraphemGraphem und AllographAllograph sind vielleicht die folgenden Überlegungen hilfreich: Wenn ein Kind, das noch nicht lesen und schreiben gelernt hat, BuchstabeBuchstaben aus ihm vorliegenden Texten abmalt/kopiert, produziert es GraphGraphe; ihm ist die Zuordnung der einzelnen BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen zu den unterschiedlichen BuchstabentypBuchstabentypen ja noch nicht bekannt. Es kann also durchaus der Fall eintreten, dass <g> und <g> wegen ihres Formunterschiedes nicht als »gleich« erkannt werden, <p> und <q> aber wegen ihrer Formverwandtschaft für »dasselbe« erklärt werden. Nachdem es einen Schreib-Lese-Lehrgang erfolgreich hinter sich gebracht hat und BuchstabeBuchstaben kopiert oder frei produziert, erzeugt das Kind AllographAllographe – ihm ist ja nun die Zugehörigkeit der einzelnen BuchstabenvorkommenBuchstabenvorkommen zu BuchstabentypBuchstabentypen klargemacht worden, es hat gelernt, von den Formunterschieden zwischen einem handschriftSchriftHand-Handschriftlichen <d> und einem <d> in DruckschriftSchriftDruck-Druckschrift abzusehen usw.
GraphemGrapheme (und PhonemPhoneme als die entsprechenden Einheiten auf der Ebene der PhoniePhonie; ▶ Nr. 4.1/2) sind die kleinsten bedeutungsunterscheidende Einheitbedeutungs- bzw. zeichenunterscheidenden Einheitenzeichenunterscheidende Einheit einer Sprache. Dies lässt sich am besten anhand von MinimalpaarMinimalpaaren demonstrieren:
Zwei ZeichenZeichen (mit unterschiedlichen BedeutungBedeutungen = InhaltInhalten), deren AusdrucksseiteAusdrucksseiten sich nur in e i n e r Einheit unterscheiden.
Beispiel:
Die AusdrucksseiteAusdrucksseiten der bedeutungsverschiedenen ZeichenZeichenab und ob unterscheiden sich darin, dass vor dem Ausdruckselement <b> im einen Fall <a>, im anderen <o> steht. Der Inhaltsunterschied wird also allein von der OppositionOpposition zwischen den GraphemGraphemen <a> und <o> getragen.
MinimalpaarMinimalpaare und Reihen von ihnen (z. B. ab – an – in – im – um) erlauben es, die InventarInventare kleinster zeichenunterscheidender Einheitzeichenunterscheidende Einheiten (= die Gesamtheit der GraphemGrapheme bzw. der PhonemPhoneme) zu ermitteln, und bieten die Möglichkeit, im Zweifelsfall rasch zu prüfen, ob zwei Elemente zu ein und derselben Einheit oder aber zu zwei verschiedenen Einheiten gehören.
Das GrapheminventarInventarInventarGraphem-Inventar der in einer Sprache gebräuchlichen GraphemGrapheme.
Das deutsche AlphabetAlphabet umfasst, je nach Betrachtungsweise, 30 oder 59GraphemGrapheme. 30 Grapheme sind es, wenn die Unterscheidung GroßbuchstabeBuchstabeGroß-Großbuchstabe (= MajuskelMajuskel) – KleinbuchstabeBuchstabeKlein-Kleinbuchstabe (= MinuskelMinuskel) außer Acht gelassen wird (<a> bis <z> plus <ä>, <ö>, <ü>, <ß>); auf 59 kommt man, wenn man die aufgeführten GraphemGrapheme (außer <ß>, das nur als MinuskelMinuskel vorliegt1) jeweils als Paare von MinuskelMinuskel und MajuskelMajuskel betrachtet (<a>, <A>; <b>, <B> usw.), zusammengehörige Minuskeln und Majuskeln also nicht als AllographAllographe ein und desselben GraphemGraphems ansieht. Ein Argument für die zweite Betrachtungs- und Zählweise ist, dass es MinimalpaarMinimalpaare mit MajuskelMajuskel und entsprechender MinuskelMinuskel gibt (<Arm> – <arm>; <Biss> – <biss> … <Zwang> – <zwang>). Dem Gegenargument, die Zahl solcher MinimalpaarMinimalpaare sei äußerst beschränkt, kann das methodische Postulat, das in der Phonemtheorie (s. u.) entwickelt wurde, entgegengehalten werden: »Once a phoneme, always a phoneme« (auf die Graphemtheorie übertragen: »Was aufgrund des Vorliegens auch nur e i n e s MinimalpaarMinimalpaars als (AllographAllograph eines) GraphemGraphem(s) bestimmt worden ist, hat fortan als (AllographAllograph eines) GraphemGraphem(s) zu gelten«). Andererseits ist zu bedenken, dass jedes ansonsten mit Anfangsminuskel geschriebene Wort am Satz- bzw. Textanfang mit MajuskelMajuskel geschrieben werden muss und dieser Wechsel keinen Bedeutungsunterschied beinhaltet, sodass es unter diesem Aspekt angebracht erscheint, MinuskelMinuskeln und entsprechende MajuskelMajuskeln jeweils als stellungsbedingte VarianteVariantestellungsbedingteVarianten, d. h. als AllographAllographe, zu betrachten.
die MajuskelMajuskel/MinuskelMinuskel, der MajuskelMajuskel/MinuskelMinuskel, die Majuskeln/Minuskeln (Betonung auf -jus- bzw. -nus-)graphisch distinktives Merkmal
Graphische Komponenten, in die sich die AllographeAllograph von GraphemenGraphem zerlegen lassen.
Aus den konkreten Realisierungen der GraphemGrapheme, ihren AllographAllographen, lässt sich eine kleine Zahl (nach Althaus 1980, S. 140: zwölf) von graphischen Elementen ermitteln (senkrechter, waagerechter Strich, Bogen, Kreis usw.) (▶ Tabelle 3):
Tabelle 3: graphisch distinktives MerkmalGraphisch distinktive Merkmale (GDM) aus Althaus (1980, S. 140)
Allographe der Grapheme lassen sich verstehen als jeweils spezifische Kombinationen dieser graphischen Elemente in bestimmten Schreibräumen (▶ Tabelle 4):
Tabelle 4: SchreibräumSchreibraume (SR) aus Althaus (1980, S. 140)
Beispiel:
Das AllographAllograph <F> lässt sich wie folgt beschreiben: GDM1 in SR 6 steht vor GDM4 in SR 1; Letzteres steht über GDM4 in SR 2 (in Anlehnung an Althaus 1980, S. 140).
»Distinktivdistinktiv« heißen die in ▶ Tabelle 3 aufgeführten MerkmalMerkmale deshalb, weil auf ihnen die zeichenunterscheidendezeichenunterscheidend (= zeichen-distinktivzeichendistinktive) Funktion (▶ vor Nr. 3.2/8) von GraphemGraphemen/AllographAllographen beruht. Zum Beispiel stehen <d> und <b> nicht als Ganzgestalten in OppositionOpposition zueinander, sondern lediglich aufgrund der MerkmalMerkmale 6 versus 7 aus ▶ Tabelle 3. Das MerkmalMerkmal1 (»senkrechter Strich«) ist ihnen gemeinsam.
Man beachte, dass die bisherigen Ausführungen dieses Abschnitts sich allein auf die Schriftseite beziehen, ohne dass die Beziehung zum Lautlichen, das mit der SchriftSchrift/SchreibungSchreibung verbunden ist, hergestellt wurde. Um diese von der LautungLautung zunächst absehende Betrachtungsweise auch terminologisch zu betonen, spricht man statt vom GraphemGraphem (▶ Nr. 3.2/2) verdeutlichend vom Graphographem:
GraphemGraphem ohne Berücksichtigung seines LautwertWertLaut-Lautwertes.
Dagegen:
Der Begriff des PhonographemPhonographems = des Phonogramms (▶ Nr. 9.3/1) trägt der Tatsache Rechnung, dass GraphemGrapheme oder Kombinationen von ihnen LautwertWertLaut-Lautwerte haben (wobei es gleichgültig ist, mithilfe welcher AllographAllographe die GraphemGrapheme im konkreten Fall realisiert werden – wir können daher im Folgenden von der Ebene der GraphGraphe/AllographAllographe absehen). Das GraphographemGraphographemGraphemGrapho- <a> z. B. hat den LautwertWertLaut-Lautwert /a/ in Wörtern wie ab, an, als, bald; dies wird in phonographemischer Schreibweise so festgehalten: <a /a/> (zwischen den SchrägstrichenSchrägstrich werden PhonemPhoneme notiert; ▶ Nr. 4.1/2). <a> kann aber auch den langen VokalVokal /a</ repräsentieren, z. B. in den Wörtern aber, baden, Grab, Tal, Wal; die Notation für dieses PhonographemGraphemPhono-Phonographem ist: <a /a</> (»das GraphemGraphem <a> als Repräsentant des LautLautes = des PhonemPhonems /a</«). Der VokalVokal /a</ kann auch wiedergegeben werden durch die GraphemkombinationenKombinationGraphem-Graphemkombination <aa> (z. B. Maar, Aal, Saal) und <ah> (z. B. nah, ahnen, Wahl); Notation: <aa /a</> bzw. <ah /a</>. Grapheme, die für PhonemkombinationenKombinationPhonem-Phonemkombination stehen, sind etwa <x> und <z> z. B. in <Axt>: /akst/ bzw. <Arzt>: /artíst/>, GraphemkombinationenKombinationGraphem-Graphemkombination, die für jeweils ein Phonem stehen, sind etwa <ch> und <sch> z. B. in <dich>: /dIx/ ([dIC]), <Dach>: /dax/ ([dax]) bzw. <schwach>: /Svax/.
Näheres über die Zuordnung von Graphemen zu Phonemen in der deutschen OrthographieOrthographie in ▶ Abschnitt 9.3.1.
